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Periodical volume Nr. 59, 18. März 1948, Außerordentliche festliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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vom sozial-revolutionären Zug der arbeitenden K l a s s e .
B e r l i n zeigte eine Überreife, Deutschland wunderte sich
und war doch stolz darauf. Aber auch Europa wunderte
sich. Durch den 18. März e r w a r b Berlin den Anspruch
darauf, die freie deutsche Hauptstadt in einem befreiten
Europa zu sein
Darin beruht die weltgeschichtliche Bedeutung des 18. März. Berlin und das ewige Recht
der Revolution, B e r l i n und der T r a u m vom unsterblichen
freien Deutschland haben sich an d i e s e m Tage für i m m e r
miteinander verbunden.

Gewiß ist diese Entwicklung vor allem und in e r s t e r Linie den
Männern auf den Barrikaden, nicht zuletzt den Handwerksgesellen und
A r b e i t e r n zu danken, die d a m a l s noch nicht in der Stadtverordnetenversammlung v e r t r e t e n waren. Aber wir Stadtverordneten von heute b r a u chen uns u n s e r e r Vorväter von 1848 nicht zu schämen. In den turbulenten Monaten der Revolution hat sich die Stadtverordnetenversammlung
a l s eine lebendige Volksvertretung bewährt. Sie hatte keinen Augenblick
die Beziehungen zu den revolutionären Massen v e r l o r e n , ja m a n c h m a l
schien diese Bindung und Verbindung mit den Volksversammlungen unter
den Zelten so eng, daß die Grenzen zwischen Volksversammlung und
Stadtverordnetenversammlung nicht m e h r deutlich zu sehen waren.
Die Stadtverordnetenversammlung von Berlin, die d a m a l s seit
einem halben J a h r e öffentlich tagte, t r a t in den Märztagen täglich zus a m m e n . Sie wuchs über das Aufgabengebiet der kommunalen Wirksamkeit
hinaus, wirkte unmittelbar in die allgemeine preußische und deutsche P o l i tik hinein. Stadtverordnetenvorsteher und O b e r b ü r g e r m e i s t e r haben in den
k r i t i s c h e n Märztagen fast täglich mit dem preußischen Ministerium und
der preußischen Krone verhandelt, ohne j e m a l s dabei die Fühlung mit dem
Volke zu v e r l i e r e n .
Einzelne Stadtverordnete haben mit auf den B a r r i k a d e n gekämpft,
alle fühlten sich mit den Kämpfern verbunden, und es ehrt sie, daß sie
sieh, bis „in die letzten Tage hinter die Kämpfer gestellt haben. Die Stadtv e r o r d n e t e n v e r s a m m l u n g wurde d a m a l s vorübergehend zu einem echten
politischen P a r l a m e n t ; nicht nur durch die weitgespannte politische Debatte, sondern auch dadurch, daß sie den Sturz d e s O b e r b ü r g e r m e i s t e r s
aus politischen Gründen herbeiführte, und vor a l l e m durch die von Selbstverantwortung und politischer Einsicht getragenen B e s c h l ü s s e , s i c h selbst
nach den kritischen Märztagen aufzulösen und sich dem Volke wieder zur
Wahl zu stellen. Ein i m Grunde für die damalige Zeit u n e r h ö r t e r Vorgang,
daß der O b e r b ü r g e r m e i s t e r wegen politischer Unmöglichkeit, wie e s in dem
Beschluß hieß, gestürzt w u r d e ! Und heute wie d a m a l s hat der s t e l l v e r t r e tende B ü r g e r m e i s t e r lange Zeit das Amt des O b e r b ü r g e r m e i s t e r s a u s g e übt, und ich glaube, sagen zu dürfen, daß d a m a l s wie heute Berlin nicht
schlecht
dabei gefahren ist.
        
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