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Periodical volume Nr. 73, 19. Juni 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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Sie werden fragen: was erkühnt der Mann sich,in der F o r m zu s p r e chen? Ich muß! Ist es nicht schlimm genug, daß d r e i J a h r e nach Beendigung eines K r i e g e s das Leiden des deutschen Volkes noch nicht beendet
sein darf?
(Zustimmung bei der SPD, der CDU und der L D P . )
Ist es nicht g r a u s a m , daß wir außerhalb des R e c h t s , der F r e i h e i t und v i e l leicht der einfachsten Menschenrechte heute noch nicht selbst b e s t i m m e n
dürfen, was aus uns und u n s e r e r Stadt wird? Ist es nicht ein Unrecht, uns
zu verbieten, a u s z u s p r e c h e n , daß, wenn d r e i gegen einen stehen, w a h r scheinlich das Unrecht bei dem einen liegen wird! Man nennt uns V e r r ä t e r ,
wenn wir der Minderheit sagen: "Ihr i r r t " . In der modernsten Entwicklung
scheint es so zu sein, als wenn die Minderheit das Richtige v e r t r ä t e und
die Mehrheit i r r t . Das nenn man dann Demokratie. Wir m ü s s e n das Recht
haben, gegen diese Dinge aufzubegehren. Kein Mensch hat das Recht, uns
dabei vorzuwerfen, wir liefen Sturm gegen eine Besatzungsmacht. Wir laufen Sturm für das Recht u n s e r e r Heimat und für die F r e i h e i t . F ü r die B e r liner, die genug gelitten und geleistet haben, glaube ich endlich einmal s a gen zu m ü s s e n : ihr dürft uns jetzt nicht m e h r zwingen. Wir wollen in dieser einfachen F r a g e selbst entscheiden.
(Lebhafte Zustimmung bei der SPD,

der CDU und der L D P . )

Wenn uns nun gesagt wird, wir sollten der einen oder anderen Zone a n g e hören, dann a^oll man uns entscheiden l a s s e n . Wir wehren uns dagegen,
daß Besatzungsmächte den Text für diese Dinge diktieren, wie wir uns dagegen wehren, daß die Besatzungsmächte, ganz egal, welche, in das Entscheidungsrecht sogar innerhalb u n s e r e r P a r t e i e n eingreifen. U n s e r e einfachen P a r t e i m i t g l i e d e r können sich noch nicht einmal zur Findung eines
Willens vereinigen, weil Besatzungsmächte willkürlich eingreifen. Und
dann spricht man von Kolonialgebieten, die wir e r s t r e b t e n . O nein! Wir
e r s t r e b e n nur die F r e i h e i t auch für u n s e r e Menschen in Berlin» Man soll
uns nicht in eine Währung hin ein zwingen. Wenn vorhin ein frivoler Zwischenrufer - es lohnt sich nicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen; er hätte
das die Geistigen in seiner P a r t e i machen l a s s e n sollen - von " T r a b a n t e n
der B e s a t z u n g s m ä c h t e " sprach, dann hat er wahrscheinlich die eigene Visitenkarte in der Hand gehabt. Aber eines machen wir für uns geltend. Wir
haben uns weder das P a r t e i h a u s noch u n s e r e Privatwohnungen schenken l a s sen, und wir lehnen es ab, uns Direktiven von irgendeiner Besatzungsmacht
geben zu l a s s e n . Auch gegen den Willen der drei würden wir behaupten:
Berlin hat das Recht, seine eigene Stimme geltend zu machen, wenn es sich
kulturell oder wirtschaftlich zu entscheiden hat. Ihr könnt uns in Sklavenketten halten, wir werden dagegen aufbegehren; denn hundert J a h r e lang
könnt ihr nicht Sieger sein. Einmal müßt ihr wieder die Menschen in uns
erkennen, und einmal werden wir wohl wieder freie Bürger der Welt werden.
F ü r c h t e t euch davor, daß wir euch m o r a l i s c h anklagen m ü s s e n , wenn ihr
das Siegerbewußtsein ü b e r s t e i g e r t habt und wenn ihr den F r i e d e n nicht v e r standet !
        
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