Path:
Die Mark Brandenburg VI. Die Neumark II. Die Städte der Neumark

Full text: Die Mark Brandenburg

99 
Nordost�chsel des Chores liegt ein Treppenthurm. Der West-
thurm und die ganze S�dmauer sind aus Granitquadern, 28 
hezw, 29 Schichten hoch, in guter Technik erbaut worden,^) 
und zwar gleichzeitig, etwa um die 
�''�.�'�� Mitte des XIII. Jalirhunderts, wie 
das trefflich erhaltene Westportal und 
der Best eines jetzt vermauerten spitz-
bogigen Granitfensters in der S�d-
mauer beweisen. Jede Einfassungs-
schicht des Portals ist, wie der 
Holzsclmitt zeigt, profilirt und der 
�ufsere Umrahmungsbogen mit einer 
Flachschicht ausgestattet worden. Das S�dfenster war ein-
theilig, aber breit geschmiegt. Endlich deutet der kr�ftige 
Gurtbogen an der Westseite des ersten Schiifsjoches darauf 
hin, dafs er der Ersatz eines �lteren Quergurtes ist, welcher 
im ersten Bau die Grenze zwischen dem Langhause und dem 
Chore bezeichnete. Hierauf gest�tzt darf man sagen, dafs der 
erste Bau eine holzgedeckte, einschiffige Granitkirche mit un-
mittelbar anschliefsendem Chore gewesen ist, wie in so vielen 
Stadt- und Dorfkirchen der Neumark, die alle dem XIII. Jahr-
hundert entstammen. 
Als sp�ter eine Erweiterung nothig wurde, geschah das 
so, dafs man nach Abbruch der Nordmauer unter Verwendung 
ihres alten Materialcs eine neue Backsteinmauer und eben-
solche Schiffsarkaden errichtete und gleichzeitig nach Erh�hung 
der S�dmauer die zweischiffig gewordene Kirche �berw�lbte. 
Das neue Seitenschiff erhielt Kreuzgew�lbe und das Mittel-
schiff Sterngew�lbe auf b�ndeif�rmigen Rippen mit scheiben-
artigen Schlufssteinen. Befremdend bleiben die verschiedenen 
Arkadenspannungen in den ersten drei Schiffsjochen, sowie die 
pl�tzliclie Zweitheilung des letzten Ostjoches im Seitenschiffe. 
Vermuthlich lag hier, was der kleine Treppenthurm andeutet, 
die zweigeschossige Br�derschafts - Kapelle der um 1320 ge-
stifteten Elenden- oder Kalandsgilde. Noch sieht man die alten 
Oberfenster und darf aus der Thatsache, dafs beide Joche 
keine Granitplinthen wie der Chor und die anderen Seiten-
schiffsjoche besitzen, sondern ganz aus Ziegeln bestehen, den 
Schlufs ziehen, dafs hier ein besonderer Bautheil unabh�ngig 
von seiner Nachbarschaft angelegt worden ist. 
Es ist daher sehr m�glich, dafs der Aufbau des Seiten-
schiffes schon in den Anfang des XIV. Jahrhunderts � um 
1318 � f�llt und dafs der Bau jener Kapelle sich wenige 
Jahre sp�ter angeschlossen haben wird. Daf�r sprechen nicht 
blois die kr�ftig abgestuften Arkaden, welche an die Bogen-
reihen der Klosterkirche zu Berlin erinnern, sondern auch die 
Fagadensysteme, besonders das der S�dseite � Fig. 1 �, 
durch die absatzlos aufsteigenden Strebepfeiler, durch die An-
ordnung gedoppelter Gitterfriese in halber H�he � �hnlich 
G�ldenstern �, durch die breit eingefafsten, zweitheiligen 
Fenster mit den geputzten Blendenreihen in ihrer oberen H�lfte. 
Auch das alte, jetzt vermauerte zweipfortige S�dportal � vergl. 
Fig. 1 � rechts von der Vorhalle, mit seinen Profilen und 
Details, darunter mit Weinlaub geschm�ckte K�mpfer, unter-
st�tzt jene Annahme. Einige Einzelheiten veranschaulichen 
Fig. 3 u. 4, Der Erweiterungsbau hat sich auch auf den �m-
und H�herbau des Thurmes mit eingesenkten, verputzten Blend-
streifen, zweitheiligen, apitzbogigen Blendnischen und eben-
solchen Fenstern � Fig. 5 � nebst S�geschichten erstreckt. 
Etwas j�nger scheint das Obergeschofs zu sein, welches drei 
zweitheilige, fiachbogige Fenster � Fig. 5 �, die an einen 
gedeckten Wehrgang erinnern, besitzt. Vier moderne Fialen 
betonen die Ecken und dahinter erhebt sich, weit zur�cktretend, 
der quadratische, mit einer n�chternen welschen Haube be-
1) Diese wichtige Thatsache ist bei Anfertigung der Zeichnung � Fig. 1 
leider �bersehen und daher im Stiche nicht charakterisirt worden. 
endigte Thurm, welcher nach einem Brande von 1752 im 
Jahre 1782 neu erbaut wurde. Der alte Thurm war hoch und 
schlank in zwei Abs�tzen erbaut, mit Backsteinth�rmchen auf 
den Ecken des Unterbaues nebst Wehrgang dazwischen und 
vier hochragenden Eenaissancegiebeln, �ber denen sich die 
achteckige Holzspitze erhob. Auf der Grenze zwischen Schiff 
und Chor stand ein schlanker Dachreiter. Vergl. den Prospekt 
bei Merian a. a. O. 8. 30, dessen Zuverl�ssigkeit dadurch ein-
geschr�nkt wird, dafs er dem vierjochigen Langhause noch 
einen dreijochigen Langchor anh�ngt, w�hrend der jetzige Chor 
ein Polygonbau ist. 
Die auf der S�dseite liegende, durch �ble Bestauratlonen 
sehr entstellte Vorhalle schm�ckt ein mit quadratischen Strebe-
pfeilern, schlanken Spitzbogenblenden und Krabben geschm�ck-
ter Giebel, welchen Fig. 1 als Ganzes und Fig. 2 in einigen 
Einzelheiten darstellt. Diese Vorhalle, urspr�nglich wohl eine 
Br�derschafts- oder Gildenkapelle, ist unzweifelhaft j�nger als 
der alte Erweiterungsbau und geh�rt, nach dem Charakter ihrer 
Kunstformen beurtheilt, sicher in das XV. Jahrhundert Das 
Chorpolygon mit seinen zweitheiligen, tiefgelaibten Fenstern, 
absatzlosen Strebepfeilern und einem Gitterfriese unter dem 
Kranze, ist eine schulm�fsige Arbeit von mittlerem "Wertlie 
und ebenfalls j�nger als der Erweiterungsbau.^) 
Sternformat: am Chore und an der Nordseite 5 � 5V2 
und 3V2 �3Vi Zoll. 
Den alten, aus schwedischem Kalksteine bestehenden und 
kunstgeschichtlich sehr werthvollen Taufstein, der alle Kenn-
zeichen des XTIL Jahrhunderts in seinem plastischen Fries-
streifen besitzt, hat man 
leider aus der Kirche ent-
fernt und im Freien als 
Blumentisch verwerthet. Eine 
Skizze desselben veranschau-
licht der Holzschnitt 
Das Innere besitzt bei 
bescheidenen H�henmafsen 
g�nstige Verh�ltnisse, doch 
ist der echte schlichte Kunst-
charakter der mittelgrofsen 
und bescheiden ausgestatteten 
Kirche durch eine in j�ng-
ster Zeit vorgenommene und 
in Formen und Farben �ber-
reich durchgef�hrte Restau-
ration leider vollst�ndig be-
seitigt worden. Auch da� Aeufsere hat dadurch gelitten, dafs 
man gleichzeitigt bei Festhaltung der mittelalterlichen Stein-
formate glatte Prefssteine statt der alten Handstrichsteine ver-
wendet hat 
Dorfkirche zu Vietnitz. 
Historische Nachrichten fehlen fast ganz, denn die beiden 
noch vorhandenen, auf Vietnitz bez�glichen Urkunden beziehen 
sich auf den See dieses Namens, nicht auf das Dorf. Das 
Kloster Lehnin hatte im Lande Zehden � in territorio Cede-
nensi � 250 Hufen erworben, welche m der Umgebung der 
Seeen Vietnitz und Karst lagen und Bischof Wilhelm von 
Camin best�tigte 1248 ihm die Zehnterhebung von diesem 
Besitze. 8) Sp�ter � 1306 � wird der See mit vier anderen 
Seeen an die Stadt Morin verkauft^) Man darf aber ver-
mutlien, dafs das r�hrige Lehnin das Dorf und die Kirche 
bald nach der Mitte des XHI. Jahrhunderts angelegt haben wird. 
1) Schsubild der Kirche von Kordosten gesehen bei Bergau S. 148. 
2) Riedel X, S. 204. - - v. Raumer, Neumark, 8.18 u. 83 Anmerk. 4 
u. B. 86 Arnnerk. 3. 
3) Eiedel XIX, S. 68 ff.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.