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Periodical volume Nr. 90, 26. November 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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Geschäftsinhaber, die fahrlässig oder wissentlich einen g r ö ß e r e n Schwund
an bewirtschafteten Lebensmitteln hervorrufen, in Strafe genommen w e r den m ü s s e n . E s ist genau so selbstverständlich, daß Geschäftsinhaber,
die i h r e Geschäftsräume in e r s t e r Linie dazu benutzen, einen schwunghaften Schwarzhandel zu führen, sich strafbar machen. Wir können uns a b e r
nicht damit einverstanden e r k l ä r e n , daß laut d i e s e r Verordnung auch denjenigen Geschäftsinhabern eventuell die Geschäfte geschlossen werden können, die einen kleinen Umsatz oder einen zu geringen Absatz in b e w i r t schafteten Lebensmitteln haben, zumal in d i e s e r Verordnung nicht eine
Grenze über einen Mindestumsatz festgelegt ist. Wenn Sie, meine H e r r e n
von der CDU und SPD sagen, daß es Geschäfte gibt, die nur wenige Liter
Milch oder nur eine geringe Menge an Nahrungsmitteln oder dergleichen
ausgeben, und daß bei der Ausgabe einer so geringen Menge ein großer
Schwund entsteht, so können wir nicht glauben, daß diese Geschäfte so
v o r h e r r s c h e n d sind, daß sie eine e r n s t e Gefährdung der Gesamternährung
der B e r l i n e r Bevölkerung hervorrufen.
Wir bitten dringend, vor Annahme d i e s e r Verordnung noch einmal
an folgende F ä l l e zu denken. E s gibt Geschäfte, die seit Jahrzehnten b e stehen, d e r e n Inhaber heute ä l t e r e Leute sind, und die bei der schwierigen
He r a n Schaffung der Lebensmittel i m m e r h i n noch auch bei einem kleinen
U m s a t z ihr Dasein fristen. E s gibt genau so viele F r a u e n , deren Männer
bis heute nicht zurückgekehrt sind oder überhaupt nicht zurückkommen, die
verpflichtet sind, für sich und i h r e Kinder das Geschäft, so gut sie können,
aufrechtzuerhalten. Mit welchem Recht will man diesen Menschen die Geschäfte schließen, zumal ja gar nicht v o r a u s z u s e h e n ist, ob nicht bei einer
Lockerung der gesamten Wirtschaftslage sie sofort wieder einen größeren
U m s a t z e r z i e l e n können? Solche Maßnahmen würden m. E, der Gewerbefreiheit zuwiderlaufen.
Nirgends ist in dieser Verordnung ein Schutz gegen Willkür eingebaut. Wenn Sie uns sagen, daß es ja einen dreifachen Beschwerdeweg gibt,
so könnte gerade das uns auch noch v e r a n l a s s e n , gegen diese Verordnung
zu sprechen. Anstatt daß man der g e s a m t e n Bevölkerung bei der heutigen
Notlage möglichst Erleichterungen schafft, v e r s e t z t man hier Menschen in
ständige Angst und Sorge, weil sie einen zu kleinen Umsatz haben, daß man
ihnen das Geschäft schließen könnte, und dann will man sie noch durch den
ganzen Instanzenweg jagen, wobei sie nicht einmal wissen, ob das einen
Erfolg für sie haben wird. Eine d e r a r t i g e zusätzliche Seelenbelastung sollte man heute tunlichst v e r m e i d e n .
Wir stehen auf dem Standpunkt, daß es Mittel und Wege genug gibt,
grobe Verletzungen bei der Bewirtschaftung von Lebensmitteln abzustellen
oder zu ahnden. Wir können aber nicht einer Verordnung zustimmen, die
j e d e r Willkür Tür und Tor offen läßt. Die gegenwärtige F a s s u n g d i e s e r
Verordnung ist außerdem geeignet, u n l a u t e r e m Wettbewerb unter den Geschäftsinhabern in jeder F o r m Vorschub zu leisten; d. h. , Konkurrenzmanöv'e'r des einen Geschäftsinhabers gegen den anderen können dazu führen, daß
        
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