Path:
Periodical volume Nr. 9, 31. März 1949, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1949

9

49

Gesetz nur w i r k s a m werden könne, wenn der Magistrat eine beschließende
Körperschaft b i l d e , daß die FDP aber das gerade ablehne, weil die FDP
dem Magistrat nicht die Machtbefugnis in die Hand geben wolle, solche
Entscheidungen zu treffen. Der H e r r Stadtverordnete Drewitz hat für die
CDU e r k l ä r t , er sehe nicht ein, daß ein solches Gesetz geschaffen w e r den m ü s s e , da die Lehrlings Schiedsgerichte und die Innungen vollkommen
ausreichten. E r war der Meinung, daß das ganze Verhältnis der Lehrlinge gegenüber ihren L e h r h e r r e n sehr schnell geändert werden könne, wenn
sich nämlich die Sozialdemokratische P a r t e i dafür a u s s p r e c h e n würde,
daß der L e h r h e r r die volle Erziehungsgewalt über den Lehrling wieder
e r h a l t e . Das würde bedeuten, daß der L e h r h e r r über die normale A r b e i t s zeit hinaus Einfluß auf den Lehrling nehmen könnte. Ich muß schon sagen:
das wären Zustände, die wir Gott sei Dank heute als abgeschlossen ansehen können; das wären Zustände, wie sie vor 1918 obgewaltet haben, wo
der Lehrling vota morgens bis abends einzig und allein dem L e h r h e r r n Unt e r t a n war und neben seiner Lehrzeit noch die Privatwünsche der gnädigen
F r a u Meisterin oder die Privatwünsche der gesamten Verwandtschaft m i t erfüllen mußte. Es ist ganz selbstverständlich, daß wir von der Sozialdemokratischen P a r t e i uns dem nicht anschließen konnten. Wir haben uns
aber doch bewegen lassen, dem Gesetzentwurf u n s e r e Zustimmung zu g e ben, nachdem wir uns einmal das Material angeschaut hatten, auf das
der Magistrat den eingebrachten Gesetzentwurf gründet. Aus diesem Mat e r i a l geht h e r v o r , daß bis zum Frühjahr 1948 i n Berlin acht L e h r v e r h ä l t n i s s e pro Tag gelöst wurden und daß diese Zahl im April 1948 auf 16, im
Mai auf 17 und im Juni in unmittelbarer Folge der (Währungsreform auf 25
stieg. Nun möchte ich Sie einmal fragen, meine Damen und H e r r e n : können
wir es verantworten, daß unsere Jugend aus den Lehrverhältnissen h e r a u s g e r i s s e n wird, ohne daß die regierende Stelle, also in diesem F a l l der Mag i s t r a t in Berlin, darüber i
unterrichtet i s t ? Wir m ü s s e n bemüht sein,
einen Facharbeiternachwuchs heranzubilden, damit u n s e r e Wirtschaft nicht
in Schaden gerät. Der Nachwuchs ist die dringendste Voraussetzung für
u n s e r e n gesamten Neuaufbau.
Wenn gesagt wird, die Innungen und die Schiedsgerichte reichten a u s ,
so möchten wir demgegenüber feststellen, daß die Innungen und Schiedsgerichte in den meisten Fällen überhaupt nicht erfahren, daß L e h r v e r h ä l t n i s s e
gelöst werden. Darin liegt ja eben der Mangel, und hier muß eine Steuerung
einsetzen. E s gibt ja auch bekanntlich nicht schon in allen Berufssparten
wieder ordnungsgemäße Innungen. Wir sind der Meinung, daß der Magistrat,
die Abteilung für Arbeit, unbedingt diese Dinge steuern muß. Wir haben uns
der Ansicht nicht verschlossen, daß dieses Gesetz nur dazu dienen soll,
eine Verhandlungsbasis für den Magistrat zu schaffen. Der Sinn des Gesetzes
ist, daß der Magistrat einen Ausgleich schaffen soll. E r soll durch die V e r handlung erreichen, das gebrochene Lehrverhältnis wieder zu r e p a r i e r e n
und es nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten, weil das nach u n s e r e r Auffassung i m I n t e r e s s e u n s e r e r Jugend und im I n t e r e s s e u n s e r e r Wirtschaft
liegt.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.