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Periodical volume Nr. 82, 8. September 1948, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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Stadtv. M A T T I C K (SPD) : Meine Damen und H e r r e n ! E s ist
alles grad so, wie es damals war. Auch der zweite Antrag beschäftigt sich
mit den neuen Opfern des T e r r o r s . E r beschäftigt sich mit denen, die heute ähnlich behandelt werden, wie damals Mitarbeiter und Angestellte der
deutschen Verwaltungsstellen nach dem berühmten § 4 des H e r r n Hitler b e handelt wurden. Am kommenden Sonntag ist in Berlin eine Veranstaltung,
die den Opfern des F a s c h i s m u s gilt. Man gedenkt der Toten, und man e r k l ä r t sich solidarisch mit denen, die in den Konzentrationslagern, in den
Gefängnissen waren, mit denen, die ganz b e s o n d e r s auch auf Wunsch der
SED Opfer des F a s c h i s m u s genannt werden, die in den J a h r e n 1933 und
1934 nach dem berühmten § 4 aus ihren Dienststellen und A r b e i t s s t e l l e n
auf die Straße geworfen wurden und nicht wußten, womit sie ihr Leben weit e r fristen sollten, die auch keine Möglichkeit hatten, eine andere Arbeit
zu finden, weil sie inzwischen nach dem berühmten Muster als sogenannte
Antifaschisten gestempelt waren und im faschistischen Deutschland keine
Arbeit m e h r finden konnten.
,
Wir haben es heute wieder mit Menschen zu tun, die aus ähnlichen
Gründen als Opfer des neuen T e r r o r s auf die Straße fliegen, mit Menschen,
die drei J a h r e lang ihre Pflicht, ja oftmals mehr als i h r e Pflicht getan haben, die aus der Überzeugung h e r a u s , für den Neuaufbau Deutschlands, für
den Neuaufbau der Stadt Berlin ihre ganze Kraft zur Verfügung stellen zu
m ü s s e n , verantwortliche Stellen bei der Stadtverwaltung übernommen haben,
die weit über i h r e normale Arbeitszeit hinaus b e r e i t sind, zu arbeiten, um
beim Aufbau der Stadt mitzuwirken. Sie fliegen heute i m Ostsektor a m laufenden Bande auf die Straße. Die einzige wirkliche Begründung für die Entlassung dieser Menschen ist die Tatsache, daß sie entweder der SPD, CDU
oder LDP angehören oder - u m es k ü r z e r zu sagen - nicht bedingungslos
zu den Maßnahmen der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht j ' a sagen
und bedingungslose Handlanger einer fremden Macht in Deutschland geworden
sind. Wir haben in der letzten Zeit in der B e r l i n e r Stadtverwaltung des Ostsektors und auch in der Zentralverwaltung, soweit die r u s s i s c h e B e s a t z u n g s macht darauf Einfluß hat, eine erhebliche Zahl solcher Entlassungen zu v e r zeichnen. Man geht hierbei ganz konkret vor. Nach den Wahlen des 20. Oktobe-r^ aus d«nen die Sozialdemokratische P a r t e i in allen Beziirken auch d,es
O s t s e k t o r s als s t ä r k s t e P a r t e i hervorgegangen ist, war es s e l b s t v e r s t ä n d lich, daß sie den e r s t e n B ü r g e r m e i s t e r und das Amt für P e r s o n a l und V e r waltung gemäß der Vorläufigen Verfassung zu besetzen hatte. Als e r s t e Voraussetzung, um nunmehr den befehlsmäßigen Reinigungsprozeß durchzuführen, verabschiedet man unter den fadenscheinigsten Begründungen die P e r sonalreferenten, d.h. die gewählten Mandatsträger, die B e z i r k s r ä t e für P e r sonal und Verwaltung in den östlichen Bezirken. In fünf Bezirken sind b i s her von acht Bezirken laut Befehl diese P e r s o n a l d e z e r n e n t e n abgelöst worden. Nachdem die e r s t e n B ü r g e r m e i s t e r , die verantwortlichen B ü r g e r m e i s t e r es a l s ihre selbstverständliche Pflicht angesehen haben, nunmehr in
Stellvertretung vorläufig dieses Amt zu übernehmen, erhalten die B e z i r k s b ü r g e r m e i s t e r des O s t s e k t o r s den Befehl der r u s s i s c h e n Besatzungsmacht
        
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