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Periodical volume Nr. 45, 4. Mai 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

48. Sitzung vom 4. Mal 1950

257

Grigoleit
Was soll man dazu sagen, wenn auch heute noch das
Hauptschalamt empfiehlt, daß bei der Einrichtung des
Kursunterrichtes, in dem also die zweite Fremdsprache:
Französisch, Russisch oder auch Latein, gewählt werden kann, diese Kurse auf keinen Fall in einer Oberschule stattfinden dürfen? Wo werden denn jetzt
Räume frei? — Nun, durch den dauernden Abbau in
den Oberschulen! Aber da sollen die Kurse nicht
stattfinden, damit ja nicht der Eindruck entsteht, daß
die Schüler, die sich jetzt zum Lateinkurs gemeldet
haben, damit gewissermaßen schon ihren Übergang zur
Oberstufe oder zum wissenschaftlichen Zweig angemeldet hätten.
Das gleiche gilt für Physik, Chemie und die andern
naturwissenschaftlichen Kurse. Wo können sie stattfinden? — Nur da, wo die technischen Möglichkeiten
vorhanden sind: Laboratorien, Physik-, Chemie- und
Biologie-Säle! Wo haben wir die? — Nur in den Gebäuden unserer Oberschulen, und trotzdem heißt es:
nein, da gerade nicht!
Wenn wir nun die bescheidenen Mittel, die wir jetzt
zur Ergänzung haben, nach dem Willen des Hauptschulamtes auf alle bisherigen Volksschulen verteilen
wollen, möglichst so — das Ist die Ideallösung des
Hauptschulamtes —, daß an jeder Schule die Kurse
eingerichtet werden können, so ist das eine Streuung
von Mitteln, die man als Vergeudung öffentlicher Mittel
betrachten muß.
Ich möchte klar zum Ausdruck bringen, daß die
Freie Demokratische Partei mit ernster Sorge diese
Entwicklung verfolgt. Wir erwarten, daß die Zusicherung, die auch aus den Worten des Herrn Stadtrats vorhin zu entnehmen war, durchgeführt wird, daß
nämlich mit dem 7. Schuljahr eine echte Differenzierung einsetzt. Das entspricht auch dem Willen dieses
Hauses und den Zusicherungen, die man uns bei der
Annahme des Schulgesetzes gemacht hat, und davon
werden wir unsere zukünftige Stellung abhängig
machen. Wir wollen keinen weiteren Abbau der Oberund Mittelschule, sondern wir wollen, daß man die
7. Klassen offenhält, damit sie die befähigten, begabten
und interessierten Schüler aufnehmen, die ja nun frei
von allen sozialen und anderen Rücksichten, von dem
Geldbeutel der Eltern bei Schulgeldfreiheit, Lernmittelfreiheit und Erziehungsbeihilfen wirklich ein Anrecht
haben, daß ihnen die Bildungswege eröffnet werden, die
früher vielleicht nur einer bevorzugten Schicht vorbehalten waren.
(Beifall bei der FDP.)
Vorsteher Suhr: Das Wort hat Herr Stadtverordneter
Dumstrey.
Stadtv. Dumstrey (CDU): Meine Damen und Herren!
Nach den eingehenden Ausführungen des Kollegen
Grigoleit kann ich mich auf einige Unterstreichungen
beschränken. Wir haben ja die Stellung der ChristlichDemokratischen Union in einer Reihe von Anträgen
klar zum Ausdruck gebracht, die wir hier vor etwa
sechs Wochen behandelt haben, und wir hätten uns
gefreut, wenn die FDP diesen Anträgen zugestimmt
hätte; denn dann wäre ein klares Bekenntnis herausgekommen
(Zuruf von der FDP)
gerade zu der Frage, die jetzt hier von dem Kollegen
Grigoleit aufgeworfen worden ist, nämlich eine sechsjährige Grundstufe zu haben und darauf dann den
weiteren Aufbau zu vollziehen.
Es ist schon richtig, daß Herr Wildangel hier zitiert
worden ist, der mit seinen Freunden nur eine Aufgabe
kannte, die er häufig unumwunden ausgesprochen hat:
die höhere Schule muß zerschlagen werden. Wir
müssen nun darüber wachen, daß mit dieser Absicht
nicht die höhere Bildung zerschlagen wird. Aus diesem
Grunde hatten wir den Antrag gestellt, der erfreulicherweise jetzt durch die Anfrage der FDP noch einmal
aufgegriffen worden ist.

Es ist auch richtig, daß sich zunächst alle Pädagogen
aller politischen Lager darüber klar waren: wir machen
einen sechsjährigen Grundbau, und Herr Kollege
Grigoleit hat mit Recht auf den zweiten, verbesserten
Entwurf des damaligen Stadtrats Dr. Nestriepke verwiesen, in dem das auch festgelegt wurde. Urplötzlich
waren diese Auffassungen zunichte, und man kam mit
der achtjährigen Grundstufe, um eben eine Mehrheit
zu sichern. Es ist immer ein zweifelhaftes Unterfangen, Mehrheiten zu erjagen, um ja ein Gesetz unter
Dach und Fach zu bringen, anstatt ein solches Gesetz
nach grundsätzlichen Erwägungen der Fachleute zwar
etwas langsamer, aber darum um so sicherer reifen
zu lassen. Wir wären froh, wenn das Schulgesetz,
nachdem es verkündet worden ist, aus der Brandung
der Meinungen herausgekommen wäre, aber durch
diese Dinge ist das eben unmöglich gewesen.
Ich betone ausdrücklich, daß dann trotz der Abänderungen die Besprechungen über die Fraktionsgrenzen
hinausgingen. Wollen wir das schon zugestehen. Das
war im Stadium, wo man eben noch die Mehrheit
sichern wollte. Denn in der Praxis wird es so kommen,
wie es ja auch das Schulgesetz von heute deutlich
werden läßt. Die entscheidende Zäsur liegt nach dem
6. Schuljahr. Herr Stadtrat May hat in einer Erklärung,
auf die wir in der Schuldebatte vor sechs Wochen
durch den Stadtverordneten Landsberg aufmerksam
gemacht worden sind, deutlich diese klar erkennbare
Scheidung innerhalb des Schulgesetzes zum Ausdruck
gebracht, und wir dürfen uns wohl der Erwartung hingeben, daß diese Meinung für die praktische Durchführung mit dem kommenden Schuljahr in Berlin ihren
Niederschlag finden wird. Denn es wird ja um eins
gehen: sich nicht stur an irgendeinen Buchstaben zu
halten, sondern ein Gesetz mit Geist zu erfüllen, und
wenn das Schulgesetz nun mal draußen in der Erörterung immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt wird, es
bestände die^ Gefahr oder die Tatsache, das Niveau sei
gesunken oder würde weiter sinken, dann haben wir
allen Grund, alle Kräfte zusammenzufassen, um wirklich zu versuchen, was durchaus möglich ist, über eine
vernünftige Organisierung der siebenten Klassen das
Niveau zu heben, indem wir die Zusammenfassung an
einzelnen Orten vornehmen, wo die Einrichtungen
vorhanden sind und wo auch die Lehrkräfte so angesetzt werden, daß sie an Ort und Stelle der Hebung
des Bildungsniveaus in Berlin dienen können.
(Bravo!)
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Weigelt!
Stadtv. WeigeHt (SPD): Meine sehr verehrten Damen
und Herren! Es war uns bei dieser Anfrage klar, daß
sie nicht eine Antwort auf die hier in Frage gestellten
Dinge bezweckte, sondern daß eine Schuldebatte fortgesetzt werden sollte, nachdem seinerzeit die Anträge
der CDU abgelehnt worden waren. Lassen Sie mich
einmal etwas genauer die Anfrage beantworten, und ich
glaube, das Hohe Haus wird mit einigem Schmunzeln
quittieren.
Zuerst ist hier angefragt worden, warum das Vorwort,
das zu einem früheren Termin im alten Hauptschulamt
mit dem Schulgesetz herausgegeben worden war, jetzt
erneut von Westberlin ausgegeben wurde. Herr Stadtrat
May hat bereits gesagt: es war ein Versehen im Hauptschulamt. Der Herr Stadtverordnete Grigoleit stellt
fest: das scheint symptomatisch zu sein. Ich darf daran
erinnern, daß dieses Vorwort seinerzeit von einem Ausschuß erarbeitet wurde, dem der Herr Stadtverordnete
Grigoleit angehört hat.
(Stadtv. Grigoleit: Nein!)
— Das ist mir berichtet worden.
(Stadtv. Grigoleit: Das war ein Ausschuß der „fortschrittlichen Kräfte"; dazu gehöre ich nicht! — .
Heiterkeit. — Beifall bei der FDP.)
— Ich führe als Kronzeugen für diese Angabe den Vorredner an, der nicht meiner Partei angehört.
        
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