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Periodical volume Nr. 34, 19. Juni 1947, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1947

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Stadtv. Jacob K A I S E R (CDU) : Meine Damen und H e r r e n !
Wenn ich a l s mn Mann> der in B e r l i n und in der Ostzone politische V e r antwortungen trägt, zu den Vorgängen Stellung nehme, wie sie die Münchener Konferenz begleitet und b e s t i m m t haben, so kann diese Stellungnahme nicht schwarz oder weiß geführt werden. Sie kann es nicht u m der
Verantwortungen willen, die wir tragen. Sie kann es aber auch nicht, weil
das wirkliche politische Leben und die Meisterung politischer P r o b l e m e
gar keine Schwarzweißmalerei v e r t r a g e n . Niemand hat es zwar so leicht
in der Politik wie die Schwarzweißmaler, ob es nun die westlichen oder
die östlichen sind. Im übrigen können radikale Haltungen in u n s e r e m
Volk in dem einen oder in dem anderen Sinne höchst gefährlich werden.
Sie können einen tödlichen Riß mitten durch das Leben u n s e r e s Volkes
zur Folge haben. Oder glaubt jemand, meine Damen und H e r r e n , wir würden noch ein Volk unter den Völkern Europas sein, wenn Deutschland
den Quellflüssen der Weser entlang und den Südabhängen des Thüringer
Waldes entlang in zwei Teile z e r r i s s e n würde?
Meine Damen und H e r r e n , es gibt einen Weg, das deutsche Leben
zu retten. Das ist der unbeugsame Wille a l l e r Deutschen, unter allen
Umständen zusammenzubleiben. B e r l i n ist auch nach m e i n e r Meinung
wohl in e r s t e r Linie der Punkt, wo wir i m m e r wieder mit der Nase auf
die notwendigen realpolitischen Haltungen gestoßen werden. Bei einer politischen Tafelrunde gelegentlich der Münchener Konferenz soll das Wort
gesprochen worden sein, daß München der einzige neutrale Punkt in Deutsch
land sein könne, und daß man sich dort i m m e r wieder a m besten begegnen
würde. Meine Damen und H e r r e n , ich selbst weiß die Ursprünglichkeit
der b a y e r i s c h e n Kraft und die Bedeutung Münchens in a l l e r Aufrichtigkeit
zu schätzen. Schließlich bin ich ja als F r a n k e sozusagen auch ein Bayer.
Aber meinen b a y e r i s c h e n Landsleuten ist doch wohl m e h r eine sympathisch-urwüchsige Stellungnahme zu den politischen Geschehnissen eigen.
Notwendig ist aber heute vor allem ein vorsichtiges Abwägen und Einschätzen der vielfältigen und leider oft so zwiespältigen gesamtdeutschen
Kräfte. Wir zollen auch nach dem Ausgang der Münchener Konferenz der
Initiative des bayerischen M i n i s t e r p r ä s i d e n t e n E h a r d volle Anerkennung,
nicht weil Ehard ein Mann der Christlich-Sozialen Union ist, sondern
weil wir jede Initiative dankbar begrüßen, die sich ehrlich und v e r a n t w o r tungsbewußt bemüht, der Linderung deutscher Not und dem Zusaminenhalt
Deutschlands zu dienen, und wir sind überzeugt, daß der b a y e r i s c h e M i n i s t e r p r ä s i d e n t von diesem Glauben erfüllt ist. Dabei muß man es wohl
als einen Mangel empfinden, daß M i n i s t e r p r ä s i d e n t Ehard, wie er es
selbst erkennen ließ, in die Verhältnisse der Ostzone nicht genügend Einblick haben konnte. Die Möglichkeit, zu wirtschaftlichen und politischen
Lösungen für u n s e r Volk beitragen zu können, setzt ja ein a u s r e i c h e n d e s
Maß von Wissen über die Lage und über die Verhältnisse in allen Zonen
v o r a u s . Das gesamtdeutsche Geschick beruht ja nun einmal nicht allein
auf der Lage in den Westzonen. Auch die Lage der Ostzone ist ein Teil
des deutschen G e s a m t - S c h i c k s a l s .
        
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