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Periodical volume Nr. 82, 8. September 1948, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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Meine Damen und H e r r e n ! Wir stellen aus diesem Grunde folgenden
Dringlichkeitsantrag:
In zunehmendem Maße sind in letzter Zeit unter kommunistischem
Druck im Ostsektor bewährte leitende P e r s o n e n und Angestellte der
städtischen Verwaltung unter Verletzung der Verfassung und ohne
Einhaltung der a r b e i t s r e c h t l i c h e n Bestimmungen entlassen worden.
Unter Mißachtung aller gewerkschaftlichen Errungenschaften ist
dieser P e r s o n e n k r e i s unter ähnlichen Verhältnissen wie auf Grund
des § 4 des Nazigesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtent u m s aus seinen Positionen entfernt worden. Die Stadtverordnetenv e r s a m m l u n g betrachtet es als eine Ehrenpflicht, die aus politischen
Gründen gemaßregelten und damit um Arbeit und Brot gebrachten P e r sonen schnellstens in geeigneten Stellen wieder unterzubringen. Soweit dies in a b s e h b a r e r Zeit nicht möglich ist, sind sofort Maßnähmen zur Sicherung i h r e r wirtschaftlichen Existenz zu treffen. In der
gleichen Weise sind die F a m i l i e n der aus t e r r o r i s t i s c h e n politischen
Gründen verhafteten Angestellten der öffentlichen Verwaltung und
des Schuldienstes zu unterstützen.
Bekanntlich ist der B e z i r k s r a t Meyer vor einigen Tagen verhaftet worden.
Der B e z i r k s r a t Meyer ist der Finanzdezernent im Bezirk Pankow. Im Bezirk
Pankow sind bei den Pflichtbauten, den Befehlsbauten im Bauamt große Unterschlagungen vorgekommen. Verantwortlich ^ u r die Unterschlagungen
sind Kommunisten. Die Kommunisten laufen frei h e r u m , und der sozialdemokratische Finanzdezernent wird verhaftet, weil er angeblich m i t s c h u l dig an diesen Unterschlagungen ist. Das B e z i r k s a m t hat längst nachgewiesen, daß er damit nichts zu tun hat.
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Ein ähnlicher Vorgang spielte sich im B e z i r k s a m t P r e n z l a u e r Berg
ab, in dem der B e z i r k s r a t Nagel, auch ein Sozialdemokrat, verhaftet w o r den ist.
Wie uns heute bekannt wird, ist auch der L D P - B e z i r k s r a t Ness heute morgen verhaftet worden. Die Welle geht weiter. Dort, wo man mit Entlassungsgründen nicht auskommt, wird der gleiche Weg gesucht, den auch
die Nationalsozialisten früher gesucht haben: irgend etwas wird man schon
jedem, den man allein aus politischen Gründen beseitigen muß, anhängen
können, um ihn auf irgendeine Art zu beseitigen.
Ich bitte die Stadtverordnetenversammlung, diesen Antrag zu u n t e r stützen, und bitte den Magistrat, dafür zu sorgen, daß alle, die irgendwie
betroffen sind, und auch die F a m i l i e n der Verhafteten sofort die notwendige
Unterstützung finden.
Aber zum Schluß noch ein Wort! Am Sonntag ist der Tag der Opfer
des F a s c h i s m u s . Soweit wir u n t e r r i c h t e t sind, sollen aus ganz Europa
Opfer des F a s c h i s m u s in Berlin erscheinen, um i m Lustgarten gemeinsam
mit der Organisation VVN für die Opfer des F a s c h i s m u s zu d e m o n s t r i e r e n .
Meine Damen und H e r r e n ! Im J a h r e 1936, als die V e r t r e t e r der übrigen
        
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