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Periodical volume Nr. 41, 9. März 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

MF
160

41. Sitzung vom 9. März 1050

Tiburtlus
— Nein, wir wollen ganz bestimmt nicht rückwärts
gehen, sondern wollen von 1950 ab vorwärtsgehen, wie
wir das gelernt haben.
(Heiterkeit.)
Ich glaube nicht, daß Sie unbedingt ein Fachmann
für Rückwärtsgehen sind, lieber Herr Neumann. Ich
habe Sie bisher wenigstens nicht als solchen kennengelernt. Deshalb gestatten Sie mir, daß ich das nicht
für ganz so maßgeblich halte wie das, was Sie sonst
sagen. Ich glaube, daß wir hier auf die pädagogisch
richtige Zusammenfassung von Fächern eingehen
müssen.
Sie sehen diese ganze Debatte immer unter dem
unausgesprochenen Vorurteil, daß unsere Schulreformanträge sozusagen für Kinder der begüterten Klasse
gemeint seien. Wer ist eigentlich heute noch begütert?
Das möchte ich fragen.
(Zurufe von der SPD.)
— Ja, bitte. Der Besitz geht doch dauernd auf und
ab. Es gibt Aufstieg und Abstieg. Mit solchen ollen
Kamellen kann man die Welt heute nicht mehr erklären. Wir stehen ja gerade auf dem Standpunkt des
Aufstiegs nach der Begabung, und da soll man auch
den begabten Kindern das Ihre zuteil werden lassen.
Das tut man aber nicht, wenn man sie unnötig lange
in diesem Einheitsunterricht festhält.
Der schwerstwiegende Teil des Widerstandes ist
hier nun den Elternausschüssen zuteil geworden. Wir
wurden da in einer sonst gar nicht demokratisch anmutenden Weise ermahnt, doch nun bloß Vertrauen zu
haben zu dem, was der Magistrat demnächst vorlegen
werde. Wie könne man, so hieß es, so vormucken
und jetzt schon nach solchen Absichten fragen und
Unruhe stiften! Also es wurde zur Ruhe gemahnt.
Meine Damen und Herren! Wir Lehrer richten uns
allerdings hier nicht nach eigenen Begabungswünschen,
sondern nach dem Willen der Eltern der Kinder, und
die christlichen Eltern haben das Bedürfnis, in
Gemeinschaft zu beraten mit den Lehrern der Schüler
in mehreren Instanzen, mit dem Klassenausschuß, dem
Sehulausschuß, aber auch mit den darüber geordneten
Bezirks- und Stadtausschüssen.
Nun ist aber das, was wir in dieser Vorlage Nr. 672
erleben, die uns hier auf den Tisch gelegt worden ist,
in puncto Aufbau der Elternausschüsse wirklich nicht
konsequent. Hier erleben wir folgendes merkwürdige
Formenspiel. Wir haben zunächst einen Elternausschuß für die Klasse. Der wird vom Klassenlehrer
geleitet. Dann gibt es einen Schulelternauschuß. Da
erweist man den Eltern selber das Vertrauen, daß sie
sich ihren Vorsitzenden wählen dürfen. Dann gibt es
die nächste Instanz des bezirklichen Zusammentretens. Sie ist wieder völlig jeder Beeinflussung
durch die Eltern entzogen. Da muß man hübsch
artig warten, bis der Schulrat selbst das Bedürfnis
hat, die Vorstände der Ausschüsse zusammenzuberufen, um ein von ihm einzuberufendes und zu
leitendes Gremium selber zusammentreten zu lassen.
Das scheint mir bei diesen drei Stufen des Aufbaues
der Ausschüsse denkbar inkonsequent zu sein, und
darum haben wir- es für richtig gehalten, hier folgerichtig von unten nach oben einen durchgehenden
Aufbau nach der Eigenmeinung und Eigenbewegung
der Elternausschüsse stattfinden zu lassen. Ich
glaube, das kann man nicht als undemokratisch bezeichnen, das hat nicht das geringste mit einer Gegnerschaft gegen die Gedanken zu tun, die Kollege Schröter
hier ausführte. Daß solche Ausschußarbeit in wichtigen
.Unterrichtsfragen zusammen mit den Lehrern geleistet
werden soll, soll in keiner Weise verkannt werden.
Die Ausschüsse sollen keine politischen Parlamente sein,
aber Instanzen der gegenseitigen Annäherung und
Aussprache. Die soll man doch gutheißen, damit das,
was gesagt wird, zur richtigen Zeit am richtigen Ort
beantwortet werden kann.

Nun komme ich zu den Fragen, mit denen Herr
Stadtverordneter Landsberg an diese ganze Materie
herangekommen ist. Meine Damen und Herren! Er
hat sein Verhalten im Räume der Welt wie im Räume
der christlichen Gemeinde zu rechtfertigen gesucht.
Das wird man immer anzuhören haben. Auch dann,
wenn alte Freunde es einem recht schwer machen,
tolerant zu sein, soll man sein eigenes Bemühen um
christliches Leben ja erweisen in der Art, wie man auf
solche ungewohnten Gegnerschaften reagiert. Ich
möchte sagen, Herr Landsberg, es wäre in meinen
Augen ein sinnvolles Betätigen des uns gemeinsamen
Konfirmationsspruches, wenn wir gerade Gegnerschaften auch gegen das Verhalten von Geistlichen oder
hohen kirchlichen Beamten betätigen würden nicht
durch Hinausgehen aus kirchlichen Ämtern, wie es
Kollege Fischer schon sagte, sondern durch Innere
geistige Reibung. Ich glaube, das lohnt. Das ist ja
auch der Sinn der Elternausschüsse, daß man in diesen
Ausschüssen und nicht draußen, daß man da, wo der
andere einem zuhören kann, seine Meinung sagt. Und
es steht auch nicht so, daß in diesem Ausschuß politische Eitelkeiten befriedigt würden, sondern es finden
dort sehr ernste Auseinandersetzungen statt. Im übrigen wollen wir, glaube ich, diese ganze Debatte doch
von autobiographischen Bedürfnissen weitgehend freihalten. Jesus Christus hat gesagt: „Wer mich bekennet
vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor
meinem himmlischen Vater", nicht: v/er sich selber
und seine Eitelkeit bekennt. Davon ist keine Rede, es
ist von einem gewissen Akt der Selbstentäußerung die
Rede.
Sie haben im übrigen hier Ihr Verhalten vor
Ihren Wählern dargestellt. Da ich Sie als einen wirklich streng wahrheitsliebenden Mann kenne, werden
Sie auch der Tatsache ins Auge sehen, daß gerade Ihre
engste Wählervertretung aus bestimmten moralischen
Entfremdungen heraus Sie gegen eine Stimme bei
einer Enthaltung gebeten hat, Ihr Mandat niederzulegen. Ich hätte das nicht erwähnt, aber nachdem Sie
sich hier augenblicklich so eine, ich glaube, nicht ganz
angemessene Gloriole gebaut haben, muß ich Sie bitten,
bei der Wahrheitsliebe zu bleiben, die ich bei Ihnen
wirklich sans phrase aufrichtig hochschätze, und auch
diesen Bestandteil der ganzen Aktion nicht unerwähnt
zu lassen.
Meine Damen und Herren! Wir wollen uns aber nicht
durch solche persönlichen Momente das sachliche Bemühen und das schwere und ernste Ringen um rechte
Formen des Unterrichts entgleiten lassen. Ich bitte
Sie, bei uns nicht Absichten einer Friedensstörung zu
vermuten, sondern Absichten, ernste Gedanken und
Sorgen in einer Weise vorzutragen, die dem anderen
gerecht wird, in Achtung und in dem Bekenntnis von
Menschen sehr verschiedenartiger Religion und auch
religionsfreier Weltanschauung. Um dieselbe Achtung
bitten wir für uns, und wir glauben, daß wir durch
unsere Anträge dazu fruchtbare Wege weisen.
(Beifall bei der CDU.)
Vorsteher Suhr: Das Wort hat Herr Stadtverordneter
Stolzmann. — Herr Oberbürgermeister Reuter möchte
gern vorher sprechen. Das ist nach der Geschäftsordnung zulässig. Im Einverständnis mit Herrn Stolzmann bitte ich den Herrn Oberbürgermeister, das Wort
zu nehmen.
Oberbürgermeister Reuter: Herr Stadtverordnetenvorsteher! Meine Damen und Herren! Ich halte mich
für verpflichtet, zwei Bemerkungen zu machen. Im
Parlamentarischen Rat haben wir bei der Verhandlung über das Verfassungskompromiß in voller Kenntnis, daß der Artikel 141, der sogenannte Bremer
Artikel, Geltung haben wird auch für Berlin und Geltung haben muß für Berlin, diesen Artikel so formuliert, daß § 7 auf Berlin, mit Rücksicht darauf, daß
am 1. Januar 1949 eine andere Regelung bereits
existierte, keine Anwendung finden wird. Wir sind in
den Verhandlungen des Parlamentarischen Rats zu
        
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