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Periodical volume Nr. 43, 6. April 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

43. Sitzung vom 6. April 1950

215

Pamperrten
nicht, so ist das doch wohl nur Theorie. Denn leider ist
ja auch der Student mit 80 DM nicht in der Lage, sich
die Bücher anzuschaffen, die er zum Studium so dringend brauchen würde. Wir können nur darum bitten, daß
unsere Bibliotheken möglichst so ausgebaut werden, daß
sie nicht nur Präsenzbibliotheken sind, wo man sich
immer an Ort und Stelle hinsetzen muß, um ein Buch
einzusehen, sondern daß es mehr und mehr wieder so
wird, wie es früher in der Studentenzeit, die ich erleben
durfte, war, nämlich daß man Bücher von den Bibliotheken in reicher Menge bekam und mit ihrer Hilfe
abends, manchmal wohl auch nachts, zu Hause arbeiten
konnte.
Also ein grundsätzlicher Unterschied besteht da
praktisch zwischen Studenten und Fachschülern
nicht. Aber wir bedauern es, daß man überhaupt
auf den Gedanken gekommen ist, 60 DM als Stipendium
zu geben, wo doch die Sozialrentner 40 DM bekommen
und außerdem noch die Miete, die durchschnittlich bei
den Studenten ungefähr 25 DM beträgt und bei den
Sozialrentnern auch vielleicht in dieser Höhe liegen wird,
so daß also die -Schüler der Fachschulen noch nicht einmal das gleiche bekommen wie ein Sozialrentner. Wir
möchten also um Gleichstellung der Fachschüler mit
den Studenten bitten.
Wenn nun die Kollegin Barowsky gesagt hat, es sei
bedauerlich, daß die Fachschüler gestreikt haben, so muß
ich als Sozialdemokrat sagen: ich finde es ganz gut,
daß sie einmal gestreikt haben, damit die öffentlichkeit
einmal gesehen hat, daß die jungen Menschen auch
Menschen sind, die etwas durchsetzen können und
wollen in einem freien Staat! Und sie können überzeugt
sein, daß wir Sozialdemokraten ihnen dabei, soweit es
irgendwie im Rahmen der wirtschaftlichen Nöte der
Stadt möglich ist, helfen werden.
Wir hoffen
daher, daß der Ausschuß, der
dafür zuständig ist, der Volksbildungsausschuß,
sich noch einmal gründlich mit der Frage dieser
Stipendien und des Umtauschs der Gelder für
die Studenten und Fachschüler beschäftigen wird,
und daß dann eine Regelung getroffen wird, die sowohl
für die Fachschüler wie für die Studenten erträglich
ist. Denn wir wollen ja keine Feindschaft zwischen
diesen Gruppen. Es sind doch alles lernende junge
Menschen, die an einem Strang ziehen sollen, um später
dann zum Besten der Gemeinschaft zusammenzuarbeiten.
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Tiburtius!
Stadtv. Dr. Tiburtius (CDU): Meine Damen und
Herren! Das jugendliche Temperament meines Herrn
Vorredners etwa zu erreichen, kann ich nicht anstreben.
(Stadtv. Swolinzky: Die Zensur!)
— Gegen mich selbst, Herr Swolinzky; das erlaube ich
mir zu tun. Ich kann das nur zur Nachahmung empfehlen.
(Stadtv. Neumann: Das macht der Beruf! —
Heiterkeit.)
Aber ich glaube, es ist doch Immerhin ein Zeichen
allerernstester Notstände, an das wir zu denken haben
und von dem wir zu lernen haben, wenn sich junge
Menschen, die studieren wollen, zur Anwendung
eines Mittels entschließen, das ja für ganz andere Lebensverhältnisse entstanden und bisher angewandt worden Ist. Wenn Menschen auf die Möglichkeit des Lernens verzichten, um Einspruch zu erheben gegen die
Ordnung, unter der sie lernen sollen, so schaden sie
sich ja zunächst selber, und zwar in sehr viel eindeutigerem Sinne, als sich der Arbeitnehmer schadet, wenn
er gegen seinen Arbeitgeber streikt. Die Fronten sind
in beiden Fällen völlig andere.
Wir wollen wohl volles Verständnis dafür haben, daß
das geschehen ist, und freuen uns auch darüber sehr,
daß in den Kreisen junger Menschen — Fachschüler
und Studenten — soviel Aktivität und Bereitschaft für
ein Eintreten für überindividuelle, überpersönliche Ziele
vorhanden ist, wie es sich hierin ausdrückt. Wir müssen

nur sehen, wie wir dieses ernste Notzeichen in der richtigen Weise auszuwerten haben.
Daß man den Weg vom Währungsumtausch zum
Stipendium geht, ist vollkommen richtig, auch Im Sinne
der Auffassung der Christlich-Demokratischen Union.
Denn nur dabei kann man eine Individuelle, eine persönliche Prüfung des einzelnen Notstandes, der Berechtigung und Notwendigkeit dieser Forderung vornehmen.
Meine Damen und Herren! Ich möchte hier auf ein
Moment hinweisen, das, glaube ich, in dieses sehr trübe
Kapitel doch etwas freundliches Licht wirft. Es hat
sich an den Berliner Hochschulen und Universitäten der
Brauch entwickelt, daß man den Notständen der Studenten zunächst einmal durch Selbsthilfe aller Beteiligten gerecht zu werden versucht. Dabei möchte Ich Herrn
Kollegen Pamperrlen — wenn seine augenblickliche Beanspruchung es gestatten sollte, dabei zuzuhören —
(Heiterkeit)
darauf aufmerksam machen, daß wir hierin, glaube ich,
einen kleinen Fortschritt zu verzeichnen haben. Denn
wenn jetzt in dringendster Form Wünsche aus der Studentenschaft nach Stipendien kommen, dann suchen
zunächst einmal Hochschulen und Studenten diesen
Menschen zu helfen durch Erlaß von Gebühren, durch
Verzicht z.B. auf Prüfungsgebühren, also durch eine
gemeinsame Arbeit und, wenn ich das so nennen darf,
durch Opfer von Lehrenden und Lernenden. Das scheint
mir doch in diesem ganzen Notstand ein neuer Zug zu
sein, den wir in früherer Zeit nicht nötig hatten, aber
auch in dieser Weise nicht erlebt haben.
Daran sollte man anknüpfen, an diese gemeinsame
Erkenntnis von Lehrenden und Lernenden, und ich
nehme an, daß es auch bei den Fachschulen in demselben Maße der Fall sein wird. Welche dringenden
Aufgaben hier zu erfüllen sind, um uns in Berlin den
dringend nötigen Facharbeiter-, Ingenieur- und Technikernachwuchs zu sichern, das kann in keiner Weise
bezweifelt werden.
Wenn ich aber noch ein besonderes Wort zugunsten
der Studenten sagen darf, so aus dem Eindruck heraus,
den wir Lehrer an allen in Berlin vorhandenen Hochschulen wohl haben werden, daß sich jetzt täglich und
nächtlich der Andrang derer erhöht und in unerhörter
Weise geltend macht, die aus der sowjetischen Zone zu
uns strömen und mit allen Mitteln hier gefördert werden müssen. Dazu gehören eben Verzichte auf Gebühren, Hörer- und Prüfungsgebühren, und darüber hinaus
muß in besonderen Notfällen der Weg der Stipendien
beschritten werden, um diesem furchtbaren Zustand ein
Ende zu machen und die materielle Basis für unsere
Studentenschaft zu sichern.
Stellv. Vorsteher Frau Dr. Maxsein: Das Wort hat
Herr Stadtrat May.
Stadtrat May: Meine Damen und Herren! Ich
möchte nur einige kleine sachliche Bemerkungen zu
dem Thema machen, um hier die Dinge so darzustellen,
wie sie in Wirklichkeit gesehen werden müssen. Ich
weiß nicht, ob es angebracht ist, hier mit Werturteilen
zu operieren, ob man nun dieses Verfahren der
Studenten gutheißen oder nicht gutheißen soll. Ich
bin der Ansicht, daß zwar die Not, die heute bei den
Studierenden herrscht, ungeheuer groß ist. Die sehen
wir. Es darf aber auch nicht vergessen werden, daß
die Not, die die ganze Stadt Berlin drückt, den Magistrat nicht davon abgehalten hat, gerade für
Stipendien ungeheure Beträge zur Verfügung zu
stellen.
(Sehr gut! bei der SPD.)
Ich persönlich bin der Ansicht, daß es den Studierenden besser angestanden hätte, für diese Mehrleistung
erheblicher Hilfe ein gewisses Maß von Dankbarkeit
zu zeigen, als jetzt den Unwillen über gewisse Dinge
dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß man zu dem
Mittel des Streiks greift.
Es ist so, daß nicht jetzt erst diese unterschiedliche
Auszahlung der Stipendien eingesetzt hat, sondern daß
schon bisher ein Unterschied bestand in der Form,
        
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