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Full text: Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt	
Lüter/Bergert (Hrsg.)

									
Im Auftrag der Landeskommission Berlin gegen Gewalt

		

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Gewaltprävention in einer
pluralen Stadt.
Drei Projektevaluationen

Albrecht Lüter/Michael Bergert (Hrsg.)

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt
Drei Projektevaluationen

Albrecht Lüter/Michael Bergert (Hrsg.)

Berlin 2015

Impressum
Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention
im Auftrag der Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung
im sozialen Bereich gGmbH
Boppstr. 7
10967 Berlin
Telefon (030) 6107372-0
Fax (030) 6107372-29
www.jugendgewaltpraevention.de

Inhalt
Einleitung

7

Literatur

8

Michaela Raab, Wolfgang Stuppert
HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Ein Peer-Ansatz mit
Jugendlichen aus „Ehrenkulturen“

9

Das Heroes-Projekt

9

Kurzfassung der Evaluationsergebnisse

11

Methodisches Vorgehen

11

Ergebnisse der Evaluation

13

Projektbeschreibung

19

Ziel

19

Zielgruppen und Aktivitäten

19

HEROES-Workshops in Schulen

21

Weitere Aktivitäten im HEROES-Projekt

22

Ressourcen

22

Methodisches Vorgehen

24

Evaluationsfragen

24

Evaluationsansatz und Methoden

24

Grenzen der Evaluation

27

Evaluationsergebnisse

29

Wirkungen des Projekts auf die HEROES

30

Wirkungen des Projekts auf die Teilnehmenden an Workshops

33

Förderliche und hinderliche Faktoren

42

Empfehlungen

46

Arbeit mit Schulklassen

46

Strategien für langjährige HEROES

47

Systematische Dokumentation

47

Danksagungen

48

Abkürzungen

48

Literatur

49

Anhang

50

Samera Bartsch/Simone Stroppel
SToP – Soziale Task Force für offensive Pädagogik: ein Angebot für junge
Mehrfachtäter

74

Methodisches Vorgehen

76

Grundlagen des Vorgehens der Evaluation

76

Evaluationsdesign und methodische Umsetzung

78

Verfahren der Bewertung

83

Anonymisierung und Datenschutz

84

Grenzen des Designs

85

Konzept und Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen

86

Grundannahmen

86

Handlungsansätze

87

Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen

88

Ziele

89

Zentrale Ergebnisse

92

Bedingungen

92

Umsetzung: Aktivitäten und Outputs

101

Resultate

102

Förderliche und hinderliche Faktoren

126

Schlussfolgerungen

131

Kurzzusammenfassung

134

Literatur

135

Aline-Sophia Hirseland
Die „Konfliktagentur im Sprengelkiez“. Ehrenamtliche Stadtteilmediation in
Berlin-Wedding

137

Methodisches Vorgehen

139

Stadtteilmediation im Weddinger Sprengelkiez

140

Sozialräumlicher Kontext

140

Entstehungszusammenhang und Entwicklung des Projekts

141

Förderstruktur und Ehrenamt

142

Das Konzept der Stadtteilmediation

143

Die Aktivitäten der Konfliktagentur im Bereich Stadtteilmediation

144

Zielstellungen

144

Zielgruppen

144

Charakteristika der Fälle

147

Mediationspraxis

148

Herausforderungen der Stadtteilmediation

150

Zusammenfassung

150

Fallbeispiel: der Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes

152

Ausgangssituation

152

Bearbeitung des Konfliktes um die Nutzung des Sparrplatzes

153

Die Situation vor Ort heute

154

Zusammenfassung

156

Einfluss der Konfliktagentur auf die Entwicklungen im Kiez

158

Stadtteilmediation unter Ehrenamtsbedingungen

160

Motive und Erwartungen der Ehrenamtlichen

160

Erweiterung des ehrenamtlichen Angebots

161

Zusammenfassung

162

Stadtteilmediation als ein Angebot für Jugendliche

163

Zusammenfassung

165

Literatur

167

Evaluatorinnen und Evaluatoren

168

Evaluierende Institute

170

Einleitung

Einleitung
Mit der Verabschiedung des „Gesamtkonzepts zur Reduzierung der Jugendgewaltdelinquenz“
im Jahr 2011 verfügt das Land Berlin über eine an ressortübergreifenden Kriterien orientierte
Bestandsaufnahme und Bewertung vorliegender beziehungsweise zu diesem Zeitpunkt geplanter Maßnahmen im Bereich der Prävention von Gewalt durch Kinder und Jugendliche.
Die Zielstellungen des Gesamtkonzepts zur Reduzierung der Jugendgewaltdelinquenz mahnen an, dass es auch im Bereich der Evaluation eines ressortübergreifend abgestimmten
Konzeptes bedarf. Der Entwicklung einer Evaluationsstruktur wird daher im Zuge der Umsetzung des Gesamtkonzepts hohe Priorität eingeräumt.
Vor diesem Hintergrund besteht eine der zentralen Aufgabenstellungen der Arbeitsstelle
Jugendgewaltprävention darin, den Aufbau einer Evaluationskultur in Berlin zu fördern. Denn
in Berlin wie auch bundesweit entspricht die Zahl der durchgeführten Evaluationen von gewaltpräventiven Projekten bei Weitem nicht der Zahl der umgesetzten Projekte (Glock 2014).
Die Effekte der umgesetzten Projekte lassen sich daher oftmals nicht verlässlich einschätzen
und bewerten. Dies gilt es zu ändern und die Wirksamkeit und Passgenauigkeit von in Berlin
umgesetzten Maßnahmen und Projekten der Prävention von und Intervention bei Jugendgewalt zu überprüfen. Ziel ist, Informationen für die Planung und Steuerung zukünftiger
Arbeit zu gewinnen, indem die jeweiligen Stärken und Defizite unterschiedlicher Ansätze
sichtbar gemacht werden.
Um die Evaluationsdichte in Berlin zu fördern, werden im Rahmen der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention jedes Jahr ca. sechs bis zehn Evaluationen von gewaltpräventiven Projekten in Berlin entweder selber durchgeführt oder bei wissenschaftlichen Instituten in Auftrag
gegeben. Die Auswahl der Projekte für die Evaluationen berücksichtigt verschiedene Handlungsfelder und hier jeweils Projekte der Prävention und der Intervention.
Die vorliegende Broschüre enthält drei Evaluationen von Projekten, die mit unterschiedlichen
Ansätzen in verschiedenen Handlungsfeldern aktiv sind. Ihnen ist gemeinsam, dass Fragen
der Integration explizit oder implizit eine Rolle spielen, und sie verdeutlichen somit, dass in
der „pluralen Stadt“ unterschiedliche Wege notwendig sind, um gewaltpräventiv zu wirken.
Folgende der im Jahr 2014 durchgeführten Evaluationen wurden aufgenommen:



die Evaluation des Projektes HEROES, durchgeführt von Michaela Raab und Wolfgang
Stuppert,



die Evaluation des Projektes „Soziale Task Force für offensive Pädagogik (SToP)“, durchgeführt von Univation GmbH (Samera Bartsch und Simone Stroppel),



die Evaluation der Konfliktagentur im Sprengelkiez, durchgeführt von Camino gGmbH
(Aline-Sophia Hirseland).

7

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

8

Die hier vorliegenden Evaluationen lassen sich unterschiedlichen Handlungsfeldern zuordnen. Dem Themenfeld Integration/Migration ist zum einen ein Angebot zuzuordnen, das
weit im Vorfeld möglicher (Gewalt-)straftaten ansetzt: Das Projekt HEROES – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre – bildet junge Männer aus sogenannten Ehrenkulturen zu Multiplikatoren aus, die mit jüngeren Schüler/innen Workshops zur Gleichstellung der Geschlechter umsetzen.
Integration/Migration als Querschnittsthema wird weiterhin mit dem Projekt SToP angesprochen, dessen Zielgruppe – mehrfach delinquente Kinder und Jugendliche – häufig über einen
Migrationshintergrund verfügt. Somit floss interkulturelle Expertise in die Konzeption des
Angebotes ein, das in erster Linie dem Handlungsfeld Kinder- und Jugendhilfe zuzurechnen
ist.
Eine weitere Evaluation bezieht sich primär auf die Reduktion von Konflikten im Stadtteil und
somit auf das Handlungsfeld Stadtentwicklung. Dazu wurde eine ehrenamtlich arbeitende
Einrichtung der Stadtteilmediation, die Konfliktagentur Sprengelkiez, evaluiert. Hier zeigt sich
deutlich, dass es ehrenamtlich arbeitenden Projekten gelingen kann, Aspekte konstruktiver
Konfliktbearbeitung durch Beratungsangebote im Stadtteil zu verankern.
Pointierte Kurzfassungen dieser und der anderen im Jahr 2014 durchgeführten Evaluationen
finden sich auch im Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 57: Gewaltprävention auf dem
Prüfstand. Evaluationsstudien zu Berliner Maßnahmen und Projekten gegen Jugendgewalt
(Lüter 2015).
Wir möchten an dieser Stelle schließlich allen Beteiligten aus den Projekten und den evaluierenden Instituten sowie unserer Auftraggeberin, der Landeskommission Berlin gegen Gewalt,
für die ausgesprochen gute Zusammenarbeit danken.

Albrecht Lüter/Michael Bergert

Literatur
Gesamtkonzept (2011): Gesamtkonzept zur Reduzierung der Jugendgewaltdelinquenz. Berlin. www.jugendgewaltpraevention.de/sites/default/files/Berliner_Gesamtkonzept_zur%20
Reduzierung_von_Jugendgewalt.pdf, 29.07.2014.
Glock, Birgit (2014): Projekte, Programme und Maßnahmen der Gewaltprävention in Berlin.
Meta-Evaluation und Evaluationssynthese von Berliner Evaluationen (2006 – 2014). Berlin.
Lüter, Albrecht (Hg.) (2015): Gewaltprävention auf dem Prüfstand. Evaluationsstudien zu
Berliner Maßnahmen und Projekten gegen Jugendgewalt. Berliner Forum Gewaltprävention
Nr. 57. Berlin.

HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Ein Peer-Ansatz mit Jugendlichen aus „Ehrenkulturen“

HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Ein
Peer-Ansatz mit Jugendlichen aus „Ehrenkulturen“
Michaela Raab/Wolfgang Stuppert1
„HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ ist ein Projekt zur Prävention genderbasierter Gewalt. Das Projekt bildet in Berlin seit 2007 junge männliche, überwiegend
muslimische Peer Educators aus, die in Jugendeinrichtungen und Schulklassen Workshops zu
den Themen Männlichkeit und Ehre durchführen.
Zweck der 2014 durchgeführten Evaluation war es, die Wirkungen des Projekts sowohl auf
Peer Educators als auch auf die Teilnehmenden in HEROES-Workshops zu untersuchen.
Während bei der Untersuchung der Wirkungen auf Peer Educators vor allem qualitative Methoden zum Einsatz kamen, wurden die Wirkungen der HEROES-Workshops im Rahmen
eines quasi-experimentellen Designs mittels standardisierter Befragung ermittelt. Die Untersuchung konnte positive Wirkungen nachweisen – nicht nur bei Peer Educators, sondern
auch auf Workshop-Teilnehmer_innen.

Das Heroes-Projekt
„HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ ist ein Projekt zur Prävention genderbasierter Gewalt. Es wurde 2007 von Strohhalm e.V. in Berlin-Neukölln initiiert. Sein Ziel
ist es, Gleichberechtigung und Gleichstellung von jungen Frauen und Männern aus sogenannten „Ehrenkulturen“ zu fördern und damit den Einfluss gewaltlegitimierender Gendernormen auf das Verhalten Jugendlicher zu reduzieren. In den patriarchalisch geprägten „Ehrenkulturen“ ist das Konzept von Familienehre unter anderem eng verknüpft mit der Unversehrtheit des Hymens unverheirateter weiblicher Angehöriger. Dieser Ehrbegriff verlangt es
von Familien, das Verhalten junger Frauen zu überwachen und zu sanktionieren – auch mit
Gewalt und „Ehrenmord“.
Interessierte junge Männer werden im Projekt zu Peer Educators bzw. Multiplikatoren ausgebildet. Nach Abschluss der Ausbildung werden sie „HEROES“ genannt. Explizite Auswahlkriterien für die Teilnahme am Peer Educator-Training sind Geschlecht (männlich), Alter
(circa 16 bis 20 Jahre), Wohnort (Berlin) und persönlicher Hintergrund aus „Ehrenkulturen“.
Dazu kommt die Erwartung, dass sich die Interessenten offen für Diskussionen über tradierte Normen und Verhalten zeigen. Im Interventionsgebiet sind es vor allem Jugendliche aus

1

Sebastian Hilf unterstützte das Team bei der Befragung von Schulklassen.

9

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

10

muslimischen Familien mit Migrationshintergrund, die die Zwänge von „Ehrenkulturen“ erleben. Oft sind es der Freundeskreis, Familienmitglieder oder Lehrkräfte, die potenzielle Neuzugänge vermitteln.
Die Ausbildung für HEROES-Aspiranten beginnt mit wöchentlichen Gruppentreffen, die von
Gruppenleiter_innen moderiert werden, welche selbst aus „Ehrenkulturen“ stammen. Die
Gruppen umfassen in der Regel bis zu acht junge Männer. Themen wie Liebe, Recht, Solidarität, Macht, Ehre und Sexualität werden in einer ergebnisoffenen und entspannten Atmosphäre besprochen; tradierte Einstellungen und Verhalten hinterfragt. Externe Referent_innen und Veranstaltungsbesuche zu den Themen Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, genderbasierte Gewalt, Rassismus und Homophobie bereichern das Programm.
HEROES-Gruppenleiter_innen moderieren die Gespräche und organisieren Rollenspiele, die
typische Situationen in Szene setzen. Die Grundausbildung dauert in der Regel ein Jahr. Als
Abschluss findet eine öffentliche Verleihung des HEROES-Zertifikats statt; daneben erhalten
die HEROES eine Jacke mit dem HEROES-Logo.
Zur Fortbildung der zertifizierten HEROES hat das Projektteam 14-tägige Gruppentreffen
eingerichtet. Zusätzlich zu diesen Zusammenkünften organisiert es Vorbereitungstreffen für
HEROES-Workshops in Schulen. Neben ihrer Arbeit in Workshops treten die HEROES bei
öffentlichen Veranstaltungen auf, die das Projekt vorstellen oder würdigen. Mehr als 30 solche Veranstaltungen fanden 2014 statt, u.a. Podiumsdiskussionen, Buchvorstellungen und
HEROES-Tätigkeiten als Ordner bei den Respect Gaymes.
Fünf Gruppen von HEROES-Aspiranten wurden bis Januar 2015 in von den HEROES mitgestalteten Lehrgängen geschult. Die sechste HEROES-Gruppe wird Mitte bis Ende 2015 ihre
Ausbildung abschließen. Im Januar 2015 sind 24 HEROES im Projekt aktiv; sieben nehmen
an der Ausbildung teil.
Die Workshops an Schulen sind für Schüler_innen ab der 8. Klasse konzipiert. Sie beanspruchen etwa drei Schulstunden. Die Veranstaltungen werden jeweils von zwei HEROES, mit der
Unterstützung eines Gruppenleiters, durchgeführt und mit den Lehrkräften der Einrichtungen
vor- und nachbereitet. Kern der Workshops sind zwei bis drei Rollenspiele über alltägliche
Formen von Unterdrückung und Gewalt, die die HEROES zusammen mit ihren Gruppenleiter_innen entwickelt haben. In anschließenden Diskussionen ermutigen sie die Schüler_innen, die Szenen zu analysieren und alternative Handlungsmöglichkeiten vorzuschlagen.

Kurzfassung der Evaluationsergebnisse

Kurzfassung der Evaluationsergebnisse
Methodisches Vorgehen
Zweck der Evaluation war es, die Wirkungen des Projekts zu untersuchen auf (i) die jungen
Männer, die als HEROES, d.h. Peer Educators, im Projekt mitmachten, und (ii) Jugendliche,
die an HEROES-Workshops teilnahmen. Im Zentrum des Interesses standen dabei Veränderungen auf der kognitiven und der Handlungsebene, die zur Prävention von genderbasierter
Gewalt beitragen können.
Um die gewaltpräventiven Faktoren in der Arbeit des HEROES-Projektes identifizieren zu
können, wurde das Wirkungsgefüge mit Mitgliedern des Projektteams rekonstruiert und visualisiert (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Wirkungsgefüge des HEROES-Projekts

Die HEROES-Ausbildung und Workshops (links in der Grafik mit Pfeilen dargestellt) sollen bei
den Teilnehmenden einen Wandel auf der kognitiven Ebene herbeiführen bzw. unterstützen:
(i) kritische Reflexion über tradierte Geschlechterrollen, Verhaltensmuster und identitätsbasierte Diskriminierung und (ii) veränderte Einstellungen zu diesen Themen. Weiterhin wird
erwartet, dass die HEROES mit gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Projekt hervorgehen.

11

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

12

Auf der Verhaltensebene sollen die HEROES-Ausbildung und -Aktivitäten dazu führen, dass
sich die jungen Männer für Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte engagieren. Weiterhin sollen die Workshops die Lehrkräfte ermutigen, Schüler_innen mit und ohne „ehrkulturellem“ Hintergrund gleich zu behandeln.
Zur Messung der Präsenz gewaltlegitimierender Gendernormen (GLGN) bei Schüler_innen
und den HEROES verwendeten wir eine Skala, die im Rahmen einer Promotionsarbeit entwickelt und getestet wurde (Neuhaus 2010). Sie umfasst 14 Items, die mit Unterstützung des
Projektteams sprachlich leicht an die Zielgruppe angepasst wurden. Weitere Items wurden
hinzugefügt, um den Schüler_innen zu ermöglichen, sich zu Aussagen zu äußern, die ein
gewaltloses Männlichkeitsbild darstellen. Vor der Befragung wurde der Fragebogen mit Schülern aus Berlin-Neukölln auf seine Verständlichkeit und die zur Beantwortung nötige Zeit
getestet.
Das Wirkungsgefüge zwischen Projektaktivitäten und der Verhinderung von genderbasierter
Gewalt involviert unterschiedliche Akteure, u.a. HEROES, Schüler_innen, Lehrkräfte und
institutionelle Kooperationspartner. Unser Ansatz trianguliert die Perspektiven unterschiedlicher Akteure und nutzt dabei eine Kombination von quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden.

Untersuchung der Wirkungen auf HEROES
Daten zu den Wirkungen des Projekts auf die HEROES und ihr Umfeld wurden vor allem
anhand von qualitativen Methoden erhoben, insbesondere Einzelinterviews (45 bis 90 Minuten) mit neun Personen aus dem Umfeld von fünf HEROES – eine Lehrerin, ein Sporttrainer,
ein Arbeitskollege, eine ehemalige Mitschülerin und mehrere Familienangehörige, von denen
manche über mehrere HEROES berichten konnten. Weiterhin fand ein längeres Interview mit
einem langjährigen HERO statt. Informationen aus den Interviews wurden mit einer OnlineBefragung der HEROES abgeglichen. An dieser Befragung nahmen 15 der rund 30 aktiven
HEROES teil.

Untersuchung der Workshop-Wirkungen
Die HEROES-Arbeit mit Schulklassen erlaubte ein quasi-experimentelles Evaluationsdesign,
d.h. den direkten Vergleich zwischen Schulklassen, die an HEROES-Workshops teilgenommen hatten, und Kontrollgruppen aus der gleichen Jahrgangsstufe. Die Grundlage des Vergleichs bildete eine schriftliche Befragung von Schüler_innen in 15 Schulklassen der Jahrgangstufe 10 an drei Berliner Schulen, in jeweils einer Schulstunde. Fünf dieser Schulklassen
hatten im vorhergehenden Schuljahr an einem HEROES-Workshop teilgenommen.
Insgesamt wurden so Daten von 248 Schüler_innen gewonnen. Unter den 72 WorkshopTeilnehmenden waren 25 Jungen und 41 Mädchen (6 Workshop-Teilnehmende machten zu
ihrem Geschlecht keine Angabe). Aus diesem Pool an Befragten wurden mit Hilfe eines sta-

Kurzfassung der Evaluationsergebnisse

tistischen Verfahrens (Propensity Score Matching) Vergleichsgruppen gebildet, die durch ihre
Zusammensetzung Verzerrungen bezüglich wesentlicher Merkmale der Schüler_innen weitgehend ausglichen. Nach dem Matching ergab sich als Grundlage für die Wirkungsanalyse
eine Anzahl von 52 Workshop-Teilnehmer_innen und 62 Personen aus den Vergleichsklassen.
Grundlage für Propensity Score Matching ist eine Maßzahl, die für jede/n Studienteilnehmer_in eine Reihe von Merkmalen zusammenfassend wiedergibt. Diese sogenannten Propensity Scores ermöglichen es, ähnliche Schüler_innen innerhalb der Gruppe der WorkshopTeilnehmer_innen und der Kontrollgruppe zu identifizieren. Die folgenden Merkmale wurden
in die Berechnung des Propensity Scores einbezogen: Geschlecht, Religionszugehörigkeit,
Bedeutung der Religion im eigenen Leben, Migrationshintergrund (Eltern, selbst) und ökonomisch-relevantes Freizeitverhalten (Indikator für sozio-ökonomische Lage).

Übertragbarkeit der Ergebnisse
Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse unserer Schülerbefragung auf andere schulische
Kontexte übertragen werden können, da wir Daten von Schüler_innen mit unterschiedlichen
„ehrenkulturellen“ Migrationshintergründen erfassten und keine signifikanten Unterschiede
bei der Wirkung der Workshops auf diese unterschiedlichen Mitglieder der HEROESZielgruppen fanden. Unsere Ergebnisse zu den Wirkungen auf die Peer Educators hingegen
beruhen ausschließlich auf Daten, die innerhalb des Berliner HEROES-Projekts erhoben wurden. Es könnte Aspekte geben, die mit spezifischen Eigenschaften des Berliner Projektteams
zusammenhängen oder mit der Tatsache, dass das Projekt in der Hauptstadt besonders viel
öffentliche Unterstützung und Aufmerksamkeit in den Medien erhält. Diese Faktoren konnten
wir nicht überprüfen oder mit ähnlichen Projekten vergleichen; deshalb gelten unsere Ergebnisse zu den Peer Educators ausschließlich für das Berliner HEROES-Projekt.

Ergebnisse der Evaluation
Im Folgenden beschreiben wir die ermittelten Veränderungen bei den Peer Educators und
ihren Zielgruppen, Schüler_innen aus „Ehrenkulturen“.

Positive Veränderungen bei den HEROES
Die Berliner HEROES sind junge Männer mit Migrationshintergrund, die sich mit freundlichem
Interesse ins Projekt begeben. Oft bringen sie aus ihrem Elternhaus progressivere, von tradierten Normen abweichende Einstellungen zu „Ehre“ und Gleichberechtigung mit. Das Projekt bietet einen geschützten Raum für persönliche Entwicklung – fern von gewaltlegitimierenden Gendernormen, die meist das soziale Umfeld prägen.

13

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

14

Bei den ausgebildeten HEROES wurden kritische Reflexionsfähigkeit sowie positiv veränderte
Haltungen zu gewaltlegitimierenden Gendernormen und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beobachtet. Im Projekt übten sie, tradierte Verhaltensmuster kontrovers zu diskutieren. Dies stärkte ihre rhetorischen Fähigkeiten und ihre Sicherheit bei öffentlichen Auftritten
– wichtige Voraussetzungen für die effektive Durchführung der Workshops in Schulen, aber
auch für ein weiterreichendes Engagement der HEROES für Menschenrechte.
Die folgenden Abbildungen zeigen die Selbsteinschätzungen der HEROES zu (i) Veränderungen bei den eigenen Einstellungen (im Vergleich zu den Einstellungen ihrer Eltern) und (ii)
ihren gegenwärtigen Einstellungen im Vergleich zu denen des sozialen Umfelds.

Abbildung 2: Veränderte Haltungen bei HEROES im eigenen Vergleich zu den Eltern (Angaben der befragten Heroes, Durchschnittswerte, N=15)
Homosexualität: Krankheit/moralisch
verwerflich (1) oder so normal wie Sexualität
zwischen Mann und Frau (10)?
Geschlechter: Unterschiedliche Rechte und
Pflichten (1) oder gleiche Rechte und Pflichten
(10)?
Sinti und Roma: Besondere Vorsicht im
Umgang (1) oder genauso vertrauenswürdig
wie andere Menschen (10)?
Ehre: Durch Religion und Kultur verbindlich
definiert (1) oder selbstbestimmt (10)?
1
Heroes (vor Ausbildung)

2

3

4

5

Heroes (heute)

6

7

8

9

10

Eltern

In beiden Zusammenhängen sahen sich die HEROES als Vorreiter für Toleranz und Menschenrechte. Diese Einschätzung wurde von Menschen aus ihrem sozialen Umfeld geteilt,
wie wir in Einzelgesprächen ermittelten.

15

Kurzfassung der Evaluationsergebnisse

Abbildung 3: Haltungen der HEROES im eigenen Vergleich zum Umfeld (Angaben der befragten Heroes, Durchschnittswerte, N=15)
Homosexualität: Krankheit/moralisch
verwerflich (1) oder so normal wie Sexualität
zwischen Mann und Frau (10)?
Geschlechter: Unterschiedliche Rechte und
Pflichten (1) oder gleiche Rechte und Pflichten
(10)?
Sinti und Roma: Besondere Vorsicht im
Umgang (1) oder genauso vertrauenswürdig
wie andere Menschen (10)?
Ehre: Durch Religion und Kultur verbindlich
definiert (1) oder selbstbestimmt (10)?
1
Heroes (jetzt)

Eltern

2

3

4

5

Verwandte (nicht Kernfamilie)

6

7

8

9

10

Freundeskreis

Acht Teilnehmer (von 15) in der HEROES-Befragung gaben an, durch das HEROES-Projekt
glücklicher geworden zu sein. Im Rahmen der Evaluation wurden die Gründe dafür nicht
weiter beleuchtet. Das Projektteam berichtete, dass viele HEROES emotional eng an das
Projekt gebunden waren und ihren Freundschaftskreis aus HEROES rekrutierten. Für viele
HEROES bietet das Projekt eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die sich im Projekt relativ frei
von tradierten Männlichkeitsrollen miteinander unterhalten und weiter entwickeln können.
Dennoch bewegen sich die HEROES weiterhin in einem Spannungsfeld zwischen tradierten
und weniger patriarchalisch geprägten Haltungen. Barbara Kavemann, die das Projekt im
Jahr 2012 wissenschaftlich begleitete, bemerkt Ambivalenzen: „Das Team berichtet davon,
dass die jungen Männer zwar einerseits überzeugt für die Gleichberechtigung von Mann und
Frau eintreten, andererseits aber verstört und unglücklich sein können, wenn die eigene
Freundin Freiheiten beansprucht“ (Kavemann 2012, 45). Ähnliche Zwiespälte wurden in unseren Einzelgesprächen mit Menschen aus dem HEROES-Umfeld beschrieben. Angesichts des
Alters der HEROES und ihrer vielschichtigen sozialen Umgebungen erscheinen diese Ambivalenzen nicht als ungewöhnlich.
Kavemann beschäftigte sich primär mit Aspekten des HEROES-Projekts, die zu den erwünschten Wirkungen beitrugen. In ihrem Bericht (2012) nennt sie: (i) Geschlechtersensibilität und Kultursensibilität im Projektteam, (ii) Anerkennung in der offenen Diskussionskultur
im Projekt, bei HEROES-Zertifizierungsfeiern und öffentlichen Ehrungen, (iii) Peer-EducationAnsatz, (iv) theaterpädagogischer Zugang, (v) Beziehungsarbeit der Gruppenleiter_innen mit
HEROES und HEROES-Aspiranten und (vi) Akzeptanz des Projekts durch die Eltern der HEROES. Diese Faktoren wurden auch von unseren Gesprächspartner_innen in Interviews und
Gruppengesprächen als auschlaggebend hervorgehoben und in der HEROES-Befragung bestätigt. Im Folgenden gehen wir auf Aspekte ein, die diese Ergebnisse ergänzen.

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

16

Unsere Befragung von HEROES enthielt Fragen zur Qualität der Beziehungen der HEROES
untereinander und mit dem Projektteam. Die Antworten der Teilnehmer zeigten, dass sich
die HEROES in ihrer Gruppe respektiert und sicher fühlten. So waren sich zehn von 15 Befragten sicher, dass alles, was in den HEROES-Gruppen besprochen wurde, vertraulich behandelt wurde; und zwölf von 15 Befragten gaben an, großes Vertrauen in die Projektleitung
zu haben.
Viele HEROES stammen aus Elternhäusern, in denen tradierte Ehrbegriffe eine eher geringe
Rolle spielen. Keiner der Teilnehmer an der HEROES-Umfrage berichtete, dass seine Eltern
oder nahen Verwandten das Engagement bei HEROES negativ bewerteten. Zwölf von 15
schätzten die Bewertung seitens ihrer Mutter als positiv (zehn sogar „sehr positiv“) ein; für
die Väter lag die Anzahl bei elf.

Beachtenswerte Wirkungen auf Schüler_innen
Dass sich Peer Education positiv auf Peer Educators auswirkt, ist bekannt. Beim HEROESProjekt ermittelten wir darüber hinaus signifikante Wirkungen auf die Teilnehmenden von
HEROES-Workshops, d.h. auf Schüler_innen in den Workshops, die von HEROES durchgeführt werden.
Die HEROES-Workshops haben die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden gewonnen. Die
meisten befragten Workshop-Teilnehmer_innen erinnerten sich an die Inhalte der Rollenspiele, die im vorherigen Schuljahr stattgefunden hatten. Sie bewerteten den jeweiligen
Workshop insgesamt als anregend: 63% stimmen der Aussage zu, dass der Workshop „viel
Spaß gemacht“ habe; 39%, dass sie „lange darüber nachgedacht“ hätten. Mädchen und
Jungen beurteilten die Workshops ähnlich. Fast 45% der muslimischen Schüler_innen gaben
an, lange über den Workshop nachgedacht zu haben.
Der Peer Educator-Ansatz macht es den Schüler_innen in Workshops leicht, sich mit den
HEROES zu identifizieren und die Rollenspiele als relevant für ihr eigenes Leben wahrzunehmen: Die HEROES stammen selbst im weiteren Sinne aus „Ehrenkulturen“, auch wenn das
Elternhaus oft weniger konservativ eingestellt ist als die Mehrheitskultur im Ursprungsland
der älteren Generationen.
Aus unserer Befragung geht hervor, dass ehemalige Teilnehmende an HEROES-Workshops
sich deutlich ablehnender gegenüber Gendernormen äußern, die Gewalt gegen Frauen und
Mädchen gutheißen, als Nicht-Teilnehmende. Das heißt, dass HEROES-Workshops die Teilnehmenden in ihren Einstellungen merklich beeinflussen und das Hinterfragen tradierter
Verhaltensmuster unterstützen. Vor dem Hintergrund des bestehenden Wissens zu dieser Art
Projekte ist dies ein beachtenswertes Ergebnis.
Zur Messung der Einstellungen gegenüber GLGN-Normen haben wir den Schüler_innen eine
Liste von Aussagen vorgelegt. Aus den Positionierungen der Befragten zu diesen einzelnen
Aussagen errechneten wir deren durchschnittliche Haltung zu GLGN-Normen: ablehnend,

17

Kurzfassung der Evaluationsergebnisse

neutral oder positiv. Wie die Abbildung zeigt, finden sich unter den WorkshopTeilnehmenden wesentlich mehr Schüler_innen, die gewaltlegitimierende Gendernormen
ablehnen, als in der Kontrollgruppe und deutlich weniger, die GLGN-Normen zustimmen.

Abbildung 4: Gewaltlegitimierende Gendernormen (GLGN) unter Workshop-Teilnehmenden
und Angehörigen der Kontrollgruppe (Angaben aller befragten Jugendlichen im PSMDatensatz, in Prozent, N=114)
Ablehnung

Zustimmung
WS-Teilnehmende

-

+

o

Kontrollgruppe

100

%

75

%

50

%

+

o

25

%

0

%

25
%

50
%

75

%

100

%

Die Grafik unterscheidet drei Teilgruppen innerhalb der Workshop-Teilnehmenden und der Kontrollgruppe: diejenigen Jugendlichen, die positive Aussagen zu GLGN im Durchschnitt eher ablehnen (-), diejenigen, die diesen Aussagen durchschnittlich neutral gegenüberstehen (o), und diejenigen, die diese Aussagen im Durchschnitt eher befürworten (+).

Wir folgern daraus, dass die HEROES-Workshops die Teilnehmenden dazu bewegen, tradierte Verhaltensnormen zu hinterfragen, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen legitimieren,
und sich davon in einem gewissen Maß zu distanzieren.
Dennoch bleibt kontinuierliche Arbeit wichtig: Obwohl die HEROES-Workshops zu wünschenswerten Einstellungsveränderungen in Bezug auf gewaltlegitimierende Gendernormen
führen, beschränkt sich der von uns ermittelte Effekt weitgehend auf Normen zur Rolle des
Vaters in der Familie. Bei näherer Analyse der Aussagen zu den einzelnen Fragen der GLGNSkala zeigt sich, dass diese Veränderung vor allem auf Fragen zutrifft, die mit familieninternen Dynamiken zusammenhängen, z.B. „Als Vater ist der Mann der Chef der Familie und
darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen“ oder „Eine richtige Frau gehorcht ihrem
Mann.“ Bei Aussagen zu tradierten Ehrbegriffen und Geschlechterrollen hingegen (z.B.
„Frauen sollten dafür bestraft werden, wenn sie die Ehre der Familie verletzen,“ und „ein

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

18

Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigung mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling“) sind die Unterschiede zwischen Workshop-Teilnehmenden und Kontrollgruppe wesentlich geringer. Tradierte Frauenbilder scheinen also nach den HEROES-Workshops weitgehend
unangetastet zu bleiben. Die Rollenspiele, die sich primär an Jungen richten, bieten offenbar
weniger Möglichkeiten, alternative Weiblichkeitsmodelle zu entwerfen.
Die Zielsetzung, mit den Workshops außerhalb der Schulklasse Diskussionen zu den Themen
Ehre und Geschlechterrollen anzustoßen, wurde begrenzt erreicht. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit wurde von ehemaligen Teilnehmenden an HEROES-Workshops nur innerhalb
der eigenen Familien öfter angesprochen. Beim Thema „Ehre“ sowie in der Häufigkeit von
entsprechenden Diskussionen in den Schulklassen und im Freundeskreis stellten wir keine
Unterschiede zwischen Teilnehmenden und Vergleichsgruppe fest. Die Ergebnisse der Klassenbefragungen suggerieren sogar, dass in den von uns befragten Klassen die Themen „Ehre“ und „Gleichberechtigung“ nach dem HEROES-Workshop im Schuljahr deutlich seltener
besprochen wurden als in Vergleichsklassen. Mögliche Gründe konnten im Rahmen dieser
Evaluation nicht in vertiefenden Gesprächen mit den betreffenden Lehrkräften beleuchtet
werden. Lehrkräfte sollten sich bewusst sein, dass selbst ein sehr mitreißender HEROESWorkshop nur dann nachhaltige Wirkungen entfalten kann, wenn Reflexion und Diskussionen weiter fortgeführt werden.
Es ist bemerkenswert, dass ein einziger, sorgfältig vorbereiteter Workshop Gespräche innerhalb von Familien auslösen und die Haltungen und patriarchalisch geprägte Normen bei Heranwachsenden messbar beeinflussen kann. Insofern bewerten wir das HEROES-Projekt als
erfolgreich. Um eine Veränderung im ganzen Spektrum gewaltlegitimierender Gendernormen
zu erzielen, ist jedoch längerfristige Arbeit notwendig. Das Projektteam ist sich dessen bewusst und bietet deshalb Fortbildungen für Lehrkräfte und andere Berufsgruppen dar, die
mit Jugendlichen aus „Ehrenkulturen“ in Kontakt sind. Auch führen HEROES in einigen Schulen inzwischen Folgeworkshops durch, die es ermöglichen, Reflexion und Diskussion zu vertiefen.

Projektbeschreibung

Projektbeschreibung
Ziel
Das Projekt „HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ (HEROES-Projekt) wurde
2007 von Strohhalm e.V. in Berlin-Neukölln initiiert mit dem Ziel, Gleichberechtigung und
Gleichstellung von jungen Frauen und Männern aus sogenannten „Ehrenkulturen“ zu fördern. Damit sollen der Einfluss gewaltlegitimierender Gendernormen auf die Einstellungen
junger Männer vermindert und Gewaltpotenziale reduziert werden.
Dieses Präventionsprojekt arbeitet an den Schnittstellen von Geschlecht und Kultur, versteht
sich jedoch explizit nicht als „Integrationsprojekt“ für Menschen mit Migrationshintergrund.

Zielgruppen und Aktivitäten
Die HEROES
Die primären Zielgruppen sind Schüler und junge Männer v.a. in Neukölln und Kreuzberg, die
aus „Ehrenkulturen“ stammen. Mit diesem Begriff bezeichnet das Projekt patriarchalisch
geprägte Kulturen, welche die Entfaltungsmöglichkeiten ihrer Mitglieder, insbesondere von
Mädchen und Frauen, stark begrenzen. Das Konzept von Familienehre ist verknüpft mit der
Unversehrtheit des Hymens unverheirateter weiblicher Angehöriger, deren Verhalten von der
Familie überwacht und korrigiert werden muss – auch mit Gewalt und „Ehrenmord“. Im Interventionsgebiet des Projekts sind es vor allem Jugendliche aus konservativen muslimischen
Familien mit Migrationshintergrund, die die Zwänge von „Ehrenkulturen“ spüren und gleichzeitig innerhalb der deutschen Mehrheitskultur funktionieren müssen.
Das Projekt bildet junge Männer zu Peer Educators aus – den HEROES. Explizite Auswahlkriterien sind Geschlecht (männlich), Alter (circa 16 bis 20 Jahre), Wohnort (Berlin) und Migra2
tionshintergrund aus „Ehrenkulturen“ . Interessenten sollten sich offen für kritische Diskussionen über tradierte Normen und Verhalten zeigen. Oft sind es der Freundeskreis, Familienmitglieder oder Lehrkräfte von HEROES, die das Projekt potenziellen Neuzugängen vorstellen.

„Es sind nicht die Hardcore-Konservativen, die zu HEROES kommen.“ (PT)

2

Eine Ausnahme ist ein junger Mann ohne Migrationshintergrund, der mit einem muslimischen Stiefvater aufwuchs
und von anderen HEROES als Mitglied vorgeschlagen wurde (2014).

19

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

20

Das HEROES-Projekt ist kein „Täterprojekt“ – es handelt es sich in der Regel nicht um Jugendliche, die sich im Zusammenhang mit tradierten Ehrvorstellungen auffällig oder gewalttätig verhalten hätten. Einige HEROES haben Familienangehörige, die sich für Geschlechtergerechtigkeit engagieren. Dennoch ist das soziale Umfeld (Verwandtschaft, Freundeskreis) in
der Regel stark von patriarchalischen Gendernormen geprägt.

„Die Jungen sagen immer, in ihren Familien ist das überhaupt kein Problem und so.
Jetzt, wo sich die ersten verloben und heiraten wollen, merken wir, wie sie da alle mit
rein verwickelt sind. Alle haben den Onkel, der bestimmen will, wer geheiratet wird und
wer nicht.“ (PT)
Fünf „Jahrgänge“ von HEROES wurden bis Januar 2015 ausgebildet; die sechste HEROESGruppe wird Mitte bis Ende 2015 ihre Ausbildung abschließen. Nach Angaben des Projekts
sind im Januar 2015 24 junge Männer im Projekt aktiv; sieben haben 2014 mit der HEROESAusbildung begonnen. Von den 24 ausgebildeten HEROES haben elf im Jahr 2015 Workshops geleitet; fünf haben Workshops mit moderiert. Acht HEROES haben gelegentlich an
anderen Aktivitäten teilgenommen, z.B. einer gemeinsamen Reise, in deren Verlauf neue
HEROES-Rollenspiele entwickelt wurden.

Die HEROES-Ausbildung
Die Ausbildung beginnt mit wöchentlichen Gruppentreffen für maximal acht HEROESAspiranten, moderiert von Gruppenleiter_innen, die selbst aus „Ehrenkulturen“ stammen.
Themen wie Liebe, Recht, Solidarität, Macht, Ehre und Sexualität werden ergebnisoffen besprochen, tradierte Einstellungen und Verhalten hinterfragt. Rollenspiele setzen typische
Situationen in Szene und ermöglichen es den Teilnehmenden, Empathie zu entwickeln und in
einer sicheren Umgebung unterschiedliche Verhaltensweisen zu erproben.
„Im Fokus steht dabei die Problematisierung der Männerrolle im Kontext der Ehrenunterdrückung von Mädchen und Frauen. Das Ziel ist es, Jungen und jungen Männern die Möglichkeit
zu geben, sich von diesen Machtstrukturen zu distanzieren. … Es geht darum, die jungen
Männer mit kreativen und pädagogischen Methoden dazu zu motivieren, Stellung zu beziehen: Gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für das Recht der Mädchen/Frauen
auf Menschenrechte und Gleichberechtigung.“ (Breidenstein 2010b, 1)
Die Atmosphäre ist entspannt; es gibt Getränke und Snacks für die Teilnehmenden. Externe
Referent_innen und Veranstaltungsbesuche zu den Themen Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, genderbasierte Gewalt, Rassismus und Homophobie bereichern das Programm. Kinobesuche, Sport, Freizeitaktivitäten in Berlin und eine gemeinsame Reise tragen
zur Vertrauensbildung bei.
Diese HEROES-Grundausbildung dauert in der Regel etwa ein Jahr. In einzelnen Fällen kann
sich das Training deutlich länger hinziehen oder unterbrochen und später wieder aufgenommen werden. Wenn sich „die Haltung [der Aspiranten] gefestigt hat“ (Breidenstein

Projektbeschreibung

2010b, 2), findet als Abschluss eine öffentliche Verleihung des HEROES-Zertifikats statt.
Neben der Urkunde erhalten die HEROES eine Jacke mit dem HEROES-Logo. Die ersten beiden HEROES-Jahrgänge nahmen daneben eine finanzielle Anerkennung entgegen. Darüber
hinaus bekommt jeder HERO für jeden durchgeführten Workshop eine Aufwandsentschädigung von 50 €.
Zur Fortbildung der zertifizierten HEROES hat das Projekt 14-tägige Gruppentreffen eingerichtet. Zusätzlich zu diesen Zusammenkünften werden Vorbereitungstreffen organisiert,
wenn HEROES-Workshops in Schulen geplant sind.

HEROES-Workshops in Schulen
Zielgruppen in den Schulen
Die HEROES-Workshops richten sich primär an Schulklassen an weiterführenden Schulen mit
einem hohen Anteil von Kindern aus „Ehrenkulturen“, sowie an Jugendeinrichtungen. Die
Workshops werden von den Schulen und Einrichtungen angefragt und bezahlt. Das Projektteam bereitet sie gemeinsam mit den Lehrkräften und Pädagog_innen vor; diese erhalten
eine Mappe mit Informationen und Materialien zur Vertiefung.

HEROES-Rollenspiele
Zentral stehen in den Workshops zwei bis vier Rollenspiele, die von den HEROES und dem
Projektteam entwickelt wurden. Jeweils zwei HEROES und ggf. männliche Helfer führen jeweils ein Rollenspiel vor. Zwei beispielhafte Rollenspiele sind unten aufgeführt.


Ein Junge bekommt Ärger mit seinem Vater, weil er nicht weiß, wo seine Schwester ist.
Ein Freund kritisiert ihn dafür, dass seine Schwester nicht gleich mitkommt, als er sie
nach Hause holen will.



Ein Junge erzählt seinem Vater, dass er seine schwedische Freundin heiraten will. Der
Vater ist dagegen und wird wütend, weil sie „keine von uns ist".

Dann werden, ähnlich wie in Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“, die Zuschauer_innen aufgefordert, alternative Handlungsmöglichkeiten zu überlegen und selbst szenisch
umzusetzen.
Beispielhafte Fragen nach dem Rollenspiel: Was denkt ihr über die Situation? Was
hat „Ehre“ damit zu tun? Was hätte [jede Person in der Szene] anders machen können? Ist das Freundschaft? Geht es hier um Schutz oder um Kontrolle? Wie hat sich
[jede Person in der Szene] gefühlt? Warum hat er/sie sich so verhalten? Wem geht
es in dieser Szene gut? Wie kann es besser laufen?

21

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

22

Im Jahr 2014 haben laut einer Aufstellung des Projekts 21 HEROES-Workshops an acht Berliner Schulen stattgefunden und zwölf Workshops in anderen Jugendeinrichtungen, z.B. in
Jugendklubs und einem SOS-Kinderdorf. 2013 wurden rund 700 Schülerinnen mit 28 Workshops erreicht (HEROES Sachbericht 2013). Dazu zählten Vertiefungsworkshops mit Gruppen, die bereits einen HEROES-Workshop miterlebt hatten.

Weitere Aktivitäten im HEROES-Projekt
Auf Anfrage von Teilnehmerinnen an HEROES-Workshops organisiert das Projekt ergänzende
Mädchentreffen (drei im Jahr 2014), die es Mädchen ermöglichen, Vorschläge und Wünsche
für die Jugendarbeit zu liefern. Dezidierte Mädchenarbeit ist jedoch nicht Teil des HEROESProjekts. Auf Elternabenden werden die Eltern angehender HEROES informiert; Eltern werden zu HEROES-Anerkennungsfeiern und anderen öffentlichen Auftritten eingeladen.
Das Projekt bietet ein- bis zweitägige Fortbildungen für Lehrkräfte, Pädagog_innen, Sozialarbeiter_innen, Polizei und Jugendamt sowie Familienhilfe und Einzelfallhilfe an. Auch hier sind
identitätsbasierte Diskriminierung und „Ehrenkulturen“ – insbesondere ihre praktischen Implikationen in der Arbeit mit Jugendlichen – zentrale Themen.
Seit 2012 ist das HEROES-Projekt mit dem Modul „Interkulturelle Kompetenz“ der Berliner
Polizeischule beauftragt. Angehende Polizist_innen absolvieren ein dreitägiges Seminar mit
Vertreter_innen des Projekts. HEROES-Schulungen finden auch in anderen Bundesländern,
z.B. im Rahmen anderer HEROES-Projekte (inzwischen sieben im Bundesgebiet), statt. Mitglieder des Projektteams haben ihre Erfahrungen in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert.
Neben ihrer Arbeit in Workshops treten die HEROES bei öffentlichen Veranstaltungen auf,
die das HEROES-Projekt vorstellen oder würdigen. Mitarbeitende im Projekt berichten von
mehr als 30 Veranstaltungen im Jahr 2014, u.a. Podiumsdiskussionen, Buchvorstellungen,
ein Empfang bei der neuen Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration –
der Staatsministerin Aydan Özoğuz – sowie HEROES-Tätigkeiten als Ordner bei den Respect
Gaymes.3 Printmedien, Radio und Fernsehen haben mehrmals über das Projekt berichtet,
das auch in der Politik Aufmerksamkeit weckt: Nach Angaben des Projektteams pflegt der
Bundespräsident regelmäßigen Kontakt mit dem HEROES-Projekt.

Ressourcen
Die folgenden Abschnitte gehen kurz auf die personelle und finanzielle Ausstattung des Projekts im Evaluationsjahr (2014) ein. Informationen zu weiteren Ressourcen, z.B. die Aner-

3

Die HEROES-Website www.heroes-net.de und eine Facebook-Page (https://de-de.facebook.com/pages/HEROESGegen-Unterdr%C3%BCckung-im-Namen-der-Ehre/123509897767344) informieren über aktuelle Veranstaltungen.

Projektbeschreibung

kennung des Projekts in öffentlichen Ehrungen und die Unterstützung seitens Prominenter,
sind auf der HEROES-Website und in Kavemann (2012, 7) verfügbar.

Projektteam
Im Jahr 2014 waren sieben Mitarbeitende – das Projektteam – im Projekt beschäftigt (PT):


Projektleiterin Jenny Breidenstein (30 Wochenstunden),



Koordinatorinnen Dagmar Riedel-Breidenstein und Rebecca Mörs (15 WS),



Gruppenleiter_innen Eldem Turan, Ahmad Mansour und Yilmaz Atmaca (je 20 WS) sowie
seit August 2014 Deniz Ince (7,5 WS), ein ausgebildeter HERO.

Ein Vorstand (sieben Personen) und ein Beirat (15 Mitglieder) begleiten das Projekt auf ehrenamtlicher Basis. Die Projektbuchhaltung wurde ebenfalls ehrenamtlich ausgeführt. Das
Projekt verfügt über ein Büro in Berlin-Neukölln (Nähe Hermannplatz) mit ausreichend Platz
für HEROES-Gruppentreffen.

Finanzierung
Die Initiator_innen des Berliner HEROES-Projekts empfehlen neuen HEROES-Projekten ein
Jahresbudget von 100.000 € zu veranschlagen (Breidenstein 2010a). Im Jahr 2014 belief
sich das Budget von HEROES Berlin auf etwas über 110.000 €, die größtenteils für Personal
eingesetzt wurden (über 100.000 €).
Das Projekt wurde 2014 gefördert u.a. aus Mitteln des Partizipationsprogramms der Berliner
Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, Strohhalm e.V. und der LositoKressman-Zschach Foundation. Zusätzlich hat das Projekt 2014 Preisgelder von Bündnis
90/Die Grünen (Hatun-Sürücü-Preis) und der Meridian-Stiftung (Estrongo-Nachama-Preis)
erhalten. Dazu kamen regelmäßige oder punktuelle Beiträge von Einzelspender_innen.

23

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

24

Methodisches Vorgehen
Evaluationsfragen
Zweck der Evaluation ist es, die Wirkungen des Projekts zu untersuchen auf (i) die jungen
Männer, die als HEROES, d.h. Peer Educators, im Projekt mitmachen, und (ii) Jugendliche,
die an HEROES-Workshops teilnehmen.
Die Evaluation soll untersuchen, inwiefern das Projekt bei Multiplikatoren (den HEROES) und
den Teilnehmenden an HEROES-Workshops Veränderungen auf der kognitiven und der
Handlungsebene bewirkt, die zur Prävention von genderbasierter Gewalt beitragen. Dazu
zählen, wie in der wissenschaftlichen Forschung diskutiert: (i) Sensibilisierung für Gewalt im
Geschlechterverhältnis, (ii) Reflexion über gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, (iii)
Entwicklung alternativer, geschlechtergerechter Normen und (iv) Sensibilisierung für andere
Formen von gruppenbezogenerer Menschenfeindlichkeit. Es soll überprüft werden, inwieweit
das Projekt Faktoren befördert oder behindert, deren Einfluss auf Gewaltverhalten bei Jugendlichen und Heranwachsenden nachgewiesen ist.
Bei dieser Evaluation standen also die Bewertungskriterien Effektivität und Impact im Sinne
langfristiger bzw. mittelbarer Wirkungen im Vordergrund. Im Rahmen dieses Auftrags haben
wir keine systematische Überprüfung des Projekts anhand der Kriterien Relevanz, Effizienz
und Nachhaltigkeit durchgeführt, die bei umfassenderen Evaluationen berücksichtigt werden
sollten.

Evaluationsansatz und Methoden
Unser Evaluationsdesign befasst sich primär mit den vom Projekt erzielten Wirkungen. Das
Wirkungsgefüge zwischen Projektaktivitäten und der Verhinderung von genderbasierter Gewalt involviert unterschiedliche Akteure, u.a. HEROES, Schüler_innen, Lehrkräfte und institutionelle Kooperationspartner. Unser Ansatz trianguliert die Perspektiven unterschiedlicher
Akteure und erfasst Daten mit unterschiedlichen Methoden.

Quantitative und qualitative Datenerhebung
Wir nutzten eine Kombination von quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden. Die
HEROES-Arbeit mit Schulklassen ermöglichte ein quasi-experimentelles Evaluationsdesign,
d.h. den direkten Vergleich zwischen Schulklassen, die an HEROES-Workshops teilgenommen hatten, und Kontrollgruppen aus der gleichen Jahrgangsstufe. Dadurch wurden die
Wirkungen der Workshops in der Analyse weitgehend von anderen Faktoren isoliert, die
relevante Einstellungen und Verhaltensweisen der Teilnehmenden beeinflussen konnten.

Methodisches Vorgehen

Daten zu den Wirkungen des Projekts auf die HEROES und ihr Umfeld wurden vor allem mit
qualitativen Methoden erhoben, insbesondere Einzelinterviews (45 bis 90 Minuten) mit neun
Personen aus dem Umfeld von fünf HEROES – einer Lehrerin, einem Sporttrainer, einem
Arbeitskollegen, einer ehemaligen Schulkameradin und mehreren Familienangehörigen, von
denen manche über mehrere HEROES berichten konnten. Weiterhin fand ein ausführliches
Interview mit einem langjährigen HERO statt. Informationen aus den Interviews glichen wir
mit einer schriftlichen Befragung der HEROES ab.

Bewertungskriterien
Zunächst wurde anhand der HEROES-Dokumentation und in Interviews mit Mitgliedern des
Projektteams das Wirkungsgefüge des HEROES-Projekts rekonstruiert und visualisiert (siehe
Schaubild am Anfang). In diesen Gesprächen wurden verschiedene gewaltpräventive Faktoren im Wirkungsgefüge verortet, insbesondere:


kritische Reflexion über tradierte Konzepte und Verhaltensmuster zu den Themen Ehre,
Männlichkeit und Diversität,



veränderter Ehrbegriff (hin zu einer geringeren Verortung der Ehre im Verhalten weiblicher Angehöriger),



Anerkennung von Geschlechtergerechtigkeit, Diversität und Menschenrechten,



gestärktes Selbstbewusstsein bei HEROES,



Engagement für Gleichberechtigung und Menschenrechte (HEROES).

Zur Messung der Präsenz gewaltlegitimierender Gendernormen (GLGN) bei Schüler_innen
und den HEROES verwendeten wir eine Skala, die im Rahmen einer Promotionsarbeit entwickelt und getestet wurde (Neuhaus 2010). Mit der GLGN-Skala „können sowohl verbale, als
auch physische Aggression auf Individuumsebene … vorhergesagt werden“ (Neuhaus 2010,
273). Die Skala hängt dabei stärker mit „reaktiver Aggression und ambivalentem Sexismus
als mit allgemeiner Aggression und allgemeinen Aspekten des GeschlechterrollenSelbstkonzeptes“ zusammen (ebd., 274), ist also besonders zur Vorhersage von genderspezifischer Gewalt geeignet. Sie umfasst 14 Items, die mit Unterstützung des Projektteams
sprachlich leicht an die Zielgruppe angepasst wurden (siehe Fragebogen im Anhang). Weitere Items wurden hinzugefügt, um den Schüler_innen zu ermöglichen, sich zu Aussagen zu
äußern, die ein gewaltloses Männlichkeitsbild darstellen. Vor der Befragung wurde der Fragebogen mit Schüler_innen aus Berlin-Neukölln auf seine Verständlichkeit und die zur Beantwortung nötige Zeit getestet. Nach der Befragung und den Interviews wurden unsere
Ergebnisse und Empfehlungen in einem Treffen mit dem HEROES-Projektteam informell
vorgestellt und diskutiert.

25

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

26

Quasi-experimentelle Untersuchung der Workshop-Wirkungen
Das Design unserer Schülerbefragung liefert belastbare Daten zur Wirkungsanalyse. Da die
Workshops in Klassenverbänden oder Jugendeinrichtungen durchgeführt wurden, war es uns
nicht möglich, das Zufallsprinzip (randomisiertes Design) anzuwenden. Stattdessen wurde
ein quasi-experimentelles Design genutzt, worin wir fünf Schulklassen der Jahrgangsstufe 10
befragten, die im vorhergehenden Schuljahr an einem HEROES-Workshop teilgenommen
hatten (unten als Schulen B und C), sowie zehn 10. Klassen, die noch keine HEROESWorkshops erlebt hatten (Schulen A und C). In allen drei Schulen wurden alle 10. Klassen
jeweils innerhalb einer Schulstunde schriftlich befragt.
Insgesamt gewannen wir Daten von 248 Schüler_innen. 72 dieser Schüler_innen hatten an
einem HEROES-Workshop teilgenommen. Unter den Workshop-Teilnehmenden waren 25
Jungen und 41 Mädchen (6 Workshop-Teilnehmende machten zu ihrem Geschlecht keine
Angabe).

Tabelle 1: Befragte Schüler_innen (absolute Häufigkeiten)
Schule

Teilnahme Workshop

Gesamt

Ja

Nein

Schule A

1

60

61

Schule B

56

9

65

Schule C

15

107

122

Gesamt

72

176

248

Um das Risiko zu reduzieren, dass bestimmte Eigenschaften der Schulen oder Schulklassen
4
unsere Analyse verzerren würden, wandten wir Propensity Score Matching an. Dafür wurde
für jede/n Studienteilnehmer_in eine Maßzahl errechnet, die Unterschiede in Merkmalen wie
Geschlecht und Religionszugehörigkeit zusammenfassend wiedergab. Diese sogenannten

Propensity Scores ermöglichen es, für die Workshopteilnehmer_innen ähnliche Schüler_innen aus den Vergleichsklassen zu identifizieren.
Die folgenden Merkmale bezogen wir in die Berechnung des Propensity Scores ein:


Geschlecht,



Religionszugehörigkeit,



Bedeutung der Religion im eigenen Leben,



Migrationshintergrund (Eltern, selbst),



ökonomisch-relevantes Freizeitverhalten (Indikator für sozio-ökonomische Lage).

4

Die Propensity Scores basierten auf logistischen Regressionen. Der Matching-Algorithmus war gekennzeichnet
durch: nearest neighbor, matching with replacement, 1:2.

27

Methodisches Vorgehen

Nach dem Matching ergab sich als Grundlage für die Wirkungsanalyse eine Anzahl von 52
Workshop-Teilnehmer_innen und 62 Personen aus den Vergleichsklassen.

Tabelle 2: Kontroll- und Vergleichsgruppen nach Propensity Score Matching (absolute Häufigkeiten)
Geschlecht

Teilnahme Workshop

Gesamt

Ja

Nein

Junge

17

24

41

Mädchen

35

38

73

Gesamt

52

62

114

HEROES-Dokumentation und weitere Literatur
Das Projektteam stellte für die Evaluierung Dokumente zum HEROES-Konzept, das HEROESHandbuch (Breidenstein 2010a) und die Einführungsmappe für Lehrkräfte sowie den Bericht
der wissenschaftlichen Begleitung von Kavemann (2012) zur Verfügung. Weiterhin erhielten
wir den HEROES-Sachbericht 2013 und Listen zu den Projektaktivitäten im Jahr 2014, die
von unterschiedlichen Mitgliedern des Projektteams beigesteuert wurden. Diese Dokumentation wurde im Rahmen der Evaluation analysiert.
Bei der Erarbeitung des Evaluationskonzepts und der Instrumente stützten sich die Evaluierenden vor allem auf die Literatur zu Propensity Score Matching und die bereits erwähnte
Doktorarbeit (Neuhaus 2010).

Grenzen der Evaluation
Fokus auf HEROES und Workshops in Schulen
Das HEROES-Training und die Workshops in Schulklassen machen den Kern des HEROESProjekts aus. Deshalb konzentriert sich unsere Evaluation auf die Wirkungen des Projekts auf
die HEROES und Schüler_innen, die an HEROES-Workshops teilgenommen haben. Das Projekt umfasst weitere Aktivitäten, z.B. Training für Personal der Polizei. Es war innerhalb des
dieser Evaluation gesetzten Rahmens nicht möglich, die Wirkungen aller Aktivitäten oder
Wechselwirkungen zu überprüfen.
Ursprünglich war vorgesehen, auch Daten über die Vor- und Nachbereitung der Workshops
durch Lehrkräfte zu untersuchen. Dafür hatten wir einen gesonderten Fragebogen für Lehrkräfte vorbereitet. Der Großteil der Klassenlehrer_innen von Schulklassen, die am Workshop
teilgenommen hatten, war jedoch bei der Klassenbefragung abwesend. Daher konnten wir

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

28

nur sehr begrenzt einschätzen, ob und wie die HEROES-Themen nach den Workshops in
Klassen weiter bearbeitet wurden.

Sozial erwünschte Antworten zu Veränderungen bei den HEROES?
Bei der Überprüfung der Wirkungen des Projekts auf die HEROES wurden die HEROES selbst
gebeten, Veränderungen im eigenen Denken und Verhalten einzuschätzen. In den Interviews mit Menschen aus dem HEROES-Umfeld sprachen wir ausschließlich mit Menschen, die
von den HEROES selbst vorgeschlagen wurden. Diese Befragten wussten vom HEROESProjekt und dessen Zielen. Es ist daher anzunehmen, dass sie sich veranlasst fühlten, vor
allem von positiven Wirkungen zu berichten. Dennoch erhielten wir durch gezieltes Nachfragen in den Interviews auch nuancierte und kritische Einschätzungen. Teilnehmende Beobachtung an einem HEROES-Workshop und einem HEROES-Treffen sowie Gespräche mit
HEROES (Einzelinterview, Gruppengespräch mit Projektteam und drei HEROES) ermöglichten
es dem Evaluationsteam, auch eigene Eindrücke zu den HEROES zu gewinnen.

Begrenzte Übertragbarkeit der Evaluationsergebnisse auf andere Kontexte
Die Wirkungen der HEROES-Workshops auf Schulklassen scheinen uns wenig abhängig davon zu sein, aus welcher „Ehrenkultur“ Schüler_innen mehrheitlich stammen. Die Workshops
hatten in Klassen mit Schüler_innen aus unterschiedlichen „ehrenkulturellen“ Migrationshintergründen stattgefunden. Es waren keine signifikanten Unterschiede bei der Wirkung der
Workshops auf diese unterschiedlichen Mitglieder der HEROES-Zielgruppen erkennbar.
Aufgrund fehlender Daten aus der Befragung der Lehrkräfte ließ sich der Einfluss von Vorund Nachbereitung auf die Wirkung der Workshops nicht analysieren. Es ist deshalb nicht
auszuschließen, dass die Wirkungen der Workshops auch vom Engagement der Klassenlehrkräfte zu den HEROES-Themen abhängen.
Erfahrungsgemäß entfalten Peer-Education-Projekte erwünschte Wirkungen auf die Peer

Educators selbst. Es könnte Faktoren geben, die das Berliner HEROES-Projekt in dieser Hinsicht besonders positiv beeinflussen, z.B. die langjährige Erfahrung der Durchführenden, die
das Projekt entwickelt haben, und die besondere Aufmerksamkeit, die das Berliner HEROES
Projekt in der Öffentlichkeit genießt. Um die Bedeutung solcher Faktoren einschätzen zu
können, fehlt uns der Vergleich mit anderen HEROES-Gruppen.

Evaluationsergebnisse

Evaluationsergebnisse
Hauptaufgabe der Evaluation war die Messung von Wirkungen. Dieses Kapitel beginnt mit
einer Beschreibung der Wirkungen auf (i) die jungen Männer, die 2014 aktive HEROES waren, und (ii) Schüler_innen, die im Schuljahr 2012/2013 an HEROES-Workshops teilgenommen haben. Der zweite Teil des Kapitels geht auf Aspekte ein, die im Wirkungsgefüge des
HEROES-Projekts förderliche oder hinderliche Rollen spielen.
Das in der folgenden Grafik dargestellte Wirkungsgefüge, rekonstruiert in Gesprächen mit
dem Projektteam, bildet die Grundlage unserer Evaluation. Die HEROES-Ausbildung und
Workshops (mit Pfeilen links dargestellt) sollen bei HEROES und Workshop-Teilnehmenden
die folgenden Veränderungen auf der kognitiven Ebene herbeiführen bzw. unterstützen: (i)
kritische Reflexion über tradierte Geschlechterrollen, Verhaltensmuster und identitätsbasierte
Diskriminierung und (ii) von tradierten Normen abweichende Einstellungen zu diesen Themen. Weiterhin wird erwartet, dass die HEROES aus dem Projekt mit gestärktem Selbstbewusstsein hervorgehen. Auf der Verhaltensebene sollen HEROES-Ausbildung und Projektaktivitäten dazu führen, dass sich die HEROES für Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte engagieren. Weiterhin sollen die Workshops dazu beitragen, dass Lehrkräfte Schüler_innen mit und ohne Migrationshintergrund gleich behandeln.

Abbildung 5: Wirkungsgefüge des HEROES-Projekts

29

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

30

Die Grafik ist horizontal in vier Reihen aufgeteilt. Von oben nach unten stellen sie die folgenden Aspekte dar: (i) Wirkungen auf HEROES, (ii) Wirkungen auf Schüler_innen in Workshops, (iii) Wirkungen auf Lehrkräfte (nicht überprüft) und (iv) Messinstrumente, die in der
Evaluation verwendet wurden. Durchgehende Pfeile signalisieren erwartete Projektwirkungen, gestrichelte Pfeile Wirkungen, die erwünscht, aber nur bedingt erwartet sind. Dunkel
schattierte Ovale und Kreise bezeichnen die Aspekte, die von uns überprüft wurden.

Wirkungen des Projekts auf die HEROES
In welchem Maß wurden die oben genannten Wirkungen auf Denken und Handeln der HEROES erzielt? Dies wurde überprüft (i) anhand einer schriftlichen Befragung der 2014 aktiven HEROES und (ii) in Einzelgesprächen mit Menschen aus dem Umfeld von fünf HEROES.
Wir haben positive Entwicklungen zu allen oben genannten Aspekten des Wirkungsgefüges
ermittelt.
Kritische Reflexions- und Diskussionsfähigkeit ist, was in der HEROES-Ausbildung primär
geübt wird:

„Ich hab‘ gelernt, selbstreflektierend zu denken, da wir jedes Mal mit einer Fragestellung nach Hause geschickt wurden.“ (HB)
Erwartungsgemäß schätzten die HEROES und ihr Umfeld ihre Kompetenzen auf diesem Gebiet als deutlich gestärkt ein. Alle Teilnehmer an der HEROES-Umfrage stimmten der folgenden Aussage zu: „Man ist nicht verpflichtet, Regeln der Familie oder aus der Religion zu befolgen, wenn man sie nicht gut findet.“ 13 von 15 gaben an, dass ihnen sehr wichtig sei,
über ihr Leben selbst zu bestimmen; neun von 15 fanden die Zustimmung ihrer Eltern zu
ihren Zukunftsplänen relativ unwesentlich.
Einige HEROES berichteten von großen Veränderungen in ihren Einstellungen zu Gleichberechtigung und Toleranz. Die folgende Grafik zeigt, wie sie ihre eigenen Veränderungen seit
der HEROES-Ausbildung im Vergleich zu den Haltungen ihrer Eltern einschätzten. Zu den
Themen Homosexualität, Gender, Sinti und Roma sowie Ehre nahmen sich die HEROES nach
der HEROES-Ausbildung als deutlich toleranter wahr als ihre Eltern. Gleichzeitig schätzten sie
sich für den Zeitpunkt vor der Ausbildung als generell konservativer und weniger tolerant ein
als ihre Eltern – außer, was das Thema „Ehre“ betraf. Unsere Interviews mit Familienange5
hörigen von HEROES bestätigten diese Entwicklung.
Die HEROES sind in ihren Einstellungen den eigenen Eltern insgesamt näher als ihren Verwandten und ihren Freund_innen. Viele HEROES stammen aus Elternhäusern, die im Ver-

5

Es wurde jedoch nicht überprüft, wie unsere Interviewpartner_innen die HEROES im Vergleich zu ihren Eltern
verorten.

31

Evaluationsergebnisse

gleich zu ihrem sozialen Umfeld weniger konservativ sind. So wird z.B. von einem HERO
berichtet, er habe erst in der Schule streng konservative Ehrbegriffe kennengelernt (U).

Abbildung 6: Veränderte Haltungen bei HEROES im eigenen Vergleich zu den Eltern (Angaben der befragten Heroes, Durchschnittswerte, N=15)
Homosexualität: Krankheit/moralisch verwerflich
(1) oder so normal wie Sexualität zwischen
Mann und Frau (10)?
Geschlechter: Unterschiedliche Rechte und
Pflichten (1) oder gleiche Rechte und Pflichten
(10)?
Sinti und Roma: Besondere Vorsicht im Umgang
(1) oder genauso vertrauenswürdig wie andere
Menschen (10)?
Ehre: Durch Religion und Kultur verbindlich
definiert (1) oder selbstbestimmt (10)?
1
Heroes (vor Ausbildung)

3

5

7

Heroes (heute)

9

11

Eltern

Die folgende Grafik zeigt, wie die HEROES ihre Einstellungen zu den oben genannten Themen im sozialen Umfeld verorteten. Insgesamt haben sie sich weit von den Denk- und Verhaltensweisen des Umfelds, besonders der weniger nahen Verwandten, entfernt.

Abbildung 7: Haltungen der HEROES im eigenen
(Angaben der befragten Heroes, Durchschnittswerte, N=15)

Vergleich

zum

Umfeld

Homosexualität: Krankheit/moralisch verwerflich
(1) oder so normal wie Sexualität zwischen Mann
und Frau (10)?
Geschlechter: Unterschiedliche Rechte und
Pflichten (1) oder gleiche Rechte und Pflichten
(10)?
Sinti und Roma: Besondere Vorsicht im Umgang
(1) oder genauso vertrauenswürdig wie andere
Menschen (10)?
Ehre: Durch Religion und Kultur verbindlich
definiert (1) oder selbstbestimmt (10)?

Heroes (jetzt)

Eltern

1
3
5
Verwandte (nicht Kernfamilie)

7
9
Freundeskreis

11

Die HEROES weichen von tradierten Denk- und Verhaltensmustern ab. Sie haben den Ehrbegriff neu für sich definiert und neue Verhaltensweisen im Umgang mit weiblichen Familienmitgliedern eingeübt. Dennoch unterliegen sie weiterhin den sozialen Zwängen ihres Umfelds. In zwei Interviews wurde das so dargestellt:

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

32

„[Die HEROES] sind andere Menschen geworden, aber [die meisten] haben trotzdem,
egal, was passiert, irgendwo in der Ecke, mit einer Decke darüber, die alte Denkweise.
Die beschützen sie noch immer. [Die] können sie rausholen, anwenden und danach
wieder zurück zu HEROES gehen.“ (U)
„[Der HERO] ist sehr aggressiv, wenn wer Außenstehender über [seine Mutter] was
Schlechtes sagt – dann würde er mit einer aggressiven Art seine Meinung sagen und
[sie] ‚beschützen‘, weil er halt der Mann ist.“ (U)
Auch Kavemann (2012, 45) schildert solche Ambivalenzen: „Das Team berichtet davon, dass
die jungen Männer zwar einerseits überzeugt für die Gleichberechtigung von Mann und Frau
eintreten, andererseits aber verstört und unglücklich sein können, wenn die eigene Freundin
Freiheiten beansprucht. An ihnen selbst zeigt sich, dass Verstand und Herz nicht im gleichen
Tempo Veränderungen vollziehen können.“
Trotz dieser Einschränkungen bestätigen unsere Interviews und Beobachtungen die Angaben
der HEROES, dass das Projekt ihre Handlungsmöglichkeiten deutlich erweitert.

„In verschiedensten Situationen ertappe ich mich selbst, wie der ‚Hero‘ in mir die Leitung übernimmt und das Problem bewältigt bzw. unterschiedlichste Sachverhalte hinterfragt.“ (HB)
Die meisten HEROES, die an unserer Befragung teilgenommen haben, geben an, an Selbstsicherheit gewonnen zu haben (elf von 15). Dies äußert sich in unterschiedlichen Zusammenhängen:


Eigene Standpunkte entwickeln und vertreten: „HEROES [das Projekt] hat mir geholfen,

zu meiner Meinung zu stehen, und mir ein Umfeld geboten, welches mich in dieser Meinung unterstützt und bestärkt hat.“ (HB)


Sicheres Auftreten in der Öffentlichkeit: Unsere Interviewpartner_innen berichten von
gelassenem Verhalten der HEROES in öffentlichen Auftritten und vor der Fernsehkamera
(PT, U).



Vertrauen in die eigene Durchsetzungsfähigkeit: Zwölf von 15 Befragungsteilnehmern
sind zuversichtlich, ihre Wünsche für die Zukunft umzusetzen zu können. Nur ein Antwortender äußert sich dazu pessimistisch.

Acht Teilnehmer in der HEROES-Befragung geben an, durch das Projekt glücklicher geworden zu sein. Im Rahmen der Evaluation wurden die Gründe dafür nicht weiter beleuchtet.
Das Projektteam berichtet jedoch, dass viele HEROES emotional eng an das Projekt gebunden sind und ihren Freundschaftskreis aus HEROES rekrutieren. Als beispielsweise ein Mitglied des Evaluationsteams einen langjährigen HERO um Namen für die Interviews aus seinem Umfeld bat und nach Freunden außerhalb von HEROES fragte, warf der HERO ein, sein
Freundeskreise bestünde fast ausschließlich aus HEROES.

Evaluationsergebnisse

Alle Interviewpartner_innen berichten, dass die HEROES seit ihrer Ausbildung Diskussionen
selbstsicherer und artikulierter angehen als früher. Dies deckt sich mit der Selbsteinschätzung der HEROES:

„Bei HEROES hat er gelernt, sich hinzusetzen und zu diskutieren. Sich vieles anzuhören,
und wenn er sich was in den Kopf setzt, es auch umzusetzen. Das hat er von zu Hause
auch mit. Aber bei HEROES hat er noch mehr die Verstärkung.“ (U)
„Ich kann über schwierige Sachverhalte mit meiner Familie diskutieren und streiten. Ich
kann alles frei aussprechen, weil ich mir genau überlege, was für einen Wert das für
mich hat.“ (HB)
„Durch die vielen Diskussionen bei HEROES bin ich meinen Mitmenschen trotz gleichem
Alter rhetorisch immer weit überlegen.“ (HB)
„[Der HERO] ist fähig zu sagen, ‚Papa, ich bin nicht deiner Meinung‘.“ (PT)
Einige Interviewpartner_innen schilderten Beispiele, wie sich HEROES für andere einsetzten,
z.B. für das Recht der volljährigen Schwester, alleine auszugehen, oder gegen den Gebrauch
des Ausdrucks „Schwuler“ als Schimpfwort. In einem Fall wird berichtet, ein HERO habe mit
einem Freund eingegriffen, als eine Frau zusammengeschlagen wurde, und vor Gericht als
Zeuge ausgesagt.

Wirkungen des Projekts auf die Teilnehmenden an Workshops
Die Wirkungen der Workshops auf Schüler_innen wurden mithilfe unserer quasiexperimentellen Klassenbefragung gemessen. Die Ergebnisse sind ermutigend: Die Workshops waren ein prägnantes Ereignis für die Teilnehmenden; insbesondere Schüler_innen
aus den HEROES-Zielgruppen wurden zum Nachdenken angeregt. Wir konnten außerdem
einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Teilnahme an HEROES-Workshops und
Haltungen zu gewaltlegitimierenden Gendernormen feststellen.

Der HEROES-Workshop: ein anregendes Ereignis
Die meisten befragten Schüler_innen konnten sich an die Inhalte der Rollenspiele erinnern,
die im vorhergehenden Schuljahr stattgefunden hatten. Die HEROES-Workshops waren also
ein prägnantes Ereignis. Unsere Befragung enthielt eine Zusammenfassung von zwei Rollenspielen, die tatsächlich stattgefunden hatten („echte Rollenspiele“), sowie von zwei fiktiven
Rollenspielen. Die Schüler_innen wurden gebeten, die Rollenspiele zu identifizieren, die sie
gesehen hatten. 83% bzw. 84% der Antwortenden konnten sich an mindestens ein echtes
Rollenspiel korrekt erinnern; der Anteil derjenigen, die glaubten, sich an ein fiktives Rollenspiel zu erinnern, war gering (12% bzw. 18%).

33

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

34

Abbildung 8: Erinnerung der Workshop-Teilnehmenden an Rollenspiele (Angaben der Workshop-Teilnehmenden unter den befragten Jugendlichen, in Prozent, n=72)

Keine (15,6%): Keine Angaben, keine richtigen
Angaben, oder alle als „vorgespielt“ oder „nicht
vorgespielt“ markiert.

15,6

54,5

29,9

Unsicher (29,9%): Generell richtige Angaben,
aber ein Rollenspiel fehlerhaft als "vorgespielt"
oder "nicht vorgespielt" eingeordnet.
Sicher (54,5%): Die echten Rollenspiele wurden
als „vorgespielt“ markiert und die falschen als
solche erkannt.

Tabelle 3: Erinnerungen der Workshop-Teilnehmenden an einzelne Rollenspiele (Angaben
der Workshop-Teilnehmenden unter den befragten Jugendlichen, in Prozent, n=72)
Rollenspiel

Stand

Vorgespielt

Nicht vorgespielt

kA

1

Echt

83%

7%

10%

2

Erfunden

18%

60%

22%

3

Echt

84%

8%

8%

4

Erfunden

12%

70%

18%

Die meisten Mädchen und Jungen bewerteten den Workshop insgesamt als anregend: 63%
stimmten der Aussage zu, dass der Workshop „viel Spaß gemacht“ habe; 39% dass sie „lange darüber nachgedacht“ hätten. Etwa ein Drittel der Teilnehmenden hatte durch den Workshop neue Informationen bekommen.
Unsere Schülerbefragung ermittelte einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen
Religionszugehörigkeit und dem Maß, in dem der Workshop als anregend empfunden wurde.
Muslimische Teilnehmende stimmten eher zu, dass sie viel Spaß gehabt und lange über den
Workshop nachgedacht hatten. Wir folgern daraus, dass die Workshops gut auf die primäre
HEROES-Zielgruppe zugeschnitten sind: Schüler_innen mit kulturellen Hintergründen, in
denen tradierte Konzepte von „Familienehre“ einen hohen Stellenwert einnehmen können.
Während nur 9% der christlichen Antwortenden angaben, lange über den Workshop nachgedacht zu haben, waren es unter den muslimischen 45%. Die Workshops sprechen also
Jugendliche aus „Ehrenkulturen“ verstärkt an. Den Anspruch, auch Jugendliche aus der
„Mehrheitsgesellschaft“ zum Nachdenken zu bringen, wurde nur bedingt erfüllt.

35

Evaluationsergebnisse

Lange
darüber Vielen
nachdavon
gedacht erzählt

muslimisch

Viele
neue
Infos be- Viel Spaß
kommen gemacht

Abbildung 9: Bewertung der Workshops nach Religionszugehörigkeit (Angaben der Workshop-Teilnehmenden unter den befragten Jugendlichen, in Prozent, n=72)

muslimisch

christlich
muslimisch
christlich

christlich
muslimisch
christlich
0%

25%

stimme überhaupt nicht zu
stimme eher zu

50%

stimme nicht zu
stimme zu

75%

100%

stimme eher nicht zu
stimme voll und ganz zu

Es wurde hingegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Geschlecht und
Bewertung des Workshops ermittelt. Das heißt, obwohl die HEROES Jungen sind, die Probleme überwiegend aus männlicher Perspektive darstellen, sprechen die Rollenspiele Mädchen
und Jungen gleichermaßen an.

Viele
neue
Infos be- Viel Spaß
kommen gemacht

Lange
darüber Vielen
nachdavon
gedacht erzählt

Abbildung 10: Bewertung der Workshops nach Geschlecht (Angaben der WorkshopTeilnehmenden unter den befragten Jugendlichen, in Prozent, n=72)
weiblich
männlich
weiblich
männlich
weiblich
männlich
weiblich
männlich
0%
stimme überhaupt nicht zu

25%
stimme nicht zu

stimme eher zu

stimme zu

50%

75%
100%
stimme eher nicht zu
stimme voll und ganz zu

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

36

Reflexion von Geschlechtergerechtigkeit und Ehre im sozialen Umfeld
Die Teilnahme an einem Workshop scheint die weitere Reflexion und Diskussion der Themen
„Geschlechtergerechtigkeit“ und „Ehre“ durch die Schüler_innen selbst und mit ihrem Umfeld
nur bedingt zu befördern. Ein einziger statistisch signifikanter Zusammenhang wurde zu
diesem Thema ermittelt: Schüler_innen, die an HEROES-Workshops in der Schulklasse teilgenommen hatten, sprachen über das Thema „Geschlechtergerechtigkeit“ wesentlich öfter
mit ihren Familien als Nicht-Teilnehmende.
Mädchen denken augenscheinlich mehr über Gleichberechtigung nach: Unabhängig von der
Teilnahme an HEROES-Workshops gaben die befragten Mädchen generell häufiger als Jungen an, über Gleichberechtigung nachgedacht und darüber in der Familie, im Freundeskreis
und in der Klasse geredet zu haben. Auch das Thema Ehre sprachen sie im Freundeskreis
deutlich öfter als Jungen an. Diese Ergebnisse sind nicht ungewöhnlich: Mädchen und Frauen sind in der Regel mehr betroffen von genderbasierter Diskriminierung als Jungen und
Männer und haben also öfter Anlass zur Diskussion.
Wie die Grafik unten zeigt, gaben 32% der Mädchen und 18% der Jungen an, mindestens
einmal über Gleichberechtigung nachgedacht zu haben. Der Unterschied vergrößerte sich bei
Gesprächen über dieses Thema: 53% der Mädchen haben mindestens ein- bis zweimal im
Freundeskreis über Gleichberechtigung geredet; bei Jungen waren es nur 29%. Auch bei
Gesprächen in der Familie und der Klasse bestand ein beachtlicher Unterschied.

Darüber
Mit Klasse
nachgedacht geredet

Mit
Mit Familie Freundeskre
is geredet
geredet

Abbildung 11: Reden und Nachdenken über Gleichberechtigung nach Geschlecht (Angaben
der befragten Jugendlichen, in Prozent, N=248)
weiblich
männlich
weiblich
männlich
weiblich
männlich
weiblich
männlich
0%
öfter

25%
50%
1 oder 2 mal
gar nicht

75%

100%

37

Evaluationsergebnisse

Zum Thema Ehre haben sich 52% der Mädchen und 39% der Jungen mindestens einmal im
Freundeskreis unterhalten. Auch beim Nachdenken und bei Gesprächen in der Familie und
mit der Klasse bestanden signifikante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen.

Darüber
Mit Klasse
nachgedacht geredet

Mit
Mit Familie Freundeskrei
s geredet
geredet

Abbildung 12: Reden und Nachdenken über Ehre nach Geschlecht (Angaben der befragten
Jugendlichen, in Prozent, N=248)

weiblich
männlich
weiblich
männlich
weiblich
männlich
weiblich
männlich
0%

25%
öfter

1 oder 2 mal

50%

75%

100%

gar nicht

Einstellungen zu gewaltlegitimierenden Gendernormen
Unsere Befragung stellte einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen WorkshopTeilnehmenden und Kontrollgruppe fest bezüglich ihrer Einstellungen zu gewaltlegitimierenden Gendernormen (GLGN). Schüler_innen, die an HEROES-Workshops teilgenommen hatten, verhielten sich deutlich ablehnender gegenüber gewaltlegitimierenden Gendernormen
als Nicht-Teilnehmende.
Zur Messung der Einstellungen gegenüber GLGN-Normen haben wir den Schüler_innen eine
Liste von Aussagen vorgelegt. Aus den Positionierungen der Befragten zu diesen einzelnen
Aussagen errechneten wir deren durchschnittliche Haltung zu GLGN-Normen: ablehnend,
neutral oder positiv. Die folgende Grafik zeigt, dass sich unter den Workshop-Teilnehmenden
wesentlich mehr Schüler_innen fanden, die gewaltlegitimierenden Gendernormen durchschnittlich eher ablehnend gegenüberstanden, als in der Kontrollgruppe (48% zu 26%).
Gleichzeitig stimmten im Durchschnitt deutlich weniger Workshop-Teilnehmende GLGNNormen zu als die Kontrollgruppe (6% zu 11%).

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

38

Abbildung 13: Gewaltlegitimierende Gendernormen (GLGN) unter Workshop-Teilnehmenden
und Angehörigen der Kontrollgruppe (Angaben aller befragten Jugendlichen im PSMDatensatz, in Prozent, N=114)
Ablehnung

Zustimmung
WS-Teilnehmende

-

o

+

Kontrollgruppe

100
%

75
%

50
%

+

o

25

0

25

50

75

100

%
%
%
%
%
% der Kontrollgruppe:
Die Grafik unterscheidet drei Teilgruppen innerhalb der Workshop-Teilnehmenden und
diejenigen Jugendlichen, die positive Aussagen zu GLGN im Durchschnitt eher ablehnen (-), diejenigen, die diesen Aussagen durchschnittlich neutral gegenüberstehen (o), und diejenigen, die diese Aussagen im Durchschnitt eher befürworten (+).

Wir folgern daraus, dass die HEROES-Workshops die Teilnehmenden dazu bewegen, tradierte, Gewalt gegen Frauen und Mädchen legitimierende Verhaltensnormen zu hinterfragen und
sich davon zu in einem gewissen Maß zu distanzieren. Dies trifft vor allem auf Items aus der
GLGN-Skala zu, die sich auf die familieninterne Dynamik beziehen, z.B. „Als Vater ist der
Mann der Chef der Familie und darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen“ oder „Eine
richtige Frau gehorcht ihrem Mann“. Deutlich geringere Unterschiede zwischen WorkshopTeilnehmenden und Kontrollgruppe traten bei Aussagen zu tradierten Geschlechterrollen auf,
z.B. „Frauen sollten dafür bestraft werden, wenn sie die Ehre der Familie verletzen,“ und
„Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigung mit Gewalt zu wehren, ist ein
Schwächling“.
Diese Unterschiede zeigt die folgende Grafik auf. Sie gibt die Ergebnisse zu den einzelnen
Aussagen wieder, die zur GLGN-Messung genutzt wurden. Die Ergebnisse der WorkshopTeilnehmer_innen sind mit einem dunklen Kreis bezeichnet, die der Kontrollgruppe mit einer
hellen Raute. Der Abstand zwischen Kreis und Raute steht für den Effekt, den unsere Ergebnisse den HEROES-Workshops zuschreiben: je größer der Abstand, desto stärker die Wirkung des Workshops.

Ablehnung

Zustimmung

Abbildung 14: Zustimmung zu einzelnen Aussagen, die zur Messung von GLGN genutzt wurden (Angaben aller befragten Jugendlichen
im PSM Datensatz, in Prozent, N=114)

Evaluationsergebnisse

39

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

40

Zusätzlich haben wir auf Anregung des Projektteams neben der GLGN-Skala einige Items mit
wünschenswerten Verhaltensweisen abgefragt. Hier treten die Unterschiede zwischen Workshop-Teilnehmenden und Kontrollgruppe weitaus weniger deutlich hervor.

Abbildung 15: Zur ursprünglichen GLGN-Skala hinzugefügte Aussagen (Angaben aller befragten Jugendlichen im PSM-Datensatz, N=114)

Ein richtiger Mann bleibt cool und reagiert
nicht mit Gewalt, wenn er beleidigt wird.
Ein Mann, der seine Frau und
seine Kinder schlägt, hat keine Würde.
Ein richtiger Mann respektiert
die Meinung seiner Frau.
Ein Mann, dem seine Familie gehorchen
muss, wird nicht geliebt.
Zustimmung

Ablehnung
Workshop-Teilnehmende

Kontrollgruppe

Gleichbehandlung von Schüler_innen unterschiedlicher Herkunft
Ein erwünschter Effekt des Projekts ist es, Lehrkräfte für die Lebenswelten von Schüler_innen aus „Ehrenkulturen“ zu sensibilisieren. Unsere Evaluation hat diesen Effekt nur
indirekt gemessen, indem wir Schüler_innen fragten, in welchem Maß sie sich von ihren
Lehrkräften „ernst genommen“ und „verstanden“ fühlten. Wir haben keine signifikante Wirkung der Workshops auf diese Einschätzungen ermittelt. Die Bewertungen von Schüler_innen unterschiedlicher Migrations- und religiöser Hintergründe unterschieden sich nur
geringfügig. Das heißt, unsere Daten deuten nicht darauf hin, dass Beziehungen zwischen
Lehrkräften und Schüler_innen aus „Ehrenkulturen“ besonders problematisch sind. In zwei
Umfeld-Interviews wurde jedoch erwähnt, dass HEROES im Schulalter für ihr oft vorbildliches Verhalten von Lehrkräften freundlicher bewertet oder bevorzugt werden konnten. Dies
kann möglicherweise zu Spannungen im Klassenverband führen.

Vertiefung des Themas „Ehre“ in weiteren Aktivitäten
Kavemann (2012, 23) berichtet von unterschiedlichen Haltungen seitens der Lehrkräfte, mit
denen sie im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Begleitung des HEROES-Projekts Interviews

41

Evaluationsergebnisse

führte. Einige ihrer Gesprächspartner_innen engagierten sich besonders gegen Unterdrückung im Namen der Ehre, während andere die Auseinandersetzung mit dem Thema dem
Projektteam überließen. Unsere Ergebnisse suggerieren, dass in den von uns befragten Klassen die letztgenannte Haltung überwog: Schüler_innen, die einen HEROES-Workshop erlebt
hatten, redeten seltener mit ihren Klassenkamerad_innen über „Ehre“ und „Gleichberechtigung der Geschlechter“ als diejenigen, die nicht an HEROES-Workshops teilgenommen hatten. Dies deutet darauf hin, dass der HEROES-Workshop dazu führte, dass in der Klasse das
Thema „Ehre“ nicht weiter besprochen wurde.

Abbildung 16: Mit Klasse in den letzten sechs Monaten über Ehre geredet (Angaben aller
befragten Jugendlichen in PSM-Datensatz, in Prozent, N=114)
100%

75%

50%

25%

0%
WS-TeilnehmerInnen
öfter

Kontrollgruppe
1 oder 2 mal

gar nicht

Abbildung 17: Mit Klasse in den letzten sechs Monaten über Gleichberechtigung geredet
(Angaben aller befragten Jugendlichen in PSM-Datensatz, in Prozent, N=114)
100%
75%
50%
25%
0%
WS-TeilnehmerInnen
öfter

Kontrollgruppe
1 oder 2 mal

gar nicht

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

42

Unglücklicherweise waren die meisten Klassenlehrer_innen zum Zeitpunkt der Befragung
abwesend. Deshalb wurden die Fragebögen für Klassenlehrer_innen größtenteils von anderen Lehrkräften vervollständigt bzw. ein Ausfüllen der Fragebögen aufgrund mangelnder
Kenntnis der Klasse abgelehnt. Im Rahmen dieser Evaluation konnten keine vertiefenden
Gespräche mit den betreffenden Lehrkräften geführt werden, um Näheres zu diesen Zusammenhängen zu erfahren.
Falls die Lehrkräfte tatsächlich in vielen Fällen auf weitere Aktivitäten zur „Ehren“-Thematik
verzichten, dann könnte dies die Nachhaltigkeit der Workshop-Wirkungen gefährden. Wir
nehmen an, dass die Weiterbildungen für Lehrkräfte, die das Projektteam an Berliner Schulen durchführt, Anreize für kontinuierlichere Arbeit zu diesem Thema schaffen.

Förderliche und hinderliche Faktoren
Kavemann (2012, 5–8, 10–15, 24–26, 30–32) geht detailliert auf Aspekte des HEROESProjekts ein, die zu den erwünschten Wirkungen beitragen. Genannt werden:


Geschlechtersensibilität und Kultursensibilität im Projektteam – Männer und Frauen im
Team, Gruppenleiter aus „Ehrenkulturen“,



Anerkennung in der Form offener Diskussionskultur auf HEROES-Treffen, der HEROESAnerkennungsfeier beim Abschluss des Trainings sowie der öffentlichen Würdigungen
des Projekts und seiner Initiatorin (Kavemann listet sechs Preise aus den Jahren 201012 auf, u.a. den Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz, 2011 von Bundeskanzlerin Merkel überreicht),



Peer-Education – es sind junge Männer aus Ehrenkulturen, die nur wenige Jahre Jüngere
in Schulklassen besuchen,



theaterpädagogischer Zugang über Rollenspiele, die den Schüler_innen nicht nur Identifikationsmöglichkeiten bieten, sondern auch Gelegenheit geben, alternative Handlungsweisen einzubringen,



Beziehungsarbeit der Gruppenleiter mit den HEROES und HEROES-Aspiranten, die den
Jungen ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt und sie darin bestärkt, sich abweichend
von tradierten patriarchalischen und gewaltlegitimierenden Normen weiter zu entwickeln,



Akzeptanz des Projekts durch die Eltern der HEROES.

Auch in unseren Einzelinterviews und Gruppengesprächen wurden die von Kavemann (2012)
genannten Faktoren hervorgehoben. Im Folgenden gehen wir auf Aspekte ein, die ihre Ergebnisse ergänzen.

43

Evaluationsergebnisse

HEROES-Ausbildung und -Aktivitäten
Die HEROES-Ausbildung und die weiterführenden HEROES-Treffen liefern Denkanstöße und
befähigen die Jungen, in geschützter Umgebung eine konstruktive Diskussionskultur einzuüben. Die Beziehungsarbeit des Projektteams und die Vorbildwirkung der langjährigen Gruppenleiter Yilmaz Atmaca und Ahmad Mansour wurden in Gesprächen mit dem HEROESUmfeld als wesentliche Faktoren hervorgehoben. Unsere Befragung von HEROES enthielt
Fragen zur Qualität der Beziehungen der HEROES untereinander und mit dem Projektteam.
Die Antworten der Teilnehmer zeigen, dass sie sich in ihrer Gruppe respektiert und sicher
fühlten.

Tabelle 4: Vertrauen der HEROES in Projektleitung und HEROES-Gruppe (Angaben aller befragten Heroes, in absoluten Zahlen, N=15)
Aussage

Ich stimme…
eher
nicht
zu

eher

zu

überhaupt
nicht
zu

nicht
zu

Ich bin mir sicher, dass alles, was
in den Heroes-Gruppen besprochen wird, unter uns bleibt.

0

1

2

1

1

8

2

Ich muss gegenüber der Projektleitung aufpassen, was ich sage.

8

2

2

1

0

0

2

Gruppenleiter/innen
nehmen
meine Meinung erst, diskutieren
mit mir auf Augenhöhe.

0

1

0

0

2

10

2

Ich habe großes Vertrauen in die
Projektleitung.

0

1

0

0

2

10

2

Ich habe Angst, dass andere Heroes hinter meinem Rücken über
mich lästern.

10

1

0

1

1

0

2

Manchmal fühle ich mich von den
Gruppenleiter/innen nicht ernst
genommen.

9

2

1

0

1

0

2

zu

voll
und
ganz

Keine
Antwort

zu

Glaubwürdige Vorbilder
Die HEROES stammen im weiteren Sinne aus „Ehrenkulturen“, selbst wenn das eigene Elternhaus oft weniger konservativ eingestellt ist als die Mehrheitskultur im Ursprungsland der
älteren Generationen. Äußerlich unterscheiden sie sich nicht unbedingt von anderen Jugendlichen – wie ein HEROES-Angehöriger es ausdrückt:

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

44

„Wenn man sie [die HEROES] so sieht, denkt man, ‚irgendein Rabauke‘. Aber wenn man
mit ihnen redet, sind sie doch sehr vernünftige junge Männer.“
Damit machen es die HEROES den Schüler_innen in Workshops leicht, sich mit ihnen zu
identifizieren und damit die Rollenspiele als relevant für ihr eigenes Leben wahrzunehmen.
Für HEROES, die selbst noch Schüler sind, kann es jedoch schwierig sein, Mitschüler_innen
zu beeinflussen, die stark unter dem Einfluss von „Ehrenkulturen“ stehen. Es kann zur Bildung von zwei entgegengesetzten Lagern – Konservativere und Progressivere – in der Klasse kommen (U). HEROES, die aufgrund ihrer interessierten Haltung von Lehrkräften bevorzugt werden, können als „Streber“ von ihrer Schulklasse abgelehnt werden (U).
Jeder Junge durchläuft während seiner HEROES-Ausbildung eine individuelle Entwicklung,
die von seinem Elternhaus und der weiteren sozialen Umgebung beeinflusst wird. Was geschieht, wenn sich ein Junge im Laufe seiner Ausbildung nicht oder nur sehr langsam von
tradierten Denk- und Verhaltensmustern zum Thema „Ehre“ entfernt? Das Projektteam hat
keine expliziten Ausschlusskriterien formuliert. Prinzipiell werden laut Angaben des Projektteams auch Jugendliche unterstützt, die länger als andere brauchen, um die von HEROES
erwünschten Haltungen anzunehmen. Während der Ausbildungszeit wird in Einzelgesprächen vom Team überprüft, ob der Junge reflexions- und diskussionsbereit (geworden) ist
oder ob Religion und tradierte Normen ihn „in seinen Einstellungen und Handlungen völlig

blockieren“ (PT). So wurde ein junger Mann aus dem Projekt ausgeschlossen, der gewalttätige Aktionen als türkisch-nationalistischer „Grauer Wolf“ nicht aufgeben wollte. Jugendliche,
die das Projekt als eine Missionsplattform zu nutzen versuchen oder andere in ihrem Verhalten auf unerwünschte Weisen beeinflussen, können ebenfalls aus dem Projekt ausgegliedert
werden (PT). Dennoch bemüht sich das Projektteam, Jugendlichen, die Interesse am Projekt
zeigen, über Jahre hinweg Geborgenheit zu bieten, selbst wenn sie sich nur langsam in die
erstrebte Richtung entwickeln. So wurde beispielsweise ein Junge erst nach insgesamt siebenjähriger Ausbildungszeit als HERO anerkannt (PT). HEROES, die das Projekt verlassen,
halten oft weiterhin Kontakt, z.B. in Telefongesprächen mit Gruppenleiter_innen. Fünf bis
sechs HEROES sollen nach längeren Pausen zum Projekt zurückgekehrt sein (PT).
In den kommenden Jahren wird sich die Frage der Rolle von älteren HEROES stellen. Ideale
Peer Educators ähneln den Zielgruppen ihrer Aktivitäten. Die ersten „Generationen“ von
HEROES sind älter geworden und haben sich in ihrer Entwicklung von Schüler_innen entfernt. Laut Angaben des Projektteams sind die meisten HEROES aus der ersten Ausbildungsgruppe (seit 2007) weiterhin im Projekt aktiv. Sie bleiben wichtige Ansprechpartner für jüngere HEROES-Generationen. Andere HEROES sind in andere Städte gezogen und bleiben in
losem Kontakt mit dem Projekt. Ein langjähriger HERO hat seit Januar 2015 seine Rolle gewechselt und ist inzwischen HEROES-Gruppenleiter. Längerfristig stellt sich die Frage, zu
welchem Zeitpunkt das Projekt sich von langjährigen HEROES verabschieden sollte, um die
Projektressourcen primär für die Ausbildung und Unterstützung neuer Generationen von
HEROES einzusetzen.

45

Evaluationsergebnisse

Unterstützende Eltern
Viele HEROES stammen laut Angaben des Projektteams aus Elternhäusern, in denen tradierte Ehrbegriffe eine relativ geringe Rolle spielen. Unsere Gespräche mit Menschen aus dem
HEROES-Umfeld und die HEROES-Umfrage bestätigen dies. Keiner der Teilnehmer an der
HEROES-Umfrage berichtete, dass seine Eltern oder nahen Verwandten das Engagement bei
HEROES negativ bewerteten. Zwölf von 15 schätzten die Bewertung seitens ihrer Mutter als
positiv (zehn sogar „sehr positiv“) ein; für die Väter lag die Anzahl bei elf.

„Ich bekomme bezüglich der Unterstützung der Familie sehr vieles, positives Feedback
und werde oft von ihnen weiter motiviert – so nehmen unter anderem meine Eltern,
wenn die zeitlichen Bedingungen passen, an verschiedenen Veranstaltungen teil.“ (HB)
Tabelle 5: Bewertung des HEROES-Engagement durch ihr Umfeld (Angaben aller befragten
Heroes, in absoluten Zahlen, N=15)
Personen in Umfeld

Sehr
negativ

Eher
negativ

Neutral

Eher
positiv

Sehr
positiv

k.A.

Vater

0

0

0

6

4

5

Mutter

0

0

0

2

10

3

Schwester(n)

0

0

1

1

7

6

Bruder/Brüder

0

0

1

1

3

10

Verwandte

0

0

3

5

5

2

Freundeskreis

0

0

4

4

5

2

Kolleg_innen*

0

0

1

4

7

3

*Kolleg_innen, Mitschüler_innen, Mitstudent_innen

In einem Interview wurde geschildert, wie die Mutter eines HERO das HEROES-Engagement
ihres Sohnes gegenüber anderen, konservativeren Familienmitgliedern verteidigte:

„Das ist mein Sohn, er kann selber entscheiden, was er denken will. Er entscheidet. Ihr
müsst das respektieren.“ (U)
Keiner der teilnehmenden 15 HEROES beschrieb sein Verhältnis zur Familie als verschlechtert durch das Projekt. Sieben Antwortende sahen das Verhältnis als neutral an, sechs als
verbessert. Dies ist möglicherweise nicht nur der Unterstützung seitens der Eltern zuzuschreiben, sondern auch der verbesserten Kommunikationsfähigkeiten der HEROES.

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

46

Empfehlungen
Das HEROES-Projekt ist sinnvoll und wirksam und verdient es, weitergeführt zu werden.
Einige Aspekte sollten vom Projektteam näher untersucht und ggf. ausgebaut bzw. verbessert werden.
Das Projekt hat in seiner gegenwärtigen Form positive Wirkungen bei den HEROES entfaltet.
Die Workshops in den Schulen haben Schüler_innen zum Nachdenken gebracht; signifikante
erwünschte Veränderungen bei den Einstellungen der Teilnehmenden zu gewaltlegitimierenden Gendernormen wurden beobachtet. Somit trägt das Projekt zur Prävention von Gewalt
bei und sollte weitergeführt und gefördert zu werden. Das Projekt konnte sechs HEROESGruppen in einer relativ stabilen Umgebung ausbilden und auch produktiven Kontakt mit
Jugendlichen unterhalten, die Mühe beim Erlernen neuer Verhaltensmuster hatten. Wir empfehlen Institutionen, die das Projekt fördern, mehrjährige Finanzierungen zur Verfügung zu
stellen, um solch längerfristige Arbeit weiterhin zu ermöglichen.

Arbeit mit Schulklassen
Obwohl die HEROES-Workshops zu wünschenswerten Einstellungsveränderungen in Bezug
auf gewaltlegitimierende Gendernormen führen, beschränkt sich der von uns ermittelte Effekt weitgehend auf Normen zu familieninternen Dynamiken, insbesondere der Rolle des
Vaters. Tradierte Frauenbilder scheinen unangetastet zu bleiben. Da sich die Rollenspiele
primär an Jungen richten und deren Rollen zum Hauptthema machen, bieten sie den Workshop-Teilnehmenden sehr wenig Möglichkeit, alternative Weiblichkeitsmodelle zu entwerfen.
Das Projektteam und die HEROES arbeiten fortlaufend an der Weiterentwicklung der Workshops, d.h. der Rollenspiele und Abläufe in den Workshops. Wir empfehlen, dabei auch auf
die Wirkungen der Workshops zum Thema weibliche Genderrollen zu achten. Das heißt
nicht, dass Mädchen zu HEROES ausgebildet werden müssen – aber weibliche Gender-Rollen
sollten thematisiert werden und Möglichkeiten diskutiert, wie Mädchen aus „Ehrenkulturen“
gegen Menschenrechtsverletzungen und tradierte Einschränkungen vorgehen können.
Schüler_innen, die nicht aus „Ehrenkulturen“ stammen, fanden die überprüften Workshops
wenig interessant. Es ist daher anzunehmen, dass die Workshops unwesentlich zu ihrem
Verständnis für die Dilemmata ihrer Klassenkameraden beitrugen. Das Projektteam sollte
überlegen, wie die HEROES-Rollenspiele diesbezüglich interessanter gestaltet werden und
dieses Verständnis fördern können.

Thematische Arbeit nach den Workshops
In einigen Schulen führt das Projektteam Fortbildungen mit Lehrkräften durch. Um Lehrkräfte zu ermutigen, die Themen „Ehre“ und „Geschlechtergerechtigkeit“ nach dem HEROES-

Empfehlungen

Workshop weiter zu behandeln, könnte die bestehende „Lehrermappe“ durch spezifische
Unterrichtsmaterialien oder detaillierte Vorschläge für Übungen mit den Schüler_innen ergänzt werden.
Alternativ könnte das Projekt statt einmaliger Workshops systematisch kurze WorkshopSerien anbieten, in denen über das Schuljahr verteilt unterschiedliche „Ehrenthemen“ behandelt würden. Dieser Ansatz wird bereits an einigen Schulen erprobt.

Strategien für langjährige HEROES
Es erschiene sinnvoll, eine obere Altersgrenze für HEROES festzusetzen und Kriterien und
Prozesse für den Abschied älterer HEROES aus der intensiven Teilnahme am Projekt festzulegen. Kontakte des Projektteams mit „emeritierten“ HEROES könnten formalisiert werden,
beispielsweise in Form eines Netzwerks zertifizierter „HEROES-Alumni“ oder eines „HEROESExpertenpools“, der neu entstehenden HEROES-Projekten als Ressource dienen könnte.

Systematische Dokumentation
Das HEROES-Handbuch (Breidenstein 2010a) bietet ausführliche Informationen über den
idealen Ablauf eines HEROES-Projekts. Für zukünftiges Monitoring und Evaluation empfehlen
wir, auch den Verlauf der Projektaktivitäten systematisch in leicht zugänglicher und aktualisierbarer Form zu dokumentieren. Gemeinsame, regelmäßig (z.B. pro Quartal) aktualisierte
Tabellen würden die Berichtlegung erleichtern und wertvolle Daten zur Analyse des Projektfortschritts liefern, z.B. zur HEROES-Ausbildung (Namen der HEROES-Aspiranten, Kontaktdaten, Anfangsdatum der HEROES-Ausbildung, Datum der HEROES-Anerkennung bzw. des
Abbruchs der Ausbildung), den HEROES-Treffen (Datum, Teilnehmende, Thema) und den
HEROES-Workshops (Schule/Institution, Jahrgangsstufe, Datum, Durchführende, Anzahl
Teilnehmender).
Weiterhin wäre es sinnvoll, den in der Evaluation genutzten Fragebogen für Schüler_innen
oder ein ähnliches Formular als internes Evaluationsinstrument einzusetzen, um die Wirkungen neu gestalteter HEROES-Workshops zu überprüfen.

47

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

48

Danksagungen
Diese Evaluierung wäre nicht möglich gewesen ohne die konstruktive Zusammenarbeit mit
Camino gGmbH, dem HEROES-Projektteam, den HEROES und allen, die sich für Interviews
und Gruppengespräche zum Projekt und seinen Wirkungen zur Verfügung stellten. Ebenso
wichtig war die Bereitschaft der drei Schulen, Klassenbefragungen von uns durchführen zu
lassen. Wir bedanken uns herzlich für die Unterstützung aller Beteiligten.

Abkürzungen
GLGN

Gewaltlegitimierende Gendernormen

(PT)

Zitat von einem Mitglied des HEROES-Projektteams

(HB)

Zitat oder Datum aus HEROES-Befragung

(U)

Zitat aus Interview mit Personen aus dem HEROES-Umfeld – Eltern, Geschwister, entferntere Verwandte, Lehrkräfte/Sporttrainer, Kolleg_innen

(SB)

Zitat oder Datum aus Schülerbefragung

Literatur

Literatur
Neben den hier aufgeführten Publikationen nutzte das Evaluationsteam nicht veröffentlichte
Materialien, die vom HEROES-Projektteam zur Verfügung gestellt wurden, z.B. Sachberichte
und Listen von durchgeführten Aktivitäten und deren Teilnehmer_innen.
Balchin, Cassandra (2011): Avoiding some deadly sins – Oxfam learnings and analysis about
religion, culture, diversity and development. Oxford.
Breidenstein, Jenny (2010a): Handbuch für HEROES®-Teams. Berlin.
Breidenstein, Jenny (2010b): „HEROES®- Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“. Ein
Gleichstellungsprojekt von Strohhalm e.V. In: ARCHIV für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit H. 1. www.strohhalm-ev.de/kunde/pdf/1/Projektbeschreibung_HEROES.pdf,
24.3.2015.
Enzmann, Dirk u.a. (2003): Männlichkeitsnormen und die Kultur der Ehre. Empirische Überprüfung eines theoretischen Modells zur Erklärung erhöhter Delinquenzraten jugendlicher
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49

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

50

Anhang

Anhang

51

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Anhang

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74

SToP – Soziale Task Force für offensive Pädagogik: ein
Angebot für junge Mehrfachtäter
Samera Bartsch/Simone Stroppel
SToP richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 16 Jahren, die mehrfach
durch delinquentes Verhalten in Erscheinung getreten sind, und an deren Familien. Dies
betrifft zum einen so genannte Kiezorientierte Mehrfachtäter, Schwellentäter sowie Intensiv6
täter und zum anderen minderjährige Tatverdächtige sowie unbegleitete minderjährige
Flüchtlinge, die straffällig geworden sind. Projektträger ist die Neue Treberhilfe gGmbH
(NTH). Das Projekt SToP wird durch den Regionalen Sozialpädagogischen Dienst bzw. durch
die Jugendgerichtshilfe in mehreren Berliner Bezirken beauftragt. Für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die in der Erstaufnahmeeinrichtung/Clearingstelle (EAC) untergebracht sind, erfolgt die Anbindung an SToP über das Referat „Kinder- und Jugenddelinquenz“ bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (SenBJW).
Ziel des Projekts ist es unter anderem, weitere Straffälligkeit zu verhindern und eine mögliche kriminelle Laufbahn abzuwenden. Zu diesem Zweck werden die teilnehmenden Kinder
und Jugendlichen mindestens drei Monate lang intensiv betreut. Zentrale Interventionen sind
beratende Einzelfallhilfe, Ansprache von Eltern und Familien, sozialpädagogische Diagnose
sowie die Vermittlung zwischen Institutionen und weiteren Akteuren im Sozialraum. Begleitend zu den Interventionen sammelt das Projekt systematisch Informationen zu den Kindern
und Jugendlichen, die schließlich den beauftragenden Einrichtungen (Jugendamt, SenBJW)
weitergegeben werden und zu passgenaueren Hilfeplänen seitens der Einrichtungen für die
Kinder führen sollen.
Auftrag der Evaluation, die im Zeitraum von April 2014 bis Januar 2015 von der Univation
GmbH durchgeführt wurde, ist es, die Umsetzung des Projekts zu beschreiben und darüber
hinaus zu überprüfen, inwieweit das Projekt Resultate zur Prävention von Jugendgewalt

6

Unterscheidung zwischen Kiezorientierten Mehrfachtätern/-täterinnen (KoMT), Schwellentätern/-täterinnen (ST)
und Intensivtätern/-täterinnen (IT) im Rahmen der Täterorientierten Ermittlungsarbeit (TOE) der Berliner Polizei
(nach Widczisk 2011): „Kiezorientierte Mehrfachtäter/innen (KoMT) sind Personen, die innerhalb eines bestimmten
eingrenzbaren öffentlichen Bereiches (Abschnitt) und innerhalb eines relativ engen Zeitraums (ein Jahr) durch die
wiederholte Begehung von Straftaten polizeilich in Erscheinung getreten sind und bei denen unter kriminologischer
Betrachtung und Bewertung ihres bisherigen Verhaltens die Prognose gestellt werden kann, dass sie künftig mit
hoher Wahrscheinlichkeit weitere Straftaten begehen werden; Schwellentäter/innen (ST) sind Personen, die unter
21 Jahren und noch nicht als Intensivtäter/innen registriert sind, mindestens fünf Gewaltstraftaten (dazu gehören
insbesondere Raubstraftaten) von einigem Gewicht begangen haben und Anlass zu der Prognose geben, auch
künftig derartige Straftaten zu begehen; Intensivtäter/innen (IT) sind Personen, die den Rechtsfrieden besonders
störende Straftaten (Raub-, Rohheits- und Eigentumsdelikte) in besonderen Fällen oder innerhalb eines Jahres in
mindestens zehn Fällen Straftaten von einigem Gewicht, die die Bagatellgrenze und den Bereich geringer Schuld
übersteigen, begangen haben und dabei Gefahr laufen, dass sich eine kriminelle Karriere verfestigt.“

SToP – Soziale Task Force für offensive Pädagogik: ein Angebot für junge Mehrfachtäter

erreicht, welche Wirkungen es diesbezüglich entfalten kann und welche Bedingungen hierfür
förderlich oder hinderlich sind. Für das Projekt selbst soll die externe Evaluation Informationen zu Stärken und Defiziten bereitstellen, die zu einem verbesserten Umsetzungskonzept
und damit zu einer verbesserten Arbeitspraxis beitragen können.
Folgende Fragestellungen sollen mit der Evaluation beantwortet werden:



Inwiefern wirkt das Projekt gewaltpräventiv?



Welche Wirkungen entfaltet das Projekt auf Faktoren, denen laut Forschungsstand Einfluss auf Gewaltverhalten bei Kindern und Jugendlichen zugeschrieben wird?



Wie werden diese Wirkungen erzielt?



Wie nachhaltig sind die beobachteten Wirkungen?



Was sind förderliche oder hinderliche Bedingungen für die Entfaltung von Wirkungen?

75

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

76

Methodisches Vorgehen
Grundlagen des Vorgehens der Evaluation
Der Evaluationsplan und die methodischen Entscheidungen leiten sich vom intendierten
Nutzen einer Evaluation für Auftraggebende und weitere Stakeholder ab. Dazu verpflichtet
sich die Univation GmbH auch in ihrem Leitbild. Insofern steht am Anfang der Projektevaluation von SToP die Präzisierung des Auftrags mit der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention.
Im Zwischengespräch im August 2014 und in der kontinuierlichen Kommunikation werden
etwaige Anpassungen am Design mit dem Auftraggeber abgesprochen und es wird über
Zwischenergebnisse informiert. Der Informationsbedarf des Projektteams von SToP wird
ebenfalls, vorwiegend im Rahmen der Erhebungen, erfasst und berücksichtigt.
Des Weiteren arbeitet Univation nach dem Prinzip der Wirkungsorientierung, was ausdrücken soll, dass die Evaluation in jeder ihrer Leistungen darauf achtet, dass das Zustandekommen von Wirkungen des evaluierten Programms oder Projekts im Evaluationsplan zentral berücksichtigt wird. Im Falle der vorliegenden Evaluation wird hierzu der Zugang der
Wirkungsmodellierung gewählt, wobei die angestrebten Verbindungen insb. zwischen den
Interventionen und angestrebten Wirkungen des Projekts SToP differenziert beschrieben und
7
visualisiert werden, um so ein plausibles Modell des Projekts zu erstellen.
Bewährtes Instrument zur Wirkungsorientierung sowie zur Steuerung von Evaluationen ist
der Programmbaum von Univation. Der Programmbaum ist ein Wirkmodell, das die Bedingungen eines Projekts in logischer Weise mit dem daraus abgeleiteten Konzept verknüpft,
das wiederum in Form von Aktivitäten umgesetzt wird. Diese Aktivitäten führen zu Resultaten auf der Ebene von Produkten (Outputs), Individuen (Outcomes) und Strukturen (Impacts). Das Füllen der Elemente des Programmbaums mit Informationen/Ergebnissen aus
der Untersuchung des Projekts erlaubt es, Wirkzusammenhänge und damit das Zustandekommen von Wirkungen nachvollziehbar abzubilden. Das Modell kann damit als Bezugspunkt
für die Kommunikation mit den verschiedenen Stakeholdern dienen (vgl. Beywl/Niestroj
2009, 137ff.; vgl. Beywl 2006, 33ff., siehe Abbildung 1).
Schließlich werden verschiedene Perspektiven einbezogen. Gemäß dem Prinzip der Multiperspektivität bezieht die Evaluation die Sicht der Kinder und Jugendlichen, an die sich
das Angebot richtet, der Familien, Projektumsetzenden und Kooperationspartner mit ein.
Dabei werden zum einen die Einschätzungen, Rückmeldungen und Bewertungen der ver-

7

Vgl. Univation – Institut für Evaluation: Wirkungsmodellierung. In: Eval-Wiki: Glossar der Evaluation
[http://www.eval-wiki.org/glossar/Wirkungsmodellierung]. Stand der Begriffsdefinition: 31.12.2009.

Methodisches Vorgehen

schiedenen Akteure erfasst und interpretiert, zum anderen werden diese Interpretationen
mit den Projektumsetzenden kommunikativ validiert und ergänzt.

Abbildung 1: Der Programmbaum – das logische Modell von Univation

Die Elemente des Programmbaums:
Kontext: Das Umfeld, in dem das Projekt stattfindet (z.B. Anteil von Jugendlichen und
Heranwachsenden an der Bevölkerung, Gesetze wie bspw. KJHG, SGB IV, JGG, öffentliche
Aufmerksamkeit für Jugendgewalt)
Income: Das, was von den Zielgruppenmitgliedern in den Prozess eingebracht wird (z.B.
Motivation zur Teilnahme, biographischer und familiärer Hintergrund, Gewalterfahrungen
als Täter bzw. Opfer).
Input: In das Projekt investierte finanzielle, personale und andere Ressourcen (z.B. öffentliche Mittel, Zahl und Qualifikation der Mitarbeitenden und anderen Beteiligten)

77

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

78

Struktur: Die Aufbau- und Ablauforganisation des Projektträgers (z.B. Rechtsform, Kooperationspartner und -formen)
Konzept: Leitbild und „Philosophie“ des Projekts, angestrebte Aktivitäten und Ziele
Aktivitäten: die tatsächliche Umsetzung des Projekts (Beratungen, Begleitung zu Ämtern,
Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsorganisation).
Outputs: Die zählbaren Leistungen, die das Projekt hervorgebracht hat (z.B. Zahl der erreichten Personen, Teilnahmestunden, durchgeführte Veranstaltungen).
Outcomes: Resultate des Projekts bei Zielgruppen (z.B. mehr Wissen über die Entstehung
akuter Gewaltsituationen, veränderte Einstellungen zur Akzeptanz und zum Umgang mit
Gewalt, neue Konfliktlösungsstrategien, selbstsichereres Verhalten in kritischen Situationen,
Erwerb relevanter Kompetenzen wie z.B. Selbststeuerung)
Impacts: Resultate des Projekts auf sozialräumlicher und überregionaler Ebene (z.B. erhöhte Sicherheit; erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für die im Projekt bearbeiteten Themen, Netzwerkbildung, überregionale Berücksichtigung der Projektergebnisse).

Evaluationsdesign und methodische Umsetzung
Aus dem Auftrag der Evaluation und den Fragestellungen, die der Evaluation mit auf den
Weg gegeben wurden, lassen sich verschiedene Evaluationszwecke ableiten. Zum einen
besteht ein Interesse an Erkenntnissen darüber, welche Wirkungen das Projekt bei den Zielgruppen entfaltet und auf welchem Weg das Projekt diese Wirkungen erreicht. Zum anderen
besteht der Zweck der Evaluation darin, den Projektverantwortlichen praxisrelevante Informationen bereitzustellen, die bei der Trägerorganisation Lernprozesse anstoßen und damit
der Weiterentwicklung von SToP dienen. Das Modell der theoriebasierten Evaluation bedient
diese beiden Evaluationszwecke (Erkenntnis und Lernen) gleichermaßen, da es im Gegensatz
zu anderen Ansätzen nicht nur Aussagen dazu erlaubt, ob das Projekt funktioniert, sondern
auch dazu, wie genau es funktioniert und welche Bedingungen den Projekterfolg beeinflus8
sen. Im Folgenden werden nacheinander die Leistungsschritte der Evaluation beschrieben.
Gleichzeitig werden die in diesem Zusammenhang eingesetzten Instrumente der Datenerhebung und -auswertung in ihren Stärken und Anwendungsbezügen dargestellt. Am Ende dieses Kapitels befindet sich eine Übersicht über die durchgeführten Untersuchungen in Tabellenform.

8

Das hier angewandte Modell der theoriebasierten Evaluation wird ausführlich in Giel (2013) beschrieben.

Methodisches Vorgehen

Beschreibung der Projektumsetzung
Anhand der vorhandenen Projektdokumentationen (Projektkonzeption und Sachberichte)
erstellt Univation eine Beschreibung der Projektumsetzung entlang der Kategorien des Programmbaums (Sekundärdatenanalyse I). Die auf diese Art und Weise explizierte Projektbeschreibung wird im weiteren Verlauf der Evaluation datenbasiert angereichert und weiterentwickelt. Sie bildet das Grundgerüst für die Darstellung von Ergebnisse im vorliegenden
Evaluationsbericht.

Rekonstruktion von Wirkannahmen aus Sicht des Projektteams
Zur Rekonstruktion der internen Wirklogik des Projekts SToP werden Strategien und Aktivitäten erfasst, durch die das Projekt Ergebnisse und Wirkungen erzeugen möchte.
Als Methode zur Datenerhebung findet eine so genannte Fokusgruppe mit dem Projektteam statt. Dabei handelt es sich um eine teilstrukturierte Gruppenerhebung, die es den
Beteiligten ermöglicht, Meinungen und Praxiserfahrungen einzubringen (vgl. Wilkinson 2004;
vgl. Mäder 2005). Im Mittelpunkt stehen insbesondere Fragen nach den intendierten Wirkungen des Projekts, nach den Verbindungen zwischen den Bedingungen unter denen das
Projekt agiert, zentralen Handlungsansätzen und ebendiesen Wirkungen sowie nach Beispielen für Fälle, in denen diese Wirkzusammenhänge bereits beobachtet werden konnten.
An der Fokusgruppe nimmt das zu diesem Zeitpunkt zweiköpfige Projektteam – die Teamkoordination und ein Projektmitarbeiter – teil. Die Erhebung dauert gut zwei Stunden.
Die Auswertung der qualitativen Daten aus der Fokusgruppe erfolgt über thematisches
Kodieren – ein aus der „Grounded Theory“ abgeleitetes Verfahren (vgl. Flick 1998 und
2004). Dabei wertet das Evaluationsteam die Daten zunächst deduktiv mit einem Kategorienschema in Anlehnung an den Programmbaum aus. Parallel werden induktiv vor allem
zentrale Wirkungen (Outcomes/Resultate, die das Projekt bei der Zielgruppe erreicht) sowie
Wirkannahmen (Annahmen über Zusammenhänge zwischen zentralen Handlungsansätzen
und erzielten Resultaten) abgeleitet. Dabei kommt die Software MAXQDA zum Einsatz. Anschließend wird die interne Wirklogik von SToP verdichtet dargestellt und schließlich modellhaft abgebildet.
Im Ergebnis der Erhebung steht ein vorläufiges Wirkmodell als Grafik, das die Wirkannahmen des Projektteams visualisiert und nachvollziehbar macht. Aus den auf diese Art und
Weise herausgearbeiteten Wirkannahmen lassen sich gleichzeitig auch praxisrelevante Kriterien zur Bewertung des Projekts im Rahmen der Evaluation ableiten. Das Wirkmodell wird im
weiteren Verlauf der Evaluation weiterentwickelt.

79

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

80
Einordung in den wissenschaftlichen Rahmen

Im Rahmen einer Projektevaluation im vorliegenden Umfang können Wirkungen nicht bis auf
die Ebene des Einflusses des Projekts auf die Prävalenz von Gewalt verfolgt werden. Vielmehr sollen Auswirkungen des Projekts auf Faktoren, denen laut Forschungsstand ein Einfluss (befördernd oder verhindernd) auf gewalttätiges Verhalten bei Kindern und Jugendlichen zugeschrieben wird, berücksichtigt werden. Zu diesem Zweck findet eine Analyse aktueller wissenschaftlicher Publikationen (Sekundärdatenanalyse II) statt. Dabei werden
verschiedene Theorien zur Entstehung von Kinder- und Jugendgewalt und deren Implikationen für die Jugendgewaltprävention herausgearbeitet. Auf dieser Basis werden die Wirkannahmen des Projekts in den wissenschaftlichen Rahmen eingeordnet.

Überprüfung der Wirkannahmen aus der Sicht von Jugendlichen und Eltern
Zur Überprüfung der Wirkannahmen wird zunächst die Perspektive der betreuten Kinder und
Jugendlichen im Rahmen einer Gruppendiskussion eingeholt. Bei dieser erzählgenerierenden Methode pendeln sich die Teilnehmenden auf geteilte Erlebnisse, Beschreibungen und
Bewertungen ein und verwenden dabei die für sie typische Sprache. Im Rahmen einer Gruppendiskussion entfalten sich darüber hinaus die kollektiven Orientierungen und grundlegenden Werthaltungen der Kinder und Jugendlichen, die später als Interpretationsfolie für projektbezogene Äußerungen herangezogen werden können. Gesprächsleitend sind Fragen
nach dem Erleben der Angebote des Projekts, den Veränderungen, die sich für die Jugendlichen aus der Teilnahme am Projekt ergeben haben sowie nach Verbesserungsvorschlägen
für die Projektumsetzung.
An der Gruppendiskussion nehmen fünf Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren teil. Einer
der Jugendlichen befindet sich zum Zeitpunkt der Erhebung noch in der Betreuung von
SToP, bei den anderen liegt die Betreuung wenige Monate bis mehrere Jahre zurück. Alle
Teilnehmenden sind männlich und haben eine familiäre Migrationsbiografie. Die Diskussion
dauert ca. 50 Minuten.
Neben der Perspektive der Jugendlichen gelingt es im Rahmen der Überprüfung der Wirkannahmen auch, die Sichtweise eines Vaters als Elternteil eines betroffenen Jugendlichen einzufangen. Der Vater begleitet seinen Sohn zur Teilnahme an der Gruppendiskussion, wartet
im Büro der Teamkoordinatorin und erklärt sich anschließend zu einem zu einem teilstrukturierten Einzelinterview bereit, welches ca. 35 Minuten dauert.

Überprüfung der Wirkannahmen aus Sicht der Kooperationspartner
Die Wirkannahmen des Projektteams werden auch aus der Perspektive der verschiedenen
Kooperationspartner überprüft. Einbezogen werden Mitarbeitende der Jugendgerichtshilfe
(JGH), des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes (RSD) und der Erstaufnahmeeinrich-

Methodisches Vorgehen

tung/Clearingstelle (EAC). Zu diesem Zweck werden insgesamt fünf leitfadengestützte
Interviews mit Mitarbeitenden dieser Institutionen (2 JGH, 2 RSD und 1 EAC) geführt. Vier
Interviews finden telefonisch, eins face-to-face (in den Räumlichkeiten der Jugendgerichtshilfe) statt. Die Fragestellungen beziehen sich auf das Erleben der Arbeit des Projekts, auf
die Bedeutung des Projekts für die Arbeit der Kooperationspartner und auf wahrgenommene
Veränderungsprozesse bei der Zielgruppe. Auch werden die Kooperationspartner um Informationen zur weiteren Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie zu deren weiterem
Werdegang und damit um eine Einschätzung bezüglich der Nachhaltigkeit der Projektergebnisse gebeten. Schließlich haben sie die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge für die Projektumsetzung sowie für die Zusammenarbeit zwischen Projekt und Partnern anzubringen. Die
Interviews dauern zwischen 20 und 35 Minuten.

Auswertung der Daten aus Gruppendiskussion und Einzelinterviews
Die Auswertung der mittels Gruppendiskussion und Einzelinterviews erhobenen Daten erfolgt
mit Hilfe des thematischen Kodierens. In mehreren Schritten werden bedeutsame Kategorien gebildet, welche schließlich in ein mit thematischen Über- und Unterordnungen versehenes Kategoriensystem münden. Dieses Kategoriensystem ermöglicht es, thematisch
geleitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Aussagen der Interviewten herauszuarbeiten, aber auch mögliche, immer wieder auftauchende Zusammenhänge zwischen
einzelnen thematischen Kategorien herauszuarbeiten und induktiv abgeleitete Hypothesen zu
bilden.
Im Anschluss wird überprüft, ob sich Bestätigungen für die Wirkannahmen des Projektteams
finden lassen oder Beispiele dafür, dass Wirkannahmen explizit in Frage gestellt werden.
Im Ergebnis der Erhebungsschritte steht ein überarbeitetes empirisch angereichertes Wirkmodell als grafische Abbildung sowie ein erläuternder Text, der als Fallbeschreibung aufgebaut ist. Die so erstellte Fallbeschreibung zeichnet – nach einer zusätzlichen Validierung mit
dem Projektteam – empirisch gesicherte Wirkzusammenhänge nach und bildet die Grundlage für die ausformulierten Wirkzusammenhänge im Kapitel zu den Ergebnissen.

Einschätzung der Übertragbarkeit
Zur Rückspiegelung von Auswertungsergebnissen, zur kommunikativen Validierung der bisher gewonnenen Ergebnisse (Wirkzusammenhänge, Wirkmodell) sowie zur Reflexion von
förderlichen und hinderlichen Bedingungen für die gelungene Umsetzung des Projektkonzepts und damit für die Übertragbarkeit des Konzepts in andere Zusammenhänge, findet ein
Auswertungsworkshop statt. Es nehmen drei Projektmitarbeitende von SToP sowie die
Geschäftsführerin der Neuen Treberhilfe gGmbH teil. Der Workshop dauert ca. 2,5 Stunden.

81

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

82

Der Workshop ist multimethodisch angelegt. Das Evaluationsteam informiert über die Auswertungsergebnisse, moderiert das Gespräch und bringt eigene Fragestellungen ein. Zunächst werden die Ergebnisse aus der Gruppendiskussion und den Einzelinterviews an die
Projektverantwortlichen zurückgespiegelt. Das Projektteam erhält die Möglichkeit, auf die
Interpretationen des Evaluationsteams zu reagieren, und nutzt die Ergebnisse als Grundlage
für den weiteren Austausch- und Kommunikationsprozess um eine mögliche Verbesserung
der aktuellen Projektkonzeption und -praxis. Im nächsten Schritt wird das erstellte Wirkmodell im Sinne einer kommunikativen und empirischen Validierung abgesichert und angereichert. Um Aussagen über die Übertragbarkeit wirkfähiger Aktivitäten gewinnen zu können,
wird der Workshop außerdem dazu genutzt, förderliche und hinderliche Bedingungen zu
reflektieren, unter denen die Projektlogik (nicht) aufgeht.
Das Protokoll des Auswertungsworkshops wird zur erneuten Anpassung des Wirkmodells und
der explizierten Wirkzusammenhänge herangezogen. Auch die Ergebnisse der Reflexion zu
förderlichen und hinderlichen Bedingungen und damit zur Übertragbarkeit der Projektkonzeption finden sich im Ergebnisteil des Berichts (siehe das Kapitel zu den förderlichen und
hinderlichen Faktoren).

83

Methodisches Vorgehen

Tabelle 1: Übersicht über die durchgeführten Untersuchungen
Leistungsschritt

Informationsbasis/Datenquelle

Methoden

Zeitraum

Beschreibung der

Projektdokumentation

Inhaltsanalyse

04-05/2014

Projektumsetzung

Rekonstruktion von

(Projektteam)

(Fokusgruppe)

Projektteam

Fokusgruppe

06/2014

Wissenschaftliche Literatur

Inhaltsanalyse

04-06/2014

Jugendliche

Gruppendiskussion

10/2014

Eltern

Einzelinterview

10/2014

Wirkannahmen
Einordnung der
Wirkannahmen in
den wissenschaftlichen Rahmen
Überprüfung von
Wirkannahmen aus
der Sicht von Zielgruppen

(face-to-face)
Überprüfung von

Kooperationspartner: Mitarbeitende

Einzelinterviews

Wirkannahmen aus

der Jugendgerichtshilfe (JGH), des

(face to face und

der Sicht der Koope-

Regionalen Sozialpädagogischen

telefonisch)

rationspartner

Diensts (RSD) und der Erstaufnah-

08-11/2014

meeinrichtung/ Clearingstelle (EAC)
Auswertung der

Daten aus Gruppendiskussion und

Thematisches

Daten aus Gruppen-

Einzelinterviews

Kodieren

Kommunikative

Projektteam und Geschäftsführung

Workshop

Validierung und

Projektträger

10-11/2014

diskussion und Einzelinterviews
11/2014

Einschätzung der
Übertragbarkeit

Verfahren der Bewertung
Um die Wirkfähigkeit der Projektaktivitäten und -strategien zu bewerten, verwendet die Evaluation „Relationierung“ als zentrale Strategie (vgl. Mensching 2006). Dazu werden unter-

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

84

schiedliche Perspektiven (mit jeweils unterschiedlichen Werthintergründen) zueinander in
Beziehung gesetzt. Die Wirkannahmen des Projektteams werden als praxisrelevante Kriterien
herangezogen. Aus deren Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen ergeben sich wissensbasierte Kriterien zur Bewertung. Schließlich werden die Wirkannahmen des Projektteams mit dem Erleben der Zielgruppen und Kooperationspartner abgeglichen, so dass die
verschiedenen einbezogenen Perspektiven sich gegenseitig ergänzende, relativierende, validierende Interpretationsfolien bilden.

Anonymisierung und Datenschutz
Die Evaluation wird in Übereinstimmung mit den Standards der DeGEval – Gesellschaft für
Evaluation so geplant und durchgeführt, dass Sicherheit, Würde und Rechte der einbezogenen Personen geschützt sind. Informationsgebende sind jederzeit über das der einzelnen
Erhebung zugrunde liegende Erkenntnisinteresse und über die Verwendung der mit ihrer
Hilfe gewonnenen Daten informiert. Dies geschieht vor jeder Erhebung sowohl mündlich als
z. T. (bei den Erhebungen mit Jugendlichen und Kooperationspartnern) auch schriftlich. Das
heißt, dass das Evaluationsteam den Beteiligten eine Datenschutzerklärung aushändigt, in
der es über den Zweck der Datenerhebung aufklärt und sich dazu verpflichtet, alle Angaben
streng vertraulich zu behandeln und anonymisiert auszuwerten. Alle Gespräche werden – mit
dem Einverständnis der Interviewpartnerinnen und -partner – digital aufgezeichnet. Mit Hilfe
der Aufnahme wird jeweils der gesamte Gesprächsverlauf als wörtliches Transkript niedergeschrieben. Dabei finden einfache Transkribierregeln Berücksichtigung und es wird darauf
geachtet, dass verständliche Aussagen entstehen, ohne dass der Charakter des Gesagten
verloren geht. Betonte Äußerungen der Interviewpartner werden im Transkript durch Unterstreichung hervorgehoben. Nachdem alle Aussagen auf diese Art und Weise gesichert sind,
werden die Aufnahmen gelöscht. Bei der Berichterstattung werden Zitate aus den Transkripten in anonymisierter Form wiedergegeben.
Zur Anonymisierung werden hierbei folgende Abkürzungen verwendet: „PMA1“ und „PMA2“
mit „RSD1“ und „RSD2“ werden die befragten Mitarbeitenden des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes bezeichnet. Die Nummerierungen werden uneinheitlich für die Personen
genutzt. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass nicht aufgrund von einzelnen zuordenbaren Passagen alle Aussagen eines Interviewpartners identifizierbar werden. Gleichzeitig soll erkennbar sein, wenn Zitate zu einzelnen Wirkzusammenhängen von verschiedenen

Personen

stammen.

„EAC“

steht

für

Mitarbeitende

der

Erstaufnahmeeinrich-

tung/Clearingstelle. Mit „T1 bis T5“ werden die befragten Jugendlichen bezeichnet. Die Abkürzungen werden – analog zu den Abkürzungen für die Jugendamtsmitarbeitenden – uneinheitlich für die fünf Jugendlichen genutzt. „E“ steht für den befragten Erziehungsberechtigten und mit „wU“ wird die Interviewerin von Univation abgekürzt.

Methodisches Vorgehen

Grenzen des Designs
Das verwendete Design zielt darauf ab aufzuzeigen, inwieweit das Projekt seine Ziele in Bezug auf die Prävention von Jugendgewalt erreicht. Der Fokus liegt dabei auf der Überprüfung, inwiefern das Projekt auf Faktoren einwirkt, die Einfluss auf das Auftreten von Jugendgewalt haben. Auf der Grundlage der erhobenen Daten können keine belastbaren Aussagen
dazu getroffen werden, in welchem Ausmaß gewalttätiges bzw. straffälliges Verhalten bei
den von SToP betreuten Kindern und Jugendlichen langfristig verhindert wird.
Im Ergebnis werden die wirkfähigen Ansätze des Projekts zur Prävention von Jugendgewalt
in einem idealtypischen Wirkmodell dargestellt. Im Begriffssystem der Grounded Theory wird
dabei das Anliegen verfolgt, „konzeptuelle Repräsentativität“ zu erreichen und damit die
Wirkzusammenhänge in ihren Eigenschaften, Bedingungen und Folgen vollständig zu erfassen (vgl. Strübing 2004, 33; vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2010, 195). Ein Rückschluss auf
die Häufigkeit des Auftretens der beobachteten Wirkungen in der Grundgesamtheit der Projektteilnehmenden ist dabei jedoch nicht möglich.
Bei einer differenzierten Betrachtung der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen kann diese
in Kinder und Jugendliche, die bei ihren Eltern bzw. bei Erziehungsberechtigten wohnen, und
in unbegleitet nach Deutschland eingereiste Flüchtlinge unterteilt werden. An der Gruppendiskussion mit von SToP betreuten Jugendlichen nehmen jedoch keine Flüchtlingskinder teil,
so dass über ihre Perspektive auf das Projekt keine Aussagen getroffen werden kann.

85

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

86

Konzept und Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen
An Projektdokumentationen stehen der Evaluation ein Kurzkonzept (NTH Berlin gGmbH
2014a), eine ausführliche Projektplanungsunterlage (Treberhilfe Berlin gGmbH 2008) sowie
die Sachberichte für die Jahre 2012 (NTH Berlin gGmbH 2013) und 2013 (NTH Berlin gGmbH
2014b) zur Verfügung. Das nachfolgend dargestellte Konzept basiert auf diesen Dokumenten
sowie ergänzenden Informationen aus der Fokusgruppe mit dem Projektteam. Es wird vorgestellt in den Unterpunkten Grundannahmen, Handlungsansätze, Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen und Ziele.

Grundannahmen
In der Projektkonzeption von SToP werden Kinder und vor allem Jugendliche in dem Schwellenzustand verortet, der entwicklungspsychologisch den Prozess der Identitätsbildung und
der moralischen Reifung markiert. Verschiedene Verhaltensweisen werden ausprobiert und
wieder abgelegt (vgl. Treberhilfe Berlin gGmbH 2008, 18). Es wird davon ausgegangen, dass
der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung von Sozialisationsinstanzen (wie Familie und
Schule) beeinflusst und begleitet wird. Über den vorgelebten Umgang miteinander, über die
soziale Situation, den Sozialisationshintergrund, die Familienstruktur, die Erziehungsstile und
die vorhandenen Rollenmodelle werden Werte und Normen vermittelt (ebd., 15). Auch der
Umgang mit Dritten, wie er sich beispielsweise in Kommunikationsfähigkeiten, in Strategien
zur Konfliktlösung, Mustern der Selbst- und Fremdwahrnehmung oder in der Nutzung von
Hilfe von außen zeigt, wird von den Sozialisationsinstanzen beeinflusst (ebd., 13).
Verschiedene Umwelteinflüsse, darunter die Pluralisierung von Lebensstilen und die Anonymisierung des modernen Lebens sowie soziale, ökonomische und kulturelle Segregation,
können die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen erschweren (ebd., 18).
Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang Diskriminierungserfahrungen von
Kindern und Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft bzw. mit Migrationshintergrund sowie
innere Konflikte aufgrund von gesellschaftlichen Normen und Werten, die ggf. mit den Werten der Herkunftsfamilie in Spannung stehen (ebd., 19).
Deviantes, straffälliges und gewalttätiges Verhalten ist dann ein Symptom einer emotionalen
Krise, in der sich der junge Mensch befindet (ebd., 18). Derartige Krisen sind kein Ergebnis
persönlicher Defizite, sondern Ausdruck komplexer Problemlagen, die sich oft über einen
längeren Zeitraum entwickelt haben (ebd., 13). Zu diesen Problemlagen zählt das Projekt
Sozialisationsdefizite, Entwicklungsrückstände, Schwierigkeiten in der Familie, Gewalterfahrungen, schulische Probleme, mangelnde Sozialkompetenzen, unzureichendes Rechtsbewusstsein sowie mangelnde soziale, ökonomische und kulturelle Integration (ebd., 15).

Konzept und Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen

Die Entstehung solch komplexer Problemlagen und damit die Genese delinquenten Verhaltens werden in der Projektkonzeption auf das „Versagen“ von Sozialisationsinstanzen und
auf einen unzureichenden Zugang zu bzw. auf eine unzureichende Inanspruchnahme von
Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten zurückgeführt. Zur Überwindung dieser Problemlagen ist es dann notwendig, die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Eltern an Hilfe- und Unterstützungsangebote anzubinden, die durch unterschiedliche Institutionen (Jugendgerichtshilfe, Schule, Kinder- und Jugendhilfe) und Anbieter im sozialen Umfeld der Familie erbracht
werden (ebd., 15).
In der Krise sieht das Projekt SToP gleichzeitig auch die Chance, einen Zugang zu den Minderjährigen und ihren Familien zu finden: Es wird davon ausgegangen, dass Eltern sich
durch die sofortige Intervention ihrer Verantwortung bewusst und in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt werden. Auch bei den Kindern und Jugendlichen bestehe eine erhöhte Bereitschaft, erstarrte Muster aufzubrechen und Veränderungen zuzulassen (vgl. Treberhilfe Berlin
gGmbH 2008, 13; vgl. NTH Berlin gGmbH 2014a).

Handlungsansätze
Grundlegend für die Arbeit von SToP sind die Verbindung von Einzelfall-, Familien- und Gemeinwesenarbeit und damit eine systemische Herangehensweise sowie generell der Ansatz
einer ressourcen- und lösungsorientierten Kurzzeitintervention (vgl. NTH Berlin gGmbH
2014a, 23).
Dabei möchte das Projekt in erster Linie die Mitarbeitenden des Jugendamts im Vorfeld des
Hilfeplanverfahrens unterstützen, indem es ein umfassendes Problem- und Ressourcenscreening durchführt und damit einen Einblick in die Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen und deren Familien ermöglicht.

PMA29: „Man muss nochmals betonen, dass wir ausschließlich einen Clearingauftrag haben und sozusagen eine `Türöffnerfunktion‘ für die Jugendämter darstellen. D.h. das
wir die Familien, im Auftrag des jeweiligen Jugendamtes, für die Hilfeangebote des sozialen Raums und der Jugendämter öffnen sollen.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in
Fokusgruppe)
Zu dem Clearing zählen unter anderem die Überprüfung der derzeitigen Lebenssituation, des
Schulbesuchs und des Freizeitverhaltens (vgl. NTH Berlin gGmbH 2014a, 23) sowie ggf. medizinische Untersuchungen. Anhand der gesammelten Informationen werden konkrete Vorschläge für notwendige Maßnahmen erarbeitet, die langfristig zur Vermeidung weiterer
Straffälligkeit beitragen sollen. So sollen die zeitnahe Einleitung des Hilfeplanverfahrens er-

9

Erläuterungen zu den Abkürzungen befinden sich im Kapitel „Anonymisierung und Datenschutz“.

87

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

88

möglicht und die Bereitstellung einer bedarfs- und adressatengerechten Hilfe durch das Jugendamt erleichtert werden (ebd.).
In der Einzelfallarbeit von SToP mit den Kindern und Jugendlichen kommen – situations- und
fallangepasst – unterschiedliche Methoden aus Sozialarbeit, Pädagogik und Psychologie zum
Einsatz. Hierzu gehören Systemische Beratung, Coaching und soziales Training sowie Familienaufstellungen und Rollenspiele. Die Projektmitarbeitenden arbeiten gemeinsam mit den
Kindern und Jugendlichen an der Entwicklung einer Lebensperspektive jenseits delinquenter
Entwicklungspfade, an der Modifikation eingefahrener destruktiver Verhaltensweisen sowie
an der Entwicklung emotionaler und sozialer Fähigkeiten (vgl. NTH Berlin gGmbH 2014a, 3).
Auch in der Arbeit mit Familien werden unterschiedliche Methoden eingesetzt. Als Beispiel
kann die Familienkonferenz genannt werden (ebd., 5). Durch die Intervention in der Familie
sollen familiäre Ressourcen aktiviert werden, Eltern sollen ihre Erziehungsverantwortung
besser wahrnehmen können und Handlungskompetenzen im Umgang mit schwierigen Situationen und Krisen erlangen (ebd., 17).
In der Gemeinwesenarbeit liegen zentrale Handlungsansätze des Projekts in der Vermittlung
zwischen den beteiligten Akteuren aus Polizei, Justiz, Schule, Jugendhilfe und ggf. Migrantencommunities sowie in der Förderung ihrer Zusammenarbeit und damit in der Aktivierung
sozialräumlicher Ressourcen (vgl. NTH Berlin gGmbH 2014a, 17). SToP setzt damit auf eine
Form des Fallmanagements, bei dem unterschiedliche Institutionen mit ihren Angeboten
eingebunden werden, um Doppelbetreuung, Transferprobleme, Verzögerungen und damit
ggf. eine Manifestierung delinquenten Verhaltens zu verhindern (ebd., 6 und 15).

Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen
Die der Projektkonzeption von SToP zugrunde liegenden Annahmen folgen verschiedenen so
10
genannten ätiologischen Begründungsmustern. Dabei integriert SToP verschiedene Ansätze, indem es die Ursachen für die Entstehung von Jugendkriminalität sowohl auf der Ebene
der unmittelbaren Lebensumwelt, auf der Ebene von Subkulturen als auch auf der gesellschaftlichen Makroebene verortet (vgl. Dollinger/Schabdach 2013, 55-70).
Zur Kategorisierung von Faktoren, denen ein Einfluss auf unerwünschtes Verhalten (Devianz,
Delinquenz und/oder Gewalt) zugeschrieben wird, unterscheiden Eisner et al. (2008) zwischen Risikofaktoren, Schutzfaktoren und Mechanismen. Dabei sind mit Risikofaktoren, „Prozesse und Merkmale gemeint, welche zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für ein negatives
Ergebnis führen“ (vgl. Eisner et al. 2008, 26). Der Begriff Schutzfaktoren ist eng mit dem
Begriff der Resilienz verknüpft. Er verweist darauf, dass vorhandene Risikofaktoren nicht
10

„Ätiologie“ bezeichnet die Beschäftigung mit der Ursache eines Phänomens, in diesem Fall mit den Ursachen für
die Entstehung von Jugendkriminalität (vgl. Dollinger/Schabdach 2013, 55).

Konzept und Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen

zwangsläufig zu unerwünschtem Verhalten führen. Eisner et al. definieren Schutzfaktor als
„Einflussgröße, welche die negativen Auswirkungen von belastenden Faktoren mildert oder
gar aufhebt“ (ebd., 26). Schließlich sind mit dem Begriff der Mechanismen „die Prozesse
gemeint, die zwischen einem Risiko- oder Schutzfaktor und einem Ergebnis vermitteln“
(ebd., 27). Generell ist die Prävention von Jugendgewalt auf die Reduktion von Risikofaktoren, den Aufbau von Schutzfaktoren und/oder auf das Unterbrechen von Wirkmechanismen
ausgerichtet. Da Gewaltverhalten bei Kindern und Jugendlichen Ergebnis vieler Einflussfaktoren ist, plädieren Eisner et al. (2008, 28) dafür, in der Prävention an mehreren Gliedern einer Kausalkette gleichermaßen anzusetzen. Auch Scheithauer et al. (2012, 72) bemerken:
„Risikoerhöhende und -mildernde Bedingungen sind miteinander verwoben und interagieren
miteinander über Lebensbereiche hinweg. Um nicht nur eine sehr eingeschränkte Wirkung
zu erzielen, müssen Präventions- und Interventionsmaßnahmen daher multimodal angelegt
sein, nicht nur bei den Eltern, in der Schule oder beim Kind selbst ansetzen, sondern möglichst auf mehreren Ebenen greifen“ (Hervorhebung im Original). Weiter weisen Scheithauer
et al. (2012, 73) darauf hin, dass Präventionsmaßnahmen möglichst individuell zugeschnitten sein sollten und beispielsweise den jeweiligen Entwicklungsstand, Geschlechterunterschiede aber auch kulturelle Aspekte berücksichtigen sollten, um eine größtmögliche Effektivität zu erzielen.
Dementsprechend wählt SToP einen systemischen Ansatz, wobei neben den Kindern und
Jugendlichen selbst auch das familiäre Umfeld, der Freundeskreis, die Schule und weitere
Akteure im Sozialraum mit einbezogen werden. Die Projektmitarbeitenden eruieren individuell auf verschiedenen Ebenen, welche Risikofaktoren bisher gewirkt haben (z.B. pathologische Ursachen, Subtanzmissbrauch, Vernachlässigung durch die Eltern, geringe Lernmotivation, Kontakt zu delinquenten Peers, fehlender Zugang zu sinnstiftenden Freizeitangeboten
oder fehlender Zugang zu Hilfsangeboten). Ebenso identifizieren sie bei den Jugendlichen
Ansätze, die es zu stärken gilt (z.B. stabile emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson,
Wertesysteme oder schulische Erfolge). In der Einzelfall-, Familien- oder Gemeinwesenarbeit
arbeiten die Projektmitarbeitenden dann an der Reduktion von Risikofaktoren, am Aufbau
von Schutzfaktoren oder an der Unterbrechung von Wirkmechanismen. Für die Zeit nach
dem Ende der Betreuung durch SToP geben sie die Ergebnisse der sozialpädagogischen
Diagnose mit konkreten Vorschlägen für weitere einzuleitende Maßnahmen an das zuständige Jugendamt weiter.

Ziele
SToP verfolgt als übergeordnetes Ziel, dass die betreuten Kinder und Jugendlichen zunächst
während des Betreuungszeitraums, aber auch darüber hinaus keine weiteren Straftaten begehen bzw. dass die Straffälligkeit in Quantität, Qualität und Intensität reduziert wird. Der
Fokus liegt hierbei nicht auf der Verhinderung von Gewaltstraftaten, sondern von Straftaten

89

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

90

im Allgemeinen. Um dies zu begünstigen, sollen Risikofaktoren reduziert und Schutzfaktoren
aufgebaut werden. Die dabei anvisierten Outcome-Ziele bei der Zielgruppe der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen werden in nachfolgender Grafik (Abbildung 2) dargestellt.

Abbildung 2: Outcome-Ziele von SToP (Quelle: Eigene Darstellung nach Projektkonzeption
und Fokusgruppe)

Was die Eltern der betreuten Kinder und Jugendlichen betrifft, so wird das übergeordnete
Ziel verfolgt, dass diese (wieder) als Sozialisationsinstanz für ihre Kinder fungieren. Die dabei
anvisierten Outcome-Ziele bei der Zielgruppe der Eltern werden wie folgt benannt:



Eltern/Familien arbeiten motiviert mit SToP, mit dem sozialen Umfeld und den zuständigen behördlichen Instanzen zusammen.



Eltern/Familien nutzen für sie relevante Hilfsangebote im Sozialraum.



Eltern/Familien greifen im Bedarfsfall auf alternative Handlungsstrategien zurück.



Eltern/Familien nehmen ihre Erziehungsverantwortung verstärkt wahr.

Schließlich werden in der Projektkonzeption von SToP auch Ziele benannt, die sich auf der
Ebene von Strukturen und damit auf der Impact-Ebene befinden. Diese Ziele lassen sich wie
folgt formulieren:

Konzept und Einordnung in den wissenschaftlichen Rahmen



Relevante Akteure aus dem erweiterten Hilfs- und Unterstützungssystem (Jugendhilfe,
Schule, Anbieter sozialer Dienstleistungen im Rahmen des SGB VIII und des JGG im Sozialraum) sind zeitnah und effektiv vernetzt und arbeiten zusammen.



Verfahrensabläufe sind beschleunigt (Reduzierung der Spanne zwischen Auffälligkeit und
Intervention).



Akteure aus dem erweiterten Hilfs- und Unterstützungssystem stellen Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien adäquate Hilfen zur Verfügung.

91

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

92

Zentrale Ergebnisse
In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der durchgeführten Datenerhebungen und auswertungen entlang der Kategorien des Programmbaums aufgeführt.

Bedingungen
Kontext11
Die Reichweite von SToP liegt auf regionaler Ebene und erstreckt sich auf die Berliner Bezirke Neukölln, Tempelhof-Schöneberg, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Seit 2012 kommt
durch die Erweiterung der Zielgruppe auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Bezirk
Steglitz-Zehlendorf hinzu, in dem sich die Erstaufnahmeeinrichtung/Clearingstelle (EAC) befindet. Die meisten Kinder und Jugendlichen werden aus dem Bezirk Neukölln an SToP vermittelt (2012 waren dies zwölf von insgesamt 26 Kindern und Jugendlichen, 2013 14 von
insgesamt 36), gefolgt von der EAC (2012, neun Kinder und Jugendliche; 2013, zwölf) und
vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg (2012, drei Kinder und Jugendliche; 2013, zehn).
Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen, die die Situation der Kinder und Jugendlichen stark
beeinflussen, zählen das Jugendgerichtsgesetz (JGG) mit dem darin verankerten Prinzip
„Erziehen statt Strafen“ sowie allgemeine Vorschriften, wie das Betäubungsmittelgesetz
(BtMG), das Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der
freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) und die Rechtsgrundlagen zu Hilfen zur Erziehung (SGB
VIII, §§ 27–35). Gerade das Prinzip „Erziehen statt Strafen“ steht im Zentrum einer anhaltenden öffentlichen und fachlichen Diskussion über den Umgang mit minderjährigen Straftätern bzw. mit strafunmündigen Kindern. Nach Einschätzung des Projektteams fordern Kritiker an der Oberfläche dieser Diskussion härtere Strafen für gewalttätige Jugendliche und
zeigen ihnen gegenüber wenig Empathie. Aber auch Akteure, die das Prinzip generell befürworten, befürchten eine negative Entwicklung bzw. die Verfestigung krimineller Karrieren,
wenn entsprechende zeitnahe Konsequenzen seitens des Gerichts gänzlich ausbleiben.
Regelinstitutionen wie Schule und Jugendamt fangen die betroffenen Kinder und Jugendlichen bisher nicht auf. Bei der Jugendgerichtshilfe können sich die Mitarbeitenden – aufgrund
der engeren Zielstellung, die sich in erster Linie auf den Abschluss eines gegen den Jugend11

Unter „Kontext“ sind die Umgebungsbedingungen des Projekts gefasst. Diese betreffen soziale, politische,
kulturelle und andere Aspekte, die sich nur langfristig und unabhängig vom Projekt selbst ändern. Zum Kontext
zählen beispielsweise das allgemeine gesellschaftliche Klima, Gesetzeslagen und öffentliche Debatten (vgl. Univation
– Institut für Evaluation: Kontext I (eines Programms). In: Eval-Wiki: Glossar der Evaluation
[http://eval-wiki.org/glossar/Kontext_I_%28eines_Programms%29]. Stand der Begriffsdefinition: 12.04.2013.).

93

Zentrale Ergebnisse

lichen laufenden Verfahrens richtet – nicht intensiver mit den Jugendlichen beschäftigen und
Beziehungsarbeit leisten. Eine weitere deutliche Kapazitätsgrenze der Jugendgerichtshilfe
liegt bei ihrer Möglichkeit, die Eltern der Jugendlichen mit einzubeziehen.

JGH2: „Wir haben natürlich die Familie im Blick, die tauchen auch immer mal wieder
auf, oder wir wissen um die familiären Rahmenbedingungen. Aber hier geht’s ja auch
um die Einbeziehung oder Aktivierung von vielleicht brachliegenden elterlichen Erziehungspotenzialen, und das können wir hier nicht leisten.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der
Jugendgerichtshilfe im Einzelinterview)
Die Möglichkeiten des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes sind hier ausgeprägter,
doch auch er agiert unter finanziellen und personellen Engpässen. Außerdem hat er Schwierigkeiten im Zugang zu einigen Kindern und Jugendlichen sowie zu deren Eltern. Aus Sicht
der Projektmitarbeitenden von SToP erklärt sich dieser Umstand aus der implementierten
Komm-Struktur, die bei den Eltern zunächst ein Problembewusstsein, die Fähigkeit das Problem zu artikulieren sowie die Bereitschaft zur Inanspruchnahme institutioneller Hilfe voraussetzt (vgl. NTH Berlin gGmbH 2013, 17). Auch die Alters- und ethnische Zusammensetzung
des Personals bei Jugendämtern und Regionalen Sozialpädagogischen Diensten kann eine
Zugangshürde für die Eltern darstellen (Fokusgruppe Projektteam).
Zu den Rahmenbedingungen, die insbesondere die Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge stark beeinflussen, zählen zum einen deren z. T. systematische Einschleusung nach Deutschland durch Strukturen organisierter Kriminalität, aber auch langwierige
Verfahren zur Identifikation sowie zur Klärung des Aufenthaltsstatus, der Vormundschaft und
der Jugendamtszuständigkeit (vgl. NTH Berlin gGmbH 2013, 2014b).
Die bereits oben erwähnte öffentliche Debatte über einen adäquaten Umgang mit minderjährigen Straftätern bzw. mit strafunmündigen Kindern wird im Hinblick auf minderjährige
unbegleitete Flüchtlinge durch Forderungen nach einer erleichterten Ausweisung von straffällig gewordenen Migrantinnen und Migranten sowie durch den Vorwurf des Leistungsmissbrauchs verschärft.

Input12
Für

die

Umsetzung

von

SToP

sind

zwei

Teams

mit

interethnischer

Besetzung

(deutsch/türkisch bzw. deutsch/arabisch) mit insgesamt vier vollzeitbeschäftigten Fachkräften (Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen gemäß SGB VIII § 72) sowie ein Stellenanteil von
25% für Verwaltungspersonal vorgesehen (vgl. NTH Berlin gGmbH 2014a, 6). Zu Beginn der

12

Mit „Inputs“ werden die Ressourcen bezeichnet, die in das Projekt investiert werden. In erster Linie betrifft dies
die Anzahl und Qualifikation der Mitarbeitenden sowie die finanzielle Ausstattung (vgl. Univation – Institut für Evaluation:
Inputs
(eines
Programms).
In:
Eval-Wiki:
Glossar
der
Evaluation
[http://evalwiki.org/glossar/Inputs_%28eines_Programms%29]. Stand der Begriffsdefinition: 31.12.2009).

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

94

Evaluation waren zwei Fachkräfte (mit türkischem bzw. marokkanischem Background) bei
SToP beschäftigt. Zum Ende der Evaluation kamen noch zwei weitere Fachkräfte, eine mit
türkischem und eine mit russischem Migrationshintergrund, hinzu. In Reaktion auf die Ausweitung der Zielgruppe auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, von denen viele aus der
ehemaligen Sowjetunion kommen, wurde das Team gezielt um die Fachkraft mit russischem
Migrationshintergrund erweitert.
Ursprünglich (2008) war der Personaleinsatz im Zwei-Schicht-System für den täglichen Einsatz zwischen 10:00 und 23:00 Uhr geplant. Mit Hilfe von Einsatzfahrzeugen konnten die
Projektmitarbeitenden flexible Einsätze auch im Außendienst umsetzen (vgl. Konzept 2008,
27). Zum Zeitpunkt der Evaluation gab es keine Einsatzfahrzeuge mehr. Der tägliche Einsatz
der SToP-Mitarbeitenden beschränkt sich nun auf die Zeit von 9 bis 17 Uhr, wobei im Bedarfsfall auch Einsätze außerhalb dieser Dienstzeiten umgesetzt werden.
Im Fall der Fachkräfte, die zum Zeitpunkt der Evaluation über SToP beschäftigt waren, stellte die Tätigkeit bei SToP den Einstieg ins Berufsleben dar. Trotz ihres jungen Alters bringen
die Projektmitarbeitenden – z. T. aufgrund der eigenen Migrationserfahrung oder aufgrund
der Migrationsgeschichte ihrer Familien – einen breiten Erfahrungshintergrund mit. Sie beherrschen neben der deutschen Sprache weitere praxisrelevante Sprachen wie Türkisch,
Arabisch, Russisch, Französisch und Englisch. Darüber hinaus verfügen sie über fundierte
Kenntnisse im Jugendstrafrecht, kennen die Organisations- und Ablaufstrukturen der relevanten Akteure (Jugendgerichtshilfe, Polizei, Regionaler Sozialpädagogischer Dienst) sowie
Hilfs- und Unterstützungsangebote anderer sozialer Dienstleister im Sozialraum. Sie beherrschen mehrere spezifische Methoden der Einzel- und Gruppenarbeit, wie z.B. systemische
Gesprächsführung und Beratung, Krisenintervention oder Mediation.
Die Betreuungsdauer von Kindern und Jugendlichen durch SToP kann individuell angepasst
werden. Sie umfasst in der Regel einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten.
Finanziert wird SToP seit 2008 im Rahmen einer Zuwendungsfinanzierung über die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Der Eigenanteil der Neuen Treberhilfe
gGmbH beläuft sich auf 10% der Gesamtsumme.

Struktur – Vernetzung13
Die Neue Treberhilfe (NTH) als Projektträgerin ist eine gemeinnützige GmbH. Sie wurde am
01.12.2011 vom Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf e. V. gegründet. Die NTH
übernahm mit ihrer Gründung Mitarbeitende und Hilfsangebote des insolventen Treberhilfe

13

Die „Struktur“ bezeichnet die Aufbau- und Ablauforganisation des Projektträgers sowie die Kooperationsbeziehungen, die für die Projektarbeit relevant sind (vgl. Univation – Institut für Evaluation: Struktur (eines Programms).
In: Eval-Wiki: Glossar der Evaluation [http://eval-wiki.org/glossar/Struktur_%28eines_Programms%29]. Stand der
Begriffsdefinition: 10.11.2011).

Zentrale Ergebnisse

Berlin e. V., des früheren Projektträgers von SToP. Die Insolvenz des Treberhilfe e. V. hatte
für Schlagzeilen gesorgt, weil die Geschäftsführung trotz der gemeinnützigen Ausrichtung
auf eine Gewinnmaximierung abstellte. Im Frühjahr 2013 leitete die NTH ein Schutzschirmverfahren ein. Später wurde – obwohl die Diakonie erhebliche Eigenmittel zur Verfügung
stellte – ein zweites Insolvenzverfahren nötig, das noch nicht abgeschlossen ist (vgl. Homepage der VOIGT SALUS GbR, Abruf am 16.01.2015). Zwischenzeitlich kam es auch für SToP
mit seinen Mitarbeitenden und Kooperationspartnern zu Irritationen und Unklarheiten über
die Fortführung der Projektaktivitäten und auch zu einer vorübergehenden Nichterreichbarkeit des Projekts aufgrund von Server-, Telefon- und Faxausfall. Mittlerweile hat sich die
Lage stabilisiert (vgl. NTH Berlin gGmbH 2013, 2014b).
Das Projekt SToP arbeitet an der Schnittstelle zwischen Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden, Jugendhilfe, Familie und sozialem Umfeld. Der Zugang zum Projekt erfolgt ausschließlich über die Meldung der Jugendgerichtshilfe oder des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes bzw. der Senatsverwaltung, im Fall von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus der EAC. Es wird eng mit den fallzuständigen Mitarbeitenden bei den Kooperationspartnern zusammengearbeitet. Informationen zu Delinquenz werden an die Jugendämter
und an die Polizei weitergegeben.
Neben den Jugendämtern (zu deren Organisationseinheiten sowohl die Jugendgerichtshilfe
als auch der Regionale Sozialpädagogische Dienst gehören) und der Senatsverwaltung für
Bildung, Jugend und Wissenschaft bzw. der EAC bestehen Kooperationsbeziehungen zur
Polizei, zu Jugendrichtern/-richterinnen, Schulen und Lehrkräften, verschiedenen Anbietern
sozialer Dienstleistungen im Sozialraum (z.B. Hausaufgabenhilfe oder Stadtteilmütter), zu
Gesundheitsdienstleistern (z.B. Kliniken zur medizinischen Diagnostik, Therapiezentren, etc.)
sowie zu Vereinen und Organisationen, die Freizeitangebote bzw. spezifische migrationsbezogene Angebote vorhalten.
Halbjährlich finden konzeptuelle Steuerungsrunden unter Beteiligung des zuständigen Fachreferats bei der Senatsverwaltung, der Jugendämter der Bezirke und der Projektmitarbeitenden statt. Im Rahmen der Steuerungsrunden wird zum einen die Zielerreichung des Projekts
überprüft, zum anderen bieten sie Raum für fachlichen Austausch, Beratung und die konzeptionelle Weiterentwicklung des Projekts.

95

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

96
Incomes14

SToP richtet sich an Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren. Die von SToP in 2012 und 2013
betreuten Kinder und Jugendlichen sind zwischen zwölf und 17 Jahre alt. Die Mehrheit der
Betreuten ist 15 oder 16 Jahre alt (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Anzahl der von SToP betreuten Kinder und Jugendlichen nach Alter (Quelle:
eigene Darstellung nach Sachberichten 2012 und 2013).

Bei etwas weniger als der Hälfte der betreuten Kinder und Jugendlichen handelt es sich um
unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (2012, 11 von insgesamt 26 Kindern und Jugendlichen; 2013, 14 von insgesamt 36). Auch wenn SToP sich nicht auf die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschränkt, hat doch die überwiegende
Mehrzahl eine familiäre Migrationsbiografie. Ohne zwischen Flüchtlingen, Migrantinnen, Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund zu unterscheiden, zeigt sich, dass viele der

14

Mit „Incomes“ werden die Voraussetzungen bezeichnet, die von den Zielgruppenmitgliedern in den Prozess
eingebracht werden, z.B. Einstellungen und Motivation (vgl. Univation – Institut für Evaluation: Incomes (eines
Programms).
In:
Eval-Wiki:
Glossar
der
Evaluation
[http://eval-wiki.org/glossar/Incomes_%
28eines_Programms%29]. Stand der Begriffsdefinition: 09.01.2013).

Zentrale Ergebnisse

betreuten Kinder und Jugendlichen (bzw. deren Familien) aus dem Libanon (2012, 10 von
insgesamt 26; 2013, 13 von 36) oder aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion (2012, 9
von 26; 2013, 13 von 36) kommen. Die Teilnehmenden aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Die von SToP betreuten Kinder und Jugendlichen sind fast ausschließlich Jungen (in fünf
Jahren wurden ca. 4-5 Mädchen betreut). Viele von ihnen wachsen in muslimischen Großfamilien auf und bekennen sich zu muslimischen Werten.
Die Kinder und Jugendlichen, die von der Jugendgerichtshilfe oder vom RSD an SToP angebunden werden, sind häufig schon mehrfach durch straffälliges, teilweise gewalttätiges Verhalten in Erscheinung getreten. Fast alle haben Schwierigkeiten in der Schule bzw. sind
15
schuldistanziert und haben Erfahrungen mit Sanktionierungen durch Schule:

JGH2: „SToP kriegt manchmal ungefiltert sehr schwierige Klienten mit einem Rucksack
voller Schwierigkeiten.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
RSD1: „Es ist ja meistens schon zu Vorfällen gekommen.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des
RSD in Einzelinterview)
JGH1: „Wir reden ja über Leute, die extrem delinquent in Erscheinung getreten sind, die
eben auch ein extrem schweres Umfeld haben.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Die Straftaten, welche die Kinder und Jugendlichen begangen haben, bzw. derer sie verdächtigt werden, umfassen Diebstahl, Rohheitsdelikte wie Körperverletzung oder Raub sowie
Beleidigung und Sachbeschädigung (vgl. NTH Berlin gGmbH 2014b).
Die in der Gruppendiskussion befragten Kinder und Jugendlichen sehen die Ursachen für ihr
straffälliges Verhalten sowohl bei sich als auch bei anderen. Sie fühlen sich schlecht behandelt und wollen sich das nicht gefallen lassen. Außerdem spielen die Suche nach Anerkennung sowie der delinquente Freundeskreis eine Rolle.

T2: „Bei mir war es zum Beispiel, weil ich provoziert wurde von Polizisten. Von Lehrern.
Ich wollte Rache. Und deswegen bin ich Intensivtäter geworden. Nur deswegen.“
wU: „O.k.. Provokation durch andere.“
T2: „Ja, war ein Machtkampf zwischen mir und denen. Aber die gewinnen immer.“
…

15

Erläuterungen zu den Abkürzungen befinden sich im Kapitel „Anonymisierung und Datenschutz“.

97

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

98

T5: „Ich bin immer mit den falschen Leuten gelaufen. Anzeigen gekriegt, weil ich mit
war. Ich war öfters nur mit denen am Laufen und dann haben die irgendwas gemacht
und ich wurde mit da rein gezogen.“
…
T2: „Ja. Viele aber auch um cool sein. Manche. Manche machen das um cool zu sein.
Die wollen Anerkennung." (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Deutlich wird an dieser Passage, dass sich die Jugendlichen ungerecht behandelt fühlen. Sie
versuchen, dagegen zu rebellieren und zu protestieren, sind sich aber auch ihrer eigenen
Ohnmacht in dem Kräfteverhältnis bewusst („Aber die gewinnen immer“).
Auch das Projektteam sieht in der Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen, ungerecht
behandelt worden zu sein, einen wesentlichen Antrieb zu delinquentem Verhalten.

PMA1: „Ein typisches Merkmal eines Intensivtäters ist das ständige Bedürfnis, seine Delikte oder seine destruktiven, aggressiven Verhaltensmuster zu legitimieren, indem er
oder sie sich als Opfer deklariert. Wir bemerken häufig dieses Opferverhalten: ‚Ja, ich
hab‘s mir genommen weil ich‘s verdient habe. Jetzt bin ich mal dran. Ich will nicht immer geschlagen werden. Jetzt bin ich mal der, der zuschlägt. Jetzt bin ich mal der, der
alles nimmt, was er will.‘“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Weitere Merkmale der von SToP betreuten Kinder und Jugendlichen sind deren Misstrauen
und Ablehnung gegenüber staatlichen Einrichtungen und staatlich geförderten Maßnahmen.
So gibt es am Projekt teilnehmende Kinder und Jugendliche, die bisher an keine Maßnahmen
oder Hilfsangebote angebunden werden konnten, weil dem jeweiligen Jugendamt der Zugang bisher nicht gelang. Andere haben schon Interventionen hinter sich, die nicht erfolgreich waren, und reagieren generell skeptisch auf Hilfsangebote. Auch einer der Jugendlichen in der Gruppendiskussion äußert, dass er bereits an vielen Maßnahmen teilgenommen
hat, die er jeweils nach kurzer Zeit abbrach.

T1: „Weißt du wie viele Projekte ich hab, wie viele Maßnahmen? Aber trotzdem. Ich hab
mitbekommen, die Menschen. Ich hasse die, die hassen mich. So die ganze Zeit. Ich bin ein,
zwei Mal hingegangen und dann nie wieder.“ (Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Es lässt sich erkennen, dass die Beziehung zu den Hilfesystemen bereits von großem Misstrauen geprägt ist. Auch andere Passagen aus der Gruppendiskussion mit den Jugendlichen
machen deutlich, dass das Verhältnis zwischen ihnen und den betreffenden Einrichtungen
sehr angespannt ist. Aus Sicht der Jugendlichen haben die Jugendämter etc. kein Interesse
an ihrer Situation, tragen dagegen eine Mitverantwortung, diese zu verschlechtern. Zur Veranschaulichung sei folgende Gesprächspassage angeführt:

T3: „Die interessieren sich nicht für uns. Denen ist egal ob wir sterben …“
…

Zentrale Ergebnisse

T4: „Ja. Die denken, die helfen uns. Aber die machen das nur schlimmer.“ (Jugendliche
in Gruppendiskussion)
Auch dem Projekt und seinen Mitarbeitenden gegenüber begegnen sie in der Regel erst mit
Misstrauen und Ablehnung. Auch wenn die Teilnahme in den meisten Fällen freiwillig erfolgt
(außer bei Weisungen), ist die Motivation zunächst sehr gering.

PMA1: „Beim ersten Gespräch haben die meisten eigentlich überhaupt kein Interesse an
einem Gespräch und denken sich: ‚Wieder irgendwelche Sozialarbeiter, die mir hier die
Welt erklären wollen, die auf dem Fahrrad daher kommen.‘ Einige von ihnen haben bereits im Vorfeld negative Jugendhilfeerfahrungen gemacht. Unser Fokus liegt dann in
erster Linie darin, diese Vorurteile aufzubrechen.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in
Fokusgruppe)
Das Projektteam stellt darüber hinaus fest, dass die meisten Kinder und Jugendlichen Defizite im Hinblick auf ihre kognitiven Fähigkeiten haben und dass es ihnen häufig an Verbalisierungskompetenzen, an Konzentrationsfähigkeit und an Empathiefähigkeit mangelt. Generell
kann ihre gesellschaftliche Situation als isoliert bezeichnet werden; von vielen Seiten (Eltern,
Schule, staatliche Institutionen) werden sie kritisiert. Ihr Wissen um Angebote, Regeln und
Gesetze, die sie selbst betreffen, ist häufig sehr begrenzt.
Viele der Kinder und Jugendlichen wachsen in Elternhäusern auf, in denen die Eltern mit der
Situation überfordert sind. Die Eltern als Nebenzielgruppe von SToP haben oftmals selbst
Hemmnisse im Aufsuchen von staatlichen Institutionen (z.B. Schule, Jugendamt) und fühlen
sich durch diese nicht adäquat unterstützt.

JGH1: „Auf jeden Fall habe ich beobachtet, dass die Eltern gegenüber Behörden schon
sehr viele Ressentiments haben. Das liegt oftmals daran, dass immer wieder wechselndes Personal da ist, dass man sich nicht so viel Zeit lassen kann für bestimmte Sachen
und bestimmte Sachen auch nicht so erklärt werden können.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin
der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Dennoch sind die Eltern nach Einschätzung des Projektteams größtenteils zu einer Mitarbeit
bereit und nehmen Unterstützung an. Dies lässt sich auch darauf zurückführen, dass Eltern
zeigen wollen, dass keine Kindeswohlgefährdung vorliegt. In Fällen, in denen bereits das
Familiengericht eingeschaltet ist, müssen sie beweisen, dass sie bereit sind, Hilfe von außen
anzunehmen, um ihre Erziehungskompetenzen zu aktivieren bzw. zu stärken.
Aus dem Interview mit dem Vater ging hervor, dass aus seiner Perspektive der Bezirk die
Kinder alleine lässt. Er macht sich Sorgen, dass sein Sohn als Täter abgestempelt wird und
sein erhöhter Hilfebedarf ignoriert wird, er stattdessen nur mit Strafen rechnen muss.

E: „Viele Kinder werden immer als Täter hingestellt, obwohl die selber traumatisiert
sind. Und dann verstehen die diese Menschen nicht, wenn die in so einem Problemkiez
aufwachsen und … Die sagen: ‚Okay, er ist ein Täter heute.‘ Wenn die eigentlich eine

99

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

100

Betreuung brauchen. Wie wollen wir denen helfen, wenn wir nicht wissen? Und wenn
man denen nicht hilft, dann fühlen die sich allein gelassen. Dann wird es nicht besser.“
(Vater in Einzelinterview)
Als zentralen erschwerenden Faktor sehen die befragten Jugendlichen das Wohnumfeld, in
dem sie leben. Nachdem einer der Befragten seinen Stadtteil als Grund für das Begehen von
Straftaten nennt, sind alle Jugendlichen besonders engagiert am Gespräch beteiligt und
stimmen einander zu. Aus ihrer Sicht ist es in ihrem Umfeld sehr schwer, den Kontakt zu
Personen zu meiden, die einen schlechten Einfluss haben oder die ihnen Probleme bereiten.

wU: „Was ist denn hier an /Stadtteil/ das Problem?“
T4: „Falsche Leute.“
T2: „Jeder zweite ist falsch in /Stadtteil/.“
T1: „Ja.“
T2: „Die sagen dir: ‚Hallo.‘ Aber zwei Minuten später die reden halt nicht …“
wU: „Denen kann man auch nicht aus dem Weg gehen?“
T2: „Du gehst aus dem Weg, kommt der andere.“
T1: „Ja Mann, Alter.“
…
T1: „Ich zieh auch weg. Ich geh auch in ein Dorf. Oldenburg oder so. Mit meiner Frau
und meinen Kindern. Keine Lust mehr hier auf Berlin.“
[Durcheinander]: „Berlin ist tot. Ja Mann.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Im Gegensatz zu den Kindern und Jugendlichen, die durch das Jugendamt an SToP angebunden werden, liegen zu den teilnehmenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
weniger gesicherte Informationen vor. In der Regel verhält es sich wie folgt: Nachdem sie
nach ihrer Ankunft in Deutschland bei der EAC unterkommen, werden in einem etwa drei
Monate dauernden Clearingprozess ihre Beschulungssituation, ihr Gesundheitszustand etc.
festgestellt und geklärt, welchem Bezirk sie zugewiesen werden und welche stationäre
Wohneinrichtung für sie geeignet ist. Wenn die Mitarbeitenden der EAC im Rahmen des
Clearings keinen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen erhalten, diese straffällig werden
oder es derartige Verdachtsmomente gibt, fällt der Entschluss zur Anbindung an SToP. Wenn
die Teilnahme an SToP beendet ist, ist die EAC schon nicht mehr für diese Kinder und Jugendlichen zuständig, sondern Mitarbeitende des jeweiligen Regionalen Sozialpädagogischen
Dienstes, an die sie weitergeleitet wurden.

EAC: „Sie [Kinder und Jugendliche; Anm. Univation] sind überfordert, also nicht alle,
aber die, um die es sich handelt. Sie wissen teilweise gar nicht, was sie machen sollen

Zentrale Ergebnisse

und machen Unsinn. Dieser Unsinn kann Diebstahl sein, an Drogen kann ich mich gar
nicht erinnern, auch bewaffneter Raubüberfall nicht.“
wU: „Also keine Gewaltstraftaten?“
EAC: „Nein, also bei uns nicht. Wie gesagt, wir beobachten und wenn wir nicht mehr
weiter wissen, weiter können, bitten wir darum, dass SToP eingeschaltet wird.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der EAC in Einzelinterview)
Das Projektteam hat bei einigen der teilnehmenden unbegleiteten Flüchtlingskinder den
Verdacht, dass sie über Strukturen organisierter Kriminalität mit einem Auftrag nach
Deutschland gekommen sind. Sie machen sich vor allem des Diebstahls von Markenkleidung
schuldig und verkaufen diese weiter. Bei dieser Personengruppe ist die Motivation zur Teilnahme an SToP oder anderen Maßnahmen sehr begrenzt, da sie keine Absicht zum langfristigen Verbleib in Deutschland zeigt. Bei anderen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
ist hingegen erkennbar, dass sie vor allem traumatisiert und desorientiert sind und durchaus
den Wunsch haben, in Deutschland zu bleiben. Bei diesen Personen besteht eine Eigenmotivation zur Teilnahme an Projektaktivitäten (vgl. NTH Berlin gGmbH 2014b, 8ff.).

Umsetzung: Aktivitäten und Outputs16
Im Jahr 2012 wurde SToP in 26 Fällen von Kooperationspartnern angefragt (Jugendamt, 15;
Senatsverwaltung/EAC, 11), im Jahr 2013 in 36 Fällen (Jugendamt, 22; Senatsverwaltung/EAC, 14). Es wurden jeweils alle Kinder und Jugendlichen aufgenommen und betreut.
Während der Betreuungszeit wurden je Einzelfall zwischen drei und 60 Termine vergeben
(2012 insgesamt 406; 2013 insgesamt 559) und zwischen einem und 4 Ziele vereinbart
(2012 insgesamt 68; 2013 insgesamt 89).
Sofern vorhanden, wurden die Eltern in den Prozess einbezogen. Auch mit den Eltern wurden zwischen einer und fünf Zielvereinbarungen getroffen (2012 insgesamt 28; 2013 insgesamt 41) und ihnen wurden unterstützende Maßnahmen angeboten (zwei in 2012, beide
angenommen; 15 in 2013, davon 13 angenommen).
Im Rahmen der Ressourcenerschließung und -aktivierung kam es 17 Mal (2012) bzw. zwölf
Mal (2013) zu einer Weitervermittlung von Kindern und Jugendliche an Angebote im Sozial-

16

„Aktivitäten“ bzw. Interventionen bezeichnen, wie das Projekt tatsächlich durchgeführt wird, z.B. wie die Beteiligten untereinander kommunizieren, wie Leistungen erbracht werden. (vgl. Univation – Institut für Evaluation: Aktivitäten
(eines
Programms).
In:
Eval-Wiki:
Glossar
der
Evaluation
[http://evalwiki.org/glossar/Aktivit%C3%A4ten_%28eines_Programms%29]. Stand der Begriffsdefinition: 31.12.2009).
Unter „Outputs“ werden die gezählten Leistungen gefasst, die das Projekt hervorgebracht hat (z.B. bearbeitete
Fälle) (vgl. Univation – Institut für Evaluation: Outputs (eines Programms). In: Eval-Wiki: Glossar der Evaluation
[http://eval-wiki.org/glossar/Outputs_%28eines_Programms%29]. Stand der Begriffsdefinition: 23.07.2012).

101

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

102

raum/Stadtteil (z.B. Hausaufgabenhilfe, verschiedene Beratungsstellen, Therapie, Jugendsozialarbeit und/oder migrationsspezifische Angebote).
Hinsichtlich der Vernetzung der beteiligten Akteure fanden insgesamt 32 (2012) bzw. 147
(2013) professionsübergreifende Fallbesprechungen in unterschiedlicher Konstellation und
unter Einbeziehung von Vertretenden aus den Bereichen Schule, Polizei, Jugendamt, Justiz
und Fachdiagnostische Dienste statt. Die Zahl der am Fall beteiligten Helfer schwankte zwischen einem und sechs Beteiligten.
2012 kam es bei sieben Kindern und Jugendlichen (27%) zum Abbruch der Betreuung aufgrund stationärer Unterbringung, Trebe oder fehlender Mitwirkungsbereitschaft der Familie.
2013 war dies ebenfalls bei sieben Kindern und Jugendlichen (19%) der Fall.
Das Projektteam leistet Einzelfallhilfe in Form von Beratung mit therapeutischen Elementen,
wobei sie das konkrete Vorgehen an den individuellen Bedarfen der Teilnehmenden ausrichten. Hierzu gehören Methoden der systemischen Beratung und therapeutische Methodenansätze (z.B. Familienaufstellung, Genogramm, Tetralemma). Sie suchen gemeinsam mit Akteuren aus dem Umfeld der Kinder und Jugendlichen (z.B. Lehrkräfte oder Eltern) nach leicht
umsetzbaren Strategien zur Lösung wiederkehrender problematischer Situationen und leiten
Informationen zusammen mit Empfehlungen für weitere Maßnahmen an die fallzuständigen
Mitarbeitenden im Jugendamt weiter bzw. leiten selbst erste Maßnahmen ein (z.B. Schulwechsel, Drogentherapie).
Zur Qualitätssicherung setzt SToP auf eine detaillierte Dokumentation der einzelnen Leistungsschritte sowie auf die Einhaltung von Qualitätsvorschriften. Diese betreffen beispielsweise den standardisierten Ablauf nach der Auftragserteilung durch das Jugendamt, der die
Überprüfung der Lebenssituation des Kindes bzw. des Jugendlichen hinsichtlich Schule, Elternhaus und Freizeitverhalten beinhaltet. Um die Steigerung der Effektivität des SToPProjektes zu gewährleisten, finden regelmäßige Supervisionseinheiten statt. Dabei wird das
berufliche Handeln im Kontext der individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen reflektiert.

Resultate
Im Ergebnis ist es infolge der Teilnahme an SToP bei vielen der teilnehmenden Kinder und
Jugendlichen gelungen, einen Einblick in ihre Lebensverhältnisse zu erhalten, sie zu positiven
Veränderungen und zur Verantwortungsübernahme zu motivieren und die über sie gesammelten Informationen an die Fallzuständigen im Jugendamt weiterzuleiten, um so passgenauere Hilfen zu erleichtern. Die Sachberichte von SToP geben zudem Auskunft darüber,
dass im Jahr 2012 15 der von SToP betreuten Kinder und Jugendlichen während des Betreuungszeitraums nicht mehr straffällig wurden und bei den übrigen elf ein Rückgang der
Straftaten von 179 auf 59 festzustellen war (vgl. NTH Berlin gGmbH 2013, 12). Im Jahr 2013

Zentrale Ergebnisse

sind 19 der Teilnehmenden im Betreuungszeitraum nicht mehr straffällig geworden, bei den
anderen 17 war ein Rückgang von 253 auf 60 Straftaten zu beobachten (vgl. NTH Berlin
gGmbH 2014b, 13).
In der Anlage der Evaluation von SToP interessieren vor allem die Wirkzusammenhänge
zwischen den Aktivitäten des Projekts und den daraus resultierenden Outcomes bei den
Teilnehmenden. Im Folgenden wird basierend auf den Daten aus allen Erhebungen dargestellt, welche Ansätze des Projekts sich als wirkfähig bestätigt haben und welche Wirkungen
sich damit erzielen lassen. Die grafische Abbildung des idealtypischen Wirkmodells findet
sich im Anschluss an die ausformulierten Wirkzusammenhänge.

Outcomes17 – Wirkzusammenhänge
Durch die einladende Atmosphäre und das Sich-Zeit-Nehmen der Projektmitarbeitenden lassen die Jugendlichen sich auf SToP ein.
Die Projektmitarbeitenden machen den Kindern und Jugendlichen zu Beginn deutlich, dass
es ihre Entscheidung ist, sich auf das Projekt einlassen und etwas davon mitzunehmen oder
nicht. Die Projektmitarbeitenden verdeutlichen, dass ihnen nichts aufgezwungen wird. In der
Entscheidung der Kinder und Jugendlichen zur Teilnahme besteht die erste Aktivierung.

PMA1: „Das basiert alles auf Freiwilligkeit. Das heißt also, du wirst nicht gezwungen
hierherzukommen, solange es keine Weisung ist, weil dann hat man eine Drucksituation: ‚Ich gebe dir einen Tag Zeit, um dich zu entscheiden.‘ Das mache ich aber auch bei
Weisungen. Ich sage: ‚Du hast zwar eine Weisung und wenn du nicht kommst, dann ist
es ein Verstoß gegen deine Weisung. Dann ist es dein Problem. Aber ich kann dich nicht
dazu zwingen, dass du her kommst. Deshalb: entscheide dich, ruf mich bitte morgen
an.‘ Das ist ein erster Schritt, den er machen muss … Dann wird ihm die Verantwortung
für sein eigenes Leben übergeben.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Häufig sind mehrere Anläufe und Kontaktaufnahmen seitens der Projektmitarbeitenden nötig, bis die Kinder und Jugendlichen sich tatsächlich einlassen. Hier beweist das Projektteam
einen langen Atem und gibt den Kindern und Jugendliche die Zeit, die sie brauchen.
Um einen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen zu erhalten und diese für Interventionen
überhaupt erreichen zu können, berücksichtigen die Projektmitarbeitenden deren Tagesform. Hierzu gehört, dass sie die Aufmerksamkeitsspannen, die Leistungskurven, das Bedürfnis nach Bewegung oder auch nach Essen der Teilnehmenden ernst nehmen und zu-

17

Outcomes bezeichnen Veränderungen und Stabilisierungen in Einstellung, Wissen und Verhalten von Zielgruppen. (vgl. Univation – Institut für Evaluation: Outcomes (eines Programms). In: Eval-Wiki: Glossar der Evaluation
[http://eval-wiki.org/glossar/Outcomes_%28eines_Programms%29]. Stand der Begriffsdefinition: 23.07.2012).

103

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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nächst einen Beitrag dazu leisten, dass diese Bedürfnisse gestillt sind, bevor weitergearbeitet
wird.

PMA218: „Ein Spaziergang hilft manchmal sehr gut, gerade wenn der Klient traurig oder
wütend ist. Man geht mit ihm raus. Oder manchmal, bevor das Gespräch anfängt, spielen wir mit ihm erstmal eine Runde Kicker. Das lockert das Gespräch auf.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Die Kinder und Jugendlichen finden eine einladende Atmosphäre vor, in der sie erstmal in
Ruhe etwas essen, Tee trinken oder in den Projekträumlichkeiten eine Runde Kicker spielen
können. Hierdurch gelingt es, dass die Teilnehmenden sich wohl fühlen.

T4: „Ich bin hingegangen. Hab mir erst mal einen Tee gemacht. Mit drei Löffeln Zucker.
Und dann hab ich gegessen und geraucht … Ja, ich hab die kennen gelernt erst mal.
Erster Eindruck ist doch wichtig, sag ich mal. War o.k. da. Ich hab gesehen: O.k. sind
nette Leute … Und dann bin ich zum nächsten Termin wieder gekommen. Ich hab mit
denen Kicker gespielt. Mit /PMA2/. Ich hab natürlich gewonnen. Dann hat es Spaß gemacht so. War wie … wie neue Freunde so.“
…
T1: „Ja, also wir haben uns mit denen getroffen. Also ich. Wir haben ein bisschen geredet, wir haben gespielt hier. Danach sind wir vielleicht was frühstücken gegangen. Auf
deren Nacken. So halt.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Im ersten Beispiel wurden die Projektmitarbeitenden zunächst einer Prüfung unterzogen
(„drei Löffel Zucker … rauchen … kennen gelernt erstmal“) und der Jugendliche testete
erstmal die Grenzen aus. Die Projektmitarbeitenden haben diese Prüfung offenbar bestanden, so dass der zitierte Jugendliche bereit war, wieder zu kommen und sich auf das Projekt
einzulassen („Ich hab gesehen: O.k. sind nette Leute“).
Einer der befragten Kooperationspartner stellt heraus, dass sich Einlassen bei den betreffenden Jugendlichen bereits etwas Besonderes, ein kleiner Erfolg ist, und dass dies dem Projekt
gelingt:

JGH2: „Das sind ja junge Menschen, die leben, wo Erziehungssysteme ausfallen, wo eine ‚Broken-Home‘-Situation ist. Wo überforderte Mütter manchmal schon mit ihren Söhnen jahrelang in neurotischen Zirkeln gefangen sind. Und die lassen sich dann plötzlich
ein. Die gehen regelmäßig irgendwo hin. Die gehen vielleicht jahrelang gar nicht zur
Schule oder höchst unregelmäßig und die Kontakte mit SToP finden dann schon statt.“
(Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)

18

Erläuterungen zu den Abkürzungen befinden sich im Kapitel „Anonymisierung und Datenschutz“.

Zentrale Ergebnisse

An der sich herausbildenden Beziehung halten die Kinder und Jugendlichen schließlich gerne
fest.

JGH2: „Und bei den Leuten die dann angebunden werden, wo eine Beziehung zustande
kommt, wo Vertrauen aufgebaut wird, da erleb ich tatsächlich auch eine Veränderung.
Also die gehen mit, die jungen Leute … Das ist wie so ein kleiner Anker, der da ausgeworfen wird und an den sie sich klammern können.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Auch der befragte Vater stellt es als positiv heraus, dass sein Sohn überhaupt mitgemacht
hat:

E: „Ja, dass er mitgemacht hat und da sein und pünktlich zu sein und Höflichkeit und
Respekt und …“ (Vater in Einzelinterview)
Das authentische Einbringen der eigenen Person der Projektmitarbeitenden und
deren Zugang zur Lebenswelt der Teilnehmenden fördert, dass die Jugendlichen
sich wohlfühlen.
Zentral für eine einladende Atmosphäre ist auch, dass die Projektmitarbeitenden sich authentisch als Personen zu erkennen geben, ihre Erfahrungen und Erlebnisse einfließen lassen
und zeigen, dass sie einen Zugang zur Lebenswelt der Teilnehmenden haben. Sie holen sie
damit da ab, wo sie stehen und kreieren eine familiäre Atmosphäre.

PMA1: „Wir arbeiten vermehrt mit arabischen und türkischen Jugendlichen zusammen,
deren Kollektivverständnis ausgeprägter ist als in der hiesigen, stark individuell geprägten Sozialisation. Deshalb legen wir in der Betreuung dieser Klientel viel Wert darauf,
diese Werte und Normvorstellungen aufzugreifen und so ähnlich wie eine Familie zu
sein. Von einem familienähnlichen Menschen lässt man sich eher was sagen als von einer wildfremden Person. Wir sind Bruder/Schwester. Also Tante/Onkel und teilweise sogar auch Mutter/Vater. Wenn wir dann vielleicht mal lauter werden, dann gehört das
auch dazu. Wenn man denen zu viel Köpfchenstreicheln macht, können die das gar
nicht so wahrnehmen. Wir sprechen deren Sprache.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin
in Fokusgruppe)
Auch die befragten Kooperationspartner stellen heraus, dass das Vertrauen der Kinder und
Jugendlichen zusätzlich dadurch gefördert wird, dass die Projektmitarbeitenden die für die
Kinder relevanten Sprachkenntnisse mitbringen und auch im übertragenen Sinne ihre „Sprache“ sprechen, ihre Erfahrungsräume kennen und sich in ihre Welt einfühlen können.

RSD1: „Sie erkennen aber auch den Jugendlichen schon an seinen Loyalitätskonflikten
und Autonomiebestrebungen und spiegeln das auch. Ich habe das Gefühl, dass sie da
sehr nah dran sind. Das hat auch etwas mit Kommunikation zu tun natürlich, mit Sprache.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)

105

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

106

Durch die Überparteilichkeit der Projektmitarbeitenden und das Angebot eines
Neuanfangs fühlen sich die Jugendlichen ernst genommen, gewinnen Vertrauen
und öffnen sich.
Die Projektmitarbeitenden machen den Jugendlichen deutlich, dass sie sich für sie und ihre
Perspektive interessieren und sie ernst nehmen. Die Jugendlichen spüren das:

T2: „Die [SToP; Anm. Univation] haben mit mir geredet. So ganz normal so. Nicht wie
andere geredet, aber die interessiert nicht wirklich was mit mir ist. Und die [anderen;
Anm. Univation] reden, aber im Hintergrund denken die: ‚Scheiß auf ihn.‘“ (Jugendlicher
in Gruppendiskussion)
Es ist für den zitierten Jugendlichen offenbar etwas Besonderes, dass „ganz normal“ mit ihm
gesprochen wird und dass ihm ehrliches Interesse entgegengebracht wird. Dieser Schluss
liegt nahe, da er es direkt in Bezug setzt zu anderen Erfahrungen, die er bereits gemacht
hat, wo Personen – seiner Einschätzung nach – ihm gegenüber eigentlich gleichgültig waren
bzw. ihn gleich abstempelten.

T2: „Die [anderen Einrichtungen; Anm. Univation] hören Intensivtäter und denken
schon: ‚Was ist das für ein Krimineller?‘ Obwohl man muss doch den Menschen kennen
und nicht das, was ein Stück Papier sagt. Die gucken nicht nach Werten, die gucken nur
nach einem Stück Papier.“ (Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Die Mitarbeitenden von SToP treten den Jugendlichen hingegen vergleichsweise unvoreingenommen gegenüber und geben ihnen die Chance auf einen Neuanfang.

PMA1: „Dann sage ich: ‚O.k., pass mal auf, ich hab so eine Akte von dir bekommen, gelesen und wenn es nach der Akte geht, sieht es nicht gut für dich aus. Aber du sitzt ja
jetzt hier beim SToP-Projekt, du bist noch jung, du bist ja 13 vielleicht 14, 15, 16. Du
hast noch viel vor dir. Ich mache mit dir einen Deal, ab heute bist du ein unbeschriebenes Blatt [hält ein leeres Blatt hoch].‘ Und das ist ein Symbol, was bei denen Jugendlichen etwas hinterlässt: ‚Ich kann heute von Null anfangen. Ich habe ab heute die Möglichkeit mein Leben neu zu gestalten.‘“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Die Jugendlichen registrieren das sehr deutlich und spüren, dass sie bei SToP nicht nach
ihren bisherigen Vergehen bewertet werden, sondern dass ihnen eine Chance gegeben wird
und sie als Person gesehen werden. Sie stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit und merken, dass die Projektmitarbeitenden es generell gut mit ihnen meinen. Das rechnen die Jugendlichen ihnen hoch an und schenken ihnen im Gegenzug Vertrauen:

T4: „Die gucken auf beide Seiten. Und danach gucken die so ein bisschen Schule und so
wie es läuft in der Schule und so. Die glauben einerseits dem Jugendamt und einerseits
auch uns.“
…

Zentrale Ergebnisse

T1: „Die anderen gucken auf ein Stück Papier. Die gucken auf ein Blatt Papier und sagen: ‚O.k., der hat so, so, so.‘ Und die [SToP; Anm. Univation] gucken so wie wir sind.
So richtig.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Das Projektteam hört die Jugendlichen an, lässt sich auf ihre Perspektive ein und bringt
ihnen Empathie entgegen.

PMA2: „Wir versuchen auch, den Kindern und Jugendlichen zuzuhören. Man kann das
Verhalten der Kinder und Jugendlichen nur verstehen, wenn man es aus deren Perspektive betrachtet.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Auch aus Sicht der befragten Kooperationspartner hat es einen stärkenden Effekt, dass die
Jugendlichen in den Projektmitarbeitenden Menschen gefunden haben, die sie ernst nehmen
und ein Stück weit auf ihrer Seite stehen:

RSD1: „Dass sie Wertschätzung erfahren, gehört werden, wahrgenommen werden,
ernst genommen werden und dass da jemand versucht, in ihrem Interesse zu arbeiten
[Antwort auf die Frage, welche Veränderungen bei den Kindern und Jugendlichen wahrnehmbar sind; Anm. Univation].“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
JGH2: „Ich glaube, dass sie sich ernstgenommen und respektiert fühlen. Dass sie vielleicht das erste Mal im Leben einen Ansprechpartner haben, der da ist, der verlässlich
ist … Das haben ja diese jungen Menschen, die wir hier haben, nicht zur Verfügung und
das sind ein Stück weit elterliche, mütterliche oder väterliche Wegbegleiter für einen
Augenblick.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
In konfrontativen, zugewandten Einzelgesprächen regen die Mitarbeitenden die
Jugendlichen zur Selbstreflexion an und motivieren sie zu Veränderungen.
Nachdem die Projektmitarbeitenden das Vertrauen der Jugendlichen gewonnen haben, gehen sie einen Schritt weiter: Sie reden ihnen ins Gewissen und konfrontieren sie mit ihrem
schädlichen Verhalten sowie den Konsequenzen ihres Handelns.

PMA1: „Aber das ist so der erste Baustein: Du bist hier, weil du Sachen gemacht hast,
die für dich und dein Umfeld schädlich sind. Nur wenn man das Bewusstsein erschafft,
kann man etwas verändern.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Fallangepasst greifen die Projektmitarbeitenden hierbei auf verschiedene Methoden zurück:
Motivierende Gesprächsführung, positive Formulierungen, offene Fragen, positive Konditionierung, aber wenn es die Situation erfordert auch paradoxe Interventionen.

PMA2: „Man versucht auch diese negativen Verhaltensweisen des Jugendlichen anders
zu formulieren. Nicht mit Negationen, weil das hat auch eine Auswirkung auf die Psyche
oder auf deren Wahrnehmung.“
…

107

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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PMA1: „Aber das sind keine starren Methoden die wir anwenden. Bei manchen Klienten
funktioniert das so, bei anderen Klienten hilft eher die paradoxe Intervention.“ (Projektteam in Fokusgruppe)
Die Projektmitarbeitenden verdeutlichen den Jugendlichen dabei vergleichsweise vorwurfsfrei, dass sie sich mit ihrem Verhalten auch selbst schaden, eine Veränderung anvisieren und
sich dafür notfalls auf professionelle Unterstützung einlassen müssen. Exemplarisch sei diese
konfrontativ-zugewandte Gesprächsführung am Beispiel des Drogenkonsums illustriert:

PMA1: „Du kiffst doch? Das kannst du doch ruhig sagen. ‚Ja, ab und zu mal.‘ Ja wie oft:
Ab und zu? Kaufst du dir das? Oder machst du‘s mit Freunden oder wie sieht das aus?
Ja dann wird ein bisschen erzählt. O.k. Du weißt aber, dass das ein Problem ist? Du bist
14 Jahre alt. Du beeinträchtigst deine Entwicklung damit. Weil du brauchst diese Energie noch, du brauchst diese Gehirnzellen noch, damit du deine Schulausbildung, deine
Ausbildung oder dein Studium oder was auch immer noch beenden kannst … Dann machen wir einen unangekündigten Test, gehen mit ihm, stellen fest: Er hat Drogen konsumiert. Dann sagen wir: O.k., wir haben dir die Möglichkeit gegeben, das aus eigenen
Kräften nicht mehr zu tun. Du schaffst es anscheinend nicht. Ist ja auch nicht schlimm,
du bist ja noch ein Kind. Ist völlig normal, dass du es nicht schaffen kannst. Aber dann
musst du dir Hilfe holen.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Die Projektmitarbeitenden bleiben nicht dabei stehen – wie der nachfolgend zitierte Jugendliche es offenbar sonst kennt – das Handeln und die Teilnehmenden als Person zu beurteilen, sondern sie konfrontieren mit den möglichen Folgen des Verhaltens und welche Belastung es für die Familie bedeutet. Diese Überlegungen sind für die Kinder und Jugendlichen
offenbar neu und regen zum Nachdenken an.

T5: „Aber die anderen so, die sagen persönlich über uns. Aber die [SToP; Anm. Univation] sagen auch: ‚Denkt an Familie und Zukunft so.‘ Und das bin ich jetzt am überlegen.
An mir scheitert es nicht, aber an meiner Familie. Das ist wichtig.“ (Jugendlicher in
Gruppendiskussion)
Die Projektmitarbeitenden führen mit den Teilnehmenden Gespräche über Werte und Ziele
im Leben. Dies gelingt, indem sie sich als authentische, verlässliche, durchsetzungsfähige
und zugewandte erwachsene Bezugspersonen anbieten, die im Interesse der Kinder und
Jugendlichen arbeiten. Sie nehmen sie ernst und achten ihnen gegenüber auch auf Transparenz.

RSD1: „Ich glaube schon, dass die Fachkräfte beim SToP-Projekt sehr transparent arbeiten, also den Jugendlichen, den Familien und dem Jugendamt gegenüber, und sehr authentisch sind. Authentisch in ihrem Engagement einfach und auch in dem, was sie an
Wertesystemen vermitteln: Was ist falsch, was richtig, was ist gut, was schlecht. Und:
Übernimm auch mal Verantwortung.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)

Zentrale Ergebnisse

Um die Jugendlichen für die Selbstreflexion empfänglich zu machen, knüpft das Projektteam
auch gezielt an die Werte an, die es bei den Kindern und Jugendlichen vorfindet, beispielweise religiöse Werte:

PMA1: „Wir versuchen, wenn ein Jugendlicher Interesse daran hat, zum Freitagsgebet
mit ihm zu gehen. Oder mal in eine Moschee zu gehen. Dieses Gebet verschafft einen
yogaähnlichen Zustand. Ein Prozess der inneren Findung, ein bisschen in sich kehren, in
sich schauen und somit ausgeglichener im Alltag sein zu können. Religion ist ein großer
Aspekt in unserer Betreuung. Dass man da nochmal auf einer moralischen Ebene versucht, den Jungen zu fassen.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Ein befragter Jugendlicher äußert, dass er durch die Gespräche mit den Projektmitarbeitenden ruhiger und verantwortungsbewusster geworden ist:

T4: „Man ist ruhiger geworden.“
wU: „Du bist ruhiger geworden?“
T4: „Ja. Verantwortungsbewusstsein, so.“
wU: „Wodurch bist du ruhiger geworden?“
T4: „Die haben mit mir geredet.“ (Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Den Projektmitarbeitenden gelingt es dabei, den Jugendlichen Anregungen zur Selbstreflexion zu geben.

T5: „Man denkt nach darüber. Wenn die mit uns reden und so, dann denkt man halt:
Wieso habe ich diese ganzen Anzeigen gemacht, eins, zwei, drei. Man überlegt.“ (Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Dadurch, dass SToP sowohl das Bild, welches Lehrkräfte und Eltern von den Kindern und
Jugendlichen haben, transparent an die Kinder und Jugendlichen vermittelt, aber auch ihr
Selbstbild anspricht und sie damit konfrontiert, beginnen diese, sich selbst zu reflektieren.
Sie gewinnen schließlich ein realistischeres Bild von der eigenen Person und von der Situation, in der sie sich befinden.

RSD1: „Das erlebe ich, dass die Jugendlichen ganz viele Gespräche hatten, in denen sie
sich sortieren konnten.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
JGH1: „Sicherlich haben sie dann noch mal eine andere Selbstreflexion. Indem sie natürlich auch damit konfrontiert wurden, was in dem Bericht von SToP drin steht.
Manchmal muss man sich seiner eigenen Situation ein bisschen bewusster und klarer
sein und ich denke das passiert dann dadurch auf jeden Fall.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin
der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Darüber hinaus schätzt einer der befragten Jugendamtsmitarbeitenden, dass die Jugendlichen durch SToP Anregungen erhalten, ihre eigene Stellung in der Gesellschaft zu reflektie-

109

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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ren, und dass sie dabei ein Bewusstsein für gesellschaftliche Normen und Anforderungen
entwickeln.

JGH2: „Die werden ruhiger, dieses Agieren hört auf. Sie hören nicht ganz auf das zu tun
– das wär ja auch komisch – was sie vorher gemacht haben. Aber sie halten einen Augenblick inne und sie sind in der positiven Weise an die Erfordernisse erinnert, die an sie
gestellt werden, um in dieser Gesellschaft klarzukommen. Da kriegen sie eine Idee wie
das gehen könnte, sich hier in dieser Gesellschaft zurechtzufinden und die Dinge, die
hier zu tun sind, auch zu tun.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Das Projektteam regt die Kinder und Jugendlichen dazu an, ihre Beziehung zu
Familienangehörigen zu reflektieren, an positive Einflüsse in der Familie anzuknüpfen und stärkt flankierend dazu auch die Eltern, ihren Kindern Halt zu geben.
Im Rahmen von systemischen Beratungssettings thematisieren die Projektmitarbeitenden
auch die familiäre Situation der Kinder und Jugendlichen. Über Familienaufstellungen mit
Playmobil-Figuren machen sie die familiäre Konstellation sichtbar und regen die Teilnehmenden dazu an, ihre Beziehung zu ihren Familienmitgliedern zu reflektieren.

PMA1: „Wir haben uns da z.B. Playmobil-Figuren angeschafft und machen damit Familienaufstellungen. Oder so alltägliche Erlebnisse, die sie erlebt haben, sollen sie uns plastisch mit diesen Playmobil-Figuren darstellen. Sich darstellen als Figur, dann Lehrer, Vater, Mutter, Geschwister, was auch immer. Das löst die ganze Sache nochmal ein bisschen auf. Das macht sie nicht so ernst. Ist ein bisschen spielerisch. Insbesondere für
Kinder und Jugendliche mit Verbalisierungsdefiziten hat sich diese Methode bewährt, um
an die Quelle der Informationen zu gelangen.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Die in der Gruppendiskussion befragten Jugendlichen können sich alle noch gut an die Familienaufstellung erinnern und haben sie als hilfreich empfunden.

T1: „Und die haben uns Legosteine gegeben. Die haben uns gefragt: ‚Wie viele Kinder
seid ihr?‘ Ich meinte sechs Kinder. Masha‘allah. Und meine Eltern. So und die leg ich
dann hin und die sagen: ‚Wen von denen magst du am meisten?‘ Also hier bist du und
wen von denen magst du am meisten, den legst du zu dir. Also nicht, wen du nicht
magst.“
T3: „Die sagen: ‚Mit wem bist du eng? Wem vertraust du mehr? Mit wem kannst du offen reden? Mit wem nicht?‘ Irgendwie. So ne Sachen.“
…
wU: „Und das mit den Legosteinen, hat das euch was gebracht?“

Zentrale Ergebnisse

T1: „Ja, die haben halt gesehen, wem wir am meisten vertraut haben. Meiner Mutter
zum Beispiel habe ich damals vertraut. Die haben meine Mutter geholt und haben mit
ihr geredet. Sie wollten gucken, wer uns nahe steht.“
wU: „Hat das euch was gebracht? Nochmal darüber nachzudenken?“
T1: „Ja. Hat mir den Glauben gegeben: Warum mag ich den mehr als den so. Dann hab
ich den Kontakt mit dem, dem ich vertraue, gesucht.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Aus dem letzten Zitat („Dann hab ich den Kontakt mit dem, dem ich vertraue, gesucht.“)
wird deutlich, dass die Familienaufstellung dazu anregen konnte, die Nähe zu einer Vertrauensperson in der Familie zu suchen und damit die Ressourcen im eigenen Familiensystem zu
aktivieren, die eine Unterstützung sein können.
Flankierend dazu bezieht das Projektteam die Eltern mit ein und nimmt sie in die Verantwortung, ihre Elternrolle stärker wahrzunehmen und die Kinder zu unterstützen. Hierzu stellt das
Projektteam die Situation des Kindes den Eltern gegenüber klar und fordert sie auf, unterstützend an der Problemlösung mitzuwirken. In einigen Fällen betrifft das den Drogenmissbrauch des Kindes, in anderen das Eingeständnis, dass das Kind eine Lernminderung hat
und dies großes Frustrations- und Konfliktpotenzial in der Schule birgt.

PMA2: „Im ersten Schritt mussten der Jugendliche und die Familie für dieses Thema
[Lernminderung; Anm. Univation] sensibilisiert werden, d.h. keiner möchte sich eingestehen, das eigene Kind sei krank oder hätte eine Lernminderung. Im zweiten Schritt
wurde das Jugendamt informiert und das zuständige Schulamt. Gemeinsam mit der Familie wurden alle notwendigen Unterlagen und Anträge ausgefüllt. Dann erst bemerken
die Familien, dass sie ein Problem hatten und nun dieses Problem lösen.“
…
PMA2: „Wir versuchen auch Empathie bei den Eltern zu aktivieren und zu sagen: ‚Ihr
Sohn hat ein Problem und dem müssen sie als Elternteil nicht mit körperlicher Züchtigung sondern mit Verständnis begegnen.‘“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
In dem Interview mit dem Vater wurde erkennbar, dass Hinweise zur Erziehung für ihn eine
Rolle spielen, beispielweise dass Eltern bei Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder nicht zu viel
Druck ausüben sollten:

E: „Das hat schon geholfen. Ja, Erziehungsmethoden und so für die [Kinder; Anm. Univation]. Dass sie [SToP; Anm. Univation] sagen: ‚O.k.‘. Aber zu viel Druck darf auch
nicht sein.“ (Vater in Einzelinterview)
Der Kontakt zu den Eltern wird den Kindern und Jugendlichen gegenüber sehr transparent
kommuniziert. Sie fühlen sich dadurch nicht hintergangen und können erkennen, dass das
Problem nicht nur bei ihnen liegt.

111

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

112

RSD1: „Da geben sie den Eltern glaube ich schon wichtige Hinweise, was man anders
machen kann. Aber sie machen das transparent vor dem Jugendlichen. Das ist glaube
ich so ein bisschen der Unterschied. Dass der Jugendliche weiß: Aha, so wird auch die
Mutter beraten.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
T2: „Die sagen: ‚Dein Sohn verändert sich oder verändert sich gar nicht. Der macht dies
gut, aber das nicht.‘“
T4: „Die geben Tipps halt.“
wU: „Was denn für Tipps zum Beispiel?“
T4: „Zum Beispiel. Es gibt doch manche Familien, wo die Eltern auch die Kinder unterstützen sollen, und nicht nur das SToP-Projekt. Und dann sagen die halt: ‚Ja, Sie als Eltern sollen auch unterstützen.‘“
…
T4: „Die haben diese Tipps angenommen und die haben das dann gemacht. Also bei
mir so.“
…
T4: „Aber die haben gesagt: ‚Wir haben mit deinen Eltern geredet. So, so, ja.‘“
T5: „Zum Beispiel … “
T4: „Das war nicht, um was zu verheimlichen oder so. Das war so klar halt.“
wU: „Ist ja sehr offen.“
T4: „Ja, so offen sozusagen, ja.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Die Eltern nehmen sich Hinweise und Ratschläge des Projektteams schließlich auch zu Herzen. So etwa in folgendem Fall, in dem das Jugendamt wegen des Bruders des ehemaligen
SToP-Klienten noch weiterhin mit der Mutter im Kontakt ist:

RSD1: „Und das kommt auch immer wieder in den Gesprächen mit der Mutter zum Tragen, die da sehr wohl auch immer noch von zehrt. Also die sich da unterstützt gefühlt
hat, die auch wiederholen kann, was ihr damals gesagt worden ist. Ihre Schwierigkeiten, Grenzen einzuhalten, konsequent zu sein, klare Aussagen zu machen, keine Tabletten zu haben und so was alles.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Mit Ratschlägen und Rollenspielen bewegt das Projektteam die Jugendlichen
dazu, delinquente Freundeskreise zu hinterfragen, gewohnte Verhaltensmuster
zu durchbrechen und damit ihre Straffälligkeit zu reduzieren.
Auch bezogen auf ihre Freundeskreise regt das Projektteam die Kinder und Jugendlichen
über aktivierende Fragen und Freundeskreisaufstellungen dazu an, diese aus einer distanzierten Perspektive kritisch zu betrachten.

Zentrale Ergebnisse

PMA2: „Wir regen sie dazu an, Freundschaften nochmal zu hinterfragen und ein neues
Bewusstsein für Freundschaften zu entwickeln. Nochmal zu fragen: ‚Was ist ein guter
Freund. Du warst im Gefängnis. Wie oft hat dich diese Freundesgruppe besucht? Wie oft
haben sie sich dafür interessiert, dass du drin warst? Oder dafür, dass du zu Hause geschlagen wirst?‘“
…
PMA2: „Das heißt, du hast Freunde mit denen du eher Straftaten begehst, mit denen du
deine Zeit kontraproduktiv verbringst, mit denen du eher schädliche Sachen machst.
Dann hast du Freunde mit denen hast du Spaß … Hier merkst du, das schadet dir und
dort merkst du, das macht dir Spaß. Dann kannst du selbst entscheiden, ob du das oder
das machst.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Zudem gibt das Projektteam den Teilnehmenden konkret Hinweise und Anregungen, sich
von delinquenten Freundeskreisen fernzuhalten und sich bewusst denjenigen anzuschließen,
die einen positiven Einfluss auf sie haben.

PMA2: „Vielleicht ist da auch einer in der Gruppe, der sagt: ‚Ach lass mal. Warum macht
ihr denn so was? Ich hab darauf keinen Bock, ich gehe jetzt.‘ Dann schließ dich dem
an.“
…
PMA2: „Oder zu sagen: ‚O.k. die Jungs sind o.k. Ich habe Spaß mit denen, auch wenn
sie Straftaten begehen. Aber meine Mutter sagt, ich soll um zehn zu Hause sein. Dann
bin ich um zehn zu Hause. Und wenn die ab elf Uhr Straftaten begehen, dann ist das
nicht meins.‘“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Auf die Frage, ob sie im Hinblick auf ihren Freundeskreis etwas verändert haben, seit sie bei
dem Projekt waren, geben die befragten Jugendlichen folgende bestätigende Antworten:

T5: „Ja, ich. Viel sogar.“
T3: „Ich auch.“
T5: „Ich war mit Kiffern unterwegs.“
…
T3: „Ja. Ich war mit den falschen Leuten unterwegs. Die haben immer Scheiße gebaut
und so. Da hab ich aufgehört mit denen zu laufen.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Das Projektteam verdeutlicht den Teilnehmenden, dass sie auch in bereits brenzligen Situationen noch Abstand nehmen können und nicht auf Provokationen eingehen müssen.

T3: „Z.B., dass die mir Tipps geben, dass ich nicht so was machen soll, was die anderen
machen. Damit ich nicht drauf reinfalle.“
wU: „Also Tipps für dein Verhalten?“

113

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

114

T3: „Genau, Tipps für mein Verhalten. Damit ich nicht drauf reinfalle. Und damit ich
nicht, z.B. wenn mich einer beleidigt, dass ich das ignorieren kann und so. Nicht so
schnell wütend werde. Und sie haben mir vieles beigebracht. Und wenn ich sehe, jemand macht irgendwas neben mir, z.B. jetzt einer, mit dem ich grade bin, macht irgendwas grade. Haut jemanden oder so. Dann soll ich mich fernhalten von ihm. Oder
wenn er z.B. im Laden ist und irgendwas einsteckt, dann soll ich raus gehen, ohne ihn.“
(Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Den Jugendlichen wird somit vermittelt, dass sie einen eingeschlagenen Pfad auch dann
noch verlassen können, wenn es scheinbar schon zu spät ist. Dass sie immer noch die Entscheidung treffen können, nicht mitzuziehen. Damit eröffnen sich ihnen neue Handlungsoptionen. Das Projektteam belässt es dabei nicht bei verbalen Empfehlungen, sondern greift
auch hier wieder fallangepasst auf verschiedene Methoden zurück, von denen Rollenspiele
hervorzuheben sind. Sie üben alternative Reaktionen mit den Kindern und Jugendlichen ein,
indem sie potenzielle Problemsituationen nachspielen und sie damit dazu befähigen, neue
Handlungsmuster – zunächst im geschützten Rahmen – zu erproben.

T3: „Wir üben das. Wie hier jetzt. Macht /PMA1/ so was vor z.B. ich hab /PMA2/ vorgemacht. Z.B. lag da ein Edding. Danach hat /PMA2/ so getan, als ob er/sie das einsteckt
und da hab ich mich schnell von /PMA2/ ferngehalten und bin rausgegangen aus der
Tür. Damit ich nicht mitgehangen werde.“ (Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Ebenfalls durch Rollenspiele üben die Kinder und Jugendlichen bei SToP ein, dass sie in Situationen, in denen sie sich typischerweise provoziert fühlen und auch Gewalt anwenden würden, ruhig bleiben können.

PMA1: Wir machen Rollenspiele: ‚Stell dir vor, du läufst auf der Straße, ein Typ rempelt
dich an. Wie würdest du reagieren?‘ Ja, ich würd ihn anmachen, anschreien, anspucken,
eine reinhauen … Dann nochmal dieselbe Szene: ‚Du läufst auf der Straße und ein Typ
rempelt dich an.‘ Dann schlüpf ich in seine Rolle … (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in
Fokusgruppe)
Die Mitarbeitenden unterstützen die Jugendlichen dabei, realistische Perspektiven zu entwickeln und Schul- und Ausbildungsabschlüsse (wieder) anzuvisieren.
Die Projektmitarbeitenden unterstützen die Jugendlichen dabei, Zukunftsvisionen, positive
Ziele und gangbare Wege zur Erreichung von Zielen zu entwickeln.

PMA2: „Wir erarbeiten auch positive Ziele. Was wollen sie erreichen? Z.B.: ‚Was willst du
in den nächsten Jahren erreichen, was Schule angeht, was das Privatleben angeht?‘“
…
PMA2: „Das sind z.B. so Sachen, die wir ihnen mit auf den Weg geben. Dass wir nicht
nur vom Hier und Jetzt reden, sondern auch Zukunftsvisionen nahelegen. Z.B. ‚Ich war
auch mal so alt wie du. Ich hatte auch mal so viel Energie und so kochendes Blut wie

Zentrale Ergebnisse

du. Aber irgendwann muss man Stopp sagen.‘“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Auch hier ist es wieder eine wertvolle Ressource, dass die Projektmitarbeitenden auf ihre
eigene Biografie hinweisen und als positives Vorbild dienen. Sie haben ihr Leben selbst in die
Hand genommen und vermitteln den Teilnehmenden, dass sie das auch können.

PMA2: „Wir versuchen den Jugendlichen unsere eigenen Erfahrungen und Biografien zu
verdeutlichen und somit, ein Stück weit, auch eine Vorbildfunktion für sie darzustellen.
Anhand von Beispielen einfacher Alltagsgeschehnisse und alternativen Handlungsmöglichkeiten versuchen wir, ihnen neue Denkmuster nahezulegen.“ (Projektmitarbeiter/mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Sie geben ihnen beispielweise Informationen über mögliche Ausbildungswege zur Verwirklichung beruflicher Ziele. Dabei vermitteln sie ihnen auch, dass die Zielerreichung in kleinen
Schritten gegangen werden muss und dass Veränderungen Zeit in Anspruch nehmen.

T1: „Die haben uns Wege, Ziele gesetzt. Das. Man hat einen Weg. Man hat ein Ziel [die
Stimme zittert]. Das dauert.“
wU: „Was ist jetzt dein Ziel?“
T1: „Mein Ziel?“
wU: „Das sie dir gezeigt haben.“
T1: „Lange her, aber: MSA … und Ausbildung. Ich will doch Sozialpädagoge werden. Ich
muss MSA machen. Studieren. Und Fachabi und so.“
wU: „Das haben die dir erklärt?“
T1: „Davor ja. Ich hab dann auch mitbekommen. Ich hab auch selber recherchiert. Aber
ohne die hätte ich nie gewusst. Ich dachte, man braucht dafür zehn Jahre Studium so.“
(Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Die Anregungen der Mitarbeitenden von SToP haben den zitierten Jugendlichen offenbar
aktiviert, von sich aus zu recherchieren, welche Erfordernisse das von ihm angedachte Berufsbild an ihn stellt. Er scheint überrascht zu sein, dass es weniger schwer erreichbar ist als
er dachte, und hat nun eine Vorstellung davon bekommen, wie der Abschluss absolviert
werden könnte.
Auch bezogen auf den Schulbesuch der Jugendlichen unterstützen die Projektmitarbeitenden
die Jugendlichen, suchen den Kontakt zum Schulpersonal und stärken die Jugendlichen darin, in der Schule zurechtzukommen bzw. eine neue Schule zu finden:

T4: „Also wenn ich Probleme habe, sagen die mir, was ich machen soll oder … was ich
auch machen kann. Und Schule suchen und mit Schule klar zu kommen.“
…

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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T1: „Die waren auch bei uns in der Schule. Die haben auch so Tipps für unsere Schule
genommen und so.“
…
T2: „Zum Beispiel, wenn die mit der Schule geredet haben, haben die gesagt, du sollst
dich ein bisschen verbessern, zum Beispiel. Nachher dann meint /PMA2/ [zum Schulpersonal; Anm. Univation], er ist nicht in das und das gut. Er vorbereitet sich nicht. Wir
wissen, dass du nicht so das und das machst und so. Danach haben sie öfters geredet,
so über Schule und so, damit man was verändern sollte.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Es wird deutlich, dass die Projektmitarbeitenden den Jugendlichen auch die an sie gestellten
schulischen Erfordernisse verdeutlichen und ihnen Hinweise geben, wie sie besser zurechtkommen und schulische Leistungen verbessern können. Gleichzeitig machen sie diesen Prozess, dass die Jugendlichen zu schulischen Veränderungen motiviert werden, auch vor dem
Schulpersonal sichtbar und nehmen damit eine Vermittlerposition zwischen Teilnehmenden
und Schule ein.
SToP fördert das Vertrauen der Jugendlichen zu Einrichtungen im Sozialraum,
indem die Projektmitarbeitenden die Jugendlichen zu den Einrichtungen begleiten und ihnen den Nutzen der Hilfsangebote verdeutlichen.
Die Mitarbeitenden von SToP stärken die Kinder und Jugendlichen darin, das Jugendamt und
weitere Einrichtungen aufzusuchen, indem sie die Jugendlichen an Termine erinnern und sie
bei Bedarf auch zu diesen begleiten. Sie vermitteln ihnen, dass die Kontakte zum Jugendamt
und weiteren Einrichtungen wichtig und gut für sie sind, und klären die Kinder und Jugendlichen über die Aufgaben und Ziele von Einrichtungen und Hilfsangeboten auf.

PMA2: „Der lädt dich nicht ein, um dich zu nerven. Der lädt dich ein, um dich besser
kennenzulernen. Also sei dankbar, dass wir die Jugendgerichtshilfe haben, die dich unterstützen möchte. Und das Jugendamt: Die haben kein Interesse daran, dich und deine
Familie zu nerven. Die haben auch kein Interesse daran, dich in ein Heim zu stecken.
Die haben viel mehr Interesse daran, dass du eigenverantwortlich dein Leben in den
Griff bekommst.“ (Projektteilnehmer/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Das Projektteam zeigt dabei auch Interesse an Verlauf und Ergebnissen der Termine beim
Jugendamt und nimmt damit ein wenig die Rolle von Erziehungsberechtigten ein:

T3: „Die erinnern uns an Termine und so. Die sagen uns: ‚Geht dahin, das ist gut für
euch.‘“
T2: „Die kommen auch mit uns, wenn wir nicht alleine können.“
…

Zentrale Ergebnisse

T1: „Und /PMA1/ hat mich öfters an Termine erinnert. /PMA1/ meinte: ‚Komm.‘ Und danach haben wir auch mit /PMA2/ geredet, wie es abgelaufen ist, die Woche und so. Wie
die Schule läuft und so, einfach so halt.“ (Jugendliche in Gruppendiskussion)
Aus der Perspektive der beauftragenden und kooperierenden Einrichtungen bestätigt der
RSD, dass die Jugendlichen sich durch die Begleitung der Projektmitarbeitenden unterstützt
fühlen, sich mit ihren Anliegen an die Einrichtungen wenden und Unterstützungsangebote
annehmen. Eine besondere Bedeutung misst die befragte Person vom RSD dabei den durch
die engagierte Tätigkeit der SToP-Mitarbeitenden bereicherten Hilfeplankonferenzen bei. In
diesem Setting, unter der Begleitung der Projektmitarbeitenden von SToP, erfahren die Kinder und Jugendlichen eine individuelle Zuwendung, die das Vertrauen in die beteiligten Institutionen und Einrichtungen erhöht.

RSD1: „Ich glaube, dass diese Settings die Kinder und Jugendlichen die Parteilichkeit
spüren lassen. Ich glaube die öffnen sich dann. Auch wenn sie nicht immer gleich alles
machen. Ich erlebe das oft sehr konstruktiv. Und auch sehr nachdenklich. Also man
geht raus und … und auch die Jugendlichen gehen raus und schwingen. Das ist schon
sehr positiv. Das ist eine positive Erfahrung, die sie machen. Und das hat viel damit tun,
wie die SToP-Mitarbeitenden agieren.“
…
RSD1: „Die kommen dann auch mal einfach so. Die kommen dann nicht nur mit der Haltung: ‚Das Jugendamt ist sowieso scheiße.‘ Sondern sie haben ja andere Erfahrungen
gemacht mit dem Jugendamt und daran knüpfen sie an. Das heißt, Hilfeangebote können die jetzt auch anders wahrnehmen. Also nicht alle natürlich, aber … manche.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Über die SToP beauftragenden Einrichtungen hinaus begleiten die Projektmitarbeitenden die
Kinder und Jugendlichen auch zu Terminen bei Einrichtungen, die für weitere Begleitung und
Hilfsangebote vorgesehen sind. So werden Hemmnisse, Ängste und Sorgen abgebaut und
die Kinder und Jugendlichen werden neugierig auf das Angebot.

RSD1: „Manchmal ist es auch so, dass schon Besuche stattgefunden haben in den entsprechenden Einrichtungen. Ob das jetzt teilstationäre Beschulungsangebote sind, wie
z.B. die Jugendmanufaktur, oder eine Schulstation.“
wU: „Das heißt, SToP leitet den Start der Maßnahmen teilweise schon ein?“
RSD1: „Das würde ich so nicht sagen. Aber SToP baut die Hemmnisse ab. Die Ängste,
die Sorgen. Begleitet hin, um neugierig zu machen.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD
in Einzelinterview)

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

118

Indem sie einen ressourcenorientierten Blick auf die Jugendlichen eröffnen und
transparent mit den Jugendlichen kommunizieren, fördert SToP eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Jugendlichen und Jugendamt.
Die Projektmitarbeitenden vermitteln darüber hinaus zwischen den Kindern und Jugendlichen
und den Jugendämtern, indem sie auch vor den Einrichtungen die positiven Seiten der Teilnehmenden sichtbar machen. Auf diese Weise fördern sie eine veränderte Wahrnehmung
den Kindern und Jugendlichen gegenüber und begünstigen damit die Herausbildung einer
vertrauensvollen Beziehung.

T4: „Bei mir war das, … Hier. Ich hatte Probleme mit Jugendamt. Die Frau hat bei mir
gesagt: Ja ähm,… Also die Frau hat nur Schlechtes erwartet von mir. Da meinte ich zum
SToP-Projekt: Ich bin eigentlich nicht so schlecht und so. Sie können auch bei mir in die
Schule kommen und nachfragen, wie ich bin. Und danach sind die bei mir in die Schule
gekommen und haben nachgefragt. Und danach haben die ein gutes … haben einen Bericht gemacht. Und haben an Jugendamt gesendet. Und seitdem hatte ich auch keine
Konflikte mehr mit Jugendamt. Das kam mir grade so plötzlich in den Kopf.“ (Jugendlicher in Gruppendiskussion)
Im Beispiel des Jugendlichen ist es offenbar gelungen, dass die Mitarbeiterin im Jugendamt
eine veränderte Perspektive auf ihn gewonnen hat und dass der Jugendliche sich mehr „gesehen“ und damit auch wohler im Kontakt mit dem Jugendamt gefühlt hat.
Das Projektteam sammelt hierfür systematisch Informationen über die Lebensumstände der
Kinder und Jugendlichen. Diese Informationen werden zum Abschluss in einen Anamnesebericht überführt, mit dem die den Bericht erhaltenden Einrichtungen weiterarbeiten sollen.
Der Anamnesebericht enthält neben einer Zusammenfassung des Betreuungsverlaufs und
der Kontakte zu weiteren relevanten Akteuren im Sozialraum (z.B. soziale Dienstleister) auch
eine ausführliche Ressourcen- und Defizitanalyse der Teilnehmenden (mit den Unterpunkten
Familiensituation, Schulsituation, Sozialverhalten, Delinquenz, Freizeitverhalten und Gesundheit) sowie Empfehlungen zu Maßnahmen und Hilfen, die im Anschluss an die Betreuung
sinnvoll sind. Die Berichte werden u.a. gestützt mit Genogrammen, Soziogrammen und den
19
Befunden von ggf. eingeleiteten medizinischen Screenings. Die Empfehlungen beziehen
sich beispielweise auf den Besuch einer Schulstation, das Einsetzen einer Familienhilfe oder
die Einleitung einer Entgiftungstherapie in einer Betreuungseinrichtung. Die in Einzelinterviews befragten Kooperationspartner bewerten den Bericht insgesamt als sehr fundiert und
informativ. Die befragte Person vom RSD bestätigt auch klar, dass sie damit dazu befähigt
wird, der Familie passgenauere Hilfen anzubieten:

19

SToP veranlasst bei vielen der betreuten Personen die Teilnahme an diagnostischen Verfahren in Kliniken, um
beispielweise den Konsum von Rauschmitteln, die emotionale Intelligenz der Jugendlichen, mögliche Entwicklungsverzögerungen etc. festzustellen.

Zentrale Ergebnisse

RSD1: „[SToP ist; Anm. Univation] ein Team von Menschen, die das Umfeld von Jugendlichen erfasst und Zusammenhänge zwischen Familie, Freundschaft und sozialer
Umgebung herstellt und sehr nah an dieses System rangeht. Und mir zur Information
verhilft, damit ich die Familie besser einschätzen kann oder der Familie ein besseres Hilfeangebot unterbreiten kann. Eine sehr kompetente Unterstützung.“
…
RSD1: „Die Empfehlungen sind immer ein Denkanstoß. Sie werden immer in die Abschlussbesprechungen aufgenommen und es wird auch versucht, sie umzusetzen.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Die Kinder und Jugendlichen wissen, dass SToP im engen Austausch mit den anderen Einrichtungen (RSD, Jugendgerichtshilfe) steht und dass dieser Austausch in ihrem Sinne stattfindet. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Transparenz der SToP-Mitarbeitenden:

RSD1: „Die Berichte sind vorbesprochen. Die Jugendlichen wissen, was man von ihnen
denkt. Fühlen sich nicht hintergangen und das spiegeln die einem auch. Die sind dann
einfach offener [lacht].“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Diese Erfahrung ermöglicht es den Jugendlichen, sich den Einrichtungen gegenüber zu öffnen, weil sie ein erhöhtes Vertrauen haben, dass die Einrichtungen sie durch die Kommunikation mit SToP auch in einem positiveren Licht sehen. Die befragten Kooperationspartner
bestätigen, dass sie infolge der Zusammenarbeit mit SToP einen Zugewinn von Vertrauen
der Kinder und Jugendlichen zu ihnen wahrnehmen.

JGH1: „Sie haben sicherlich ein anderes Vertrauen zu mir. Das liegt auch daran, dass
man im Laufe der Zeit mehr Kontakt hatte und daran, dass es einen ständigen Informationsaustausch gibt. Indem sie wissen, dass /Name JGH1/ von der Jugendgerichtshilfe
informiert ist gibt es eine gewisse Vertrautheit. Das merkt man schon, dass Leute, die
bei SToP betreut werden, auch im Kontakt mit mir offener sind.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Die Mitarbeitenden der Jugendgerichtshilfe arbeiten weniger unmittelbar mit den Empfehlungen weiter, als die des RSD. Dies liegt zum einen daran, dass die Jugendgerichtshilfe
nach Abschluss der Gerichtsverfahren selbst nicht mit den Kindern und Jugendlichen weiterarbeitet, zumindest nicht so weit, dass sie weitergehende Maßnahmen einleiten – dies liegt
(überwiegend) im Zuständigkeitsbereich des RSD. Eine befragte Person der Jugendgerichtshilfe bestätigt allerdings, dass die Anamneseberichte zur Weiterarbeit an die Fallzuständigen
der RSD weitergegeben werden und von diesen als sehr nützlich bewertet werden.

JGH1: „Wir können es weiterleiten. Manchmal können wir es auch selbst umsetzen. Wir
können das an den Regionalen Sozialpädagogischen Dienst geben oder an andere Fachgruppen bei uns im Haus.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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Die Eltern der Kinder und Jugendlichen finden in SToP zuverlässige Ansprechpartner, Unterstützung für sich und ihre Kinder und fühlen sich dadurch entlastet.
SToP bezieht auch die Eltern der betroffenen Kinder und Jugendlichen mit ein. Während die
Jugendgerichtshilfe die Familie lediglich als System im Blick hat, welches ggf. Einfluss auf
das Verhalten des betreffenden Jugendlichen hat und damit eine wichtige Rahmenbedingung
darstellt, versucht SToP gezielt, Veränderungen in diesem System zu veranlassen und Ressourcen zu stärken. Die befragten Personen von der Jugendgerichtshilfe betonen diese Unterscheidung zwischen ihrer Arbeitsweise und der Arbeit von SToP:

JGH1: „Eigentlich sitzen die [Eltern; Anm. Univation] immer mit dabei. In der Regel
bleibt es dabei aber auch. Da kommt dann häufig so eine peinliche Betroffenheit. Aber
ich gehe nicht weiter auf das inkonsequente Erziehungsverhalten der Eltern ein. Das
passiert dann über SToP. Wenn die merken, da gibt es Unstimmigkeiten, z.B. ein wenig
respektabler Umgang mit Eltern oder fehlende Grenzsetzung. Da intervenieren die.“
(Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Der interviewte Vater macht dazu passend deutlich, dass er sich sehr um das Wohlergehen
seines Kindes sorgt und dass er verunsichert ist, was für sein Kind gut und richtig ist. Ähnlich
wie in ihrer Herangehensweise an die Kinder und Jugendlichen, treten die Projektmitarbeitenden auch den Eltern relativ unvoreingenommen gegenüber und interessieren sich auch
für deren Begleitumstände.

E: „Das Jugendamt macht zu viel Druck. In einer Weise kann man das verstehen, aber
/Stadtteil/ ist auch ein Problemkiez. Man muss das Problem auch im Kern suchen. Wo
entstand das Problem? Wie ist es gelaufen? Und man versteht nicht die andere Seite.
Man muss immer auch beide Seiten verstehen.“ (Vater in Einzelinterview)
Bei dem Projekt SToP hat der interviewte Vater nun das Gefühl, einen verlässlichen Ansprechpartner gefunden zu haben, der beide Seiten in den Blick nimmt und der weiterhilft,
wenn er nicht mehr weiter weiß und Ratschläge braucht:

E: „Und /PMA/ ist eine ganz nette Person, mit der man reden kann. Und SToP ist besonders engagiert, zu helfen und mitzumachen, und das finde ich gut. Wenn einem irgendwo geholfen wird und man mitmacht und … sich ausreden kann. Das ist gut.“
wU: „Bei was hilft /PMA/?“
E: „Bei Problemen. Vielleicht kann /PMA/ eine Information geben, eine Beratung, einen
Tipp. Das ist immer gut. Weil wir brauchen alle im Leben manchmal einen Tipp.“
…
E: „/PMA/ hat mir gesagt: Egal, ob ich ein Problem hab oder irgendwas, dass ich vorbeikommen kann. /PMA/ hilft.“ (Vater in Einzelinterview)

Zentrale Ergebnisse

Für den Fall, dass die Eltern Beratungsbedarf haben, der über die Möglichkeiten des Projekts
hinausgeht, vermitteln die Projektmitarbeitenden sie an andere Hilfesysteme weiter. In einem Fall wurde beispielweise deutlich, dass die Mutter eines Teilnehmenden selber therapeutischen Bedarf hat.

PMA1: „Ich hab erst mal mit der Mutter gesprochen. Mich hat in erster Linie die Biographie der Mutter interessiert. Unter welchen Umständen hat sie in ihrer Kindheit gelebt,
wie hat sie ihren Ehemann kennengelernt usw. Dann Thema Erziehung: Also unter welchen Voraussetzungen wird der Junge hier erzogen? Denn das Gespräch hat ergeben,
dass wir es hier mit einer stark traumatisierten Mutter zu tun haben. In erster Linie
musste ich klarstellen, dass ich nicht die adäquate Ausbildung habe, ihr bei der Verarbeitung ihres Traumas zu helfen. Dann habe ich die Mutter an eine türkische Psychologin/Traumatologin weitergeleitet. Damit sie ihr eigenes Problem erst mal verarbeitet.“
(Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Das wichtigste Anliegen des interviewten Vater ist, dass seinem Sohn geholfen wird, dass
dieser Unterstützung erfährt und damit auch er als Vater entlastet ist. Er ist immer gut informiert über die Betreuung seines Sohnes bei SToP, nimmt positive Veränderungen bei ihm
wahr und dies verschafft ihm Erleichterung.

E: „Er hat sich verändert. Ja. Ich hab gesehen: Er kam immer pünktlich, zuverlässig. Es
hat sich vieles verändert. Er hat mitgearbeitet. Und er weiß, dass das verboten ist, das
und so. Und das ging nicht von heute auf morgen. Ich hab das gemerkt langsam, langsam. Dass es ihm auch gut geht und mir auch.“
…
E: „Mir geht’s besser, weil ich diese Sorgen nicht mehr hatte, dass ich mir immer Sorgen
mache.“ (Vater in Einzelinterview)
Wie bei den Kindern und Jugendlichen, befördert die offene, parteiliche und transparente
Arbeit auch bei den Eltern, dass diese ihre Kinder gerne SToP anvertrauen.
Auch eine der befragten Personen der Jugendgerichtshilfe bemerkt, dass SToP einen intensiveren Kontakt zu den Familien hält und parteilicher agieren kann.

JGH1: „Da ist natürlich in der direkten Betreuungsarbeit durch SToP mehr Zeit. Vielleicht
auch aufgrund dessen, dass man muttersprachlich miteinander kommuniziert, dass man
andere Parteilichkeiten hat. Die merken ja auch, dass SToP im Rahmen seiner Netzwerkarbeit das gegeneinander Ausspielen ausschließt. Daraus entsteht denke ich auf jeden Fall ein größeres Vertrauen der Eltern.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der JGH in Einzelinterview)

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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Abbildung 4: Wirkmodell von SToP

Zentrale Ergebnisse

Im idealtypischen Fall gelingt es durch den Handlungsansatz von SToP, durch die Schaffung
einer einladenden Atmosphäre und durch intensive Beziehungsarbeit, einen Zugang zu den
Kindern und Jugendlichen zu erhalten. Die Projektmitarbeitenden haben einen Zugang zur
Lebenswelt der Teilnehmenden und bieten sich als authentische und zugewandte Vertrauenspersonen an. Dadurch, dass die Projektmitarbeitenden überparteilich agieren, den Teilnehmenden gegenüber nicht verurteilend auftreten und ihnen einen Neuanfang in Aussicht
stellen, gewinnen die Kinder und Jugendlichen Vertrauen und lassen sich auf die systemisch
angelegte Arbeit ein. Über zugewandte, konfrontative Einzelgespräche und Familien- und
Freundeskreisaufstellungen werden die Teilnehmenden zur Reflexion ihrer Situation angeregt, sowie dazu, in Familien- und Freundeskreis an positive Einflüsse anzudocken. Sie reflektieren außerdem die Konsequenzen ihrer Straffälligkeit, erproben in Rollenspielen neue
Verhaltensweisen und werden bei der Erarbeitung positiver Ziele unterstützt. Zugleich werden sie für einen konstruktiven Umgang mit staatlichen und weiteren Einrichtungen im Sozialraum gestärkt. Dies gelingt, indem das Projektteam den Kindern und Jugendlichen den
Nutzen der Einrichtungen verdeutlicht und auch bei den Einrichtungen einen ressourcenorientierten Blick auf die Kinder und Jugendlichen eröffnet.
Die hier ausformulierten Wirkzusammenhänge beziehen sich auf die Hauptzielgruppe der
Kinder und Jugendlichen, die über den RSD bzw. die Jugendgerichtshilfe an SToP angebunden werden, da diese der Bezugspunkt in den zugehörigen Datenerhebungen waren. Die
Einbeziehung der Familien geschieht flankierend zur Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen als Aktivierung der Umgebung, so dass die Jugendlichen dort Orientierung und Halt
finden. Aufgrund der geringeren Datenlage (Einzelinterview mit einem Vater) kann die Elternarbeit nicht hinreichend abgesichert in einem eigenen Wirkmodell dargestellt werden.
Eine Einschätzung dazu, inwieweit das Wirkmodell auch auf die Zielgruppe der unbegleiteten
minderjährigen Flüchtlinge übertragbar ist, befindet sich im Kapitel „Förderliche und hinderliche Faktoren“.

Impacts20
SToP initiiert bei jedem betreuten Kind oder Jugendlichen in Abstimmung mit den fallzuständigen Jugendamtsmitarbeitenden professions- und institutionenübergreifende Fallberatungen. Diese dienen dem Austausch von Informationen, Absprachen zu Verantwortlichkeiten
und der Entwicklung abgestimmter Handlungspläne. So fanden in 2012 bei 26 Klienten 32
professionsübergreifende Fallbesprechungen statt, in 2013 waren es bei 36 Klienten insge-

20

„Impacts“ bezeichnen Resultate, die über die bei Zielgruppen auftretenden Outcomes hinausgehen. Sie treten als
Merkmale sozialer Systeme auf, z.B. einer Organisation, eines Sozial- oder Bildungsraums, eines Bundeslandes/Kantons oder z.B. eines Weiterbildungssystems. (vgl. Univation – Institut für Evaluation: Impacts (eines Programms). In: Eval-Wiki: Glossar der Evaluation [http://eval-wiki.org/glossar/Impacts_% 28eines_Programms%29].
Stand der Begriffsdefinition: 23.07.2012).

123

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

124

samt 147 professionsübergreifende Fallbesprechungen (vgl. NTH Berlin gGmbH 2013, 14ff.;
vgl. NTH Berlin gGmbH 2014b, 15). Beteiligt waren Vertretende aus Schulen, Polizei, Jugendamt, Justiz und Fachdiagnostischen Diensten. Das Projekt zeigt sich bei der Vernetzungsarbeit zwischen den relevanten Akteuren als sehr kommunikationsstark und trägt dazu
bei, dass die Beteiligten zu einer tragfähigen Kooperation bewegt werden.

RSD1: „Was SToP auch hervorragend macht, das ist die Vernetzung unter den bestehenden Projekten. Manchmal ist in einer Familie ja ganz viel los. Von Ärzten, Polizei,
JGH, Jugendgesundheitsdienst, Therapeuten, Schulstation usw. Die werden auch kontaktiert.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
JGH2: „Ich denke, SToP hat den Vorteil, dass sie eine sehr starke Netzwerkarbeit machen. Das kann man wirklich so sagen. Die sagen überall: ‚Hallo, hier bin ich und hier
bin ich.‘“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)

Grenzen der Wirksamkeit
Es gelingt dem Projektteam, eine vertrauensvolle Beziehung zu den Teilnehmenden aufzubauen, ihnen Stabilität zu geben, sie dann zum Überdenken ihres Verhaltens anzuregen und
sie für Veränderungen zu motivieren. Die befragten Mitarbeitenden der Jugendgerichtshilfe
konstatieren jedoch, dass viele der Kinder und Jugendlichen die zunächst positiv eingeschlagene Entwicklung nicht langfristig durchhalten.

JGH2: „Ideal wäre natürlich, wenn man sie nie wiedersehen würde. Aber das trifft leider
in den wenigsten Fällen zu … Und es gibt leider auch einige, die dann eine Zeit lang einen positiven Verlauf hatten. Die halten es aber auch nicht unbedingt durch. Da gibt’s
dann hin und wieder einen Ausrutscher. Mitunter bekommen dann einige – wenn auch
mit Verzögerung – doch freiheitsentziehende Maßnahmen oder ähnliches.“
…
JGH2: „Also kurzfristig sind [die Jugendlichen; Anm. Univation] erfolgreich, aber es fällt
ihnen einfach schwer, diese Entwicklung durchzuhalten. Viele Sachen werden auf den
Weg gebracht. Aber irgendwann schaffen sie es nicht, durchzuhalten.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Auch einer der befragten Jugendlichen bemerkt, dass das langfristige Einschlagen einer
straffreien Laufbahn („gerader Weg“) nicht so einfach durchzuhalten ist, wie er es zunächst
nach Projektende eingeschätzt hat.

wU: „Wie war es für euch, als das Projekt vorbei war?“
T4: „Herrlich [jemand lacht]! Sehr schön.“
wU: „Es war herrlich?“

Zentrale Ergebnisse

T4: „Ja, weil ich wusste ja, ich gehe jetzt den graden Weg. Also ich brauche keine Hilfe
mehr.“
wU: „O.k.“
T4: „Leider falsch gedacht.“
Das Ziel, dass die Kinder und Jugendlichen Fähigkeiten entwickeln, durch welche sie langfristig Entwicklungs- und Alltagsprobleme überwinden können, kann damit im Rahmen der
Kurzzeitintervention nur eingeschränkt erreicht werden, auch wenn sich in Ansätzen Bestätigungen dafür finden, dass sie ein erweitertes Handlungsrepertoire vermittelt bekommen
haben.
Zudem wird erkennbar, dass sich nicht alle im Anamnesebericht enthaltenen Empfehlungen
umsetzen lassen. Aus der Sicht der Kooperationspartner schränkt dies aber nicht die Qualität
der Empfehlungen ein, sondern hängt mit weiteren Faktoren zusammen, allen voran der
Bereitschaft der Familien zur Mitarbeit.

wU: „Und an welcher Stelle hat das nicht funktioniert [Umsetzung der Empfehlungen
aus dem Anamnesebericht; Anm. Univation]?“
JGH2: „Ganz ehrlich, wenn die Mütter nicht mitgemacht haben. Oder wenn die Familiensysteme so waren … Wenn die Familiensysteme nicht nachgehakt haben, sondern in die
alten Strukturen verfallen sind.“ (Kooperationspartner in Einzelinterview)
An der Schnittstelle, an der Informationen von der Jugendgerichtshilfe an den RSD weitergetragen werden (sollten), wird erkennbar, dass die Weitergabe des Anamneseberichts nicht
geklärt ist. Eine befragte Person von der Jugendgerichtshilfe äußert, dass sie den Anamnesebericht aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht an die Fallzuständigen des RSD weiterleitet und somit nicht mit den Empfehlungen weitergearbeitet wird. Hieran wird deutlich,
dass es Unsicherheiten dazu gibt, wie mit den gesammelten Informationen weitergearbeitet
werden kann und darf.

125

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

126

Förderliche und hinderliche Faktoren
Die förderlichen und hinderlichen Faktoren werden – analog zu den Umsetzungsbedingungen im Ergebnisteil – entlang der Programmbaumkategorien aufgeführt. Die im Folgenden
aufgeführten Bedingungen entstammen größtenteils der Fokusgruppe mit dem Projektteam.
Herangezogen werden aber auch Hinweise aus den anderen Datenerhebungen, insbesondere aus der entsprechenden gemeinsamen Reflexion im Rahmen des Auswertungsworkshops
unter Teilnahme der Mitarbeitenden von SToP sowie der Geschäftsführerin der NTH gGmbH.
Zu den Kontextbedingungen, die für die Erreichung der Projektziele und für die Übertragbarkeit des Projekts wesentlich sind, zählt das Vorhandensein von alternativen tagesstrukturierenden Angeboten für Kinder und Jugendliche, die nicht auf einer Regelschule beschulbar
sind. Hinderlich ist es aus Sicht des Projektteams, wenn das Prozedere zur Suche eines solchen Angebots sowie anschließend zur Aufnahme in ein solches Angebot langwierig ist und
der Erfolg der Bemühungen über einen längeren Zeitraum hinweg ungewiss bleibt. Auch die
an vielen Schulen gängige Sanktionspraxis (Ausschluss von Klassenausflügen, temporärer
Schulausschluss, Schulverweis) ist nach Einschätzung des Projektteams hinderlich für das
Erreichen der Projektziele. In der Zeit, in der schulpflichtige Kinder und Jugendliche nicht zur
Schule gehen, können sich deviante und delinquente Verhaltensweisen verfestigen, die Wiedereinbindung in entsprechende Strukturen nach einer solchen Auszeit fällt ihnen schwer.
Als hinderlich für den Projekterfolg wird auch ein allgemeines gesellschaftliches Klima betrachtet, in dem den betroffenen Kindern und Jugendlichen wenig Empathie entgegengebracht wird und in dem kein Konsens über den richtigen Ansatz in der Herangehensweise bei
der Arbeit mit delinquenten Kindern und Jugendlichen herrscht.

PMA2: „In der Arbeit mit den Klienten/Sorgeberechtigten ist aufgrund der verfestigten
kriminellen Tendenzen eine extrem intensive, zeitaufwendige, kulturempathischpädagogische Herangehensweise vonnöten. Auf strukturell-administrativer Ebene offenbart sich, dass die beteiligten Instanzen bereits seit Jahren das Problem unterschätzen.“
(Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Was die eingesetzten Ressourcen und damit die Inputs betrifft, die für die Übertragbarkeit
wirkfähiger Aktivitäten entscheidend sind, so ist die Qualifikation der Projektmitarbeitenden
hervorzuheben. Die notwendige Nähe zu den Kindern und Jugendlichen kann durch Verständnis und Sensibilität für den kulturellen und u. U. religiösen Background und durch
Sprachkenntnisse hergestellt werden. Neben dem Fachwissen und den Methodenkenntnissen, die im Rahmen eines Studiums der Sozialpädagogik oder der Sozialen Arbeit vermittelt
werden, verfügt das Projektteam auch über praktische Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Besonders hervorgehoben werden von Seiten der Kooperationspartner sowie des Projekts auch soziale Kompetenzen, die für den Einsatz unerlässlich
sind. Dazu zählen Beziehungsfähigkeit, ein selbstbewusstes Auftreten sowie die Fähigkeit,

Förderliche und hinderliche Faktoren

durch Charisma zu begeistern und zu motivieren. Analytische Fähigkeiten helfen den Projektmitarbeitenden aus Beobachtungen zu Defiziten, Ressourcen und Bedarfen der Kinder
und Jugendlichen auf die individuell angemessene Ansprache und auf das angemessene
Vorgehen zu schließen.

JGH1: „Dazu kommt natürlich dass die Kollegen, also /PMA1/ und /PMA2/ inzwischen
über einen reichen Erfahrungsschatz verfügen und auf Grundlage eines guten pädagogischen oder psychologischen Blicks oder interkultureller Kompetenzen relativ schnell erkennen, was los ist. Ich glaube, dieses Moment des interkulturellen Wissens ist einfach
wichtig. Dass man andere Kulturen, andere Ethnien und andere Lebenswelten auch
kennt und sich da besser einfühlen kann und dann besser beurteilen kann was geht und
was geht nicht. Oder einfach ein Wissen über Religion oder über familiäre Zusammenhänge in der türkischen und der arabischen Community. Das ist einfach unverzichtbar.“
(Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Was den Personaleinsatz betrifft, so hat sich die Arbeit in Co-Teams für das Projekt als besonders hilfreich erwiesen. Damit können individuelle Stärken und Schwächen in der jeweils
fallspezifischen Herangehensweise ausgeglichen werden. Darüber hinaus ermöglicht die
Zweierbesetzung die Anwendung bestimmter Methoden wie z.B. ein Vorgehen nach der Strategie ‚good cop - bad cop‘.
Eine weitere Inputbedingung, die sowohl von den Kooperationspartnern als auch vom Projektteam als förderlich bewertet wird, ist die relativ kurze Betreuungsdauer von drei bis
sechs Monaten. Damit wird ausgeschlossen, dass sowohl bei den Kindern und Jugendlichen
und den Familien als auch bei den Jugendämtern falsche Erwartungen geweckt werden. Die
Kürze der Betreuungsdauer ist u.a. Ausdruck dafür, dass der Schwerpunkt des Projekts auf
dem Clearing bzw. der sozialpädagogischen Diagnose liegen soll.

RSD1: „Es ist schon gut, dass es eine Begrenzung hat. Weil wir dann alle wissen, dass
es sozusagen eine Erfassung ist. Es ist ja keine Hilfeführung über einen langen Zeitraum, sondern es ist das Anstoßen, Erfassen, aber auch das Abholen und das Sondieren
der Situation, was eine hohe Empathie bei den Jugendlichen auslöst. Ich glaube da wird
nicht viel versprochen.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
PMA2: „Das Angebot des SToP-Projektes ist keine HzE-Maßnahme im klassischen Sinne,
sprich Einzelfall-, Familienhilfe. Um etwaige Missverständnisse oder Doppelbetreuungsszenarien zu vermeiden, wurde unsere Betreuungszeit in Absprache mit der Senatsverwaltung auf drei bis vier Monate reduziert.“ (Projektmitarbeiter/-mitarbeiterin in Fokusgruppe)
Aus Sicht der SToP beauftragenden Einrichtungen ist es als sehr förderlich zu bewerten,
dass das Projekt mit geringen bürokratischen Hürden beauftragt werden kann. So gelingt
nach der Entscheidung zur Beauftragung von SToP eine zügige Anbindung der Teilnehmen-

127

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

128

den an das Projekt. Aktuell ist diese Flexibilität im Zusammenhang mit der Zuwendungsfinanzierung durch die Senatsverwaltung gegeben.

JGH1: „Das Schöne ist, es sind keine aufwendigen Antragsverfahren und keine großen
bürokratischen Hürden. Man kann relativ schnell auf dieses Projekt zugreifen und es beauftragen. Das ist ein absolutes Plus.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe
in Einzelinterview)
RSD1: „Es ist ein Modellprojekt. Es kostet das Jugendamt nichts. Und das so frei so einsetzen zu können und so hochwertige Berichte zu bekommen, das ist einfach super.“
(Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Hinsichtlich der Kooperationsbeziehungen (Struktur) ist die enge Zusammenarbeit zwischen
SToP und den beauftragenden Einrichtungen von zentraler Bedeutung für das Erreichen der
Projektziele. Das Zustandekommen einer solchen Kooperationsbeziehung kann durch die
proaktive Vorstellung des Projekts und seines Angebots bei potenziellen Auftraggebenden
befördert werden.

RSD1: „Das SToP-Projekt hat sich bei uns im Team vorgestellt. Das war sehr gut. Infolgedessen haben wir angefangen, mit dem SToP-Projekt zu arbeiten. Damals saß die
JGH noch hier bei uns und die waren auch sehr angetan. Aber eigentlich kam das nicht
durch die JGH zustande sondern durch die Werbung, bzw. durch die Vorstellung im
Team und dann durch die ganz konkreten Arbeitserfahrungen.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Weiter spielt das Vertrauen der beauftragenden Einrichtungen in die professionellen Fähigkeiten der Projektmitarbeitenden und in die Seriosität des Trägers eine große Rolle für die
gelungene Zusammenarbeit. Die Arbeit mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen wird
von ihnen als sehr voraussetzungsvoll beschrieben. Nur wenn das entsprechende Vertrauen
in die pädagogischen, methodischen und sozialen Kompetenzen der Projektmitarbeitenden
vorhanden ist, vermitteln sie Kinder und Jugendliche, bei denen multiple Probleme vermutet
werden, an das Projekt. Im Laufe der Betreuung wird das Vertrauen zwischen den Kooperationspartnern durch eine unkomplizierte und offensive Informationspolitik und eine hohe
Transparenz im Vorgehen durch das Projekt gestärkt.

wU: „Was gefällt Ihnen an der Kooperation mit SToP besonders gut?“
RSD1: „Dass sie so nahe an den Jugendlichen dran sind. Dass es mindestens zwei Personen sind, wenn nicht drei manchmal. Also dass das System funktioniert. Dass es
hochkompetente Leute sind. Dass es Mehrsprachigkeit dort gibt und dass ich immer gut
gebrieft bin. Ich bekomme immer die Berichte. Sie sind total verlässlich in ihrer Arbeit.
Ich arbeite total gerne mit denen.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
JGH2: „Ich bin gut informiert über die Betreuer. In welcher Situation [die Kinder und
Jugendlichen; Anm. Univation] sich aktuell befinden. Und welche Situationen zu klären

Förderliche und hinderliche Faktoren

sind … Und dass man ziemlich schnell eine Rückmeldung kriegt, zumindest telefonisch.
Dass man auf dem Laufenden gehalten wird, ohne dass das schriftlich fixiert ist.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Einzelinterview)
Als eher hinderlich für die Zusammenarbeit hat es sich erwiesen, wenn, wie im Fall der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, keine direkte Kommunikation zwischen dem Fachpersonal, das direkt mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt steht (Mitarbeitende der
EAC), und dem Projekt SToP stattfindet. So wünscht sich die befragte Person aus der EAC
regelmäßige Rückmeldungen über den aktuellen Stand der Betreuung, während SToP in
erster Linie dem entsprechenden Team in der Senatsverwaltung gegenüber informationspflichtig ist, da die Senatsverwaltung den Auftrag zur Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen erteilt.
Der Erfolg und die Nachhaltigkeit der Projektarbeit werden befördert, wenn bei den beauftragenden Einrichtungen klar geregelt ist, wie mit dem Anamnesebericht weitergearbeitet
wird. Hier ging aus den Einzelinterviews hervor, dass die Verfahren zur Weiterarbeit mit den
Berichten noch nicht ganz abgestimmt sind.
Neben den Kooperationsbeziehungen ist es für eine gelingende Umsetzung der Projektkonzeption unerlässlich, umfassend mit sozialen Dienstleistern und Einrichtungen vor Ort vernetzt zu sein. Nur so lassen sich Maßnahmen rasch einleiten und können Hilfekonferenzen
mit mehreren Teilnehmenden organisiert werden. Im Gegenzug wird es als hinderlich beschrieben, wenn aufgrund von mangelnder Bereitschaft bzw. aufgrund von mangelnden
Ressourcen von Seiten der Akteure im Sozialraum (insbesondere Schule) keine Bereitschaft
zur Zusammenarbeit besteht.
Mit Blick auf die Zielgruppe (Incomes) der Kinder und Jugendlichen lassen sich als zentrale
gemeinsame Merkmale die polizeiliche Erfassung als Schwellentäter bzw. als Kiezorientierte
Mehrfachtäter, ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen sowie multiple Probleme in den Bereichen Elternhaus, Schule und Freundeskreis benennen. In der
ursprünglichen Projektkonzeption wurden eine recht enge Eingrenzung auf eine Altersspanne
von 13 bis 15 Jahren sowie eine Schwerpunktlegung auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund vorgenommen (vgl. Treberhilfe Berlin gGmbH 2008, 18). Aus Sicht des Projektteams hat es sich als förderlich erwiesen, dass diese Beschränkungen im Jahr 2012 in
Abstimmung mit dem Fachreferat in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft aufgehoben wurden. Da SToP im Rahmen der sozialpädagogischen Anamnese bzw.
im Rahmen des Clearings sowie in der Einzelfall-, Familien- und Gemeinwesenarbeit sowohl
migrationsspezifische als auch generell vorhandene Probleme und Ressourcen berücksichtigt, können sowohl Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund von einer
Projektteilnahme profitieren.
Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen oder seelischen Störungen
kann allerdings nicht adäquat geleistet werden, da es sich bei SToP um ein befristetes Projekt ohne therapeutischen Charakter handelt. Aufgrund von Erlebnissen, die im Zusammen-

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130

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

hang mit ihrer Flucht aus dem Heimatland stehen, liegen insbesondere bei unbegleiteten
minderjährigen Flüchtlingen relativ häufig derartige Traumatisierungen vor.
Im Hinblick auf die von SToP betreuten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge lässt sich
zur Übertragbarkeit des im Wirkmodell herausgearbeiteten Projektansatzes Folgendes konstatieren: Die Herangehensweise an die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist insofern
ähnlich, als dass die Projektmitarbeitenden sich auch ihnen als zugewandte Gesprächspartner anbieten, die in ihrem Sinne vermitteln, sie zu Hilfeplankonferenzen begleiten und
sie dazu motivieren, positive Zukunftsvisionen zu entwickeln und von Straftaten Abstand zu
nehmen. Bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die über Strukturen organisierter Kriminalität nach Deutschland kommen, lässt sich nach Einschätzung des Projektteams
sowie auch einer befragten Person des RSD wenig bewirken. Es ist demnach hinderlich für
den Projekterfolg, wenn die Teilnehmenden mit einem bestimmten Auftrag (z.B. Hehlerei)
gezielt nach Deutschland eingeschleust wurden und gar keine langfristige Perspektive in
Deutschland anstreben. In solchen Fällen ist es nur in Einzelfällen möglich, die Kinder und
Jugendlichen zum Erlernen der deutschen Sprache, zum Schulbesuch oder zur Wahrnehmung von Freizeitangeboten zu motivieren. Der Großteil der in 2012 und 2013 von SToP
betreuten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge hat Deutschland inzwischen wieder verlassen, ist untergetaucht oder in Haft. Neben diesem ernüchternden Befund stellen das Projektteam und eine interviewte Person des RSD jedoch auch im Hinblick auf die Arbeit mit
unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen vereinzelt positive Veränderungen fest.

RSD2: „Die erzählen, das macht Spaß, die machen auch mal nachmittags was Besonderes, oder da ist einfach jemand da, mit dem man mal chillen kann, quatschen und sein
Herz ausschütten, ohne dass es gleich weiß ich wie breit getragen wird … Die Jugendlichen, wenn die dort wirklich angekommen sind, die gewinnen an Selbstbewusstsein, die
sind sicher im Umgang mit anderen, haben einen ganz anderen Zugang, einen ganz anderen Kontakt zu anderen Jugendlichen und sind wesentlich offener, hilfsbereiter.“ (Mitarbeiter/Mitarbeiterin des RSD in Einzelinterview)
Auch für die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge ist es – sofern sie eine langfristige
Perspektive in Deutschland anstreben – stabilisierend, sich jemandem anzuvertrauen, eine
Vermittlung zwischen den Instanzen zu erfahren und Ideen für positive Ziele zu entwickeln.

Schlussfolgerungen

Schlussfolgerungen
SToP unterstützt Kinder und Jugendliche, die mehrfach durch delinquentes Verhalten in Erscheinung getreten sind, dabei, einen Zugang zu staatlichen und weiteren Einrichtungen im
Sozialraum zu finden. Damit soll ein Grundstein dafür gelegt werden, dass sie langfristig
sozial integriert sind und (leichter) straffrei bleiben können. Die Projektmitarbeitenden eruieren für jeden Einzelfall, welche Risikofaktoren zur Herausbildung delinquenten Verhaltens
bisher gewirkt haben (z.B. pathologische Ursachen, Substanzmissbrauch, Vernachlässigung
durch die Eltern, Exklusionserfahrungen, geringe Lernmotivation, delinquente Freundeskreise) und wo sich bei den Jugendlichen Ansätze für Schutzfaktoren finden lassen, die es zu
stärken gilt (z.B. stabile emotionale Beziehungen zu Bezugspersonen, Wertesysteme). Durch
eine lösungsorientierte, systemische Herangehensweise, in der Einzelfall-, Familien- und
Gemeinwesenarbeit miteinander verbunden werden, erfahren die Teilnehmenden und ihre
Familien eine Stärkung und Aktivierung vorhandener Ressourcen. Sie werden befähigt, konstruktiv mit staatlichen und weiteren Einrichtungen im Sozialraum zusammenzuarbeiten. Die
grundlegende Annahme von SToP ist, dass Delinquenz ein Symptom komplexer Problemlagen ist, die sich aus dem „Versagen“ der Sozialisationsinstanzen und einem unzureichenden
Zugang zu Hilfe- und Unterstützungsangeboten herausbilden.
SToP hat dabei einen Clearingauftrag und sammelt während der Projektarbeit systematisch
Informationen zu den Kindern und Jugendlichen und stellt diese den Fallzuständigen im Jugendamt zur Verfügung, um bedarfsgerechte Hilfen durch das Jugendamt zu erleichtern.
Im Folgenden wird zusammengefasst dargestellt, welche Wirkungen sich durch das Projekt
erzielen lassen und welche Handlungsansätze sich aus den verschiedenen in die Evaluation
einbezogenen Perspektiven (Projektteam, SToP beauftragende Einrichtungen, Jugendliche,
Eltern) als wirkfähig bestätigen ließen:
Es gelingt SToP, die Kinder und Jugendlichen zur Mitarbeit zu gewinnen und dass diese sich
auf das Projekt einlassen. Das Projektteam stellt den Kindern und Jugendlichen die Teilnahme zunächst frei und zwingt ihnen die Mitarbeit nicht auf. Zudem berücksichtigt es die Tagesform der Kinder und Jugendlichen, insbesondere ihr Bedürfnis nach Bewegung, Essen
und Trinken. In der angenehm gestalteten und an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientierten Projektatmosphäre (Tee, Kickerspielen, Spaziergang an der frischen Luft)
lassen die Kinder und Jugendlichen sich auf eine Kontaktaufnahme ein.
Die Kinder und Jugendlichen sind bereit, sich zu öffnen, und gewähren dem Projektteam
einen Zugang zu Informationen zu ihnen und ihren Lebensumständen. Dies gelingt dadurch,
dass die Projektmitarbeitenden sich authentisch mit ihren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen einbringen und einen guten Zugang zur Lebenswelt der – mehrheitlich in Migrantenfamilien aufwachsenden – Teilnehmenden haben. Durch die eigene (familiäre) Migrationserfahrung bringen die Projektmitarbeitenden die für die Kinder und Jugendlichen relevanten

131

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

132

Sprachkenntnisse mit und sind kulturempathisch. Weiterhin ist förderlich, dass die Projektmitarbeitenden sich auf die Perspektive der Teilnehmenden einlassen und ihnen die Chance
auf einen Neuanfang in Aussicht stellen. Die Kinder und Jugendlichen fassen schließlich Vertrauen, dass sie in dem Projektteam Menschen gefunden haben, die in ihrem Interesse handeln.
Es gelingt, die Kinder und Jugendlichen zur Selbstreflexion anzuregen und sie zu Veränderungen zu motivieren. Ausgelöst wird dies durch mal konfrontative, mal zugewandte Einzelgespräche. Die Projektmitarbeitenden bieten sich als authentische, verlässliche, durchsetzungsfähige Bezugspersonen an, spiegeln den Teilnehmenden ihr schädliches Verhalten und
sensibilisieren sie für die negativen Konsequenzen – für ihr Umfeld sowie für ihre eigene
Zukunft. Dabei verurteilen die Projektmitarbeitenden die Kinder und Jugendlichen nicht,
sondern ermutigen sie zur Verantwortungsübernahme sowie dazu, sich auf Hilfen einzulassen und den an sie gestellten Erfordernissen nachzukommen.
Die Kinder und Jugendlichen reflektieren ihre Beziehung zu Familienangehörigen. Im Sinne
einer Ressourcenorientierung werden sie dafür gestärkt, die persönlichen Beziehungen in
ihrem Umfeld zu aktivieren und zu pflegen, die sie stabilisieren. Dies gelingt über Familienaufstellungen sowie die Ermutigung, sich bewusst an die Personen zu wenden, die einen
positiven Einfluss auf sie haben. Flankierend dazu wird auch die Verantwortungsübernahme
der Eltern dadurch gestärkt, dass das Projektteam die Eltern für den Hilfebedarf ihres Kindes
sensibilisiert. SToP stellt hierzu die Situation klar, formuliert den Unterstützungsbedarf der
Kinder und fordert die Familien dazu auf, eine aktive Rolle in der Problemlösung einzunehmen. Die Eltern fühlen sich dadurch entlastet, dass sie ihre Kinder bei SToP gut aufgehoben
wissen und auch selbst Ratschläge von dem Projektteam erhalten, wo sie für sich Unterstützung finden können.
Zudem sind die Kinder und Jugendlichen dafür gestärkt, sich von delinquenten Freundeskreisen zu distanzieren und gewohnte Verhaltensmuster zu durchbrechen, z.B. nicht auf (tatsächliche oder vermeintliche) Provokationen zu reagieren. Dies gelingt neben Ratschlägen
und aktivierenden Fragen in den Einzelgesprächssettings auch durch Rollenspiele, in denen
die Kinder und Jugendlichen für sie typische Risikosituationen nachspielen und alternative
Reaktionsweisen erproben.
Es gelingt außerdem, dass die Kinder und Jugendlichen realistische Perspektiven entwickeln
und Schul- und Ausbildungsabschlüsse (wieder) anvisieren. Hierfür ist es förderlich, dass die
Projektmitarbeitenden als positive Vorbilder dienen und den Jugendlichen realistische Wege
zum Erreichen von Zielen aufzeigen. Sie vermitteln ihnen Informationen über Ausbildungswege, regen sie zur selbständigen Recherche an und vermitteln ihnen auch realistische Einschätzungen zu deren Dauer. Darüber hinaus sensibilisiert das Projektteam die Kinder und
Jugendlichen für schulische Erfordernisse und vermittelt zwischen Kindern und Jugendlichen
und deren Lehrkräften sowie weiterem Schulpersonal.

Schlussfolgerungen

Schließlich gelingt es, dass die Kinder und Jugendlichen ein erhöhtes Vertrauen zum Jugendamt und zu Angeboten freier Träger entwickeln. Zum Erfolg trägt bei, dass das Projektteam die Kinder und Jugendlichen über Aufgaben und Ziele der Einrichtungen und Angebote
aufklärt und deren Nutzen verdeutlicht. Darüber hinaus begleitet SToP sie zu Terminen und
nimmt an Hilfeplankonferenzen teil. Durch die Begleitung von SToP fühlen sich die Kinder
und Jugendlichen stabilisiert. Sie vertrauen darauf, dass sich das Projektteam für sie einsetzt, vermittelt und einen ressourcenorientierten Blick auf die Kinder und Jugendlichen auch
an die Einrichtungen weitergibt. Die Kinder und Jugendlichen machen schließlich positive
Erfahrungen mit den Einrichtungen und gewinnen Vertrauen. Zudem werden sie durch das
Projektteam dazu ermutigt, ihre Anliegen und auch ihre Unzufriedenheit mit Hilfen zu äußern, statt die Zusammenarbeit zu verweigern.
Flankierend zu all den beschriebenen Wirkzusammenhängen ist die Transparenz und Kommunikationsstärke von SToP hervorzuheben. Die Kinder und Jugendlichen wissen, dass SToP
mit den Eltern, mit Fallzuständigen der Jugendgerichtshilfe und des RSD, Schulpersonal und
weiteren Beteiligten in Verbindung steht. Es wird sehr transparent kommuniziert, wem welche Informationen und Einschätzungen weitergegeben werden. Hierdurch gelingt, dass die
Kinder und Jugendlichen sich nicht hintergangen fühlen.
Insgesamt liefern die Ergebnisse der verschiedenen in die Evaluation einbezogenen Erhebungen deutliche Hinweise dafür, dass die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen sowie
ihre Eltern die Teilnahme an SToP als sehr wertvolle Unterstützung erfahren haben, von der
sie noch lange zehren. Im Ergebnis gelingt es, dass die Kinder und Jugendlichen dazu motiviert sind, Verantwortung zu übernehmen und sich auf positive Veränderungen einzulassen.
Gleichzeitig wird deutlich, dass es nicht bei allen Teilnehmenden gelingt, dass sie die positiv
eingeschlagene Entwicklung aufrechterhalten. SToP leistet in erster Linie eine Anschubmotivation für die Kinder und Jugendlichen. An dieser Stelle ist es wichtig, dass an die Motivation
angeknüpft wird und diese auf fruchtbaren Boden fällt. Der nachhaltige Erfolg von SToP ist
darauf angewiesen, dass die weiteren Einrichtungen und Unterstützungsangebote greifen.
Auch wenn die Umsetzung der von SToP erarbeiteten Empfehlungen nicht immer gewährleistet werden kann, ist erkennbar, dass sich an dieser Stelle Verbesserungspotenziale bieten.

133

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

134

Kurzzusammenfassung
Im Rahmen der Evaluation sollte überprüft werden, inwieweit das Projekt SToP Resultate zur
Prävention von Jugendgewalt erreicht, wie es dabei vorgeht, welche Bedingungen förderlich
und hinderlich sind und wie nachhaltig die erzielten Wirkungen sind.
Der gewählte Ansatz der Evaluation ermöglicht Einblicke in die Funktionsweise des Projekts
und erlaubt u.a. Aussagen dazu, wie beobachtete Wirkungen erzielt werden. Das Evaluationsteam rekonstruiert die internen Wirkannahmen des Projektteams anhand von Daten aus
einer Gruppenerhebung und überprüft diese Wirkannahmen im weiteren Verlauf der Evaluation. Dabei werden die Sichtweisen weiterer Beteiligter (Projektteilnehmende Jugendliche,
Eltern und Kooperationspartner) auf das Projekt eingeholt und zueinander in Beziehung gesetzt.
SToP richtet sich an Kinder und Jugendliche, die mehrfach durch delinquentes Verhalten in
Erscheinung getreten sind. Übergeordnetes Ziel von SToP ist es, dass die Teilnehmenden
zunächst während des Betreuungszeitraums, aber auch darüber hinaus, keine weiteren
Straftaten begehen, bzw. dass die Straffälligkeit reduziert wird. Zu diesem Zweck werden die
Kinder und Jugendlichen mindestens drei Monate lang intensiv betreut und zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit Akteuren aus dem Hilfs- und Unterstützungssystem (insbesondere Jugendamt) motiviert. In seinen zentralen Interventionen verbindet SToP Einzelfall-,
Familien- und Gemeinwesenarbeit und verfolgt damit eine systemische Herangehensweise
sowie generell den Ansatz einer ressourcen- und lösungsorientierten Kurzzeitintervention.
Die Ergebnisse eines umfassenden Problem- und Ressourcenscreenings sowie daraus abgeleitete Empfehlungen für weitere Maßnahmen leitet SToP an das jeweils zuständige Jugendamt weiter.
Es gelingt dem Projekt schließlich, viele Kinder und Jugendliche zur Auseinandersetzung mit
dem eigenen Handeln und zur Übernahme von Eigenverantwortung anzuregen. Die Kinder
und Jugendlichen entwickeln realistische Zukunftsperspektiven und sind für langfristige Veränderungen motiviert. Die Interventionen der Projektmitarbeitenden ermöglichen die Entstehung eines erhöhten Vertrauens der Kinder und Jugendlichen zum Jugendamt und zu Angeboten freier Träger. Zentral bei alledem ist der erste, nicht zu unterschätzende Erfolg des
Projekts, dass sich die Teilnehmenden u.a. aufgrund der kulturempathischen, überparteilichen und transparenten Arbeitsweise auf das Projekt einlassen und Vertrauen zu den Mitarbeitenden fassen.
Der nachhaltige Projekterfolg wird dann gestützt, wenn es gelingt, die Hilfesysteme (z.B.
Familie, Schule, Unterstützungsangebote im Sozialraum etc.) so einzubinden, dass die Kinder
und Jugendlichen auch langfristig stabilisiert werden.

Literatur

Literatur
Beywl, Wolfgang (2006): Demokratie braucht wirkungsorientierte Evaluation. Entwicklungspfade im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe. In: Projekt eXe (Hg.): Wirkungsevaluation in
der Kinder- und Jugendhilfe. Einblicke in die Evaluationspraxis. München, S. 25-46.
Beywl, Wolfgang/Niestroj, Melanie (2009): Der Programmbaum. Landmarke wirkungsorientierter Evaluation. In: Beywl, Wolfgang/Niestroj, Melanie: Das A-B-C der wirkungsorientierten Evaluation. Glossar Deutsch/Englisch der wirkungsorientierten Evaluation. 2., vollständig
bearbeitete und ergänzte Auflage. Köln.
Dollinger, Bernd/Schabdach, Michael (2013): Jugendkriminalität. Wiesbaden.
Eisner, Manuel/Ribeaud, Denis/Jünger, Rahel/Meidert, Ursula (2008): Frühprävention von
Gewalt und Aggression. Ergebnisse des Zürcher Präventions- und Interventionsprojektes an
Schulen. Zürich/Chur.
Flick, Uwe (1998): Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie
und Sozialwissenschaften. Reinbek.
Flick, Uwe (2004): Triangulation. Eine Einführung. Wiesbaden.
Giel, Susanne (2013): Theoriebasierte Evaluation. Konzepte und methodische Umsetzungen.
Münster.
Mäder, Susanne (2005): Fokusgruppe – ein Instrument zur Planung und Evaluation von Stiftungsprojekten. In: Stiftung & Sponsoring, 3, S. 6-9.
Mensching, Anja (2006): Zwischen Überforderung und Banalisierung – zu den Schwierigkeiten der Vermittlungsarbeit im Rahmen qualitativer Evaluationsforschung. In: Flick, Uwe
(Hg.): Qualitative Evaluationsforschung. Konzepte, Methoden, Umsetzungen. Reinbek, S.
339-362.
Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika (2010): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. 3., korrigierte Auflage. München.
Scheithauer, Herbert/Rosenbach, Charlotte/Niebank, Kay (2012): Gelingensbedingungen für
die Prävention von interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Expertise im Auftrag
der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK). 3., korrigierte und überarbeitete
Auflage. Bonn.
Strübing, Jörg (2004): Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen
Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden.
Widczisk, Heike (2011): Begrifflichkeiten der Täterorientierten Ermittlungsarbeit (TOE) der
Berliner Polizei. In: Stiftung SPI (Hg.): Zentrale Begriffe der Arbeitsbereiche Jugendhilfe im
Strafverfahren/Jugendgerichtshilfe (JGH), des Jugendamtes und der Täterorientierten Ermittlungsarbeit der Polizei, Infoblatt Nr. 56, S. 5-9.

135

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

136

Wilkinson, Sue (2004): Focus Group Research. In: Silverman, David (Hg.): Qualitative Research: Theory, Method and Practice. London, S. 168-184.

Projektdokumentationen/Quellen:
NTH Berlin gGmbH (2014a): SToP. Soziale Task Force für offensive Pädagogik – Interventionsteam der Jugendhilfe für minderjährige Schwellentäter von 10 bis 16 Jahre für die Regionen: Neukölln und Tempelhof – Schöneberg – Mitte – Friedrichshain – Kreuzberg. Projektplanungsunterlage Kurzkonzept (unveröffentlichtes Dokument).
NTH Berlin gGmbH (2013): Sachbericht 2012 des Modellprojektes SToP. Soziale Task Force
für offensive Pädagogik (unveröffentlichtes Dokument).
NTH Berlin gGmbH (2014b): Sachbericht 2013 des Modellprojektes SToP. Soziale Task Force
für offensive Pädagogik (unveröffentlichtes Dokument).
Treberhilfe Berlin gGmbH (2008): SToP. Soziale Task Force für offensive Pädagogik – Interventionsteam der Jugendhilfe für minderjährige „Schwellentäter“ von 13 bis 15 Jahre für die
Regionen: Neukölln, Tempelhof-Schöneberg. Projektplanungsunterlage. www.parlamentberlin.de/ados/16/Haupt/vorgang/h16-1041-v.pdf, S. 4ff., 29.09.2015.

Die „Konfliktagentur im Sprengelkiez“. Ehrenamtliche Stadtteilmediation in Berlin-Wedding

Die „Konfliktagentur im Sprengelkiez“. Ehrenamtliche
Stadtteilmediation in Berlin-Wedding
Aline-Sophia Hirseland
Die Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention untersucht und bewertet Ansätze und Projekte in
den Handlungsfeldern Kinder- und Jugendhilfe, Justiz, Polizei, Schule, Sport, Integration und
Migration sowie Stadtentwicklung. In dem Zusammenhang wurde auch die Konfliktagentur
für eine externe Evaluation ausgewählt. Wenngleich die „Konfliktagentur im Sprengelkiez“
keine Einrichtung der Jugendgewaltprävention ist und auch nicht Jugendliche als primäre
Zielgruppe hat, wurde sie aus folgenden Gründen in die Auswahl einbezogen:



Sie steht beispielshaft für das Handlungsfeld Stadtentwicklung, und es ist der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention ein Anliegen, alle Handlungsfelder bei den Evaluationen zu
berücksichtigen.



Außerdem besteht ein weiteres Erkenntnisinteresse der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention darin, festzustellen, ob und inwieweit Stadtteilmediation auch jugendliche Zielgruppen erreichen kann und somit als Ansatz für (Jugend-)Gewaltprävention auf kommunaler Ebene geeignet ist.

Gleichwohl wurden auch Fragestellungen im Rahmen der Evaluation behandelt, die sich nicht
auf Jugendliche beziehen.
Der Sprengelkiez liegt im Ortsteil Wedding des Bezirks Mitte und gruppiert sich um den
Sparrplatz. Das Quartier ist von einer hohen soziokulturellen und sozioökonomischen Heterogenität, sozialen Problemlagen, derzeit spürbar einem Prozess der Gentrifizierung und
damit einhergehend nachbarschaftlichen, aber auch familiären Konflikten geprägt. Die Konfliktagentur stellt seit 2005 ein Mediationsangebot für Konflikte zwischen Anwohner/innen
auf ehrenamtlicher Basis zur Verfügung.
Im Rahmen der Evaluation werden drei Themenbereiche untersucht:
Zum einen wird geprüft, ob und inwiefern das Konzept der Stadtteilmediation für die im
Sprengelkiez vorhandenen Problem- und Konfliktlagen geeignet ist, ob und inwiefern Jugendgewalt in der täglichen Arbeit der Konfliktagentur eine Rolle spielt, welche Ansätze gut
funktionieren und wo ggf. Verbesserungsmöglichkeiten bestehen.
Zum anderen werden die Entwicklungen im Sozialraum Sprengelkiez in den letzten Jahren
beleuchtet. Hier wird versucht zu eruieren, ob und inwiefern die Konfliktagentur Veränderungen erzielen bzw. begleiten konnte.

137

138

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

Darüber hinaus wird ein Licht auf das Mediationsangebot unter Ehrenamtsbedingungen geworfen. Wie wirkt sich die Tatsache, dass alle Mediator/innen ihre Arbeit in der Konfliktagentur als Ehrenamtliche ausüben, auf das konkrete Angebot aus?

Das Büro der Konfliktagentur am Sparrplatz

Methodisches Vorgehen

Methodisches Vorgehen
Im Rahmen der Evaluation wurden ausschließlich qualitative Methoden eingesetzt, nämlich
leitfadengestützte Face-to-Face-Interviews sowie eine Fokus-Gruppendiskussion. Die Interviews wurden geführt mit ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen der Konfliktagentur, d.h. Mediator/innen – vier Interviews –, mit Teilnehmer/innen an einer Mediation bzw. einer Konflikttransformation durch die Konfliktagentur – vier Interviews – sowie mit weiteren Akteuren,
d.h. Menschen, die mit der Konfliktagentur aktuell zusammenarbeiten oder früher zusammengearbeitet haben – fünf Interviews.
Die Interviews wurden problemzentriert geführt. Ausgangspunkt eines solchen Interviews
sind immer die vom Forscher vorgegebenen Fragestellungen, die in Form eines Leitfadens
das Interview strukturieren. Gleichzeitig bieten die Leitfäden innerhalb der Grundstruktur ein
ausreichendes Maß an Offenheit, um den Ansprüchen eines qualitativen Vorgehens gerecht
zu werden. Ähnlich wie in narrativen Interviews bleibt den Interviewpartner/innen die Möglichkeit erhalten, dem Gespräch eine eigene Prägung zu geben. So konnten die jeweils individuellen Bewertungen von Handlungsweisen und daraus resultierende Ergebnisse erfasst
werden. Die Interviews wurden aufgenommen, transkribiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse untersucht.
Inhaltlich wurden Einschätzungen zur Ausgangslage im Sprengelkiez, Angaben zu Zielgruppen und Zielstellungen, zur Praxis der Mediation, Konflikt- und Fallberatung, zur Entwicklung
des Trägers sowie zur Entwicklung des Kiezes abgefragt. Interviewt wurden unterschiedliche
Akteure, um eine Vielzahl von Perspektiven zu gewinnen: vier Mediator/innen der Konfliktagentur, fünf lokale Fachkräfte, die mit der Konfliktagentur zusammenarbeiten oder gearbeitet haben, sowie vier Teilnehmer/innen an einer Mediation bzw. einer Konflikttransformation. Die Verknüpfung der Ergebnisse ermöglichte eine Validierung der Befunde.
Um die Qualität der Evaluation zu gewährleisten, orientierte sich das Evaluationsteam an
den Standards für Evaluation der DeGEval – Deutsche Gesellschaft für Evaluation. Vor diesem Hintergrund war die Evaluation von vier Aspekten bestimmt: Nützlichkeit, Durchführbarkeit, Fairness und Genauigkeit.
Die Erhebung und Auswertung der Daten erfolgte unter strikter Berücksichtigung des § 40
Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG). Unabhängig von den Bestimmungen des Datenschutzes
und einer grundsätzlichen Forschungsethik ist die Gewährleistung von Anonymität bei der
Befragung auch ein Qualitätsmerkmal einer Evaluation. Nur wenn man Anonymität gewährleisten kann, kann man davon ausgehen, dass nicht nur über positive Erfahrungen berichtet
wird, sondern auch die Bereitschaft besteht, offen über Probleme und Missstände zu sprechen.

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

140

Stadtteilmediation im Weddinger Sprengelkiez
Sozialräumlicher Kontext
In der Stadtsoziologie wird unter „Sozialraum“ die Überlagerung einer gegebenen räumlichen
Struktur mit seiner sozialen Struktur verstanden, d.h. den sozialen Stellungen und Verflechtungen seiner Bewohner/innen.
Der Sprengelkiez bezieht sich auf das Gebiet der Straßenzüge um den Sparrplatz, das im
Nordwesten durch die Föhrer und die Luxemburger Straße, im Norden durch den Leopoldplatz, im Nordosten durch die Müllerstraße, im Südosten durch die Gleisanlage der Berliner
Ringbahn bzw. die Fennstraße sowie im Süden durch den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal
begrenzt wird. Der Sparrplatz wird von verschiedenen Anwohnergruppen genutzt. Auf ihm
befinden sich ein Straßenfußballfeld („der Käfig“), ein Spielplatz, Bäume und Büsche sowie
mehrere Bänke.
2014 lebten im Sprengelkiez 15.894 Menschen (Bezirksamt Mitte von Berlin 2014, 8). Seine
Bevölkerung ist von einer hohen kulturellen und ökonomischen Heterogenität sowie sozialen
Problem- und Konfliktlagen geprägt. Der gesamte Bezirk Mitte hatte 2013 eine Arbeitslosenquote

von

13,1%,

wobei

der

Berliner

Durchschnitt

bei

11,7%

lag

(IHK

Ber-

lin/Handwerkskammer Berlin 2014, 27). Das Quartier um den Sparrplatz gehörte 2013 zu
den fünf Berliner Planungsräumen mit den höchsten Werten des Sozialindexes II. Dies bedeutet: hohe Anteile an (Langzeit-)Arbeitslosen, arbeitslosen Jugendlichen (unter 25 Jahren)
und Leistungsempfänger/innen (ALG I-Empfänger/innen) nach SGB III an der Bevölkerung
zwischen 15 bis 64 Jahren, hohe Anteile an ausländischen Kindern, Jugendlichen (unter 18
Jahren) und ausländischen Erwachsenen an der Bevölkerung, hohe Anteile an Empfän21
ger/innen von Grundsicherung und/oder Hilfe zur Pflege nach SGB XII an der Bevölkerung
ab 65 Jahre sowie ein hohes Wanderungsvolumen pro tausend Einwohner/innen (Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales 2013, 36-38).
Rund 57% der Anwohner/innen im Sprengelkiez haben einen Migrationshintergrund. Bei den
unter 18-Jährigen liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei
80% (Bezirksamt Mitte von Berlin, 55). Die größte Herkunftsregion ist die Europäische Union
(ca. 17%), wozu sowohl West-, Süd- als auch Osteuropa zählen. Die meisten europäischen
Migrant/innen stammen aus Polen (ca. 5% der Gesamtanwohnerzahl), Bulgarien (ca. 2%),
Griechenland (ca. 1%), Italien (ca. 1%), Spanien (ca. 1%) und Frankreich (ca. 1%). Weitere
große Migrantengruppen stammen aus der Türkei (ca. 11%) und arabischen Ländern (ca.

21

Außerhalb von Einrichtungen.

Stadtteilmediation im Weddinger Sprengelkiez

7%) (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg2013, 1/2). Menschen und Familien mit Migrationshintergrund sind durch Schwierigkeiten wie Sprachbarrieren, Unkenntnis der Strukturen
vor Ort oder soziale Isolation in besonderem Maße gefährdet, von bestimmten Problemlagen
betroffen zu sein.
Mit der hohen Heterogenität der Anwohnerschaft gehen nachbarschaftliche, aber auch familiäre und partnerschaftliche Konflikte einher, die das Leben im Sprengelkiez beeinträchtigen.
Seit einigen Jahren sieht sich der Kiez um den Sparrplatz zudem einem Prozess der Gentrifizierung ausgesetzt, der ebenfalls für Konfliktstoff sorgt. Seit 1999 wird das Quartier als Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf vom Bundesprogramm „Soziale Stadt“ gefördert; in
dem Zusammenhang wurde das Quartiersmanagement Sparrplatz eingerichtet. Die Konfliktagentur ist im Kiez gut vernetzt und arbeitet mit zahlreichen kommunalen Akteuren oder
freien Trägern im Stadtteil oder außerhalb zusammen; so zum Beispiel mit der GESOBAU AG,
der Polizei, dem Quartiersmanagement, dem „SprengelHaus Wedding – interkulturelles Gemeinwesenzentrum mit Gesundheitsförderung“, dem Lotsenprojekt „Die Brücke“, dem MediationsZentrum Mitte sowie diversen Abteilungen des Bezirksamts Berlin-Mitte.

Entstehungszusammenhang und Entwicklung des Projekts
In den Jahren 2003/04 wurden im Rahmen des Bundesprogramms „XENOS – Leben und
Arbeiten in Vielfalt" des Europäischen Sozialfonds 20 Stadtteilmediator/innen ausgebildet,
um ein Mediationsangebot auf ehrenamtlicher Basis für Konflikte zwischen Anwohner/innen
im Weddinger Sprengelkiez zur Verfügung zu stellen. Die Mediator/innen rekrutierten sich
aus aktiven Anwohner/innen, die sich im Kiez engagieren wollten. Sie nahmen im Jahr 2005
als Mitglieder eines der ersten Berliner Stadtteilmediationsprojekte ihre Arbeit auf. 2010
folgte die Vereinsgründung „Konfliktagentur im Sprengelkiez – Stadtteilmediation Wedding
e.V.“.
Das Angebot der Konfliktagentur umfasst Mediation, Konfliktbearbeitung und Beratung, aber
auch Informationsveranstaltungen und Intervision für andere bzw. mit anderen in dem Bereich tätigen Trägern. Zu den Zielgruppen gehören die Bewohner/innen des Sprengelkiezes,
aber auch über die Kiezgrenzen hinaus Menschen, die in Konfliktsituationen Unterstützung
anfordern, ebenso wie Wohnungswirtschaft und Gewerbetreibende im Wohnquartier. Die
Ziele der Konfliktagentur bestehen darin, Konflikteskalationen im Sprengelkiez zu vermeiden,
gegenseitiges Verständnis und einen respektvollen Umgang unter Anwohner/innen zu fördern und so den sozialen Zusammenhalt zwischen den Menschen im Quartier zu festigen. In
Hinblick auf die Nachhaltigkeit der Ergebnisse sollen die Nachbar/innen lernen, eigenständig
und konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Das Vor-Ort-Büro, das nach einer Komm-Struktur
funktioniert, bietet einmal wöchentlich eine feste Sprechstunde an (dienstags von 16 bis 19
Uhr) sowie zusätzlich nach Vereinbarung.

141

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

142

Was die Mediations- und Beratungspraxis angeht, so wurden 2011 30 Konfliktfälle bearbeitet. Etwas mehr als die Hälfte davon (17) waren Nachbarschaftsstreits und jeweils drei Konflikte (jeweils 10%) drehten sich um Mietangelegenheiten oder Konflikte im persönlichen
Nahraum oder um Konflikte im beruflichen Kontext. Jugendbezogene und/oder gewaltspezifische Fälle machen in der Mediations- und Beratungspraxis der Konfliktagentur nur einen
kleinen Anteil aus. Der Fokus liegt auf Nachbarschaftskonflikten. Ein Verlauf des Fallaufkommens über die Jahre kann auf Grund nicht vorhandener Daten nicht dargestellt werden.

Förderstruktur und Ehrenamt
Nach Beendigung der Förderung durch das Bundesprogramm „XENOS – Leben und Arbeiten
in Vielfalt“ im Jahr 2007 wurde die heutige Konfliktagentur als Projekt fortgeführt, das sich
auf ehrenamtliche Tätigkeit sowohl der Mediator/innen als auch der Koordination stützt sowie auf externe Unterstützung (Räume, Spenden) angewiesen ist. In dieser Zeit stellte das
SprengelHaus Wedding, ein interkulturelles Gemeinwesenzentrum, Räume und einen Büroplatz zur Verfügung. Finanzielle Förderung erhielt das Projekt in den letzten Jahren u.a. über
das Programm „Soziale Stadt“, die Gesobau-Stiftung und den Tagesspiegel-Spendenverein.
Gleichwohl ist es in beispielhafter Weise gelungen, die Tätigkeit der Konfliktagentur fortzusetzen.
2009 wurden eigene Räume für ein Vor-Ort-Büro in der Sparrstraße 19 am Sparrplatz bezogen, die dem Projekt vom Kooperationspartner GESOBAU AG günstig zur Verfügung gestellt
wurden. Als städtisches Wohnungsunternehmen hat die GESOBAU ein Interesse daran,
Streitigkeiten unter Nachbarn konstruktiv zu transformieren und dies möglichst präventiv,
d.h. bevor Konflikte eskalieren. Ein Raum des Büros wird heute nach Möglichkeit ständig
kostendeckend vermietet. Die weiteren Räume – ein Raum für Besprechungen oder Veranstaltungen, ein Beratungsraum sowie eine Küche – werden auf Anfrage an unterschiedliche
Träger im Stadtteil vermietet.
Die Ehrenamtsstruktur des Projekts bringt gewisse Besonderheiten mit sich. Dazu gehören
neben einer hohen Eigenmotivation der Beteiligten auch die Schwierigkeit, neben der eigentlichen beruflichen Arbeit Zeit fürs Ehrenamt zu finden. Die Konfliktagentur ist über die Bezirksgrenzen hinaus für die Qualität ihrer Arbeit im Bereich Stadtteilmediation bekannt. Um
im Stadtteil weiterhin ein qualitativ hochwertiges Angebot zur Verfügung stellen zu können,
wird derzeit nach einer stabileren finanziellen und personellen Grundlage gesucht. Der Verein befindet sich deswegen momentan in einem Umstrukturierungsprozess.

Stadtteilmediation im Weddinger Sprengelkiez

Das Konzept der Stadtteilmediation
Die Begriffe Stadtteil-, Nachbarschafts- und Gemeinwesenmediation werden in ähnlichen
Kontexten verwendet. Gemeinwesenmediation wird verstanden als „sozialraumnahe Verankerung von konstruktiver Konfliktbearbeitung im Stadtteil bzw. in der Nachbarschaft durch
Stärkung entsprechender Ressourcen im Gemeinwesen. Dies geschieht in der Regel durch
Schulung engagierter BürgerInnen und Schlüsselpersonen zu ehrenamtlichen MediatorInnen,
die dann für die BewohnerInnen kostenlos oder zu symbolischen Preisen zur Konfliktvermittlung zur Verfügung stehen“ (Splinter 2005, 15). Die Konfliktvermittlung findet außergerichtlich in einem „räumlich begrenzten sozialen Gefüge mit einer eigenen Identität“ – dem
Stadtteil – statt (Becker/Riedel 2013, 425).
Herauszuheben sind als Grundprinzipien der Gemeinwesenmediation die Aktivierung und
Festigung eigener Ressourcen im Stadtteil, die konstruktive, d.h. gewaltfreie und produktive
Bearbeitung von Konflikten und die Verankerung dieses Prinzips vor Ort sowie der niedrigschwellige Zugang zu Mediation „für jedermann“ auf Grund der geringen Kosten. Die Mediator/innen sollen die demographische Vielfalt des Stadtteils widergeben und sich möglichst
nah an der Lebenswelt der Bewohner/innen bewegen (vgl. Becker/Riedel 2013).
Zu den Zielen der Gemeinwesenmediation gehört, die Potenziale für eine konstruktive und
eigenverantwortliche Bearbeitung von Konflikten im Stadtteil, einen respektvollen Umgang
und ein besseres Verständnis der Anwohner/innen untereinander sowie den sozialen Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu stärken. Konflikte im Gemeinwesen können sich in der
Nachbarschaft, in Familien und Einrichtungen abspielen. Häufig sind Streitigkeiten um die
Nutzung öffentlicher Räume, um Lärm und um Verschmutzungen in Form von Müll in Mietshäusern.
In Abgrenzung zur Gemeinwesenmediation konzentriert sich die Nachbarschaftsmediation
auf relationale Konflikte im privaten Nahraum. Die Stadtteilmediation hat speziell den urbanen Kontext der Mediationssituation im Blick. Der Ansatz der Konfliktagentur wird an der
Schnittstelle zwischen den drei genannten Typen verortet, wobei sie in ihrem Namen der
Stadtteilmediation Vorrang eingeräumt hat, sich aber konzeptionell stark an der Gemeinwesenmediation orientiert.

143

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

144

Die Aktivitäten der Konfliktagentur im Bereich Stadtteilmediation
Zielstellungen
Die Konfliktagentur ist seit 2005 im Sprengelkiez tätig. Zu ihren Zielen gehört es, Nachbar/innen zu befähigen, Konflikte in ihrer unmittelbaren sozialen Umgebung selbstverantwortlich und konstruktiv zu lösen und auf diese Weise Konflikteskalationen zu vermeiden.
Darüber hinaus sollen ein kooperativer und respektvoller Umgang sowie gegenseitiges Verständnis zwischen den Anwohner/innen gefördert und auf diese Weise der soziale Zusammenhalt gestärkt werden.

„Unser Ziel ist auch, die Kommunikation insgesamt hier im Kiez zu verbessern, also ein
friedlicheres Miteinander zu etablieren. … Gemeinwesenmediation ist eigentlich genau
das; also dass wir die Leute im Kiez doch irgendwie mitnehmen, gemeinsam nach und
nach anders miteinander umzugehen.“ (3)
Langfristig soll die Arbeit der Konfliktagentur einen Beitrag leisten zu einem „friedvollen Zu-

sammenleben im Sprengelkiez“ (4).
Für die Erreichung dieser Ziele ist eine offene Herangehensweise der Menschen an das
Thema Konflikt notwendig, das jedoch zumeist mit negativen Gefühlen besetzt ist. Um einen
Konflikt konstruktiv lösen zu können, muss er zunächst als solcher anerkannt und die Bereitschaft entwickelt werden, sich ihm zu stellen.

„Wir möchten die Konfliktkultur einfach verbessern, die Kommunikationsstrukturen verbessern … und auch, dass die Menschen vielleicht keine Angst mehr vor Konflikten haben …, also Konflikte halt wirklich angehen.“ (6)
Darin besteht für viele Menschen jedoch eine große Hürde.

Zielgruppen
Zu den Zielgruppen der Konfliktagentur gehören prinzipiell alle Bewohner/innen des Sprengelkiezes. Generell richtet sich das Angebot der Stadtteilmediation an alle sozialen Schichten
und steht auch Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen offen.

„Nachbarn, also die Kiezbewohner, … im Prinzip jeder …, der einen Konflikt hat. … Da
uns ja hier noch nicht die Hütte eingerannt wird mit Fällen, nehmen wir, was kommt. …
Von daher, wir orientieren uns am Bedarf, kann man sagen.“ (4)

Die Aktivitäten der Konfliktagentur im Bereich Stadtteilmediation

Das Vor-Ort-Büro folgt einer Komm-Struktur. Interessierte wenden sich entweder von selbst
an die Konfliktagentur – nach der Fallstatistik von 2011 waren 60% sogenannte Selbstmelder/innen –, oder sie werden von Kooperationspartner/innen oder anderen Akteuren aus
dem Kiez wie z.B. durch die GESOBAU AG (20% der Fälle 2011) an sie vermittelt. Wie bereits erwähnt, wurden 2011 rund 30 Fälle bearbeitet. Neuere Fallzahlen sind nicht vorhanden, jedoch waren sie in den darauf folgenden Jahren niedriger. Verglichen mit anderen
Stadtteilmediationsprojekten (Behn/Brandl 2002, 14) liegen diese Zahlen im normalen Bereich. Weiterhin gilt es zu bedenken, dass sehr viele Mediationsprojekte in unterschiedlichen
Kontexten, so auch in der Schule, über eine eher geringe Beteiligung klagen (vgl. Behn et al.
2006 für Schülermediation), so dass es nicht verwunderlich ist, dass auch die Konfliktagentur
hier Handlungsbedarf sieht.
Gründe, warum Stadtteilmediation nicht in dem gewünschten Maße angenommen wird, können vielfältig sein. Ein möglicher Grund könnte sein, dass das Konzept der Mediation relativ
abstrakt ist.

„Es ist schwierig, alleine Mediation erst mal zu erklären. Es ist natürlich ein ganz anderer Gedankengang dahinter. Man muss sich ja auch mit dem Thema auseinandersetzen. Und gerade bei Menschen, die ein niedriges Bildungsniveau haben, ist es schwierig.
Weil, das heißt auch Konzentration, das heißt auch herauszufinden: Was will ich eigentlich wirklich persönlich? Darf ich überhaupt zulassen, dass ich verärgert bin, darf ich zulassen, dass ich traurig bin? Ich hab‘ es ja anders gelernt.“ (3)
Die eher niedrigere Resonanz der vergangenen Jahre lässt bei manchem/mancher Mediator/in Zweifel aufkommen, ob Stadtteilmediation das geeignete Konzept für den Sprengelkiez
ist, da sie erfordert, dass sich Menschen auf neue Weise mit dem Thema Konflikt und auch
mit den anderen Konfliktparteien auseinandersetzen. Eine impulsive Herangehensweise wird
im Fall der Mediation abgelöst durch eine kognitive, strukturierte.

„Ich weiß nicht, inwiefern … die Menschen dafür bereit sind, weil das in mancherlei Hinsicht vielleicht einen hohen Differenzierungsgrad verlangt, mit so ‘was … umzugehen.“
(6)
In der Tat zeigten manche Mediierte wenig Verständnis für den Ansatz der Mediation als
Herangehensweise für die Problemlagen vor Ort; sie wünschten sich für die Probleme im
Kiez ein „härteres Durchgreifen“.

„Ich kann diese Gutmenschen in Anführungsstrichen nicht ertragen, die so völlig realitätsfremd leben. … Man kann den Leuten Perspektiven geben, aber bei manchen Leuten
geht das nun mal nicht. … Da muss man schon ein bisschen gucken: Mit wem rede ich
da jetzt gerade? Kann ich dem helfen oder will der überhaupt, dass ich dem helfe? Oder
soll ich dem jetzt klar sagen: ‚Ey Alter, du hast hier nichts zu suchen!‘ … Das war so
mein Problem damals mit der Konfliktagentur.“ (9)

145

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

146

Ein weiterer Grund für das eher mühsame Erreichen der Zielgruppen in den letzten Jahren
könnte in der „sozialen Distanz“ zwischen Mediator/innen und Anwohner/innen bestehen.
Beispielsweise haben rund 57% der Anwohner/innen einen Migrationshintergrund. 2011
waren an 27% der Fälle Anwohner/innen mit Migrationshintergrund beteiligt und von den 97
Personen, die als Mediierte an Fällen beteiligt waren hatten 34% einen Migrationshintergrund. Eine Ursache dafür, diese Zielgruppe zu erreichen, wird darin gesehen, dass nur eine/r von elf aktiven Mediator/innen einen Migrationshintergrund hat. Insofern spiegeln die
Mitarbeiter/innen der Konfliktagentur die demographische Vielfalt des Stadtteils nur begrenzt
wider
Auch in Bezug auf Bildungsferne bzw. -nähe wird eine soziale Distanz wahrgenommen.

„Also dieses Thema … drehen und wenden wir seit Jahren, wie kommen wir genau an
diese Klientel ran? So einfach ist es nicht. Also ich merke einfach, diese Leute sind ja
auch schon überfordert mit bestimmten Begriffen beispielsweise, mit viel Text … Die
haben ja auch einen großen Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte, … diese
Sprachbarrieren sind natürlich dann auch da.“ (3)
Kurz nachdem die erste Generation ehrenamtlicher Stadtteilmediator/innen ihre Ausbildungen abgeschlossen hatten, orientierte sich die Zusammensetzung des Teams stärker an der
Bevölkerungsstruktur des Kiezes.

„Von den 16 Leuten, die wir da waren, waren auch viele mit migrantischem Hintergrund. Also es wurde auch wirklich geguckt, dass hier so ein bisschen das widerspiegelt,
was hier im Kiez ist.“ (6)
Inzwischen haben die Menschen mit Migrationshintergrund aus unterschiedlichen Gründen
überwiegend die Gruppe verlassen, teils weil sie in ihre Herkunftsländer zurückgegangen
sind.
Außerdem haben heute alle Mediator/innen akademische Ausbildungen und zum Teil mehrere Berufsabschlüsse, während dies bei einem Großteil der Anwohnerschaft nicht der Fall ist.
Geschlussfolgert wird von einer/einem Vertreter/in der Mediator/innen, dass das Bildungsgefälle zwischen Mediator/innen und Anwohner/innen eine Ursache für die Schwierigkeiten
darstellt, die breite Zielgruppe zu erreichen. Jedoch muss festgehalten werden, dass die
Lebenslagen von Mediator/innen und Anwohner/innen nicht so unterschiedlich sind, wie der
Hinweis auf den Bildungsgrad vermuten lässt. Mehrere von ihnen befinden sich in eher prekären Lebenslagen, eine/r bezieht Arbeitslosengeld II.
In der Einschätzung des Problems, die gesamte soziale Bandbreite der im Kiez wohnenden
Bevölkerung zu erreichen, und des Problems der „sozialen Distanz“ besteht Einigkeit bei
einem/einer interviewten Vertreter/in der Konfliktagentur und einem/einer Mediierten.

„Dann gibt es auch manchmal Menschen, die nicht ganz so hoch gebildet sind. Aber ansonsten kommen wir relativ wenig über die Mediation an dieses Milieu ran, ja, eben Ar-

Die Aktivitäten der Konfliktagentur im Bereich Stadtteilmediation

beitslose beispielsweise. … Und da sind wir immer noch dabei herauszufinden, wie kriegen wir eben genau diese Klientel hier her, ja? Also wie kriegen wir Bildungsferne hier
her? Wie kriegen wir Leute hier her, die, sage ich mal, von Hartz IV leben, die vielleicht
auch wirklich eher – … na, wie nenne ich denn das? – erlebnisorientierter mit Konflikten
umgehen? Also ich nenne es mal ganz platt: sich gegenseitig auf die Fresse hauen.“ (3)
„Ich hatte damals A hier, Doktor A, und den, ich glaube, B oder wie er hieß, irgendwie
ein Rechtsanwalt, ein Wirtschaftsanwalt. … Wir führen hier eigentlich ein sehr kleines
Leben. Die beiden, also ich fand sie immer so fehl am Platz irgendwie. Weil, das Leben
von den beiden lief einfach nur ganz normal, straight away nach oben. Ich glaube, da
gab es niemals Probleme, außer eventuell Problemchen. Wenn diese beiden jetzt mit
unserer Trinkerszene reden, dann weiß ich nicht, was dabei rauskommen soll …“ (9)
Festhalten lässt sich, dass Unterschiede in Lebenslage, Bildungsgrad und sozialer Herkunft
zwischen Mediator/innen und Kiezbewohner/innen sicherlich eine Rolle spielen, wenn es um
die Nutzung und Akzeptanz der Konfliktagentur geht. Dennoch sollte dieser Aspekt bei der
Betrachtung der Konfliktagentur nicht überbetont werden, da, wie eingangs erwähnt, die
Zahl von rund 30 Fällen jährlich (2011) darauf hinweist, dass das Angebot der Konfliktagentur in nicht unerheblichem Maße genutzt wird. Allerdings gilt es perspektivisch zu beachten,
dass ein Erfolg von Mediationsprojekten auch stark von der Nähe der Mediator/innen zu den
Mediierten abhängt und von daher eine andere Zusammensetzung des Mediationsteams
auch andere Zugangswege zu den Zielgruppen mit sich ziehen könnte.

Charakteristika der Fälle
Was die Art der Fälle angeht, die an die Konfliktagentur herangetragen werden, so handelt
es sich nach der Fallstatistik 2011 in mehr als der Hälfte um Nachbarschaftsstreitigkeiten mit
Belästigungen durch Lärm oder Müll (in der Fallstatistik 2011 sind dies 37% der Fälle) oder
um Probleme im Zusammenleben unter Nachbarn (Fallstatistik 2011: 20% der Fälle).

„Ich denke, ich habe den Feind unter mir zu wohnen. Es wird nicht das Problem behandelt – Müll –, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen werden zertreten …. Ja,
wirklich, durch eine Mülltüte entsteht Hass.“ (5)
Weniger häufig kommen Konflikte in Mietangelegenheiten wegen einer Kündigung oder
Mieterhöhung oder Konflikte im beruflichen Kontext oder im persönlichen Nahraum (in der
Partnerschaft, der Familie oder unter Freund/innen) vor. In der Fallstatistik 2011 umfassen
die drei genannten Konfliktarten jeweils drei Fälle – jeweils 10%.
Häufig sind auch psychosoziale Probleme Teil der Konflikte, die von den Mediator/innen nur
schwer aufzufangen sind.

147

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

148

„Es kommt nicht selten vor, dass wir das Gefühl haben, eigentlich ist das kein Fall für
eine Mediation, sondern für eine Therapie. Und es kommt auch vor, dass wir das mal
ganz vorsichtig anklingen lassen. Aber Sie können sich vorstellen, die meisten Menschen
wollen das nicht unbedingt hören.“ (4)
Physische Gewaltvorfälle machen nur einen „sehr geringen Anteil“ (3) aus (in der Fallstatistik
2011 sind zwei Fälle enthalten).
Jugendliche sind eher indirekt in Konflikte verwickelt, indem sie etwa an Nachbarschaftsstreitigkeiten beteiligt sind. In den Augen der Mediator/innen gehören sie nicht zu den „leichten“
Konfliktparteien.

„Die Hormone spielen eh verrückt, die haben andere Prioritären, da gibt es so eine
Sprachbarriere, beispielsweise: ‚Konflikte, oh Gott!‘ Ist ja eher ein Thema …, man darf
es ja nicht haben beziehungsweise wenn, löse ich es anders, ja? Wie ich es halt gelernt
habe, also entweder man schlägt sich oder man vermeidet zum Beispiel. Also ich denke,
das ist sehr, sehr komplex, gerade in dem Alter.“ (3)
Ein konkreter Konflikt, der für den Stadtteil von größerer Bedeutung war und in dem die
Konfliktagentur vermittelnd tätig war, entspann sich um die Nutzung des Sparrplatzes durch
eine Gruppe von Alkoholiker/innen, durch die sich Anwohner/innen, insbesondere in den
Sommermonaten, durch Lärm und Müll gestört fühlten. Dieser Konflikt wurde von allen Befragten einhellig als „großer Konflikt“ (14) für den Kiez beschrieben.

Mediationspraxis
Sowohl die Dauer als auch die Verläufe der einzelnen Fälle variieren beträchtlich. Manchmal
bleibt es bei einem oder wenigen Beratungsgespräch/en in der Konfliktagentur, andere Fälle
dauern mehrere Jahre oder kehren nach einer Zeit der Besserung wieder. Nach der Fallstatistik 2011 wurden in 30% der Fälle Mediationen durchgeführt. Zumeist wird zunächst ein
Gespräch mit derjenigen Partei geführt, die den Konflikt thematisiert und die Situation verändern möchte. Wenn das Problem nicht durch ein oder wenige Beratungsgespräch/e zu
lösen ist, kontaktiert die Konfliktagentur oder die erste Konfliktpartei im nächsten Schritt die
andere/n Konfliktpartei/en. Sofern diese einverstanden sind, werden im weiteren Verlauf
direkte Gespräche zwischen den Konfliktparteien eingeleitet, die von den Mediator/innen als
allparteiliche Dritte moderiert werden, oder die Mediator/innen übermitteln in einer Pendelmediation die jeweilige Position der einen Partei an die andere. Einige Fälle enden mit Vereinbarungen zwischen den Konfliktparteien, andere verlaufen sich bei Abnahme der Probleme. Im Rahmen der Qualitätssicherung werden die einzelnen Fälle protokolliert, in Intervisionen mit anderen Mediator/innen diskutiert und mittels eines standardisierten Bogens („Falldokumentation“) dokumentiert.

Die Aktivitäten der Konfliktagentur im Bereich Stadtteilmediation

Das Mediationsangebot wird überwiegend positiv bewertet. Die Konfliktagentur hat sich berlinweit in der Gemeinwesenmediationsszene einen sehr guten Ruf erarbeitet. Die Qualität
ihres Angebots wird von einem Kooperationspartner, der selbst im Bereich Gemeinwesenmediation tätig ist, als „sehr gut“ beurteilt, ebenso von anderen Kooperationspartnern, die
im Kiez tätig sind. Von den Mediierten wird das Angebot unterschiedlich bewertet.
Einige zeigten sich sehr zufrieden mit ihrer Teilnahme an einer Mediation der Konfliktagentur
und meinten, auch fachlich gut aufgehoben zu sein.

„Ich fand es gut. Also die beiden wissen, um was es sich dreht …. Und da bei uns sich
schon bei allen Beteiligten die Emotionen aufgeschaukelt haben, ist es ganz gut, wenn
man da einen kühlen Kopf hat.“ (5)
Ein/e andere/r war eher unzufrieden, da er/sie die Mediator/innen als parteiisch und wertend
wahrnahm. In seinen/ihren Augen sei nicht ausreichend auf die Sitzordnung geachtet worden, weswegen er/sie sich während der Mediation nicht ausreichend geschützt fühlte.

„Ich fand auch nicht so gut, dass sie [die Mediator/innen, Anm. d. Verf.] nicht aufs Setting geachtet haben. Also dass man mal so oder so sitzt …. Es war mir zu larifari offen,
wer sich jetzt wie hinsetzt. … Und das war so, wie man mit anderen Leuten auch redet,
so, ne? Die irgendwie da rumsitzen und ein bisschen zuhören und wie man so als normaler Mensch irgendwie so Ratschläge [gibt, Anm. d. Verf.]. Also ich kann Ratschläge
per se sowieso nicht leiden. …“ (12)
Interessant ist an diesem Fall neben der Kritik, dass der/die Mediierte sich sehr genau mit
dem Verfahren der Mediation auskennt. Dies relativiert doch etwas die in dem vorangegangenen Abschnitt formulierte „soziale Distanz“ zwischen Mediator/innen und Anwohner/innen.
Andere Interviewte schätzen hingegen, dass sie aufgefordert wurden, sich verantwortlich für
das Problem und die Lösung zu fühlen, und dabei unterstützt wurden, eine konstruktive
Lösung zu finden.

Aber ich würde es weiter empfehlen hier. Ja, natürlich. Aber ja. … Weil es eben hier offen ist für die Menschen, weil hier jeder willkommen ist. Es ist egal, ob er jetzt nun jung
oder alt ist, arm oder reich. Es dreht sich einfach nur um das Thema Problem. Welche
Probleme haben sie, wie können wir das ansetzen, wie können wir das lösen? Vor allen
Dingen ist man ja daran selbst beteiligt. Also eigenständig, selbständig zu handeln. Und
es wird nicht vorgeschrieben, was zu machen ist. Es ist nicht so autoritär.“ (14)
Ein/e Teilnehmer/in der Mediation um die Nutzung des Sparrplatzes durch Trinker/innen
bedauerte, dass der Prozess auslief, ohne dass zwischen den Konfliktparteien eine Vereinbarung getroffen wurde, da bei ihm/ihr das Gefühl zurückblieb, selbst der anderen Partei entgegengekommen zu sein, aber keine gleichwertige Gegenleistung erhalten zu haben.
Von Seiten der Konfliktagentur wird angemerkt, dass es nicht zu einer von verschiedenen
Seiten gewünschten „Vereinbarung“ zwischen den Anwohner/innen und den Trinker/innen

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

150

kommen konnte, da das Quartiersmanagement den Fall gesteuert habe und die Konfliktagentur den Fall nach umfangreicher deeskalierender Vorarbeit an den Streetworker von
Gangway abgegeben hat, der den Fall weiter bearbeitete.

Herausforderungen der Stadtteilmediation
Eine Besonderheit der Stadtteilmediation besteht in der Schwierigkeit, Menschen, die zum
Teil nur in einer losen Verbindung miteinander stehen und bei denen der Leidensdruck in
einigen Fällen völlig unterschiedlich ausgeprägt ist, zusammenzubringen und zur Mitarbeit an
einem gemeinsamen Ausweg aus der Situation zu bewegen.

„Wenn Sie Nachbarn haben, dann wollen die in der Regel nichts voneinander, außer,
dass der eine aufhört, so viel Krach zu machen. Also da ist diese persönliche emotionale
Bindung ja gar nicht da. Und Leute, die nicht eine Bindung miteinander haben, an einen
Tisch zu kriegen, dass die irgendwas miteinander klären, ist viel schwieriger, als wenn
das in der Familie oder am Arbeitsplatz wäre. Ja, weil … die Rentner unten beschweren
sich über das Getrampel der vier Kinder da oben und unten gibt’s ein Problem, ist klar:
Es ist laut, ne? Und oben gibt’s aber kein Problem. Weil, die stört das ja nicht, dass die
da unten leise sind. … Die dann trotzdem miteinander ins Gespräch zu bringen, ist
schwierig.“ (4)
Ein weiterer Unterschied zur klassischen Mediation besteht darin, dass in der Stadtteilmediation auch aufsuchende Arbeit und mehr Pendelmediationen eingesetzt werden. Das sind
Ansätze, die in der Arbeit der Konfliktagentur eine wichtige Rolle einnehmen und auch die
Erfolgsaussichten der durchgeführten Mediationen erhöhen.

„Wir schreiben an oder rufen an oder gehen auch vor Ort hin. … Das würde ein normaler Mediator nicht machen. … Und das ist dann natürlich ein Zwischending zwischen Sozialarbeit und Mediation. … Gemeinwesenmediation ist viel differenzierter und detaillierter, viel individueller als normale Mediation. Man geht auch auf die Medianten zu, man
ist mit einem Projekt im Kiez verankert, hat Kontakte zu anderen Trägern, ist irgendwie
Ansprechpartner. Das Besondere an der Gemeinwesenarbeit finde ich halt, dass man
sozusagen Teil des Ganzen ist, was ein klassischer Mediator nicht ist.“ (6)

Zusammenfassung
Die Formulierung der Ziele der Konfliktagentur bewegt sich auf der Ebene von Leitzielen.
Folglich ist ihre Erreichung anhand konkreter Veränderungen im Stadtteil nur schwer überprüfbar, wobei Aussagen einzelner Mediationsbeteiligter bzw. Kooperationspartner lediglich

Die Aktivitäten der Konfliktagentur im Bereich Stadtteilmediation

partielle Schlaglichter auf mögliche Wirkungen werfen können. Diese werden im nächsten
Kapitel anhand eines Fallbeispiels behandelt.
Der breiten Zielgruppe stehen die in den letzten Jahren etwas gesunkenen Fallzahlen sowie
Hürden beim Erreichen der Zielgruppe entgegen. Ein Grund hierfür könnte darin liegen, dass
das Team der Konfliktagentur in seiner Zusammensetzung die soziale Vielfalt der Anwohnerschaft nicht vollständig widerspiegelt. Das Vertrauen der Menschen im sensiblen Themenfeld
Konflikte als eher hoch gebildetes Team mit einem geringen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in einem Stadtteil zu gewinnen, der zu mehr als der Hälfte von Menschen mit
Migrationshintergrund und vielen Transferleistungsempfänger/innen bewohnt wird, ist sicherlich eine große Herausforderung. Diese gelingt teilweise, wie die durchgeführten Mediationen zeigen, aber hier besteht sicherlich Optimierungsbedarf. Dennoch dürfte die Zusammensetzung des Mediatorenteams nur einen Teilaspekt in Bezug auf die Schwierigkeit, die
Zielgruppen zu erreichen, darstellen.
Überwiegend werden Nachbarschaftsstreitigkeiten bearbeitet, in die teils auch Jugendliche
verwickelt sind. Psychosoziale Probleme spielen häufiger in die Konflikte hinein, auf die
durch die Mediator/innen aber nur in begrenztem Maße eingegangen werden kann. Dauer
und Verläufe der einzelnen Fälle variieren stark.
Die Mediationspraxis wurde von Kooperationspartnern und weiteren Akteuren als sehr gut
bewertet. Die Mediierten bewerteten die Mediationspraxis in der Konfliktagentur überwiegend positiv, andere kritisierten bestimmte Aspekte des Mediationsgespräches.
Im Gegensatz zur klassischen Mediation sind bei der Stadtteilmediation mitunter aufsuchende Arbeit oder Pendelmediation notwendig und werden dementsprechend von der Konfliktagentur eingesetzt. Des Weiteren besteht öfter ein Ungleichgewicht zwischen den Konfliktparteien, was den Leidensdruck angeht. Eine weitere Herausforderung besteht darin, Menschen
in Dialog zu bringen, die einander eher fremd sind.

151

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

152

Fallbeispiel: der Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes
Ausgangssituation
Die Ausgangslage im Sprengelkiez zu der Zeit, als die heutige Konfliktagentur dort ihre Arbeit aufnahm, wurde von allen Befragten als eine Situation beschrieben, die, ähnlich wie
heute, von sozialen Problemlagen gekennzeichnet war, d.h. von einer hohen Arbeitslosigkeit,
einem hohen Anteil an Transferleistungsempfänger/innen sowie einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig bestand im Kiez ein Aufkommen an Konflikten
verschiedener Art. Dass schließlich das Projekt ins Leben gerufen wurde, ergab sich als Folge
eines Zusammentreffens von Menschen, die auf diesem Gebiet einen Bedarf im Kiez sahen,
und solchen, die sich in diesem Bereich engagieren wollten.

„Es ist immer eine Kombination von Personen, die diese Idee haben, und … Institutionen, die sagen: ‚Wir wollen das hier.‘ Und damals war es, ich weiß nicht, das Quartiersmanagement und das SprengelHaus, die gesagt haben: ‚Also, sowas ist notwendig.‘ Und
da ist es jetzt nicht so, dass da besonders viele Konflikte waren oder besonders viel Gewalt oder irgendetwas, sondern Konflikte sind zu der Zeit damals und auch heute noch
immer da.“ (13)
Ab Mitte der 2000er Jahre wurde von einer Sammlung unterschiedlicher Probleme berichtet,
die unter Anwohner/innen zu Konflikten führten. Diese reichten von Nachbarschaftskonflikten auf Grund von Müll, Lärmbelästigung und/oder Verwahrlosung von Mietshäusern bis hin
zu Konflikten um die Nutzung öffentlicher Plätze.

„Aber so Mitte der 2000er, 2007, 2008: Ich kann mich erinnern, … merkwürdigste Mieter, die dann ihre Windeln aus dem Fenster warfen; Verwahrlosung, Verschmutzung ….
Nach dem Schengener Abkommen gingen dann die Grenzen auf. … Der Sparrplatz …
war ganz schnell Ziel von unglaublich vielen Menschen aus Bulgarien und Rumänien, die
da alle ankamen und die auch dann teilweise Wohnungen aufgebrochen hatten, um dort
Leerstandswohnungen instandzubesetzen, was dann alles wieder natürlich dazu führte,
dass die Polizei dann aktiver wurde vor Ort …. Und die kriegten sich dann immer in die
Wolle mit den Trinkern vom Sparrplatz, also das war schon alles heavy.“ (8)
Die sich auf dem Sparrplatz aufhaltenden Trinker/innen bestanden jedoch nicht nur aus
osteuropäischen Saisonarbeiter/innen, sondern zu einem großen Teil aus Anwohner/innen
des Sprengelkiezes. So wurden auch später noch, als die osteuropäischen Saisonarbeiter/innen weitergezogen waren, die Bänke des Sparrplatzes insbesondere in den Sommermonaten weiterhin von Alkohol trinkenden Personen besetzt. Eltern und Erzieher/innen der
um den Sparrplatz angesiedelten Kitas gerieten ab 2007 mit Trinker/innen in Konflikt, die die

Fallbeispiel: der Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes

Parkbänke auf dem Sparrplatz nutzten. Sowohl von Eltern als auch Erzieher/innen wurden
die Trinker/innen als Bedrohung wahrgenommen. Ärger bei Anwohner/innen erregten auch
die um den Sparrplatz ansässigen Betreiber/innen von Spätkäufen und Internetcafés, die
den Trinker/innen Alkoholika verkauften. 2007 gründete sich die „Bürgerinitiative Sparrplatz“, in der sich aktive Anwohner/innen für eine Veränderung der Situation auf dem Sparrplatz einsetzten. Der Konflikt kann als exemplarisch für die Arbeit der Konfliktagentur gelten
und verdeutlicht zudem das Funktionieren von Stadtteilmediation als Instrument der Konfliktprävention und -bearbeitung.
Die damalige Situation wurde von verschiedener Seite unterschiedlich dargestellt. Deutlich
wurde aus den gesammelten Aussagen, dass hier die Bedürfnisse von Menschen konträrer
sozialer Herkunft aufeinanderprallten, zwischen denen es keine direkte Kommunikation gab
und die sich gegenseitig fremd waren.

„Der Konflikt war ja in erster Linie zwischen den Trinkern und den Anwohnern. Also den
Familien, die da auch wohnen und die gemeinsam diesen Platz nutzen. Die kannten sich
teilweise auch gar nicht, obwohl sie aus dem gleichen Kiez kamen.“ (11)
Die Bürgerinitiative sammelte im Jahr 2007 300 Unterschriften von Anwohner/innen, die das
„Trinkerproblem“ auf dem Sparrplatz gelöst haben wollten. Ihre Forderungen trug sie im
September in einer Versammlung in der Osterkirche dem Bezirksbürgermeister, der Polizei
und dem Quartiersmanagement vor. Die Stimmung war sehr aufgeheizt und stand kurz vor
der Eskalation.

„Ich habe da wirklich, ich habe unseren Bürgermeister angegriffen, ich habe das Quartiersmanagement angegriffen, ich hab die Polizei da irgendwie angebrüllt. Und es war
eine ganz, ganz schwierige Situation.“ (9)

Bearbeitung des Konfliktes um die Nutzung des Sparrplatzes
In diesem Zusammenhang wurde die Konfliktagentur aktiv, die begann, zwischen Trinker/innen und Anwohner/innen zu vermitteln. Mehrere Mitarbeiter/innen der Konfliktagentur
pendelten zwischen den Konfliktparteien hin und her und versuchten, im Gespräch gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Zusätzlich wurde ein Streetworker eingesetzt, der die Trinker/innen bei der Lösung persönlicher Probleme unterstützte, etwa im Umgang mit Behörden oder bürokratischen Hürden. Der eingesetzte Streetworker genoss von Seiten der Trinkerszene großes Vertrauen. Seinen Sitz hatte er im Büro der Konfliktagentur am Sparrplatz.
Der Mediationsprozess zwischen Trinker/innen und Anwohner/innen endete nicht in einem
gemeinsamen Beschluss oder einer Vereinbarung, sondern „das verlief dann irgendwann“
(9). Der Prozess hat jedoch einiges in Gang gesetzt und zu einer Beruhigung der Situation
geführt.

153

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

154

So richtete in den Jahren 2008, 2009 und 2010 die „Bürgerinitiative Sparrplatz“ das „Sparrplatzfest“ aus, das darauf abzielte, Anwohner/innen gegenseitig näherzubringen und den
Sparrplatz positiv zu besetzen. Beteiligt an dessen Umsetzung waren die zentralen Konfliktakteure, nämlich neben den Organisator/innen einige Personen aus der Gruppe der Trinker/innen, die als Ordner/innen tätig waren. Diese wurden in der Folgezeit auch von umliegenden Einrichtungen (Konfliktagentur, Kitas) in Hilfstätigkeiten eingebunden.
Laut Aussage eines/einer Befragten sind die Einbeziehung einer Konfliktpartei in das Sparrplatzfest durch die andere Konfliktpartei, aber auch die Beruhigung der Situation insgesamt
als Erfolg der Arbeit der Konfliktagentur zu sehen, deren Arbeit darin bestand, Abwehrhaltungen aufzulockern und über die jeweils andere Partei aufzuklären.

„Die haben die Struktur, die Zusammensetzung der Gruppen objektiviert. Da wurde ja
auch viel polemisiert. … Die haben nachgefragt, was die da wollen, was die da suchen.
… Die haben auch Selbstreflexion in Gang gesetzt und … konnten Behauptungen widerlegen.“ (14)
Positiv zur Beruhigung der Situation trug laut einem/r Befragten bei, dass die Konfliktagentur
ihre Rolle als allparteiliche Dritte ernst nahm.

„Die Konfliktagentur hatte kein eigenes Ziel, nur den Konflikt transparent zu machen
und gemeinschaftlich zu lösen.“ (14)
Somit ist die Konfliktbearbeitung letztlich als erfolgreich zu bewerten, auch wenn es keine
„offizielle“ Vereinbarung gab: Das Ziel, eine Beruhigung der Situation zu erreichen, wurde
erreicht.

Die Situation vor Ort heute
Heute ist es aus Sicht aller Befragten im Kiez ruhiger. Einige führen an, dass sich keine Alkoholiker/innen mehr auf dem Sparrplatz aufhalten. Andere (auch ein Mitglied der Trinkergruppe) geben an, dass diese Menschen sich durchaus noch auf dem Sparrplatz treffen,
aber heute größere Rücksicht auf die Anwohner/innen nehmen. So achten sie darauf, keine
Kinder mehr anzusprechen, da dies von den Eltern und Erzieher/innen als Belästigung wahrgenommen wurde, den durch Gespräche u.Ä. verursachten Lärm zu begrenzen und den
Raum um „ihre“ Bänke sauber zu halten, um Schwierigkeiten mit Anwohner/innen und Polizei zu vermeiden und langfristig den Ort weiter nutzen zu können.

„Wenn da eine andere Gruppierung [von Alkoholiker/innen den Platz, Anm. d. Verf.]
dreckig machte und wenn wir morgens ankamen, dann sah das aus wie Sau. Und das
fällt ja auf uns zurück. Und der D … hat … irgendwo mal einen Besen gefunden und …
hat dann wirklich morgens gefegt, hat dann auch den Müll weggemacht und den Besen
hat er dann irgendwo im Gestrüpp versteckt. ‚Wirklich‘, hat er gesagt, ‚pass auf: Das ist

Fallbeispiel: der Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes

unsere Ecke und die halten wir sauber.‘ Und das hat auch der KOB gesehen, dass also
wir, der größte Teil, das wirklich auch sauber halten.“ (10)
Gegenwärtig werden die Trinker/innen von den Anwohner/innen nicht mehr als größeres
Problem betrachtet.

„Die fallen … nicht mehr so auf. Meines Wissens sind die noch da drüben auf der anderen Seite vom Spielplatz auf der Bank. … Also ich glaube, das ist so der Treffpunkt
jetzt.“ (4)
Andere Befragte nehmen die Trinkerszene auf dem Sparrplatz gar nicht mehr wahr: „Also,

die Trinkerszene ist beispielsweise jetzt weg.“ (3)
Ein zentraler Erfolg des Mediationsprozesses der Konfliktagentur sowie des eingesetzten
Streetworkers / bestand darin, eine Brücke zwischen den Konfliktparteien und die Basis für
einen Dialog zu schaffen. Während man früher nicht miteinander redete, können Probleme
heute direkt angesprochen werden.

„Also die Rolle der Trinker, die kippte im Laufe der ein, zwei Jahre, von Wahrnehmen als
Trinker bis sozusagen gleichwertige Mitglieder, also Anwohner auf diesem Platz. Natürlich nicht bei allen, aber bei einem Großteil. Das ist ja schon insofern ein Erfolg …. Und
dadurch wurden die natürlich nicht mehr als grölende, graue Masse wahrgenommen,
sondern man konnte auch sagen: ‚Jungs, jetzt ist es aber mal wieder laut hier am Freitagabend!‘ Das war halt vorher …, ein Dialog war ja nicht möglich.“ (11)
Ein Mitglied der sich weiterhin regelmäßig auf dem Sparrplatz versammelnden Trinker/innen
bedauert jedoch, dass der Mediationsprozess nicht mit einer Vereinbarung abgeschlossen
wurde, da bei ihm/ihr das Gefühl zurückblieb, selbst der anderen Partei entgegengekommen
zu sein, aber keine gleichwertige Gegenleistung erhalten zu haben. Er/sie fühlt sich weiterhin geringschätzig behandelt, obwohl die Gruppe der Trinker/innen heute Rücksicht auf die
Anwohner/innen nehme.

„Ich fände es gut, wenn man sich da geeinigt hätte, wenn die uns aber dann auch wirklich in Ruhe gelassen hätten. Weil so dieses Indirekte, so an uns vorbeigehen, so abfällig hingucken, Getuschel, das kriegen wir ja dann auch mit, ja? Weil, wir lassen die in
Ruhe und die lassen uns in Ruhe – das ist ja dann ‚miteinander auskommen‘, ne? Oder
Zweckgemeinschaft. Und ich meine, … wenn mal irgendwas gebraucht wurde, so jetzt
mal was helfen, tragen oder was, … da haben sie uns gefragt, ob wir da nicht mal irgendwie helfen können. Und das ist ja irgendwie auch ein Widerspruch, ja? Auf der einen Seite jetzt hier: ‚Ihr Säufer!‘ Aber da heißt es auch noch mal: ‚Ein paar starke Kerle,
die können da mal helfen.‘“
Von einigen Interviewpartner/innen wird der Umgang unter Anwohner/innen im Sprengelkiez
als mitunter immer noch „rau“ beschrieben.

155

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

156

„‚Kannst paar auf die Fresse kriegen! Was guckst du denn so?!‘ Und ne? Also hier ist
einfach ein rauer Umgangston, und wenn du da natürlich auf das andere Gegenüber
triffst, dann sagt der: ‚Ja, kannst du haben, kriegst auch von mir eine auf die Fresse!‘“
(7)
Aggressivität und Gewalt im öffentlichen Raum hätten aber insgesamt abgenommen.

„Im Großen und Ganzen, … Schlägereien oder Streitigkeiten …, das ist sehr zurückgegangen. Muss ich sagen.“ (10)
Dass das kommunale Wohnungsbauunternehmen die Räume nach mehreren Jahren weiterhin günstig zur Verfügung stellt, zeigt einerseits, dass für die Arbeit der Konfliktagentur vor
Ort weiterhin ein „hoher Bedarf“ (8) gesehen wird, und andererseits, dass diese ihre Arbeit
zufriedenstellend ausübt.
Darüber hinaus findet seit mehreren Jahren ein Wandel der Anwohnerschaft statt, der mit
dem Gentrifizierungsprozess im Kiez zusammenhängt. Während der Stadtteil früher eher
sozial schwach war, ziehen heute Menschen mit höherem Bildungsniveau und besseren Einkommen in den Kiez. Die Mieten steigen und angestammte Anwohner/innen finden vor Ort
keine bezahlbaren neuen Mietwohnungen mehr. Diese Entwicklung trage, so ein/e Mediator/in, auch zu einer Veränderung des Konfliktklimas im Kiez sowie damit einhergehend zum
Bedarf nach Stadtteilmediation bei.

„Wenn ich mir die Situation im Sprengelkiez angucke, wird der Bedarf etwas weniger,
weil die Szene sich auch hier verändert. Ja, also ich sagte auch vorhin, dass Cafés hier
einziehen, beispielsweise. Wir haben viele Studenten hier und insofern steigt das Bildungsniveau etwas. Man sieht es auch an den Häusern, teilweise werden sie auch saniert. Das heißt also, es ziehen hier auch immer mehr Leute hin, die auch etwas mehr
Geld haben, und ich unterstelle, je mehr Geld, umso größer ist die Möglichkeit, dass der
Bildungsstand auch höher ist.“ (3)

Zusammenfassung
Der Sozialraum Sprengelkiez war zu Beginn der Arbeit der Konfliktagentur von diversen sozialen Problemlagen betroffen und gehört in der Gegenwart weiterhin zu den im Berliner Vergleich am meisten belasteten Gebieten. In den letzten Jahren hat eine Veränderung der
sozialen Struktur im Rahmen des Gentrifizierungsprozesses stattgefunden. Der Kiez ist für
Menschen mit einem höheren Bildungsniveau attraktiv geworden.
Im Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes hat die Konfliktagentur laut der Aussagen aller
Befragter durch die Einbeziehung aller Konfliktakteure, allparteiliche Vermittlung sowie eine
„Objektivierung des Konflikts“ zu einer deutlichen Beruhigung der Konfliktsituation beigetragen. Die sozialen Beziehungen unter den Bewohner/innen des Stadtteils um den Sparrplatz

Fallbeispiel: der Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes

wurden nachhaltig verbessert und auf diese Weise konnte zu einem friedlicheren Zusammenleben beigetragen werden.
Gewalt und Aggressivität im Kiez sind laut Aussagen von Befragten zurückgegangen. Darüber, inwiefern die Konfliktagentur konkreten Einfluss auf das Maß an Gewalt und Aggressivität ausgeübt hat, inwiefern der Wandel der Anwohnerstruktur eine Rolle spielt oder ob
weitere Faktoren diese Entwicklung begünstigt haben, lässt sich hier keine Aussage treffen.
Das Angebot der Stadtteilmediation ist insofern als Instrument der Konfliktprävention geeignet, als dass Konflikte durch sie transparenter und „verstehbarer“ gemacht, Beziehungen
unter Anwohner/innen verbessert und Konflikteskalationen verhindert werden können.
Dadurch sinkt das Potenzial an Gewalt und Aggressivität und der Umgang unter Anwohner/innen verbessert sich. Zuträglich ist, dass verschiedene Akteure im Stadtteil (Polizei,
Wohnungsbaugesellschaft, Quartiersmanagement) Konfliktbeteiligte auf das Angebot der
Stadtteilmediation hinweisen, so dass es mehr Menschen wahrnehmen können.

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Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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Einfluss der Konfliktagentur auf die Entwicklungen im Kiez
Was den direkten Einfluss der Konfliktagentur auf den Kiez angeht, so lässt sich feststellen,
dass einige der Konflikte, mit denen sich die Konfliktagentur vor mehreren Jahren beschäftigte, so nicht mehr bestehen. Inwieweit die Konfliktagentur konkrete Wirkung auf das Konfliktklima im Stadtteil insgesamt ausgeübt hat oder inwiefern auch die Veränderung der Anwohnerstruktur zu einem veränderten Klima beigesteuert hat, ist schwer feststellbar.

„Insofern möchte ich jetzt nicht so vermessen sein und sagen: ‚Wir haben jetzt hier das
Klima verändert.‘ Sicherlich punktuell schon, das schon, ist klar. … Aber es ist eine Mischung, muss ich leider sagen.“ (3)
Was den Konflikt um die Nutzung des Sparrplatzes durch Trinker/innen angeht, so hat die
Konfliktagentur hier laut Aussagen von Befragten „professionelle Arbeit“ (14) geleistet, und
dadurch, dass der Konflikt „erklärbar“ und „entdämonisiert“ (14) wurde, spürbar zu einer
Beruhigung der Konfliktlage beigetragen.
Lokale Institutionen weisen etwa neue Mitarbeiter/innen auf das Angebot der Stadtteilmediation durch die Konfliktagentur hin, da sie deren Potenzial für die Beruhigung von Konflikten
im Stadtteil erkennen.
Auch wenn das Angebot der Konfliktagentur derzeit nicht sehr intensiv genutzt werde, sei es
für viele Menschen ein gutes Gefühl zu wissen, dass es das Angebot gebe.

„Also, ich glaube, es ist weniger, dass wir konkret einzelne Fälle bearbeitet haben, als
vielmehr so eine Ausstrahlung in den Kiez hinein, so. Also allein schon, dass die Leute
wissen, dass es uns hier gibt, bewirkt was. … Gestern … hat E gesagt: ‚Es ist einfach
gut zu wissen, dass es euch hier gibt. Wenn es dann Konflikte gibt, dass wir uns an
euch wenden können.‘“ (4)
Insgesamt genießt die Konfliktagentur heute unter den Anwohner/innen einen guten Ruf.

„Zumindest weiß ich, dass wir hier eine gute Reputation haben. Das kann ich auf jeden
Fall sagen. Also die Trinkerszene zum Beispiel, die hat uns immer in Schutz genommen.“ (3)
Selbst manche Anwohner/innen, die der Konfliktagentur früher eher skeptisch gegenüberstanden, haben ihre Sichtweise geändert. Damit ist die Konfliktagentur für viele Anwohner/innen zu einem festen Bestandteil des Lebens im Kiez geworden.

„Es war immer ein Anlaufpunkt für Leute, die Hilfe brauchten …. Ich denke, es wäre
schade, wenn es nicht mehr wäre. … Ja, ich sehe schon, dass da doch eine Menge passiert …. [Die Mitarbeiter/innen der Konfliktagentur, Anm. d. Verf.] haben auch eine
Menge Sachen geregelt, die eigentlich nicht in ihren Bereich gehören, also … die jetzt
wirklich sozial engagiert auch waren. Also dann irgendwie, … dass A irgendwelche

Einfluss der Konfliktagentur auf die Entwicklungen im Kiez

Amtssachen da für den C halt zahnarzttechnisch geregelt hat. Also, sie stehen dann irgendwie oder standen dann doch immer irgendwie den Leuten, die Hilfe brauchten, zur
Seite.“ (9)
Somit hat die Arbeit der Konfliktagentur auch zur Aufwertung des Stadtteils beigetragen, so
die Vermutung eines Mediators/einer Mediatorin.

„Natürlich haben wir … als Konfliktagentur mit für die Aufwertung dieses Kiezes gesorgt.
Ja, es sind Dinge besser geworden. So, wenn der Kiez aufgewertet wird, steigen die
Mieten. Also hab ich doch ehrenamtlich daran gearbeitet, dass meine Miete steigt, oder?“ (4)
Festhalten lässt sich, dass die Aktivitäten der Konfliktagentur über die konkreten Konfliktbearbeitungen hinaus einzuordnen sind, da sie längerfristige Impulse für die Veränderungen im
Kiez setzt. Insofern ist sie als Angebot der Gemeinwesenarbeit einzuordnen, was von den
dort tätigen Mediator/innen hervorgehoben wird:

„Man ist mit einem Projekt im Kiez verankert, hat Kontakte zu anderen Trägern, ist irgendwie Ansprechpartner. Das Besondere an der Gemeinwesenarbeit finde ich halt
auch, dass man sozusagen Teil des Ganzen ist, was ein klassischer Mediator nicht ist.“
(6)

159

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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Stadtteilmediation unter Ehrenamtsbedingungen
Motive und Erwartungen der Ehrenamtlichen
Die Motive für das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen lagen zum einen im
Wunsch, sich vor Ort zu engagieren, dort etwas voranzubringen und positiv zu verändern;
zum Beispiel, weil man sich dem Kiez verbunden fühlt, dort aufgewachsen oder bereits lange
Jahre dort ansässig ist.

„Ich wollte mich im Kiez engagieren und das war eine interessante Sache.“ (6)
„Ich … wollte mich schon immer im Stadtteil engagieren und da ein bisschen was in eine positive Richtung bewegen.“ (4)
„Es ist schon so was wie Verantwortung übernehmen. Also die Dinge hier nicht einfach
sich selbst zu überlassen, ja? … Und da ich Interesse auch hatte, dem Kiez irgendwie
nahezubleiben, und ja, wie gesagt, ein bisschen die Welt vielleicht zu verbessern, sage
ich mal, … bin ich dann halt dazu gekommen, mich zu engagieren.“ (3)
Ein anderer Beweggrund bestand darin, sich beruflich oder persönlich weiterzubilden, etwas
Neues zu lernen oder sich weiter zu qualifizieren: „Ich wollte was dazu lernen.“ (4)
Darüber hinaus bot das Ehrenamt die Möglichkeit, im Stadtteil soziale Kontakte zu knüpfen
und andere Menschen kennenzulernen.

„Ja, und vielleicht noch ein dritter Grund auch, ich war ja frisch in den Kiez gezogen:
Anschluss zu finden, Menschen kennenzulernen. Das hat auch wunderbar geklappt.“ (4)
Weitere Motive sind der eigene Umgang mit dem Thema Konflikt und das Ziel, dieses zu
reflektieren und konstruktiver zu gestalten.

„Ich konnte früher selber nicht sehr gut mit Konflikten umgehen …. Ich habe dann entschieden, also als ich gemerkt habe, dass irgendwie mein Umgang mit diesem Thema
nicht sehr gesund war, einfach dieses Thema mal aufzugreifen und … professionell zu
beleuchten. Und da bin ich eben zur Mediation gekommen, und das fand ich dann doch
sehr erhellend für mich, also gewinnbringend, wie kann ich anders mit Konflikten umgehen? Für mich persönlich.“ (3)
Die Erwartungen, mit denen die Stadtteilmediator/innen in ihr Ehrenamt gegangen sind,
haben sich zum Teil voll erfüllt und geben den Beteiligten ein hohes Maß an Befriedigung.

„Ja, die Erwartungen haben sich auf jeden Fall hundertprozentig erfüllt.“ (4)
„Gesucht – gefunden!“ (7)

Stadtteilmediation unter Ehrenamtsbedingungen

Dass vor allem auch die persönlichen Beziehungen und ein gutes Verhältnis unter den Mediator/innen eine große Rolle spielen, lässt sich anhand der Tatsache belegen, dass der Großteil der Ehrenamtlichen bereits seit mehreren Jahren dabei ist.
Zum Teil wirken sich aber das geringere Fallaufkommen der letzten Jahre und der selektive
Zuspruch durch bestimmte Zielgruppen negativ auf die Motivation der Ehrenamtlichen aus.
Dies kann Zweifel am Sinn des eigenen Engagements aufkommen lassen.

Erweiterung des ehrenamtlichen Angebots
Was die Angebotsstruktur des Trägers angeht, so ist diese derzeit im Wandel begriffen. Zum
einen wird die beständige Sorge um die Akquise ausreichender Finanzmittel, etwa für die
Finanzierung der Räume, von den Beteiligten als Belastung empfunden. Die Akquise von
Fördermitteln nimmt Zeit und Energie in Anspruch, die von der eigentlichen Arbeit der Freiwilligen abgeht. Zum anderen impliziert das ehrenamtliche Engagement, dass es für die
Ehrenamtlichen nie an erster Stelle steht, sondern zumeist hinter anderen Prioritäten – Arbeit, Familie – zurücktritt. Dies bringt mit sich, dass viele Prozesse längere Zeit in Anspruch
nehmen, als es beispielsweise im Beruf der Fall ist.

„Wir machen das ehrenamtlich. Die Leute sind hauptberuflich mit anderen Dingen beschäftigt und insofern verzögert sich die Erreichung unseres Ziels oder der Ziele, ganz
klar. Wir können also nicht ganz schnell bestimmte Projekte zum Beispiel in die Tat umsetzen. Und insofern, … wenn wir das alles hauptberuflich machen würden … und wir
würden ja die Konfliktagentur als unsere Geldquelle sehen, ich denke, dann würden wir
viel mehr unternehmen, viel mehr tun. Aber so ist es halt ein Ehrenamt.“ (3)
Einer der Kritikpunkte betrifft das hohe Maß an Verantwortung und Arbeitsbelastung, von
dem vor allem die Projektkoordination betroffen ist. Aus diesem Grund wünschen sich die
beteiligten Mediator/innen eine hauptamtliche Koordination.

„Also früher, da gab es ja noch Projekte, da haben unsere Koordinatoren Kohle bekommen. Also das ist das Mindeste, … dass zumindest sie auch noch Geld kriegen, weil,
sonst reißen wir uns hier den Arsch auf für-. … Da finde ich wirklich, geht es ums blanke
Überleben.“ (7)
Um dauerhaft ein hochwertiges Angebot zur Verfügung stellen zu können, müssen ausreichende Finanzmittel zur Verfügung stehen, um das notwendige Maß an Konzentration auf
die Konfliktbearbeitungen zu ermöglichen. Deshalb soll das Angebot erweitert werden. Das
22
gegen niedrige Spenden (fünf bis zehn Euro pro Sitzung) erhältliche Mediationsangebot
soll um ein sozialunternehmerisches Mediations- und Beratungsangebot ergänzt werden.

22

Hierbei handelt es sich um eine Neuerung, die vor ca. einem Jahr umgesetzt wurde.

161

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

162

„Unser Angebot wächst ja auch. … Und wir wollen also unser Portfolio auch nicht nur im
Hintergrund schlummern lassen, sondern das auch wirklich aktiv anbieten und dann …
gegen Spende beziehungsweise Honorar anbieten.“ (3)
Angedacht sind Workshops, Informationsabende, Konfliktcoaching sowie kostenpflichtige
Konfliktberatungen und Mediationen. Zusätzlich sollen Gelder über Kooperationen sowie
Projekte im Bereich Konfliktbearbeitung akquiriert werden, wovon eines bereits auf dem
Weg ist. Denn langfristig geht es „um eine Strategie zur dauerhaften Finanzierung“ (4).
Auf jeden Fall soll das niedrigschwellige, kostengeringe Angebot den Anwohner/innen des
Stadtteils weiter erhalten bleiben, das einen grundlegenden Bestandteil der Konfliktagentur
ausmacht.

„Wir wollen auf der einen Seite niederschwellig bleiben. Also Menschen, die wenig Geld
haben, sollen nach wie vor bei uns entweder kostenlos ... obwohl, eigentlich wollen wir
immer so einen ganz … kleinen Obolus haben, weil, was nichts kostet, ist nichts wert ….
Auf der anderen Seite, … wir brauchen ja doch eine gewisse Summe pro Monat, um die
Räumlichkeiten zu halten. Das geht gar nicht primär darum, uns zu finanzieren ….“ (3)
Bei der Akquise von Förderung zeigt sich auch, dass das Thema „Konflikt“ keins ist, das
leicht „zu verkaufen“ ist.

„Es ist natürlich leichter, was für Kinder zu machen. … Also es gibt Themen, für die bekommt man leichter Geld, leichter Spenden und so weiter. Die sind etwas eingängiger
als so ein Thema wie Konflikte. Also, wer spendet für Konflikte?“ (6)

Zusammenfassung
Die Motive der Ehrenamtlichen setzen sich zusammen aus dem Wunsch, im Kiez etwas zu
verändern, sich beruflich weiterzubilden, Kontakte zu knüpfen und persönlich einen besseren
Umgang mit dem Thema Konflikt zu finden. Diese Erwartungen haben sich überwiegend
erfüllt. Ein gutes Verhältnis untereinander ist den Mediator/innen sehr wichtig. Dass dieses
gegeben ist, zeigt sich daran, dass sich die meisten seit vielen Jahren im Projekt engagieren.
Negativ auf die Motivation wirkt sich allerdings aus, dass die Fallzahlen in den letzten Jahren
eher niedriger sind.
Eine Schwierigkeit der Konfliktagentur als Ehrenamtsträger mit eigenem Büro besteht darin,
einerseits genügend Zeit der Ehrenamtlichen für ein ständiges Angebot an Stadtteilmediation
zur Verfügung zu haben sowie andererseits ausreichende finanzielle Mittel für den Unterhalt
der Räumlichkeiten zu akquirieren. Die Konfliktagentur sieht eine Lösung darin, ein kostenpflichtiges Angebot aufzubauen. Optimal wäre außerdem eine hauptamtliche Koordination,
da der Arbeitsaufwand von einer ehrenamtlichen Person nicht zu leisten ist.

Stadtteilmediation als ein Angebot für Jugendliche

Stadtteilmediation als ein Angebot für Jugendliche
Fälle von Jugendgewalt werden von der Konfliktagentur in eher geringem Maße bearbeitet.
Hier sind andere Einrichtungen näher dran an den Jugendlichen, beispielsweise Streetworker/innen oder Jugendeinrichtungen. Gleichwohl sind Jugendliche des Öfteren in Konflikte –
wie Nachbarschaftsstreitigkeiten – verwickelt. Auch können Jugendliche als „Störer“ auftreten, die durch Lärm oder Aggressionsbereitschaft auffallen und somit Anwohner/innen belästigen. Auch Fälle von Vandalismus wurden berichtet, entweder durch Gruppen von Jugendlichen oder durch die Kinder in unterschiedlichem Alter einer vielköpfigen Familie und deren
Freund/innen.
Auch Drogen- und Freizeitprobleme von Jugendlichen sowie die Vernachlässigung und die
prekäre Situation von Kindern im Alter von 8 bis 14 Jahren wurden zeitweise von den Anwohner/innen als Problem thematisiert, auch wenn es sich hier nicht um Konflikte im klassischen Sinne handelt (Ergebnisbericht der MediatorInnen zur Situation am Sparrplatz 2008).
In solchen Fällen zeigt sich die Bedeutung der Kieznähe der Konfliktagentur. Sie können
auch ohne klassisches Mediationsverfahren vermitteln, je nach Situation anderweitige Maßnahmen anregen und Lösungsvorschläge von Bewohner/innen sammeln und weitergeben.
Die Frage, welchen Anteil jugendspezifische Fälle oder Fälle mit Jugendbeteiligung bei der
Arbeit der Konfliktagentur ausmachen, beantworteten die befragten Mediator/innen mit ca.
20 bis 25 Prozent. Es handelt sich dann häufig um Konflikte, in die ein oder mehrere Erwachsene auf der einen Seite und Jugendliche oder auch Kinder auf der anderen Seite verwickelt sind. Konflikte nur unter Jugendlichen kommen eher selten vor.

„Also es ist richtig, wir haben jetzt nicht unbedingt beispielsweise zwei Jugendliche oder
einen Jugendlichen mit, sage ich mal, kriminellem Hintergrund und ein anderer Betroffener hier und mediieren diese beiden. Das ist eher selten. Ich hab es zumindest
noch nicht hier erlebt.“ (3)
Allerdings gibt es Ausnahmen, in denen genau dies passiert, so beispielsweise eine Spontanmediation durch eine/n der Mediator/innen, bei der eine Prügelei verhindert wurde.

„Dass man raus geht. Also was ich auch schon mal hatte, ich hatte hier direkt vor der
Tür einen Konflikt unter Jugendlichen, bin raus gegangen und hab‘ die mediiert. Und
das ging super. Ich hab‘ die rein geholt, die wussten sicherlich auch nicht, was ich da
mache. … Die wollten halt ein Mädchen verprügeln und so und das ist halt dann ohne
das abgegangen. So, und das war auch ein bisschen ein schwieriger Fall. Also so was
funktioniert schon, dass man direkt eingreift in so was. Aber wir haben halt nicht die
Möglichkeiten. Dafür bräuchten wir ja wirklich Leute, die wir da vor Ort hinschicken und
bezahlen können.“ (6)

163

164

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

In den meisten Fällen werden Jugendliche eher selten von sich aus eine Institution wie die
Konfliktagentur aufsuchen – obwohl diese Einrichtung auch unter Jugendlichen im Kiez bekannt ist, wie die Interviewerin direkt vor Ort feststellen konnte. Das ist nicht weiter verwunderlich – nimmt man den Peer-Gedanken ernst, so muss man konstatieren, dass zu den
eingangs skizzierten Unterschieden zwischen Mediator/innen und Anwohner/innen hier das
Alter als ein weiterer wichtiger Faktor hinzukommt, der die Distanz noch vergrößert. Weiterhin sind unter Jugendlichen andere Formen der Konfliktaustragung üblich – „Aggressionen

bauen sie dann doch eher anders ab als zu reden“, so die Aussage eines/einer Interviewpartner/in (3) – und auch der Gang zu einer Konfliktagentur dürfte vielen schwerfallen
und sicherlich auch das Standing in der jeweiligen Clique beeinflussen. Diese Aspekte führen
dazu, dass Jugendliche generell als eher schwer erreichbar gelten. Gleichwohl waren sie
Konfliktpartei in bestimmten Auseinandersetzungen, z.B. Nachbarschaftsstreitigkeiten, und
als solche auch Teil von Konfliktbearbeitungsprozessen, haben sich also auf die von der Konfliktagentur angebotene Form, den Konflikt zu lösen, eingelassen. Hier wird deutlich, dass –
auch wenn sie von sich aus eher selten eine Einrichtung wie die Konfliktagentur aufsuchen –
Jugendliche an dem Angebot partizipieren, wenn sie aufgefordert bzw. einbezogen werden.
Die Konfliktagentur im Sprengelkiez versteht sich als Einrichtung des Kiezes und für den
Kiez. Dazu gehören natürlich auch Kinder und Jugendliche, die einbezogen werden, wenn es
angebracht ist, jedoch keine besondere Zielgruppe darstellen – was vor dem Hintergrund
des Selbstverständnisses der Konfliktagentur, für alle im Kiez da zu sein, auch nicht nötig ist.

„Also, was ich mir halt schon wünsche, ist, dass man unser Projekt wirklich etwas ganzheitlicher betrachtet und nicht nur anhand von Mediationsfällen und nicht nur anhand
von Jugendgewalt. Wir sind halt ein bisschen … wir sind halt wirklich ein Kiezprojekt oder ein Gemeinwesenprojekt.“ (6)

Zusammenfassung

Zusammenfassung
Obwohl die Bevölkerung des Sprengelkiezes sich auf Grund des vermehrten Zuzugs von
Menschen mit hohem Bildungsniveau und mittleren Einkommen in den letzten Jahren verändert hat, gehörte er bis 2013 immer noch zu den am stärksten belasteten Berliner Planungsräumen. In Folge der Entwicklungen der letzten Jahre hat sich die Heterogenität des Sprengelkiezes möglicherweise erhöht. Neben der ethnischen Diversität bestehen heute große
sozioökonomische Unterschiede unter den Anwohner/innen. Die ausgeprägten Differenzen
und anhaltenden Veränderungsprozesse bergen auch in Zukunft ein hohes Konfliktpotenzial.
Zudem gaben die Befragten an, dass Aggressivität und Gewalt im Kiez in den letzten Jahren
zwar zurückgegangen sind, aber weiterhin ein rauer Umgangston unter den Anwohner/innen
herrscht. Was Respekt vor Anderen und verbale Konfliktbeilegung angeht, bestehen im
Sprengelkiez Defizite und somit weiterhin Bedarf an Instrumenten der gewaltfreien Konfliktbearbeitung.
Der Konfliktagentur Sprengelkiez ist es gelungen, über viele Jahre ein Mediationsangebot zur
Bearbeitung von Nachbarschaftskonflikten in hoher Qualität vorzuhalten, das sich ausschließlich auf ehrenamtliches Engagement von als Mediator/innen ausgebildeten Anwohner/innen
stützt und das von Kooperationspartnern, Akteuren und auch Mediierten positiv bewertet
wird, wenngleich letztgenannte teils auch Kritik anmelden. Es entfaltet seine Wirkungen
nicht nur im Kontext von Konfliktbearbeitungen, sondern setzt längerfristige Impulse zur
Veränderung von Problemkonstellationen und zur Verbesserung des Klimas im Kiez und sollte insofern als ein Projekt der Gemeinwesenarbeit betrachtet werden.
Dass das Angebot der Konfliktagentur in den letzten Jahren nicht so stark nachgefragt wurde, hängt weniger mit dem mangelnden Bedarf vor Ort zusammen. Die Mediator/innen
selbst sehen eine der Ursachen vielmehr im eingeschränkten Zugang zu bestimmten Zielgruppen aufgrund einer gewissen „sozialen Distanz“ zwischen Mediierten und Mediator/innen. Zwar sind alle Mediator/innen im Kiez seit mehreren Jahren ansässig oder sind
dort aufgewachsen, sehen jedoch die Schwierigkeit, manche Bevölkerungsteile zu erreichen
– z.B. „Bildungsferne“, „Arbeitslose“ (3) –, d.h. Menschen, die eine gegensätzliche Biographie zu jener der Mediator/innen haben.
Neben einer Veränderung in der Zusammensetzung des Mediatorenteams, die verstärkt die
soziale Struktur des Stadtteils abbildet, könnten Strategien, schwer erreichbare Zielgruppen
auf das Mediationsangebot aufmerksam zu machen, auch darin bestehen, die Vermittlung
von Konflikten durch andere Akteure, wie z.B. die GESOBAU, auszubauen.
Fälle von Jugendgewalt werden von der Konfliktagentur in eher geringem Maße bearbeitet.
Jugendliche suchen von sich aus die Konfliktagentur nur in Ausnahmefällen auf, sind jedoch
des Öfteren in andere Streitigkeiten – wie Nachbarschaftskonflikte – verwickelt und partizipieren in solchen Fällen auch an der Vermittlung durch die Konfliktagentur.

165

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

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Da die Stadtteilmediator/innen ihre Arbeit ehrenamtlich ausüben, haben gute Beziehungen
untereinander einen hohen Stellenwert. Diese sind in der Konfliktagentur gegeben, die Befragten zeigten sich hiermit sehr zufrieden. Jedoch ist zu vermuten, dass auch der Motivation
der Ehrenamtlichen höhere Fallzahlen zuträglich wären.
Um die hohe Qualität ihres Angebots, das über die Kiezgrenzen hinaus bekannt ist, halten zu
können, die Projektkoordination zu entlasten und vorhandene Energien weniger auf die Akquise von Geldern für die Räumlichkeiten u.a., sondern stärker auf die inhaltliche Arbeit fokussieren zu können, will die Konfliktagentur ihre Tätigkeit um ein sozialunternehmerisches
Angebot erweitern.
Im Rahmen des Konflikts um die Nutzung des Sparrplatzes hat die Konfliktagentur bewiesen,
dass sie ein qualitativ hochwertiges Angebot niedrigschwellig, d.h. für jedermann im Stadtteil
zugänglich, zur Verfügung stellt. Der Konflikt konnte für die Beteiligten transparent gemacht
und die Konfliktakteure untereinander in Dialog gebracht werden. Es kam langfristig zu einer
Beruhigung der Situation vor Ort sowie zu einer Verbesserung der Beziehungen der beteiligten Akteure. Hier haben sich die Besonderheiten der Stadtteilmediation gezeigt: Aufsuchende Arbeit und Pendelmediation machen wichtige Bestandteile aus. Zudem hat die Mediation
Prozesse in Gang gesetzt – gemeinsame Aktivitäten von Konfliktparteien im Kiez, wie z.B.
das Sparrplatzfest, der längerfristige Einsatz eines Sozialarbeiters zur Unterstützung bei der
Problembewältigung –, die zu einer Befriedung der Situation beigetragen haben. Gleichzeitig
hat sich die Stadtteilmediation in diesem Zusammenhang als effektives Instrument für die
Prävention der Eskalation von Konflikten unter Anwohner/innen erwiesen.

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Literatur

Literatur
Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2014): Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund nach LOR und ausgewählten Herkunftsgebieten. https://www.statistik-berlinbrandenburg.de/Publikationen/OTab/2014/OT_A08_04_00_192_201302_BE.pdf,
01.04.2015.
Becker, Franziska/Riedel, Silka (2013): Gemeinwesenmediation. In: Stövesand, Sabine/Stoik,
Christoph/Troxler, Ueli (Hg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Traditionen und Positionen,
Konzepte und Methoden. Opladen/Berlin/Toronto, S. 425-430.
Behn,

Sabine/Kügler,

Nicolle/Lembeck,

Hans-Josef/Pleiger,

Doris/Schaffranke,

Dor-

te/Schroer, Miriam/Wink, Stefan (2006): Mediation an Schulen. Eine bundesdeutsche Evaluation. Wiesbaden.
Behn, Sabine/Brandl, Matthias (2002): Mediationsprojekte in Berlin. Berlin.
Bezirksamt Mitte von Berlin (Hg.) (2014): Bezirksregionenprofil 2014. Wedding Zentrum. Teil
I.
Ergebnisbericht der MediatorInnen zur Situation am Sparrplatz (2008). www.sparrplatzquartier.de/fileadmin/content-media/media/neue_Downloads/Prokotolle/BI_Sparrplatz/End
bericht_Mediatoren.pdf, 01.04.2015.
Götz, Monika/Schäfer, Christa D. (Hg.) (2008): Mediation im Gemeinwesen. Baltmannsweiler.
IHK Berlin/Handwerkskammer Berlin (Hg.) (2014): Berliner Wirtschaft in Zahlen. Ausgabe
2014.
Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales (Hg.) (2013): Handlungsorientierter Sozialstrukturatlas Berlin 2013.
Splinter, Dirk (2005): Gemeinwesenmediation. Projektlandschaft und State of the Art. In:
Spektrum der Mediation. Fachzeitschrift des Bundesverbandes Mediation e.V., H. 19, S. 1417.

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

168

Evaluatorinnen und Evaluatoren
Samera Bartsch
Samera Bartsch ist Politikwissenschaftlerin und seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei
Univation. Sie evaluiert vorrangig Programme und Projekte in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Interkulturelle Öffnung und Antidiskriminierung.

Sebastian Hilf
Sebastian Hilf studierte Geographie und Internationale Entwicklung in Wien und Rio de
Janeiro und ist derzeit in Berlin u.a. als Dozent in der universitären Lehre sowie der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit tätig.

Aline-Sophia Hirseland
Aline-Sophia Hirseland studierte Lateinamerikanistik, Politik- und Islamwissenschaft, bildete
sich zur Friedens- und Konfliktberaterin weiter und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Lateinamerika-Studien des German Institute for Global and Area Studies
(GIGA). Sie setzt Forschungsprojekte und Evaluationen mittels qualitativer Forschungsmethoden um. Inhaltliche Arbeitsschwerpunkte sind Ethnisierung und soziale Konflikte, Stadtteilentwicklung, Integration und Migration.

Michaela Raab
Michaela Raab ist Gutachterin, Beraterin und Trainerin. Sie verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte weltweiter Berufserfahrung zu den Themen Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechte und Gewaltprävention. Sie hat u.a. Gleichstellungsprojekte und Initiativen gegen
gender-basierte Gewalt im arabischen Sprachraum (insbesondere Ägypten, Israel/Palästina,
Libanon und Marokko) fachlich unterstützt und evaluiert.

Simone Stroppel
Simone Stroppel ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet seit 2013 als freiberufliche Evaluatorin und Gutachterin. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Evaluation von Programmen und
Projekten in den Bereichen Bildung und soziale Dienstleistungen.

Evaluatorinnen und Evaluatoren

Wolfgang Stuppert
Wolfgang Stuppert ist Doktorand der Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität. Er
vereint Methodenwissen in der empirischen Sozialforschung mit über zehn Jahren Erfahrung
in der Friedens- und Jugendarbeit. Er hat ein weites Spektrum von Umfrageinstrumenten
konzipiert und verwendet und im Rahmen seiner Evaluationstätigkeit verschiedene Umfragen
unter Kindern und Jugendlichen durchgeführt.

169

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt

170

Evaluierende Institute
Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention bei Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbe-

gleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbh
Die Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention begleitet im Auftrag der Landeskommission Berlin
gegen Gewalt die Umsetzung und Weiterentwicklung des Gesamtkonzeptes des Landes Berlin zur Reduzierung von Jugendgewaltdelinquenz. Die Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention
wird getragen von Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im
sozialen Bereich gGmbh. Zu den Aufgaben der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention gehören



die Durchführung eines jährlichen sozialraumbezogenen Monitorings zur Jugendgewaltdelinquenz in Berlin, das die Entwicklung von Jugendgewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen beschreibt und zu den umgesetzten Präventionsmaßnahmen in Beziehung
setzt,



die Evaluation von Maßnahmen und Projekten zur Prävention und Bekämpfung von Jugendgewalt, die in Berlin in den letzten Jahren durchgeführt wurden bzw. aktuell durchgeführt werden,



die übergreifende Auswertung der vorliegenden Evaluationen von gewaltpräventiven
Maßnahmen in Berlin im Sinne einer Evaluationssynthese,



die Durchführung von Fortbildungen und Inhouse-Schulungen zur Selbstevaluation von
Präventionsprojekten,



die Entwicklung von Qualitätsstandards für Präventions- und Interventionsmaßnahmen
zur Reduzierung von Jugendgewalt.

Univation Institut für Evaluation Dr. Beywl & Associates
Univation Institut für Evaluation Dr. Beywl & Associates GmbH ist auf die Durchführung von
Evaluationen, Evaluationsforschung und Weiterbildung im Bereich der Evaluation spezialisiert. Das Institut ist 1997 aus der „Arbeitsstelle für Evaluation pädagogischer Dienstleistungen“ der Universität zu Köln hervor gegangen. Kennzeichnend sind die interdisziplinäre Orientierung und das breite Methodenspektrum des Instituts. Der Evaluationsansatz von Univation orientiert sich an den Prinzipien der Nutzenorientierung, Responsivität und Partizipation
sowie der Wirkungsorientierung. Ein Schlüsselelement ist das eigens entwickelte logische
Modell, der Programmbaum. Univation engagiert sich intensiv für die Professionalisierung
der Evaluationspraxis, insbesondere über die Förderung der Evaluationsfachsprache in Form
eines Glossars der wirkungsorientierten Evaluation und den Austausch von Evaluierenden im
Rahmen des von Wolfgang Beywl moderierten Forums für Evaluation.

Gewaltprävention in einer pluralen Stadt	
Lüter/Bergert (Hrsg.)

									
Im Auftrag der Landeskommission Berlin gegen Gewalt

		

amino

Gewaltprävention in einer
pluralen Stadt.
Drei Projektevaluationen

Albrecht Lüter/Michael Bergert (Hrsg.)
        
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