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Periodical volume Nr. 5, 17. Februar 1949, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1949

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oder, wenn das nicht möglich ist, wenigstens einem weiteren Schaden
für die betreffende P e r s o n vorzubeugen. Die Mittel zur Wiedereingliederung und zur Verhütung weiteren Schadens liegen nun aber keineswegs
nur auf dem Boden versicherungsrechtlicher und v e r s i c h e r u n g s t e c h n i scher Voraussetzungen und Methoden; sie erschöpfen sich nicht in der
Gewährung von Sach- und Geldleistungen; sie liegen vielmehr in dem weiten Rahmen der zusätzlichen menschlichen Hilfe. Diese zu leisten, ist
j e d e r einzelne von uns mehr denn je verpflichtet, einerlei ob i m Rahmen
eines Gesetzes oder aus freier Initiative h e r a u s . Diese Verpflichtung geht
heute m e h r denn je weit über den Kreis des durch irgendeinen Schicksalsschlag direkt Betroffenen hinaus. Sie geht weit hinaus über die wirtschaftliche, körperliche und seelische Wirkung auf seine eigene P e r s o n . Sie v e r langt deshalb die Ausdehnung des pflegerischen P r i n z i p s gegenüber dem
Betroffenen selber auch auf seine nähere und weitere Umgebung, die mit
seinem Schicksal und dessen Wirkungen unlöslich verbunden ist.
Letztes Ziel ist also, aus einem Versorgten wieder einen V e r s o r genden zu machen, ihn wieder auf die eigenen Beine zu stellen, ihn vor
der weiteren dauernden Hilfsbedürftigkeit oder vor der Verschlechterung
seiner Lage zu schützen, ihn nicht nur äußerlich wieder auf die Beine zu
stellen, sondern ihm auch als Mitglied u n s e r e s Volkes, der sozialen Gemeinschaft, geistig-seelisch wieder das Fundament zurückzugeben. Diese
vorbeugende, heilende menschliche Hilfe entzieht sich erfahrungsgemäß
versicherungsmäßigen Methoden, weil die tausendfach verschiedene individuelle Hilfsbedürftigkeit neben i h r e m objektiv feststellbaren physischen
oder wirtschaftlichen Anlaß in dem Betreffenden selber gelegen ist, aber
sehr oft nicht nur in ihm gelegen ist, sondern auch in der Relation seiner
Umgebung, d. h. seiner Familie oder seines A r b e i t s k r e i s e s zu der Lage
und mit der Lage des Betroffenen. Nicht das P h y s i s c h e allein, nicht die
wirtschaftliche Not allein, sondern auch die Situation, die Existenzbedingtheit, in der beides von dem Betroffenen erlebt wird, geben sehr häufig den
Ausschlag für die Möglichkeit, ihn wieder einzugliedern, ihn körperlich,
g e i s t i g - s e e l i s c h wieder auf eigene Füße zu stellen. Diese allgemein b e kannte und in der P r a x i s tausendfach belegte soziale Tatsache verlangt n e ben dem generalisierenden Versicherungsprinzip das individualisierende
pfleger'ische Prinzip. Es wird bfei der Beratung des Entwurfs ernstlich zu
prüfen sein, ob L e t z t e r e s , nämlich die Durchführung dieses pflegerischen
P r i n z i p s überhaupt im Rahmen versicherungsmäßig begründeter Aufgaben
und mit den ihnen gemäßen Methoden erfüllbar ist, um den auf uns allen
liegenden sozialen Verpflichtungen gegenüber irgend jemand, der in Not
geraten ist, gerecht werden zu können. E s wird zu prüfen sein, ob nicht
die Wechselfälle des Lebens weit über den Rahmen v e r s i c h e r u n g s r e c h t l i c h
und versicherungstechnisch erfaßbarer Tatbestände hinausgehen und d e s halb noch a n d e r e r Organe und anderer Methoden der Hilfeleistung bedürfen.
Die Prüfung dieser F r a g e liegt im Rahmen der mit der Beratung des v o r liegenden Gesetzentwurfes verbundenen Aufgaben. Die Stadtverordnetenversammlung ist die Körperschaft, die darüber zu entscheiden haben wird.
        
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