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Periodical volume Nr. 42, 23. März 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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42. Sitzung vom 28. März 1950

Suhr
— Soviel Ich weiß, Ist der Stadtverordnete Mattlck der
Vorsitzende des Ausschusses für die Jugendfragen. Er
fühlt sich doch hoffentlich nicht zu alt, um ihm vorzusltzen. — Wer also für die Überweisung an die beiden
Ausschüsse ist, den bitte ich, das Handzeichen zu geben.
— Das ist die Mehrheit.
Ich darf darauf aufmerksam machen, daß der nächste
Punkt der Tagesordnung zurückgezogen ist.
Wir kommen daher au Punkt 27, Drucksache 606:
Antrag der Fraktion der FDP über Freigabe des
Segelflugsporte.
Das Wort hat Herr Stadtverordneter Peschke.
Stadtv. Peschke (FDP): Meine sehr verehrten Damen
und Herren! Der Segelflugsport dürfte unbestritten bei
allen Nationen als sportliche Betätigung Interesse gefunden haben, und es wäre falsch, zu behaupten, daß
nur diese eine Sportart militärischen Charakter haben
könnte. Es wurde Immer wieder darauf hingewiesen. —
(Fortgesetzte Unruhe. — Glocke des Vorstehers.)
Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Ich bitte
einen Augenblick um Ruhe! Die Presse beklagt sich
darüber, daß im Hause überhaupt nichts zu verstehen
ist. Ich bitte dringend, Privatgespräche, auch wenn sie
vom Herrn Alterspräsidenten geführt werden, draußen
zu führen.
(Heiterkeit.)
Das gilt auch für Frau Stadtverordnete Wolff und Herrn
Stadtverordneten Schellin!
(Bravo!)
Ich bitte freundlicherweise doch so viel Rücksicht zu
nehmen, daß die Presse wenigstens den Verhandlungen
folgen kann. Auf der andern Seite konnten wir hier
oben Ihre Anträge nicht verstehen. Also etwas größere
Ruhe im Hause ist erwünscht. — Ich bitte um Entschuldigung, Herr Peschke!
Stadtv. Peschke (FDP): Meine Damen und Herren!
Ich hatte eingangs erklärt, daß der Segelflugsport bei
allen Nationen Eingang gefunden hat und daß es nicht
den Tatsachen entspricht, wenn behauptet wird, daß
ausgerechnet diese Sportart allein militaristischen Charakter trägt. Bisher besteht aber noch ein Verbot des
Alliierten Kontrollrats, demzufolge die Ausübung des
Segelflugsports nicht gestattet ist.
In der Zwischenzeit ist nun von Westdeutschland und
von Berlin aus von allen segelflugbegeisterten Menschen immer wieder versucht worden, aufklärend dahin
zu wirken, daß diese Sportart keineswegs militaristischen Charakter trägt. Genau so wie die Segeljacht
nicht mit dem Schleppkahn und das Auto nicht mit dem
Panzer verglichen werden kann, kann auch der Segelflug nicht mit einem Gleitflug oder mit einem Transportflug verglichen werden. Es ist absolut falsch, anzunehmen, daß die Menschen, die Segelflugsport treiben,
einmal die Nachfolger für Motorflug und andere Flugarten sein werden, die Kriegszwecken dienen können.
Es ist verständlich, daß Berlin vielleicht nicht ohne
weiteres das Land ist, wo der Segelflugsport frei und
unabhängig gepflegt und ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden könnte. Trotzdem sollte genau so, wie
man in Westdeutschland a n die Alliierten herantreten
muß, auch Berlin die Möglichkeit schaffen, daß diese
Menschen sich zusammenfinden können. Es ist nicht
so, daß das überhaupt nicht durchgeführt werden
könnte. Es mag Schwierigkeiten geben, aber das bedeutet keine Unmöglichkeit.
Wie Sie aus der Presse wissen, hat die CDU ihre
Bundestagsfraktion gebeten, in dieser Richtung zu
wirken. Wir wollten hier einen andern Weg einschlagen
und wollten nicht durch die Fraktion des Bundestages,
sondern durch einen Beschluß der Stadtverordnetenversammlung über den Magistrat dazu beitragen, dieser
Voreingenommenheit bei den deutschen Stellen und bei
den Alliierten aufklärend entgegenzutreten, um diesen

Menschen die Ausübung ihres Sportes, der zur Zelt
immer noch nur als Traum in Erscheinung tritt, zu
ermöglichen, nichts weiter.
Drüben haben die Freunde des Segelsports schon an
den Hohen Kommissar Mr. McCloy geschrieben, und
darüber hinaus haben dort alle möglichen beteiligten
Stellen aufklärend gewirkt. Wenn die Alliierten auch
eine Abrüstung fordern, so ist doch immer wieder festzustellen, daß der Segelflug genau so harmlos ist wie
das Autofahren und der Wassersport. Der Staat darf
natürlich keine Möglichkeit finden, den Segelflugsport
in dem Sinne eines Wiederaufbaues zu beeinflussen, wie
wir das in der Ostzone finden. Das lehnen wir unter
allen Umständen ab, und das sollte mit unserm Antrag
auch keineswegs gesagt sein. Aber auf der andern
Seite sollte gerade hier gezeigt werden, daß nicht ein
militaristischer Zug irgendwie zutage treten darf, daß
wir ganz anders arbeiten, als es drüben in der Ostzone
geschieht. In Gronau und anderen Städten Deutschlands bilden sich schon Interessentengruppen, um in
dieser Richtung zu wirken. Aus diesem Grunde halten
wir es immerhin für sinnvoll, wenn wir auch im Augenblick nicht zu einer Abstimmung kommen, zum mindesten über dieses Problem und über die Formulierung
zur Verwirklichung dieses Gedankens im Sportausschuß
zu beraten. Deshalb möchte ich hier gleich den Antrag stellen, diesen Antrag auf Freigabe des Segelflugsports dem Sportausschuß zur Beratung zu überweisen.
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Mattlck!
Stadtv. Mattlck (SPD): Meine Damen und Herren!
Die Sozialdemokratische Partei ist über diesen Antrag
etwas überrascht. Wir haben so den Eindruck, als
wenn man draußen sagen müßte: haben die Sorgen!
Sich in Berlin — auf einem Gebiet von 20 mal 20 Kilometer, das uns zur Zeit zur Verfügung steht — mit
dieser Frage zu beschäftigen, empfinden wir heute als
absurd. Ich will nicht behaupten, daß der Segelflugsport unbedingt militaristisch sei. Daß er durch die
Vergangenheit in Deutschland leider einen solchen Anstrich bekommen hat, ist uns bekannt. Daß es aber
wieder einmal eine Zelt geben wird, wo die deutsche
Jugend Segelflugsport betreiben kann, darüber wird es
keinen Zweifel geben. Aber ein Vorstoß vom Berliner
Raum aus in dieser politischen {Situation kann von uns
nicht akzeptiert werden. Die Folgeerscheinung wäre
doch eine andere. Wenn wirklich in Westdeutschland
dieser Segelflugsport gestattet wird, so ist das eine
Angelegenheit der westlichen Alliierten. Es kann immer
nur eine Bundesangelegenheit sein. In Berlin wäre der
zweite Schritt die Verständigung des Westberliner mit
dem Ostberliner Segelflugsport; denn auf dem Raum von
Westberlin ist der Segelflugsport unmöglich. Darüber
gibt es doch keinen Zweifel.
Wir sind dafür, diese Angelegenheit auf eine spätere
Zeit zu vertagen. Wenn der Bund sich damit-beschäftigen will, ist es eine Angelegenheit, die im größeren
Räume liegt, aber Berlin bietet dafür keine Voraussetzungen.
SteUv. Vorsteher Frau Dr. Maxsein: Das Wort hat
der Herr Stadtverordnete Dumstrey.
Stadtv. Dumstrey (CDU): Ich bin überrascht, daß
der Kollege Mattick über den Antrag überrascht war;
denn der Antrag steht ja schon wochenlang auf der
Tagesordnung.
(Stadtv. Mattick: Damals überrascht!)
— Aha, schön; dann verstehen wir uns.
Wir haben uns seinerzeit, wie der Kollege Peschke
hier schon gesagt hat, als von den Segelfluginteressierten
in allen Fraktionen das Ansinnen gestellt wurde, die
Frage hier einmal aufzugreifen, an Bonn gewandt,
nicht bloß an die Fraktion, sondern auch an die Bonner Regierung, weil wir der Meinung sind — aus den
Gründen, die eben auch aus den Worten des Kollegen
        
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