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Periodical volume Nr. 46, 16. Mai 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

46. Sitzung vom 16. Mai 1950

'299

Ronge
uns ü b e r das Ziel einig sind, m ü s s e n w i r den V e r s u c h
machen, n u n einmal jenseits aller parteipolitischen
R e s s e n t i m e n t s zu dem E r g e b n i s z u gelangen, d a s
ein vernünftiges und ordentliches R i c h t e r w a h l g e s e t z
schaffen wird.
(Beifall auf der r e c h t e n Seite.)
Vorsteher
Kielinger.

Suhr:

Das

Wort

hat

Herr

Stadtrat

S t a d t r a t Dr. Ritslinger: Meine D a m e n und H e r r e n !
Ich m ö c h t e die sachliche D e b a t t e nicht vertiefen. Ich
h a l t e mich n u r für verpflichtet, i m I n t e r e s s e der a n gegriffenen R i c h t e r hier eine k u r z e F e s t s t e l l u n g zu
treffen.
Der P e r s o n a l s a c h b e a r b e i t e r , der in meiner Abteilung t ä t i g ist, H e r r L a n d g e r i c h t s d i r e k t o r Vogel, g e h ö r t
zu den 68 Richtern, die auf G r u n d einer Order der
Alliierten K o m m a n d a n t u r vom 17. 3. 1948 sieh haben
entnazifizieren lassen müssen. I c h darf dazu feststellen, d a ß H e r r L a n d g e r i c h t s d i r e k t o r Vogel von der
E n t n a z i f i z i e r u n g s a n o r d n u n g BK/O 46/101 a w e d e r in
der alten noch in der neuen P a s s u n g betroffen ist.
E r h a t sich d e m Entnazifizierungsverfahren lediglich
deshalb unterziehen müssen, weil die Alliierte K o m m a n d a n t u r diese Order vom 17. 3. 1948 auf Verlangen
der sowjetischen B e s a t z u m g s m a c h t
erlassen
hat.
Vielleicht h a b e n die W e s t m ä c h t e d a m a l s nicht e r k a n n t ,
daß d u r c h die A u s l i e f e r u n g dieser 68 Richter a n den
— ich darf wohl s a g e n — sowjethörigen damaligen
Vorsitzenden der Kommission dem B e r u f s r i c h t e r t u m
ein s c h w e r e r Schlag versetzt w e r d e n sollte. D a ß er
politisch nicht belastet ist, geht a u s der Order selbst
hervor.
Als B e l a s t u n g ist n ä m l i c h n i c h t e t w a die
Zugehörigkeit z u einer Organisation oder eine T ä t i g keit a n g e g e b e n worden, die in d e r BK/O a n g e f ü h r t
sind, s o n d e r n es ist lediglich der § 12 A der Direktive
angeführt w o r d e n , der ein nicht n ä h e r b e k a n n t e s
H a n d b u c h für Gerichtsoffiziere u n d Gefängnisoffiziere
betrifft.
Die Alliierte K o m m a n d a n t u r h a t für alle
Richter, bei denen m a n k e i n e spezielle B e l a s t u n g h a t
feststellen können, aus V e r l e g e n h e i t s a u s w e g diese vorg e n a n n t e B e s t i m m u n g zitiert.
Ähnlich liegt der F a l l bei den übrigen 68 Richtern.
F a s t alle diese 68 R i c h t e r sind politisch völlig unbelastet.
Vorsteher Suhr: D a s W o r t hat F r a u J e a n e t t e Wolff.
S t a d t v . Frau J e a n e t t e Wolff ( S P D ) : Meine sehr verehrten H e r r e n und D a m e n ! N a c h den E r k l ä r u n g e n des
H e r r n S t a d t r a t s bezüglich des H e r r n Dr. Vogel m ü ß t e n
wir n u n eigentlich ü b e r die Dinge voll und ganz
schweigen, da H e r r Dr. Kielinger erklärte, im Sinne
von 101 a sei H e r r Dr. Vogel nicht belastet. D a s
können wir vielleicht als w a h r annehmen, a b e r ich h ä t t e
dagegen eine a n d e r e F r a g e zu stellen: W o w a r H e r r
Dr. Vogel in der Nazizeit, und w a s h a t er bis zuletzt
g e t a n ? H a t er sein R i c h t e r a m t a u s g e ü b t ? I s t er befördert w o r d e n wie jeder a n d e r e ? D a s müssen wir bejahen, denn d a s s t e h t fest. D a n n h a t er d a s getan,
was w i r bei j e d e m a n d e r e n verurteilen. E r h a t zu
Unrecht geschwiegen und ist deshalb genau so schuldig
wie jeder a n d e r e . Denn derjenige, der in der Nazizeit
bis zuletzt ein hohes R i c h t e r a m t a u s g e ü b t h a t oder
m a ß g e b e n d in die Maschinerie der Justiz eingebaut
war, h a t sich a n den Vergehen und Verbrechen des
Dritten Reiches m i t schuldig g e m a c h t .
(Zustimmung.)
Zu dem, w a s m a n über die Kommission in Lichterfelde s a g t e , von der H e r r Dr. Vogel als nicht betroffen
und als schuldlos hingestellt wurde, möchte ich n u r
eins bemerken. D e r Vorsitzende der damaligen Berufungskommission in Lichterfelde w a r H e r r Hase. Der
Betreffende w u r d e a u s seinem A m t e von der A m e r i k a nischen M i l i t ä r r e g i e r u n g herausgenommen, weil er seine
Geschäfte in einer F o r m geführt hat, die ihn nahe a m
Gefängnis vorbei b r a c h t e . D a s möchte ich dazu a u s der
Kenntnis der Dinge h e r a u s sagen.

Dem H e r r n Diskussionsredner, der über die F r a g e
der Richter gesprochen hat, möchte ich z u g u t e halten,
d a ß er in der Arbeit noch sehr j u n g ist. J u g e n d ist
sonst ein g r o ß e r Vorteil. Aber w e r b e w u ß t die Weim a r e r Zeit erlebt hat, h a t feststellen können, mit
welcher inneren Ablehnung ein g r o ß e r Teil der Richter
d e m demokratischen S t a a t e g e g e n ü b e r s t a n d , weil in
diesem S t a a t e auch Menschen a u s der Arbeiterschaft
m i t w i r k t e n . Das w i d e r s p r a c h dem A l t h e r r e n s t a n d p u n k t
und dem C l u b s t a n d p u n k t dieser K a t e g o r i e von Berufen.
Wir haben zumindest erwartet, d a ß w i r a u s den zwölf
Jahren, in denen sich der R i c h t e r s t a n d z u m g r o ß e n Teil
so diffamierend benommen hat, e t w a s gelernt h ä t t e n .
Wir h ä t t e n lernen müssen, d a ß der Richter keine
parteipolitische Persönlichkeit ist und auch nicht p a r t e i politisch gebunden sein soll. Aber eins müssen wir von
ihm verlangen: daß er politisch sein A m t im Sinne der
D e m o k r a t i e ausübt. Dafür haben wir die V e r a n t wortung.
Wir sind auch der Ansicht, d a ß wir das Richterproblem nicht trennen können von den allgemeinen
Problemen, die ein neu aufwachsendes demokratisches
Staatsleben vor sich h a t . Deshalb geht es a u c h nicht,
verehrter Kollege Ronge, d a s m i t ein p a a r Sprüchen
von Goethe oder sonst irgend j e m a n d abzutun.
(Lachen auf der rechten Seite.)
— N u n ja, ich meine, von sonst einem Dichter. Dichter
sind etwas Wunderbares, und niemand hat m e h r das
Wort Goethes bezüglich der Freiheit b e w u n d e r t und
a n g e w a n d t als ich, weil Freiheit das allerhöchste
Gut ist.
W i r wollen also keine Richter, die noch in der alten
Altherrenbindung gefesselt sind. W i r wollen Richter,
die im demokratischen S t a a t s w e s e n der S t a a t s f o r m
entsprechend Recht sprechen. Deshalb w a r es g a r nicht
angebracht, von Richtern zu reden, die sozialdemokratisch sein m ü ß t e n . D a s trifft uns nicht. Ich w ü n s c h t e
nur, w i r h ä t t e n einen g r o ß e n Teil Menschen mehr,
denen es vergönnt gewesen wäre, s t a t t d a ß sie sich
zwölf J a h r e lang u n t e r dem Knüppel der N a z i s bücken
und z u g r u n d e gehen m u ß t e n , heute als Richter eingestellt werden zu können, mit dem w a h r h a f t d e m o k r a tischen Bewußtsein, das s i e a u s der Sozialdemokratie
mitgebracht haben. Ich möchte ferner s a g e n : wenn
das W o r t gefallen ist vom richtigen Menschen a m richtigen Platz, dann sind wir der Ansicht, d a ß wohl der
richtige Mensch a n den richtigen P l a t z gehört, aber
maßgebend müssen Charakter, Anständigkeit, saubere
Gesinnung und Bejahung des demokratischen S t a a t e s
sein, und w e r das nicht mitbringt, der h a t in der
heutigen Zeit keinen Platz.
W i r wollen nicht auf die Verhältnisse zurückgreifen,
wie sie in der W e i m a r e r Zeit gewesen sind, wo die
Richter bewußt das demokratische S t a a t s g e f ü g e m i t
vernichtet haben. Wir sind aber der Meinung, d a ß es
endlich an der Zeit ist, d a ß wir uns hier in Berlin auf
eins besinnen: wir hier in Berlin sind die Quelle der
Demokratie für den Westen. W a s im W e s t e n a n entb r ä u n t e n und n i c h t e n t b r ä u n t e n J u r i s t e n i m Sattel und
in den Verwaltungen sitzt, geht auf keine K u h h a u t .
E s gibt auch u n t e r den bürgerlichen Parteien, auch hier
im Hause, m e h r e r e Abgeordnete, die mit m i r auf demselben S t a n d p u n k t stehen. Ich habe in diesen Tagen
in Bonn mit einem I h r e r H e r r e n gesprochen, H e r r Dr.
Ronge, der entgeistert d a r ü b e r ist, wie durchsetzt die
J u s t i z mit Nationalsozialisten ist. E s ist so weit, d a ß
sich der H a u s j u r i s t von Dr. Goebbels bereits wieder um
einen hohen P o s t e n in der V e r w a l t u n g bewirbt. Zugelassen ist er, und es ist n u r eine F r a g e der Zeit, w a n n
er eintreten wird.
Ich möchte Ihnen n u r eins sagen, g e r a d e dem jungen
Kollegen, der eben gesprochen h a t — d e m jungen
Kollegen von der S t a d t v e r o r d n e t e n - F a k u l t ä t , nicht
etwa Juristen, denn ich bin keiner, leider nicht, sonst
k ö n n t e ich vielleicht die A n t w o r t noch etwas präzisierter geben —, ich möchte g e r a d e Sie davor warnen,
in diesem Sinne den Einfluß der Stadtverordnetenvers a m m l u n g , also des gewählten P a r l a m e n t s , a u ß e r Kraft
        
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