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Periodical volume Nr. 44, 20. April 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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44. Sitzung vom 20. April 1950

Klingelhöfer
In diesem Punkt glaubt sich der Magistrat schuldlos. Er gibt davon Kenntnis. Allerdings steht fest:
erst am heutigen Tage konnte der zweite Zwischenbescheid gedruckt werden.
Vorsteher Suhr: Wird ein Antrag auf Aussprache
gestellt? — Herr Stadtverordneter Dr. Tiburtlus hat
das Wort.
Stadtv. Dr. Titourtius (CDU): Meine Damen und
Herren! Die Fraktion der Christlich-Demokratischen
Union erklärt mit allem Ernst und Nachdruck, daß sie
selbstverständlich, alles von sich weisen muß, was
irgendwie geeignet sein könnte, Krieg oder an Krieg
ge.nahnende Symbole, Geräte und was es sonst sein
mag zum. Gegenstand des Spielzeugs, zum Gegenstand
einer Beschäftigung von Kindern damit zu machen.
Nach Dingen, mit denen ein Kind spielt, pflegt es sich
ja zu sehnen, es träumt von ihrer Verwirklichung. Wir
wollen Sehnsucht und Träum« unserer Kinder ganz
bes-immt nicht in diese furchtbare Richtung eines Krieges lenken. Es ist ein grauenhafter Anachronismus,
sich vorzustellen, daß wir in der Zeit der Atombomben
und ähnlicher Kriegsjeräte heute noch hier und da
Spielzeug sehen, das den Eindruck erweckt, als hätten
wir 1870 oder 1813 oder was einem sonst an historischen
Vergleichen dabei in den Sinn kommt.
Wir müssen uns mit diesen Fragen sehr ernst beschäftigen, denn wenn man sich unter Kindern umsieht,
ist nicht zu leugnen, daß heute noch aus keineswegs
bösartigen und gar nicht gewalttätigen Gedankengängen heraus sich allerhand Revolver und mancher
andere Unfug in Kinderhänden befindet. Wenn es auch
harmlose Revolver sind, so sind es doch unerfreuliche
Symbole.
Es wäre auch zu überlegen, ob die Besatzungsmächte
unsere Bemühungen in dieser Richtung nicht etwas
mehr und wirksamer dadurch unterstützen könnten,
daß auch sie die Grenze zwischen dem furchtbaren
Ernst eines Kriegsgeräts und den mehr zum Spiel hinneigenden Formen militärischen Gebarens noch etwas
schärfer und deutlicher ziehen könnten.
Bei Büchern ist es vielleicht noch ernster und schwerer. Auch hier erleben wir, daß lange nicht immer die
klare Grenze gezogen ist in der Behandlung des Krieges
zwischen der Anerkennung vielleicht sogar gerechter
Gründe und Elemente eines echten Befreiungs- oder
eines echten Abwehrkrieges auf der einen Seite und dem
Furchtbaren das jeder, auch der aus edelsten Motiven
unternommene Krieg für alle Beteiligten nun einmal
bedeuten muß. Wir haben diese Grenze auch in der Behandlung so großer Probleme wie der Kolonisation des
Ostens in einer sehr ansehnlichen Literatur keineswegs
mit der nötigen erzieherischen und wünschenswerten
Deutlichkeit gezogen gesehen.
Darum verstehen wir durchaus die Sorge auch um
die Literatur dieser Dinge, und wir möchten, daß manches Staatsoberhaupt und auch mancher Staatsmann
sein« Bemühungen um Kulturausbreitung in der Literatur ausführlicher und gerechter bestätigt sehen würde
als seine Verdienste auf kriegerischem Gebiet; wie wir
hoffentlich auch nie wieder solche Staatsmänner sehen
werden, denen man zur Erhöhung der Wirksamkeit
ihres Auftretens kriegerische und militärische Uniformen und militärische Dienstgrade glaubte anziehen und
verleihen izu müssen.
Aber alles das sind schwere Fragen der Erziehung,
der Einsicht. Mit Verboten ist hier wirklich nichts Entscheidendes, jedenfalls nichts Genügendes auszurichten.
(Sehr richtig!)
Es scheint uns eine recht äußerliche mechanische
Methode zu sein, hier mit Verboten heranzugehen, die
immer wieder das Bemühen vielleicht von Wirtschaftskreisen auslösen werden, nach Umgehungen zu suchen,
Umgehungen zu erfinden, bis wir dann einen schwarzen
Markt in diesen Gegenständen erleben, nacndem wir
diese G2genstände erst recht ausführlich und mit guter
Paragraphenfolge verboten haben würden. Das scheint

uns ein nicht sehr glücklicher Weg. Wir müssen also
sehr viel tiefer hineindringen, müssen auch zu Klarheiten darüber kommen: was ist denn eigentlich ein
militärisches Spielzeug? Wie weit will man da gehen?
Sind vielleicht z.B. auch Pfeil und Bogen gemeint, die
dem Schützen dichterisch nachgesagt werden? Sind
Indianerkostüme gemeint? Was ist militärisch? Welche
kriegerischen Verhältnisse werden zugrunde gelegt?
Das alles scheinen uns Probleme ernster Überlegung
zu sein. Wir müssen doch diese ganze Frage in den
Gesamtrahmen einstellen: wie beeinflussen wir die Ideale
unserer Kinder, ihre Vorstellungen? Wie können wir
die Ideale und Ideen, die sich früher in Deutschland
sehr stark nach dem Militärischen hinneigten, auch
durch geeignetes Spielzeug anderswo hinlenken, etwa
in die Richtung der Beschäftigung von Kindern mit
Sport, mit großen Forscherpersönlichkeiten, mit Wagnissen, wie sie in der Hilfe für Menschen geleistet
worden sind? Wir sahen in der Luftbrücke Beispiele,
wie man in friedlicher Arbeit Mut, Hingabe an seine
Brüder und andere Völker zeigen kann. Kinder auf
diesen Weg hinzulenken, ist eine große erzieherische
Aufgabe.
Darum kommen wir zu der Frage: soll nicht das Zusammenarbeiten unseres Magistrats mit der westdeutschen Bundesregierung, das hier unbedingt nötig ist,
vor allen Dingen in diese erzieherische Bahn gelenkt
werden? Und wenn wir ans Wirtschaftliche denken, an
die Frage der Herstellung von Spielzeug, von Geräten,
an die Frage des Aufbaues einer neuen Jugendliteratur
auf dem Gebiet der Geschichte, auch stuf dem Gebiet
volkstümlich erzählender Schriften, so stellt sich auch
hier die Frage: soll man hier nicht an ähnliche Wege
denken, wie wir sie auf dem Gebiet des Films in der
Selbstkontrolle, freilich für ganz andere Aufgaben, aber
doch im Prinzip, glaube ich, brauchbar entwickelt
haben? Ich könnte mir sehr wohl vorstellen, daß wir
auch für diese großen Fragen ein Zusammenwirken von
Herstellern von Spielwaren, von Verlagen der Jugendliteratur, ein Zusammenwirken mit Künstlern auf dem
Gebiet der Herstellung von Spielzeug, mit Vertretern
der Lehrerschaft, mit Vertrauensleuten der Elternschaft
erreichen, um hier die ganze Herstellungsarten in erzieherisch fruchtbare und edlere Bahnen zu lenken.
Daß man hier als ultima ratio auch einmal mit Verboten wird arbeiten können und müssen, will ich damit
nicht ganz leugnen. Aber es ist ein fehlerhaftes, ein
unzulängliches Beginnen, glaube ich, hier nur nach dem
Gesetzgeber zu rufen, solange man nicht die Motive
der Verwendung von Spielzeug im Innern des Kindes
und seiner Erziehungsberechtigten auf bessere Bahnen
gebracht hat. Das kann nur auf einem langwierigen
pädagogischem Wege gelingen, aber nicht mit mechanischen Mitteln.
(Beifall bei der CDU und FDP.)
Vorsteher Suhr: Das Wort hat Herr Stadtverordneter
Außner.
Stadtv. Außner (SPD): Meine Damen und Herren!
Ich muß erklären, daß uns als sozialdemokratische
Fraktion die Antwort des Magistrats nicht ganz befriedigt. Wenn es in der schriftlichen Antwort des
Magistrats, die uns in den Mitteilungen des Herrn
Stadtverordnetenvorstehers vorliegt, heißt: „mit Rücksicht auf diese Auskünfte ist in Aussicht genommen",
so scheint uns, daß der Magistrat in den vergangenen
vier Monaten von dem Inaussichtnehmen hätte wegkommen und endlich einmal mit einer positiven Maßnahme hätte beginnen können. Wir wären erfreut gewesen, wenn wir gehört hätten, daß der Magistrat
schon von sich aus irgendwelche Schritte eingeleitet
hätte, um unserem Wunsche, nunmehr auf das Gebiet
Berlin beschränkt, in dieser Frage nachzukommen.
Wenn man die hier mitgeteilten
selten der Bundesregierung hört, so
Eindruck, daß man sich dort wieder
ständigkeiten streitet, und daß man

Antworten
erhält man
einmal um
das Große,

von
den
Zuauf
        
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