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Periodical volume Nr. 38, 26. Januar 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

38. Sitzung vi

26. J a n u a r 1950

39

Kielinger
Dienststelle des Vereinigten Wirtschaftsgebietes. Diese
Stelle konnte mit Ablauf dieses J a h r e s und mit der
E i n r i c h t u n g des Deutschen P a t e n t a m t e s nicht m e h r
arbeiten. U m aber die Funktionen dieser Stelle zu erhalten, habe ich meine Z u s t i m m u n g gegeben, daß in
F o r m einer Zweigstelle des Deutschen Bundespatenta m t e s — a n d e r s konnte es nicht g e m a c h t werden —
eine Annahmestelle für die Berliner Wirtschaft in ihrem
eigenen Interesse eingerichtet w e r d e n soll.
(Zuruf von der S P D : Ohne Magistratsbeschluß!)
— Diese E i n r i c h t u n g ist im Einvernehmen und auch in
vielen U n t e r h a l t u n g e n mit dem H e r r n Oberbürgermeister besprochen worden. Ich habe Gund zu der Ann a h m e gehabt, d a ß alle beteiligten Wirtschaftskreise
und alle beteiligten Magistratskreise damit einverstanden w ä r e n .
(Stadtv. Swolinzky: D a s haben Sie angenommen.)
D a r ü b e r hinaus, meine D a m e n und Herren, darf ich
feststellen, d a ß die Ausfüllung der Zweigstelle in Verhandlungen vorbereitet wird, die j e t z t noch folgen werden. E s k a n n keine Rede davon sein, daß das, w a s jetzt
auf Grund der V e r o r d n u n g des Bundesjustizministers
eingetreten ist, eine endgültige F e s t l e g u n g des S t a t u s
der Berliner Zweigstelle sein wird, sondern die Zweigstelle wird ausgefüllt w e r d e n auf Grund von Verhandlungen, die A n f a n g F e b r u a r der Bundesjustizminister
hier in Berlin auf E i n l a d u n g des H e r r n Oberbürgermeisters führen wird.
Vorsteher S u h r : Meine Damen und H e r r e n ! Ich m u ß
Ihnen mitteilen, d a ß H e r r S t a d t r a t Kielinger auf meinen
persönlichen W u n s c h vorhin darauf verzichtet hat, in
die Debatte einzugreifen, und sich bereit e r k l ä r t hat,
n u r eine persönliche E r k l ä r u n g abzugeben. Ich bitte Sie
daher, j e t z t keine sachliche Debatte über das P a t e n t a m t zu führen, sondern ich möchte den F r a k t i o n e n
empfehlen, gegebenenfalls einen entsprechenden A n t r a g
für die n ä c h s t e Sitzung zu stellen. Ich würde es nicht
für z w e c k m ä ß i g halten, j e t z t im Anschluß a n eine persönliche E r k l ä r u n g in eine sachliche Aussprache einzutreten. Denn sonst k o m m e n wir, glaube ich, in Schwierigkeiten. — Ich darf I h r Einverständnis feststellen.
W i r k o m m e n n u n m e h r zunächst zu dem vorhin überschlagenen P u n k t 17 unserer Tagesordnung, Drucksache 579:
Große Anfrage der Stadtverordneten Neumann,
K r a p p e und der übrigen Mitglieder der F r a k t i o n
der S P D über Einführung tschechischer M a r g a r i n e
in die Westsektoren.
D a s W o r t h a t H e r r S t a d t r a t Fuellsack.
( F r a u Stadtverordnete Dr. Maxsein übernimmt
den Vorsitz.)
S t a d t r a t F u e l l s a c k : Meine Damen und H e r r e n ! Kurz
vor W e i h n a c h t e n w a r e n wir darauf a u f m e r k s a m gem a c h t worden, d a ß auf dem Berliner M a r k t fremdländische M a r g a r i n e verkauft wird, und zwar handelte es
sich um tschechische Margarine. Wir konnten feststellen, d a ß diese tschechische Margarine in den Kleinhandelsgeschäften auf die aufgerufenen Marken abgegeben w u r d e . Dadurch blieb ein erheblicher Teil der
Eigenproduktion Berlins liegen. U m den Marktablauf
und auch die Berliner Produktion zu schützen, haben
wir M a ß n a h m e n getroffen, um festzustellen, woher
diese tschechische M a r g a r i n e gekommen ist. E s ergab
sich, d a ß in dem Ostsektor, und zwar auf dem ehemaligen Vieh- und Schlachthof von der Deutschen Gesellschaft für Ein- und Ausfuhr erhebliche Mengen
Lebensmittel a u s dem Auslande eingelagert worden
sind. Diese Gesellschaft, die im Sowjetsektor gegründet
worden ist und die ihren Sitz in der Friedrichstraße hat,
h a t die Aufgabe, die dort aufgestapelten Lebensmittel
in die Westsektoren gegen W e s t m a r k zu verkaufen.
Nach den Feststellungen, die wir getroffen haben, soll
sich zur Zeit eine g a n z erhebliche Menge von Lebens-

mittein dort befinden, d a r u n t e r auch 6000 t tschechischer Margarine. Von diesen 6000 t sind nach den Ermittlungen meiner Hauptprüfungsstelle, des Gewerbeaußendienstes und der Zollfahndungsstelle bisher ungefähr 300 t durch Agenten im Westsektor abgesetzt
worden. Die Verwaltung des Lagers im Ostsektor geschieht durch Speditionsfirmen, die ihre Geschäftsstellen sowohl im Ostsektor als auch in den Westsektoren haben und die auch die T r a n s p o r t e durchführen. Die T r a n s p o r t e werden an Agenten g e s a n d t
wobei Rechnungen, Quittungen und Lieferscheine nicht
ausgestellt werden. W i r konnten feststellen, d a ß der eine
dieser Agenten ein Kunsthändler und der andere eine
Dame ist, die bei ihren E l t e r n wohnt und angeblich das
Geschäft nebenbei macht. N a c h den Aussagen, die vorliegen, sind insgesamt etwa 300 000 W e s t m a r k in den
Ostsektor abgeflossen. Die Überführung der W e s t m a r k
geschieht so, daß der A g e n t von dem Einzelhandel oder
von dem Großhandel b a r Kasse einzieht und das Geld
dann in der Friedrichstraße wiederum bar Kasse einzahlt.
Wir haben weiter mit g r o ß e r Sorge feststellen
müssen, daß nicht n u r der Kleinhändler, wie das in
Berlin-West augenblicklich üblich ist, solche Rucksackgeschäfte macht, die uns nicht wehe tun, sondern d a ß
auch ein großer Teil von Großhändlern, und z w a r des
Fachgroßhandels, Abnehmer dieser tschechischen Margarine gewesen sind.
(Hört! H ö r t ! bei der SPD.)
D a s ist eine sehr bedauerliche Angelegenheit. Wir bemühen uns, den Abfluß der W e s t m a r k zu verhindern.
Wenn aber Handelskreise dafür sorgen, daß die Westm a r k in großen W e r t e n abfließt, so ist das eine sehr
verhängnisvolle Sache, weil durch die Zufuhr dieser ausländischen Margarine a u s dem Ostsektor unsere Berliner Eigenproduktion langsam, a b e r sicher zum Stillstand k o m m t .
Die gesamte Berliner Industrie h a t in der letzten
Woche in g r o ß e n und langen Denkschriften klargestellt,
daß sie nicht m e h r in der Lage ist, irgendwelche Produktion fortzuführen, daß sie gezwungen ist, in allernächster Zeit ihren Betrieb einzustellen, wodurch die
Arbeiter arbeitslos werden m ü ß t e n . Ich sage das nicht
n u r gegenüber dem Ostsektor, sondern auch gegenüber
Westdeutschland. Wenn wir immer wieder betonen, daß
Berlin arbeiten m u ß , dann soll m a n so freundlich sein,
uns nicht Fertigfabrikate hierherzubringen, die wir in
Berlin selbst herstellen können. Man darf sich auch
nicht etwa der Meinung hingeben, d a ß die Lebensmittelindustrie in Berlin n u r ein kleiner Teil der Gesamtindustrie Berlins sei, d a ß dort n u r wenige Menschen
beschäftigt w ä r e n und daß m a n diese wenigen Menschen, wenn wir dazu kommen müßten, die Lebensmittelindustrie einzustellen, a n a n d e r e r Stelle in der
Gesamtwirtschaft beschäftigen könnte. Das w ä r e n u r
dann ein richtiger und g u t e r Weg, wenn wir auch n u r
den leisesten Ansatz dazu finden könnten, den freiwerdenden Menschen sofort einen anderen Arbeitsplatz
zu geben. Solange d a s aber nicht möglich ist, bin ich
grundsätzlich der Meinung, d a ß alles getan werden
m u ß , um zu verhüten, d a ß aus dem Ostsektor über
West-Berliner Großhändler und A g e n t e n Butter, Margarine oder sonstige F e r t i g f a b r i k a t e nach West-Berlin
gebracht werden und damit die Arbeitslosigkeit in Berlin noch v e r g r ö ß e r t wird.
Stellv. Vorsteher F r a u Dr. Maxsein: Ich stelle die
Antwort des M a g i s t r a t s zur Aussprache. D a s W o r t hat
F r a u J e a n e t t e Wolff.

Stadtv. F r a u J e a n e t t e Wolff ( S P D ) : Meine sehr verehrten H e r r e n und Damen! W ä h r e n d wir uns bemühen,
die Arbeitslosigkeit in Berlin zu bekämpfen, während
wir seit J a h r e n den Kampf um die Freiheit Berlins mit
einem unerbittlichen Gegner führen, gibt es in Berlin
Kreise, die vergessen, was sie der Berliner Bevölkerung
schuldig sind. Sie durchbrechen mit ihren Profitgeschäften die F r o n t der Freiheit und bringen das gute
        
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