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Full text: Hallo Nachbar (Rights reserved) Ausgabe 27.2020,4 (Rights reserved)

HALLO NACHBAR · AUSGABE 04/2020 LÄUFT! Reparieren statt konsumieren – nachhaltig durch den Winter REDEN IST EIN ANFANG Vier Ehrenamtliche schlichten bei Streitigkeiten in der Nachbarschaft GLÜCKLICHE KINDHEIT Okitonga und Djamba Memba wuchsen im Märkischen Viertel auf AUSGABE 04/2020 INHALT EDITORIAL 10 ZU GUT ZUM WEGWERFEN Wer Haushaltsgeräte repariert, Lebens­mittel rettet oder Kleidung gebraucht kauft, lebt nicht nur sparsamer im Alltag, sondern schützt auch die Umwelt. Ein Bericht über drei ­Initiativen, die das ermöglichen Liebe Leserinnen und Leser, 16 KIEZGESCHICHTEN Thomas Worner töpfert mit Kindern und Erwachsenen in einer Werkstatt in Pankow. Christian Fein und Heike Paulus kümmern sich in einer Initiative um Menschen, die an Feiertagen nicht allein sein wollen 20 DICKE LUFT Nachbar*innen sind sich nicht immer einig. Mal stört laute Musik, mal Müll im Hausflur. Vier Ehrenamtliche helfen, Konflikte in der Nachbarschaft zu lösen. Ein Treffen im GESOBAU-Schlichtungsbüro 2 26 HOCHHÄUSER UND GRÜNE INSELN Okitonga und Djamba Memba erinnern sich an ihre Kindheit im Märkischen Viertel. Beim Kiezspaziergang zeigen sie, wo sie gelebt und Sport getrieben haben. Und wo es den besten Döner und den schönsten Ort zum Chillen gibt 04 BERLINER ZIMMER 06 IN KÜRZE 18  OHNEN UND ARBEITEN W UNTER EINEM DACH 24  ILFE FÜR GESCHUNDENE H FÜSSE 30 NEUES TEAM, NEUE ZIELE 32 KLASSE STATT MASSE 34 PREISRÄTSEL 35 IMPRESSUM PDF HINWEIS FÜR BLINDE UND ­MENSCHEN MIT SEHBEHINDERUNG Dieses Magazin gibt es auch als barrierefreies PDF-Dokument: www.hallonachbar.berlin wussten Sie, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit im 18. Jahrhundert von einem Förster erfunden wurde? Der Gedanke war einfach: In einem Wald sollen nur so viele Bäume gefällt werden wie nachwachsen. Dann bleibt der Wald erhalten. Heute sind wir daran gewöhnt, kaputte Gegenstände wegzuwerfen. Es können ja unbegrenzt neue produziert werden. So wachsen die Müllberge, und es werden viele Ressourcen verbraucht. Dass man es auch anders machen kann, zeigen die Protagonist*innen unserer Titelgeschichte. Sie kaufen gebrauchte Kleider, reparieren den Toaster aus Studententagen und retten Lebensmittel vor der Mülltonne. In der Redaktion erreichen uns viele Anrufe. Selten sind die Anrufer*innen so Feuer und Flamme wie Okitonga Memba. Ob wir nicht mit ihm durch seine alte Heimat, das Märkische Viertel, gehen wollten? Während eines Kiezspaziergangs zeigt er uns, wie großartig es dort immer noch ist. Die Corona-Pandemie hat viele Auswirkungen. Die Solidarität der Mieter*innen in unseren Beständen erfüllt uns mit Stolz. Aber natürlich ist das Zusammenleben nicht immer einfach. Und nicht immer gelingt es, alleine eine Lösung für Probleme zu finden. Für diese Fälle gibt es die Ehrenamtlichen des Schlichtungsbüros. Sie stehen unseren Mieter*innen neutral und besonnen zur Seite. Wie sie helfen, erfahren Sie auf Seite 21. Und dass man auch beim Weihnachtsbraten auf Nachhaltigkeit achten kann, zeigen wir Ihnen auf Seite 33. Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen und Freunden trotz der Corona-Pandemie eine schöne Vorweihnachtszeit und erholsame Feiertage. Passen Sie auf sich und andere auf, und bleiben Sie gesund! Viel Spaß beim Lesen! Ihr GESOBAU-Vorstand Jörg Franzen und Christian Wilkens 3 BERLINER ZIMMER ZU BESUCH BEI RITA HENTSCHEL Mit vier Töchtern, 14 Enkel*innen, 15 Urenkel*innen und sogar einem einjährigen Ururenkel ist Rita Hentschel eines nie: allein. Im Wechsel kaufen ihre Töchter für die 76-Jährige ein. Von dem leckeren Essen schwärmt nicht nur „die Kleene“, Hentschels jüngste Tochter Karola, die ihre Mutter mindestens dreimal in der Woche besucht. Ob Hasenkeule in Rotwein, Wildgulasch oder Bärlauchnudeln: Kochen ist immer Sache der Familienchefin. Auch die Dekoration ihrer Wohnung liegt Rita Hentschel am Herzen – ganz besonders natürlich zur Weihnachtszeit. In den letzten Jahren versammelte sich die ganze Familie im Eichhorster Weg. Ihr Schwiegersohn baut dann eine Winterwelt auf, durch die eine Eisenbahn fährt. Im Wohnzimmer dreht sich die Weihnachtspyramide. Und wer genau hinsieht, entdeckt in jeder Ecke ein neues Detail, das Rita Hentschels Zuhause in ein Weihnachtswunderland verwandelt. Möchten auch Sie uns zeigen, wie Sie leben? Dann bewerben Sie sich für das „Berliner Zimmer“ und schreiben uns eine E-Mail an: hallo.nachbar@gesobau.de Bei unserem Besuch bringen wir Ihnen ein kleines Dankeschön mit. IN KÜRZE IN KÜRZE Wie digital ist die GESOBAU? Wir sind gut aufgestellt. Bereits heute laufen viele interne Prozesse digital, sodass der Wechsel vom Büro ins digitale Arbeiten während der Corona-­ Pandemie für die Mitarbeiter*innen problemlos möglich war. Neben der Verbesserung der internen Prozesse arbeiten wir stets auch daran, den Service für unsere Mieter*innen zu erhöhen. So hat die GESOBAU als erstes Wohnungsbauunternehmen 2011 eine App eingeführt, die dieses Jahr grundlegend überarbeitet wurde. Eine der wesentlichen Neuerungen ist, dass die Mieter*innen nun ihre Zählerstände für Heizung, Warmund Kaltwasser einsehen und mit dem Vorjahr vergleichen können. Das hilft unseren Mieter*innen, Kosten zu sparen. 3FRAGEN AN: Julia Eder, Referentin für die Digitali­ sierungsstrategie bei der GESOBAU J ulia Eder ist seit September Referentin für die Digitalisierungsstrategie bei der GESOBAU. Im Interview erzählt sie, welche Themen sie künftig beschäftigen werden. Frau Eder, wie würden Sie Ihre Arbeit ­beschreiben? NEUES WOHNQUARTIER IN HELLERSDORF W ohnen, Kultur- und Bildungsangebote, Gewerbe und Gastronomie: Rund um das historische Stadtgut Hellersdorf ist eine Menge los. Auf den Grundstücksflächen entlang der Zossener Straße und der Kastanienallee errichtet die GESOBAU ein Wohnquartier mit rund 1500 Wohnungen. Zu sozialverträglichen Mieten: Ein großer Teil wird dem Berliner Wohnungsmarkt als geförderte Wohnungen zur Verfügung stehen. Ein weiterer Teil ist für Student*innen sowie Senior*innen. Aktuell befinden sich auf vier von insgesamt sieben Baufeldern 943 Wohnungen in Bau. 6 Eine meiner ersten Aufgaben ist es, den Digitalisierungsgrad der GESOBAU zu untersuchen und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Dazu ist es wichtig, dass ich mich im Unternehmen vernetze. Ich habe also täglich viele Termine. Zudem muss ich mich in einem schnelllebigen Gebiet wie der Digitalisierung ständig über die neuesten Erkenntnisse und Angebote am Markt informieren. Was sind für die GESOBAU in Zukunft wichtige Themen? In Zeiten einer Pandemie wird es immer wichtiger, die Unterzeichnung von Mietverträgen zu digitalisieren. Bislang wurden alle Verträge persönlich vor Ort unterschrieben. Wir arbeiten nun an einer Lösung, mit der künftig digital unterzeichnet werden kann. So können wir die Gefahr einer Infektion für unsere Mietinteressent*innen und Mitarbeiter*innen verringern. Wir testen aktuell außerdem den Einsatz von elektrischen Schließsystemen für die Eingangstüren unserer Wohnhäuser. Als Mieter*in der GESOBAU könnte man durch den Einsatz solcher Technologien eines Tages dem Besuch von unterwegs die Wohnungstür öffnen. Die Digitalisierung bietet also viele spannende Möglichkeiten für die GESOBAU und ihre Mieter*innen, und ich freue mich darauf, an ihrer Umsetzung mitzuwirken. FÜR MEHR TOLERANZ D er GESOBAU werden in letzter Zeit mehr Streitigkeiten zwischen Nachbar*innen gemeldet. Wir meinen: Das muss nicht sein! Die Corona-Pandemie hat viele Aus­wirkungen – nicht nur auf die, die erkranken. Viele verbringen mehr Zeit zu Hause als sonst. Da bleibt es nicht aus, dass man mehr von seinen Mitmenschen mitbekommt, als einem lieb ist. Manchmal nervt das. Wir bitten Sie trotzdem: In einer Zeit wie dieser müssen wir alle umsichtiger miteinander sein. Aber auch toleranter. Nur dann können wir diese Krise gemeinsam gut bewältigen. Sprechen Sie uns an, wenn Sie Hilfe benötigen. Wie das Schlichtungsbüro der GESOBAU helfen kann, das lesen Sie ab Seite 21 7 IN KÜRZE IN KÜRZE ERGEBNISSE UNSERER MIETER*INNENBEFRAGUNG V on Juli bis Oktober haben wir unsere diesjährige Mieter*innenbefragung durchgeführt. Dafür wurden über 9300 Fragebögen an zufällig ausgewählte Haus­halte in den GESOBAU-Beständen verschickt, mit Fragen zur Wohnungsbaugesellschaft, zur Umgebung, zum Haus, zur Wohnung und zur Zufriedenheit mit uns. Die Beteiligung war in diesem Jahr hoch: Fast die Hälfte aller kontaktierten Mieter*innen nahm teil. Das ging digital oder per Post. Vielen Dank dafür. Seit Oktober liegen die Ergebnisse vor, hier eine Auswahl: 89,8 Prozent sind mit dem Auftreten unserer Mitarbeiter*innen zufrieden, 80,5 Prozent loben unsere telefonische Erreichbarkeit. Bei der letzten Befragung waren 82 Prozent mit ihrer Wohnung zufrieden, in diesem Jahr sind es 95 Prozent der Befragten. 90,8 Prozent gaben an, sie hätten ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, und 90,3 Prozent loben das Magazin „Hallo Nachbar“. Verbesserungsbedarf gibt es unter anderem hier: Nur 71,8 Prozent der befragten Mieter*innen sind mit der Sauberkeit der Außenanlagen zufrieden. Beim Thema Einbruchssicherheit der Haustür und des Kellers gab nur etwa die Hälfte der Befragten an, sich sicher mit den Vorrichtungen zu fühlen. Diese Antworten nehmen wir ernst. Aus den Ergebnissen werden geeignete Maß­ nahmen abgeleitet und schrittweise umgesetzt. Die Mieter*innenbefragung findet alle zwei bis drei Jahre statt. 2017 wurden zuletzt Mieter*innen befragt. MIETSENKUNGEN BEI GERINGEREM EINKOMMEN STUDILEBEN IM WOLLANK­KIEZ F ür die Mieter*innen der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften gibt es eine faire Regelung: Wer mehr als 30 Prozent seines Haushaltsnettoein­ kommens für die Miete aufbringen muss, ist geschützt. Betroffene können in diesem Fall von ihrer Wohnungsbaugesellschaft prüfen lassen, ob ein Härtefall vorliegt und die Miete gesenkt werden kann. Die Regelung gilt nur für Haushalte, die insgesamt unter einer bestimmten Einkommensgrenze liegen. Diese entspricht der des Wohnberechtigungsscheins: 16 800 Euro pro Jahr für Singlehaushalte und 25 200 Euro für einen Zweipersonenhaushalt. Die Einkommensgrenze erhöht sich, wenn weitere Personen im Haushalt leben: plus 5740 Euro für jeden Erwachsenen und plus 700 Euro für jedes Kind. Auch die Wohnungsgröße spielt eine Rolle. Die Mietsenkung ist zunächst für maximal zwölf Monate gültig. Dauert die schwierige finanzielle Lage an, muss ein neuer Antrag gestellt werden, zum Beispiel bei der oder dem Kundenbetreuer*in der GESOBAU. 8 MENTORINGPROGRAMM FÜR AZUBIS Z wölf junge Menschen haben im August ihre Ausbildung bei der GESOBAU begonnen – ­damit bildet das Unternehmen insgesamt 31 Azubis aus. 27 von ihnen werden Immobilienkauffrau oder -kaufmann, einer Veranstaltungskaufmann, und drei lernen alles übers Büro­ management. Auch ein duales Studium der BWL mit Fachrichtung Immobilienwirtschaft ist bei der GESOBAU möglich. Derzeit sind sechs Student*innen beschäftigt. Für die Zeit der Aus­ bildung oder des Studiums bekommen alle jungen Menschen eine Mentorin oder einen Mentor zur Seite gestellt. Dabei geht es weniger um fachliches Coaching, sondern um Orientierung und Motivation, die Spielregeln im Berufsalltag und die Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute. „Ich möchte dem GESOBAU-Nachwuchs mit auf den Weg geben, dass ethische und moralische Werte wie beispielsweise Höflichkeit, Ehrlichkeit, Fairness, Integrität, Vertrauen nicht altmodisch sind, sondern Grundlage für einen guten gesellschaftlichen Umgang. Außerdem ist es mir wichtig zu vermitteln, dass wir hier immer positiv und konstruktiv – gern mit einer Portion Humor – an Probleme herangehen.“ Kerstin Damitz Kundencenterleiterin 4 Pankow-Zentrum, Mentorin I m Stadtteil Gesundbrunnen hat die GESOBAU 62 neue Wohnungen für Student*innen gebaut. Unweit des S-Bahnhofs Wollankstraße bietet das Gebäude ab Dezember Platz für 158 junge Menschen. Die Wohnungen liegen zentral, ein Zimmer kostet maximal 300 Euro warm. Für die Vermietung ging die GESOBAU erstmals eine Kooperation mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin ein. „Frau Damitz hat mir schon häufig Tipps gegeben, die ich im Alltag gut gebrauchen konnte. Sie hat mir zum Beispiel vermittelt, wie man sich in Konfliktsituationen verhält und dass man manchen Situationen am besten mit Gelassenheit begegnen sollte. Außerdem finde ich es toll, dass ich jederzeit, wenn ich etwas auf dem Herzen habe, zu ihr gehen kann und wir immer ehrlich miteinander sprechen.“ Michele-Marie Hanik Auszubildende zur Immobilienkauffrau im zweiten Lehrjahr, Mentee 9 PANKOW ZU GUT ZUM WEGWERFEN Text: Karl Grünberg Jedes Jahr kurz vor Weihnachten steigt der Konsum deutlich an. Aber muss das sein? Man kann Lebensmittel retten, kaputte Geräte reparieren und Kleidung gebraucht kaufen. Das ist umweltschonend und spart eine Menge Geld. Wie das im Alltag funktioniert, zeigen drei Berliner Initiativen Kaputt ist nicht gleich kaputt: Familienvater Timm möchte das Waffeleisen für seine Kinder retten. Hobby-Tech­ niker Wolfgang hilft ihm dabei. Gemeinsam tüfteln sie im „Repair-Café“ im Stadtteil­ zentrum Pankow PANKOW NACHHALTIG LEBEN Dabei könnte man es noch reparieren. Doch das wird den Verbraucher*innen nicht einfach gemacht: Entweder stellen Hersteller keine Ersatzteile zur Verfügung oder verbauen Teile so fest, dass sie nur mit Spezialwerkzeug zu lösen sind. Ohne Vorwissen trauen sich viele eine Reparatur nicht zu. Hajo, gelernter Medizintechniker, will genau dabei helfen – gemeinsam mit fünf weiteren ehrenamtlichen Tüftlern und Bastlern vom „Repair-Café“ im Stadtteilzentrum Pankow. Susanna öffnet das Gehäuse ihres Tablets. Auf YouTube hat sie dazu eine Anleitung gesehen. Im „Repair-Café“ bekommt sie das notwendige Spezialwerkzeug – und eine zweite Meinung S usanna ist aufgeregt. In der Hand hält sie ihr Tablet. „Das will einfach nicht mehr angehen, aber ich möchte es auch nicht wegwerfen. Das wäre schade“, sagt die 32-Jährige. Deswegen steht sie vor dem „Repair-Café“ im Stadtteilzentrum Pankow. Sie will es selbst reparieren. „Allein würde ich mich das nicht trauen, aber hier bekommt man Hilfe“, erzählt sie. Hinter ihr steht Timm. Auch er braucht Unterstützung. Das Waffeleisen der Familie funktioniert nicht mehr. „Die Kinder vermissen die heißen Waffeln. Einfach ein neues kaufen will ich aber nicht“, sagt er. Es ist 17 Uhr, die Tür zum „Repair-Café“ öffnet sich wie an jedem ersten Montag im Monat. 12 Elektronische Geräte selber reparieren, gebrauchte Kleidung kaufen oder Essensreste vor dem Mülleimer retten: All das sind gute Wege, um im Alltag nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel zu schonen. In Berlin gibt es immer mehr Orte, an denen vermeintlich Defektes oder Altes eine zweite Chance bekommt. Denn kaputt ist nicht gleich kaputt, gebraucht bedeutet nicht gleich „oll“, und ein Brot, das am Morgen gebacken wurde, schmeckt auch nach Ladenschluss noch. MIT HILFE SELBER REPARIEREN „Das ‚Repair-Café‘ ist ein Ort der Hoffnung“, sagt der 65-jährige Hajo und lacht. Wenn ein Gerät nicht mehr funktioniert, wird es heute oft entsorgt. Susanna setzt sich zu Hajo an den Tisch und gibt ihm das Tablet. Erst öffnet Hajo mit einem Spezialwerkzeug das Gehäuse, dann blicken er und Susanna gemeinsam ins Innere des Gerätes. Ratlosigkeit. Doch Susanna hat eine Idee. Auf YouTube hat sie ein Video gesehen, in dem erklärt wird, dass man alle Steckverbindungen zur Festplatte trennen und dann wieder einstecken muss. „Dann startet es sich neu.“ „Aber erst müssen wir den Akku ausbauen, sonst gibt es einen Kurzschluss“, sagt Hajo ruhig. Am Nebentisch sortiert Wolfgang, 72, sein Werkzeug. „Ich habe mein Leben lang gebaut“, sagt er stolz. Früher war er Tischler, seit vier Jahren hilft er im „Repair-Café“. „Die meisten Sachen sind ja nicht wirklich kaputt“, sagt er. Und landen trotzdem auf dem Müll. Tatsächlich fällt in Deutschland jedes Jahr ziemlich viel Elektroschrott an. 2018 waren es 853 124 Tonnen, ergab eine Erhebung des Umwelt­ bundesamtes. Viele Geräte landen auf Mülldeponien in afrikanischen Ländern. Enthaltene Schwermetalle wie Blei und Quecksilber sind schädlich für die Umwelt und die Menschen, die auf Schrottplätzen nach verwertbaren Teilen suchen. „Sieben von zehn Geräten können wir reparieren“ WOLFGANG REPAIR-CAFÉ PANKOW Timm, der Familienvater mit dem Waffeleisen, setzt sich zu Wolfgang. Zusammen schrauben sie erst die Vorderseite ab, dann die Rückseite, bis sie nicht mehr weiterkommen. Die Platten lösen sich nicht. „Puh, hartnäckiges Teil“, stöhnt Wolfgang und schafft es irgendwann doch. Ein Stromkabel ist durchtrennt, das sie nicht austauschen können. „Leider ist es zu fest eingebaut“, sagt Wolfgang. „Sieben von zehn Geräten können wir reparieren. Dieses Waffeleisen gehört nicht dazu.“ Vom Nebentisch hört man einen Jubelschrei. Es hat geklappt, das Tablet funktioniert wieder. Susanna reißt die Arme in die Luft. „Danke, Hajo“, sagt sie. Auch bei den anderen Besucher*innen geht es Schlag auf Schlag: ein Toaster, der nur gereinigt werden musste. Eine Lampe, bei der eine Sicherung im Dimmer defekt war. Ein Küchenmixer, bei dem sich die Kontakte gelöst hatten. Vier von fünf Geräten werden an diesem Nachmittag gerettet. GEBRAUCHTE KLEIDUNG IST GEFRAGT Nicht nur Elektronik, auch Kleidung landet häufig im Müll, obwohl Jacken, Hosen und Hemden noch in einem guten Zustand sind und anderen Menschen passen würden. 4,7 Kilogramm Kleidung entsorgt jede*r Bundesbürger*in im Jahr, von denen nur 500 Gramm recycelt werden, fand das nach­haltige Modelabel Labfresh aus den Niederlanden in einer beauftragten Studie Anfang 2020 heraus. Fast fünf Kilogramm Textilmüll – das entspricht einer ganzen Waschmaschinenladung voll. Dass Kleiderspenden durchaus gefragt sind, weiß Ursula Khalil, 68. „Herzlich willkommen“, begrüßt sie alle, die zu ihr in den „Fairkauf­ laden“ ins Märkische Viertel in Reinickendorf kommen. Hier gibt es Mäntel für Frauen, Hemden für Männer und Schuhe für Kinder, aber auch eine Puppenstube zum Spielen, Bücher für ruhige Winterstunden und Decken zum Einkuscheln. Im Regal stehen Teetassen, Thermoskannen und Kaffee­maschinen. Ursula ist die gute Seele des Ladens. Viele Kund*innen kennt sie mit Namen und plaudert mit ihnen. Eine Frau kommt herein. Sie möchte die Sachen ihrer großen Tochter spenden, die von zu Hause ausgezogen ist. Etwas später betritt eine weitere Frau den „Fairkaufladen“. Sie senkt ihre Stimme. Ihre Mutter sei verstorben. Ob sie ihre Kleider und Hosen abgeben könne? „Na klar“, sagt Ursula mitfühlend. Die Menschen bringen nicht nur Kleidung oder Gegenstände, sondern auch ihre Geschichten mit. Ursula hört zu. Ursula Khalil ist die gute Seele des „Fairkaufladens“. Hier gibt es Kleidung und Gegenstände aus zweiter Hand 13 PANKOW NACHHALTIG LEBEN Eva Richter kommt regelmäßig in den „Fairkaufladen“, wenn sie im Kiez spazieren geht. Hier findet sie gutes Gebrauchtes. Diesmal sind es zwei Matchbox-­ Autos für ihr Enkelkind Vor der Mülltonne gerettet: Almut Wetjen holt übrig gebliebenes Essen wie Suppe im „Café fritz & friedrich“ ab. Über die App „Too Good To Go“ hat sie das Café gefunden Natürlich kann man nicht alles retten oder reparieren – aber doch mehr, als man denkt. Es gibt viele Wege, seinen Alltag nachhaltiger und günstiger zu gestalten. So wie Susanna, die vor die Tür des „Repair-Cafés“ tritt und strahlt. In der Hand hält sie ihr Tablet. Es funktioniert wieder. „Hajo und ich haben es zusammen geschafft“, sagt sie. Timm muss sein Waffeleisen leider wegschmeißen: „Ich kann aber mit gutem Gewissen sagen, dass ich alles probiert habe.“ Am Abend wärmt Almut die Suppe aus dem Café für die Kinder noch mal auf Aber wie funktioniert der „Fairkaufladen“? „Das Konzept ist einfach“, erklärt Ursula. Man könne vorbeibringen, was man nicht mehr braucht. Einzige Bedingung: Alle Gegenstände müssen in einem guten Zustand sein, das heißt funktionstüchtig, sauber, ohne Löcher oder Flecken. Gegen ein faires Entgelt, etwa vier Euro für eine Jacke oder drei Euro für einen Rock, kann man die Sachen mitnehmen. Kindersachen kosten ein Euro pro Stück. Die Einnahmen decken Unkosten wie Strom und Ursulas Gehalt. Finanziell unterstützt wird der Laden von der GESOBAU-Stiftung. Nun betritt Eva Richter den Laden, grüßt Ursula und geht zum Bücherregal. „Mal sehen, ob ich was Spannendes finde.“ Die Rentnerin lebt in der Nachbarschaft und schaut auf ihrer Runde durch den Kiez immer auch 14 im „Fairkaufladen“ vorbei. Hier kennt man sich, hier kann sie ein bisschen reden und stöbern. „Ein schöner Ort, nette Menschen, tolle Sachen“, sagt sie. Heute nimmt sie zwei Matchbox-Autos für ihren Enkel mit. Felix Bergemann ist der Leiter des FACE Familienzentrums, zu dem der „Fairkaufladen“ gehört. „Wir wollen hier etwas gegen die Wegwerfgesellschaft tun und gleichzeitig jenen helfen, die nicht so viel Geld haben“, sagt er. Eine Bedürftigkeit müsse man aber nicht nachweisen. „Alle sind willkommen“, sagt er. LEBENSMITTEL RETTEN Willkommen sind die Menschen auch im „Café fritz & friedrich“ von Franziska Liebig, 32. Vor vier Monaten hat sie sich mit der Eröffnung einen Traum erfüllt. Sie ist in Heinersdorf geboren und aufgewachsen und lebt heute mit ihren Kindern und ihrem Mann immer noch im Kiez. „Genau hier wollte ich einen gemütlichen Ort schaffen, der zu einem Treffpunkt für die Menschen wird“, sagt sie. Bei ihr gibt es Frühstück, Mittagsgerichte, Kuchen und Waffeln. Doch eine Sache wollte sie nicht: übrig gebliebenes Essen wegschmeißen. Zwölf Millionen Lebensmittel landen jedes Jahr im Müll, obwohl sie noch genießbar sind, das sind 75 Kilo pro Kopf. Große Mengen werden regelmäßig in Bäckereien, Supermärkten und Restaurants entsorgt. Mittler­ weile gehen einige Initiativen in Berlin gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vor – und kommen zu Lösungen. SirPlus etwa ist eine neu gegründete Supermarktkette mit vier Standorten in Berlin, die nur übrig gebliebene Lebensmittel verkauft. Wer als Lebensmittelretter*in unterwegs sein möchte, kann sich bei food­sharing.de anmelden. Und auch mit Apps lassen sich Lebensmittel vor der Tonne retten. Eine nennt sich „Too Good To Go“, was übersetzt „zu gut zum Wegschmeißen“ bedeutet. Die Idee dahinter: Restaurants und Supermärkte melden in der App Lebens­mittel oder Gerichte, die sie nicht verkauft haben oder bereits kleine Makel zeigen. Nutzer*innen können diese über die App reservieren und für einen sehr günstigen Preis in einem vorgegebenen Zeitfenster abholen. Bezahlt wird vorab online. Franziska Liebig hat sich mit ihrem Café bei der App als Partnerbetrieb angemeldet und stellt nun jeden Tag zwei Überraschungspakete ein: mit allem, was sie am Tag nicht verkauft hat. „Die Menschen freuen sich rich- tig über meine Pakete, und ich bin froh, dass ich nichts wegschmeißen muss“, sagt sie. 50 Mahlzeiten konnte sie so schon retten. Eine regelmäßige Nutzerin der App ist Almut Wetjen. Sie ist 38 Jahre alt und Mutter zweier Kinder. „Ich plane das richtig“, sagt sie. Zum Beispiel fürs Abendessen oder für Ausflüge am Wochenende. Dann reserviert sie sich über die App eines der Überraschungspakete in ihrer Lieblingsbäckerei. „Am nächsten Tag nehmen wir süße Teilchen, belegte Brötchen und Croissants mit auf unsere Tour.“ Vier Millionen Menschen haben die App bereits genutzt und fünf Millionen Mahlzeiten vor der Mülltonne bewahrt. INFORMATIONEN: „Repair-Café“: Eine Liste von Repair-Cafés in Berlin und Deutschland gibt es hier: www.reparatur-initiativen.de Den „Fairkaufladen“ finden Sie hier: Wilhelmsruher Damm 159, 13439 Berlin, Informationen unter: 030 9843 6645 oder unter: face-familienzentrum.de/fairkaufladen Mehr Informationen zu „Too Good To Go“, die App zum Lebensmittelretten, gibt es hier: toogoodtogo.de oder im Google Play Store beziehungsweise im App Store 15 BERLIN KIEZGESCHICHTEN PANKOW KIEZGESCHICHTEN KEINER BLEIBT ALLEIN EIN RAUM FÜR FANTASIE In seiner Werkstatt zeigt Thomas Worner Kindern, wie man Gefäße und Figuren aus Ton herstellt. Auch die Eltern können mitmachen Christian Fein und Heike Paulus bringen Menschen zusammen, die an Feiertagen ­Gesellschaft suchen W eihnachten allein? Silvester ohne Gesellschaft? Trennung oder der Neubeginn in einer fremden Stadt – es gibt viele Lebensphasen, in denen sich Menschen plötzlich allein fühlen, ganz unabhängig vom Alter. Auch Heike Paulus, 33, und Christian Fein, 35, erlebten Ende 2016 eine solche Lebensphase. Unabhängig voneinander wurden sie aktiv. Heike schrieb auf Facebook, dass sie Weihnachten nicht allein sein wolle, Christian suchte per Twitter Gesellschaft für Silvester. Die überwältigende Resonanz auf ihre Posts zeigte ihnen, wie groß die Sehnsucht nach Begegnung unter 30- bis 50-Jährigen ist. Und wie groß gleichzeitig die Bereitschaft ist, auf einsame Menschen zuzugehen und sie einzuladen. Heike Paulus und Christian Fein starteten ehrenamt­liche Initiativen, die sie 2017 bündelten. Paulus moderiert von Berlin aus ihre Facebookgruppe „Weihnachten (nicht) allein“. Fein nimmt von Mannheim aus unter dem Aktions­namen #KeinerBleibtAllein per Twitter und Instagram Nachrichten an. Dann suchen sie passende Gastgeber*innen und vernetzen sie mit Gästen für die Feiertage. Ging es bisher um persönliche Begegnungen, werden viele Treffen dieses Jahr aufgrund der Pandemie virtuell stattfinden. 16 KIEZGESCHICHTEN PANKOW Das hat auch Vorteile: Digitale Kommunikation ermöglicht überregionale Gruppen. Diese werden wegen der Kontaktbeschränkungen immer wichtiger. „Schon jetzt haben wir viermal so viele Anfragen wie im vergangenen Jahr“, sagt Fein. „2019 hatten wir 60 000 Nutzer, viele haben sich dann selbst vernetzt, etwa 3500 Menschen konnten wir zusammen­ bringen.“ Nun erweitern sie ihr Projekt über Silvester hinaus. Anknüpfungspunkte sind Karneval oder Ostern. Auch Online-Stammtische sind denkbar. „Einsamkeit kann uns alle betreffen, wird aber kaum wahrgenommen oder aber stigmatisiert“, erklärt Paulus. „Das wollen wir ändern.“ INITIATIVE KEINER BLEIBT ALLEIN Das Angebot ist seit diesem Jahr ausschließlich digital. Gastgeber*innen und Gäste können sich mit Nachrichten oder der Angabe ihrer Stadt anmelden über: -- Facebook.com/groups/Weihnachten.Nicht.Allein/ -- Twitter: KeinerBleibtAllein, #KeinerBleibtAllein -- Instagram: keinerbleibtallein, #KeinerBleibtAllein www.keinerbleibtallein.net Um Missbrauch zu vermeiden, arbeiten die Moderator*innen mit geschlossenen Gruppen. Die Teil­ nehmer*innen müssen sich vorab anmelden. Beiträge werden geprüft und freigeschaltet. I m Keramikstudio von Thomas Worner sitzen zehn Kinder und mehrere Erwachsene an verschiedenen Tischen. Sie formen Gefäße, Tiere oder Teller aus Ton und malen sie bunt an. Thomas Worner ist immer mittendrin, gibt Tipps und hilft, wenn es nötig ist. Später wird er die fertigen Gegenstände in seinen beiden Spezialöfen brennen. Nach ein paar Tagen können die Kursteilnehmer*innen ihre Werke bei ihm abholen. Worner hat das Handwerk professionell erlernt: Er studierte in den 1970er-Jahren „Formgestaltung“ in Berlin. Seine Keramikkurse in Pankow sind ein Geheimtipp, obwohl er sie für Kinder und Jugendliche schon seit vielen Jahren anbietet. Auch Eltern können an ihnen teilnehmen. Die sechsjährige Kira ist an diesem Nachmittag mit ihrer Mutter gekommen. Beide sind unternehmungslustig und probieren gerne etwas Neues aus. „Ich habe schon eine Prinzessin, einen Fuchs und einen Elefanten aus Ton gemacht“, sagt Kira. „Den Fuchs habe ich meiner Oma geschenkt.“ Wer einen Blick in die Regale wirft, die in Worners Werkstatt an den Wänden stehen, sieht schnell, welche Dinge bei den Kindern besonders beliebt sind. Dort stehen jede Menge Einhörner, Prinzessinnen und Pferde, aber auch fantasievoll geformte, bunt angemalte Tassen, Teller und Schüsseln. Zu den Kindern, die regelmäßig in Worners Keramikwerkstatt kommen, gehören auch Nele und ihre Freundin Hanna. Beide sind elf Jahre alt. Nele will an diesem Nachmittag eine Spardose formen. Sie nimmt einen Klumpen Ton und klopft ihn mit der Hand flach. Dann legt sie eine Pappscheibe auf den Ton und schneidet zwei kreisförmige Tonscheiben aus. Später kommen diese in eine Gipsform, sodass zwei Halbschalen entstehen. Die werden dann zu einer Spardose zusammengesetzt. Auch Hanna will so eine Dose herstellen. „Das ist ein schönes Weihnachtsgeschenk“, sagt sie. KERAMIKWERKSTATT IM FORUM PANKOW Damerowstraße 8, 13187 Berlin Kurszeiten Jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag 15-18 Uhr für Kinder und Erwachsene ab 19 Uhr für Erwachsene Keine Anmeldung notwendig Kursgebühren: 2 Euro pro Kurs für Kinder; 10 Euro für Erwachsene 17 WEISSENSEE NEUE WOHNIDEEN WOHNEN UND ARBEITEN UNTER EINEM DACH Text: Judith Jenner Mit dem stadtplanerischen Konzept „Urban Living“ sollen Arbeiten und Wohnen näher zusammenrücken. Das erste GESOBAU-Projekt dieser Art ist bald bezugsfertig K 18 ein Team aus Hebammen sind interessiert. Die Unternehmer*innen haben Zugang zur gemeinschaftlich genutzten Remise, einem zweigeschossigen Gebäude im Hofbereich mit Besprechungs- und Seminar­räumen. Damit fördert die GESOBAU den Share-Economy-­ Gedanken und bietet eine innovative Lösung, um knappe und teure Ressourcen wie Büroflächen effizient zu nutzen. MODERNES LEBEN IN WEISSENSEE FLEXIBLE ARBEITSPLÄTZE IN GEMEINSAMEN RÄUMEN Die GESOBAU beteiligt sich an dem Vorhaben mit einem Bauprojekt auf dem Gelände der Langhansstraße 28 und Roelckestraße 9, 9A in Weißensee. Die Idee: Gewerbetreibende leben und arbeiten im selben Haus. „Das hat viele Vorteile“, sagt Viktoria Rein, Projektmitar­beiterin bei der GESOBAU. „Kurze Arbeits­wege entlasten die Umwelt, bedeuten mehr Flexibilität und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Ein Trend für die Zukunft? In Weißensee können Unternehmer*innen bald Gewerbeflächen und Wohnungen im selben Haus mieten urze Arbeitswege haben während der Corona-Krise viele zu schätzen gelernt. Wer von zu Hause aus arbeiten kann, spart sich den Stau auf dem Weg zur Arbeit oder die Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Dass Wohnen sind etwa Hausgemeinschaften mit gemeinsamen Hofanlagen, Atelierwohnungen für Künstler*innen oder Mehrgenerationenhäuser, in denen alte und junge Mieter*innen sich einander unterstützen. Von einer zusätzlich geschaffenen Infrastruktur mit Cafés, Kitas oder Angeboten für ältere Menschen profitieren auch alteingesessene Bewohner*innen. Ihr Kiez verändert sich – zum Positiven. und Arbeiten näher zusammenrücken, ist ein Aspekt des Projektes „Urban Living – Neues Wohnen in Berlin“. Es wurde 2013 von der Senats­verwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen ins Leben gerufen, um gemeinsam mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften wie der GESOBAU der Frage nachzugehen: Wie können in der Innenstadt neue Wohnungen entstehen, ohne dass die Lebensqualität darunter leidet, weil die Bevölkerungs­ dichte steigt. Um die Wohnqualität zu halten, sind neue Konzepte gefragt. Denkbar Bei anderen Neubauten werden Ladengeschäfte und Wohnungen getrennt voneinander vermietet. Bei diesem Projekt ist es anders: Die GESOBAU sucht gezielt Unternehmer*innen, die Wohnen und Arbeiten an einem Ort vereinen wollen. Das Haus wird im Frühjahr 2021 fertig­gestellt, und es gibt bereits erste Anfragen: Eine Dolmetscherin, Ergotherapeut*innen und Auch wer nur ab und zu einen Arbeits­platz außerhalb der eigenen vier Wände sucht, ist in der Lang­ hans­straße willkommen. „Eine etwa 190 Quadratmeter große Gewer­be­ einheit soll an einen Co-Working­ Space-Anbieter vermietet werden“, erklärt Viktoria Rein. Damit ist ein Büro gemeint, in dem Selbstständige und Student*innen tage- oder stundenweise einen Schreibtisch mit Internetzugang mieten können, um ungestört zu arbeiten. Momentan sucht die GESOBAU nach einem Betreiber für den Co-Working-Space. „Davon hängt ab, ob wir diesen Plan wirklich umsetzen“, sagt Viktoria Rein. Überhaupt ist die Planung dieses neuen Wohnund Arbeitshauses ein dynamischer Prozess. Das Konzept wird immer wieder angepasst. NEUES WOHNKONZEPT IN WEISSENSEE Seit Frühjahr 2019 wird an der Langhansstraße 28 und Roelckestraße 9, 9A gebaut. Nach den Plänen des Berliner Architekturbüros Bollinger + Fehlig entsteht ein vier- bis fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit einem zurückgesetzten Dachgeschoss. Das Besondere: Die Gewerbetreibenden sollen möglichst auch im Haus wohnen. Im Erdgeschoss des markanten Eckgebäudes und teilweise auch im ersten Obergeschoss sind auf insgesamt 656 Quadratmetern 13 Gewerbeflächen in unterschiedlicher Größe geplant. Alle 37 Wohnungen haben entweder eine Loggia, einen Balkon oder eine Terrasse. Ein Drittel der Wohnungen wird barrierefrei sein. Auch die Lage ist attraktiv: Der Weiße See mit Park und Strandbad ist nur knapp zwei Kilometer entfernt. Nahe gelegene Bus- und Straßenbahnstationen sorgen für eine schnelle Verbindung in die City. Die ersten Mieter*innen können voraussichtlich im Sommer 2021 einziehen. Anfangs gab es beispielsweise die Idee, Wohn- und Arbeitseinheiten auch räumlich zu verbinden. Vom Büro im Erdgeschoss sollte eine Treppe in die darüberliegende Wohnung führen. „Das ist aber rein vertragsrechtlich gar nicht möglich, da wir unterschiedliche Verträge für Wohnungen und Gewerbe haben“, erklärt Viktoria Rein. Es ist ohne Frage ein anspruchsvolles Projekt, die Herausforderungen sind viel­ fältig. Im Ergebnis verknüpft die GESOBAU modernes Wohnen mit inspirierenden Büro­flächen und kann damit einen Beitrag zu neuen zukunftsfähigen Wohnformen leisten. NEUE IDEEN FÜR PANKOW Ein ähnliches Projekt wie in der ­Langhansstraße plant die GESOBAU in Pankow. Baubeginn für das Haus in der Mühlenstraße 24 ist 2021. Auch dort sollen innovative Konzepte umgesetzt werden. Die Mieter*innen dürfen mitentscheiden, wie gemeinschaft­liche Mehrzweckräume genutzt werden könnten. Ideen gibt es bereits: Sie reichen von einer Bibliothek zum Tausch von Büchern über Gästezimmer bis hin zum Billardraum. „Durch diese Angebote soll die Hausgemeinschaft stärker zusammen­wachsen. Das Leben wird weniger anonym“, erläutert Viktoria Rein. Schließlich macht auch eine gute Nachbarschaft das Wohnen in der Stadt lebens­ werter. INFOS ZUM PROJEKT Sie sind Unternehmer*in und interessieren sich für das Projekt? Mehr Informa­tionen zur laufenden Vermietung der Flächen und Wohnungen bekommen Sie per E-Mail (gewerbe@gesobau.de) oder auf unserer Website: www.gesobau.de/langhansstrasse 19 SCHLICHTUNGSBÜRO GESOBAU-SCHLICHTUNGSBÜRO DICKE LUFT Text: Judith Jenner Das GESOBAU-Schlichtungsbüro ist Anlaufstelle, wenn Nachbar*innen zerstritten sind. Vier Ehrenamtliche helfen ihnen, eine Lösung zu finden E in wenig ist Dieter Rabe* der Ärger noch anzumerken, wenn er sich an den Streit mit seinem Nachbarn erinnert. Im Besprechungsraum der GESOBAU-Nachbarschaftsetage im Märkischen Viertel erzählt er, wie im Stockwerk über ihm bis spät in die Nacht in voller Lautstärke der Fernseher lief. Am frühen Morgen jammerten dann die Katzen des Bewohners, weil sie nichts zu fressen hatten, vermutete Rabe. „Manchmal miauten sie eine Stunde lang“, sagt der 72-Jährige. Weil der deutlich jüngere Hausbewohner nicht mit sich reden ließ, wandte sich Dieter Rabe an das ­GESOBAU-Schlichtungsbüro. „Meine Hoffnungen hielten sich erst mal in Grenzen“, erzählt er. „Vor allem habe ich bezweifelt, dass sich der Nachbar mit mir an einen Tisch setzt.“ Doch nach einem freundlichen Brief des Schlichtungsbüros ließ der sich tatsächlich darauf ein. FÜR EIN BESSERES MITEINANDER Mit am Tisch saßen Dankwart Kirchner und Thea Mir-Raissi. Beide sind schon seit vielen Jahren Mitglieder des Schlichtungsteams. Der Gruppenpsychotherapeut Kirchner hat viel Erfahrung im Führen von Konflikt­ gesprächen. Er ist seit der Gründung des Schlichtungsbüros 2006 dabei. Damals war er gerade in den Ruhestand gegangen und suchte nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit, in die er seine beruflichen Erfahrungen einfließen lassen konnte. Er fand sie im Schlichtungsbüro, das kurz zuvor auf Initiative der GESOBAU-Sozialmanagerinnen Ilona Luxem und Andrea Scheel gegründet worden war. „Ich hatte zu dieser Zeit meine Ausbildung als Mediatorin abgeschlossen“, erinnert sich Ilona Luxem. „Dieses Verfahren zur Beilegung von Konflikten schien mir eine Chance, um Nachbarschaftsstreits zu schlichten.“ In der Mediation suchen zwei Parteien gemeinsam nach Kompromissen, um ihr Problem zu lösen. Voraussetzung 21 REINICKENDORF GESOBAU-SCHLICHTUNGSBÜRO Die Schlichter*innen der GESOBAU (v. l. n. r.): Dankwart Kirchner, Thea Mir-Raissi, Hans-Jürgen Weber und Edith Spielhagen ist, dass sich beide Seiten freiwillig darauf einlassen. Zu Lösungen sollen sie eigenständig kommen. Die Media­ tor*innen begleiten den Prozess. Von Anfang an stand fest: Die Leitung des Schlichtungsbüros sollten Ehrenamtliche übernehmen. „So finden die Gespräche auf Augenhöhe statt“, meint Ilona Luxem. Über Anzeigen und das Ehrenamtsbüro Reinickendorf fand sie die ersten Mitglieder für das Team, die sich für eine gute und friedliche Nachbarschaft einsetzen. KULTURELLE UNTERSCHIEDE Thea Mir-Raissi kam etwa zehn Jahre später ins Team. Sie ist ebenfalls Rent­ nerin und wohnt im Märkischen Viertel. Weil hier viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, gibt es mehr Konflikte als anderswo. „Meistens geht es in den Streitig­keiten um laute Kinder oder anderen Lärm“, berichtet sie. Manchmal haben diese Konflikte mit kulturellen Unterschieden zu tun. So bleiben einige Kinder, deren Familien aus wärmeren Län- 22 dern stammen, abends häufig länger draußen. Sie sind es so gewohnt, weil es in der alten Heimat tagsüber oft zu heiß ist zum Spielen. Viele behalten die gewohnten Ruhe- und Schlaf­zeiten aus ihrer Kindheit bei, erklärt Thea Mir-Raissi. „Indem man darüber spricht, ist oft schon viel gewonnen“, meint sie. Einmal monatlich setzen sich Thea Mir-Raissi und Dankwart Kirchner mit Edith Spielhagen und Hans-­ Jürgen Weber zusammen. Edith Spielhagen ist Kulturwissenschaftlerin, Hans-Jürgen Weber Jurist, sie machen das Team komplett. Etwa zehn Anfragen pro Monat gehen im Schlichtungsbüro ein. „Im Winter sind es mehr als im Sommer“, so Thea Mir-Raissi. „Da verbringen die Menschen viel Zeit zu Hause und fühlen sich leichter gestört.“ Während der Corona-Zeit im März und April gab es besonders viele Anrufe. Da Schlichtungen durch ein persönliches Gespräch zu dieser Zeit nicht möglich waren, zogen sich diese bis in den Herbst hinein. ZUHÖREN UND IMPULSE GEBEN Für Edith Spielhagen ist es immer wieder spannend, sich in beide Seiten hineinzuversetzen, sich nicht von Sympathien leiten zu lassen und neutral zu bleiben – eine große Her­ausforderung, pflichten ihr die anderen Teammitglieder bei. „Im ersten Moment hören wir die Geschichte ja nur von einer Seite, nämlich von der Person, die sich an uns wendet“, gibt sie zu bedenken. „Von dieser einen Darstellung dürfen wir uns aber nicht vereinnahmen lassen.“ Edith Spielhagen kann sich als Mieterin gut in viele Situationen hineinversetzen. Sie sagt: „Wir kennen alle Konflikte auch aus unserem Umfeld, sie erzeugen teilweise seelisches und körperliches Leid. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Streitenden wieder annähern.“ Wenn zwei Parteien im Gespräch keine Lösung finden, geben die Mediator*innen Impulse. „Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihr Nachbar Sie kurz anruft, wenn der Fernseher zu laut ist?“ Oder: „Wie wäre es für Sie, ein Klingelzeichen zu vereinbaren?“ „Wir sind da aber sehr zurückhaltend“, räumt Dankwart Kirchner ein. „Auf keinen Fall soll sich eine Seite überrumpelt fühlen und nur dem Schlichter zuliebe einem Vorschlag zustimmen.“ tet, auf dem die Mieter*innen ihre Anliegen und einen Kontakt hinterlassen können. Ein Teammitglied meldet sich dann zurück. Persönlich können Mieter*innen zur Sprechstunde donnerstags von 16 bis 18 Uhr ins Schlichtungsbüro kommen, auch ohne Termin. hinsichtlich der Fernseherlautstärke konnten sie sich einigen. Zum Schluss gaben sich die beiden Nachbarn sogar die Hand darauf. Daran erinnert sich Dankwart Kirchner noch ganz genau, denn solche Momente gehören zu den schönsten seiner Arbeit. „Das rührt mich wirklich sehr“, gibt er zu. Mieter*innen wenden sich bei Ärger mit Nachbar*innen oft als erstes an die Kundenbetreuer*innen der GESOBAU. Diese verweisen dann ans Schlichtungsbüro. „Der Austausch mit der GESOBAU ist sehr wichtig und geht in beide Richtungen“, ­betont Hans-Jürgen Weber. „Wir sprechen auch mit den Kunden­ betreuer*innen oder Sozialmanager*innen, wenn wir von ihrer Seite Handlungsbedarf sehen.“ Aus diesem Grund versucht Ilona Luxem regelmäßig, an den Teamsitzungen der Schlichter*innen teilzunehmen. Eine Einschränkung gibt es: Ist ein Konflikt so stark eskaliert, dass bereits eine Anzeige bei der Polizei erstattet oder ein Rechtsanwalt eingeschaltet wurde, nehmen die Schlichter*innen den Fall nicht mehr an. Auch rechtliche Tipps dürfen sie nicht geben. Deshalb ist es wichtig, die zerstrittenen Parteien möglichst frühzeitig an einen Tisch zu bringen. * Name von der Redaktion geändert FRÜHZEITIG AN EINEN TISCH Im Schlichtungsbüro ist rund um die Uhr ein Anrufbeantworter geschal- Im Fall von Dieter Rabe und seinem Nachbarn gelang es, Regelungen zu finden, mit denen beide leben können: So vereinbarten sie, dass die Katzen morgens als erstes gefüttert werden, damit sie sich nicht so laut bemerkbar machen müssen. Auch DAS SCHLICHTUNGSBÜRO Vier Mediator*innen arbeiten ehrenamtlich für die GESOBAU und helfen Mieter*innen, die im Streit miteinander liegen. Die Schlichtung ist kostenlos und beinhaltet in der Regel ein Treffen mit beiden Konfliktparteien. Mieter*innen erreichen das Team telefonisch unter 030 41508588 oder jeden Donnerstag persönlich von 16 bis 18 Uhr in der GESOBAU-Nachbarschaftsetage im Märkischen Viertel am Wilhelmsruher Damm 124, 13439 Berlin. Eine Terminvereinbarung ist nicht notwendig. 23 E PANKOW Obdachlose haben oft nur ein Paar Schuhe, das sie durch alle Jahreszeiten bringt. Ihre Füße leiden darunter sehr s ist ein besonderer Ort inmitten der lärmenden Großstadt. Wie eine friedliche Oase liegt das Franziskanerkloster in der Wollankstraße 19. Wir ­betreten eine parkähnliche Anlage mit mächtigen Bäumen. Darin stehen zwei altehrwürdige Häuser und ein modernes, lichtdurchflutetes ­Gebäude: der Speisesaal. Ein großer Mann mit Brille steht in der Tür. Es ist Bernd Backhaus, der Leiter der Suppenküche. Wenn er spricht, Leute begrüßt und uns durch die Räume führt, klingt er sanft und ruhig. „Es sind die Ärmsten der Gesellschaft, die zu uns kommen“, sagt er. Die einen sind obdachlos oder schon seit vielen Jahren ohne Arbeit, andere müssen mit einer winzigen Rente über die Runden kommen, wieder andere leiden unter psychischen Erkrankungen. Für sie ist die Suppenküche meist der erste Anlaufpunkt. Zwischen 180 und 400 Menschen bekommen hier pro Woche ein warmes Mittagessen. HILFE FÜR ­GESCHUNDENE FÜSSE Text: Karl Grünberg Menschen, die ohne Obdach sind und unter schwierigen Bedingungen auf der Straße leben, haben mit vielen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Das Franziskanerkloster in Pankow bietet ihnen eine medizinische Fußpflege an 24 „Unser Ziel ist es, die Würde der Menschen zu schützen“, sagt Backhaus. Dazu gehören die regelmäßigen Mahlzeiten oder warme ­Kleidung für den Winter. Ein würdevolles Leben heißt aber auch, duschen zu können und medizinische Hilfe zu bekommen. Auch darum kümmern sich Mitarbeiter*innen des Klosters. Im ersten Stock stapeln sich Seifen und Cremes, dort begrüßen zwei Mitarbeiterinnen den nächsten Gast und erklären ihm, wo die Duschen sind. In diesem Jahr müssen natürlich alle die besonderen Corona-Regeln beachten. Seit Kurzem gibt es ein neues An­ gebot, berichtet Bernd Backhaus: „Einmal in der Woche bieten wir hier eine medizinische Fußpflege für GESOBAU-STIFTUNG Menschen in Not.“ Gleich neben dem Fenster steht ein spezieller Fußpflegestuhl. Lucie-Marie Wirth ist eine von sieben ehrenamtlichen Fußpflegerinnen im Franziskanerkloster Pankow Doch warum ist die Fußpflege überhaupt so ein wichtiges Angebot? „Viele Obdachlose sind den ganzen Tag unterwegs, bei Wind und Wetter. Wegen der Kälte behalten sie oft auch nachts ihre Socken und Schuhe an“, erzählt Backhaus. „Außerdem müssen sie dann keine Sorge haben, dass ihnen die Schuhe geklaut werden.“ Doch unter diesen Umständen kommt es leicht zu Entzündungen. Manchmal können die Folgen schwerwiegend sein. Wichtig sei deshalb, die Menschen für dieses Angebot zu gewinnen. „Niemand spricht gerne über solche Beschwerden, weshalb wir generell sehr behutsam mit allen umgehen, die zu uns kommen“, so Backhaus. Zum Glück kennen die Mitarbeiter*innen des Klosters die meisten schon länger. „Das hilft, denn der persönliche Kontakt baut Hemmschwellen ab.“ Sindy Burow und Catrin Räther sind Podologinnen, medizinische Fuß­ pflegerinnen. Sie sind es, die den Betroffenen bei ihren Beschwerden maßgeblich helfen. „Füße haben es schwer“, sagt Sindy Burow. Sie ist 35 Jahre alt, lacht viel und strahlt Geborgenheit aus. „Gerade im Winter bekommen sie oft zu wenig Luft und Pflege.“ Die beiden Frauen wollen nicht nur in einer Praxis arbeiten, sondern sich auch für Menschen in Not engagieren. Vor Kurzem wurde das Team um fünf weitere Fußpflegerinnen erweitert, unter ihnen auch Lucie-Marie Wirth. Sie verzichtet wie alle anderen auf ein Gehalt. Das dafür eingeplante Geld „spenden“ die Frauen für weitere medizinische Anschaffungen. Ihr Engagement wird für ein Jahr von der GESOBAU-Stiftung unterstützt. „Geschundene Füße sind besonders anfällig für alle möglichen Krankheitserreger“, sagt Sindy Burow. „Infolge mangelhafter Pflege können sich sogar offene Wunden bilden, die sich schnell zu einem größeren medizinischen Problem entwickeln.“ Manchmal sind dann auch die Beine und andere Körperteile betroffen. Damit das gar nicht erst passiert, kommen Sindy Burow, Catrin Räther und Lucie-Marie Wirth in Zukunft einmal in der Woche ins Franziskanerkloster. Die GESOBAU-Stiftung setzt sich für soziale Ziele ein und fördert jedes Jahr zahlreiche Vorhaben und Einrichtungen gemeinnütziger Träger. Sie hilft mit unbürokra­ tischer finanzieller Hilfe in den Quartieren, in denen die Mieter*innen der GESOBAU zu Hause sind. 25 O KIEZSPAZIERGANG HOCHHÄUSER UND GRÜNE INSELN KIEZSPAZIERGANG kitonga Memba legt den Kopf in den Nacken. „Dort oben im siebten Stock rief meine Mutter immer aus dem Küchenfenster, wenn wir zum Essen kommen sollten“, erinnert sich der 34-Jährige, den seine Freunde nur Oki nennen. Die Eltern kamen Anfang der 80er-Jahre aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland und hatten hier, in der Finsterwalder Straße 7, ihre erste Wohnung im Märkischen Viertel: in einem Hochhaus zwischen Einfamilienhäusern auf der einen und Kleingärten auf der anderen Seite. Mit Bolzplatz direkt vor der Tür. Dort verbrachten Okitonga Memba und seine vier Brüder einen Großteil ihrer Kindheit. Das Leben im Märkischen Viertel war für die Kinder ein großer Spaß. Es gab immer andere, mit denen sie Fußball spielen konnten, ein bunter Mix an Nationen und sozialen Hintergründen. „Die Gemeinschaft in unserem Haus war einfach wunderbar“, schwärmt Okitongas vier Jahre älterer Bruder Djamba. Er erinnert sich an Silvesterpartys, bei denen ein langer Tapetentisch in den Hausflur gestellt wurde und alle Nachbar*innen etwas zu essen mitbrachten. Wenn der einzige Fahrstuhl im Haus kaputt war, half man sich beim Hochtragen der Einkäufe. Text: Judith Jenner Okitonga und Djamba Memba wuchsen im Märkischen Viertel auf. Beim Spaziergang durch ihren Kiez zeigen uns die Brüder die wichtigsten Orte ihrer Jugend 26 Okitonga (links) und sein Bruder Djamba (rechts) in der Finsterwalder Straße 7. Im siebten Stock des Hochhauses wohnten sie mit ihren Geschwistern und Eltern bis 1999 Doch ohne Konflikte lief das Zusammenleben im Märkischen Viertel auch nicht ab. „Wir waren die erste schwarze Familie im Kiez“, erinnert sich Okitonga Memba. „Mit den meisten Nachbarn gab es keine Probleme, aber es gab auch rechte Gruppen, die uns wegen unserer Hautfarbe beleidigten. Das tat weh. Aber wir lernten, damit um­ zugehen.“ 27 MÄRKISCHES VIERTEL KIEZSPAZIERGANG Bei „Pia Bistro“ (links) gibt es den besten ­Döner, sagt Okitonga. Vor dem Sportjugendclub (Mitte links) treffen die Brüder Sozialarbeiter Jons Jakstat, den sie noch aus ihrer Kindheit kennen Auf dem Fußballplatz fühlen sich die Brüder wohl. In ihrer Jugend kickten sie im Viertel jeden Samstag mit bis zu 40 ­Kindern aus ganz Berlin SPORT ALS VENTIL Vorbei an der Trainingsanlage der Baseballmannschaft Berlin Flamingos geht es weiter zum Seggeluch­ becken, einem Teich mit einer Was­ serfontäne in der Mitte. Schwäne ziehen ihre Runden. Mitten im Märkischen Viertel kommt Kurortidylle auf. Am Senftenberger Ring entlang führt der Weg zum Bolzplatz an der Calauer Straße. Dort kickten samstags bis zu 40 Kinder und Jugendliche. Sie kamen aus ganz Berlin, um die Fußballer*innen aus dem Märkischen Viertel her­ auszufordern. „Teilweise begannen hier Profikarrieren“, erinnert sich MEHR PLATZ ALS IN DER ­I NNENSTADT Entlang des viel befahrenen Wilhelms­ruher Damm führt der Weg an der sogenannten Papageiensiedlung vorbei. Sie trägt ihren Namen wegen der bunten Häuserfassaden. Hier lebt Okitongas Bruder Djamba mit seiner Freundin und zwei Kindern. „In der Innenstadt ist es mir zu eng“, sagt er. „Hier gibt es viel Grün und alles, was man braucht.“ Zum Beispiel einen richtig guten Döner-Imbiss. Am Märkischen Zentrum stehen die Kund*innen vor dem „Pia Bistro“ Schlange. Okitonga Memba bestellt Falafel – der junge Vater will gesünder leben und ernährt sich seit einigen Monaten vegetarisch. brunnen. Das Veranstaltungshaus mit dem abwechslungsreichen Kulturprogramm ist weit über die Grenzen des Märkischen Viertels bekannt. Okitonga erinnert sich an eine Dinosaurierausstellung, die er dort als Kind besucht hat. Westlich davon beginnt der grüne Teil des MV, wie das Märkische Viertel von vielen Bewohner*innen abgekürzt wird. Eine enge Passage führt direkt zum Fontane-Haus. Davor sprudelt der Fontanebogen, ein massiver Bronze- Auf dem Weg dorthin, vor dem Sportjugendclub Reinickendorf, treffen Okitonga und Djamba Memba 28 zufällig den Sozialarbeiter Jons ­Jakstat. Die Wiedersehensfreude auf beiden Seiten ist groß. Erinnerungen an Basketballspiele und gemeinsame Bekannte werden ausgetauscht. „Die Sportangebote unseres offenen Jugendclubs sind eine Möglichkeit, die Kids von der Straße zu holen“, erzählt Jons Jakstat. Jugendliche können sich im Tischtennis messen oder Fußball spielen. Dafür arbeitet der Jugendsportclub auch mit dem Kiezverein MSV Normannia 08 nebenan zusammen. Okitonga Memba. In der wenige hundert Meter entfernten Turnhalle der Chamisso-Grundschule lernte er das Boxen. Rückblickend war der Sport für ihn ein wichtiges Ventil, um Aggressionen und Frust loszuwerden. Etwa über soziale Ungleichheiten, die er im Viertel spürte, oder bürokratische Hindernisse. Für die Familie Memba spielte Bildung immer eine wichtige Rolle. „Um Punkt 18 Uhr wurden die Hausaufgaben gemacht, da kannten unsere Eltern kein Pardon“, sagt Okitonga Memba. Als Erster in seiner Familie schaffte er das Abitur. Seine jüngeren Brüder folgten seinem Beispiel. Idylle mitten im Märkischen Viertel: Am Seggeluchbecken kehrt Ruhe ein Als Okitonga auch den Bachelorabschluss in der Tasche hatte, zog er aus dem Märkischen Viertel nach Charlottenburg. Dass ihm seine Wurzeln immer noch wichtig sind, zeigt das Logo seiner Firma. Schild und Speer stehen darin für seine afrikanischen Wurzeln, die Umrisse der Türme des Märkischen Viertels für den Ort, an dem er eine glückliche Kindheit erlebte. 29 MIETERRAT NEUES TEAM, NEUE ZIELE MIETERRAT Sieben Mitglieder für sieben Wahlbezirke: der Mieterrat der GESOBAU bei einem Treffen im August Interview: Judith Jenner Andreas Tietze ist seit Juni dieses Jahres Vorsitzender des Mieterrats der GESOBAU. Im Interview spricht der 41-jährige Lehrer aus Pankow über die neue Zusammensetzung des Gremiums und anstehende Herausforderungen Herr Tietze, 2020 gab es einen großen Wechsel im Mieterrat: Vier Mitglieder gingen, vier neue kamen hinzu. Welche Hoffnungen setzen Sie in das neue Team? Natürlich müssen wir uns erst zusammenfinden, aber ich merke schon, dass alle sehr motiviert sind. Wir haben wieder frischen Wind unter den Flügeln und können auch langfristige Projekte anstoßen. Welche Projekte sind das? Wir wollen die Mitsprache für Mieterinnen und Mieter in der GESOBAU ausweiten. Sie sollen zum Beispiel bei der Gestaltung von Außenanlagen mehr mitreden können. Eine andere Frage ist, wie sich Gemeinschafts­ gärten organisieren lassen, sodass möglichst viele Interessen abgedeckt werden. Die einen wollen einfach gemeinsam gärtnern, die anderen sehen den Ort als Erholungsgebiet oder als Spielbereich für Kinder. Wie arbeiten Sie denn mit den ­Mieterräten der anderen landes­ eigenen Wohnungsbaugesellschaf­ ten zusammen? 30 Wir treffen uns im Rahmen von Konferenzen und Fortbildungen zu Themen wie Wohnungsmarkt, die Stadtentwicklung oder die Rolle der landeseigenen Wohnungsunternehmen. In Zukunft werden wir Arbeitsgruppen über die jeweiligen Gesellschaften hinaus bilden, um zu allgemeingültigen Ergebnissen zu kommen, was etwa die Mitsprache der Mieterinnen und Mieter betrifft. Und wie sprechen Sie sich unterei­ nander ab? Im Sommer und Herbst haben wir uns oft persönlich getroffen. Wir teilen auf, wer die Stände beim Mieterfest im Märkischen Viertel oder beim Kunstfest in Pankow betreut oder wer eine Mieterumfrage entwickelt. Seit November läuft unsere Kommunikation wieder über E-Mail. Das erschwert die Arbeit zuweilen. Wie bleiben Sie mit den Mieter*in­ nen im Gespräch? Sie können per E-Mail oder persönlich bei den Veranstaltungen mit uns Kontakt aufnehmen. Diese Möglichkeiten werden auch immer stärker genutzt. Was ist Ihrer Meinung nach beson­ ders wichtig, damit der Mieterrat gut arbeiten kann? Momentan überlegen wir beispielsweise, welche technischen Kommunikationsmittel sinnvoll sind. Auf der anderen Seite muss die Zusammenarbeit mit der GESOBAU gut funktionieren. Wir sind auf regelmäßige Informationen angewiesen und darauf, dass unsere Stellungnahmen gehört werden. So steht es in der Satzung, und wenn die eingehalten wird, ist das eine gute Grundlage. Was treibt Sie persönlich an? Angemessener Wohnraum für alle Teile der Bevölkerung ist ein Grundrecht, das meiner Ansicht nach niemand besser organisieren kann als Bund, Länder und Gemeinden. Mit meiner Arbeit für den Mieterrat kann ich daran mitwirken, dass sich die landeseigenen Unternehmen dieser Verantwortung stellen. Es geht kurzund mittelfristig darum, die Interessen der Mieterinnen und Mieter der GESOBAU zu stärken und so langfristig den Einfluss auf die Wohnungspolitik in Berlin zu erhöhen. 1 2 2022 wird der Mieterrat in allen landeseigenen Wohnungsun­ ternehmen neu gewählt. Wie wollen Sie neue Kandidat*innen gewinnen? In enger Abstimmung mit der GESOBAU werden wir im Vorfeld Informationsveranstaltungen organisieren, in denen wir von unseren Erfahrungen berichten. Workshops sollen Bevölkerungsgruppen ansprechen, die momentan unterrepräsentiert sind, zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund. Nur wenn sich alle beteiligen, die ein Anliegen haben, kann der Mieterrat seiner Aufgabe gerecht werden. DER MIETERRAT BEI DER GESOBAU Seit 2016 gibt es einen Mieterrat bei der GESOBAU. Aus den sieben Wahlbezirken wird alle fünf Jahre jeweils ein*e Mieter*in gewählt. Sie diskutieren die wichtigen Themen des Unternehmens mit und leisten einen Beitrag zur Entwicklung der Wohnungsbestände der GESOBAU. www.mieter-rat.de 3 4 5 1 Martina Arnold „Mein Motto lautet: Alle sagten: ,Das geht nicht.‘ Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat es einfach gemacht.“ Wahlbezirk 6 (Weißensee, Biesdorf, Hellersdorf), Mitglied seit 2020 Heike Müller „Wohnen ist ein Grundbedürfnis und darf nicht zum Renditeobjekt werden. Des­ wegen brauchen Mieterinnen und Mieter eine Stimme.“ 2 Wahlbezirk 1 (Märkisches Viertel-Zentrum und Reinickendorf), Mitglied seit 2020 3 Gerhard Florschütz „Das ,mit‘ regelt das Leben: mit-einander, mit-bestimmen, mit-denken, mit-wirken, mit-arbeiten.“ Wahlbezirk 2 (Märkisches Viertel-Ost), Mitglied seit 2016 4 Werner Thiel „Ich will als Mitglied des Mieterrates bei der GESOBAU mein beruflich erworbenes kaufmännisches Know-how für die Mieterinnen und Mieter einbringen.“ 6 7 Dr. Heike Külper „Nicht zuletzt durch Wohnungsknappheit und steigende Mieten sind Mieterräte und Mieterbeiräte, die Mieterinteressen durchsetzen, existenziell. Ihre Mitbestimmungsrechte müssen ausgeweitet werden.“ 5 Wahlbezirk 4 (Pankow), Mitglied seit 2016 Markus Schneider „Das Thema Mobilität der Zukunft betrifft viele Mieterinnen und Mieter ganz persönlich. Als jüngstes Mitglied des Mieterrates möchte ich neue und nachhaltige Ideen einbringen. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos im Märkischen Viertel könnte eine von ihnen sein.“ 6 Wahlbezirk 3 (Märkisches Viertel-Nord), Mitglied seit 2020 7 Dr. Andreas Tietze „Angemessener Wohnraum für alle Teile der Bevölkerung ist ein Grundrecht. Mit meiner Arbeit für den Mieterrat kann ich daran mitwirken, dass sich die landeseigenen Unternehmen dieser Verantwortung stellen.“ Wahlbezirk 5 (Pankow-Süd und Weißensee „Am Stein­ berg“), Mitglied seit 2018 Wahlbezirk 7 (Wedding, Wilmersdorf, Westend), Mitglied seit 2020 31 KOCHEN UND BACKEN REZEPT Werden Tiere auf engem Raum gehalten, steigt das Risiko für Verletzungen und Krankheiten, vorbeugend werden Medikamente – Antibiotika – eingesetzt, die der Mensch über Fleisch und Milchprodukte zu sich nimmt. In der Folge können Erreger gegen bestimmte Antibiotika resistent werden. Beim Menschen wirken diese Antibiotika unter Umständen dann nicht mehr. KLASSE STATT MASSE Bei einer Umfrage des Bundeslandwirtschaftsministeriums vor ein paar Jahren gaben knapp 90 Prozent der Befragten an, es sei ihnen „wichtig“ oder „sehr wichtig“, dass tierische Lebensmittel aus besonders tier­ gerechter Haltung stammen. Die allermeisten Menschen möchten also, dass die Tiere genug Platz und Bewegungsfreiheit haben. Aber das hat seinen Preis – vor dem die meisten im Supermarkt zurückschrecken. Text: Kathrin Hollmer Viel zu kleine Ställe, massenhafter Einsatz von Medikamenten und tagelange Transporte zu den Schlachthöfen: Das ist das Schicksal unzähliger Nutztiere. Die meisten Menschen lehnen diese Art der Tierhaltung ab, trotzdem ist die Nachfrage nach Billigfleisch hoch. Doch es gibt Alternativen I m Sommer startete der Discounter Penny ein Experiment. Im ersten „Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt“ in Berlin-Spandau klebte bei einigen Produkten neben dem Verkaufspreis der „wahre Preis“. Dieser enthielt auch „versteckte Kosten“, beispielsweise für den Wasser­ verbrauch und die Schadstoffemissionen, die während der Produktion anfallen. 500 Gramm Hackfleisch würden fast dreimal so viel kosten – 7,62 Euro statt 2,79 Euro. Christine Tölle-Nolting ist Expertin beim Naturschutzbund Deutschland e.V. 32 (NABU), für sie ist das ein absurder Preis. „Wenn wir wollen, dass Tiere anständig gehalten werden und die Natur geschützt wird, kann man Fleisch nicht so billig anbieten“, sagt sie. Knapp 60 Kilogramm Fleisch isst jede*r Deutsche im Schnitt pro Jahr. Der größte Teil davon stammt aus der Massentierhaltung. Bei großen Ställen fällt viel Gülle an, die Böden und Trinkwasser belastet. Der Überschuss an Stickstoff verdrängt seltene Pflanzen. In den Ställen entsteht Ammoniak, ein Gas, das mit anderen Luftschadstoffen rea­ giert und gefährlichen Feinstaub bildet. „Wenn Tiere so gehalten werden, wird das Fleisch natürlich teurer“, sagt Tölle-Nolting und rät, lieber seltener Fleisch zu essen und dafür mehr zu bezahlen. Dafür muss ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden. Derzeit wollen viele Menschen in der Theorie Gutes für die Tiere, in der Praxis sind sie aber nicht bereit, dafür zu zahlen – oder zu verzichten. Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland zuletzt leicht gesunken ist, essen die Deutschen immer noch etwa doppelt so viel Fleisch, wie die Gesundheitsexpert*innen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen. Dabei hat fleischlose Küche ihr langweiliges Gemüsebratlingimage schon lange hinter sich gelassen. Viele Gerichte wie Currys, Pasta oder Eintöpfe kommen gut ohne Fleisch aus. Soll es doch mal Fleisch sein, kauft man am besten aus regionaler Erzeugung oder Wild. Ein Anhaltspunkt beim Einkaufen sind Bio- und Tierwohl-Labels. Tölle-Nolting empfiehlt, auf das Bio-Siegel (in einem grünen Sechseck) oder auf das EU-Bio-Siegel (stilisiertes weißes Blatt auf grünem Grund) zu achten. Hier können die Verbraucher*innen sicher sein, dass die Tiere nur Biofutter bekamen und artgerechter gehalten werden als in konventioneller Haltung. Noch strengere Kriterien müssen Betriebe für die Siegel der Bioanbauverbände erfüllen. Dazu gehören etwa Bioland, Biokreis, Biopark, Demeter, Ecoland, Gäa, Naturland und der Verbund Ökohöfe. Das Neuland-Label vom Deutschen Tierschutzbund garantiert etwa, dass Tiere Auslauf ins Freie bekommen, in hellen Ställen leben und mit heimischen Futtermitteln ohne Gentechnik gefüttert werden. Außerdem ordnet das Haltungsform-Kennzeichen, eine Initiative von Supermärkten und Discountern, Produkte nach Produktionsbedingungen ein: Darauf abgebildet sind verschiedene Stufen, von 1 (gesetzlicher Mindeststandard) bis 4 (deutlich mehr Platz und Auslauf für die Tiere sowie Bio­ futter ohne Gentechnik). Gute Adressen sind auch Betriebe in und um Berlin. Im Südwesten der Stadt bietet der Biobauernhof in der Domäne Dahlem (Zehlendorf) einen Hofladen, in dem Wurstwaren aus Brandenburg verkauft werden. Noch weiter am Stadtrand, in Berlin-Gatow (Spandau), liegt der Vierfelderhof, ein anerkannter Biobetrieb. Im gleichnamigen Hofladen gibt es Obst und Gemüse aus eigener Ernte, frische Eier, Geflügel und Schweinefleisch. Alternativ kann man Fleisch auch in den Onlineshops von ­Neuland, meinekleinefarm.org und gruenebauern.de bestellen. So schmeckt der Sonntagsbraten, den man bewusst und mit gutem Gewissen genießt, gleich doppelt gut. ZEHN HOFLÄDEN UND BIO-BETRIEBE IN BERLIN & BRANDENBURG 1. Domäne Dahlem (Berlin-Zehlendorf) 2. Vierfelderhof (Berlin-Spandau) 3. Hofladen im Kiez (Berlin-Wilmersdorf) 4. Dithmarscher Hofladen (Berlin-Reinickendorf) 5. Hofladen Öko Gut Buch (Berlin-Pankow) 6. Jakobs-Hof in Schäpe (Beelitz, Brandenburg) 7. Ökodorf Brodowin (Chorin, Brandenburg) 8. Hof Marienhöhe (Bad Saarow, Brandenburg) 9. Bio Ranch Zempow (Wittstock, Brandenburg) 10. Ökohof Kuhhorst (Fehrbellin, Brandenburg) Eine Übersicht über alle Bio-Siegel und ihre Bedeutungen gibt es unter: www.siegelcheck.nabu.de ZWIEBELROLLBRATEN VON DER WILDSAU Zutaten ca. 1 kg ausgelöste Rippen­bögen vom Wildschwein mit Bauchlappen Senf Wildgewürzmischung Zwiebeln 1 EL Knoblauchpulver Salz und Pfeffer 0,5 l Malzbier 3 EL Olivenöl Zubereitung 1. Den Ofen auf 120° Grad vorheizen. 2. Bei Wildschweinrippen genügt in der Regel eine Seite, bei Rehwild 2–3 ausgelöste Dünnungen, also die von den Rippen befreiten Bauchlappen. 3. Das ausgelöste Fleisch waschen, trocken tupfen, auf einer Seite mit Senf bestreichen, mit Wildgewürz (gibt es als Gewürzmischung im Supermarkt), Salz und Pfeffer bestreuen und den Bauchlappen zu einer großen Roulade aufrollen. 4. Diese Roulade in ein Bratennetz stecken und mit Küchengarn abbinden. 5. In einem Bräter oder einem Gusstopf die Roulade von allen Seiten anbraten und danach herausnehmen. 6. Die Zwiebeln schälen, grob zerteilen, in den Bräter geben, mit Malzbier angießen und dann den Rollbraten auf die Zwiebeln legen. 7. Die Bratrohrpfanne mit Deckel für 3 Stunden bei 150° Grad Umluft in den Ofen geben. 8. Danach das Fleisch in Alufolie wickeln und im ausgeschalteten Ofen warmhalten. 9. Den Bratensaft durch ein Küchensieb passieren und mit Speisestärke andicken. 10. In Scheiben schneiden und zusammen mit Kloß, Rotkohl und Soße servieren. Dieses Rezept stammt von Werner Steckmann. Der Jäger und Koch empfiehlt lokal produziertes Wildbret. Seine Rezepte veröffentlicht Steckmann unter anderem hier: www.wernerkochtwild.de 33 PREISRÄTSEL IMPRESSUM HERAUSGEBER „Hallo Nachbar“ ist das Magazin­der GESOBAU AG Stiftsweg 1, 13187 Berlin www.gesobau.de Tel.: 030 4073 1567, Fax: 030 4073 1494 E-Mail: hallo.nachbar@gesobau.de www.hallonachbar.berlin PROJEKTLEITUNG Isabel Canet (V. i. S. d. P.), Birte Jessen ­(Leiterin Unternehmenskommuni­kation), Mitarbeit: Jasmin Hollatz, Sophie Koch VERLAG TEMPUS CORPORATE GmbH – ­ Ein Unternehmen des ZEIT Verlags, Büro Berlin: Alt-Moabit 94, 10559 Berlin www.tempuscorporate.zeitverlag.de GESCHÄFTSFÜHRUNG Jan Hawerkamp, Kai Wutte GEWINNEN SIE EINE ­SOFADECKE FÜR WARME STUNDEN Bereit für gemütliche Winterabende? Wir verlosen eine flauschige Wolldecke aus reiner Schurwolle von hessnatur, einem Anbieter für ­nachhaltige Mode. Beantworten Sie ­einfach folgende Frage: Wie viele Zuckerstangen finden Sie auf diesem Bild? a) 14 b) 16 c) 20 Schicken Sie die richtige Antwort bis zum 22. Januar 2021 mit dem Betreff „Wimmelbild“ an: hallo.nachbar@gesobau.de Oder als Postkarte an: GESOBAU AG „Hallo Nachbar“-Redaktion Stiftsweg 1 13187 Berlin 34 PROJEKT- UND REDAKTIONSLEITUNG Kathleen Ziemann-Beck ART DIREKTION Christopher Delaney BILDREDAKTION Kathrin Tschirner BILDNACHWEISE Titel: Kathrin Tschirner; S. 2: Verena ­Brüning (2), Collage: moremar-Adobe Stock/ OpenClipart-Vectors; S. 3: Verena Brüning (2), Markus Altmann; S. 4-6, 10-17, 22-23, 25-31: Verena Brüning; S. 7: privat; S. 8: StefaNikolic/iStock; S. 9: GESOBAU AG/ Lia Darjes, privat; S. 18-19: bünck + fehse visualisierung; S. 20: Collage: moremarAdobe Stock/OpenClipart-Vectors; S. 24: plainpicture/Lukasz Chrobok; S. 32: Galileo30/shutterstock; S. 33: Werner Steckmann; S. 34: hessnatur.com; S. 34-35: Collage: Good Studio/Adobe Stock(2) LEKTORAT Dr. Katrin Weiden DRUCK Möller Druck & Verlag GmbH, Ahrensfelde AUFLAGE 45 000 35 Natürliche Energie für Ihre Zukunft Mit unserem Natur12 Strom entscheiden Sie sich für 100 % regenerative Energie – und das zum fairen Preis. Schließen Sie gleich ab unter www.vattenfall.de/berlin-natur oder telefonisch unter 030 657 988 000 (Mo bis Fr 8 – 18 Uhr).
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