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Periodical volume Nr. 31, 29. Mai 1947, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1947

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Wir alle, die wir in den J a h r e n des F a s c h i s m u s gelitten haben,
wissen, daß wir in den Gefängnissen, Zuchthäusern und Kzs
die Möglichkeit hatten, Nachrichten an die Angehörigen zu geben. Wenn auch nicht i m m e r in einem normalen Zeitabstand
Nachrichten gegeben werden konnten, so bestand doch i m m e r h i n die
Möglichkeit, eine Nachricht zu geben. Jetzt m ü s s e n wir aber e r l e ben, daß tausende von B e r l i n e r n verschwunden sind und nicht die
Möglichkeit haben, d i e s e s Recht, das selbst der F a s c h i s m u s noch
gewährte, wahrzunehmen.
(Lebhafte Rufe bei der SPD und der CDU:
H ö r t ! Hört!)
Mein Kollege V o r r e d n e r hat b e r e i t s die Zahlen genannt, die
uns zur Verfügung stehen. Bekanntlich hatteGeneral Clay im August
gesagt, ihm s e i nicht bekannt, daß aus politischen Gründen Leute
verschwänden. Daraufhin habe ich in einer Versammlung im B e r l i ner T i e r g a r t e n die Angehörigen der Verschwundenen gebeten, man
möge an die SPD einmal die Namen senden. Bis zum heutigen Tage
haben wir die b e r e i t s genannte Zahl von 5 413 Namen erhalten, die
wir zur Verfügung stellen könnenr
(Hört! H ö r t ! )
Das sind uns bekanntgewordene Namen von B e r l i n e r n , die v e r s c h w u n den sind. Die Zahlen sprechen für sich. Soll ich noch irgend etwas s a gen? Muß ich noch begründen, daß d i e s e r Antrag eine Notwendigkeit
i s t ? Man glaubte doch, daß nach der Niederschlagung des F a s c h i s m u s
d e r a r t i g e Zustände in Mitteleuropa unmöglich sein würden.
(Lebhafte Zustimmung bei der SPD, der CDU
und der L D P . )
Nun möchte ich eines zu dem Einwurf sagen, ob es denn nicht
möglich ist, daß die Leute wieder auftauchen, und ich möchte die Zweifel beseitigen, die noch bei einigen Kollegen oder Kolleginnen des Haus e s d a r ü b e r vorhanden sind, ob das denn tatsächlich wahr i s t . Ich habe hier einen Offenen Brief. Vorher aber muß ich meinen v o r h e r i g e n
Ausführungen noch etwas hinzufügen. Der B e r l i n e r Rundfunk hat a m g e strigen Abend u m 21 Uhr den V o r t r a g eines Dr. F r i e d r i c h K a r l P a u l
gebracht, und zwar unter der Überschrift:" Der F a l l F r i e d e und der
T a g e s s p i e g e l " . Der Redner im sogenannten B e r l i n e r Rundfunk sagte:
In der vergangenen Woche ereignete es sich, daß ein
Mitarbeiter der B e r l i n e r Zeitung "Der Abend" seine
Wohnung verließ, u m einen F r e u n d in F r i e d r i c h s h a g e n
zu besuchen. Von d i e s e m Zeitpunkt an weiß man nichts
m e h r von ihm.
        
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