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Periodical volume Nr. 48, 27. November 1947, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1947

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vorhanden, eine Schuld, für die der einzelne L i b e r a l e nicht kann, eine
Schuld, die d a r i n besteht und die wir i m m e r wieder begehen, daß m a n
geschichtliche Entwicklungen, daß man ökonomische und gesellschaftliche
Zustände nicht rechtzeitig erkennt und beurteilt. E s hat einmal jemand
gesagt, die M i l i t ä r s führten i m m e r den letzten Krieg und nicht den nächsten. In der Wirtschaft und in der Gesellschaft i s t es ähnlich. Wir analys i e r e n Zustände, die vergangen sind, wir kommen über gewisse V o r s t e l lungen der Vergangenheit nicht hinweg, wir sind m i t der gesellschaftlichen Organisationstechnik nicht so weit, wie es die Technik, der Verkehr
und die politische Organisation ist. Diese Dinge zu erkennen, ist wesentlich und dazu mag vielleicht eine solche A u s s p r a c h e auch dienen. Aber
wenn hier die F r a g e d e r F r e i h e i t im Zusammenhang mit den Verbänden
gestellt wird, dann bin ich durchaus d e r Meinung von H e r r n Dr. Reif,
daß der F o r t s c h r i t t nur durch persönliche F r e i h e i t und persönliche Entfaltung möglich ist. Aber es ist ein Unterschied, ob sich das Individuum
hemmungslos entfalten kann, oder ob diese Entfaltung der P e r s ö n l i c h k e i t
sich im Rahmen der Gesellschaft, ja ich möchte noch m e h r differenzieren,
im Rahmen der Gemeinschaft vollzieht. Denn die Gemeinschaft ist nicht
kollektiv, und Sie alle wissen, daß der Wert d e r P e r s ö n l i c h k e i t nicht im
Individuum und seinen Fähigkeiten und seinem Können besteht, sondern d a r in, daß dieses Individuum sich in der Gesellschaft wiederfindet, daß es
für die Gesellschaft, für die Gemeinschaft seine Fähigkeiten und seine T a lente entfalten kann. Wir sind auf dem Wege zu einer sozialistischen G e sellschaft, und wir führen gerade um diese sozialistische Gesellschaft und
in d i e s e r sozialistischen Gesellschaft den Kampf um die F r e i h e i t d e r P e r sönlichkeit gegen Kollektivierung und V e r m a s s u n g , für Persönlichkeit, für
F r e i h e i t in der Gemeinschaft, für die Gemeinschaft, und von diesem Gesichtspunkt gehen letzten Endes auch u n s e r e Vorschläge d e r K a m m e r a u s .
Wenn wir heute in d i e s e m Rahmen erkennen, daß wir planen m ü s sen, dann s t i m m e ich auch h i e r wieder m i t H e r r n Dr. Reif überein. Auch
die liberale Wirtschaft hat geplant, o ja, es i s t sehr gut, daß uns H e r r Dr.
Reif daran e r i n n e r t , denn die T a t s a c h e , daß die liberale, die sogenannte
freie Wirtschaft geplant hat, ist d e r beste Beweis gegen die Behauptung,
der Eingriff des Staates habe die freie Wirtschaft ruiniert. Meine Damen
und H e r r e n ! Sie wissen genau, die sogenannte freie Wirtschaft hat das
freie Spiel der Kräfte, von dem sie lebte - denn d i e s e s freie Spiel der Kräfte sollte ja den wirtschaftlichen Effekt erzielen, die beste Ware zum
billigsten P r e i s auf den Markt zu bekommen -, sie hat dieses freie Spiel
d e r Kräfte von s e l b e r ausgeschaltet. Sie hat es vielleicht ausschalten m ü s sen, weil ja die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft und die
F o r t s c h r i t t e , die sie gebracht hat und die keineswegs b e s t r i t t e n werden,
allmählich zu einer Saturierung d e r Märkte, zu einer quantitativen B e darfsdeckung geführt haben. Und nun haben diese H e r r e n geplant. Sie haben - schon in der Zollpolitik liegt eine Planung - in nationalen und i n t e r nationalen Kartellen, in Marktabreden, in Kontingentierungen, in der Unterteilung d e r Welt nach Märkten und Interessengebieten in größtem U m fange geplant. Sie haben geplant im I n t e r e s s e des P r o f i t s . Sie werden nicht
        
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