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Periodical volume Nr. 95, 16. Dezember 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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] i s t oft darauf hingewiesen worden, daß Tausende in den Gefängnissen,
A r b e i t s l a g e r n und KZ's der r u s s i s c h e n Besatzungsmacht schmachten.
Bis heute weiß keiner der Angehörigen, wo und ob sie leben.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch der Verurteilten
des 9. Septembers gedenken. Hier liegt uns besonders das Schicksal der
jungen Menschen a m Herzen.
Das Elend der politischen Flüchtlinge verlangt u n s e r e besondere
Aufmerksamkeit. E s vergeht kein Tag, an dem nicht von der SED-Soldateska verfolgte Menschen ihren Wohnort aufgeben müssen.
Wir erheben u n s e r e Stimme an dieser Stelle und r u f e n die Welt um
Hilfe an, mit uns für die Befreiung aller der von uns erwähnten Menschen
einzutreten, und wir legen als Ausklang dieser S t a d t v e r o r d n e t e n v e r s a m m lung eine Entschließung vor, die folgendermaßen lautet:
Gebt die Kriegsgefangenen frei! Verhelft den Verschwundenen
zu den primitivsten und einfachsten Menschenrechten!
(Lebhafter Beifall.)
Vorsteher Stellv. Dr. S C H R E I B E R : Ich eröffne die B e s p r e chung. Das Wort hat F r a u B ü r g e r m e i s t e r Schroeder.
F r a u B ü r g e r m e i s t e r S C H R O E D E R : Meine H e r r e n und Damen!
Namens des ^Magistrats möchte ich mich von ganzem Herzen dem Appell
anschließen, den wir soeben von der F r a u Stadtverordneten Ida Wolff g e hört haben. E s gibt vielleicht keine größere Not als die Not, die F r a u e n und
Mütter durchzumachen haben, die ihren nächsten Angehörigen, den Mann,
den Sohn, i m m e r noch in fremder Gefangenschaft wissen oder die überhaupt
nichts über ihr Schicksal erfahren haben. Gerade heute habe ich in einer Besprechung gehört, daß mit a l l i i e r t e r Hilfe im Laufe der J a h r e seit K r i e g s ende fast in einer Million von Fällen der Tod des Gefangenen festgestellt
und dem betreffenden Standesamt und den Familien mitgeteilt werden konnte.
Aber noch gibt es eine unerhört große Zahl von Müttern, von F r a u e n und
Kindern, die über das Schicksal i h r e s liebsten Familienangehörigen nichts
wissen. Das ist eine besondere Grausamkeit, die nicht nur gegen die Genfer Konvention, sondern auch gegen die Menschlichkeit überhaupt verstößt.
(Sehr richtig! bei der SPD.)
Wenn wir uns jetzt anschicken, das Weihnachtsfest zu begehen, so wissen
wir, daß es für uns alle in diesem Jahr ein außerordentlich e r n s t e s F e s t
8ein wird, aber ein ündendlich t r a u r i g e s F e s t für alle jene Familien, die
i m m e r noch nicht vereint sind mit dem Vater, mit dem E r n ä h r e r , mit dem
•*
Freund, mit dem Sohn.
Aber es ist nicht nur m a t e r i e l l e und ideelle Not, es i s t auch eine
m o r a l i s c h e Not, unter der ganz besonders die jungen F r a u e n zu leiden haben, die nicht wissen, wo sie mit ihren Gedanken den Mann suchen können,
        
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