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Periodical volume Nr. 69, 25. Mai 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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W i r begrüßen den Antrag, der hier gestellt worden ist, das Gesetz
einem Sonderausschuß zu überweisen, unterstützen diesen Antrag und bitten um Überweisung des G e s e t z e s nach Bildung dieses achtzehnköpfigen
S o n d e r a u s s c h u s s e s an diesen, Ausschuß.
J'.
Stadtv. B A U M (SED) : Meine Damen und H e r r e n ! E s sind nun
d r e i J a h r e vorbei, seitdem die H i t l e r r e g i e r u n g nicht mehr existiert, und
jetzt fangen wir an, uns über Wiedergutmachung zu unterhalten. Nehmen
wir den Vorschlag des M a g i s t r a t s vor - entschuldigen Sie schon, H e r r Stadtr a t ! - , dann . gewinnt man den Eindruck, daß diejenigen, die das Gesetz g e macht haben, eigentlich nicht gewußt haben, was sich in den letzten awölf
J a h r e n ereignet hat, und wer im wesentlichen die T r ä g e r des Widerstandes
waren lind auf Grund d e s s e n in die Zuchthäuser und Konzentrationslager g e kommen sind. H e r r Stadtrat, wenn in I h r e m Gesetz beispielsweise eine Klausel i s t , die sagt, daß Werte nicht wiedergutgemacht werden sollen, die weniger a l s tausend Mark umfassen, dann wollen Sie damit die Tatsache negieren,
daß die entscheidenden Kräfte gegen Hitler aus der Arbeiterbewegung gekommen sind, und daß diese im allgemeinen nicht m e h r a l s tausend Mark V e r m ö gen hatten. Entschuldigen Sie schon, ich kann in d i e s e m Falle sogar von m i r
sagen, ich habe früher n i e m a l s ein Vermögen b e s e s s e n , das tausend Mark
umfaßt hat, und vielen in m e i n e r Fraktion, und ich glaube, ich gehe nicht
fehl, auch in den anderen Gruppen der Arbeiterbewegung geht es nicht a n d e r s .
Ich glaube, wir können nicht mit Unrecht sagen, wenn es einen Widerstand
in Deutschland'gegen das N a z i r e g i m e gab, dann gab es ihn vorwiegend in Ber 1 lin und ausgehend von der B e r l i n e r Arbeiterbewegung. Ein Gesetz zu machen,
.ohne diese Tatsache zu berücksichtigen, heißt, an den Realitäten v o r ü b e r gehen. Das scheint m i r a l s e r s t e s dazu notwendig zu sagen.
Sie sollten an eine a n d e r e Sache denken, meine Damen und H e r r e n !
Wenn Sie wiedergutmachen wollen, dann dürfen Sie nicht v e r g e s s e n , daß
von den etwa 8 bis 10 Milliarden jüdischen V e r m ö g e n s , die es einmal in
Deutschland gab, zuletzt über 4 Milliarden in Berlin gewesen sein mögen,
und Sie m ü s s e n sich deshalb ganau überlegen, ob nun ein Gesetz zunächst
wiedergutmachen soll oder ob es auch a l l e s r ü c k e r s t a t t e n soll. In diesem
Zusammenhang spricht m e i n e r Meinung nach nur eine Tatsache eine deutliche Sprache. Da heißt es, daß sich einer Meldung des " K u r i e r " zufolge in
Bayern auf einen Aufruf des S t a a t s k o m m i s s a r s für die Wiedergutmachung
von den zu e r w a r t e n d e n P e r s o n e n , die angenommen wurden, in München
lediglich 5% und in der a m e r i k a n i s c h e n Zone nur 2% gemeldet haben. Ich
glaube, meine Damen und H e r r e n , daß diese Zahl außerordentlich i n t e r e s sant ist, weil sie uns gleichzeitig eine Antwort darauf gibt, was mit den ü b r i gen ist. Bei der Wiedergutmachung dreht es sich nicht nur darum, daß ein
Unrecht Wiedergutgemacht wird, sondern daß die wenigen Überlebenden in
einen Zustand v e r s e t z t werden, daß sie-,eine Existenz haben. Meine Damen
und H e r r e n ! Ist es dehn wirklich unbekannt,»-daß hier aus B e r l i n rund 200bis 300 000 Juden nach Auschwitz-geführt.wurden? Ist es denn unbekannt, daß
davon beispielsweise eine ganze Reihe junge Mädchen im Alter von 12 bis 14
        
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