Path:
Periodical volume Nr. 49, 15. Juni 1950, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

858

49. Sitzung vom 15. Juni 1950

Ganeval
Haltung und beweist durch ihre unablässigen Bemühungen ihr Vertrauen auf ihr Schicksal! Sie weiß,
daß ihre Landsleute in Westdeutschland von dem
gleichen Vertrauen beseelt sind, und daß sie in diesem
Geiste alle Opfer auf sich nehmen werden, die notwendig sind, um Berlin zu unterstützen.
(Anhaltender starker Beifall.)
Vorsteher Suhr: Herr General! Ich darf Ihnen im
Namen der Versammlung danken, daß auch Sie sich
der Mühe unterzogen haben, deutsch zu sprechen.
(Beifall.)
Ich habe fast den Eindruck, als wenn Deutsch nunmehr
eine anerkannte Sprache im Austausch der Beziehungen
dieser Welt geworden wäre.
(Heiterer Beifall.)
Ich darf auch feststellen, Herr General, daß Sie neben
Herrn General Robertson wohl mit zu den ältesten
Berlinern der Alliierten gehören. Wir freuen uns deshalb besonders, Sie in unserer Mitte zu sehen, • und ich
glaube, wir sehen alle in der Anwesenheit der Hohen
Kommissare und der Herren Kommandanten ein Beispiel dafür, wie freundschaftliche, nachbarliche Zusammenarbeit der Völker auf einem kleinen Platze
möglich ist und zum Symbol der Zusammenarbeit im
Großen werden möge.
(Lebhafter Beifall.)
Ich bitte nunmehr den Herrn Oberbürgermeister,
das Wort zu seiner Erklärung zu nehmen.

dition weder verzichten können noch wollen, müssen
wir uns doch entschlossen neuen und größeren Aufgaben zuwenden, deren Lösung die dringende Not der
Zeit gebieterisch von uns allen erheischt.
(Beifall.)
Hier in Berlin haben wir einen jahrelangen Anschauungsunterricht dafür bekommen, worin diese Aufgaben
bestehen. Seitdem in den Juli-Tagen 1914 mit einem
unverantwortlichen Leichtsinn die friedliche Entwicklung des 19. Jahrhunderts zerstört wurde, ist die Welt
noch nicht wieder zur Ruhe gekommen. Die Bequemlichkeit, mit der die Völker nach dem ersten kleinen Weltkrieg sich der Illusion hingegeben haben, es könne ein
Zurück zu den alten, schönen Zeiten geben, haben wir
mit der Tatsache des zweiten Weltkrieges teuer bezahlen müssen. Wir sind in den Jahren nach 1945 deutlich
gewarnt worden, und wir wissen heute, daß die Aufgabe,
den Frieden zu gestalten und ihn zu sichern, noch nicht
gelöst ist.
Die Wunden, die unserer Stadt geschlagen sind, der
Riß, der mitten durch sie hindurch geht, sind ein Symbol dafür, daß die ganze Welt noch zerrissen ist und
daß der Weg zum Frieden noch nicht gefunden wurde.
In gemeinsamer Arbeit haben wir hier die Erkenntnis
errungen, daß man den Kräften der Finsternis, daß
man dem satanischen Drang, die ganze Welt unter ein
einheitliches Sklavenjoch zu beugen, nur mit Festigkeit
und Entschlossenheit entgegentreten kann. Wir haben
aber auch gelernt, daß Festigkeit und Entschlossenheit
zum Erfolg führen.

Sie, Herr General Robertson, sind einer der Männer,
Oberbürgermeister Beuter: Herr Stadtverordneten- denen wir Berliner dafür zu danken haben, daß unsere
vorsteher! Exzellenz General Robertson! Meine Herren
Freiheit bewahrt blieb, und das werden wir Ihnen nie
Hohen Kommissare! Meine Herren Generäle! Meine vergessen.
Damen und Herren! Wenn wir uns heute hier, Herr
(Beifall.)
Gerneral Robertson, an dieser Stelle in der Sitzung der
Aber es blieb durch die Hilfe, die Sie und mit Ihnen das
Berliner Stadtverordnetenversammlung unter Beteilienglische Volk gemeinsam mit den anderen Verbündeten
gung der Mitglieder des Magistrats und der gesamten
uns in den schweren Monaten der Blockade geleistet
Berliner öffentlichkeit von Ihnen verabschieden, so ist
unsere erste Pflicht, Ihnen für Ihre Haltung und für haben, nicht nur die Freiheit der 2 Millionen Bewohner
dieser kleinen Stadt bewahrt, es blieb auch der Friede
Ihre Arbeit, die Sie zunächst in Ihrer Eigenschaft als
der Welt gesichert. Wenn wir damals in den Juni-Tagen
kommandierender General der britischen Besatzungs1948 in die Knie gegangen wären oder wenn wir nicht
kräfte und dann seit der Gründung der Deutschen
Ihre Hilfe gefunden hätten, dann wäre mehr verloren
Bundesrepublik als Hoher britischer Kommissar gegegangen als nur die Freiheit dieser Stadt. Das ganze
leistet haben, zu danken.
europäische Gebäude wäre ins Wanken geraten. Die Be(Beifall.)
gründung der Bundesrepublik Deutschland, die allmähDiejenigen unter uns, die die Ehre gehabt haben, mit
liche Konsolidierung und Aufwärtsentwicklung der
Ihnen des öfteren in persönliche Berührung zu kommen, westdeutschen und europäischen Wirtschaft mit der
wissen, daß uns in Ihnen ein Mann gegenüberstand, Hilfe des Marshall-Plans, die Wiedergewinnung einer
der alles, was wir zu sagen hatten, der unsere Wünsche, Hoffnung für eine bessere Zukunft, all das wäre nicht
unsere Forderungen und unsere sachlichen Darlegungen
möglich gewesen.
stets mit offenem Verständnis angehört und entgegen(Sehr wahr!)
genommen hat. Sie haben niemals verleugnet, daß
So aber ist es mit Ihrer Hilfe möglich gewesen, die
Sie der Vertreter und der Beauftragte Ihres Landes
Blockade zu beenden und den Weg ins Freie, den Weg
und Ihrer Regierung sind, aber Sie haben ebenso stets
zu einem endlichen neuen Aufbau in dieser Stadt zu
deutlich zu erkennen gegeben, daß Sie entschlossen
beschreiten.
und gewillt waren, unserem eigenen Volke und unserem
Lande mit offenem Verständnis gegenüberzutreten,
Wir wissen alle, daß der Friede der Welt und der
alles, was wir zu sagen hatten, anzuhören, und daß Sie friedliche Aufbauwille der Völker heute nur noch dabereit waren, uns zu helfen, wo immer Sie konnten. In
durch bedroht wird, daß die Furcht vor einem neuen
dieser Zusammenarbeit ist, wie ich glaube sagen zu
Angriff, die Furcht vor der Überflutung durch ein
dürfen, ein Vertrauensverhältniis entstanden, von dem
System der Tyrannei, der Konzentrationslager und der
ich hoffe, daß es andauern und für das vertrauens- totalitären Vernichtung jeder persönlichen Freiheit die
volle Zusammenarbeiten unserer Völker auch in ZuVölker in Atem hält. Hier in Berlin wird diese Spankunft Früchte tragen wird.
nung, wird dieser Druck, der die ganze Welt überNach den furchtbaren Katastrophen, die wir in der schattet, am stärksten empfunden. Wir sind am meisten
davon durchdrungen, daß alles getan werden muß, um
ganzen Welt erlebt haben, haben wir eines nur zu gut
begriffen: die Zukunft der Welt beruht nicht so sehr diese Gefahren zu bannen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen, durch Zusammenhalten, durch Zusammenauf Verträgen und Friedensschlüssen, auf rechtlichen
stehen, durch ständige Koordinierung unserer gemeinVereinbarungen und mehr oder minder korrekten Besamen Bemühungen kann diese Aufgabe gelöst werden.
ziehungen, die Zukunft der Welt beruht vielmehr darauf, daß die Völker durch gemeinsame Erlebnisse und
Ihr Fortgang, Herr General, gibt uns die gewünscnte
Erfahrungen zusammenwachsen und daß sie die GeGelegenheit, uns auf den Weg zu besinnen, den wir
meinsamkeit ihrer Aufgaben erkennen. Die Welt ist
zurückgelegt haben, und an die Zukunft zu denken, die
viel zu klein geworden, um den überholten Provinzialisvor uns liegt. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, daß
mus der im 19. Jahrhundert entstandenen National- bei gutem Willen, bei Festigkeit in der eigenen Überstaaten noch lange ertragen zu können. Wenngleich
zeugung, hei Aufrichtigkeit in der Darlegung der eigewir auf die großen Werte nationaler Kultur und Tranen Wünsche ein gutes Zusammenarbeiten zwischen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.