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Die Mark Brandenburg IV. Die Mittelmark II. Die Städte und Dörfer der Mittelmark

Full text: Die Mark Brandenburg

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desselben ist noch ein fiachbogig geschlossenes und mit dem 
Bau entstandenes Sandsteinrelief erhalten, welches f�nf Figuren 
darstellt und wie die Unterschrift meldet, von einem Bisch�fe 
Theodorich von Brandenburg gestiftet wurde. Von den vier 
Bisch�fen des Namens Bietrieh, welche auf dem Brandenburger 
Stuhle gesessen haben, kann dies wegen des einheitlichen sp�t-
gothischen Charakters der Kapelle nur Bischof Dietrich von 
Stechow sein, welcher 1459 vom Kurf�rsten Friedrich II. er-
nannt wurde und im Fr�hjahre 1472 starb. Trotz der liebe-
vollen und sorgsamen Behandlung im Einzelnen entbehrt das 
Kelief wegen der sehr mangelhaften Proportionirung seiner Fi-
guren doch im Ganzen des h�heren Kunstwerthes. 
Zu den geschilderten Vorz�gen des Innern gesellt sich noch 
die werthvolle Thatsache, dafs die alte Dekorations-Malerei an 
den Decken � wenn auch hier und da besch�digt � in den 
Haupttheileii so gut erhalten ist, dais ein geschidter und piet�t-
voller Maler sie ohne Schwierigkeit wiederherstellen konnte. 
Die Gew�lbe zeigen mannigfach gegliedertes sp�tgothisches 
Mafswerk, das grau in grau gemalt Beliefbildung nacliahmt, 
w�hrend die durchbrochen gedachten Oeffnungen tiefer gef�rbt 
sind. Die W�nde haben ungleich mehr gelitten als die Decken, 
was um so bedauerlicher ist, als sie mit fig�rlichen Darstel-
Imigen � darunter den Stammbaum Christi, eine heilige Jung-
frau in der strahlenbesetzten Mandorla u. A. m. geschm�ckt 
waren. 
Das Aeulsere, welches sich auf die k�nstlerische Di.u:ch-
bildung der S�dwand beschr�nkt � denn die vor einigen Jahr-
zehnten wiederhergestellte Westfront mit einem neuen Giebel 
ist uninteressant � l�fst eine besondere dekorative Richtung 
der Sp�tgothik in der Mark an einem gl�nzenden Beispiele 
erkennen. Die vorhandenen vier Strebepfeiler sind in nicht 
achsialer Stellung zu den Quergurten als flache Wandpfeiler auf 
dem hohen durchgehenden Sockel so angeordnet worden, dafs 
sie nur eine m�fsige H�he erreichen, aber nn ihrem langen 
Obertheile durch ein eingesenktes zickzackartig aufsteigendes 
Gitterwerk mit Dreip�ssen, reich gegliedert sind. 
Oberhalb dieser Flachpfeiler und der Fenster ist die Ober-
wand mit zwei Friesstreifen von �hnlichem sp�tgothischen 
Charakter ausgestattet und mit einem gut profilirtcn Haupt-
gesimse abgeschlossen worden. Den Hauptschmuck der ganzen 
Fagade bildet endlich das Hauptportal. Es zeigt die auch an 
anderen Orten der Mark vorkommende sein' aufw�ndige Anord-
nung, dafs eine flachbogig gedeckte Innenpforte von einem spltz-
bogigen reich gegliederten Portale umrahmt und �berstiegen 
wird. Dieses Letztere schliefst dann ein doppelt kurvirter 
krabbenbesetzter und mit einer Kreuzblume gekr�nter Zier-
giebel wirkungsvoll ab. Etwas unterhalb der friesartig mit 
Blattst�beu geschm�ckten K�mpfer erhebt sich endlieh nocli 
die Sockelwand als vorspringende, oben abgewalmte Wand-
fl�che, die rahmenartig einen vertieften niit Gitterst�ben an-
gef�llten Grund umschliefst Vergl. das System der Fagade 
auf Blatt LXXIX Fig. 7 mit den Fig, 1, 2, 4, 5 und 6, 
welche die Einzelheiten naher veranschaulichen. Trotz ihrer 
bescheidenen Gr�fse macht diese S�dfa5ade sowohl wegen 
der vortrefflichen Erhaltung imd F�rbung des Ziegelmaterials 
als auch wegen der wirkungsvollen, von Talent und Er-
fahrung zeugenden Profilirung einen so selten befriedigenden 
Eindruck, dafs sich der Wunsch regt, weitere Beispiele dieser 
eigenartigen Kunstrichtung kennen zu lernen. 
Die engste Verwandtschaft besitzt die Schlofskapelle zu 
Wolmirstedt, welche von Herrn von Quast zuerst eine ein-
gehende W�rdigung erfahren hat,^) aber im Vergleiche zu ihrer 
Schwester in Ziesar doch nicht das hohe Lob verdient, welches 
der verdienstvolle Eunstforscher und sorgsame Erhalter so vieler 
1) von Quast und Otte, Zeltschr. i. Arch�ologie und christliche Kunst, 
Band I S. 261 ff. 
Denkm�ler imseres Vaterlandes ihr spendet. Ziesar ist das 
Original und die Grundfunktion und Wolmirstedt eine erste 
Ableitung. Diese Behauptung wird schon durch die Zeitstel-
lung begr�ndet, denn in Wolmirstedt �berliefert eine Denk-
tafel hinter dem Altare den Namen des Stifters und das Datum. 
Erzbischof Ernst von Magdeburg hat in seiner Residenz die 
Kapelle 1480 erbaut, w�hrend Ziesar mindestens zehn Jahre 
�lter ist. Plan, Behandlung und Ausstattung sind bei beiden 
so �hnlich wie m�glieh, doch hat Wolmirstedt leider seine Ge-
w�lbe verloren und daf�r entsch�digen weder die Planbereiche-
rung, noch die rings umlaufenden Steinemporen. 
Ein zweites Beispiel ist der Cliorbau einschliefslich der 
Kreuzfl�gel an der St. Stephankirche zu Tangerm�nde, welcher 
aufser den lesinenartigen aber glatten Flachpfeilem auch icwei 
reiche gltterf�rmig umkr�nzte Portale besitzt, deren direkter 
Zusammenhang mit dem Portale von Ziesar ohne Weiteres ein-
leuchtet. Dem widerspricht auch nicht die Thatsacbe, dafs jene 
beiden Fortale � abgesehen von ihrer nothwendig gesteigerten 
Gr�ise � durch einen oben umgelegten Maiswerksfries eine 
noch reichere Behandlung erfahren haben, als das Urbild zu 
Ziesar. Wenn aber in Tangerm�nde der Baubeginn des Chores 
laut Inschrift auf 1470 feststeht, so darf man den Bau der 
Schlofskapelle einige Jalu*e fr�her � etwa auf 1465 � an-
setzen. Weitere Beispiele derselben sp�tgothischen Richtung, 
die sich mit grofser Wahrscheinlichkeit auf die Wirksamkeit 
eines Meisters � Paul Rothetock von Magdeburg � zur�ck-
f�hren Itissen, bietet noch die Kirche St Godehard und das 
Altst�dter Rathhaus zu Brandenburg, i) 
Pfarrkirche He�igkreuz zu Ziesar. 
Dieser ebenso stattliche wie wohlerhaltene und m neuester 
Zeit wieder hergestellte Bau ist eine breite einschiffige Kreuz-
kirche mit Langchor, drei Apsiden und einem sehr hohen ob-
longen Westthurme nebst erneuertem Dachreiter. Eine Vienmg 
ist nicht angedeutet, weil Nord- und S�dbogen fehlen. Alles 
ist von Granit erbaut, zum Theil im Polygonverbande, zum 
Thell in geschichtetem Quaderwerke, Nur die durchschluugenen 
Bogenfriese an den Apsiden und dem Langchore, ferner die in 
der Hauptapsis vorhandenen drei zweitheiligen Spitzbogenfenster 
und das sp�tgothisch profilirte Nordportal sind aus Ziegeln her-
gestellt Alle Fenster, sowie die beiden Bogen zwischen Lang-
haus, Querschiff und Chor sind rundbogig geschlossen, doch 
das trefflich gehauene S�dportal ist spitzbogig imd m�glicher 
Weise ein moderner Zusatz. Der Westthurm Ist � abgesehen 
von einigen Pfeilscharten � v�llig glatt und schmucklos, in-
dessen besitzt das letzte Geschols eine Kette von vier 
romanischen Fenstern mit eingelegten Doppelarkaden roma-
nischer Bildung. 
Ueberw�lbt sind im Innern nur der Langchor und die 
Kreuzfl�gel, ersterer mit zwei scharfgratigen Kreuzgew�lben, 
letztere mit busigen Kreuzgew�lben, welche auf Rippen ruhen. 
Dafs dieser echte Monumentalbau in der Hauptsache sicher 
noch dem Ende des XII. oder dem Anfange des XIII. Jahr-
hunderts angeh�rt, geht aus seiner alterth�mlich herben Fassimg 
hervor und wird durch die Nachricht, dafs 1214 schon ein 
Pfarrer Nikolaus hier im Amte war,^) best�tigt 
Die Dorfkirche zu Grofs-Wusterwitz. 
Dieselbe besitzt denselben Grundrifs wie die Pfarrkirche 
zu Ziesar � als einschiffige Kreuzkirche mit Langchor, drei 
Apsiden und oblongem Westthurme � und ist gleichfalls aus 
Granit, doch in minderwerthiger Technik erbaut Auch hier 
1) Auf diesen Zusammenhang zwischen Wolmiratedt und Brandenburg mit 
Zieaar habe ich bereits im Baude I @. 70 Note 2 bingewieseP. 
2) Riedel VIII, 129. 
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