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Full text: Denkzeichen in Berlin-Buch für die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und "Euthanasie"-Morde

Titel der Arbeit (Atelieransicht), 2013,
Patricia Pisani, © Patricia Pisani

DENKZEICHEN UND KUNSTWETTBEWERB

ADRESSE SCHWANEBECKER CHAUSSEE 50
13125 BERLIN-BUCH

Im Jahr 2009 haben der Bezirk Pankow und der Liegenschaftsfonds Berlin die Initiative übernommen,
um gemeinsam mit der Senatskanzlei Kulturelle
Angelegenheiten, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, dem HELIOS Klinikum
Berlin-Buch sowie weiteren Eigentümern und Nutzern des heutigen Campus C. W. Hufeland und des
Campus Berlin-Buch einen Kunstwettbewerb zur
Errichtung eines Denkzeichens in Berlin-Buch für
die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und »Euthanasie«-Morde vorzubereiten.
Mit dem Denkzeichen soll ein Ort der Stille und des
Gedenkens an die Opfer entstehen, an dem die Hinterbliebenen die Möglichkeit erhalten, ihrer getöteten Angehörigen am authentischen historischen Ort
zu gedenken und der darüber hinaus über dieses
Kapitel deutscher Geschichte informiert.
Das Denkzeichen der Berliner Künstlerin Patricia
Pisani besteht aus einem Objekt aus Kunstharz, das
in Form eines überdimensionierten weißen Kopfkissens auf der Rasenfläche platziert ist. Dieses übergroße Kissen ist Symbol für das Ausmaß der Verbrechen an den Patienten. Mit dem Abdruck des Kopfes
werden die Abwesenheit der Schutzbefohlenen und
damit der Verlust, der im Ergebnis der Verbrechen
entstanden ist, thematisiert. Durch die leicht erhabenen Vornamen, die die Oberfläche wie eingewebt
überziehen, eröffnet sich eine weitere Dimension,
die die Gefühle der Betrachter ansprechen soll.
Das Denkzeichen thematisiert so auf vielschichtige
und zugleich ambivalente Weise die Verbrechen an
den Schutzbefohlenen. Ohne in Pathos zu verfallen,
wird hier in poetischer Form eine Leerstelle markiert
und gleichzeitig den Angehörigen der Opfer die
Möglichkeit zu trauern eröffnet.
Das Denkzeichen ist barrierefrei ausgeführt.

Anfahrt mit öffentlichen
Verkehrsmitteln

PATRICIA PISANI

Impressum

Patricia Pisani wurde 1958 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sie studierte dort Bildhauerei und
absolvierte anschließend ein Studium der Freien
Kunst an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart.
Seit 1993 lebt und arbeitet sie als Freie Künstlerin
in Berlin.
Patricia Pisani arbeitet kontextbezogen und war
mit ihren Installationen an einer Vielzahl von Ausstellungsprojekten und Kunstwettbewerben in
Deutschland beteiligt. 	
www.patricia-pisani.de

mit der S-Bahn: Berlin-Buch
erreicht man mit der Linie S2
Richtung Bernau oder Buch
oder mit dem Bus: mit den
Bus-Linien 150 und 158
dann: mit den Bus-Linien 351,
259 oder 893 bis Klinikum Buch

DIE HEIL- UND PFLEGEANSTALT BERLIN-BUCH

Schwanebecker Chaussee 50
13125 Berlin-Buch

Standort Denkmal

A 11

Bundesautobahn A10
Richtung Hamburg

Heilanstalt Buch, Haus 114, 1908
© Landesarchiv Berlin

Linie S2
Richtung Bernau

Buch
Abfahrt
Bucher Straße
A 114
Pankow

A 10
Ausfahrt
Weißensee
B2

B 109

DENKZEICHEN IN BERLIN-BUCH FÜR DIE OPFER DER NATIONALSOZIALISTISCHEN
ZWANGSSTERILISATIONEN UND »EUTHANASIE«–MORDE

Berlin-Tegel
Friedrichstraße
Brandenburger Tor

Am Stener Berg

Alt
Buch

Karower
Chaussee

Zillertaler Straße

Schwanebecker
Chaussee

Buch

Haupteingang

Bucher
Chaussee

Berlin-Schönefeld

Lindenberger Weg
A 10

B2

Herausgeber: Bezirksamt Pankow Texte: Dr. Ulrich Baumann, Dr. Annette
Hinz-Wessels, Uwe Neumärker, Annette Tietz Gestaltung: op45, Michael
Richmann Druck: Druckerei Conrad Stand: 30. Oktober 2013

Skizze der Heilanstalt Berlin,
1906 vom Patienten Karl T. angefertigt
© Horst-Peter Wolff, Fürstenberg/Havel

Auf ihrem Gelände entstand Anfang des 20. Jahrhunderts die »III. Berliner Irrenanstalt«, deren moderne Behandlungsmethoden als vorbildlich galten.
Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten verschlechterten sich die Lebensbedingungen der psychisch kranken oder geistig behinderten Patienten
jedoch beständig. Infolge des 1933 erlassenen »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«
wurden fast 800 Bucher Patienten zwangssterilisiert.
Während der »Aktion T 4«, des ersten systematischen nationalsozialistischen Mordprogramms
1940/41, wurde die Heil- und Pflegeanstalt aufgelöst und die mehr als 2.800 Patienten verlegt. Die
meisten Patienten sind in den Gaskammern der
»Euthanasie«-Tötungsanstalten Brandenburg an der
Havel und Bernburg ermordet worden. Bis zum
Kriegsende 1945 wurden aber auch viele Patienten
Opfer der sogenannten dezentralen Euthanasie
durch gezielte Medikamentenüberdosierung, Nahrungsentzug und Mangelversorgung.
Die Heil- und Pflegeanstalt Buch war im Juli 1940
auch die erste Sammelanstalt einer »Sonderaktion«
gegen jüdische Psychiatrie-Patienten aus Berlin und
Brandenburg, die allein aufgrund ihrer Abstammung
in großen Transporten nach Brandenburg an der
Havel verschleppt und dort ermordet wurden. Diese
Verbrechen markieren den Auftakt zum Holocaust.
Erst in den 1980er Jahren begann die Aufarbeitung
der »Euthanasie«-Morde in Berlin-Buch.

Die Villa Tiergartenstraße 4, um 1935
© Landesarchiv Berlin, W. Köster

»AKTION T 4« UND »EUTHANASIE« 1940 –1945

OTTO HAMPEL 1895 – 1940

ALMA P. 1898 – 1940

NACH KRIEGSENDE

Die Ermordung zehntausender Patienten und Heimbewohner war das erste systematische Massenverbrechen des nationalsozialistischen Regimes. Sie
gilt als Vorstufe zur Vernichtung der europäischen
Juden. Das »Euthanasie«-Programm wurde von einer Unterabteilung der »Kanzlei des Führers« mit
etwa 100 Mitarbeitern entwickelt. Diese »Zentraldienststelle T 4«, benannt nach der Adresse Tiergartenstraße 4, organisierte zunächst die Tötung
von psychisch Kranken oder behinderten Menschen
durch Kohlenmonoxid.

Otto Hampel wurde 1895 im schlesischen Breslau
geboren, besuchte die Volksschule und machte eine
Ausbildung zum Schriftsetzer. 1915 zog man ihn zum
Kriegsdienst ein. Für seine Fronteinsätze erhielt er
mehrere Auszeichnungen.

Alma P. wuchs als Tochter eines jüdischen Viehhändlers in Göritz an der Oder auf. Sie besuchte zunächst
die Volksschule, später ein Lyzeum. Während des
Ersten Weltkrieges wurde sie magenkrank, lernte
aber trotz starker Beschwerden Säuglingspflege und
arbeitete zeitweise als Erzieherin.

Die wenigsten Täter und Mittäter der »Euthanasie«-Morde wurden zur Rechenschaft gezogen.
Lediglich gleich nach Kriegsende gab es ernsthafte juristische Aufarbeitungsbemühungen, wie
den Nürnberger Ärzteprozess 1946/47. Viele der
an den Verbrechen beteiligten Ärzte waren weiterhin in ihrem Beruf tätig. Den Opfern verweigerten
Staat und Gesellschaft lange ihre Anerkennung. In
Westdeutschland blieben die Zwangssterilisierten
vom Bundesentschädigungsgesetz praktisch ausgeschlossen. Noch 1957 befand die Bundesregierung,
das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« von 1933 sei nicht »typisch nationalsozialistisch«. Seine Ächtung erfolgte erst 2007. In der
DDR und in Österreich wurde das Thema ebenso
beschwiegen.

Bis zur formellen Einstellung der Gasmorde im August 1941 töteten SS-Ärzte über 70.000 Menschen
in sechs eigens dafür eingerichteten Anstalten
auf dem Gebiet des Deutschen Reichs. Zwischen
August 1941 und 1945 wurde der Mord dezentral
fortgesetzt und weitere 90.000 Menschen durch
Nahrungsentzug, Vernachlässigung und die Verabreichung von Luminal oder Morphium umgebracht.
Das später als »Aktion T 4« bezeichnete Verbrechen
war dabei nur ein Teil eines umfassenden Massenmordes an Patienten, Pflegebedürftigen oder sozial
Ausgegrenzten im nationalsozialistisch besetzten
Europa. Die geschätzte Gesamtzahl der Opfer der
Patientenmorde liegt bei 300.000.

Stolperstein in der Motzstraße 30,
Berlin-Schöneberg,
verlegt am 5. August 2011
© OTFW, Berlin

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Otto Hampel als
Vertreter in Berlin. Hier wurde er wegen Einbruchs,
Hehlerei und anderer Delikte mehrmals zu geringen
Haftstrafen verurteilt. In den 1930er Jahren musste er
sich wegen einer Nervenerkrankung in der Heilanstalt
Berlin-Wittenau behandeln lassen und – trotz Besserung – schließlich seinen Beruf aufgeben.
1937 verurteilte ihn das Amtsgericht Berlin wegen fortgesetzter homosexueller Handlungen zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe und ordnete zugleich seine
Einweisung in eine Heilanstalt an. Nach Verbüßung
seiner Haft im Strafgefängnis Plötzensee wurde Otto
Hampel in Berlin-Buch aufgenommen. Seine Entlassungsgesuche blieben trotz einwandfreier Führung
erfolglos. Otto Hampel gehörte zu den frühen Bucher
Opfern der »Aktion T 4«. Am 30. März 1940 traf er
mit dem zweiten Sammeltransport aus Buch in der
Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel ein, wo ihn
Ärzte mit Kohlenmonoxid ermordeten.

Haus 12 (Verwahrhaus) der Heilanstalt
Buch, 1908, das 1940 als Sammelstelle
für jüdische Patienten aus Berlin und der
Provinz Brandenburg diente
© Landesarchiv Berlin

Nach einer akuten Magenblutung äußerte Alma P.
1931 erstmals Wahnideen. Sie hatte das Gefühl,
»vergiftet, hypnotisiert und beeinflusst« zu werden.
Eine Insulinbehandlung in der ostbrandenburgischen
Landesanstalt Landsberg an der Warthe musste wegen ihres schwächlichen Zustandes abgebrochen
werden. 1932 entließ man sie versuchsweise in ihr
Elternhaus.

Entwurf des Gedenk- und
Informations­o rts für die Opfer
der nationalsozialistischen
»Euthanasie«-Morde
an der Berliner Tiergartenstraße
© Ursula Wilms

Zwei Jahre später machten psychische Veränderungen ihre Wiederaufnahme notwendig. Sie wurde
zwangssterilisiert und blieb mit mehreren Unterbrechungen bis zum Sommer 1940 in Anstaltsbehandlung. Während der »Aktion T4« verlegte man Alma P.
im Rahmen der Sonderaktion gegen jüdische Patienten im Juli 1940 von Landsberg in die in der Heilanstalt Buch eingerichtete Sammelstelle. Kurz darauf
wurde sie in der Tötungsanstalt Brandenburg an der
Havel ermordet.

Erst seit den 1980er Jahren entstanden in den früheren Tötungsanstalten und anderen Tatorten Gedenkstätten und Erinnerungszeichen. Am Ort der
Planungszentrale in der Tiergartenstraße 4 gibt es
seit 1989 eine Gedenkplatte. Im November 2011
beschloss der Deutsche Bundestag die Errichtung
eines »Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie‹-Morde«
auf dem dortigen historischen Gelände, der vom
Bund finanziert und von den Stiftungen Denkmal für
die ermordeten Juden Europas sowie Topographie
des Terrors umgesetzt und betreut wird.

Zu den Opfern zählten Otto Hampel und Alma P.

Heil- und Pflegeanstalt Liebenau
(Württemberg), um 1940:
Abtransport von Patienten
© Stiftung Liebenau

Porträtfotos aus der Krankenakte,
Heilanstalt Buch, 1937
© Bundesarchiv Berlin

Porträtfoto aus der Krankenakte,
Berlin-Buch, 1939
© Landesarchiv Berlin

»Euthanasie«-Gedenkstätte
Brandenburg an der Havel, eröffnet 2012
© Stiftung Denkaml für
die ermordeteten Juden Europas
        
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