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Periodical volume Nr. 31, 31. Oktober 1949, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1949

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Als nach dem 1Z. September ein Grußwort von Berlin die Einladung
brachte, ich möge doch kommen, da war es eine menschliche und politische Selbstverständlichkeit, daß ich sagte: sofort, so schnell es geht, noch
i m Oktober. Sie wissen, daß dann der technische T e r m i n verschoben w e r den mußte, weil die entscheidenden H e r r e n ja gerade in Verhandlungen in
Bonn selber anwesend sein mußten.
Nun will ich auch etwas davon sagen, als ganz schlichter Bürger,
nicht als E h r e n b ü r g e r , was für mich d i e s e r Ruf nach Berlin bedeutet, was
vor allem m i r dieses Haus weckt an Erinnerungen und an Erfahrungen. Denn
in diesem Haus bin ich ja selber von 1919 bis 1933 Woche um Woche hin
und her gegangen. Hier ist eigentlich die Geburtsstätte meiner öffentlichen
Wirksamkeit gewesen, hier sind ungezählte frohe und e r n s t e Stunden hingegangen. Einige Stuben hier in dem Haus stecken voll von Erinnerungen für
mich, und ich kann nur mit Dankb.arke.it an diese Zeit zurückdenken. Ich
bin, wie Sie wissen, ein altmodischer Mensch. Infolgedessen habe ich eh
und je die Auffassung gehabt, daß die Mitarbeit an der Gemeinde eigentlich
die Voraussetzung und doch die beste Schulung für jeden sei, der irgendeinmal mit ins öffentliche Leben tritt. Denn hier sieht er die Wirkkraft
seiner Beschlüsse in der Nähe und lernt, das Maß der Dinge zu schätzen.
Nun bin ich nicht mehr bloß - "bloß" - der Bürger d i e s e r Stadt, a l s
4er ich mich i m m e r gefühlt habe, son-dern durch Ihre Freundlichkeit E h r e n b ü r g e r . Ich nehme diese Ehrung dankbar an und grüße die, die neben m i r
in diesem Amt stehen. Ich freue mich, daß hier Rudolf Wisseil vor m i r
sitzt. Es i s t ein Geschenk, daß wir zwei alte Kerle - er ist ja noch wesentlich ä l t e r - diese Tage u n s e r e s Lebens so beschließen. Wir haben uns in
einem anderen Gremium neulich gefunden, und mein besonderer Gruß geht
t r a g i s c h in die Weite zu Hugo Heimann, dem verehrungsvollen Manne, dem
Berlin so viel dankt, was er geleistet hat in Arbeiterwohnungsbau, was er
geleistet hat in Volksbildung. Ich bitte, ihn mit m i r zu grüßen. Ich glaube,
ich darf der I n t e r p r e t I h r e r eigenen Empfindungen sein.
Wir hatten hier in diesem Haus nach dem Weltkrieg auch allerhand
P r o b l e m e und F ä h r n i s s e . Aber es lag damals ein s e l t s a m neuer Zug darüber:
warum denn dies? Weil nun auf einmal das Dreiklassenwahlrecht zerbrochen
war und weil nun manche Auseinandergespaltenheit Berlins in dem Großgebilde Berlin sich zusammengefunden hat. Auch damals nach einem v e r l o r e n e n
Kriege, weiß Gott, Hemmnisse genug, die K ä m m e r e r stöhnend, wie die Inflation kam, die Kohlendezernenten, die Ernährungsdezernenten. Aber wenn
wir Älteren daran denken, es will fast als eine Idylle erscheinen gegenüber
dem, was d i e s e r Generation in Berlin auferlegt worden ist. Damals hat
sich Berlin dann doch durch die Unverwüstlichkeit der Gesinnung des Volkes
aus der Sache herausgearbeitet. Aber es konnte es damals leichter. Es
war noch die Hauptstadt eines, wenn auch durch den Krieg schwer getroffenen, aber in seiner Einheit doch geretteten, ja, fast kann man sagen, gefestigten Landes. Berlin konnte damals von dem Umland Kraft ziehen. E s
gab seine Stärke in das Ganze hinein.
        
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