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Periodical volume Nr. 68, 13. Mai 1948, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1948

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nicht erlebt. Wir haben in England, A m e r i k a und F r a n k r e i c h eine Ausbildung des freiheitlichen Staatsbürgerbewußtseins, die es sich v e r b e t e n .hat,
daß private Machtpolitik w i r k s a m werdend eine Konkurrenz des Staates
wurde, j e n e s Staates, den der freiheitliche Staatsbürger a l s etwas b e t r a c h tet, was seine Sache ist, die er selber in der Hand zu halten hat. In A m e r i ka haben wir das Antitrustgesetz und Antikartellgesetz gehabt. Ich b r a u c h e
nicht aufzuzählen, in welcher F o r m . Aber wir haben erlebt, daß der S t a a t s b ü r g e r sich gegen solche Machtbildungen gewehrt hat. Ich hätte es begrüßt,
H e r r Dr. Reif, wenn I h r e Stellungnahme nicht nur negativ, sondern auch
positiv in dem Sinne gewesen w ä r e , daß Sie gesagt hätten, was wir machen
sollen.
Und nun, v e r e h r t e H e r r e n von der CDU! E s ist in der Tat heute folgendes festzustellen. Ich bin glücklich d a r ü b e r , daß m a n bei Ihnen weiß:
es ist eine a n d e r e Zeit, es i s t eine a n d e r e Stunde; Sie nehmen nicht nur
darauf Rücksicht, daß die großen Massen vom Glauben aus fortschrittlich
o r i e n t i e r t sind, sondern Sie wissen auch, daß die großen M a s s e n Ihnennidt nur
deshalb angehören, weil sie gläubig sind, sondern auch deshalb, weil diese
großen M a s s e n heute ein a n d e r e s Schicksal erleben, als sie es früher e r lebt haben, weil diese großen Massen heute total p r o l e t a r i s i e r t sind. Sie
wissen, daß Sie dementsprechend auch zu handeln haben. Darüber bin ich
glücklich, daß Sie das wissen. Aber in der großen Linie sollten Sie dann
auch sehen, daß es in der Tat notwendig ist, eine p r o g r a m m a t i s c h e , grundlegende Änderung I h r e r Haltung vorzunehmen. Ich habe im Ausschuß einmal
daran e r i n n e r t : es war im J a h r e 1862, a l s G ö r r e s , der Vorläufer des Windthor stbundes, die F r a g e aufgeworfen hat, a l s d a m a l s die Entwicklung, die
unter den Erzbischöfen und Bischöfen Korum von T r i e r und Ketteier b e r e i t s
sich abzeichnete, in die s o z i a l r e a k t i o n ä r e Linie einbog - das können Sie
nicht bestreiten; das werden Sie ohne w e i t e r e s zugeben -, in die u n t e r n e h merfreundliche, in die kapitalistenfreundliche Linie. Heute darf nicht nur
der Mund gespitzt werden, sondern es muß auch gepfiffen werden. E s muß
heute klar sein, daß die Entwicklung, die 1862 verfehlt worden ist, a l s m a n
ausgerufen hat: "Wo bleiben u n s e r e katholischen Geheimen K o m m e r z i e n r ä t e ? " , sich nicht wiederholen darf. Insofern sind wir außerordentlich froh,
daß Ihre Entwicklung und Ihre politische Stellungnahme eindeutig und k l a r
ist. Sie war eindeutig in der F r a g e des S o z i a l i s i e r u n g s g e s e t z e s , und wir h a ben das außerordentlich begrüßt. Sie haben auch erkannt, daß es sich d a r u m
handelt, die soziale Verfassung und Wirtschaftsverfassung zu ändern. Aber
ich habe nicht den Eindruck, daß Sie mit demselben Verständnis und mit d e r selben Klarheit an die F r a g e herangegangen sind, daß bei d e r Änderung der
Wirtschaftsorganisation dieselbe Entschlossenheit notwendig ist; denn es
handelt sich um genau dieselbe F r a g e . E s handelt sich jetzt d a r u m , daß in
der Wirtschaftsorganisation die Voraussetzungen dafür geschaffen werden
sollen, daß das Wirtschaften eine gesellschaftliche Funktion mit der Wirkung
ist, das freiheitliche Staatsbürgerbewußtsein zum H e r r s c h e r über das g e sellschaftliche Schicksal zu machen.
        
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