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sten schwer, allen Feierlichkeiten und Gebräuchen ihrer
heidnischen Religion aufeinmalzu entsagen, zumal
da ihnen das Christenthum in seiner einfachen Ge,
statt dafür keinen Ersatz gab. Ihre Bekehrer waren
auch in diesen Stücken ziemlich tolerant, und dachten
nur darauf, diesen heidnischen Gebräuchen gleichsam
eine christliche Deutung zu geben. Irre ich mich
nicht, so war dieses vornehmlich die Veranlassung zur
Einsetzung des Weihnachtsfestes.
Gerade nämlich in die Zeit, wo wir diese» fei'
ern, fielen die bekannten Saturnalien der Römer
— das fröhlichste Fest, unter allen die sie begiengen.
Sie feierten daran das Andenken an jene glücklichen
Zeiten, wo unter Saturn noch da« g old ne
Alter auf der Erde herrschte. Gerne versetzte man
sich in jene glücklichen Jahre zurück, wo überall
noch die goldne Freiheit waltete, kein Unterschied
der Stände die Herzen von einander entfernte, sondern
alle gleiche Rechte Hanen, den Reichthum ihrer
Felder und Heerden genügsam mit einander theilten,
und Friede und Ueberfiuß in jeder Hütte blühte.
Darum hob die Feier Dieser Saturnalien alle
sonstigen bürgerlichen Verhältnisse auf. Der Sklav
trat während dieser Zeit in die Rechte seines Herrn,
cr durfte ungestraft flch seiner Arbeit entsagen, und
sich nach eigner Willkühr beschäftigen oder müßig
gehn. Man b.cifertc sich, dem Hausgefinde gut und
freundlich zu begegnen, Geschenke unter sie auszutheilen,
und an ihren Ergötzlichkeiten Theil zu nehmen.
Herrn und Diener speiseten an einer Tafel,
ja der Herr wartete wohl gar dem Sklaven auf.
Vornehmlich war das Vertheilen der Geschenke
allgemeine, unbedingte Sine. Martials Epigramme
mögen hier statt aller übrigen Beläge dienen. Dar
Brennen der Wachskerzen, das Essen der Honigkuchen
war gleichfalls allgemein an diesem Feste, — als
Sinnbild jener gvldnen Zeit, wo die Biene den
Menschen ihre Bedürfnisse zollte, ohne daß sie den
frevelnden Stahl in die Brust de» unschuldigen Thieres
zu stoßen nöthig hatten.
So fanden die christlichen Lehrer diese« Fest der
Saturnalien vor, und e» war vorauszusehen, daß
die neubckehrtcn Christen dieser Feierlichkeit schwerlich
entsagen würden. Sie setzten deshalb gerade in
diese Zeit der Saturnalien, die vom >7«» bis schien
December dauerten, das Ehristusfest, und erlaubten
ihren Heidenchristen die Gebräuche ihre«. Feste» darau
beizubehalten, in so fern sie nicht geradezu dem erhabenen
Charakter des Christenthums widersprachen,
und so kam es, baß Geschenke, Kuchen und Kerzen
sich bi« auf unsre Zeiten fortgeerbt haben; — denn
wenn die Heiden schon das Andenken an jenes goldne
Alter, da« doch verloren war, so froh machte,
wie sollte sich der Christ nicht freuen bei der Gcbune-Fcier
desjenigen, der das goldne Alter unter
die Menschen zurück brachte, Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen!
Ja Heil! der goldne Morgen stieg empor, ')
Der süße Knabe trat an'e Licht hervor.
Da fühlt die Wüst': Ich werd' ein Eden seyn;
Der Dornenbusch: Ich werde Rosen streun.
Ihn grüßt, ihm huldigt der Aeoncn Lied,
Er kommt! der Taube hört, der Blinde sieht,
Der Stumme spricht. Kein Armer weinet mehr,
Denn alle Thränen, alle trocknet Er.
Kein Volk auf Erden schärfet mehr da« Schwerdt,
Da« sich zur Sichel krümmt am Friedenshcero.
Wae seh ich? Weiden nicht zusammen hier
So Wolf als Lamm, so Mensch als Tigcrthier!
Ins Nest de» Drachen dringt der Knabe kühn
Der Drache selbst, er küßt umschlingend ihn.
Doch Bilder, flieht der Wahrheit Morgenroth!
Der Retter kommt, und Ltcb' ist sein Gebot!
Von Unterdrückung wie von Heuchelei
Von Wahn und Bosheit wird die Erde frei,
Und Lust zum Garen, wie die Meereeflut
Bedeckt die Welt! der Mensch, der Mensch ist gut!
War Recht und Wahrheit jedem Herzen
pries,
Was Treu' und Liebe jeden hoffen ließ,
Ist wahr! die Erde wird ein Paradies.
Als das Christenthum in die Nordländer drang,
fand es auch hier ein mit Weihnachten zusammen,
treffende» Fest unter den Heiden. Sie feierten nicht
nur die längste Nacht, die sie nach ihrer Art M ödrenech
(Muttcrnacht) nannten, sondern auch da»
Fest der umkehrenden Sonne, da» Juel-Fcst. Denn
Juel oder Welle ist ein Rad und damit bezeichnete
man der Achnlichkeit wegen da« Sonnenrad.
Etwas später fiel auch das Fest der Hertha ein.
Alles dieses ward nun mit Weihnachten zusammengezogen,
und daher ist es gekommen, daß vornehmlich
unter den kandleuten der Mark sich noch einige
*) Siehe Herder» Adrastea,