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Die Mark Brandenburg 2. Nachtrag

Full text: Die Mark Brandenburg

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Th�rme berechneten Westfront und anderer sehr alter, dem 
XII. Jahrhundert entstammenden Granitbauten in der Nachbar-
schaft � wie Grol's-Wusterwitz und Ziesar � d�rfen wir an-
nehmen, dafs St. Godehard eine dreischiffige kreuzf�rmige 
PfeilerbasiUka mit halbrmid geschlossenem Chore und zwei 
Apsiden gewesen ist. Auf S. 24 hatte ich mich dann bem�ht, 
aus dem einheitlichen Kunstcharakter, sowie aus technischen 
wie k�nstlerischen Gr�nden, den Nachweis zu f�liren, dafs die 
jetzige wohlerhaltene Kirche noch aus dem XIV. Jahrhundert 
stammen k�mie. Nach nochmaliger eingehender Pr�fung und 
Heranziehung aller verwandten Beispiele bin ich jet�t aber ge-
zwungen, meine fr�here Ansicht aufzugeben und eine richtigere 
Datirung einzuf�hren. 
Mehrere Gr�nde sind dabei von ausschlaggebender Be-
deutung gewesen. Erstlich die Pfeilerform: Rundpfeiler mit 
vier Diensten, darunter zwei tauartig gewundene, allerdings 
noch mit guten Blattkapitellen und treflFlich gegliederten Basen 
ausgestattet. Fast dieselben Pfeiler,^) nur weniger gut ge-
zeichnet, finden sich im Chore von St. Steplmn zu Tanger-
m�nde, welcher inschriftlich 1470 begonnen und wohl wenige 
Jahre sp�ter vollendet worden ist. Zweitens der Polygonchor 
mit seinen zwischen den Strebepfeilern hinausgebauten flachen 
Kapellen, welclier unmittelbar auf noch erhaltene Vorbilder in 
Stendal � Dom (Langhaus), St. Maria (Chor) � und Tanger-
m�ude S t Elisabeth zur�ckweist. Alle diese Beispiele sind 
um die Mitte des XV. Jahrhunderts entstanden. Drittens die 
Thatsache, dafs die �stliche der drei an der S�dseite stehenderr 
Kapellen mit der anstofsenden Chormauer in ungest�rtem Ver-
b�nde steht Diese zweigeschossige Kapelle, welche aber fr�her 
nach dem Lajighause hin ge�ffnet war, ist die Llebfrauen-
kapeUe gewesen, in welcher die Gilde 14C3 den Hauptaltar 
gestiftet hatte, den der Bischof best�tigte.^) Vermuthlich ist 
diese Kapelle ITU Anschl�sse an den noch im Bau begriffenen 
Chor kurz vorher, also 1462, aufgericlitet worden, denn sie 
hat, wie aus einem Fensterreste in ihrer Westmauer hervor-
geht, einst frei gestanden. Endlich ist auf die Dienstbildung 
in Tauform, welche sowohl an den. Rundpfeilem wie an den 
Wanddiensten auftritt � vergl. Blatt XVIII Fig. 1 und 4 � 
hinzuweisen, weil diese sehr wirkungsvolle Kunstform erst seit 
der Mitte des XV. Jahrhunderts an verschiedenen Pl�t�eii der 
Alt- wie Mittelmark besonders bevorsiugt worden ist und wie 
die Marienkirche in Bernau lehrt, bis 1519 gedauert hat-
Man hat den Taustab zu Einfassungen von Portalen, Fenstern 
und Blenden verwandt, Strebepfeiler damit geschm�ckt und 
nicht imr Basen und K�mpfer, sondern sogar Rippen daraus 
gefdrmt. Er bildet ein entscheidendes Kennzei(*hen f�r die 
sp�tgothische Kunst. Weim aber durch diese Kriterien f�r 
den Neubau von St. Godehard ein Baudatum aus der Mitte 
des XV. Jahrhunderts gesichert erscheint, so tritt die alte 
nicht mehr vorhandene und auf 8. 24 vollst�ndig mitgethellte 
deutsche Inschrift, welche besagte, dafs Henrik Reinstorp 
und sein Gesinde mit H�lfe und F�rderung des K�thes und 
der Kirchenvorsteher �dis Middelwerk desses Chores" 
1456 angefangen habe, in den Vordergrund. Denn die lange 
Schonung und Erhaltung der Inschrift spricht f�r ihre stadt-
geschichtliche Bedeutung und daher darf man sie mit mehr 
Recht auf den Chor beziehen, als auf die mittlere der drei 
S�dkapellen, wie ich es seiner Zeit gethan habe. Ob Meister 
Keinstorp auch das etwas �ltere Langhaus ausgef�hrt hat, ist 
nicht mehr festzustellen, es ist aber wahrscheinlich, weil der 
Unterschied zwischen beiden Bautheilen nicht sehr grofs ist. 
Nur die Basen der Dienste an den Pfeilern sind verschieden; die-
jenigen der ersten drei Pfeilerpaare haben die auf Blatt XVIII 
Fig. 8 dargestellte etwas alterth�mliche Form mit abgekehltem 
1) Diese Aehnlichkeit ist schon bei der Baubrachreibnng von St. Stephan 
Band I , 69 hervorgehoben worden. 
2) Riedel VIII, 422. 
Fufse, w�hrend alle �brigen Paare mit der attischen Basis 
ausgestattet sind und diese Form auch aufsen am Chore sowie 
an den S�dkapellen auftritt. Wie dem auch sei, in jedem 
Falle ist 8 i Godehard ein Bau, welcher bei grolser Schhcht-
heit des Aeulseren durch den Adel seiner Verh�ltnisse des 
Imieren unter den Brandenburger Kirchen au erster Stelle 
steht und seinem Meister grolse Ehre macht. 
Dagegen sind die vier sp�ter hinzugef�gten Kapellen, 
drei im S�den und eine im Norden von ungleichem Werthe, 
obschon sie den gleichen sp�tgotliischen Grundcharakter tragen. 
Derselbe besteht darin, dafs man in dieser Zeit oft zu den 
fr�ligothischen Mauerst�rken zur�ckgekehrt ist und die Strebe-
pfeiler aufsen sowohl au den Ecken wie in den Mitten nur 
sehr schwach vortreten liel's. Dadurch erhielt man eine bessere 
Reliefwnkung in Portalen und Fenstern und entging vielen 
Ausbesserungen an den starken oder abgestuften Strebepfeilern. 
Zahlreiche Beispiele sind daf�r in der Altmark Tangerm�nde 
(Querschi�' von St Stephan), in der Priegnitz Heiligengrabe 
(Heilige Blutskapelle) und in der Mittelmark Ziesar (Schlofs-
kapelle) und Ruppin (Siechenhauskapelle) vorhanden. 
Die Vollendung des etwa 1445 b^onnenen ISTeubaues 
darf auf 1460 gesetzt werden, weil die 1462 erbaute S�dost-
kapelle sehr bald angeschlossen wurde. Sie r�hrt aber jeden-
falls von einem anderen Meister her als dem Chorbaumeister, 
denn ihr Aeufseres zeigt v�llig verschiedene ja plumpe Formen. 
Die beste Kapelle ist die der Nordseite, deren W�nde Rauten-
muster von glasirten Steinen und zwei trefllich dekorirte spitz-
und flachbogige Wandblenden besitzen (vergl. Holzschnitt auf 
S. 26), deren Verwandtschaft mit den Rosen am s�dlichen 
Seitenschiife des Domes (vergl. Blatt VII Fig. 9 und 10) un-
verkennbar ist. 
5. Kathhaus der Altstadt 
Die Zeitstellung der ebenso reichen wie interessanten 
Vorderfront luid des schlanken Hintergiebels � Blatt IX Fig. 2 
und 3 �^  in das XIV. Jahrhundert ist ein Hauptirrthum, den 
ich begangen habe imd hiermit berichtige- Es mul's vielmehr 
auf Grund von sicher datirbaren Bauwerken in der Altmark 
und Mittelmark � dort das Querschiff und der Chor von 
St, Stephan in Tangenn�nde, hier die SchlofskapeUe von 
Ziesar � eine Bauzeit vom Schl�sse des XV. Jahrhunderts, 
etwa 1470 �1490 angenommen und festgehalten werden. 
6. Rathhaus der Nenstadt. 
Auch die auf Blatt IX Fig. 1 abgebildete Hinterfront 
kann trotz der frischen Herbheit ihres Giebels, der bestechend 
gewirkt hat, dem XIV. Jahrhundert nicht angeh�ren, sondern 
wird richtiger in die ersten Jahrzehnte des f�nfzehnten zu 
stellen sein. Wahrscheinlich hat sich hier ein Einflufs des 
Neubaues von St Katharina in der ^Meustadt geltend gemacht 
7. Klosterkirche von Jerichow. 
Von den beiden Backsteinkirchen in Jerichow habe ich 
Band X S. 3 6 ^ 4 3 die grofse Klosterkirche wegen ihrer 
seltenen Bedeutung f�r die Baugescliichte der Mark Branden-
burg ausf�hrlich besprochen, die kleine Pfarrkirche aber nur 
streifend ber�hrt Unter Kombination der historischen Ueber-
lieferung mit dem Baubestande suchte ich nachzuweisen, dais 
die Erstere von 1149 �1159 erbaut worden sei. Sp�ter 
1200�1210 habe man wegen des Einbaues der Krypta die 
Hauptapsis erneuert und die Nebench�re hinzugef�gt. Endlich 
sei diu-ch den Aufbau der zweith�rmigen Westfront um 1250
        
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