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Periodical volume Nr. 71, 8. Juni 148, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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k u r z e r Zeit von jungen Gymnasiasten aus der Ostzone Besuch gehabt. Die
haben mir erzählt: wir haben nichts von den großen Räumen und Strömungen gehört, die damals über Europa gingen, wir haben nichts davon gehört,
daß diese Strömungen eigentlich weitgehend ihren Ursprung in Frankreich
hatten. Das wäre auch Angelegenheit des Geschichtsunterrichtes, und das
zu wissen, würde vielleicht sehr viel dazu beitragen, eine Verständigung
zwischen uns und unserem französischen Nachbarn herbeizuführen.
An die Besatzungsmächte möchte die Fraktion der SPD die Bitte r i c h ten: Zwingen Sie nicht die Jugend zur Einseitigkeit! Zwingen Sie sie nicht
zur Abhängigkeit von einer Nation! Lassen Sie sie sich bilden und orientieren! Sorgen Sie lieber dafür, daß die Historiker aller Welt sich an einen
Tisch setzen, um gegenseitig die Geschichtsbücher abzustimmen, damit endlich einmal dem Völkerhaß ein Ende gesetzt wird.
Und so ist es Bitte und Wunsch meiner Fraktion, daß dafür gesorgt
wird, endlich den Zustand des Vakuums zu beenden, endlich den Geschichtsunterricht wieder einzuführen und endlich wirklich die Garantie zu geben, daß
die Gegenwartskunde nicht zu einer einseitigen politischen Propaganda benutzt
wird.
(Beifall bei der SPD.)
Stadtv. Max K R E U Z I G E R
(SED) : Meine Damen und Herren!
Ich möchte zunächst unmißverständlich erklären, daß wir die Beeinflussung
u n s e r e r Lehrpläne durch Befehle für einen nicht tragbaren Zustand halten
und Verwahrung dagegen einlegen, daß der Unterricht inhaltlich durch Befehle bestimmt wird.
•* 4 >-Aber ich glaube, die hier vorliegende Anfrage geht nicht auf die Tatsache dieses Befehls zurück, sondern wendet sich an die Themen. Die Themen, die der Anfrage der CDU zugrunde lagen, waren die Einheit Deutschlands, der Volkskongreß, der 1. Mai, und es waren dieselben Themen, die
den '^Telegraf" vef anlaßt halben, von diesen Lehrplämen als von einer unerhörten Zumutung sowohl an die Lehrer als auch an die Eltern zu sprechen.
Meine Damen und Herren! Wir befinden uns in der Tat vor einem sehr
ernsthaften Problem. Gibt es jemand im Hause, der der Meinung ist, daß
unsere Schule die ruhige Insel innerhalb u n s e r e s gesamten öffentlichen und
gesellschaftlichen Lebens darstellt? - Ich glaube, Sie alle sind der Überzeugung, daß die Schule ein Stück des gesellschaftlichen Lebens ist, daß sie nicht
neben diesem gesellschaftlichen Leben stehen darf, daß es also richtig ist
- F r a u Kollegin Leber hat das ja auch unterstrichen - , die Jugend mit den
Gegenwartsproblemen zu beschäftigen.Hier beginnt in der Tat die große Schwierigkeit.
(Zuruf von der SPD: Aber nicht politische Einseitigkeit!)
        
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