Publication:
2019
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15364916
Path:
AUSGABE 1 2019
KOSTENLOS – ZUM MITNEHMEN

1

Liebe Pankerinnen und Panker,

IDEOLOGIE IM TÜRKISCHEN KINO :

gemeinsam mit dem Mops (siehe Titel) warten wir

DIE FIGUR DER
MIGR ATION 14. bis 29. März

sehnsüchtig auf den Frühling. Natürlich verbringt die
Panker 65 Redaktion ansonsten nicht die Zeit mit

Warten, sondern geht los, um zu erfahren, wie der

Stand der Bauarbeiten an der Wiesenburg ist und
welche Vereinbarungen zwischen den Wiesenbur-

gern und der degewo getroffen wurden. (S. 4)

Zur Unterstützung bei der Pflege der Parcoursschil-

THEMA: FR AUENTAG AM 8. MÄRZ

DER BRAND
IN DER TEXTILFABRIK

der rufen die Baufachfrauen auf und suchen Leute,

Eine Filmreihe mit kommentierten
Screenings kuratiert von Ömer Alkın
Der transnationale Projektraum bi’bak in Berlin-Wedding präsentiert vom 14. bis zum 29. März 2019 die Filmreihe IDEOLOGIE IM TÜRKISCHEN KINO – DIE FIGUR DER
MIGRATION. In sechs kommentierten Screenings zeigt
der Kurator und Medienwissenschaftler Ömer Alkın Filme aus dem türkischen Yeşilçam-Kino der 1960er und
70er Jahre, in denen national-islamische, nationale und
revolutionäre Positionen verhandelt werden.

die am Pankegrünzug regelmäßig einen Blick auf die
7 Schilder werfen, ggf. Schäden melden oder beschmierte Schilder säubern. Mehr dazu auf S. 6.

Wer war Otto Nagel? Er wurde am 27.9.1894 in der
Reinickendorfer Straße Nr. 67 geboren und war ein
Chronist seiner Zeit. Daniel Becker hat sich auf eine
ausführliche Spurensuche begeben. Das Porträt lest
ihr ab Seite 8.

Mit einer erstmaligen englischsprachigen Untertite-

lung der Filme von Yücel Çakmaklı, Halit Refiğ und

Kulturen im Kiez e. V. bietet ein neues Projekt für

Yılmaz Güney eröffnet die Filmreihe einer breiteren

Romnija. „Zurale Phenja“ ist der Name des neu-

Öffentlichkeit den Zugang zu einem entscheidenden

en Projekts und das bedeutet so viel wie „Starke

Depot migrationskulturellen Gedächtnisses.

Schwestern“. Zum Projektauftakt hat die Mädchen-

gruppe den Raum am Utrechter Platz nach eigenen

Bereits in den 1960er und 70er Jahren waren in der

Vorstellungen gestaltet. (S. 10)

Türkei die Fronten zwischen islamisch-konservativen,

nationalistischen und sozialistischen Positionen ver-

Informationen über den Beruf der Fachkraft für

härtet. Besonders die Filme der Yeşilçam-Filmindustrie

Schutz und Sicherheit gibt es von IN MITTE FÜR

machen diese politischen Konflikte sichtbar. Bemer-

MITTE. (S. 15) Außerdem im Heft: eine Theaterauf-

kenswert an den Filmen jener Jahre ist, dass die Migra-

führung in der Herbert-Hoover-Schule, ein wahrhaf-

tion nach Westeuropa darin oftmals als erzählerisches

tig lustiges Statement vom Gummibärchenorakel

Moment dient, um die politisch-ideologischen Konflik-

Ewald Schürmann und ein tolles Rezept von ihm.

te der Türkei auszutragen. Die Beschäftigung mit den
in Deutschland größtenteils unbekannt gebliebenen

Der Frühling kommt!

Filmen von Yücel Çakmaklı, Halit Refiğ und Yılmaz Gü-

Eure Panker-Redaktion

ney, den Repräsentanten dreier ideologisch konträrer
Positionen, bedeutet zum einen die Aufarbeitung eines
Teils deutscher Migrationsgeschichte: Migrant*innen

fungieren als Vehikel des ideologischen Programms

der Filme. Zum anderen ermöglicht die Filmreihe auch
ein Verständnis der heutigen ideologischen Prägung
des Landes zwischen Islam, Nationalismus und (linkem) Revolutionsdrang.

2

Text: Ege Gören (Schülerpraktikant bei georg+georg)

Text und Abbildung: bi’bak

3

Was passier t

mi t d e r

?

Kommt man dieser Tage an der Wiesenburg vorbei, sind
die Bauarbeiten auf dem Gelände nicht zu übersehen.
Eine Baustraße für Bagger und Geräte wurde geschaffen,
die einmal ums Gelände hinter der Turnhalle herumführt.
Bäume des verwunschenen Wäldchens hinter dem Wohnhaus der Wiesenburg wurden bereits seit vergangenem
Herbst entfernt. Doch was passiert dort eigentlich gerade?

turort mitreden zu können und von Politik und degewo

Die berlinweit einzigartige Kulturstelle Wiesenburg

Laut Plan der degewo sollen in mehreren Häusern

ist seit 2015 im Besitz des Wohnungsbauunternehmens degewo AG. Aufgrund der sich verändernden

Stadt und des immer größer werdenden Wohnungs-

problems wurde auch das historische Gelände der
Wiesenburg für den Neubau von Wohnungen auser-

koren. Die gewerbetreibenden und kunstschaffenden
Wiesenburger haben in diesem Zuge einen Verein gegründet, um bei den Entscheidungen über ihren Kul-

gehört zu werden. Es gab lange Verhandlungen, Plä-

ne und Ideen wurden geschmiedet und es konnte vor
etwa zwei Jahren ein für alle Seiten zufriedenstellen-

der Konsens zu einem Neubau gefunden werden. „So

schön und so märchenhaft die Wiesenburg war, kann

leider nicht alles gerettet werden“, kommentiert Enno
Kuck, Vorstandsvorsitzender des Die Wiesenburg e. V.

102 Wohnungen mit einem bis vier Zimmern sowie
drei Gewerbeflächen Platz finden. Auch Atelierräume
sind eingeplant. Die Fertigstellung steht für das Frühjahr 2021 in Aussicht. Doch wie die Wiesenburger berichten, ist dies keine gewöhnliche, sondern eine sehr

sensible Baustelle. Wo in den letzten Jahren Pflanzen

wild wuchern konnten, gab es Anfang des 19. Jahr-

hunderts Schlafsäle des Obdachlosenasyls, für das

Viele Gebäude der Wiesenburg wurden durch den Krieg zerstört – Ruinen neben dem erhaltenen Wohnhaus zeugen noch davon

die Gebäude ursprünglich genutzt wurden. Alle dazu-

Feistel, ebenfalls Vorstandsmitglied der Wiesenburg,

reich, auf dem bald schon gebaut werden soll. Dazu

wie schlimm das gerade ist, da sonst in Vergessenheit

gehörigen Häuser waren unterkellert, so auch der Be-

muss also zunächst der Boden verdichtet werden, der
zuvor auch den Bäumen nicht viel Halt geboten hat –

ein paar von ihnen waren vergangenen Herbst durch
einen Sturm bereits umgefallen.

Neben den Neubauten wurde zwischen den Wiesen-

burgern und der degewo ebenfalls vereinbart, dass
jetzige Mieter*innen und Kunstschaffende auf dem
Gelände bleiben dürfen. Für die Vereinsmitglieder ist
der bestehende Konsens „das Beste, was aus den

Verhandlungen rausgeholt werden konnte“. Die Inte-

ressen der Ansässigen in gemeinsamen Gesprächen

de: Nämlich, dass alle Leute bleiben können und Platz

für Neues geschaffen werde. Jede*r auf der Wiesenburg hat eine eigene Geschichte und Beziehung zum

Gelände und somit sei es mehr als verständlich, dass
so mancher Alteingesessener die Bauarbeiten „zum

Kotzen“ findet. Ebenso verständlich sei aber auch der
große Druck auf Seiten der Stadt und die Tatsache,

dass in Anbetracht der angespannten Wohnungslage
solche zentralen Orte mit viel Potenzial nicht einfach
in Ruhe gelassen werden können.

Damit ist klar, was Neues zur Wiesenburg hinzukommt.

sehen sie als großen Erfolg. Großen Anteil daran

zukünftig verwaltet werden. Dazu gibt es noch laufen-

habe auch der Denkmalschutz, der sich sehr für den

Erhalt des Gebäudes eingesetzt habe. Auch den jetzigen Mieter*innen der alten Gemäuer ist klar, dass

hier saniert werden muss, damit nicht alles irgend-

4

gerate, was in den vergangenen Jahren erreicht wur-

mit der Politik, Architekt*innen, Quartiersmanagement und der degewo so weit nach vorn zu bringen,

Die Bauarbeiten für neue
Wohnh­äuser und Gewerbeflächen sind in der Wiesenstraße
schon im vollen Gange. Durch
eine Baustraße um die Turnhalle sind beide Einfahrten für
Bagger und Co. miteinander
verbunden

die aktuelle Situation. Aber man dürfe nicht nur sehen,

wann zusammenfällt. Der Gewerbebereich mit Kunst
und Kultur im hinteren Teil soll erhalten bleiben, das
Wohnhaus vorn ebenso und die zerstörten Ruinen sollen wieder aufgebaut werden. „Natürlich ist es für jeden, der sich hier auskennt, unglaublich schmerzhaft

zu sehen, wie jetzt angefangen wird, Sachen einzurei-

ßen. Das sieht auch nicht schön aus“, beschreibt Dirk

Unklar ist derzeit noch, wie die bestehenden Gebäude

de Verhandlungen zwischen degewo, dem Verein der
Wiesenburg und einer Genossenschaft. Näheres kann

momentan noch nicht geäußert werden, aber es gehe

laut Verein in die richtige Richtung. Feistel und Kuck

verrieten nur so viel, dass es ein großes Fest geben
wird, sobald etwas zu feiern wäre. Ein Festival wie

in den vergangenen Jahren kann 2019 aufgrund der
Verhandlungen und Bauarbeiten allerdings nicht statt-

finden. „Dafür wird es aber wieder ein paar kleinere
Veranstaltungen geben“, ergänzt Feistel tröstend.
Text und Fotos: Luise Giggel

5

Das Projekt beWEGen

AUF DIE PLÄTZE, FERTIG, LOS! fand zum Jahresende seinen Abschluss.

Auf dem Weihnachtsmarkt am Nettelbeckplatz freu-

gungsfestivals, initiiert und durchgeführt. Und wir ha-

zahl unserer mobilen Bewegungs- und Spielelemente

an Quartiersveranstaltungen beteiligt.

ten wir uns, im weihnachtlichen Ambiente eine Vielaus drei Jahren Projektaktivität zu präsentieren. Die

Bewegungselemente wurden mit den Menschen aus
dem Quartier entwickelt und gebaut. Und wie immer,
wenn wir auf den Plätzen und Alltagswegen im Quar-

tier unterwegs waren, gab es auch auf dem Weih-

nachtsmarkt viele Mitmachangebote mit Spiel, Spaß
und Bewegung. Der Weihnachtmarkt war eine Veranstaltung des Projekts „Unterstützung der Kiezgewer-

ben uns regelmäßig mit unseren Bewegungsformaten

Darüber hinaus wurden von uns bei Reparaturrallyes
die festinstallierten Bewegungselemente, wie die Ver-

leihkisten mit den Spiel- und Bewegungsangeboten,
den Schildern der PankeParcours I,II am Pankegrünzug von der Gerichtstraße über die Pankstraße zur

Schönstedtstraße, sowie die Bewegungsmodule auf
den Spieleplätzen regelmäßig gewartet und gepflegt.

be“ (STATTwerk Consulting GmbH) in Kooperation mit

Vielen Dank an die vielen Menschen aus dem Quar-

tiiert vom Quartiersmanagement Pankstraße.

ben! Dankbar sind wir für die vielen Begegnungen und

dem Projekt „unverblümt Kulturexpeditionen“ und ini-

Wir, das Team von BAUFACHFRAU Berlin e. V., haben
drei Jahre lang viele Aktionsspaziergänge und vie-

le unterschiedliche Mitmachaktionen, vom Warming
Up über Open-Air-Werkstätten bis zu kleinen Bewe-

tier, die mitgemacht, mitgestaltet und mitgebaut haden Austausch mit den interessierten und engagierten
Menschen im Quartier. Wir durften viele unterschiedliche Einrichtungen und Orte kennenlernen, sodass wir
mittlerweile das Gefühl haben, den Pankekiez besser
zu kennen als den eigenen.

Unser ganz herzlicher Dank gilt Frau Altunkaynak
mit ihrem Team des Quartiersmanagement Pank-

straße, das uns gefördert, immer unterstützt und an
unsere Ideen geglaubt hat.

Zum Schluss eines Projekts wird bilanziert, Projekt-

ergebnisse aufgelistet, Erfolge und Rückschläge
analysiert und die Teilnehmer*innen gezählt.

Und so bleibt zum Schluss noch ein ganz großer

Wunsch: Falls Sie sich ein Engagement für einen
schönen und bewegten Kiez vorstellen können,
dann hätten wir das passende Angebot.

Montage der Parcoursschilder

6

Baufachfrauen-Aktion Reparaturrallye
Text und Bilder: Jutta Ziegler, Bild auf dieser Seite: georg+georg

7

OTTO NAGEL
EIN W EDDINGER VON FORM AT

Der Titel des Bildes: Weddinger Jungen. 1928 von Otto Nagel
gemalt. Zu sehen in der Ausstellung „Freiheit – Die Kunst der
Novembergruppe 1918 – 1935“ in der Berlinischen Galerie.
Die Ausstellung endete am 11.03.2019. Es gibt ein ausführliches
Buch zu dieser Ausstellung.

schaft mit einem Ateliermalverbot belegt und seine
Kunst als „entartet“, sprich: „nicht deutsch“, eingestuft wurde und er auch einige Zeit im Konzentrati-

onslager verbringen musste. So widmete er sich den

ihm, dass er die Figuren von Angesicht zu Angesicht

auch dem Wedding. Dabei porträtierte er das proleta-

er aus diesem „Milljöh“ stammt. Er verwendet in sei-

Straßenzügen und Stadtansichten Berlins, natürlich

kennt und genau beobachtet hat, nicht zuletzt, weil

rische Berlin, dessen physische und soziale Existenz

nem Buch den typischen Weddinger Slang seiner

von den Bombenangriffen und den heranrückenden

Zeit. Die „Zichorienlorke“ ist vielleicht noch ein Be-

sowjetischen Truppen des 2. Weltkrieges bedroht und

griff, aber das „fechten“ keine Auseinandersetzung

letztendlich auch großteils zerstört wurde. Den Rest

besorgten dann die stadtplanerischen Umwälzungen

mit einem Degen bedeutet, oder was ein „Sechser“

der 50er bis 80er Jahre.

In seinem Buch Die weiße Taube oder Das nasse Drei-

Der Kunstmaler Professor Otto Nagel vor seinem Selbstporträt
(7.12.1949) Bundesarchiv, Bild 183-R91789

Nach dem Krieg ging er in den späteren Ostteil Berlins

Obdachlosen und anderen AUSGESTOSSENEN der

Otto Nagel war ein Chronist des Weddings, in Bild

DDR, unter anderem bekleidete er das Amt des Präsi-

und Wort. Viele seiner Bilder und sein einziger Ro-

man beschäftigen sich mit dem alten Bezirk. Seine
Herkunft hat ihn stark geprägt, in künstlerischer, wie

in politisch-sozialer Hinsicht. Er war eng mit Heinrich
Zille und Käthe Kollwitz befreundet, über beide veröffentlichte er auch Bücher. Drei Jahre nach seinem Tod
wurde er 1970 zum Ehrenbürger Berlins ernannt, dies

wurde auch nach der Wiedervereinigung beibehalten,

und wurde zu der führenden Künstlerfigur der frühen
denten der Akademie der Künste der DDR und wurde

vielfach für seine künstlerische und politische Arbeit

geehrt. Er war Mitglied der ersten Volkskammer, dem
Parlament der DDR, wandte sich aber entschieden

gegen eine engstirnige, ideologisch-gesteuerte Kul-

turpolitik, welche er unter den Nazis am eigenen Leibe
erfahren hatte.

eck beschreibt Nagel die Situation von Arbeitslosen,
Gesellschaft während und nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Ihr Lebensmittelpunkt ist die Eckkneipe Das nasse

Dreieck nahe der Panke, der Name ist „Programm“.

Er erzählt die Geschichte eines Abstiegs, den Kampf

ter“ kein Nachmieter sondern ein Untermieter ist?! Ich
habe beim Lesen vieles wiedererkannt, habe mir „Das

nasse Dreieck“ als konkreten Ort vorstellen können
und habe den Wedding doch auch noch einmal ganz
neu kennengelernt.

Freundschaft, Verrat und das kleine Glück. Er erzählt

higkeit, die Verhältnisse, die ihn umgaben und denen

neuen Verhältnisse einzulassen, aber auch über

die Geschichte lebendig und ohne Pathos. Man glaubt

lichkeit. Von seiner Beobachtungsgabe, seiner Fä-

er selber entstammt, zu reflektieren, können viele
moderne Künstler noch viel lernen. Seine Bilder, wie
auch sein Roman bekommen durch seinen individu-

ellen Stil eine besondere Tiefe und transportieren auf

diese Art viel mehr, als eigentlich dargestellt ist. Er

in eine sozialdemokratische Handwerkerfamilie gebo-

hatte ein ungewöhnliches Gefühl für Menschen und

ren, und er trat selber schon mit 18 Jahren der Partei

Lebensumstände. Er ist ein Maler des Weddings, er

bei. Seine künstlerische Begabung wurde bereits früh

hat eine Lebenswelt festgehalten, die andere lieber

erkannt. Und nach einer abgebrochenen Ausbildung

verschwiegen haben. Er ist allgemein nicht so bekannt

als Glasmaler baute er seine Fähigkeiten weitestge-

wie Zille mit seinen karikaturhaften Darstellungen. Er

hend ohne Anleitung weiter aus und entwickelte unter

wählte einen direkteren, konfrontativeren Weg für sei-

Einfluss des Expressionismus seinen ganz eigenen

ne Darstellungen, die mindestens eines zweiten Bli-

Porträtstil. Eng verbunden mit seiner Kunst und sei-

ckes bedürfen. Es lohnt sich, diesen Künstler wieder-

nem Stil ist sein politisches und soziales Engagement.

zuentdecken und mit ihm einen wichtigen Abschnitt

Seit 1920 Mitglied der KPD, gab er von 1928 bis 1933
das linke Satiremagazin Eulenspiegel heraus. Sein

8

menhang. Und wer weiß schon, dass ein „Aftermie-

Otto Nagel war eine herausragende Künstlerpersön-

1894 wurde Otto Nagel in der Reinickendorfer Straße

Ausrichtung führten dazu, dass er unter der Naziherr-

ergibt sich für den Leser heute nur aus dem Zusam-

ums Überleben und die Möglichkeiten, sich auf die

sein Grab wurde zu einem Ehrengrab der Stadt.

Stil, der Inhalt seiner Malerei und seine politische

ist oder unter „beschnarchen“ zu verstehen ist, das

Die Gedenktafel am Geburtshaus von Otto Nagel in der
Reinicken­d orfer Straße Nr. 67

Eröffnung der Ausstellung „Künstler schaffen für den Frieden“
am 1.12.1951 in den Staatlichen Museen in Berlin. Otto Nagel im
Gespräch mit dem Präsident der DDR Wilhelm Pieck und dem
Ministerpräsident Otto Grotewohl Bundesarchiv, Bild 183-12773-0003

Weddinger Geschichte.

Text und Foto linke Seite unten: Daniel Becker
Foto rechte Seite oben: Ingeborg Schürmann

Fotos (linke Seite oben und rechte Seite unten): Bundesarchivbilder von WIKIMEDIA COMMONS
Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/ (Es wurden keine Änderungen an den Bildern vorgenommen.)

9

ZURALE
PHENJA

MÄDCHEN UND
JUNGE FRAUEN
GESTALTEN IHRE
RÄUME SELBST

Raum machen? Und wie muss er dazu eingerichtet
sein? Eine Woche später wurde ein maßstabsgetreues

Ideenwerkstatt: Gemeinsam mit den Baufachfrauen planen die
Mädchen die Raumgestaltung

Modell des Raums, das die Baufachfrauen zwischen-

zeitlich in ihrer Werkstatt angefertigt hatten, von den
Mädchen eingerichtet. Dazu haben sie die geplante
Inneneinrichtung en miniature aus Pappe und Holzstäbchen gebastelt. Bevor die Baupläne in die Tat umgesetzt wurden, haben die Mädchen zunächst noch
die Wände in ihren Wunschfarben gestrichen. In den

Winterferien konnte es dann mit dem Innenausbau

losgehen: Jeden Tag wurde gemessen, gesägt und
geschraubt.

„Wir haben in den Raum einen Podest gebaut. Darauf

werden wir Kissen legen und können es uns gemütlich

machen. Das wird unsere Kuschelecke. In die Regale
kommen Spielzeuge und Bastelmaterial. Ein anderes

Kulturen im Kiez e. V. bietet ein neues Projekt für Romnija

Regal haben wir für die Schuhe gebaut“, erklärt die
elfjährige Aysela die Inneneinrichtung. Helena, 11 Jah-

ZURALE PHENJA IST ROMANES UND BEDEUTET
„STARKE SCHWESTERN“

Mehr Selbstbewusstsein, Handlungsfähigkeit und
Freiheiten – das Ziel von Zurale Phenja ist es, junge Romnija dabei zu unterstützen, ihre persönlichen

Stärken zu entdecken und weiterzuentwickeln. Das
Projektangebot ist flexibel und vielfältig gestaltet, weil
eigene Ideen der Mädchen und jungen Frauen ihren

Raum haben sollen. Gemeinsam werden pädagogisch

Community gewachsen ist“, sagt Gottfried Uebe­le,
Vorsitzender des Vereinsvorstandes mit Verweis auf

das Sozialberatungsprojekt für EU-Zugewanderte,
das Kulturen im Kiez e. V. seit 2016 mit Mitteln der EU,

des Bundes und des Landes Berlin betreut. Das neue
Projekt Zurale Phenja wird über den Netzwerkfonds

im Programm „Soziale Stadt“ gefördert und läuft noch
bis Sommer 2021.

betreute Freizeitaktivitäten geplant: zusammen ko-

EIN EIGENER RAUM, SCHÖN UND GEMÜTLICH

künftigen Angebot gehören auch Sprachkurse, Unter-

Raum am Utrechter Platz nach eigenen Vorstellungen

chen, spielen oder einfach mal ins Kino gehen. Zum

Zum Projektauftakt hat die Mädchengruppe den

stützung bei der Berufsfindung sowie Hausaufgaben-

gestaltet. Mitgearbeitet haben elf Mädchen im Alter

hilfe.

„Sehr wichtig ist, dass wir das soziale Umfeld und die

Familien der Mädchen und jungen Frauen mit einbeziehen. Hier kommt uns zugute, dass wir bei Kulturen im

Kiez bereits seit Jahren in Projekten für und mit Roma

arbeiten, und darüber ein Vertrauensverhältnis mit der

10

von neun bis zwölf Jahren. Unterstützt wurden sie
dabei von Architektinnen und Handwerkerinnen der
Baufachfrauen. Dieser Verein hat sich spezialisiert auf
partizipative Lernwerkstätten mit Holz.

In einer Ideenwerkstatt haben sich die Mädchen über

ihre Wünsche ausgetauscht: Was wollen wir in diesem

re, ergänzt: „Die Baufachfrauen haben uns dabei ge-

holfen. Am Anfang haben sie uns erklärt, wie man mit
den Werkzeugen umgeht. Und dann haben wir Schritt

für Schritt die Möbel gebaut. Mir hat am meisten gefallen, als ich die große Bohrmaschine hatte, und damit Schrauben ins Holz reindrehen durfte.“

Eine Wand schmückt jetzt ein „lebensgroßes“ lilafarbenes Einhorn. Denn Einhörner sind schön, darin sind

sich die Mädchen einig. Die elfjährige Aysela freut
sich: “Das Einhorn haben wir uns gewünscht. Nur der
Glitzer fehlt noch. Aber es ist jetzt schon sehr schön.“

Der zwölfjährigen Mirela hat das Streichen besonders

viel Spaß gemacht. Am wichtigsten ist ihr, dass der
neue Raum ein Raum nur für Mädchen ist. „Der Raum

ist für uns Mädels. Den haben wir gestaltet, wie wir
wollten. Es sollte schön und gemütlich werden. Hier

können wir uns ausruhen, spielen, Bücher lesen oder
tanzen. Wir haben auch einen Laptop; mit dem können wir für Hausarbeiten lernen und bei einem Kinoabend Filme ansehen.“

Text: Kulturen im Kiez e. V., Fotos: Milena Ademovic

11

Prophezeiung scheint sich also wieder zu erfüllen. Er

muss gemeinsam mit Jugendlichen, die wirklich Straf-

täter sind, in der texanischen Wüste Löcher graben.

Aber er nimmt sein Schicksal in die eigene Hand
und versucht die Zeit im Straflager zu nutzen um le-

sen zu lernen. Weil ihn die Aufseher immer zur Arbeit
antreiben, flieht er zusammen mit einem Freund. Bei-

de kommen hinter das Geheimnis des sogenannten

Jugend­arbeitslagers, das einzig zum Ziel hat, einen
irgendwo vergrabenen Schatz wiederzufinden. In ihAm 24. Januar 2019 hatte das Theaterstück „Löcher“

nicht von einer gelb gefleckten Eidechse gebissen

jährlich gibt es für Eltern und ihre Kinder dieses An-

es war mucksmäuschenstill. Im Publikum waren auch

in der Aula der Herbert-Hoover-Schule Premiere. Allgebot des Theaterkurses der 10. Klasse. Plakate, Ein-

lasskarten, Bühnenausstattung und Masken werden

von den Jugendlichen und ihrer Kursleitung mit viel
Engagement vorbereitet. An originellen Ideen mangel-

te es wieder nicht. Zum Beispiel am Einlass, wo die
Kartenabreißer Spannung erzeugten mit komischen

Bemerkungen, wie etwa: „Passen Sie auf, dass Sie

12

werden.“ Pünktlich um 18 Uhr ging das Licht aus und

geladene Gäste anderer Schulen und Eltern, vor allem
Eltern der Darsteller*innen. Mit interessanten Lichteffekten und musikalischen Wohlklängen entwickelt sich

rem kurzweiligen 60-minütigen Spiel überraschen die

Schüler*innen durch eine ausdrucksstarke Sprache
und Gestik. Sehr bewegend anzusehen ist die Wand-

lung von Stanley: Aus einem still erduldenden wird

ein entschlossener, willensstarker Mensch, der einem
Freund in Not hilft und damit auch sich selbst befreit.

die Handlung: Stanley, ein 14-jähriger amerikanischer

Junge, will sich von dem Fluch, der über seiner Fami-

lie hängen soll, befreien. Unschuldig kommt er in ein

Straflager, weil er Turnschuhe gestohlen haben soll. Die

Bild links: Höhlenmensch (Fatma) und Zero (May) finden sich
und einen Schatz

Text: Dietlind Mandel, Fotos: Michael Nix

13

..

Fachkraft für Schutz
und Sicherheit –

NEIN, K EIN TÜRSTEHER!
Mustafa war ein normaler Schüler, gar nicht schlecht,
aber ohne Plan für die Zukunft. Nach einer Berufsvorbereitungsmaßnahme startete er ohne große Be-

geisterung eine Ausbildung als Maler. Ein gutes Jahr
hielt er durch, dann brach er ab, blieb arbeitslos und
landete wieder bei der Clique im Jugendzentrum.
Auch wurde ihm schnell klar, dass der Job im Fahrrad­
laden seines Onkels auf Dauer nichts war.

Dann lernte er Frank, einen Freund seines älteren

MARMELADE AUS
BLUTORANGEN

(SIZILIEN: MARMELL ATA DI ARANCIA ROSSA)

Sizilianische Blutorangen kommen immer erst ab Januar auf den Markt und sind dann nur noch einige

Wochen erhältlich. Deshalb ist diese an Vitamin C und
vielen weiteren Vitaminen reiche Frucht ein gutes Produkt für eine frische Winter-Marmelade. Die typische

Rotfärbung kommt durch die starken Temperatur-

schwankungen vor allem auf den vulkanischen Böden
um den Ätna auf Sizilien zustande, wodurch anthozyane Farbstoffe entstehen. Der besonders intensive Duft

der Orangenschale soll bei Stimmungstiefs, vom Win-

terblues bis zur Depression, therapeutisch helfen und

wieder gute Laune machen. Also alles paletti für eine
leckere knallrote Marmelade!

Früher war jede einzelne Blutorange noch in wunderschön bedrucktes farbiges Papier gehüllt. Heute gibt

es kein Wickelpapier mehr, sondern die Orangen sind
in roten Plastiknetzen verpackt. Aufgeschnitten zei-

gen sie nicht unbedingt durchweg eine tiefe Rötung,
sondern manchmal auch eine hellrote Farbe. Das tut

aber ihrem typisch süßlich-säuerlich bis herben Ge-

schmack keinen Abbruch, sie gehören auch zur Ernte
der Blutorangen mit gleicher Qualität.

14

Text und Fotos: Ewald Schürmann

Bruders, kennen. Frank wurde Türsteher genannt. Als
Mustafa ihn darauf ansprach, sagte dieser mit einem
Lachen: „Wer das sagt, hat keine Ahnung von meinem

Beruf. Ich habe eine dreijährige Ausbildung zur Fach-

umgeht. „Wie man das macht, lernst Du auch in der

macht. Türsteher zu machen, ist da die große Ausnah-

mit Waffen, Erste Hilfe und Kundenberatung.“ beru-

kraft für Schutz und Sicherheit mit IHK-Abschluss geme.“ Was Frank von seiner Ausbildung und der Arbeit,
die er gleich nach der Ausbildung fand, berichtete,
faszinierte Mustafa.

Verantwortung für Menschen und Dinge zu tragen,
Gefahren zu erkennen und gegebenenfalls blitzschnell

Ausbildung, genauso wie Nahkampftechnik, Umgang

higte Frank ihn. Mustafas Entschluss stand fest: „Ich
mache wie Frank eine Ausbildung zur Fachkraft für
Schutz und Sicherheit.“ Offene Ausbildungsstellen
fand er schnell im Internet und Frank würde ihm bei
der Bewerbung helfen.

zu reagieren, das zieht sich wie ein roter Faden durch

Der Beruf Fachkraft für Schutz und Sicherheit ist

bildung lernt man das Notwendige für den Schutz

Bewerbungen von Frauen. Auch ist der Beruf für le-

die Ausbildung – das war was für Mustafa! In der Aus-

von Anlagen und Objekten, für den Personenschutz,
der Sicherung von Großveranstaltungen und für die
Absicherung von Werttransporten. Frank arbeitet

derzeit in der Leitzentrale eines großen Wachschutz-

nicht nur etwas für Männer. Überall freut man sich auf
benserfahrene Quereinsteiger sehr gut geeignet. Für

sie gibt es die Umschulung zur Fachkraft für Schutz
und Sicherheit.

unternehmens, wo alle Fäden zusammenlaufen. Bei
einem Alarm entscheidet er wie zu reagieren ist und

trifft Anweisungen. Verwaltungskram wie Einsatzpläne

und Berichte schreiben fällt hier auch noch an. Vor der
vielen Alarm- und Sicherheitstechnik, von der Frank
auch erzählte, hat Mustafa keine Angst. Die Arbeit im

Fahrradladen hatte gezeigt, dass er technisches Ver-

ständnis und Geschick besaß. Körperlich fit war er

durch den Fußball. Schon immer hatten alle Respekt
vor Frank, weil er einfach wusste, wie man mit Leuten

Text: Dania Dittgen und Elke Raddatz

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16
                            
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