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Periodical volume

Full text: Hedwig Issue 2013,1

hedwig

Ausstellung zeigt besonderes Erbstück

JOURNAL DER
DRK-SCHWESTERNSCHAFT
BERLIN E.V.
AUSGABE I/2013

Große Spuren
Seite 16

Wir sind vier Millionen
Ein karitativer Superlativ
Schwesternschaft hilft „Seltenen“
150 Jahre Rotes Kreuz

Seite 4

Seite 10

171 Jahre alt,
die Kinderschuhe der
Hedwig von Rittberg

inhalt
schwerpunktthema:

16

04

Für sich und alle
Wir sind vier Millionen
Allianz Chronisch
Seltener Erkrankungen:
Helfen mit Hilfe
der Schwesternschaft

editorial

Frauen in leitender Position setzen stärker auf Weiterbildungsangebote als ihre
männlichen Kollegen - das meint zumindest eine aktuelle Untersuchung des
„Verbundes der Deutschen Unternehmerinnen“. Eine andere, ebenfalls gerade
veröffentlichte Studie des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“ stellte zum Thema

10

Ein karitativer
Superlativ
Das Rote Kreuz:
Vor 150 Jahren gegründet,
heute weltweit größte
humanitäre Organisation

Große Spuren

Generaloberin
Brigitte Schäfer im großen
hedwig-Interview

Lebenslang
fürsorglich
Ulrike Laschinsky leitet ein
Pflegeheim – und schreibt
für ihren Hund Kolumnen

Für die DRK-Schwesternschaft Berlin sind Fort- und Weiterbildung ihrer Mitglieder
unverzichtbar, „davon profitieren wir alle: Schwesternschaft, Einrichtungen und
natürlich auch Sie“, betonte Oberin Doreen Fuhr in ihrem Grußwort an die Teilnehmer des neuen Managementkurses. Die Schwesternschaft fördere daher die
Qualifizierung ihrer Mitglieder

Schwesternschaftsausstellung zeigt neue Themen
– und ein besonderes Erbstück

„Ich blicke zu
allen Schwesternschaften...“

„Fort- und Weiterbildung“ fest: Den Arbeitnehmern fehlt dafür einfach die Zeit.

12

und auch die der Mitarbeiter

24

biz im Web
Zum Anklicken:
Bildungszentrum empfängt
jetzt Online-Besucher

ihrer Einrichtungen – zum
Nutzen aller, „im Managementdeutsch heißt das passend
Win-Win-Situation“, sagte

22

26
29

Schwere Bürde
Oberinnenamt
Oberinnen-Reihe:
Elisabeth Schlegtendal,
Paulinenhaus-Oberin

die Vorsitzende. Auch die erforderliche Zeit für den Besuch von Weiterbildungsveranstaltungen investieren beide: der Einzelne und die Schwesternschaft.
18 Teilnehmer besuchen den Kurs, einer von ihnen arbeitet übrigens nicht in den
Einrichtungen der DRK-Schwesternschaft Berlin. Zwei Jahre wird die Weiterbildung
dauern: Am 20. März 2015 werden die Kursteilnehmer dann zehn Theorieblöcke

Im Traumberuf
nebenbei die Welt
entdecken
Zwischen „Mitte“ und Äquator:
Christine Baermann im
Vorstandsporträt

absolviert haben mit insgesamt eintausend Unterrichtsstunden, hinzu kommen
die 456 Stunden Praktika. Neben dem offiziellen staatlich anerkannten Abschluss als
„Pflegekraft für leitende Funktionen in Einrichtungen der Pflege im Gesundheitsund Sozialwesen” werden weitere Qualifikationen bescheinigt: “Praxisanleiter/-in”
und “Fachkraft für gesundheitsgerechte Gestaltung der Arbeit in der Pflege”

S

pielplatz ist nicht gleich Spielplatz.
Es reicht längst nicht, ein Klettergerüst hinzustellen – den „Spielplatzklassiker“ –, dazu noch die obligatorische Rutsche; das alles aufgebaut
in einem großen Sandkasten. Schnell
langweilen sich die Kinder. Wenn die
zudem älter sind als zehn Jahre
und der Spielplatz selbst in einem
schlechten Zustand ist – die
Spielgeräte sind marode und eine
echte Gefahr – dann ist dieser Spielplatz „spiel-ungerecht“. Und genau
das ist die Anlage in der Kinder- und
Jugendpsychiatrie in den DRK Kliniken
Berlin | Westend, spielende Kinder und
Jugendliche haben unsere Mitarbeiter
dort seit langer Zeit nicht gesehen.
Als das Rote Kreuz vor genau 150
Jahren seine organisatorischen Strukturen bekam, da standen die „Gründungsväter“ (!) um Henry Dunant
noch unter dem Eindruck blutiger
Schlachten, an ihnen justierten und
formulierten sie die Rot-Kreuz-Grundsätze. Die sind für uns Rot-KreuzSchwestern verbindliche Werte, die
sich zusammenfassen lassen mit: allen
Menschen helfen. Hilfe kann vielfältig
sein. Auch mit der Neugestaltung eines
Spielplatzes. Unser Schwesternschaftsprojekt „SpieltSchön“ findet
großen Anklang, ein erster Spendenaufruf brachte fast dreitausend Euro.
Ein wunderbares Signal, dafür danke
ich allen Unterstützern im Namen des
Vorstandes der DRK-Schwesternschaft
Berlin – und natürlich auch im Namen
unserer Patienten der Kinder- und
Jugendpsychiatrie.
Oberin Doreen Fuhr
Vorsitzende der DRK-Schwesternschaft
Berlin e.V.

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

03

hedwig

»Ich kann, weil ich will, was ich muss.«

IMMANUEL KANT

Wir sind vier Millionen
Seit 2006 hat ACHSE, die „Allianz Chronisch Seltener Erkrankungen“, in Berlin ihre Geschäftsstelle.
Die DRK-Schwesternschaft Berlin unterstützt das Netzwerk: mit mietfreien Büroräumen.
„Wir müssen diese Krankheit lesen wie ein fremdes Land“: Jede freie Minute verbringt Augusto Odone in der
Bibliothek des „National Institute of Health“ in Washington. Er kämpft sich durch die wohl weltweit größte Sammlung medizinischer Literatur, liest hunderte Fachbücher über Immunologie, Biochemie, Genetik, Molekularbiologie:
Odones Sohn leidet an einer seltenen Nervenkrankheit. Die lässt ihm höchstens noch zwei Jahre seines Lebens,
sagen die Fachärzte; jeder prophezeit dabei einen anderen Krankheitsverlauf, alle kommen sie aber zum gleichen
schrecklichen Ergebnis. Nicht für die Eltern, Odone – von Beruf Banker – wird Amateur-Naturwissenschaftler,
seine Frau kümmert sich um den schwächer werdenden Lorenzo. Vater Augusto entdeckt bei seinen Forschungen
schnell ein ganz anderes Problem: Die globale Vernetzung der Wissenschaftler ist löchrig, die Mediziner teilen nur
unzureichend ihre Erkenntnisse über seltene Erkrankungen. Die Familie schafft es, 38 internationale Spezialisten
zusammenzurufen; zu sich nach Hause, der Vater kocht für seinen privaten Wissenschaftsgipfel. Bei Odones
wird erstmals das so unterschiedliche, große Wissen über die Krankheit des Sohnes zusammengeführt:
Ein ganz bestimmtes Fett kann dem Jungen das Leben retten – „Lorenzos Öl“.

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

05

hedwig

»Das Leben ist eine, die heimwärts führt.«

HERMANN MELVILLE

Sie sind die „Waisenkinder der Medizin“– eine plakative Selbstbezeichnung, die aber das grundlegende Problem verdeutlicht:
Die Betroffenen fühlen sich oft mit ihrer Krankheit allein

Waisen der Medizin

gelassen, vor allem von Ärzten, den Krankenkassen und der
Pharmaindustrie. Aber „die Seltenen“ haben zueinander gefunden und sich organisiert, Hilfe durch Selbsthilfe eben. Lisa Biehl
ist bei der ACHSE auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig
und sie weiß, „eine große Gruppe kann sich natürlich leichter
Gehör verschaffen und wahrgenommen werden als der
Betroffene allein“. Von diesen „großen Gruppen“ gibt es in der
Letztes Foto: Lorenzo Odone und Vater Augusto

Bundesrepublik über einhundert; es sind die Selbsthilfe- oder
Patientenorganisationen. Und die schlossen sich 2004 zusamen

1

992 läuft der gleichnamige Film in den Kinos. Susan Sarandon

– zur „Allianz Chronisch Seltener Erkrankungen“.

wird für ihre Darstellung der Mutter für den Oscar nominiert,

auch Nick Nolte als Augusto Odone loben die Filmkritiker. Ein

romantischer, sehr emotionaler Hollywood-Streifen mit Happy

S

echs Vorstandsmitglieder und zehn Mitarbeiter arbeiten für
ACHSE , von Berlin aus betreuen sie das komplette Bundesge-

End, und doch entstammen Lorenzo und sein Öl nicht der

biet, dazu kommen Anfragen aus den Nachbarländern Schweiz

Phantasie von Drehbuchautoren. Diese Story erzählt nämlich

und Österreich. Offiziell firmiert ACHSE unter einer „c/o“-Adresse

kein Einzelschicksal, auf etwa sechstausend chronisch seltene

– die Büroräume befinden sich in den DRK Kliniken Berlin

Erkrankungen und für Deutschland allein auf vier Millionen

Westend. Im Januar 2006 bezog ACHSE dort im „Haus V“ zwei

Betroffene kommen die Schätzungen der Mediziner. Trotzdem

Zimmer. Ohne Miete bezahlen zu müssen: ein Angebot der

bleiben die Zahlen ungenau. Wie auch das Begriffspaar „selten“

DRK-Schwesternschaft Berlin, das ACHSE gern annahm, „dafür

und „Erkrankung“, „ein Sammelbegriff ist das, der zudem

sind wir der Schwesternschaft unendlich dankbar“. Miriam

missverständlich ist“, meint Lisa Biehl von der Allianz Chronisch

Mann ist die Geschäftsführerin, ihr Netzwerk – als das ACHSE

Seltener Erkrankungen aus Berlin, kurz „ ACHSE “, „einen besseren

„Die Seltenen“ haben
zueinander gefunden
und sich organisiert.

haben wir aber nicht“. Brüssel habe zwar eine EU-Definition
vorgegeben – eine seltene Erkrankung liegt demnach vor, wenn
es nicht mehr als fünf Betroffene unter zehntausend Menschen
gibt – bei vielen seltenen Erkrankungen lassen sich keine

sich letztlich sieht –
lebt von Kontakten.
Und diese persönlichen Beziehungen
ermöglichten so
auch den Umzug des

genauen Angaben zur Häufigkeit machen. Und Verschiebungen
in der Statistik treten ständig auf, „Erkrankungen werden

Vereins von Düsseldorf nach Berlin, in die mietfreien Räume im

zusammen gefasst, neu benannt oder die Diagnostik verbessert

Westend. „Arpad von Moers ist hier Chefarzt der Kinderklinik“,

sich“. Lisa Biehl und ihre Kollegen von der ACHSE werden

erklärt Miriam Mann die Verbindung von ACHSE und Westend-

regelmäßig nach verlässlichem Zahlenmaterial gefragt, „leider

Krankenhaus, von Moers sitzt im Wissenschaftlichen Beirat der

können wir es ebenso wenig liefern wie das Bundesgesundheits-

ACHSE und „er vermittelte dann den Kontakt zur Schwestern-

ministerium oder die anderen Fachinstitutionen“. Verständlich,

schaft“. Mit Erfolg, der Verein expandierte räumlich und nutzt

denn regelmäßig berichten Ärzte von neuen seltenen Krank-

mittlerweile Büros auf zwei Etagen. Einen Flur teilt sich ACHSE

heiten, gerade die Genmedizin entdeckt früher gänzlich

übrigens mit der Pflegedienstleiterin der DRK Kliniken Berlin

unbekannte Defekte im Erbgut. Die chronisch seltenen Erkran-

Westend. Diese Nachbarschaft ist Zufall, aber von Vorteil, „wir

kungen sind alles andere als gleich. Jede Körperfunktion, alle

bekommen so einiges mit von Klinikalltag und Rot-Kreuz-

Organe können betroffen sein, auch im Schweregrad unter-

Schwesternschaft.“ > WEITER AUF SEITE 9

I

n Deutschland leiden vier Millionen
Menschen an seltenen Krankheiten,
von diesen Erkrankungen sind etwa
sechstausend bekannt. Über einhundert Selbsthilfeorganisationen sind
Mitglied im Netzwerk ACHSE: Sie
beraten die Betroffenen und ihre
Angehörigen, informieren und vertreten ihre Interessen in Politik und
Gesellschaft, stoßen Forschung an.
Mehr als drei Viertel der Erkrankten
sind übrigens Kinder. „Alternating
Hemiplegia of Childhood“, kurz AHC
heißt eine dieser seltenen Krankheiten,
deren deutsche Übersetzung unmissverständlich ein Symptom beschreibt:
„abwechselnde Halbseiten-Lähmungen im Kindesalter“. Nur vierzig
Fälle sind in der Bundesrepublik
bekannt, die Zahl der Erkrankten
dürfte – nicht zuletzt wegen fehlender
Diagnosemöglichkeiten – höher liegen.

Die Kinder leiden schon im Säuglingsalter
unter heftigen Krampfanfällen, die in
besonders schweren Fällen epileptisch
werden. Der Verein „AHC-Deutschland“
entstand aus einer Elterninitiative.
Häufiger und bekannter ist wohl die
Glasknochenkrankheit, in Fachkreisen
auch „OI“ von „Osteogenesis imperfecta“:
Auf durchschnittlich fünfzehntausend
Menschen kommt ein OI-Erkrankter.
Krankheitsursache ist ein Gendefekt, das
Krankheitsbild selbst ist unterschiedlich
ausgeprägt: Symptome sind neben der
erhöhten Knochenbrüchigkeit zum
Beispiel Minderwuchs, Schwerhörigkeit
und brüchige Zähne. Seit dreißig Jahren
kümmert sich die „Deutsche Gesellschaft
für Osteogenesis imperfecta Betroffene“
um „OI‘ler“ und ihre Angehörigen.
33 sogenannte „Mitgliedsfamilien“ hat
der Hilfsverein „Nephie“; 21 Kinder und
vier Erwachsene sind am nephrotischen

Syndrom erkrankt, einer überaus
seltenen, immunologisch bedingten
Störung der Nierenfunktion.
Die Ursachen sind – wie bei vielen
anderen seltenen Erkrankungen –
noch unbekannt. Bei den Kranken
bilden sich Ödeme: im Gesicht,
an den Beinen und im Bauchraum,
in der Lunge und sogar im Herzen;
totales Nierenversagen droht.
Am „Ullrich-Turner-Syndrom“
leiden in Deutschland 16.000
Betroffene – es sind ausschließlich
Mädchen und Frauen. Eines der beiden
X-Chromosomen fehlt ihnen oder ist
strukturell verändert. Unfruchtbarkeit,
kleine Körpergröße, Herzfehler, Nierenprobleme sind die Folgen dieser
Störung. Die „Turner-Syndrom-Vereinigung Deutschland“ berät und
vertritt die Betroffenen.
Benni Over ist an „Muskeldystrophie
Duchenne“ erkrankt, verursacht
durch Mutationen am Erbgut, die zum
Mangel an Proteinen in der Muskulatur
führen – betroffene Kinder wie Benni
leiden unter Muskelschwäche und
Muskelschwund. Bennis Familie
gründete 1996 „aktion benni & co
e.V.“, 2010 wurde die Deutsche
Duchenne Stiftung errichtet.
Eine Übersicht aller ACHSESelbsthilfeorganisationen bietet
eine Onlinedatenbank unter
www.achse-online. de

scheiden sich die Funktionsstörungen, „den Patienten selbst
helfen letztlich nur wenige ursächliche Therapien“.

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

07

hedwig

»Das Vertrauen gibt dem Gespräch mehr Stoff als Geist.«

»Unser Leben ist das, wozu es unser Denken macht.«

F R A NÇ OI S DE L A RO C H E FOUC AU L D

D

MARCUS AURELIUS

hedwig

ie Nähe zum Charlottenburger Krankenhaus kann jedoch

ACHSE selbst schon organisiert, im Oktober 2010 fand die erste

irritieren. „Einige Betroffene gehen davon aus, hier sofort

„Nationale Konferenz für Seltene Erkrankungen“ statt – im

diagnostiziert und therapiert zu werden“, sagt Lisa Biehl, die ihre

Westend, mit über zweihundert Teilnehmern aus ganz Europa.

Hauptaufgabe mit „Informationsverbesserin“ zusammenfasst,

Wieder half die DRK-Schwesternschaft Berlin, wieder mit

„Informationen sam-

kostenlos zur Verfügung gestellten Veranstaltungsräumen:

meln und verbessern

„Sie haben hier einen zentralen Anlaufpunkt geschaffen – für

Aus der Not zu
um die Lebens- und
Experten geworden. –Versorgungssituation
von Menschen mit

Patienten und ihre Angehörigen“, lobte in ihrem Grußwort
Oberin Doreen Fuhr die Arbeit der ACHSE , und die heute Vorsitzende der Schwesternschaft versicherte damals „wir werden

seltenen Erkrankungen zu verbessern.“ Für Ratsuchende ist die

Sie auch in Zukunft unterstützen“, und dieses Versprechen

Betroffenenberatung den Erstkontakt. „Die Patienten finden uns“

lösen die Rot- Kreuz-Schwestern weiter ein.

– ACHSE aktiviert und nutzt sämtliche Kommunikationskanäle,
auch informieren Ärzte und Krankenkassen – „unsere Flyer
liegen fast überall aus“ – regelmäßig berichten zudem die
Medien. Am Morgen nach der Ausstrahlung eines Beitrages über
ACHSE , der im rbb-Gesundheitsmagazin „Praxis“ zu sehen war,

klingelten in der Geschäftsstelle die Telefone: Klassischer
Nocebo-Effekt, weil Gesundheitssendungen angeblich Zuschauer
krank werden lassen? Nein, viele Anrufer melden sich nämlich

Engagement - ausgezeichnet
S

aus gutem Grund.

echs Mal wurde er bereits vergeben, der „Eva Luise Köhler Forschungspreis für Seltene Erkrankungen“: Initiiert wurde
der Preis von der „Eva Luise und Horst Köhler Stiftung für Menschen mit Seltenen Erkrankungen“; die ACHSE ist hier der

Kooperationspartner – die Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten ist übrigens Schirmherrin der ACHSE. Der mit 50.000
Euro dotierte Forschungspreis ging dieses Jahr an ein Forscherteam von der Medizinischen Hochschule Hannover.

E

twa eine halbe Stunde dauert durchschnittlich ein
Gespräch; ein statistischer Wert, denn jede Erstberatung

verläuft anders. Aus den Patientengeschichten hören die Betroffenberater dann oft Verzweiflung heraus. „Ja, es gibt immer
wieder Situationen, in denen die Mitarbeiter von schweren
Schicksalen erfahren müssen“. Die Erkrankten berichten nicht

Unter der Leitung der beiden Professoren Gesine Hansen und Thomas Moritz entwickelten die Wissenschaftler einen

nur von körperlichen Leiden, sie erzählen von existenziellen

Ansatz zur gentherapeutischen Behandlung einer seltenen Lungenerkrankung: Viele Betroffene, die an der Krankheit leiden,

Ängsten, manchmal auch über das Unverständnis bei Ange-

ersticken schon im Kindesalter; bislang gibt es keine heilende oder lang wirkende Therapie. Die Forscher aus Hannover

hörigen und Freunden, „viele werden psychosomatisiert, ihnen

haben nun eine Therapie entwickelt, bei der die gesunde Kopie des Gens in reife Immunzellen eingeführt wird.

wird nicht geglaubt“, sagt Lisa Biehl. Was die „Seltenen“ eher

Für die ACHSE war diese Konferenz von 2010 ein großer Erfolg,

Diese korrigierten Zellen wollen sie dann nicht in das Knochenmark verpflanzen, sondern direkt in die Lunge geben.

darin bestärkt, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen,

denn ein Ergebnis war die Gründung von NAMSE , des Nationalen

„das ist bewundernswert, wie selbstaktiv viele Betroffene und

Aktionsbündnisses für Menschen mit Seltenen Erkrankungen.

ihre Angehörigen sind.“ Eltern wie die Odones aus „Lorenzos Öl“

Und das soll noch dieses Jahr einen „Nationalplan“ entwickeln.

als Experten für seltene Erkrankungen – für die Mitarbeiter der

Erfolg bei der ACHSE sei immer auf mehreren Ebenen spürbar,

Der „ACHSE-Central Versorgungspreis für chronische seltene Erkrankungen“ ist eine weitere Auszeichnung, den Preis
schreibt ACHSE gemeinsam mit der Central Krankenversicherung aus. Prämiert werden Projekte, „die sich in innovativer
Herangehensweise der Versorgung von Menschen mit Seltenen Erkrankungen widmen“. ACHSE-Geschäftsführerin Mirjam

Auch in Zukunft von der Schwesternschaft unterstützt:
Lisa Biehl und ihre Kollegen von der ACHSE

ACHSE war das kein dramaturgischer Kunstgriff: Patienten und

meint Lisa Biehl und zitiert einen Patienten, der ihr gestand:

Mann erklärt, warum: „Es fehlen abgestimmte Formen der Zusammenarbeit und umfassende Konzepte, die sicherstellen,

die Menschen, die ihnen nahestehen und helfen wollen, sie alle

„Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass jemand unsere

dass die Betroffenen eine fachkundige und bei Bedarf interdisziplinäre sowie sektorenübergreifende

sind „aus der Not zu Experten geworden“, und sie teilen Wissen

Probleme so nachvollziehen kann und sich Zeit für uns nimmt“.

und Engagement mit und in den Patientenorganisationen.

Und genau das ist die Aufgabe von Lisa Biehl und ihren

Wie zum Beispiel beim Seminar „Betroffene beraten Betroffene“,

Kollegen von der ACHSE .

Versorgung erhalten“. Mit der Verleihung des Preises wollen ACHSE und die Central Krankenversicherung diesem Mangel in der Versorgung von Menschen mit chronischen seltenen Erkrankungen entgegenwirken: „Projekte sollen gefördert, kommuniziert und multipliziert werden“.

Allianz Chronisch Seltener
Erkrankungen (ACHSE) e.V.
c/o DRK Kliniken Berlin | Westend
Spandauer Damm 130, 14050 Berlin
Telefon 030 33 00 708-0
www.achse-online.de

das ACHSE für die Mitgliedsorganisationen anbietet. Aber auch
Nicht-Betroffene aus der Medizin oder der Gesundheitspolitik
fragen den Verein an und laden ACHSE ein zu kleinen Symposien
und großen Kongressen. Eine solche Großveranstaltung hat

Lorenzo starb 2010, er wurde dreißig Jahre alt. Die Prognosen der Mediziner, die ihm bei
Ausbruch der Krankheit im Alter von sechs Jahren nur noch zwei Jahre Lebenszeit schenkten,
hat er weit übertroffen – dank des Öls, das sein Vater Augusto mit seiner Selbsthilfegruppe
aus Wissenschaftlern und Familienangehörigen entwickelte und dessen Wirkung gerade
eine Studie auch offiziell bestätigte.

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09

hedwig

»Große Werke vollbringt man nicht mit Kraft, sondern mit Ausdauer.«

SAMUEL JOHNSON

Ein karitativer

Superlativ

150

Das Rote Kreuz feiert 150 Jahre
Vier Millionen Mitglieder, davon vierhunderttausend Aktive, ein jährliches Spendenaufkommen von vierzig Millionen Euro: Das Deutsche Rote Kreuz ist die wohl größte und
wichtigste nationale Hilfsorganisation. Mit seiner Geschichte, die vor genau 150 Jahren
begann, ist die Organisation auch eine der ältesten.

J

uni 1859, der Schweizer Geschäftsmann
Henry Dunant erlebt in Italien die
Schlacht von Solferino: Österreich kämpft
gegen die französisch-sardinische Armee.
Ein Massaker, vierzigtausend Soldaten
werden schwer verwundet oder getötet.
Vom Elend der Männer zutiefst verstört,
mobilisiert Dunant die Anwohner der
umliegenden Ortschaften und organisiert
die medizinische Versorgung. Die Bilder
dieses Erlebnisses lassen ihn nicht mehr
los: „Es gibt keinen Pardon. Es ist ein
allgemeines Schlachten, ein Kampf wilder,
wütender, blutdürstiger Tiere. [...]
Zu Tausenden fallen Menschen, verstümmelt, zerfetzt, durchlöchert von Kugeln
oder tödlich getroffen durch Geschosse
aller Art“. In seinem drei Jahre später
erschienenen Buch „Erinnerung an
Solferino“ verarbeitet er allerdings nicht
nur das erlebte Elend, sondern formuliert
auch zum ersten Mal die Idee ziviler
Hilfeleistungen in Krisengebieten;
er legt damit die ideelle Grundlage für

Hilfsorganisationen wie das DRK. Dunant
beließ es allerdings nicht bei der bloßen
Idee. Er wollte seine Vorstellungen auch
umsetzen. Unter seiner Mitwirkung wurde
1863 in Genf das „Internationale Komitee
der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ (seit 1876 „Internationales
Komitee vom Roten Kreuz“) gegründet.
Ein Ziel: Die systematische medizinischpflegerische Ausbildung freiwilliger
Helfer bereits in Friedenszeiten und ihre
Vor-bereitung auf mögliche Einsätze in
Kriegsgebieten. Auf einer noch im selben
Jahr abgehaltenen Konferenz beschlossen
Vertreter aus sechzehn europäischen
Nationen die Gründung einzelner
nationaler Hilfsorganisationen.
1866 wurde mit dem sieben Jahre zuvor
gegründeten Badischen Frauenverein die
erste nationale Rot-Kreuz-Organisation
vom Internationalen Komitee des Roten
Kreuzes in Genf anerkannt; als „Badischer
Frauenverein vom Roten Kreuz“ erhielt er
die Funktion einer „Abteilung des Interna-

tionalen Hilfsverein“ für das Großherzogtum Baden. Im November 1863 gründete
sich dem „Württembergischen Sanitätsverein“, auch aus ihm wurde später eine
Rot-Kreuz-Gesellschaft gegründet. Es
folgten 1864 im Großherzogtum Oldenburg der „Verein zur Pflege verwundeter
Krieger“, 1866 in Sachsen der „Verein der
Albertinerinnen“ und einige weitere
Landesverbände. 1866 trat der Vaterländische Frauenverein dem Roten Kreuz bei.
Erst 1921 schlossen sich alle deutschen
Landesvereine zum Deutschen Roten
Kreuz e.V. zusammen. Zu dieser Zeit hatten
sie bereits einen der größten Einsätze
hinter sich: Im Ersten Weltkrieg waren
insgesamt sechstausend ausgebildete
Schwestern an den Fronten tätig, dazu
eintausend Hilfsschwestern und etwa
siebentausend zusätzliche Helferinnen.
Nach ebenfalls aufopfernder Arbeit
im Zweiten Weltkrieg, bei dem nun bereits
über 600.000 Helferinnen im Einsatz
waren, wurde das Deutsche Rote Kreuz

Werbung für Dunants Vermächtnis –
Fahnen vor dem DRK-Generalsekretariat

1945 von den Alliierten aufgelöst.
1950 erfolgte in der Bundesrepublik die
offizielle Neugründung, in der DDR dann
zwei Jahre später. Nach der Wende
schlossen sich beide Einzelorganisationen
wieder zusammen. Aktuell zählt neben
der Tätigkeit in Krisengebieten wie Syrien
oder bei Naturkatastrophen vor allem

auch die Organisation und Durchführung
von Blutspenden zu den Aufgaben. Das
Konzept organisierter, ziviler Hilfe hat
sich lange bewährt. Mittlerweile gibt es
ähnliche Organisationen weltweit. Dem
deutschen Symbol des Roten Kreuzes auf
weißer Armbinde entsprechen sowohl der
rote Halbmond als auch der rote Kristall

auf weißem Grund, die zum Teil von
anderen Nationalen Gesellschaften
verwendet werden. Alle diese Wahrzeichen sichern den Helfern den Schutz
der Genfer Konventionen zu.

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11

hedwig

D

er Wechsel werde für sie viele Veränderungen
bringen, natürlich neue Aufgaben und auch spannende Herausforderungen: Das sagte Generaloberin
Brigitte Schäfer auf ihrer offiziellen Amtseinführung
im Februar. Im hedwig-Interview erzählt die neue
Präsidentin des Verbandes der Schwesternschaften
vom DRK, welche dieser Vorhersagen sich erfüllt
hat – soweit man das in dieser kurzen Zeit
überhaupt schon sagen kann.

Als Verband übernehmen Sie die überregionale Lobbyarbeit
für die Rot-Kreuz-Schwestern – nicht nur beim Deutschen Roten
Kreuz, auch gegenüber politischen Institutionen wie Bundesregierung, Bundestag, das alles natürlich ebenfalls in den einzelnen Bundesländern. Wie muss man sich das vorstellen?
Delegierte aus den Schwesternschaften vertreten uns zum
Beispiel in den berufspolitischen Gremien – denken Sie an den
Deutschen Pflegerat oder den Deutschen Bildungsrat. Das
umfasst auch die Länderebene, dort sind wir aktiv in den
Landespflegeräten und so weiter.
Sie sind seit dem 1. Februar Präsidentin und Generaloberin
und für das Amt nach Berlin gezogen.
Als die Entscheidung fiel, dass ich nach Berlin als Präsidentin
wechseln werde, da habe ich die Gelegenheit genutzt, auch
meinen Lebensmittelpunkt hierher nach Berlin zu verlegen.
Drei Monate vor Amtsantritt bin ich mit meinem Mann nach
Berlin gezogen. Wir haben erwachsene Kinder, wohnen jetzt
in Lichterfelde, Luftlinie anderthalb Kilometer von hier
entfernt. Heute Morgen bin ich von meiner Wohnung aus
in die Carstennstraße geschlendert: bei Sonnenschein und
Frühlingsluft. Es ist einfach wunderschön hier.

// FOTOS VON HOLGER GROSS UND MATHIAS WODRICH

Frau Generaloberin Schäfer, was ist die Aufgabe einer
Generaloberin, können Sie die kurz und knapp beschreiben?
Ich führe die Bezeichnung „Generaloberin“ und bin Präsidentin des Verbandes der Schwesternschaften vom DRK und damit
erste Repräsentantin des Verbandes – genau das ist die Verbindung zum Deutschen Roten Kreuz: Ich repräsentiere den
Verband der Schwesternschaften, also die 33 Schwesternschaften Deutschlands mit ihren über 22.000 Mitgliedern. Der
Verband der Schwesternschaften ist – analog zu den Schwesternschaften – ein eingetragener Verein. Wir haben im
Verband demnach die identischen Strukturen, mit einem
Vorstand und der Mitgliederversammlung. Und dem Ganzen
stehe ich als Präsidentin vor.
Mitglieder sind die Schwesternschaften als Vereine?
Richtig, und die Mitglieder werden vertreten durch ihre
Oberin.
Sie sagten, Ihre Aufgabe sei es, den Verband – und damit
die DRK-Schwesternschaften – beim Deutschen Roten Kreuz
zu repräsentieren.
Ja, und diese Zusammenarbeit mit dem DRK ist eine sehr
lange und intensive: Wir werden zum Beispiel eingebunden
in die Entwicklung von Strategien, auch in politische
Entscheidungen, dort können wir Stellung beziehen zu
unterschiedlichen Fachthemen.
Mit dem DRK-Generalsekretariat teilen Sie sich hier in Berlin
mehr als nur die gemeinsame Adresse „Carstennstraße 58-60“.
Wie ist da der Austausch: eher formell, also über gemeinsame
Gremien, oder doch ein informeller dank kurzer Wege?
Sowohl als auch: Ich vertrete den Verband in den Gremien
„Präsidialrat“ und „Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes“.
Wegen der räumlichen Nähe zum DRK tauschen wir uns
natürlich auch auf der informellen Ebene aus.

Generaloberin Brigitte Schäfer:

„Ich blicke zu allen
Schwesternschaften
und all ihren
Mitgliedern“

Können Sie einschätzen, ob die Arbeit jetzt eine
vollkommen andere ist als zuvor, als Sie noch Oberin
einer Schwesternschaft waren?
Ich hatte es schon erwähnt: Letztlich ist der Verband ein
Verein und identisch mit einer regionalen Schwesternschaft.
Hier im Verband haben wir natürlich auch das sogenannte
„Tagesgeschäft“ – nur ist die Dimension eine gänzlich andere.
Zuvor habe ich als Oberin in meine Schwesternschaft geschaut:
in die Arbeitsfelder, in die Häuser. Letztlich ist das geblieben,
nur mit dem Blick in das ganze Bundesgebiet. Es ist nicht mehr
nur die eine Schwesternschaft, ich blicke zu allen Vereinen
und allen ihren Mitgliedern. Dafür nutze ich zum Beispiel
auch die Vorstandssitzungen, die hier in der Carstennstraße
stattfinden. Aber es ist mein ausdrücklicher Wunsch, selbst vor
Ort zu sein, mir ein Bild von jeder DRK-Schwesternschaft zu
verschaffen. Jede Schwesternschaft ist natürlich herzlich
eingeladen, zu mir in die Geschäftsstelle nach Berlin
zu kommen.
Das ist Basisdemokratie.
Ja, und diesen Anspruch müssen wir leben. Es ist mir sehr
wichtig zu sagen: „Da sind die Menschen“. Natürlich ist es eine
Herausforderung, mit jeder einzelnen von den 22.000 DRKSchwestern persönlichen Kontakt zu haben, das ist mir
bewusst. Aber ich interpretiere mein Amt mit „Nähe“ und
„Glaubwürdigkeit“. Und das sage ich jetzt nicht, damit es in der
hedwig steht (lacht). Das Gespräch suchen, den Menschen mit
seinen Stärken und seinen Schwächen wahrnehmen – darauf
kommt es für mich an. Die Mitglieder, das sind die Menschen

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

13

hedwig

„Jede Schwesternschaft ist
herzlich eingeladen, zu mir in die
Geschäftsstelle zu kommen.“

Generaloberin Brigitte Schäfer (49) wurde in der mittelhessischen Kleinstadt Laubach
geboren. Die examinierte Krankenschwester ist seit 2002 Mitglied der DRK-Schwesternschaft
Hamburg, wo sie sich auch in der Gremienarbeit engagierte, so zum Beispiel als Vorstandsmitglied im Verband der Schwesternschaften vom DRK, in der Arbeitsgruppe „Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation“ und im Aufsichtsrat des Schwesternschaftsversicherungsvereins.
Zwischen 2004 und 2008 war Brigitte Schäfer stellvertretende Vorsitzende der Hamburger
Schwesternschaft; auch leitete sie als Geschäftsführerin eine Seniorenresidenz des Vereins.
Am 1. Februar 2008 übernahm sie den Vorsitz der DRK-Schwesternschaft Hamburg,
genau fünf Jahre später wurde Brigitte Schäfer Präsidentin des Verbandes der
Schwesternschaften vom DRK.
Über den Verband der Schwesternschaften vom DRK. Im Herbst 1882 beschlossen sieben
Rot-Kreuz-Schwesternschaften, einen „Verband deutscher Krankenpflege-Institute vom
rothen Kreuz“ zu gründen. Auf der Delegiertenliste an erster Stelle stand übrigens der „Hilfsschwestern-Verein in Berlin (Gräfin Rittberg)“, Vorgängerorganisation der DRK-Schwesternschaft Berlin. Die Krankenpflegerinnen sollten eine bessere Ausbildung durchlaufen; bereits
1874 hatte der „Verbandstag der deutschen Frauenvereine vom Roten Kreuz“ beschlossen,
Krankenpflegeschulen einzurichten. Nicht nur die Ausbildung wurde nun durchorganisiert:
Die Rot-Kreuz-Schwesternschaften erkannten schon damals, wie unerlässlich auch die
Fortbildung für die Arbeit in der Pflege ist. Aufnahme, Ausbildung und Anstellung der Krankenpflegerinnen regelten die Schwesternschaften anfangs noch unterschiedlich. Der neugegründete Schwesternschaftsverband erarbeitete die dafür verbindlichen Standards; eine dieser
Regelungen besagte: „Die geprüften Krankenpflegerinnen (...) heißen, Schwestern vom
rothen Kreuz´. Eine Brosche mit dem rothen Kreuz wird als ,Legitimation´ vorgesehen.“
Der Verband der Schwesternschaften vom DRK e.V. vertritt heute als Dachorganisation
bundesweit 33 DRK-Schwesternschaften mit insgesamt 22.000 Rot-Kreuz-Schwestern,
die sowohl in eigenen Einrichtungen der DRK-Schwesternschaften als auch über die Mitgliedergestellung in Einrichtungen anderer Träger tätig sind. Der Verband der Schwesternschaften
vom Deutschen Roten Kreuz e.V. gehört zum ältesten Teil der Rot-Kreuz-Bewegung.
2001 zog der Verband von Bonn nach Berlin: Seinen Sitz hat der Verband der Schwesternschaften in einem Neunbau in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen RittbergKrankenhaus der DRK-Schwesternschaft Berlin.

an der Basis; der Besuch einer Schwesternschaft bedeutet für
mich, Kontakt zu den Menschen zu haben, für die ich letztendlich in dem gewählten Amt bin. Denn das unterscheidet sich
maßgeblich von der Geschäftsführungsposition in einem
Unternehmen: Da bewirbt man sich, dann entscheidet ein
Gremium, man wird Vorgesetzter. Aber die Menschen, die
einem nun zur Seite stehen, die haben nichts dazu beigetragen
und die sagen vielleicht: „Wir sind gar nicht damit einverstanden!“ Hier bei uns ist es ganz anders, hier haben die Menschen
gesagt: „Ja, diejenige soll es sein, die wollen wir wählen“.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den einzelnen
Schwesternschaften, abseits formaler Zusammenkünfte wie
Oberinnentreffen oder Mitgliederversammlung?
Die ist sehr fruchtbar, das habe ich in den ersten Wochen
erlebt: Weil ich doch aus dem Kreis der Kolleginnen komme,
eine von ihnen bin. Es sind Kolleginnen gewesen, die mich
gewählt haben, um dieses Amt auszufüllen. Die enge Zusammenarbeit aus den letzten Jahren setzen wir also fort.

Den Vorteil der Nähe genießt zumindest die Berliner
DRK-Schwesternschaft – eine Sonderrolle nimmt
sie dadurch bestimmt nicht ein.
Nein (lacht), da würden mich die 32 anderen Schwesternschaften in die Pflicht nehmen. Aber es ist trotzdem großartig,
dass wir räumlich und vor allem auf der kollegialen Ebene
so nah beieinander sind. Das finde ich wunderbar.
Seit wann sind Sie Rot-Kreuz-Schwester?
Seit elf Jahren, also keine „geborene“ Rot-Kreuz-Schwester,
die seit Jahrzehnten im Verein ist, wenn man es so plakativ
formulieren möchte.
Was hat Sie damals überzeugt, einzutreten und Mitglied
einer DRK-Schwesternschaft zu werden?
Mich hat der Gedanke überzeugt, einem Verein für Frauen
anzugehören und sich für ihre Qualifizierung, vor allem im
Bereich der Pflege, einzusetzen. Das finde ich sehr wichtig. Und
in diesem Netzwerk möchte ich mich engagieren, zum Beispiel
für die Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Sind Fort- und Weiterbildung die Argumente, die auch andere
überzeugen könnten und die man vielleicht noch stärker betonen
müsste, um so neue Mitglieder zu gewinnen?
Auf jeden Fall, aber dazu gehört für mich unbedingt auch die
berufsethische Frage, die sich jede Pflegekraft und jeder, der
im Gesundheitswesen tätig ist, zu stellen hat; Tag für Tag.
Das erfordert Nachdenken und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Aber zählt letztendlich nicht für die Mehrheit: regelmäßiges Einkommen – krisensicherer Arbeitsplatz?
Das eine schließt das andere doch nicht aus! Es ist legitim zu
sagen, „ich tue es, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen,
ich bin verwurzelt: zwar auf der einen Seite mit der Schwesternschaft, aber eben auch mit meinem Arbeitsfeld“. Und sollte
sich irgendwann die Frage nach Veränderungen stellen, so
verstehe ich es, wenn die Entscheidung letztlich so ausfällt:
„Mir ist der Ort, an dem ich arbeite, wichtiger“. Das ist auch
eine Realität, dafür habe ich Verständnis. Es hängt so viel
daran: die Familie, das soziale Umfeld. Darüber müssen
wir offen sprechen können.

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

15

hedwig

»Bunt ist meine Lieblingsfarbe.«

WA LT E R GROPI US

Auf großen

Spuren
Berlin-Lankwitz, Frühjahr 2009. Endlich war das Buch gedruckt, nun stand das Redaktionsteam aus der Mozartstraße vor einer neue großen Aufgabe: Was soll geschehen mit Fotos, Briefen
und den vielen anderen Zeitzeugnissen, vor allem mit denen, die nicht in „Leben nützlich für
andere“, dem Buch der DRK-Schwesternschaft Berlin, gezeigt werden? Alles wieder zurück ins
Archiv oder runter, in den Keller – und damit auf dem besten Weg ins Vergessen?

D

urch die Arbeit am Schwestern-

Nach einjähriger Vorbereitungszeit – Räu-

Im Archiv lagern dutzende Fotoalben

schaftsbuch hatten wir einen guten

me mussten gesucht und geprüft werden –

aus Privatbesitz mit Aufnahmen aus dem

Überblick bekommen, was für einen

begannen im Frühjahr 2010 die Vorberei-

Alltag der Berliner Rot-Kreuz-Schwestern-

kostbaren Fundus wir besitzen“, erinnert

tungen für „Schwesternschaftsjahre – Die

schaften; Material für die neu installierten

sich Renate Lawrenz. Es sind nicht nur

Ausstellung der DRK-Schwesternschaft

digitalen Bilderrahmen schien somit aus-

hunderte Aufnahmen, die zahlreichen

Berlin“. Die Nähe zum Bildungszentrum

reichend vorhanden. Zwei Räume inklusive

Briefe und Tagebücher aus den Nachlässen

war durchaus beabsichtigt: Ausstellungen

Flur erzählen aus den drei Jahrhunderten

von Rot-Kreuz-Schwestern, von denen jedes

sollen Wissen vermitteln, und der Besuch

Schwesternschaftsgeschichte, die beiden

einzelne Objekt die Erinnerung an

von „Schwesternschaftsjahre“ zeigt

Zimmer gegenüber standen bislang leer.

vergangene Zeiten aufleben lässt. Auch

Zusammenhänge, die den Schülern

Der Förderverein „Kunst im Westend“

offizielle Schriftwechsel, kostbar gestaltete

vielleicht nicht so bewusst sind.

nutzte sie unter anderem als Archiv und

Urkunden und wichtige Verträge aus mehr

Nach zweieinhalb Jahren wurde es Zeit

Besprechungsraum. Diese Räume wurden

als einhundert Jahren Schwesternschafts-

für eine kritische Prüfung der bestehenden

nun in die Schwesternschaftsausstellung

geschichte könnten ganz bestimmt wegen

Ausstellungsinhalte. Übersichten zum

einbezogen. „Schwesternschaftsgeschichte

ihrer Inhalte und der manchmal eigen-

Beispiel mussten aktualisiert werden; zwei

werden selbstverständlich auch diese

willigen Gestaltung auf Interesse stoßen.

Jahre von jetzt gut 138 Jahren Berliner

neuen Ausstellungsräume erzählen“, sagt

Diese von den Schwestern wieder entdeck-

Schwesternschaftsgeschichte sind ein nur

Diane Bedbur vom Team „Ausstellung“ der

ten Exponate sollten öffentlich zugänglich

anscheinend kurzer Zeitraum. Einige

DRK-Schwesternschaft Berlin, „das Thema

sein; ohne lange überlegen zu müssen,

hundert Besucher haben sich die Räume im

für einen Raum stand für uns sofort fest“:

entschieden sich Oberin Heidi Schäfer-

Haus S auf dem Westend-Gelände ange-

die „Geschichte der Ausbildung am Beispiel

Frischmann und ihre Kolleginnen für die

schaut – die historischen Fotos fanden sie

der Krankenpflegeschulen Berliner

Einrichtung einer Ausstellung, „und die

besonders interessant. Der Wunsch nach

Rot-Kreuz- Schwesternschaften“, so der

sollte unbedingt dauerhaft sein“.

mehr wurde immer wieder geäußert.

etwas sperrige Arbeitstitel, das Thema

Leere Räume mit neuen Ausstellungsthemen füllen

„SchwesternschaftsJahre“ wird zur Zeitreise mit Durchgangszimmern

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

17

hedwig

»Aktivität ist nun einmal die Mutter des Erfolgs.«

C L AU DE AC H I M H E LV ÉT I US

dann umgesetzt auf knapp zwanzig

bei der Gestaltung des Flures überlegt:

Quadratmetern Ausstellungsfläche – wie

An der rechten, bisher blütenweißen Wand

bereits in den bestehenden Räumen hatten

ist nun die Silhouette des Westend-Kran-

sich die Ausstellungsmacher wieder auf das

kenhauses zu sehen, ein Verweis auf den

Wesentliche zu beschränken, „nicht so viel

geschichtsträchtigen Ort, zu dem seit

wie möglich, sondern ganz gezielt Infor-

2010 „Schwesternschaftsjahre“ gehört.

mationen anbieten, mit den passenden

Auch die Besucher, die die Ausstellung

Exponaten als Ergänzung“, erklärt Diane

kennen, werden eine weitere „Aktualisie-

Bedbur die optisch-inhaltliche Ausrichtung

rung“ sofort entdecken: In einer Glasstele

im Ausstellungskonzept. Eine Klassen-

steht ein Paar Schuhe, es sind die Kinder-

situation simuliert der Raum „Ausbildung“

schuhe Hedwig von Rittbergs, der Gründe-

– Schülerinnen des Krankenpflegekurses

rin der ersten Rot-Kreuz-Schwesternschaft

1962 sind als lebensgroßes Postermotiv

Berlins, „ein sehr emotionales Ausstellungs-

zu sehen, davor stehen Schultische, auch

stück für uns Mitglieder“, meint Diane

aus dieser Zeit. Wandtafel und historische

Bedbur. Es sind die ältesten Exponate im

Schaubilder, dazu Unterrichtsmaterialien

Besitz der Schwesternschaft, 171 Jahre alt.

wie Schulbücher und andere Notizen

Zuletzt waren die Schuhe im Mutterhaus

sollen den Eindruck vervollständigen.

in der Mozartstraße zu sehen. „Schwestern-

Die Inhalte des anderen neuen Raumes

schaftsjahre 1875 bis heute – Die Ausstel-

sind bereits Thema im alten Ausstellungs-

lung der DRK-Schwesternschaft Berlin“

teil: die Einrichtungen. Die imposante

befasst sich mit dem Erbe der Schwestern-

Berlin-Karte im Treppenaufgang zum

schaft; der perfekte Rahmen, die Schuhe

eigentlichen Ausstellungsbereich bietet

der Frau zu zeigen, die der Ausstellung

einen ersten Blick über alle Einsatzorte

im Westend ihr „Gesicht“ gab – Hedwig

Berliner Rot-Kreuz-Schwestern, über Berlin

von Rittberg. Am 8. Juni laden die

hinaus. Die schmalen Hochkanttafeln im

DRK Kliniken Berlin | Westend ein

Raum Zwei stellen eine Auswahl an

zum „Tag der offenen Tür“.

Gesundheitseinrichtungen kurz vor: die
DRK Kliniken Berlin, deren Träger die

Offen sein wird dann auch wieder
die Tür zur Ausstellung.

den Verein erklärt nun ausführlich der
vierte und letzte Raum. Nicht nur über
die fünf Kliniken und das Pflegeheim der
Schwesternschaft können sich die Besucher
hier informieren: Auch Einsatzorte, an
denen die Berlinerinnen nicht mehr arbeiten, die aber dennoch Teil der Geschichte
ihres Vereins sind, werden mit der Ausstellung aus der drohenden Vergessenheit
geholt. Eine Änderung haben sich Diane
Bedbur, Renate Lawrenz und Kollegen auch

Schwesternschaftsjahre

Schwesternschaft ist. Ihre Bedeutung für

Schwesternschaftsjahre 1875
bis heute. Die Ausstellung der
DRK-Schwesternschaft Berlin
Wiedereröffnung am 8. Juni 2013, reguläre Öffnungszeiten dann dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr
oder nach Vereinbarung unter 030-3035-5450 und
per Mail: info@drk-schwesternschaft-berlin.de

18

75

DRK Kliniken Berlin | Westend, 14050 Berlin,
Spandauer Damm 130, Haus S (Bildungszentrum)
Weitere Informationen über die Ausstellung finden
Sie auf den Schwesternschaftsseiten
www.drk-schwesternschaft-berlin.de

BIS HEUTE

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE II/ 20 12

13

hedwig

»Der verlorene Tag ist der, an dem man nicht gelacht hat.«

Lebendige Exponate
Aufsichtspersonal muss heute mehr können als nur „Bitte Ruhe“

N IC HOL A S C H A M FORT

„Ich weiß dies deshalb so genau,
weil dieselben in diesem Augenblick vor mir stehen“

zischen oder „No photos, no cameras“ zu sagen: Zu jeder nur

Liegnitz, 1842. „Wissen Sie, Frau Gräfin,

alte Hentschel. Im Revolutionsjahr 4´ 8

möglichen Frage müssen die Ausstellungsmitarbeiter eine Antwort

für die kleine Comtesse mache ich Ihnen

kamen er und Schneidermeister Enderlin

die Schuhe die nächsten Jahre umsonst“,

in unser Haus, in Bürgeruniform. „Wir

Schuhmacher Hentschel schaut die Gräfin

müssen uns dienstlich bei Ihnen melden,

nicht an, als er ihr das Angebot unterbrei-

Herr Major von Rittberg“, die Bürgergilde

tet. Nachdenklich kratzt sich Hentschel

hatte die Beiden geschickt, der Vater sollte

sein schlecht rasiertes Kinn. Drei Jahre ist

nicht Posten beziehen, Enderlin und

das Kind alt, denkt er, Tanzschuhe für den

Hentschel übernahmen für ihn. Eine solche

Manöverball werde ich ihr bestimmt nicht

Harmonie zwischen den Ständen, in dieser

schustern, so alt wird die Kleine nicht.

unruhigen Zeit. Die Schuhe, Ziegenleder

„Nächste Woche bringe ich Ihnen die

hatte Hentschel verwendet, zwei identische

Schuhe vorbei, Frau Gräfin“, die Schuhgrö-

hatte er geschustert; einen linken und

ße musste sich Hentschel nicht aufschrei-

einen rechten Schuh fertigen die Schuh-

ben, die Angaben merkt er sich, wär schade

macher nämlich erst seit ein paar Jahren,

ums Papier, das sagt er immer dem Franz,

aus England kam diese Mode, dabei haben

seinem Gesellen, nur weil der sich ein paar

die Römer so schon vor zweitausend Jahren

Zahlen nicht merken kann. Wie viele

ihre Sandalen hergestellt. Lange trug

Schuhe ich wohl schon für die von Ritt-

Hedwig von Rittberg dieses erste Paar;

finden. Unser Ausstellungspersonal bringt dafür die besten
Voraussetzungen mit: Es sind sieben Rot-Kreuz-Schwestern im
Ruhestand, die sich an zwei Tagen in der Woche der gewünschten
Neugier der Besucher stellen. An der Geschichte der Berliner
DRK-Schwesternschaft haben sie mitgeschrieben; die Schwestern
sind Zeitzeugen und damit ein lebendiger Teil von „Schwesternschaftsjahre“. Wir möchten an dieser Stelle unseren Schwestern
für ihre Unterstützung danken, ohne die die Dauerausstellung
nie eine öffentliche gewesen wäre:
Susanne Groß

Margot Paul-Peetz

Lotti Krumholz

Barbara Sommerfeld

bergs angefertigt habe, das hätte er sich

Schuhe und auch die ersten Strümpfe hatte

doch aufschreiben sollen, zehn Kinder sind

die Mutter auf bewahrt, eine doppelte

Elga Stockmann

das bestimmt, jetzt noch die Jüngste, die

wertvolle Erinnerung an die ersten

Hedwig. „Herr Hentschel, und bitte

Lebensjahre. Die Mutter, die das Kind, ihr

schwarz: keine gelben oder weißen

elftes, nicht haben wollte und es dennoch

Schuhe“, natürlich, Frau Gräfin, brummt

mehr liebte als all die anderen. So oft hatte

Hentschel, verbeugt sich knapp und setzt

mir die teure Mutter von meinem elenden

sich den Zylinder auf. Rosel, das Kinder-

Sein und ihren vielen Sorgen um mich

Annelise Kurz
Renate Lawrenz

Viele externe Dozenten
mädchen,
bringt den Schuster
bis zur Tür.
unterstützen
die Abteilung
„Ich hoffe, die kleine Gräfin wird die
Fortund
Weiterbildung
Schuhe
länger
tragen,
nicht nur bis zum
Winter“,
„wie
kommen
Sie darauf, Herr
der Schwesternschaft

gesprochen, so oft hat sie mir in ihrer
teuren Mutterliebe dafür fast Abbitte
getan. Rosel hat mir die ersten Schritte
nach drei Jahren beigebracht, ausgerechnet

Hentschel?“, „na ja, sie ist drei Jahre alt, ihre

als die Mutter verreist gewesen war.

Füße sind so klein wie die eines Einjähri-

Wie groß war ihre Freude, mich laufen

gen“ und richtig laufen könne die Comtesse

zu sehen, wie ich mit unsicheren

doch auch nicht, „da machen Sie sich mal

Schritten auf sie zukam...

keine Gedanken, unsere Hedwig ist zäher
als alle anderen Kinder ihres Alters“.

Neu-Babelsberg, 1889. Nachdenklich

Liebevoll legt Hedwig von Rittberg die
Schuhe zurück in die kleine Holzkiste, ihre
ständige Erinnerung an eine weit zurückliegende Vergangenheit.

streicht Hedwig von Rittberg über ein Paar
Kinderschuhe, meine ersten, wie winzig
die sind, nicht einmal elf Zentimeter. Der

(Frei nach: „Erinnerungen aus drei Jahrzehnten meines
Berufslebens – nebst Selbstbiographie der Verfasserin
Hedwig Gräfin Rittberg“ Berlin, 1896)

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

21

hedwig

»Die Art, wie man gibt, bedeutet mehr, als was man gibt.« Pierre Correille

Lebenslang fürsorglich
Ulrike Laschinsky leitet das Pflegeheim der Schwesternschaft

Ein Hund mit eigener Kolumne. „Und die wird von vielen zuerst gelesen“ – „Moglis Welt“
erscheint in jeder Monatsausgabe des „Mariendorfers“. Hund und Magazin gehören
zu den DRK Kliniken Berlin | Pflege & Wohnen Mariendorf.

„M

ogli ist einer unserer Haushunde“,

verschönert und verbessert. Vor fünf

Pflegeeinrichtung war sie nämlich

erklärt Heimleiterin Ulrike

„Für uns ist es das Höchste,
dass es den Bewohnern gut geht“
Seit drei Jahren Heimleiterin - Ulrike Laschinsky

Jahren beendeten die Handwerker zum

glücklich: 1990 hatte sie ein Stelleninserat

Laschinsky, Tekla – „das ist der Friseur-

Beispiel ihre großen Umgestaltungsar-

gelesen, das sie ein wenig missverstand:

hund“– der andere. Mogli, Promenadenmi-

beiten der vier Wohnbereiche. Und im

Ulrike Laschinsky kannte das Haus, die

lag Mariendorf vorn, „hier gab es schon

Mitglied – die Akzeptanz untereinander

meint damit die Übernahme der Heim-

schung mit Widerristhöhe von geschätzten

März 2013 konnten neue Heimbewohner

Mutter war Mitte der Achtziger hier

damals den Luxus, Ein- und Zweibett-

und von außen ist natürlich gleich.

leitung. Christine Baermann, Manuela

dreißig Zentimetern, ist meist dort zu

die nochmals renovierten Zimmer „An

Patientin, „die Einrichtung gefiel mir schon

zimmer anzubieten“, während in anderen

finden, wo sich Ulrike Laschinsky aufhält

der Küste“ beziehen – dort wohnten eine

bei meinem ersten Besuch“. Da ihr der

Pflegeheimen Zimmer für drei und mehr

Schwesternschaft war Folge einer inten-

Verbesserung der Lebensqualität für die

– die übrigens die „Mogli-Kolumnen“

Zeitlang Beatmungspatienten. Nach ihrem

Arbeitsweg von Rudow in das Reinicken-

Bewohner üblich gewesen seien.

siver werdenden Zusammenarbeit mit dem

Bewohner betrifft, „für uns ist es das

verfasst. Von ihrem Büro aus hat der Hund

Auszug wurde die für die Behandlung

dorfer Krankenheim zu weit war, in dem

Mutterhaus in der Mozartstraße, in dem bis

Höchste, dass es ihnen gut geht“. Auch

einen guten Überblick: Fremde – vor allem

erforderliche Infrastruktur zurückgebaut.

sie Ende der Achtziger arbeitete, kam die

Sozialarbeiterin ist Ulrike Laschinsky

2005 Schwestern im „betreuten Wohnen“

wenn der Einzug in ein Pflegeheim eine

die Männer – begrüßt Mogli mit einem

Ganz zufrieden ist Ulrike Laschinsky noch

Ausschreibung wie gerufen. Nur dass sie

geblieben. Einen Vorteil hat ihr diese Per-

lebten. Im Laufe der Jahre zogen auch von

sehr emotionale Erfahrung ist – „für alle ist

lauten Bellen, „da meldet sich sein Beschüt-

nicht, gerade der PVC-Fußboden, der noch

nun als Sozialarbeiterin für ein Kranken-

sonalunion gebracht, „jetzt bin ich in der

dort Schwestern im Ruhestand in die

das ein großer Schritt, nicht nur der Tod ist

zerinstinkt“. Für die Leiterin der Pflegeein-

auf einigen Fluren und in Bewohnerzim-

haus zuständig sein sollte, schien un-

Position, Entscheidungen anzuschieben

Mariendorfer Pflegeeinrichtung. „Durch

eine traurige Phase, oft auch der Umzug ins

richtung sind Mogli und Tekla nur einer

mern ausliegt, erinnere an eine Klinik. Die

gewohnt – spätestens beim Vorstellungs-

und die dann mit anderen durchzusetzen“;

die Pensionierten wurde der Kontakt zur

Heim“ – hier in Mariendorf bekommen sie

von vielen Gründen, warum sich Interes-

Mariendorf ursprünglich auch war, „den

gespräch klärte man sie über den Irrtum

auch aus dem Grund bereite ihr die neue

Schwesternschaft enger und noch persön-

tatsächlich die versprochene bessere

senten für eine Wohnung hier im Heim

Fußbodenbelag bitte noch austauschen,

auf. Durch ihre Erfahrung mit einer

Arbeit noch mehr Freude. Von der Kombi-

licher“, ein Vereinseintritt wurde so nur zu

Lebensqualität: „Sie ziehen in eine kleinere

entscheiden: „bei uns ist Leben“, keine

dazu noch schöne Gardinen und alles wirkt

Senioreneinrichtung bekam sie auch die

nation Sozialarbeiterin/Heimleiterin

einer Frage der Zeit. Mit dem Einzug der

Wohnung, also in ihr Zimmer, das sie nach

verordneten Ruhezonen – die Einrichtung

noch freundlicher“ ergänzt sie ihre

Möglichkeit für einen Vergleich: Bei dem

profitieren letztlich die, die in ihrer Arbeit

pensionierten DRK-Schwestern entwickelte

ihren Vorstellungen einrichten, und erhal-

an der Britzer Straße will sich bewusst von

Wunschliste, „und am liebsten

im Mittelpunkt stünden: die Bewohner,

sich die Einrichtung wieder zu einem

ten zudem direkt die Pflege und medizi-

anderen abgrenzen. Und das gelingt nicht

sollte es nur noch Einzelzimmer

denn die soziale Komponente sei bei ihr

Feierabendheim; Angehörige von Mitar-

nische Versorgung, die sie benötigen“, sagt

nur über das Halten freilaufender Haus-

geben“, da sei die Nachfrage

doch viel stärker ausgeprägt als zum

beitern und diese später selbst wollen ihren

die Heimleiterin. Das alles in einer Gemein-

tiere. Letztlich würde dann auch der

besonders hoch. Seit drei Jahren

Beispiel bei einem Betriebswirt als Heim-

Lebensabend hier verbringen. Lebenslange

schaft, einer großen „Senioren-WG“. Kurze

optische erste Eindruck zählen, sagt Ulrike

leitet die 53-Jährige die DRK

leitung. Eine ihrer Aufgaben ist die

Fürsorge, diese Schwesternschaftstradition

Zeit nach dem Umzug ins Pflegeheim

Laschinsky, „die meisten schwärmen,

Kliniken Berlin | Pflege & Woh-

Vertretung des Trägers, der DRK-Schwe-

helfen Ulrike Laschinsky und ihre Kollegen

meinte eine Bewohnerin, die sich schwer

wie hell es hier ist.“ Ein guter Einstieg

nen Mariendorf. Dabei haben

sternschaft Berlin: Auf Veranstaltungen

zu bewahren. Und sicherlich ist dies

mit der Entscheidung getan hatte: „Frau

sei dies für das Kennenlerngespräch mit

nicht nur Besucher sie früher

begrüßt sie die Gäste auch in ihrer Funk-

einer der Gründe für den hohen Anteil

Laschinsky, ich habe es nicht bereut“ – ein

den künftigen Bewohnern und ihren

bereits in dieser Funktion

tion als Rot-Kreuz-Schwester. Seit 2006 ist

an examinierten Pflegekräften in den

schöneres Lob für sich und ihre Kollegen

Ange-hörigen, „denn ihr Vertrauen

gesehen – der Erstkontakt lief

Ulrike Laschinsky Mitglied – ein „außer-

DRK Kliniken Berlin | Pflege & Wohnen

kann sich Ulrike Laschinsky nicht vor-

müssen wir gewinnen“. Und das schaffen

schon immer über sie. „Ich

ordentliches“, da sie die vom Vereinsstatut

Mariendorf; der ist nämlich größer als

stellen. Eine potenzielle Nachfolgerin hat

meist dann auch Ulrike Laschinksy und

musste nicht überredet werden“,

geforderte Alten- oder Krankenpflege-

in anderen Berliner Seniorenheimen. Die

sie übrigens schon – die Tochter, auch sie

ihre Kollegen aus den DRK Kliniken

auch wenn „Heimleiterin“

ausbildung nicht vorweisen kann. Die

Zusammenarbeit mit der Pflegedienst-

studiert Sozialarbeit, „sie mag das Haus

Berlin | Pflege & Wohnen Mariendorf.

nie wirklich in ihrer Karriere-

Konsequenzen sind jedoch eher formal

leitung funktioniere übrigens schon immer

und ihr gefällt die Arbeit mit älteren

planung vorgesehen war. Mit der

wie weniger Stimmmengen auf Mitglieder-

hervorragend, betont Ulrike Laschinsky,

Menschen“.

Arbeit als Sozialarbeiterin der

versammlungen als ein „ordentliches“

„sonst hätte ich es nicht gemacht“ und

1985 entstand hier der Neubau; in den
Jahren danach wurde er immer wieder

Obwohl jetzt die Heimleitung hinzukam,

Der Eintritt in die Berliner Rot-Kreuz-

Gallo und sie seien sich einig, was die

Wie die Mutter.

JO UR N A L DE R DR K-S C H W E S T E R N S C H A F T BE R L IN E .V. AU S G A BE I/ 20 13

23

hedwig

»Keine Schuld ist dringender als die, Dank zu sagen.«

CICERO

Ja, nein – jein

biz im Web
Seit März mit
eigenen Internetauftritt: Das
Bildungszentrum
für Pflegeberufe der
DRK-Schwesternschaft Berlin

Regionales Beiratstreffen auf der Suche nach wichtigen Antworten
Der 8. März war „Frauentag“, trotzdem wurden Männer an diesem besonderen Tag zum
zentralen Gesprächsthema: In den DRK Kliniken Berlin | Köpenick traf sich der „Regionale Beirat
der DRK-Schwesternschaften“. Zwanzig Teilnehmerinnen aus neun Vereinen diskutierten über das
„Pro & Contra: Männer in der Schwesternschaft“. Begrüßt wurden die Rot-Kreuz-Schwestern
von den Gastgeberinnen: Oberin Doreen Fuhr und der Beiratssprecherin der Berliner Rot-Kreuz-Schwesternschaft, Margitta Konzack.
Als Fachreferenten auf dem Regionalen Beiratstreffen und Experten zum Thema „Männer in DRK-Schwesternschaften“ sprachen
Dagmar Avital, Leiterin der Abteilung Fort- und Weiterbildung und der Berliner Anwalt Ralf Mydlak. Er stellte den DRK-Schwestern
die Ergebnisse seiner juristischen Prüfung vor – die Aufnahme von lediglich weiblichen Mitgliedern in die Schwesternschaft sei
rechtmäßig, „es besteht kein Aufnahmezwang“. Die besonderen Strukturen der DRK-Schwesternschaften sind historisch gewachsen,
die Vereine Frauen-Netzwerke, „es liegen sachlich gerechtfertigte Gründe für die ausschließliche Aufnahme von Frauen vor“.
Und Männer könnten jederzeit über das Anstellungsverhältnis in eine DRK-Schwesternschaft
eingebunden werden. Dagmar Avital von der DRK-Schwesternschaft
Berlin kam in ihrem Vortrag zu dem offnen Ergebnis, dass sich die
zentrale Frage stellen muss, „ob es in Zukunft um das Pro und
Contra von Männern in der Schwesternschaft geht oder aber
Schwesternschaft
um Schlüssel-Qualifikationen für die Zukunft“. Nach den Vorträgen
und einer abschließenden Diskussionsrunde bekamen die Gäste
und Kliniken spenden
aus ganz Deutschland die Möglichkeit, mit den DRK Kliniken
Möbel: Zweitausend
Berlin | Köpenick einen der Arbeitsorte ihrer Berliner Kolleginnen
näher kennenzulernen.
Kilometer südöstlich

Stühlerücken für Bulgarien

Berlins werden sie

Vorstandsmitglied ist

Ehrenpräsidentin
Zu den vielen Titeln, Ämtern, Funktionen,
die Sabine Bergmann-Pohl in ihren Karrieren als Politikerin,
Medizinerin und sozial Engagierte sammeln konnte, ist ein
weiterer hinzugekommen: Sie ist seit Januar Ehrenpräsidentin

15

dringend gebraucht:
Stühle und Tische, die bislang in den DRK Kliniken Berlin
standen. Mit zwei Lastkraftwagen und acht Helfern wurden
sie Ende April Richtung Bulgarien transportiert und einer Klinik
übergeben. Verantwortlich für dieses Hilfsprojekt ist das
Berliner Rote Kreuz; Präsident Dr. Uwe Kärgel kontaktierte im
Januar Oberin Doreen Fuhr: Verfügen die Kliniken der Schwes-

des Berliner Roten Kreuzes, für das sie bis Oktober 2012 als

ternschaft über ein Kontingent an nicht

oberste Repräsentantin arbeitete. Der Präsident des Deutschen

mehr benötigten Möbeln wie Betten,

Millionen Internetseiten mit der „de“-Domain hat das

einladen – um zum Beispiel für die nächste Gruppenarbeit

Roten Kreuzes, Dr. Rudolf Seiters, bedankte sich auf einer

Deutsche Network Information Center aktuell registriert;

eine Präsentation zu erarbeiten, Diskussionsforen einzurichten,

Feierstunde bei Dr. Sabine Bergmann-Pohl und dem früheren

mit einem Klick auf „Veröffentlichen“ ging am 22. März um 15.16

Umfragen zu gestalten oder sich zur Prüfungsvorbereitung in

Vizepräsidenten, Frank-Michael Benndorf. Seiters verlieh der

Anfrage umgehend weiter an die Pflege-

Uhr ein weiterer Webauftritt online – der vom Bildungszentrum

Gruppenvideokonferenzen auszutauschen. Die Schüler können

nun Ehrenpräsidentin anschließend die höchste Auszeichnung

dienstleitungen – ja, tatsächlich: Astrid

für Pflegeberufe. Pünktlich zum Beginn des neuen Ausbildungs-

auch ein Lerntagebuch führen und wichtige Termine in ihrem

des DRK. Für ihren Nachfolger im Amt, Dr. Uwe Kärgel, sind

Weber von den DRK Kliniken Berlin

jahres finden die Besucher nun alles Wichtige über die Einrich-

eigenen Kalender vormerken. Auch die Dozenten vom Bildungs-

die „(Damen-)Schuhe, die mir Frau Dr. Bergmann-Pohl

tung und wie auch den Träger, die DRK-Schwesternschaft Berlin.

zentrum für Pflegeberufe sind auf dieser Plattform aktiv, sie

hinterlassen hat, viel zu groß“. Das letzte Präsidium bezeich-

Köpenick bot zweihundert Tische und

Auch die DRK Kliniken Berlin werden als Ausbildungspartner

nutzen die Möglichkeiten interaktiver Kommunikations-,

nete Kärgel als ein „Trio ideale”; es habe den Berliner

vorgestellt. Die Farbgestaltung der Seiten orientiert sich am Logo

Bewertungs-, Medien- und Organisationstools. Die Dozenten

Landesverband nach dessen Insolvenz wieder in eine

– Pflegedienstleitung für die Standorte

der Schwesternschaft: Blau und Rot aus der Brosche sind die

hinterlegen zum Beispiel den Schülern die aktuelle Literatur

hervorragende Position geführt. Einen anderen Titel will

Mitte und Mariendorf – meldete zehn

dominierenden Farben. Bei den Inhalten der neuen Webseiten

wie auch Unterrichtsmaterial zu den jeweiligen Modulen.

die Ehrenpräsidentin und „Multifunktionärin“ – als die sie

nicht mehr benötigte Tische. Westends PDL

„dominieren“ natürlich die beiden Gruppen Lehrer und Schüler.

Auch schafft das System die Möglichkeit, dass die Lehrer Lern-

eine regionale Zeitung einmal beschrieb – unbedingt behalten:

Durchschnittlich fünfzig Interessenten suchen jeden Tag auf den

fortschritte beobachten können und Lernzielkontrollen in

Sabine Bergmann-Pohl bleibt – trotz Ruhestands – Mitglied

biz-Seiten nach Informationen. Viele von ihnen sind Schüler vom

unterschiedlichen Varianten vornehmen. Vor dem 22. März

im Vorstand der DRK-Schwesternschaft Berlin.

biz, die hier ein weiteres neues Onlineangebot nutzen möchten –

fanden Besucher das Bildungszentrum nur auf den Unterseiten

übernahm eine deutsch-bulgarische Firma, die in Ruse – einer

das „biz itslearning“: Mit dieser E-Learning-Plattform können die

der beiden Webauftritte von Schwesternschaft und Kliniken –

Hafenstadt an der Donau – und in Lowetsch in Nordbulgarien

Schüler ihr Lernen neu organisieren: Das Einloggen ist von jedem

als sehr eingeschränktes Informationsangebot. Die neue Home-

internetfähigen Computer aus möglich. Auf „biz itslearning“

page des Bildungszentrums mit ihren mehr als zwanzig Seiten

zwei Fabriken hat. In den Krankenhäusern in diesen beiden

können die Schüler Projekte anlegen, zu denen sie Mitschüler

ist unter der Webadresse www.bizbildungszentrum.de abrufbar.

Tischen, Stühlen? Oberin Fuhr leitete die

fünfhundert Stühle, Christine Baermann

Martina Parow hatte fünf Säuglingsbetten im Angebot, die
bislang im Park-Sanatorium standen. Den Umzug der Möbel

Städten stehen jetzt die Möbelstücke aus Berlin.

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»Vieles kann der Mensch entbehren, nur den Menschen nicht.«

LUDWIG BÖRNE

hedwig

Schwere Bürde Oberinnenamt
Elisabeth Schlegtendal, Oberin der Brandenburgischen Schwesternschaft Paulinenhaus

S

ie ging anschließend als Gemeinde-

Bombenangriffen. „Da sie einen guten

Gesundheitszustand der pensionierten

schwester nach Frankreich, in Paris

Humor und gute Umgangsformen

Oberin zusehends. Im April 1976 zog sie

arbeitete sie von Januar 1934 bis zum

besitzt, geschah alles ohne Schärfe,

in ein Altersheim in Herne; dort, im

August 1935. Anschließend führte sie ihr

obwohl sie stets klar und deutlich ihre

nördlichen Ruhrgebiet, wohnte auch

beruflicher Weg nach Göttingen, an die

Meinung zum Ausdruck bringt“ – wieder

ihre Schwester. Elisabeth Schlegtendal

Frauenklinik der niedersächsischen Stadt.

lobte sie ihre Oberin.

starb am 4. Oktober 1976, einen Tag vor

1937 kam Elisabeth Schlegtendal an die

Mit „gutem Humor und guten Umgangsformen“
Oberin Elisabeth Schlegtendal

D

ie Tochter eines Fabrikanten wurde am 5. Oktober 1908 in Wuppertal-Barmen geboren, der Stadt
Friedrich Engels. Nach dem Besuch des Lyzeums und anschließender Praktika – sie arbeitete unter anderem
als Kindergärtnerin und in einem Kinderheim – absolvierte Elisabeth Schlegtendal am 26. Juni 1933 in Bremen
ihr Krankenpflege-Examen, in der Hansestadt besuchte sie dann das Ansgar-Schwestern-Seminar.

ihrem Geburtstag, an dem sie 68 Jahre

Charité und arbeitete dort im Labor und

Zweifache Oberin

alt geworden wäre. „Mit Ergriffenheit

als Leitende Schwester auf einer Station.

Nach dem Krieg arbeitete sie für zwei

und großer Dankbarkeit denken wir an

Im Zweiten Weltkrieg versorgte sie im

Jahre im Wedding, am Krankenhaus in

die Heimgegangene und an die Zeit ihres

Heeressanitätsdienst verwundete Soldaten.

der Drontheimer Straße – den DRK

Wirkens hier in Berlin. Vieles aus der

„Während dieser ganzen Zeit haben

Kliniken Berlin | Mitte. Ihre nächste

Zeit ihrer Führung der beiden Schwes-

mir die Armeeoberinnen immer wieder

Station war ab April 1949 das „Marien-

ternschaften wird in unserer Erinnerung

versichert, dass sie ein besonders gutes

heim“ (DRK Kliniken Berlin | Pflege &

immer lebendig bleiben“, schrieb Oberin

Element im Gemeinschaftsleben ist. Sie

Wohnen Mariendorf): Sie wurde Oberin

Christa Rohr über Elisabeth Schlegtendal

denkt und handelt überlegen und selbst-

der Brandenburgischen Schwestern-

in einer Mitteilung an ihre Berliner

ständig“, notierte wohlwollend ihre

schaft Marienheim. Im Oktober 1955

Rot-Kreuz-Schwestern.

Oberin Gerda von Freyhold, „ihr sehr

übernahm Oberin Schlegtendal zusätz-

kameradschaftliche Art hat ihr immer die

lich die Leitung der Paulinenschwestern-

Zuneigung der Schwestern gesichert“. Für

schaft. Aus gesundheitlichen Gründen

einige Monate ging Elisabeth Schlegtendal

musste sie kürzer treten, Elisabeth

wieder nach Göttingen, dieses Mal

Schlegtendal litt unter Schlaflosigkeit,

arbeitete sie an der Werner-Schule. Zurück

ein Arzt attestierte bei ihr eine akute

in Berlin übernahm sie Führungsaufgaben

Depression; er verschrieb Valium und

an der Charité – sie vertrat die erkrankte

Tryptizon: „ (...) Da es nach dem Gege-

Oberschwester der Hals-Nasen-Ohren-

benen auch in absehbarer Zeit noch

Abteilung. Ihr Vorgesetzter lobte „die

ausgeschlossen erscheint, daß die volle

außerordentliche Einsatzbereitschaft und

Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt

die organisatorische Begabung“ von

werden kann, wird der Antrag auf

Schwester Elisabeth. Die Arbeit war oft

vorläufige Bewilligung einer Berufsun-

nicht ganz einfach: Junge Assistenzärzte

fähigkeitsrente gestellt.“ Am 1. April

und ältere „Freie Schwestern“ widersetzten

1966 wurde sie pensioniert, zum neuen

sich: An fast fünfzig Prozent aller Kranken-

Lebensmittelpunkt wurde das Mutter-

betten versahen diese freien Schwestern

haus der DRK-Schwesternschaft Lübeck.

den Pflegedienst, die ohne strenge organi-

Trotzdem blieb die Oberin im Ruhestand

satorische Bindung wie ihre Kolleginnen

mit ihren Schwestern in Berlin in

der Rot-Kreuz-Schwesternschaften

ständigem Kontakt, sie ließ sich über alle

Einzelangestellte der Krankenhäuser

Ereignisse in ihrem alten Mutterhaus

waren. Schwester Elisabeth organisierte

informieren. Noch lange Zeit hoffte sie,

den „Luftschutzdienst“ und leitete auch die

eines Tages nach Berlin zurückkehren zu

Aufräumarbeiten nach den fast täglichen

können. Jedoch verschlechterte sich der

Oberin Schlegtendal mit Oberin Ehrengard
von Graevenitz (rechts)
In der Reihe „Oberinnen im Porträt“
sind bereits erschienen:
Elsbeth von Keudell (hedwig I/2007)
Anna Maria Luise Scheld (hedwig II/2007)
Rose Zirngibl (hedwig I/2008)
Hedwig von Rittberg (hedwig II/2008)
Hertha Janke (hedwig I/2009)
Cläre Port (hedwig II/2009)
Gerda von Freyhold (hedwig I/2010)
Alexandrine von Üxküll-Gyllenband (hedwig II/2010)
Ehrengard von Graevenitz (hedwig I/2011)
Clementine von Wallmenich (hedwig II/2011)
Christa Rohr (hedwig I/2012)
Else Wesenfeld (II/2012)

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27

»Man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut.«

Leben bis zuletzt
Das Sterben in Würde braucht Platz; und
um den einzurichten, benötigt man Geld.
Die DRK Kliniken Berlin | Köpenick unterstützen den Aufbau einer Hospiz- und
Palliativmedizinstation für Köpenick - einen Teil der
Investitionen für das Projekt konnte die Einrichtung
der Schwesternschaft über ein Benefizkonzert
einwerben: In der Christophorus Kirche BerlinFriedrichshagen spielten Ende April die „Musici Medici“
unter Leitung des bekannten Dirigenten Jürgen Bruns.
Dieses Konzert veranstalteten die DRK Kliniken
Berlin | Köpenick mit ihren Projektpartnern: der
Sozialstiftung Köpenick und der Evangelischen
Christophorusgemeinde von Berlin-Friedrichshagen.
Sehr gut besucht war die Benefizveranstaltung,
Köpenicks Pflegedienstleitung Astrid Weber und
Chefarzt Dr. Stefan Kahl begrüßten die etwa
dreihundert Gäste: Beide engagieren sich
im Namen der Köpenicker Klinik für das Projekt
„Palliativstation“. Der Auftritt der „Musizierenden
Mediziner“ in der Friedrichshagener Kirche war
ein voller Erfolg, nach langem Applaus gab es
für die Zuhörer eine Zugabe und anschließend
Blumen für die Erste Geige und den Dirigenten.

FOCUS: Pflege in DRK Kliniken
Berlin ist Spitze

WILHELM VON HUMBOLDT

hedwig

Im
Traumberuf
nebenbei die Welt entdecken

Christine Baermann leitet den Pflegedienst in zwei Einrichtungen der DRK-Schwesternschaft Berlin.
Seit drei Jahren ist sie auch Mitglied im Vorstand des Vereins.

Pflegequalität und Patientenzufriedenheit sind hoch in den DRK Kliniken
Berlin | Köpenick und den DRK Kliniken Berlin | Westend: Das bestätigte das
Nachrichtenmagazin FOCUS in seiner Ausgabe „Gesundheit - das beste
Krankenhaus in Ihrer Nähe“, in der eine deutschlandweite Übersicht der
besten Kliniken veröffentlicht wurde, sortiert nach Fachbereichen und
Bundesländern. In der Kategorie „Die besten Krankenhäuser je Bundesland“
haben es auf Platz 16 die Köpenicker Klinik und auf Platz 17 das WestendKrankenhaus geschafft. Köpenick wird vor allem im Fachbereich „Orthopädie“
weiterempfohlen, Westend im Fachbereich „Brustkrebs“. Beide Klinikstandorte schneiden besonders gut bei der Patientenzufriedenheit ab: So sind am
Standort Köpenick 78 Prozent der Patienten und in Westend sogar 80 Prozent
der Befragten mit dem Behandlungsergebnis zufrieden. Und auch bei der
Beurteilung der Pflegequalität wird
deutlich: Die Pflegequalität ist mit
78 (Köpenick) und 79 (Westend)
Punkten überdurchschnittlich hoch,
hundert Punkte konnten hier maximal
erreicht werden. Für die Erstellung
der Kliniklisten ermittelte FOCUS seine
Daten auf mehreren Wegen: Im ersten
Schritt wurden 18.000 einweisende
Fachärzte und Klinikärzte befragt,
welche Häuser sie empfehlen würden.
Ergänzt wurde die Befragung durch Erfahrungen von Patienten, die sie dem
Arzt über ihre medizinische und pflegerische Versorgung mitteilten.
Im zweiten Schritt analysierten die FOCUS-Redakteure die Qualitätsberichte
der Kliniken. Zum Schluss wurden Daten mit Hilfe eines Klinikfragebogens

Mit Martina Parow (links)

A

nruf bei Berlins größtem
Pharmaunternehmen:
„Haben Sie Arbeit für mich? Ich
gehe auch an die Maschine“,
Christine Baermann hat genug
von ihrem alten Job: Pillenfabrik
statt Krankenhaus sollte es ab
sofort sein. „Ich wollte keine
Verantwortung mehr tragen“,
erinnert sie sich heute. Der verblüffte Schering-Mitarbeiter am
anderen Ende der Telefonleitung
kontert: „Beruhigen Sie sich,
nach spätestens acht Wochen
wollen Sie hier wieder weg“.

Christine Baermann nahm
diesen Ratschlag an, blieb in
ihrem Beruf, für den sie schon
als Kind entschieden hatte,
„wirklich überlegen musste ich
nie – es war immer mein
Wunsch, Krankenschwester zu
werden“. Ein Orientierungspraktikum verstärkte Jahre später
diesen Kindheitstraum: In dem
Krankenhaus bei Hannover
arbeiteten Vinzentinerinnen.
Die Oberschülerin war von
Krankenpflegearbeit und Nonnen begeistert, wollte auch

Ordensschwester werden und
teilte das der Familie gleich mit.
Die reagierte wenig begeistert,
der Tochter gelang es zumindest,
ihren Wunsch durchzusetzen,
eine Ausbildung in der Krankenpflege zu beginnen. Und in eine
Schwesternschaft sollte Christine Baermann dann auch
eintreten – gut fünfzehn Jahre
später, als Mitglied in der
DRK-Schwesternschaft Berlin.
Für den ersten Urlaub buchte
die Krankenpflegeschülerin eine
Reise nach Nordafrika: drei

Wochen Tunesien, Zwei-SterneHotel mit Halbpension – im
Gesamtpaket für achthundert
D-Mark. Zwei Mitschülerinnen
flogen mit, beim Empfangscocktail warnte ein Hotelangestellter
seine jungen Gäste eindringlich
vor dem Besuch bestimmter
Stadtteile; Gegenden, die
Pauschaltouristen besser meiden
sollten, weil dort nur Einheimische seien. Das Hotelbuffet ließ
die Warnung vergessen – bei
tropischen Temperaturen
verging den Dreien der Appetit

erhoben. Dafür schrieb FOCUS 1.761 Häuser an.
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hedwig

»Klug fragen können ist die halbe Wahrheit.«

FRANCIS BACON

Seit 2011 Pflegedienstleiterin für die Standorte Mitte und Mariendorf
(mit Kliniken-Geschäftsführer Ralf Stähler, 2011)
auf heiße, fettige Speisen. Sie
fuhren zum Markt, nicht als
Touristinnen auf SightseeingTour: frisches Obst und dazu
Joghurt wollten sie kaufen. Und
dafür mussten sie in die
„verbotene Zone“. Auf dem
Markt kamen die Deutschen
schnell in Kontakt mit Arabern
und Berbern, „und eine Tunesierin lud uns zu sich nach Hause
ein“. Die jungen Frauen zögerten, schließlich siegte die
Neugier auf das Exotische: Sie
besuchten Mama Aschmir und
ihre Großfamilie. Ein Wiedersehen wurde vereinbart, das
überraschend an einem anderen
Ort stattfinden sollte, in einem
Krankenhaus, der „Clinique les
oliviers“. „Mama Aschmir
hatte sich das Ellbogengelenk
frakturiert“. Falsch versorgt – so
der Befund der Krankenpflegeschülerinnen im Ersten
Semester und sie besorgten in
der Apotheke Verbandsmaterial
und Salbe. Kurze Zeit später bat
der Stationsarzt um ein
Gespräch, „uns klapperten die
Zähne: wir hatten doch ungefragt behandelt“. Statt der

erwarteten Zurechtweisung
übergab der Mediziner eine
„arabische rote Liste“ – eine
Übersicht der Patienten, die von
den drei Deutschen auch noch
versorgt werden mussten.
Christine Baermann sollte die
nächsten Sommerurlaube
während der Ausbildung von
nun an in Nordafrika verbringen, nicht am Mittelmeerstrand,
sondern als Freiwillige in einem
tunesischen Krankenhaus. Erst
innenpolitische Unruhen –
Staatsoberhaupt Bourguiba
wurde abgesetzt, das Nachbarland Libyen mit Diktator
Gaddafi drohte einzumarschieren – setzten dem ehrenamtlichen Engagement ein Ende.

Australien via
Mark Brandenburg
In Deutschland arbeitete
Christine Baermann nach
bestandenem Krankenpflegeexamen in der Landesfrauenklinik von Hannover. Bis 1986:
Berlin wurde nächstes Ziel, die
Gründe für den Umzug in die
geteilte Stadt lagen dieses Mal in
der privaten Lebensplanung: der

Mann an der Seite ist Berliner,
eine gemeinsame Zukunft in
Niedersachsens Metropole war
schwer vorstellbar – „aus
Hannover kommt man, da geht
man nicht hin“. Krankenschwester wollte Christine Baermann
unbedingt bleiben, das DRKKrankenhaus Mark Brandenburg lud sie ein zum Vorstellungsgespräch. „Kleines Haus,
hier bleibe ich nicht lange“,
sollte sie aber; heute ist sie sogar
für die gesamte Pflege der Klink
in der Drontheimer Straße
verantwortlich. Ihre Vorgängerin wollte die Neu-Berlinerin
persönlich in Empfang nehmen,
beim Pförtner hatte sie zu
warten: „Eine ältere Schwester

kam – Schnürschuhe, blickdichte Strümpfe, Tracht, Haube
– das musste Hannelore Rebien
sein“. War sie es aber nicht,
deren Beine steckten links in
roten, rechts in dunkelgrünen
Strümpfen, optisch ergänzt
durch ein Paar phosphorisierender Dreiecke in den Ohren,
„das ist sie nicht, da kann ich
sitzen bleiben“, irrte sich Christine Baermann beim ersten
Aufeinandertreffen; acht Jahre
später, im Herbst 1994, wurde
sie übrigens Stellvertreterin von
Pflegedienstleiterin Rebien.
Dabei wäre es fast anders
gekommen, alles wegen der
australischen Regierung. Im
Sommer ´ 88 hatten Christine
Baermann und ihr Mann im
RIAS einen Spot gehört: Down
Under sucht Arbeitskräfte,
Köche und Krankenschwestern
bevorzugt. „Passt“, sagten Beide
und meldeten sich. „English for
Nurses“ wurde zur Pflichtlektüre, die Australian Mission im
Europa-Center bat zum Eignungs- und Sprachtest. Einige
Wochen später erhielten die
Auswanderer auf Zeit ein
Visum über zwei Jahre. Was
nun – Christine Baermann und
ihr Mann hatten noch nie den
Fünften Kontinent bereist,
Australien war für sie „Terra
incognita“. „Ich bat um unbe-

zahlten Urlaub: Wir wollten das
Land kennenlernen, uns dann
entscheiden“, sagte Christine
Baermann. Sechs Wochen
fuhren sie mit dem Wohnmobil
an der Pazifikküste entlang, mit
Abstechern ins Outback. „Aber
irgendwas hielt mich davon ab,
ans andere Ende der Welt zu
ziehen“. Australien blieb vorerst
nur Urlaubsort. Bis zum Jahr
2003, als Christine Baermann
als Praktikantin mit den Royal
Flying Doctors Farmerfamilien
medizinisch versorgte. Die
Basisstation befand sich in Alice
Springs, mehr als 1.500 Kilometer entfernt von der nächstgrößeren Stadt.

In der ersten Reihe
Aus der nie ernsthaft gewollten
Alternativkarriere bei Schering
wurde es nichts, dafür übernahm Christine Baermann 1995
den Posten der Stellvertretenden Pflegedienstleitung im
„Mark Brandenburg“; „damals
hieß das Abteilungsleitung, da
gab es kein Abteilungsleitungskonzept auf den Stationen“.
Genau zehn Jahre später kam
zur Weddinger Klinik das
Pflegeheim in Mariendorf
hinzu. Rot-Kreuz-Schwester
wurde Christine Baermann mit
der Übernahme der Stellvertretung, „die Mitgliedschaft in der

DRK-Schwesternschaft war eine
Bedingung, die verstand und
akzeptierte ich gern“. Eine
„Nummer Zwei“ ist meist
designierter Nachfolger – ein
gängiger Automatismus, der
auch in der Pflegedienstleitung
funktioniert. Als sich der
Zeitpunkt für Hannelore
Rebiens Abschied in den
Ruhestand abzeichnete, drängte
die Oberin, „ich sollte mich
endlich positionieren“. Christine
Baermann wollte Stellvertreterin bleiben, „nur nicht jedermanns“ – und übernahm im
Dezember 2011 die Leitung der
Pflege für die DRK Kliniken
Berlin | Mitte und für Pflege &
Wohnen Mariendorf. Der
Unterschied zur Arbeit davor ist
für die neue PDL immens, „man
steht in der ersten Reihe – man
steht für alles gerade“. Ihre
Aufgaben als Stellvertretung
waren „pflegelastiger“, als
Bindeglied zwischen Pflegenden
und PDL sah sie sich selbst. Die
ersten Monate als PDL waren
eine große Umstellung, „ein
Weg, den ich gehen lernen
muss“ – ein Satz im Präsens,
denn die Herausforderungen
sind auch nach anderthalb
Jahren immer wieder neu. Noch
mehr Termine bestimmen den
Arbeitstag, zum Beispiel die
täglichen mit dem Ärztlichen
Leiter der DRK Kliniken Berlin
Mitte: Professor Peter Dorow
berät sich gern mit Pflegedienstleiterin Baermann – „Oberschwester, kommen Sie doch
mal her“. In der Drontheimer
Straße hat die PDL ihr Büro
– „ein offenes“, Termine für ein
Gespräch müssen Mitarbeiter
nicht vorab vereinbaren.
Natürlich verbringt sie die
meiste Zeit im Krankenhaus

und nicht im Pflegeheim, ihrer
zweiten Einrichtung; der Arbeitsumfang sei eben verschieden. Seit drei Jahren ist
Christine Baermann Mitglied
im Vorstand der DRK-Schwesternschaft Berlin. Punkte wie
„Brunnen bauen im Sudan“
wären Beschlussvorlagen des
Gremiums, so die Vermutung
vor der Amtsübernahme.
„Ich war gerade gewählt, da
standen plötzlich doch ganz
andere Themen auf der
Tagesordnung“ – es war der
„Juni 2010“, das neue Vorstandsmitglied bekam die Turbulenzen aus nächster Nähe mit,
und war überrascht: „Die
Mitarbeiter in den Kliniken
waren alle sehr aufgeregt und
nervös“, die Mitglieder des
Vorstandes reagierten souverän, klärten auf, streuten
Zuversicht. Eine wichtige
Lebenserfahrung sei diese Zeit
gewesen.

Zuwachs
chs
Ordentliche Mitglieder
der DRK-Schwesternschaft
seit dem 1. Januar 2013:

DRK Kliniken Berlin
Köpenick
Gerstmann, Dusty (1. April)
Drobnionka, Sandra (1. Mai)
Steiner, Madeleine (1. Mai)
Pflege & Wohnen Mariendorf
Reisig, Inna (1. Mai)

Mitte
Hrnjic, Adisa (1. April)
Penk, Bettina (1. April)

Park-Sanatorium Dahlem
Bernecker, Saskia (1. Februar)

Westend
Jähner, Catharina (1. Januar)
Krys, Stephanie (1. Januar)
Paulson, Carolin (1. Januar)
Frister, Cornelia (1. April)
Kaiser, Katharina (1. April)
Kuhrt, Franziska (1. April)

Positiv zwanghaft
Tunesien und Australien sind
längst nicht mehr die beiden
einzigen Länder, die Christine
Baermann bereist hat: Gut
dreißig Staaten auf allen
Kontinenten sind es heute –
Südamerika und die Antarktis
fehlen noch. „Positive Zwanghaftigkeit“, die sie selbst bei
täglichen Abläufen im Beruf
ausmacht, die erkennt Christine Baermann jedoch auch in
ihrer Reiseplanung: Sommerurlaub auf dem indonesischen
Bali – demnächst zum 24. Mal
– und dann noch dieses Ritual:
jährliches „Nachweihnachtsshopping“ in Londons City.

Müller, Verena (1. April)
Riazati, Anusche (1. Mai)
Schreiber, Sophie (1. Mai)
Went, Simone-Beatrice (1. Mai)

© Herausgeber: DRK-Schwesternschaft Berlin e.V.,
Mozartstraße 37, 12247 Berlin,
Telefon: 030-3035-5450 Telefax 030-3035-5473,
www.drk-schwesternschaft-berlin.de
hedwig@drk-schwesternschaft-berlin.de
Verantwortlich: Oberin Doreen Fuhr, Diane Bedbur
Ramona Rhein (DRK-Schwesternschaft Berlin e.V.)
Redaktion und Gestaltung: Brille und Bauch,
Agentur für Kommunikation, 0331-620-530
www.brilleundbauch.de

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hedwig

»Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis.«

Der Osterspaziergang

PLATON

Garten Mozartstraße

von Johann Wolfgang von Goethe
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks – und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Viel zu lange ließ der Frühling 2013 sich warten:
Ostern lag noch Schnee, vierzehn Tage später kletterte das
Thermometer auf frühsommerliche Werte. Endlich war er
vorbei, „der alte Winter“, den Goethe so anschaulich und
intensiv beschreibt. Das als „Osterspaziergang“ wohl jedem bekannte Gedicht
Goethes ist aus „Faust. Der Tragödie Erster Teil“ und findet sich dort in der
Szene mit dem Titel „Vor dem Tor“. Faust und sein Diener Wagner spazieren
bei frühlingshaftem Wetter durch den Ort, mischen sich unter das gemeine
Volk und genießen das bunte Durcheinander. Auf dem Rückweg treffen sie
auf einen streunenden Hund. Die Begegnung mit diesem „pudelnärrisch Tier“
wird für Faust nicht ohne weitreichende Folgen bleiben, erweist sich der
kleine Verfolger wenig später als Mephistopheles – als der Teufel persönlich.
Mit gerade einmal 21 Jahren begann Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832) das Werk, das ihn sein Leben lang begleiten sollte. Der leicht
abgewandelte Urfaust erschien 1775, „Der Tragödie Erster Teil“ dann
vollständig erstmals 1808. An dem Zweiten Teil arbeitete Goethe bis zu
seinem Tod, so dass der Text erst posthum veröffentlicht werden konnte.
Der eigentliche Fauststoff ist nicht dem Kopf des Dichtergenies selbst
entsprungen. Vielmehr lässt sich die Geschichte auf eine historische Figur
aus dem 15./16. Jahrhundert zurückführen. Johann Georg Faust, seinerseits
Naturforscher, Magier und Heilkundler kam 1540 unter mysteriösen
Umständen ums Leben. Das Gerücht, der Teufel hätte ihn geholt,
verbreitete sich danach schnell und wirkungsvoll.
        
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