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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

448

52. Sitzung vom 20. JuM 1950

Henneberg
Chorvereinigungen sind 78 000 DM in den Etat eingesetzt, davon für den Philharmonischen Chor nur
3000 DM. Ich halte das ebenfalls für sehr wenig, noch
dazu, da der Magistrat in der Etaterläuterung selber
sagt:
Der Philharmonische Chor, 1882 durch Siegfried
Ochs gegründet, gehört zu den b e s t e n gemischten Chören Berlins. Im Hinblick auf seine künstlerischen Erfolge erscheint ein Zuschuß in der veranschlagten Höhe angelbracht.
Also die künstlerische Leistung steht einwandfrei unter
Beweis, und es ist verwunderlich, daß hier nur ein so
geringer Zuschuß bewilligt wird. Es ist bekannt, daß
ein Konzert wahrscheinlich einen Zuschuß von 3000 DM
erfordert. Der Philharmonische Chor wäre also in der
Lage, damit nur ein öffentliches Konzert zu veranstalten, und ich glaube, damit würde dem kulturellen
Bedürfnis Berlins nicht Rechnung getragen sein.
Vorsteher Suhr: Frau Stadtverordnete Lucht!
Stadtv. Frau Lucht-Perske (SPD): Meine Herren
und Damen! Ich brauche nicht besonders zu betonen,
daß der sozialdemokratischen Fraktion das Schicksal
des Philharmonischen Orchesters besonders am Herzen
liegt. Wir würden es ganz besonders begrüßen, wenn
wir einen Dirigenten von Weltgeltung gewinnen würden,
um es auf seiner alten Höhe zu erhalten. Es erscheint
uns aber auch bedenklich, daß die Wirtschaftsführung
nicht immer völlig einwandfrei vielleicht insofern gewesen ist, als die Reisen nach dem Westen größere
Summen verschlungen haben, als es im Augenblick
vertretbar erscheint. Wir sind absolut der Meinung,
daß das Philharmonische Orchester Aufgaben hat,
die weit über die Grenzen Berlins hinausgehen, daß es
dazu da ist, die Verbindung zwischen Berlin und dem
Westen, zwischen Berlin und der ganzen Welt auf der
musikalischen Ebene zu schaffen. Aber es hat sich bei
den Beratungen im Hauptausschuß herausgestellt, daß
ein großer Teil der Kosten dadurch entstanden ist, daß
die Gastspielreisen sehr hohe Zuschüsse erfordert haben
und daß der Westen Deutschlands an den Konzerten des
Philharmonischen Orchesters zwar partizipiert, daß er
aber keine Unkosten trägt. Es erscheint unä deshalb
dringend notwendig, daß hier einmal ein Intendant eingesetzt wird, der die Wirtschaftsgebarung in die Hand
nimmt, und weiterhin, daß im Westen einmal beim
Bunde darauf hingewiesen wird, daß der Westen zwar
die Leistung des Philharmonischen Orchesters genießt,
daß er aber nicht an den finanziellen Leistungen beteiligt ist, und das erscheint uns als das Wesentliche.
(Bravo! bei der SPD.)
Vorsteher Suhr: Weitere Wortmeldungen liegen
nicht vor. Wir kommen zur Abstimmung. Wer dem
Beschluß unter Ziffer 18, Philharmonisches Orchester,
zustimmen will, den bitte ich, das Handzeichen zu
geben. — Das ist die Mehrheit; demzufolge ist so
beschlossen.
Ich rufe die folgenden Nummern auf: 19, Kommunalwissenschaftliches Institut, — 20, soziale Zuwendungen an Studenten. Ich darf über diese beiden
Nummern gemeinsam abstimmen lassen. Wer den
Ziffern 19 und 20 in den Beschlüssen des Hauptausschusses zum Teilplan B — Hauptverwaltung — in
der Drucksache 896 zustimmen will, den bitte ich,
das Handzeichen zu geben. — Das ist mit Mehrheit
beschlossen.
Ich rufe auf Ziffer 21: Koordinierung der Hochschulen, Lehrerausbildungsgesetz. Dazu hat das Wort
der Herr Stadtverordnete Dr. Tiburtius.
Stadtv. Dr. Tiburtius (CDU): Meine Damen und
Herren! Ich möchte nur einiges zu den Erwartungen
sagen, die, glaube ich, auch hier wieder über Fraktionsgrenzen hinaus dem Vorhaben einer Koordinierung der Berliner Hochschulen entgegengebracht
werden. Das ist ein altes Anliegen. Es ist uns jetzt

versprochen worden, daß wir in nicht zu ferner Zeit
hiermit vertraut gemacht werden. Wir sehen aber
augenblicklich wirklich einen doch recht unbefriedigenden Zustand in diesem Verhältnis der Hochschulen
untereinander. Ich kann es nicht sehr fruchtbar finden, daß wir jetzt — einmal schon rein der Bezeichnung nach — zwei Universitäten vor uns haben. Es
gibt von Hause aus nur eine Universitas. Es sollte
eine Technische Universität ebenso wenig geben wie
eine mediziniche oder philosophische.
Aber das ist nicht lediglich eine Begriffsfrage.
Meine Damen und Herren! Wir müssen doch endlieh
dahin kommen, daß die Studenten hier in Berlin, diese
auch für unsere politische Lage so ungemein wichtige
Gruppe unseres jungen Menschennachwuchses, studieren können in richtiger Wahl der Dozenten, der
Seminarien und anderen Lehreinrichtungen an beiden
Hochschulen. Wir haben hier augenblicklich den Zustand, daß wir an der Freien Universität Mangel
leiden an technologischer Anleitung, Mangel leiden an
manchen Apparaturen, die für unsere naturwissenschaftlich-technischen Fächer sehr wichtig wären, die
man an der Technischen Hochschule sehr gut hat.
Kann man da nicht besser zusammenarbeiten?
Ebenso glauben wir, daß es nicht nötig ist, der Technischen Hochschule eine humanistische Fakultät einzuverleiben. Die Lehr- und Lernbedürfnisse, die dort
für Studenten der technischen Fächer zu befriedigen
sind, könnten im wesentlichen an der Freien Universität erfüllt werden.
Wir sehen einen besonders wichtigen Anwendungsfall für das nötige Zusammenarbeiten der beiden
Hochschulen auf dem Gebiete der Erforschung der
Landwirtschaft. Wir können ja keine landwirtschaftliche Hochschule alten Stils bauen ohne Landgüter,
die dem Herrn Stadtrat für die Ernährung leider so
bösartig vorenthalten wenden. Aber was wir können,
ist, ein landwirtschaftliches Institut schaffen, was ja
auch beabsichtigt ist. Aber ich würde es auch da für
einseitig halten, wenn man das der einen oder anderen
Hochschule zuschanzen wollte; sondern hier soll, wie
mir scheinen will, bei der Technischen Hochschule das
Schwergewicht auf der Maschinentechnik, vielleicht
auch auf manchen Gebieten der Bodenkultur und
Bodentechnik liegen, während bei der Freien Universität das Vorhandensein einer großen, gut besetzten
medizinischen Fakultät doch sehr stark dafür spricht,
daß alle dorthin gehörenden Fächer, auch die
Veterinärmedizin und die Zoologie, dort ausgenutzt
werden. Das Schaffen einer veterinärmedizinischen
Fakultät ist geradezu ein hochpolitisches Anliegen,
wie ja allgemein bekannt sein dürfte, um die jungen
Menschen und einen großen Teil ihrer Lehrer, die danach verlangen, jetzt einmal nach Westberlin zu bekommen. Es wäre von äußerster Bedeutung, diesen
Aufbau jetzt vorzunehmen, genau so wie ich glaube,
daß in der Biologie ähnliche nützliche Möglichkeiten
der Arbeitsteilung bestehen. Man sollte nicht an
Schwierigkeiten des Examens scheitern. Man kann
den Studenten doch einen Lehrplan geben, aus dem
sie ersehen, welche Fächer sie zweckmäßig und wo
sie sie hören, und da sollte der Magistrat, Abteilung
Volksbildung, in der Lage sein, eine gemeinsame Prüfungsinstanz über beiden unter staatlich-neutralem
Vorsitz aufzubauen.
Ich habe dann schon einmal über das Thema Pädagogische Hochschule gesprochen und möchte noch einmal sagen: Es scheint mir ein dringendes Anliegen zu
sein, daß wir unserem Lehrernachwuchs die Möglichkeit des Studiums an der Universität geben, daß wir
die jungen heranwachsenden Lehrer — welches späteren Gebietes, Faches, welcher Stufe auch immer —
in geistigen Kontakt auch mit Forscherpersönlichkeiten bringen, daß man ihnen einmal pädagogisch
zeigt, was forschen heißt und was für Lehrerpersönlichkeiten daraus erwachsen. Daß das Anforderungen
auch an den Ausbau der didaktischen Ausbildung,
        
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