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Periodical volume Nr. 86, 21. Oktober 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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der gegen den Magistrat, der ihm das Vertrauen entzogen hat und ihn
für sein Amt nicht mehr als zuständig e r k l ä r t e , dieses Amt b e t r a t und
i m m e r noch weiter den Versuch macht, es zu tun, während H e r r Dr.
Mückenberger zur Zeit sitzt, unbekannt wo. Wir wissen nur, daß er sich
in dem G e r i c h t s g e w a h r s a m der r u s s i s c h e n Besatzungsmacht befindet in
der Erwartung einer Verhandlung vor einem Gericht, d e s s e n f o r m a l r e c h t liche Bedingungen ihm als Deutschemnicht bekannt sind, d e s s e n ganze
Handhabung ihm nicht bekannt sein kann. Er hat»um einen Rechtsbeistand
gebeten und hat einen r u s s i s c h e n Offizialverteidiger erhalten. Welche
Mißverständnisse durch sprachliche Interpretationen vorgekommen sind,
dafür ist die Stadt Berlin, möchte ich sagen, ein Musterbeispiel.
Und wenn H e r r Dr. Mückenberger die ganzen Bedingungen und die
Handhabung d i e s e s Tribunals nicht bekannt waren, so wäre es um so nötiger gewesen, daß er sich eines Rechtsbeistandes bedienen konnte, mit dem
er sich sprachlich voll verständigen kann, und der infolgedessen auch sein
ganzes V e r t r a u e n erhalten kann. Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich den Anwalt zu wählen, derf man wünscht, und ein Offizialverteidiger kann nur dann genommen werden, wenn es der Angeklagte aus
irgendwelchen Gründen selbst wünscht. Bei Männern, bei denen man wußte,
daß sie die letzte Verantwortung für die größten Verbrechen der Weltgeschichte trugen, wurde in Nürnberg von allen Besatzungsmächten die freie Wahl
des Anwalts zugestanden. Wir als Fraktion der SPD sind der Ansicht, daß
dieser Fall keine Verzögerung erlaubt wie alle jene F ä l l e , wo Deutsche aus
weltpolitischen Spannungen h e r a u s verhaftet wurden, und zwar glaube ich,
daß es nicht nur im I n t e r e s s e der deutschen Bevölkerung ist, sondern auch
im I n t e r e s s e der Besatzungsmächte selbst, die nur dann das V e r t r a u e n der
Bevölkerung bekommen können, wenn diese das Gefühl hat, daß sie gerecht
behandelt wird, und daß man auch ihre Rechte r e s p e k t i e r t .
Schließlich sind wir der Ansicht, daß eine Viermächteverwaltung nicht
nur der Bevölkerung Schwierigkeiten und K ü m m e r n i s s e eintragen muß, sondern wir könnten uns denken, daß gerade die internationale Besatzung der
Stadt Berlin auch beitragen könnte zu einem internationalen Verstehen und
Verstehenwollen. Aber wie gesagt, das wird nur dann möglich sein, wenn
die deutsche Bevölkerung das Gefühl hat, daß man aus Deutschland wieder
ein wirkliches Rechtsgebilde machen will. So bittet die Fraktion der SPD
das Haus, sich dem Antrag, den sie im I n t e r e s s e von Dr. Mückenberger gestellt hat, anzuschließen. Er lautet:
Wir bitten den Magistrat, sofort Schritte einzuleiten,
um die Gründe, die zur Verhaftung des L e i t e r s der zent r a l e n Kohlenstelle, Dr. Mückenberger, geführt haben,
festzustellen, weiter seine sofortige F r e i l a s s u n g zu e r w i r ken und - falls ihm berechtigte Vorwürfe zu machen sind -
        
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