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Periodical volume Nr. 71, 8. Juni 148, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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Ich muß zum Schluß kommen. Ich möchte Ihnen sagen: wir Sozialdemokraten hoffen, daß solche Befehle von der Bevölkerung richtig v e r standen werden. Sie haben den Zweck, politische Differenzierungen zu
entwickeln, die m e h r und m e h r die Bevölkerung z e r r e i ß e n und die Einheit
Berlins stören und selbst den politischen Charakter der Berliner Bevölkerung zerschlagen sollen.
Stadtv. S C H E L L I N (CDU) : Meine Damen und H e r r e n ! Auch
wir von der C h r i s t l i c h - D e m o k r a t i s c h e n Union haben den Befehl Nr. 20
des G e n e r a l m a j o r s Kotikow mit s t a r k e m Befremden aufgenommen, nicht
nur, weil er an sich Dinge regelt, die n o r m a l e r w e i s e entweder den Gewerkschaften durch Verhandlungen mit den Arbeitgebern vorbehalten sind oder
allein der Gesetzgebung u n s e r e r Volksvertretung unterliegen, sondern auch
deshalb, weil er durch B e r l i n eine neue Linie legt, eine neue Grenze aufrichtet in einem Augenblick, da wir in ganz Deutschland den Ruf nach der
Einheit erheben und wünschen, daß nichts getan wird, was diese Einheit
z e r s t ö r e n könnte. Es kann a b e r keinem Zweifel unterliegen, daß d i e s e r
Befehl Nr. 20 nicht der Einheit B e r l i n s dient. Denn es ist p r a k t i s c h ganz
unmöglich, daß etwa A r b e i t n e h m e r im r u s s i s c h e n Sektor in demselben Fach
nach einem anderen Tarif entlohnt werden, als es etwa im b r i t i s c h e n oder
a m e r i k a n i s c h e n Sektor der F a l l sein würde. Solche Unterscheidungen w ü r den, wenn sie p r a k t i s c h werden sollten, Berlin in eine ganze Fülle von einzelnen Sektoren aufspalten.
E s ist aber in der P r ä a m b e l des Befehls ein Satz von
Bedeutung. E s heißt dort:

eigenartiger

Man kann es nicht als gerecht betrachten, wenn die A r b e i t e r und Angestellten in der Hauptstadt von Deutschland, in Berlin, das in der
sowjetischen Besatzungszone liegt, unter schlechteren m a t e r i e l l e n
und rechtlichen Bedingungen lebe« a l s die A r b e i t e r und Angestellten
in der sowjetischen Besatzungszone.
E s kann und braucht nicht u n s e r e Aufgabe zu sein, den Unterschied h e r a u s zustellen in den Lebenshaltungsmöglichkeiten zwischen den Bewohnern B e r lins und der Ostzone. Ich darf nur das eine hier feststellen, daß wir gerade
in diesem Hause wiederholt Anträge vorliegen gehabt haben von den A r b e i t n e h m e r n in den Randgebieten rund um Berlin, die in der sowjetischen Zone
liegen, Anträge, die dahin gingen, daß diese Bewohner zu den gleichen B e dingungen verpflegt sein möchten, wie es in Berlin üblich ist.
(Sehr gut! und Zuruf:

Klein-Machnow!)

Schon diese Tatsache zeigt ganz deutlich, daß B e r l i n nicht im Hinterr. hang steht, sondern tatsächlich im Vordergrund steht und eher ein Beispiel
für die Zone abgeben könnte als umgekehrt.
Nun aber sollten wir auch P r o t e s t dagegen erheben, daß wir dauernd
durch Befehle zur Regulierung u n s e r e r Verhältnisse gezwungen werden s o l len. An sich sind wir als Volksvertretung berufen, die Gesetze zu schaffen,
        
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