Allerlei vom Tage.
Guer nach dem andern der Acteurs verschwindet
N von der Weltbühne, welche in den verflossenen
letzten Jahrzehnten Geschichte machten, ein neu Ge—
schlecht ist herangewachsen, cine neue Zeit herauf—
zedämmert. Mehr und mehr lichtet sich auch die
Schaar der Alten, die bis heut der neuen Zeit und
dem Gevatter Hein Trotz boten. Sie erinnern meist
erst durch ihren Tod die heutige Generation daran, daß
äe überhaupt noch gelebt haben. Mit Herzog Ernst,
der dieser Tage im Schlosse Reinhardsbrunn für
immer entschlafen ist, war das anders. Er machte
auch in den jüngsten Jahren noch von sich reden,
ei es nun durch eine Broschüre über die „99 Tage“
— einer späteren Zeit erst wird es überlassen bleiben
estzustellen, ob er sie, wie behauptet wird, wirklich
zeschrieben hat — durch die er den Rechtsanwalt
Harmening zu einer flüchtigen Berühmtheit und
einigen Monaten Festung verholfen hat, denn ohne
die „99 Tage“ hätte Harmening auch nicht seine
Broschüre „Wer da?“ geschrieben — sei es nun durch
Opern⸗-Festspiele in seinem „halben“ Residenzstädtchen
Gotha. Das Interessanteste an diesem Herzog war
aber doch seine Vergangenheit. Nicht die Kürassier—
Uniform seines Halberstädter Regimentes hat ihn
berühmt gemacht — er war trotz der Affaire von
Eckernförde, die der dänischen Marine das siolzeste
Linienschiff, den „Christian VIII.“ kostete, nie ein
echter Soldat — wohl aber die Schützen-Joppe,
nicht seine Opern, wohl aber sein Gothaer Libera—
lismus, der einst in deutschen Landen so berühmt
war, wie noch heut die Gothaer Wurst. Macedonien,
das heißt sein Ländchen, war zu klein für ihn; an
einem mangelnden Ehrgeiz lag es nicht, daß nicht
die deutsche Kaiserkrone sich auf sein Haupt herab—
gesenkt hat.
Der Herzog war ein reichtalentirter Mensch. Er
politisirte, er komponirte, er schriftstellerte, er war
ein ebenso gewiegter Pferde- wie Frauenkenner.
Er kargte nicht mit dem Professorentitel wie mit
seinem Hauskreuz für Kunst und Wissenschaft.
Ordenssüchtige Mimen von nur einigermaßen Ruf
brauchten nur an seinem Hoftheater zu gastiren, so
ehrten sie gewiß nicht mit leerem Knopfloch heim
Da fällt mir ein köstliches Geschichtchen ein, das
dor einigen Jahren über ihn kolportirt wurde und
das, wenn es nicht wahr ist, so doch um so besser
erfunden ist.
Ein Mime, dessen Ruf schon recht bedeutend,
dessen Knopfloch aber immer noch leer war, absol⸗
virte am Herzoglichen Hoftheater ein Gastspiel, dessen
dauptzweck eben das „Kreuz“ war. Aber sei es
nun, daß der Mime Se— Hoheit nicht voll befriedigte,
sei es nun, daß der Fürst an Wichtigeres zu denken
hatte, als an das leere Knopfloch des Schauspielers
— genug, die erhoffte Auszeichnung blieb aus.
Traurig und enttäuscht packte Herr X seine Koffer,
raurig und enttäuscht fuhr er im Hotelwagen zum
Bahnhof, und, auf dem Wege dahin, am Herzog—
lichen Schlosse vorüber. Se. Hoheit standen grade
mit Höchstihrem Adjutanten vom Dienst an einem
zgeöffneten Fenster des Schlosses und gewahrten den
abreisenden Mimen.
„Sagen Sie doch, mein lieber von Y, ist das
richt der X, der da unten fährt?“
Der Adjutant bestätigte das.
„Aber der Mann sieht so niedergeschlagen aus “
Der Adjutant lächelte verlegen:
„Hm .. Hoheit ...“ und macht eine bezeich⸗
nende Fingerbewegung nach dem Knopfloch, das
jei ihm allerdings nicht mehr leer war.
Und Hohcit versteht und — lacht.
„Ah!“ ... Giebt dem Kutscher unten einen Wink
zu halten und flüstert dem Adjutanten einige Worte
zu. Der verschwindet.
Der Schauspieler unten fiebert vor freudiger,
banger Erregung. Was hatte Se. Hoheit mit ihm
ioch in letzter Stunde vor?
Der Adjutant kehrt wieder, ein kleines in Papier
zewickeltes Päckchen in der Hand, das er geschickt
von oben herab in den Wagen schleudert.
Verliner Illustrirte Zeitung.
„Das für Sie, mein lieber X. Glückliche Reise!“
ruft der Fürst.
Der Schauspieler entfernt die Papierhülle von
em darin enthaltenen Gegenstand — seine Augen
jlänzen — etwas goldig-buntes schimmert ihm
ntgegen — das Hauskreuz! — Dann sieht er rath—
os nach oben — der Adjutant muß sich in der Eile
nergriffen haben — —
„Hoheit halten zu Gnaden!“ rust er nach oben;
‚es sind zwei!“
Se. Hoheit weiß sich zu helfen:
„Geben Sie das Andere dem Kutscher!“
Und wieder einmal haben die gedruckten La—
nentos über das Wetter geholfen: die große Hitze
st wie weggeblasen; es „herbstelt“ schon recht neit.
luch das langentbehrte himmlische Naß hat sich
vieder eingestellt. Und welke Blätter sind ein gang—
arer Artikel geworden.
So witterwendisch wie der Mensch ist aber das
LBelter noch lange nicht. Dieselben Menschen, die
ich nicht genug über die „unausstehliche“ Hitze ent—
rüsten konnten, zetern jetzt über den Umschlag. Ende
Ernst II., Herzog v. Sachsen⸗Koburg⸗Gotha F.
(Text 5. 3.54
lugust und kaum noch ohne Regenschirm zur Thür
sinaus treten, Abends nicht mehr ohne Paletot im
ßarten sitzen können, das ist doch ein wenig stark!
Vas hat man denn nun eigentlich vom Sommer
zjehabt? Und wie die Bäume aussehen! Wenn
»as so weiter geht, sieht man um Ende September
ein grünes Blatt mehr. Und so weiter mit Grazie
in infinitum.
Der Wettergott hat dasselbe Schicksal wie der
steichskanzler: wie er's auch macht, recht macht er's
einem. Mag er sich wie dieser mit seinen guten
Absichten trösten.
Berlin ist bald wieder zu Hause. Davon zeugen
»ie welken Guirlanden mit den papiernen „Herzlich
Willkommen!“ auf den Wagen, welche den Kehricht
ius den Häusern zusammenholen, davon zeugt die
Wochenrubrik „Bewegung der Bevölkerung“ in den
Zeitungen. Während in den letzten Wochen hier
ine Abnahme der Bevölkerung ziffernmäßig kon—
tatirt wurde, wird jetzt wieder ein allwöchentlich
teigender Zuwachs nerzeichnet. Die flüchtig ge—
vordenen Kinder der Mutter Berolina kehren eben
vieder in ihre steinernen Arme zurück. Und einer
gesteht's dem andern: Bei „Muttern“ ist's doch am
Besten!
Während die „civile“ Bevölkerung Berlins, so
veit sie eben „draußen“ war, wieder heimkehrt, resp
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schon heimgekehrt ist, hat die militärische Bevölke—
rung der Stadt den Rücken gekehrt und ist in's
MNanöver gerückt. Der Krieg im Frieden ist Schuld
haran, daß jetzt der bunte Rock, der sonst dem
Straßenbilde eine so farbige Abwechselung verleiht,
nur mehr sporadisch auftritt. Wo Du ja einen
dieutenant siehst, ist er gewiß nicht von der Garde.
Und andere können uns, den Berlinern, überhaupt
nicht imponiren. Denn grade der Garde⸗-Lieutenant
viderlegt am besten das von Militärfeindlicher Seite
verbreitete Vorurtheil: der Offizier dünke sich er—
haben über die civile Allgemeinheit. Nähert er
ich doch in seinem Uniformschnitt erfreulich dem
dleiderideal des Civilisten. Daß böse Menschen den
Fivilisten, der dieses Kleiderideal verwirklicht an
einem Leibe herumträgt, einen „Gigerl“ schelten,
»as beruht eben nur auf ihrem mangelhaft ent—
vickelten Schönheitssinn. Der Garde-Lieutenant
iber läßt fich seine Flanir-Uniform nach dem Muster
her civilen Elegants „bauen“ und widerlegt da—
zurch am Besten den Gegensatz zwischen Militär
ind Civil. Wie gesagt, er fehlt uns jetzt sehr, wo
s in Berlin wieder lebendig wird. Schmerzlich
hewegt trauern auch die „Mädchen für Alles“, die
„Köchinnen“ und was sonst noch unter dem Zeichen
des Besens und des Kochtopfes steht, dem davon—
gegangenen Militär nach. Gottlob, die Küchenliebe
inserer Soldaten ist noch heut wie früher ein Binde—
zlied zwischen Civil und Militär, das uns noch
werthvoller dünkt als der civile Uniformschnitt der
Lieutenants. Denn es ist ein nahrhaftes Ver—
hzältniß, das die Kaserne mit der Kaserne verbindet.
Bei seiner Minna, Ricke oder Bertha, vergißt der
Soldat des „Dienstes ewig-gleichgestellte Uhr“, die
Unbilden des Kasernenhofes und der Kasernensiuben
bei den Fleischtöpfen ihrer Küche lernt ex milde
denken und findet, daß doch auch der „Kommiß“
eine gute Seite hat: die Küchenliebe. Natürlich hat
er nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Tie
pflichten des Cavaliers. Er hat sein „Verhältnip“
in dessen dienstfreien Sonntagen auszufuhren,
natürlich nur da hin, wo „geschwooft“ wird; er
hat ihm beizustehen in den kleinen Arbeiten der
üche — notabene, wenn die „Frau“ das „Ver—
zjältniß“ als ein legales ansieht und dem Grena—
dier den Aufenthalt in der Küche gestattet. Und
daß er nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht
zu lieben hat, ist selbstverständlich Dagegen wird
auch ein Max Nordau nicht zu eifern wagen.
Da ist es denn begreiflich, daß die Menge des
erbrochenen Geschirrs in den mit Dienstmädchen ge⸗
egneten, in der Nähe einer Kaserne liegenden, Haus—
jaltungen Berlins in diesen Tagen eine Chimbo—
rassohafte Höhe erreicht hat. Kann man die Ge—
»anken beim „Aufwaschen“ auf das „lumpige“ Ge—
chirr gerichtet haben, wenn sie in der Ferne weilen,
zei „ihm“, der in den verschiedenen Duartieren viel—
eicht schon wer weiß wie viele Mädel abgeküßt hat?
Wird er wiederkommen, ihr wiederkommen? Das
indere kümmert Minna nicht. Sie singt mit Suppé:
dab' ich nur Deine Liebe, die Treue brauch' ich
nicht!
Nicht lange mehr und auch sie ist vorüber, die
chreckliche, soldatenlose Zeit. Der bunte Rock wird
vieder dominiren, „Unter den Linden“ und in der
—
war. X.
Zur politischen LCage.
Ve infolge der Metzelei von Aigues-Mortes
— drohende Gefahr eines Konfliktes zwischen
Frankreich und Italien ist glücklich veseitigt
vorden und Gladstone hat seine irische Homerule⸗
Zill im Unterhause endlich zur Durchberathung und
Annahme gebracht, so daß nach der rasch zu er—
edigenden dritten Lesung das Haus der Lords sich
zald damit zu befassen haben wird, voraussichtlich
im sie abzulehnen und es dann einem neuzu—
vpählenden Unterhause zu überlassen, sie ein zweiles
Mal zu votiren. Auch der deutsch-russische Zoll—
rieg dürfte infolge der am 1. Dktober hier be—
innenden Verhandlungen zwischen den beiderseitigen
— einem baldigen Ende zugeführt
herden.