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Periodical volume Nr. 69, 25. Mai 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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Ich möchte noch einmal ganz k u r z auf die allgemeine Situation eingehen. Wir kommen mit diesem Gesetz, das natürlich nicht b e r e i t s im
Frühjahr oder im Sommer 1945 geschaffen werden konnte, doch etwa ein
bis anderthalb J a h r e s p ä t e r , a l s es eigentlich u n s e r e m o r a l i s c h e Pflicht
gewesen w ä r e , und es ist außerordentlich zu bedauern und es läßt sich e i gentlich gar nicht wiedergutmachen, daß wir e r s t jetzt die praktischen Möglichkeiten ins Auge fassen, u m wenigstens regional für B e r l i n eine e r t r ä g liche Wiedergutmachung zu beschließen. Wir m ü s s e n uns dabei, wie ich
glaube - und der Kollege Baum hat es ja schon ziemlich deutlich gemacht i m m e r wieder vor Augen halten; es handelt sich hier ja u m Menschen, s o weit sie heute noch a m Leben sind, die zwölf J a h r e i h r e s Lebens hindurch
nicht wußten, ob sie a m nächsten Morgen noch i h r e Wohnung frei v e r l a s s e n
konnten oder ob sie nicht bei Tagesanbruch b e r e i t s geholt w a r e n und v e r schleppt wurden. Ich meine, man sollte auch bei den ganzen Arbeiten, die
jetzt vor uns liegen, sich davon leiten l a s s e n , gerade auch solche von uns e r e n Stadtverordneten zu Worte kommen zu lassen, denen es in der Hitl e r z e i t nicht b e s o n d e r s gut gegangen ist, und die im weiteren oder engeren
Sinne zu denjenigen gehören, die diese tiefen seelischen und zum Teil auch
k ö r p e r l i c h e n Leiden haben durchmachen m ü s s e n .
Wenn Sie nun mit den S p r e c h e r n derjenigen zusammen kommen, die
i h r e Ansprüche geltend machen und die in diesem Wiedergutmachungsgesetz berücksichtigt werden sollten, dann werden Sie verschiedene F e s t s t e l lungen machen. Einmal, daß es sich um einen sehr v e r s c h i e d e n a r t i g zus a m m e n g e s e t z t e n K r e i s handelt, der sehr unheitlich auftritt und der in sich
selbst auch sehr wenig geschlossen erscheint. Das liegt in der Natur d i e s e r
ganzen Entwicklung. E s gibt eben viele P a r a l l e l f ä l l e , a b e r natürlich noch
sehr viel m e h r völlig getrennt voneinander entwickelte E i n z e l s c h i c k s a l e .
E s ist selbstverständlich ein großer Unterschied, ob diese Ansprüche von
jemand gestellt werden, der heute noch u n s e r e deutsche Staatsangehörigkeit
hat oder ob er b e r e i t s eine a n d e r e Staatsbürgerschaft hat. E s ist f e r n e r ein
Unterschied, ob er in Deutschland bleiben will oder ob er auswandern will.
Derjenige, der auszuwandern wünscht, will eine sofortige Hilfe und diese
so weitgehend wie möglich haben. Diejenigen K r e i s e , die entschlossen sind,
hier zu bleiben, nehmen viel m e h r Bedacht auf das enge Maß des Möglichen,
und sie l a s s e n sich viel mehr davon beeindrucken, daß es keinen Zweck hat,
L a s t e n auf ein Gemeinwesen wie Berlin zu häufen, die es auf die Dauer oder
im Augenblick vielleicht noch gar nicht t r a g e n kann.
Eins aber haben diese v e r s c h i e d e n a r t i g zusammengesetzten K r e i s e
der Wiedergutmachungsberechtigten wohl gemeinsam, und zwar die F u r c h t ,
von den Behörden, zu denen sie kommen, i m m e r nur ein Nein zu hören und
auch von den politischen P a r t e i e n und von den Fraktionen der Stadtverordnet e n v e r s a m m l u n g Zusagen zu erhalten oder Hoffnungen gemacht zu bekommen,
an deren Ende dann doch eine Enttäuschung steht. Deshalb glaube ich, daß
die Arbeit d i e s e s Hauses sich darauf richten sollte, nun eine neue Enttäuschung d i e s e r Menschen unter allen Umständen zu vermeiden. Die F o r d e r u n gen, die aus diesen K r e i s e n erhoben werden und die auch gerade m i r i m m e r
        
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