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Band Nummer 36, 3. September 1893

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

Allerlei vom Tage. 
Guer nach dem andern der Acteurs verschwindet 
N von der Weltbühne, welche in den verflossenen 
letzten Jahrzehnten Geschichte machten, ein neu Ge— 
schlecht ist herangewachsen, cine neue Zeit herauf— 
zedämmert. Mehr und mehr lichtet sich auch die 
Schaar der Alten, die bis heut der neuen Zeit und 
dem Gevatter Hein Trotz boten. Sie erinnern meist 
erst durch ihren Tod die heutige Generation daran, daß 
äe überhaupt noch gelebt haben. Mit Herzog Ernst, 
der dieser Tage im Schlosse Reinhardsbrunn für 
immer entschlafen ist, war das anders. Er machte 
auch in den jüngsten Jahren noch von sich reden, 
ei es nun durch eine Broschüre über die „99 Tage“ 
— einer späteren Zeit erst wird es überlassen bleiben 
estzustellen, ob er sie, wie behauptet wird, wirklich 
zeschrieben hat — durch die er den Rechtsanwalt 
Harmening zu einer flüchtigen Berühmtheit und 
einigen Monaten Festung verholfen hat, denn ohne 
die „99 Tage“ hätte Harmening auch nicht seine 
Broschüre „Wer da?“ geschrieben — sei es nun durch 
Opern⸗-Festspiele in seinem „halben“ Residenzstädtchen 
Gotha. Das Interessanteste an diesem Herzog war 
aber doch seine Vergangenheit. Nicht die Kürassier— 
Uniform seines Halberstädter Regimentes hat ihn 
berühmt gemacht — er war trotz der Affaire von 
Eckernförde, die der dänischen Marine das siolzeste 
Linienschiff, den „Christian VIII.“ kostete, nie ein 
echter Soldat — wohl aber die Schützen-Joppe, 
nicht seine Opern, wohl aber sein Gothaer Libera— 
lismus, der einst in deutschen Landen so berühmt 
war, wie noch heut die Gothaer Wurst. Macedonien, 
das heißt sein Ländchen, war zu klein für ihn; an 
einem mangelnden Ehrgeiz lag es nicht, daß nicht 
die deutsche Kaiserkrone sich auf sein Haupt herab— 
gesenkt hat. 
Der Herzog war ein reichtalentirter Mensch. Er 
politisirte, er komponirte, er schriftstellerte, er war 
ein ebenso gewiegter Pferde- wie Frauenkenner. 
Er kargte nicht mit dem Professorentitel wie mit 
seinem Hauskreuz für Kunst und Wissenschaft. 
Ordenssüchtige Mimen von nur einigermaßen Ruf 
brauchten nur an seinem Hoftheater zu gastiren, so 
ehrten sie gewiß nicht mit leerem Knopfloch heim 
Da fällt mir ein köstliches Geschichtchen ein, das 
dor einigen Jahren über ihn kolportirt wurde und 
das, wenn es nicht wahr ist, so doch um so besser 
erfunden ist. 
Ein Mime, dessen Ruf schon recht bedeutend, 
dessen Knopfloch aber immer noch leer war, absol⸗ 
virte am Herzoglichen Hoftheater ein Gastspiel, dessen 
dauptzweck eben das „Kreuz“ war. Aber sei es 
nun, daß der Mime Se— Hoheit nicht voll befriedigte, 
sei es nun, daß der Fürst an Wichtigeres zu denken 
hatte, als an das leere Knopfloch des Schauspielers 
— genug, die erhoffte Auszeichnung blieb aus. 
Traurig und enttäuscht packte Herr X seine Koffer, 
raurig und enttäuscht fuhr er im Hotelwagen zum 
Bahnhof, und, auf dem Wege dahin, am Herzog— 
lichen Schlosse vorüber. Se. Hoheit standen grade 
mit Höchstihrem Adjutanten vom Dienst an einem 
zgeöffneten Fenster des Schlosses und gewahrten den 
abreisenden Mimen. 
„Sagen Sie doch, mein lieber von Y, ist das 
richt der X, der da unten fährt?“ 
Der Adjutant bestätigte das. 
„Aber der Mann sieht so niedergeschlagen aus “ 
Der Adjutant lächelte verlegen: 
„Hm .. Hoheit ...“ und macht eine bezeich⸗ 
nende Fingerbewegung nach dem Knopfloch, das 
jei ihm allerdings nicht mehr leer war. 
Und Hohcit versteht und — lacht. 
„Ah!“ ... Giebt dem Kutscher unten einen Wink 
zu halten und flüstert dem Adjutanten einige Worte 
zu. Der verschwindet. 
Der Schauspieler unten fiebert vor freudiger, 
banger Erregung. Was hatte Se. Hoheit mit ihm 
ioch in letzter Stunde vor? 
Der Adjutant kehrt wieder, ein kleines in Papier 
zewickeltes Päckchen in der Hand, das er geschickt 
von oben herab in den Wagen schleudert. 
Verliner Illustrirte Zeitung. 
„Das für Sie, mein lieber X. Glückliche Reise!“ 
ruft der Fürst. 
Der Schauspieler entfernt die Papierhülle von 
em darin enthaltenen Gegenstand — seine Augen 
jlänzen — etwas goldig-buntes schimmert ihm 
ntgegen — das Hauskreuz! — Dann sieht er rath— 
os nach oben — der Adjutant muß sich in der Eile 
nergriffen haben — — 
„Hoheit halten zu Gnaden!“ rust er nach oben; 
‚es sind zwei!“ 
Se. Hoheit weiß sich zu helfen: 
„Geben Sie das Andere dem Kutscher!“ 
Und wieder einmal haben die gedruckten La— 
nentos über das Wetter geholfen: die große Hitze 
st wie weggeblasen; es „herbstelt“ schon recht neit. 
luch das langentbehrte himmlische Naß hat sich 
vieder eingestellt. Und welke Blätter sind ein gang— 
arer Artikel geworden. 
So witterwendisch wie der Mensch ist aber das 
LBelter noch lange nicht. Dieselben Menschen, die 
ich nicht genug über die „unausstehliche“ Hitze ent— 
rüsten konnten, zetern jetzt über den Umschlag. Ende 
Ernst II., Herzog v. Sachsen⸗Koburg⸗Gotha F. 
(Text 5. 3.54 
lugust und kaum noch ohne Regenschirm zur Thür 
sinaus treten, Abends nicht mehr ohne Paletot im 
ßarten sitzen können, das ist doch ein wenig stark! 
Vas hat man denn nun eigentlich vom Sommer 
zjehabt? Und wie die Bäume aussehen! Wenn 
»as so weiter geht, sieht man um Ende September 
ein grünes Blatt mehr. Und so weiter mit Grazie 
in infinitum. 
Der Wettergott hat dasselbe Schicksal wie der 
steichskanzler: wie er's auch macht, recht macht er's 
einem. Mag er sich wie dieser mit seinen guten 
Absichten trösten. 
Berlin ist bald wieder zu Hause. Davon zeugen 
»ie welken Guirlanden mit den papiernen „Herzlich 
Willkommen!“ auf den Wagen, welche den Kehricht 
ius den Häusern zusammenholen, davon zeugt die 
Wochenrubrik „Bewegung der Bevölkerung“ in den 
Zeitungen. Während in den letzten Wochen hier 
ine Abnahme der Bevölkerung ziffernmäßig kon— 
tatirt wurde, wird jetzt wieder ein allwöchentlich 
teigender Zuwachs nerzeichnet. Die flüchtig ge— 
vordenen Kinder der Mutter Berolina kehren eben 
vieder in ihre steinernen Arme zurück. Und einer 
gesteht's dem andern: Bei „Muttern“ ist's doch am 
Besten! 
Während die „civile“ Bevölkerung Berlins, so 
veit sie eben „draußen“ war, wieder heimkehrt, resp 
Ni. 36 
schon heimgekehrt ist, hat die militärische Bevölke— 
rung der Stadt den Rücken gekehrt und ist in's 
MNanöver gerückt. Der Krieg im Frieden ist Schuld 
haran, daß jetzt der bunte Rock, der sonst dem 
Straßenbilde eine so farbige Abwechselung verleiht, 
nur mehr sporadisch auftritt. Wo Du ja einen 
dieutenant siehst, ist er gewiß nicht von der Garde. 
Und andere können uns, den Berlinern, überhaupt 
nicht imponiren. Denn grade der Garde⸗-Lieutenant 
viderlegt am besten das von Militärfeindlicher Seite 
verbreitete Vorurtheil: der Offizier dünke sich er— 
haben über die civile Allgemeinheit. Nähert er 
ich doch in seinem Uniformschnitt erfreulich dem 
dleiderideal des Civilisten. Daß böse Menschen den 
Fivilisten, der dieses Kleiderideal verwirklicht an 
einem Leibe herumträgt, einen „Gigerl“ schelten, 
»as beruht eben nur auf ihrem mangelhaft ent— 
vickelten Schönheitssinn. Der Garde-Lieutenant 
iber läßt fich seine Flanir-Uniform nach dem Muster 
her civilen Elegants „bauen“ und widerlegt da— 
zurch am Besten den Gegensatz zwischen Militär 
ind Civil. Wie gesagt, er fehlt uns jetzt sehr, wo 
s in Berlin wieder lebendig wird. Schmerzlich 
hewegt trauern auch die „Mädchen für Alles“, die 
„Köchinnen“ und was sonst noch unter dem Zeichen 
des Besens und des Kochtopfes steht, dem davon— 
gegangenen Militär nach. Gottlob, die Küchenliebe 
inserer Soldaten ist noch heut wie früher ein Binde— 
zlied zwischen Civil und Militär, das uns noch 
werthvoller dünkt als der civile Uniformschnitt der 
Lieutenants. Denn es ist ein nahrhaftes Ver— 
hzältniß, das die Kaserne mit der Kaserne verbindet. 
Bei seiner Minna, Ricke oder Bertha, vergißt der 
Soldat des „Dienstes ewig-gleichgestellte Uhr“, die 
Unbilden des Kasernenhofes und der Kasernensiuben 
bei den Fleischtöpfen ihrer Küche lernt ex milde 
denken und findet, daß doch auch der „Kommiß“ 
eine gute Seite hat: die Küchenliebe. Natürlich hat 
er nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Tie 
pflichten des Cavaliers. Er hat sein „Verhältnip“ 
in dessen dienstfreien Sonntagen auszufuhren, 
natürlich nur da hin, wo „geschwooft“ wird; er 
hat ihm beizustehen in den kleinen Arbeiten der 
üche — notabene, wenn die „Frau“ das „Ver— 
zjältniß“ als ein legales ansieht und dem Grena— 
dier den Aufenthalt in der Küche gestattet. Und 
daß er nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht 
zu lieben hat, ist selbstverständlich Dagegen wird 
auch ein Max Nordau nicht zu eifern wagen. 
Da ist es denn begreiflich, daß die Menge des 
erbrochenen Geschirrs in den mit Dienstmädchen ge⸗ 
egneten, in der Nähe einer Kaserne liegenden, Haus— 
jaltungen Berlins in diesen Tagen eine Chimbo— 
rassohafte Höhe erreicht hat. Kann man die Ge— 
»anken beim „Aufwaschen“ auf das „lumpige“ Ge— 
chirr gerichtet haben, wenn sie in der Ferne weilen, 
zei „ihm“, der in den verschiedenen Duartieren viel— 
eicht schon wer weiß wie viele Mädel abgeküßt hat? 
Wird er wiederkommen, ihr wiederkommen? Das 
indere kümmert Minna nicht. Sie singt mit Suppé: 
dab' ich nur Deine Liebe, die Treue brauch' ich 
nicht! 
Nicht lange mehr und auch sie ist vorüber, die 
chreckliche, soldatenlose Zeit. Der bunte Rock wird 
vieder dominiren, „Unter den Linden“ und in der 
— 
war. X. 
Zur politischen LCage. 
Ve infolge der Metzelei von Aigues-Mortes 
— drohende Gefahr eines Konfliktes zwischen 
Frankreich und Italien ist glücklich veseitigt 
vorden und Gladstone hat seine irische Homerule⸗ 
Zill im Unterhause endlich zur Durchberathung und 
Annahme gebracht, so daß nach der rasch zu er— 
edigenden dritten Lesung das Haus der Lords sich 
zald damit zu befassen haben wird, voraussichtlich 
im sie abzulehnen und es dann einem neuzu— 
vpählenden Unterhause zu überlassen, sie ein zweiles 
Mal zu votiren. Auch der deutsch-russische Zoll— 
rieg dürfte infolge der am 1. Dktober hier be— 
innenden Verhandlungen zwischen den beiderseitigen 
— einem baldigen Ende zugeführt 
herden.
	        
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