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Periodical volume Nr. 34, 19. Juni 1947, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1947

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Der Befehl vom 11. 6. 1947 ist daher nicht in Einklang mit der bisherigen
Handhabung der Vorläufigen Verfassung durch die Stadtverordnetenversammlung und die A l l i i e r t e Kommandantur zu bringen.
Die SPD hat die im Begleitbrief zur Vorläufigen Verfassung v e r sprochene Wiederherstellung der politischen F r e i h e i t und die Rückgabe
des S e l b s t b e s t i m m u n g s r e c h t s an die B e r l i n e r Bevölkerung mit tiefster
Befriedigung aufgenommen. Sie war b e r e i t , sich in vollem Umfange in
den Dienst d i e s e r Bestrebungen zu stellen. Die Legitimität einer V e r fassung verlangt, daß diese nicht bloß als OrganisationsStatut gewollt
ist, sondern als Vollverfassung, d. h. a l s Gesamtentscheidung über A r t
und F o r m des politischen Lebens und Wirkens. E s steht zur Zeit keiner
Organisation das Recht zu, an Entscheidungen der Alliierten Kritik zuüben. Nach den zur Zeit in Deutschland bestehenden Gesetzen ist es a b e r
keiner P a r t e i verboten, demokratische Grundsätze zu haben und für sie
in a l l e r Öffentlichkeit in Deutschland und in der Weltöffentlichkeit einzut r e t e n . Die F r a k t i o n der SPD r e s p e k t i e r t unbedingt die Rechte der A l l i i e r ten Kommandantur. Sie bittet und e r w a r t e t jedoch, daß die uns gegebenen
Rechte nicht ohne Grund wieder genommen werden. Der Wert d e r V e r fassung liegt darin, daß sie es ermöglicht, F r e i h e i t durch Recht und Recht
durch F r e i h e i t zu verwirklichen. Zu diesen Grundsätzen von F r e i h e i t und
Recht gehören für uns Sozialdemokraten die R e c h t s s i c h e r h e i t , die Schaffung k l a r e r , v e r f a s s u n g s m ä ß i g e r Zustände, die Redefreiheit, die P r e s s e freiheit, die Verfassungsfreiheit und die F r e i h e i t der Sicherheit der P e r sonen. Unser d e m o k r a t i s c h e s Empfinden wird verletzt, wenn wir erfahren
m ü s s e n , daß zu Recht erkannte und gegebene Rechte uns entzogen werden.
Sind wir im Verlaufe einer so kurzen Zeitspanne u n d e m o k r a t i s c h e r geworden, oder hat die Auffassung von demokratischen Grundsätzen in der Welt,
von uns unbemerkt, einen Wandel durchgemacht? Wir sind ein b e s e t z t e s
und besiegtes Volk. E s müßte denen, die über die heutigen Zustände unberechtigte Kritik üben, i m m e r wieder gesagt werden, daß die V e r a n t wortung für diese Zustände in e r s t e r Linie dem zufällt, den nicht u n e r hebliche Teile u n s e r e s Volkes " u n s e r e n F ü h r e r " nannten. Wir hatten a b e r
b i s h e r die Hoffnung, daß nach Vernichtung des Nazismus in Deutschland
demokratische P r i n z i p i e n h e r r s c h e n sollten. Wir waren erfreut, a l s uns
die V e r t r e t e r der Siegermächte oder der Siegervölker gewisse k l a r um,r i s s e n e demokratische Rechte und F r e i h e i t e n gaben. Wir sind enttäuscht,
und das Volk wird in seiner Haltung entmutigt werden, daß diese Rechte
uns ohne u n s e r Verschulden wieder genommen wurden. Wir sind nach wie
vor der Meinung, daß das vornehmste Bedürfnis der Menschen die Wahrung und der Ausbau der Menschenrechte ist. Die Wahrung und der A u s bau der Menschenrechte ist nur durch den Ausbau d e m o k r a t i s c h e r Zustände möglich. Wir wissen von L a s s a l l e her, daß Verfassungsfragen
Machtfragen sind. Wir Deutsche wissen aber auch aus eigener b i t t e r e r
Erfahrung, daß Lösungen, die mit Gewalt vollzogen werden, keinen
dauernden Bestand haben. Wir wollen als Deutsche, als demokratische
        
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