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Periodical volume Nr. 90, 26. November 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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sind, die wir zu t r a g e n haben.
Wenn ich als V e r t r e t e r der Sozialdemokratischen P a r t e i b e d a u e r licherweise dem Antrag der L i b e r a l d e m o k r a t e n nicht zustimmen kann,
so ebenfalls nicht, weil wir die Materie nicht kennen oder nicht b e h e r r schen, sondern weil wir eben die Materie vielleicht zu genau kennen.
Denn, meine Damen und H e r r e n , die Kriegsfolgen sind eben so e r s e h r e k kend, b e s o n d e r s auf dem gesundheitlichen Gebiete, daß wir mit einem
weit g r ö ß e r e n K r e i s von Schwerbeschädigten zu rechnen haben als nach dem
e r s t e n Weltkrieg 1914 - 1918. Darüber hinaus sprechen wir ja heute nicht
allein m e h r von Schwerkriegsbeschädigten, sondern schlechthin von Schwerbeschädigten. Der P e r s o n e n k r e i s i s t also bedeutend e r w e i t e r t , und wir
haben heute hier in Berlin allein mit ungefähr 112 000 P e r s o n e n zu r e c h nen, die unter diesen K r e i s fallen. E s dreht sich bei der Vergebung eines
A u s w e i s e s nicht nur darum, daß der betreffende Schwerbeschädigte eine
F a h r p r e i s v e r g ü n s t i g u n g bekommt, sondern es sind a l l e r l e i Rechtliche Vorteile damit verbunden, die es uns notwendig e r s c h e i n e n lassefn, den Vorzug,
im Besitz eines A u s w e i s e s zu sein, einen besonderen Vorrang geltend zu
machen, von besonderen Voraussetzungen abhängig zu machen, damit es
nicht dahin kommt, daß man die P e r s o n e n schützen muß, die keinen Ausweis
m e h r haben, was die Folge sein würde, wenn alle Schwerbeschädigten
schlechthin hier in B e r l i n in den Besitz eines Ausweise kämen. Denn ich
erwähnte schon die rechtlichen Folgen. Insbesondere bedeutet es auf dem
Gebiete des A r b e i t s r e c h t e s , wenn man im Besitz eines Ausweises ist, daß
man einen v e r s t ä r k t e n Kündigungsschutz genießt, und diesen können wir
mit dem besten Willen in der gegenwärtigen Situation insbesondere nicht
den ehemaligen Nationalsozialisten bieten. Das würde zu den k o m i s c h s t e n
Folgerungen im A r b e i t s p r o z e ß führen.
Wenn hier weiter gesagt wird, daß der Schwerbeschädigte, der nicht
im Besitz eines Ausweises ist, nicht angestellt wird, so hat es sich in der
P r a x i s ergeben, daß der Arbeitgeber nicht daran gehindert wird, einen
Schwerbeschädigten ohne Ausweis einzustellen. Nur eben wird dieser Schwerbeschädigte nicht in das Soll, das die V e r s i c h e r u n g s a n s t a l t dem Arbeitgeber
auferlegt, eingerechnet, und der Arbeitgeber hat das größte I n t e r e s s e , nur
Schwerbeschädigte zu beschäftigen, die i m Besitz eines solchen Ausweises
sind.
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A
.
Wenn hier weiter gesagt wird, daß die Einkommens grenze nicht v e r standen wird, daß also der Schwerbeschädigte, der aus eigener Tüchtigkeit
ein höheres Einkommen hat, bestraft wird, indem er nunmehr die F a h r p r e i s e r m ä ß i g u n g nicht m e h r hat, so m ü s s e n wir'von der Sozialdemokratischen P a r t ö i dazu feststellen - und diese Erkenntnis wird wahrscheinlich
der b r e i t e s t e n Bevölkerung langsam eingehen -, daß wir eben einen Krieg
v e r l o r e n haben und hier in Berlin nicht eine so gute finanzielle Situation h a ben, die es uns gegenwärtig ermöglicht, allen sozialpolitischen F o r d e r u n g e n
so gerecht zu werden, wie wir es gern möchten.
Nun zum P r o b l e m der S-Bahn! E s würde wahrscheinlich nach außen
        
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