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Full text: Hallo Nachbar (Rights reserved) Ausgabe 27.2020,1 (Rights reserved)

KLAUS ERFORTH GRÜNDET EIN ORCHESTER EIN BESUCH IN DER WEDDINGER BUTTMANNSTRASSE 16 GESUNDBRUNNEN Unterwegs mit Stadtteilkoordinatorin Maike Janssen MÄRKISCHES VIERTEL Hier kennen alle Hausmeisterin Anja Reimann AUSGABE 01/2020 INHALT EDITORIAL 10 HIER SPIELT DIE MUSIK Liebe Leserinnen und Leser, Im Wedding gründet der Regisseur Klaus E ­ rforth zusammen mit dem KALIBANI e. V. ein Orchester. Die Kinder und Jugendlichen aus dem Kiez ­proben bereits – wir waren dabei 20 IMMER ZUR STELLE Anja Reimann ist Hausmeisterin im Märkischen Viertel. Dort kennen sie fast alle 24 DIE BRÜCKENBAUERIN Kiezspaziergang mit der Stadtteil­koordinatorin ­Maike Janssen durch Gesundbrunnen 04 BERLINER ZIMMER 28 NEUE HEIMAT Als es gesundheitlich immer schwieriger wurde, zogen Eberhard und Gisela Wille ins Elisabeth Diakoniewerk in Niederschönhausen 16 KIEZGESCHICHTEN Matthias Konzack singt und musiziert im Singkreis „trallaaaala“ in Weißensee. Die 13-jährige Rokaya aus dem Wedding erzählt von ihrer Patenschaft mit Maria Shtal 2 06 IN KÜRZE 15 DIE GESOBAU-STIFTUNG 18 WEG DAMIT – ABER IN WELCHE TONNE? wer Häuser baut und Wohnungen vermietet, der verwaltet nicht nur Gebäude. Die GESOBAU gibt mehr als 100 000 Menschen ein Zuhause. Berlin lebt von der Vielfalt seiner Bezirke und seiner Einwohner*innen. Kein Kiez ist wie der andere. Darum ist es uns wichtig, diejenigen zu stärken, die Nachbarschaft aktiv gestalten. Die alten Damen das Whatsappen beibringen, Kindern beim Lesen helfen oder Geflüchteten den Weg in unsere Gesellschaft erleichtern. Mit der GESOBAU-Stiftung unterstützen wir jedes Jahr Mieter*innen ganz individuell, aber auch zahlreiche Projekte und Vereine. Wie die „Initiative Buttmann 16“ aus der Titelgeschichte. Der Mietendeckel ist für uns in den kommenden Monaten ein wichtiges Thema, über das wir Sie selbstverständlich auf dem Laufenden halten. Mehr dazu lesen Sie auf unserer Nachrichtenseite. In dieser Ausgabe gehen wir außerdem mit Stadtteilkoordinatorin Maike Janssen durch Gesundbrunnen spazieren – und erfahren so endlich, woher das Viertel seinen Namen hat. Und weil zu einem guten Miteinander in unseren Beständen auch gehört, in jedem Haus nach dem Rechten zu sehen, zeigt uns Hausmeisterin Anja Reimann aus dem Märkischen Viertel, wie ein ganz normaler Tag für sie aussieht. Viel Spaß beim Lesen! Ihr GESOBAU-Vorstand 32 REGIONAL, SAISONAL, LECKER 34 PREISRÄTSEL 35 IMPRESSUM Jörg Franzen und Christian Wilkens 3 BERLINER ZIMMER ROSIKA UND HORST RIEBE Seit 40 Jahren wohnen Rosika und Horst Riebe nun schon in ihrer Wohnung in Pankow. Sie sind damals eingezogen, ohne die drei Zimmer vorher zu besichtigen. Horst war Leiter des Wehrkreiskommandos in Pankow geworden, und der Umzug aus Oranienburg musste schnell gehen. „Meine Frau hat den Laden hier immer geschmissen“, erzählt Horst. Das ist auch jetzt noch so. Er selbst hat nämlich wenig Zeit. Fünfmal pro Woche fährt der 86-Jährige ins Schloss Charlottenburg und arbeitet dort an der Garderobe. Die Küche ist der zentrale Ort: Morgens beim Frühstück besprechen sie alles Wichtige. Dazu zündet Rosika täglich eine Kerze an. Abends sitzen die Riebes hier gern bei einem Gläschen Wein zusammen. Kennengelernt haben sich die beiden beim Arzt: Horst hatte Rückenschmerzen, und Krankenschwester Rosika war für die Spritzen zuständig. Ob alt oder jung, allein­ stehend oder Großfamilie – bewerben Sie sich für das „Berliner Zimmer“ und schreiben uns eine E-Mail an: hallo.nachbar@gesobau.de Bei unserem Besuch bringen wir Ihnen ein kleines Dankeschön mit. 5 IN KÜRZE IN KÜRZE WOHNEN FÜR SENIOR*INNEN VERMIETUNGSSTART IN HELLERSDORF I m März startet die Vermietung von 334 Wohnungen in der Lion-­ Feuchtwanger-Straße und der Gadebuscher Straße im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. In der Nähe der Wuhle und der Kaulsdorfer Teiche soll vor allem das generationenüber­ greifende Wohnen gefördert werden. Etwa die Hälfte der Woh­nungen sind seniorengerecht und barrierefrei. Wer eine dieser Wohnungen mietet, kann zudem ein Servicepaket mit zahlreichen Dienstleistungen rund ums Wohnen dazubuchen. In einem der vier Gebäude gibt es im Erdgeschoss außerdem sechs Gewerbe­flächen sowie zwei große Gemeinschaftsräume. Für Interessierte stehen zwei möblierte Muster­ wohnungen bereit, die einen Eindruck geben, wie es sich hier wohnen lässt. Mehr zu dem Projekt finden Sie im Netz: www.gesobau.de/neubau/ neubauprojekte/lion-feuchtwanger-strasse.html Ein bisschen weiter nördlich, unweit der U-Bahn-Station Hellersdorf, sind die Wohnungen in der Tanger­ münder Straße schon teilweise bezogen. Die 150 für Senior*innen geeigneten ­Wohnungen werden k ­ ünftig von SOPHIA Berlin, einem Kooperationspartner der GESOBAU, betreut. Zu den Angeboten gehören persön­ NEUES GESETZ MIETENDECKEL BESCHLOSSEN D as Gesetz zur Mietenbegrenzung im Wohnungswesen in Berlin, der sogenannte Mietendeckel, wurde am 30. Januar 2020 vom Berliner Abgeordnetenhaus beschlossen und ist seit dem 23. Februar in Kraft. Was bedeutet das für Sie als Mieterin oder Mieter? Sie müssen erst einmal nichts tun. Wir kommen innerhalb der nächsten zwei Monate mit allen gesetzlich vorgeschriebenen Informationen und Angaben auf Sie zu. Aktuelle Informationen zum Mietendeckel finden Sie auf der Internet­seite des Berliner Senats: www.mietendeckel.berlin.de KLIMASCHUTZ Die Wohnungen in der Tangermünder Straße sind modern ausgestattet. Davon kann man sich in der Muster­wohnung überzeugen liche Ansprechpartner*innen vor Ort, Pförtner*innen, die bei der Post­annahme oder der Lieferung von Medika­menten helfen, Beratungen in allen sozialen Fragen oder die Vermittlung von Fahrund Einkaufsdiensten. Ein Café lädt zum geselligen Beisammensein ein. Wer größere Feierlich­keiten plant, kann den Veran­staltungs­raum nutzen, und für Arbeits­ge­meinschaften und Kurse stehen Hobbyräume zur GESOBAU IST TEIL DER ­INITIATIVE WOHNEN.2050 Das Märkische Viertel ist das größte zusammenhängende Wohngebiet Deutschlands, das vollständig klimaneutral beheizt wird Verfügung. Überdies gibt es zahlreiche Angebote in den Bereichen Kultur, ­Bildung und Sport. Bis Ende April findet ein regelmäßiger Besichtigungstermin jeweils mittwochs von 9.00 bis 10.00 Uhr statt. Mehr dazu unter: www.gesobau.de/neubau/neubau­ projekte/tangermuender-strasse. html GESOBAU-UNTERNEHMENSZIEL 2020 CO2 SPAREN UND MIT ANPACKEN I m Rahmen ihres diesjährigen Unternehmenszieles motiviert die GESOBAU ihre Mitarbeiter*innen zu mehr Nachhaltigkeit. Wer sein Auto stehen lässt und aufs Rad steigt oder mit den Öffentlichen ins Büro kommt, wer nicht jede E-Mail ausdruckt und 6 nicht bei offenem Fenster heizt, kann dies dokumentieren. Ziel ist, bis zum Jahresende rund 15 000 Kilogramm CO2 einzusparen. zu kurz kommen: Alle geleisteten ­Sozialstunden werden weiterhin in finan­zielle Zuwendungen an die GESOBAU-Stiftung um­gewandelt. Aber auch das soziale Engagement der GESOBAU-­Angestellten soll 2020 nicht Mehr zur Stiftung erfahren Sie auf Seite 15. E nde Januar gründeten 24 Unternehmen aus der bundesweiten Wohnungswirtschaft die ­„Initiative Wohnen.2050“, darunter auch die GESOBAU. Ihr Ziel: Bis zum Jahr 2050 sollen alle Gebäude dieser Unternehmen klimaneutral sein. Unter dem Leitsatz „Wir wollen nicht nur über den Klimawandel reden. Wir wollen handeln.“ vereinbarten die Gründungsmitglieder eine enge Zusammenarbeit in Sachen Klimaschutz. Lösungen für ressourcen­sparendes Handeln werden gemeinsam erarbeitet und ausgetauscht. „Ein klimaneutraler Gebäudebestand ist möglich“, sagt Jörg Franzen, Vorstandsvorsitzender der GESOBAU. „Mit der energetischen ­Modernisierung und der CO2-neu­tralen Wärmeversorgung des ­Märkischen Viertels hat die GESOBAU das bereits bewiesen.“ Mehr zur Initiative: www.iw2050.de 7 IN KÜRZE IN KÜRZE SICHERHEIT FAST ALLE RAUCHWARNMELDER INSTALLIERT sowie den Fluren angebracht. Ihre Batterien haben eine Lebensdauer von zehn Jahren. Die regelmäßigen Überprüfungen der Funktionsfähigkeit erfolgen über Funk, sodass Sie davon also nicht gestört werden. Je nach eingebautem Modell (Einbau vor 2020) ist eine Sichtwartung vor Ort circa alle drei Jahre notwendig. Die Anbringung der Rauchwarnmelder dauert nur einige Minuten G ute Nachrichten für Ihre Sicherheit: Die meisten Wohnungen der GESOBAU verfügen mittlerweile über Rauchwarnmelder. Bis Ende 2020 soll die Installation in allen Wohnungen abgeschlossen sein. Die Geräte werden in den Aufenthalts- und Schlafräumen NOMINIERUNG GESOBAU DARF AUF WICHTIGEN PREIS DER BUNDESREGIERUNG HOFFEN D ie GESOBAU ist in der Endrunde für einen wichtigen Preis. Mit dem Corporate-Social-­ResponsibilityPreis, kurz CSR-Preis, zeichnet die Bundes­regierung Unternehmen aus, die sich für eine sozial, öko­nomisch und ökologisch nach­haltige Arbeitsweise engagieren. Die Jury unter Vorsitz von Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, hat die ­GESOBAU als eines von fünf Unternehmen mit 250 bis 999 Beschäftigten in die Endrunde gewählt. Beworben hatten sich insgesamt 168 Unternehmen aus ganz Deutschland. Die Verleihung des Preises findet am 9. Juni 2020 in Berlin statt. BÜCHERTAUSCH IN DER TELEFONZELLE Z Der Rauchwarnmelder funktioniert einwandfrei, wenn tagsüber ein grünes LED-Lämpchen leuchtet. Nachts erlischt dieses Licht. Bei Rauchentwicklung ertönt ein lauter Alarm, und die LED-Lampe blinkt rot. um Telefonieren werden sie zwar schon lange nicht mehr gebraucht, sie werden aber noch für andere Zwecke verwendet: Vielerorts sind Telefonzellen als Minibücherecke mitten im Kiez eingerichtet. Leseratten jeden Alters können hier kostenlos B ­ ücher ausleihen – und Ausgelesenes zurückbringen, damit sich der oder die Nächste über die Lektüre freut. Damit das klappt, brauchen wir Sie! Sollte der Rauchwarnmelder alle fünf Sekunden rot blinken und einen lauten Ton abgeben, ist das Gerät defekt. Die GESOBAU erhält eine automatische Fehlermeldung. Zur Sicherheit setzen Sie sich in diesem Falle bitte mit dem oder der zuständigen Kundenbetreuer*in bei der GESOBAU oder der berlinwohnen Messdienste GmbH (030 3020 4253) in Verbindung. Wer hat Lust, eine solche Büchertelefonzelle einzurichten und zu betreuen? Und dafür zu sorgen, dass genügend Bücher zum Tauschen da sind? Bei Interesse melden Sie sich per E-Mail bei der ­GESOBAU. Wir kümmern uns dann um die Aufstellung der Zelle und natürlich auch um die Erstausstattung mit Büchern. Schreiben Sie eine E-Mail an engagiert@gesobau.de Büchertelefonzellen stehen Leseratten jeden Alters offen WOHNGELD HÖHERE ZUSCHÜSSE FÜR MEHR HAUSHALTE U m Wohnen für alle bezahlbar zu machen, reicht es manchmal nicht, faire und niedrige Mieten anzubieten. Für Menschen mit sehr geringem Einkommen gibt es daher das Wohngeld. Die Bundesregierung hat die Bedingungen für d ­ iesen staatlichen Zuschuss nun überarbeitet. Das ist eine gute Nachricht, denn seit dem 1. Januar 2020 gibt es mehr Geld. Und mehr Menschen können das Wohngeld beantragen. Das Wohngeld ist abhängig von der A ­ nzahl der Mitglieder in einem Haushalt, von der monatlichen (Bruttokalt-)Miete beziehungsweise der Belastung (bei Eigentümer*innen) und vom Haushaltseinkommen. Das B ­ undesinnenministerium stellt auf seiner Website einen Wohngeldrechner bereit. Mehr zum Preis: www.csr-preis-bund.de Unter www.bit.ly/2vhx93A können Interessierte ­herausfinden, ob sie wohngeldberechtigt sind und wie hoch der Zuschuss ausfällt. Diejenigen, die b ­ ereits Wohngeldleistungen bekommen, erhalten seit Anfang des Jahres durchschnittlich 30 Prozent mehr Geld. 8 PAT*INNEN GESUCHT MÄRKISCHES VIERTEL EINLADUNG ZUM VIERTEL FEST 2020 Keine Angst vor der großen Bühne: Das VIERTEL FEST lädt zum Mitmachen ein A uch in diesem Jahr lädt die GESOBAU wieder zum Nachbarschaftsfest im Märkischen Viertel. Das VIERTEL FEST findet am Samstag, dem 6. Juni, auf der Festwiese am Seggeluchbecken statt. Von 14.00 bis 20.00 Uhr erwartet die Gäste ein viel­ fältiges Programm aus Mitmach­ angeboten, Musik und Unterhaltung für Jung und Alt, Informationen von Initiativen aus dem Viertel sowie besondere Highlights. Diesmal steht das VIERTEL FEST unter dem Motto „MV à la carte – Essen verbindet“: An zahlreichen Ständen werden Köstlichkeiten aus vielen verschiedenen Ländern angeboten. Das Fest findet in diesem Jahr bereits zum fünften Mal statt. Weitere Informationen finden Sie hier: www.mein-maerkisches-viertel.de 9 WEDDING GEMEINSAM MUSIZIEREN Sie üben das Zusammen­spiel am Klavier: der 7-jährige Atrejo und der 12-jährige Adrian In der Weddinger Buttmannstraße ­stellen Klaus Erforth und seine Mitstreiter ein Kinder- und Jugend­ orchester auf die Beine. Mitspielen ­dürfen alle. Einzige ­Voraussetzung: Wer ­dabei sein will, muss auch dabeibleiben wollen HIER SPIELT DIE MUSIK von Katharina Meuffer W ir treffen Klaus Erforth in der Weddinger Buttmannstraße, im Nachbarschaftsladen „Initiative Buttmann 16“. Er trägt eine Zimmermannshose, darüber einen Kapuzenpulli und auf dem Kopf eine bunte Strickmütze. Er ist 83 Jahre alt und gehörte in der DDR zu den erfolgreichsten Theaterregisseuren. Bis zur Wende arbeitete er am Deutschen Theater und an anderen Bühnenhäusern. Für seine Arbeit bekam Erforth zahlreiche Preise. Im Nachbarschaftsladen engagiert sich Erforth für die Belange der Kiezbewohner*innen. Die Menschen, die hierherkommen, haben ihre Wurzeln in Syrien, Bulgarien, Polen, Deutschland, dem Irak oder der Türkei. Manche sind aus Kriegsgebieten geflohen, andere stammen aus Sinti- und Roma­ familien. Zusammen mit seinen Mitstreitern Hanjo Breddermann und Johannes Vent baut Klaus Erforth gerade ein Kinder- und Jugendorchester auf. Heute sind der 7-jährige Atrejo und der 12-jährige Adrian zur Probe in der Buttmannstraße. „Der Trommler gibt einen Takt vor, nach dem sich die Kinder bewegen sollen“, erzählt Erforth. Sie dürfen dazu hüpfen, hoppeln oder schlendern, ganz egal. Die Kinder treffen hier auf Menschen, die ihnen zeigen, wie man den Rhythmus hält und Klavier, Schlagzeug, Klarinette oder eines der anderen Instrumente spielt. Noch wirkt das Ganze ein bisschen ungeordnet und improvisiert. Doch schon im Frühjahr soll der Musikunterricht verbessert werden. Dann lernen die Kinder nicht nur in der Gruppe, sondern erhalten von ehrenamtlichen Lehrer*innen Einzelunterricht. „So können wir die Schüler*innen natürlich noch viel gezielter fördern“, erzählt Johannes Vent. Er ist Lehramtsstudent und einer der künstlerischen Leiter des geplanten Orchesters, dessen Name schon feststeht: „Freies Kiezorchester KALIBANI“. Woher der kommt? Caliban ist eine wilde Figur aus Shakespeares Stück „Der Sturm“, die sich an keine Regeln hält. Hier im Wedding kümmert sich Klaus Erforth um junge Menschen. Nicht ohne Grund. Als wir zusammensitzen, zeigt er uns ein Schwarz-Weiß-Foto. Darauf sind mehrere Menschen in einem Luftschutzbunker zu sehen, darunter auch ein kleiner Junge – das ist Klaus Erforth. Er erinnert sich noch an den Krieg vor 75 Jahren, als er mit seiner Familie vor den Bomben Schutz suchen musste. Diese Zeit ist lange her, für ihn aber noch immer eine wichtige Mahnung – gerade auch für die jungen Menschen von heute. Er weiß, wohin Rassismus und Intoleranz führen können. Nachher will er den anderen noch eine CD mit Schlagern jüdischer Künstler*innen aus der Zeit vor dem Krieg vorspielen. „Das hier ist mein Leben, unser Leben“, sagt er über seine Arbeit in der Buttmannstraße. Und genau das strahlt er mit seiner 11 WEDDING GEMEINSAM MUSIZIEREN Probe in der Buttmannstraße: Es darf gehüpft, gehoppelt oder geschlendert werden. Hier ist Taktgefühl und Rhythmus gefragt Auch Entspannungs­ phasen gehören dazu. Der Verein KALIBANI möchte einen Ort schaffen, an dem alle so sein können, wie sie sind Hereinspaziert: Der Nachbarschaftsladen „Initiative Buttmann 16“ stärkt den Zusammenhalt im Kiez. Er kooperiert mit dem Verein GANGWAY ganzen Persönlichkeit auch aus. „Für Klaus ist Kunst ein Mittel, die Welt zu verbessern, nicht um sich zu profilieren“, sagt Helene Böhm, Leiterin der Abteilung „Soziale Quartiersentwicklung“ bei der GESOBAU. Das Wohnungsunternehmen unterstützt den KALIBANI e. V. seit 2011, in diesem Jahr nun auch das Orchesterprojekt. 12 Erfolges. „Wenn ich mit Schauspieler*innen oder Musiker*innen arbeite, geschieht das immer auf Augenhöhe – egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht“, sagt Erforth. „In meiner Arbeit geht es immer um Selbstbewusstsein und Selbstentfaltung.“ Für Erforth ist der Verein eine weitere Etappe in seiner langjährigen Arbeit mit Menschen, die es in der Gesellschaft nicht immer leicht haben. Dass er sich für sie engagiert, hat auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. 1976 haben er und seine damalige Lebensgefährtin Gisela Höhne einen Sohn mit Downsyndrom bekommen. Seither engagieren sie sich für die künstlerische Arbeit von Menschen mit und ohne geistige Behinderung. 1990 gründeten die beiden das Theater RambaZamba in der Kulturbrauerei, die heute wichtigste Bühne dieser Art in Deutschland (www.rambazamba-theater.de). Erforth gehört zu den treibenden Kräften in dem Weddinger Kiez. Ständig organisiert er irgendetwas Neues. 2017 zum Beispiel stellte er ein Straßenfest auf die Beine, bei dem allerdings nicht nur gefeiert wurde. Zusammen mit Kindern und Jugendlichen machte er damals in der Buttmannstraße bei einem Straßenumzug auf die Flüchtlingskrise im Mittelmeer aufmerksam. Enttäuscht darüber, dass sich kaum jemand aus der Nachbarschaft an der Aktion beteiligte, suchte Erforth den Kontakt mit Bekannten des syrischen Kultur- und Sportclubs Salam am Ende der Straße. Heute gestalten sie zusammen interkulturelle Programme und machen gemeinsam Musik. In seiner langen Erfahrung – als Vater und als Theaterregisseur – liegt auch das Geheimnis seines Die Angebote sprechen sich herum und sind im ganzen Kiez beliebt. Die Jugend- und Familien­ Der 83-jährige Klaus Erforth war früher Theaterregisseur. Heute leitet er das Orchester – und greift dabei auch mal selbst zur Trommel stiftung des Landes Berlin fördert den KALIBANI e. V. mittlerweile genauso wie der Jugend-Demokratiefonds Berlin. Dem Verein und seinen Förderern liegt am Herzen, dass die Arbeit nicht einfach nur unverbindliche Angebote enthält. So kann man eine Theatergruppe oder ein Orchester nur dann aufbauen, wenn die Jugendlichen auch „am Ball“ bleiben – also nicht nach ein, zwei Besuchen wieder verschwinden. Dauerhaftes Mitmachen ist gefragt. Deshalb soll es bald eine Art Vertrag mit den ­Kindern und ihren Eltern geben, in dem die Kinder erklären, dass sie Teil des Projektes sein wollen. Der Kiez rund um die Buttmannstraße ist ein ruppiges Pflaster. Helene Böhm von der GESOBAU sagt, die Gegend stehe sinnbildlich für die Frage nach dem Gemeinwesen, dem funktionierenden Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, Religion oder Kultur. An diesem Dienstag sieht eine – kleine – Antwort darauf so aus: Am Klavier sitzen zwei Jungen. Der eine soll mit einer Hand eine Melodie spielen, der andere mit seiner 13 Hanjo Breddermann ist Musiker und Schauspieler (links). Beim Orchester bereitet­er Proben vor, besorgt ­Musik­instrumente und kümmert sich um die Finanzen Aufeinander achten, miteinander lernen – das ist wichtig beim „Freien Kiezorchester KALIBANI“ Melodie darauf „antworten“. Und tatsächlich, es funktioniert. Der 12-jährige Adrian ist offensichtlich inspiriert von der Filmmelodie zu „Die fabelhafte Welt der Amélie“, der 7-jährige Atrejo antwortet mit zarten, dazu passenden Tönen. Lehramtsstudent Johannes Vent sitzt daneben und trommelt leise den Takt dazu. „Es ist so cool, dass ich hier Musik machen kann“, sagt Atrejo. „Es gibt wilde Kinder, denen wir eine Geige in die Hand geben“, sagt Schauspieler und Musiker Hanjo Breddermann, der die Produktionsleitung des Orchesters übernimmt. „Das Instrument hat eine unglaubliche Wirkung: Plötzlich zeigt sich da eine ganz andere Seite ihrer Persönlichkeit.“ „Unsere Arbeit hier hat ja auch ganz viel mit Bildung zu tun“, meint Klaus Erforth. Denn die Musik kommt natürlich nicht von selbst. Selbst Kleinigkeiten können völlig neue Erfahrungen bringen. Das Mundstück der Klarinette etwa muss vor dem Spielen eingesetzt und danach gereinigt und in den Koffer zurückgelegt werden. Solche einfachen Dinge fördern den behutsamen Umgang mit den 14 Instrumenten, aber auch mit anderen Sachen und vor allem miteinander. „Bildung bedeutet auch, aufeinander zu achten“, erzählt er weiter. „Beim gemeinsamen Musizieren müssen die Kinder lernen, sich gegenseitig zuzuhören.“ Für seinen Mitstreiter Hanjo Breddermann ist das „Freie Kiezorchester KALIBANI“ ein „Riesenexperiment“. Eines, das viel Geduld erfordert, vor allem aber auch eines, das „viel Freude macht, wenn sich die Kinder so richtig reinhängen“. Eines ist jedenfalls schon jetzt gewiss: Das „Freie Kiezorchester KALIBANI“ ist ein ziemlich ungewöhnliches Orchester. Denn nicht alle der musizierenden Kinder können auch Noten lesen – trotzdem dürfen alle mitmachen. Und bei den meisten Stücken sollen die Musizierenden sowieso improvisieren. Und das funktioniert. Klaus Erforth und sein Team aus der Buttmannstraße haben alles im Griff. Wer das selbst erleben möchte: Ende Mai zieht das Orchester mit dem „Karneval der Kulturen“ durch die Stadt. GESOBAU-STIFTUNG WIR FÖRDERN IHRE PROJEKTE Das Kuratorium der GESOBAU-Stiftung besteht aus sieben ehrenamtlichen Mitgliedern, die für die Dauer von vier Jahren ernannt werden. Vorne (v. l.): Jörg Franzen (Vorsitzender), Zeinab Nasereddin und Benedikt Käsbach. Hinten (v. l.): Thomas Hacker, Dr. Frank Strelow und Wolfgang Winter (Schriftführer). Nicht auf dem Foto ist Norbert Hanke (stellvertretender Vorsitzender) E in Hühnerhof fürs Seniorenheim, Trikots für Cheerleaderinnen oder ein E-Piano für die Bibliothek: Die Gelder der GESOBAU-Stiftung kamen 2019 ganz unterschiedlichen Projekten zugute. „Zweck der Stiftung ist die Förderung der Altenund Jugendhilfe sowie die finanzielle Einzelfallhilfe für in Not geratene Mieter in den Bezirken Reinickendorf, Wedding, Weißensee und Pankow von Berlin“ – so steht es im Wortlaut in der Satzung. Das heißt: überall dort individuell helfen, wo Mieter*innen in finanzielle Notlage geraten, und Initiativen und Vereine in allen Bezirken fördern, in denen die GESOBAU Wohnungen vermietet. Das tut die Stiftung bereits seit 1997. Im Jahr 2019 bewilligte die Stiftung 42 Förderanträge. Dieses Jahr könnten es sogar noch mehr werden: Mehr als 90 000 Euro stehen der Stiftung 2020 zur Verfügung. Das Geld stammt überwiegend aus Spenden. So leitete die GESOBAU zum Beispiel 2018 und 2019 für jede von Mitarbeiter*innen geleistete Sozialstunde 25 Euro an die Stiftung weiter. Das Kuratorium ent­schied, dass die Stiftungsgelder für dieses Jahr in die Bekämpfung von verdeckter Armut fließen sollen. Es geht um die Stärkung von Projekten, in denen jenen geholfen wird, die mit dem, was sie zum Leben haben, kaum über die Runden kommen. Einen Antrag stellen Die GESOBAU-Stiftung fördert gemeinnützige Projekte und hilft in Not geratenen Mieter*innen. Wer dringend Hilfe braucht, kann einen formlosen Antrag auf Unterstützung stellen. Dazu gibt es auf der Seite www.gesobau.de/ unternehmen/soziales-engagement/gesobau-stiftung. html ein Dokument zum Ausfüllen. Anfragen unter stiftung@gesobau.de 15 KIEZGESCHICHTEN KIEZGESCHICHTEN Dolmetscherin Maria Shtal (rechts) ist seit vier Jahren Rokayas Patin Matthias Konzack hat seine Leidenschaft fürs Gitarrespielen im Singkreis wiederentdeckt WEDDING WEISSENSEE „ALLE LIEBEN MARIA“ Die 13-jährige Rokaya hat sich in Mathe von einer Fünf auf eine Drei verbessert. Darauf ist sie sehr stolz. Sie sagt: „Das hat ganz viel mit Maria zu tun. Sie kann mir die Aufgaben gut erklären, und wir üben viel.“ Maria Shtal ist Rokayas Patin und unterstützt sie seit mehr als vier Jahren beim Lernen. Damals war Rokaya in der vierten Klasse und hatte große Probleme. Aber sie wollte sich unbedingt verbessern. Ihre Mutter Inaam Boussy hörte vom Verein „WIR GESTALTEN“, dessen Leiterin Kerstin Falk eine Patenschaft für ihre Tochter vermittelte. Seitdem kommt Maria jeden Dienstagabend zu Rokaya nach Hause in den Wedding. Anfangs war es nur eine Stunde – 16 inzwischen sind es drei. Sie machen gemeinsam Hausaufgaben und lesen viel. Und zur Entspannung spielen sie im Anschluss Brettspiele oder funktionieren das geräumige Wohnzimmer auch mal zur Turnhalle um. Maria, die eigentlich als Dolmetscherin arbeitet, kam mit ihrer russlanddeutschen Familie vor zehn Jahren nach Deutschland. Die Patenschaft mit der Schülerin bedeutet ihr viel. „Es macht Spaß, Zeit mit Rokaya zu verbringen und ihr zu helfen“, sagt sie. „Auch ich kann von der Familie viel lernen, ­Arabisch zum Beispiel.“ Rokaya stammt aus dem Libanon. Vor Weihnachten waren die beiden zusammen im Theater. Es war das erste Mal für EINE ODE AN DIE FREUDE Rokaya und hat ihr sehr gefallen. Von vielen aus ihrer Klasse wird sie beneidet. „Einige haben gesagt, dass sie auch gern so eine Maria hätten“, sagt Rokaya und grinst. Ihre Mutter nickt: „Alle in unserer Familie lieben Maria.“ WIR GESTALTEN E.V. Der Verein kümmert sich um Bildungs- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche und vermittelt Kiezpatenschaften. Ziel ist es, das Zusammenleben unterschiedlichster Kulturen und ­Religionen im Wedding zu fördern. www.wirgestaltenev.de „Mit Songs aus den Achtzigern, Michael Jackson oder auch der aktuellen Popmusik kann ich nicht viel anfangen“, sagt Matthias Konzack. Viel lieber mag der 71-Jährige Gitarrenklänge und Gesang. Jeden Montag­ morgen trifft er sich mit 13 anderen Teilnehmer*innen zum Singkreis „trallaaaala“ im Frei-Zeit-Haus in Weißensee. Hier im Gartensaal singen sie Stücke wie „Pack die Badehose ein“, „Wenn bei Capri die rote Sonne ins Meer versinkt“ oder „Hevenu Shalom Alechem“. Rund 200 Schlager, Volksund Wanderlieder hat die von der 30-jährigen Sängerin Felice Dürrfeld geleitete Gruppe im Repertoire. Auch sie lerne noch viel von ihren Schü- ler*innen, die zwischen 63 und 84 Jahre alt sind. Bei „Ode an die Freude“ macht Konzack, der neben seiner Gitarre auch zwei dicke Ordner mitgebracht hat, auf eine weitere Strophe der Hymne aufmerksam. Schon als Kind lernte er die Saiten zu zupfen, doch mehr als 50 Jahre nahm er sich keine Zeit zum Spielen – bis er im Rentenalter seine Leidenschaft wiederentdeckte. Heute begleitet er die Gruppe. Privat spielt er die Songs seiner Jugend. YouTube hilft ihm, die Griffe der Beatles und der Rolling Stones zu lernen. „Jetzt klinge ich genauso – das macht mich zufrieden“, sagt der ehemalige Orchesterwart. Um Perfektion aber gehe es ihm nicht. In diesem Punkt sind sich alle einig. Noten oder Mehrstimmigkeit interessiere sie nicht, so die Hobbysänger*innen. Es geht um den Spaß. Und der hält den Kurs seit neun Jahren lebendig. SINGKREIS „TRALLAAAALA“ Frei-Zeit-Haus Weißensee Pistoriusstraße 23 13086 Berlin Immer montags 10.00 bis 12.00 Uhr Mehr Infos unter: www.frei-zeit-haus.de 17 WEG DAMIT – ABER IN WELCHE TONNE? DÜRFEN DIE DECKEL AUF ­KONSERVENGLÄSERN BLEIBEN? Wussten Sie, dass Pizzakartons nicht in die Papiertonne gehören, ­sondern in den Restmüll? Oder dass zerbrochene Trinkgläser nicht ins Altglas dürfen? Schauen Sie mal! WARUM KOMMEN PIZZAKARTONS IN DEN RESTMÜLL? Nein, sie müssen separat in der Gelben Tonne entsorgt werden. Das gilt für alle Verschlüsse von Gläsern und Flaschen. Alte Pizzakartons sind meist fettig und schmutzig. Derart verunreinigte Pappe kann nicht recycelt und sollte deshalb im Restmüll entsorgt werden. WIE WERDEN PAPPKARTONS ENTSORGT? WIE ENTSORGT MAN TASCHENTÜCHER? Ob groß oder klein – Kartons müssen platzsparend gefaltet werden, bevor sie in die Blaue Tonne kommen. Denn sonst nehmen sie Platz weg und behindern die Entleerung. Benutzte Papiertaschentücher sind aus hygienischen Gründen nicht recycelbar. Sie gehören in den Restmüll. WOHIN KOMMEN ALTE MEDIKAMENTE? Hustensaft oder Tabletten können Sie in jeder Apotheke oder auf dem BSR-Recyclinghof abgeben. Wichtig: Lassen Sie sie in ihrer Originalverpackung. Medikamente gehören niemals in die Toilette oder den Hausmüll. WAS TUN MIT LEEREN BATTERIEN? Boxen für Altbatterien finden Sie in ­Drogerien oder Supermärkten – und auf allen BSR-Recyclinghöfen. WIE ENTSORGT MAN LEUCHTMITTEL? Energiespar- oder LED-Lampen enthalten Schadstoffe und müssen bei der Sammelstelle auf dem BSR-Recyclinghof abgegeben werden. WOHIN MIT ALTEN CDS? CDs und DVDs sind zu wertvoll für die Mülltonne. Entsorgen Sie die Scheiben am besten auf dem BSR-Recyclinghof. WARUM KOMMEN KASSENBONS AUS PAPIER NICHT IN DIE BLAUE TONNE? zu zahl en 30,50 Das Thermopapier von Kassenbons enthält Chemikalien. Um zu vermeiden, dass diese Stoffe in Recyclingpapier gelangen, kommen Kassenbons in den Restmüll. GEHÖREN TRINKGLÄSER AUCH IN DIE GLASTONNE? Nein, sie bestehen aus besonderen Glassorten, die beim Einschmelzen des Altglases stören. KOMMT BLUMENERDE IN DEN BIOMÜLL? Nein, haushaltsübliche Mengen Blumen­ erde gehören in den Restmüll. Andere Gartenabfälle können dagegen problemlos in den Biomüll. ES GIBT KOMPOSTIERBARE TÜTEN AUS BIOPLASTIK. WOHIN DAMIT? Leider dauert es zu lange, bis sich s­ olche biologisch abbaubaren Tüten in der städtischen Kompostieranlage zersetzen. Deshalb gehören die leeren Beutel in den Restmüll. MÄRKISCHES VIERTEL HAUSMEISTERIN ANJA REIMANN Anja Reimann liebt ihren Job. Seit sechs Jahren ist sie Hausmeisterin bei der GESOBAU IMMER ZUR STELLE von Annette Walter Anja Reimann lebt seit sechs Jahren im Märkischen ­Viertel. Hier ist nicht nur ihr Zuhause, hier arbeitet sie auch – und zwar als Hausmeisterin. Wir haben sie begleitet E in ganz normaler Tag beginnt für Anja Reimann kurz vor sieben Uhr. Dann startet sie – nach einem kräftigen Kaffee – ihren ersten Gang rund um die 13 Häuser am Senftenberger Ring. Hier ist sie als Hausmeisterin zuständig. Leuchten alle Straßenlaternen und Lampen an den Häusern, liegt Schmutz herum, ist etwas beschädigt, funktionieren die Schranken vor den Parkplätzen? Auf all das achtet sie genau. tan vorbeikommen und findet bei Anja Reimann Gehör. Heute sitzt ihr Winfried Gerstel gegenüber. Der Rentner, gebürtig aus Berlin-Friedrichshain, wohnt seit 25 Jahren im Märkischen Viertel und fühlt sich dort sehr wohl. In einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im sechsten Stock fand er ein neues Zuhause, nachdem ihm und seiner Frau damals gekündigt worden war – wegen Eigenbedarf. „Die Luft ist hier sowieso viel besser als mitten in der Stadt“, erzählt er. Am Morgen ist es noch ruhig. Auch in den Häusern schaut sie nach dem Rechten: Einmal alle Treppen rauf und wieder runter, oftmals sind es sechs Stockwerke. Ab halb acht sitzt die 42-Jährige in ihrem Büro am Senftenberger Ring 42 n. Heute geht es ihm um die Lüftung in seiner Wohnung, die seit einiger Zeit komische Geräusche macht. „Das haben wir schnell im Griff, Herr Gerstel“, verspricht Reimann und macht sich Notizen. Sie beauftragt gleich einen Handwerker. Winfried Gerstel freut sich, dass sich rasch jemand kümmert. Reimann ist ein sportlicher Typ, ihre rotbraunen Haare sind kurz geschnitten, ihre Fingernägel sorgfältig manikürt. Sie trägt eine dunkle Hose und einen weinroten GESOBAU-Pullover. Es ist Sprechzeit: Von 7.30 bis 8.30 Uhr nimmt sie sich nun Zeit für die Sorgen und Anliegen ihrer Mieter*innen. Jede*r kann spon- Seine Wohnung ist eine von 400, für die Anja Reimann zuständig ist. Die meisten Menschen kennt sie persönlich, denn sie selbst wohnt ja auch hier. Mit ihrem Mann lebt sie in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. 21 MÄRKISCHES VIERTEL HAUSMEISTERIN ANJA REIMANN Auch das Sauberhalten der Hauseingänge zählt zu Anja Reimanns Aufgaben. Ihr gefällt die Abwechslung den Kontakt mit Menschen und komme täglich viel herum.“ Und auch ihren Kiez mag sie gern. Wenn sie nach Feierabend oder am Wochenende nicht häkelt, zeichnet oder fotografiert, fährt sie mit ihrem Mann, der als IT-Techniker arbeitet, am liebsten in die Natur. Gerne fahren sie nach Wandlitz oder wandern in der Schorfheide. Nach der Sprechstunde im Büro steht die übliche Kontrolle der Hauseingänge an. Mit Wischmopp und Putzmittel ausgestattet macht Anja Reimann sich auf den Weg. „Ein reiner Bürojob wäre nichts für mich“, erzählt sie. „Auf meinen Rundgängen begegne ich immer vielen Bekannten.“ Heute ist es Maria Florkow mit Tochter Laura und Oma Janina. Das Mädchen zeigt Anja Reimann ein Bild, das sie in der Kindertagesstätte Krümelkiste gemalt hat. „Ich könnte stundenlang hier herumlaufen und mit den Leuten quatschen“, lacht Reimann. Dass Reimann einmal Hausmeisterin sein würde, hatte sie selbst nicht erwartet. In Neubrandenburg geboren, absolvierte sie nach der Schule eine dreijährige Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Danach arbeitete sie mehrere Jahre in einem Hotel auf Usedom. Dort bekam sie nach einiger Zeit Rückenprobleme, mehrere Bandscheibenvorfälle machten ihr zu schaffen. Nach einer Reha und dem Umzug nach Berlin nahm sie an einer Umschulung teil und arbeitete anschließend für einen Sicherheitsdienst. Sie lotste Besuchergruppen durch den Reichstag und griff im Jobcenter Reinickendorf ein, wenn Besucher*innen dort aggressiv wurden. Vor sechs Jahren fand sie den Job als Hausmeisterin bei der GESOBAU im Märkischen Viertel und zog deshalb dorthin. Für sie ist es der ideale Job: „Ich möchte das am liebsten bis zu meiner Rente machen. Ich mag 22 Es ist kalt heute, der Himmel grau, ein typischer Februartag. Dennoch ist es Anja Reimann in ihrer dünnen Jacke nicht kalt. „Wenn man den ganzen Tag draußen ist, friert man nicht“, schmunzelt sie. Sie läuft an einer großen Baustelle vorbei. Das Viertel wächst, zahlreiche neue Häuser entstehen hier. Vor einem der Eingänge zeigt sie auf ein Graffito. „Wenn ich sowas sehe, ärgere ich mich, das lassen wir rasch entfernen.“ Die meisten Eingangsbereiche, für die sie zuständig ist, wurden vor einigen Jahren frisch renoviert. Ihr Telefon klingelt, ein Mieter hat ein Problem mit der Gegensprechanlage. „Ich kümmere mich drum“, verspricht Reimann – ein Satz, den sie häufig sagt und den sie auch in die Tat umsetzt. „Ich freue mich, wenn ich anderen Menschen helfen kann.“ Hand anlegen und die Dinge rasch und unkompliziert regeln, das ist ihr Ding. Was ihr wichtig ist: fair und solidarisch miteinander umgehen. Traurig findet sie, wenn Die Hausmeisterin kennt viele Menschen im Kiez. Ein kleiner Plausch zwischendurch gehört zu ihrem Tag Menschen nach einem langen Berufsleben nicht von ihrer Rente leben können und Flaschen sammeln müssen, um sich ein paar Euro dazuzuverdienen. Sie findet das ungerecht. DNis exerum faccus repudae porpore mpeditias dolores citae. Nis eat precusdae seratis et que esequam recturi andenis aut etusam as simus est voloreperore Natürlich klappt nicht immer alles. Dann löst Reimann die Probleme am liebsten im persönlichen Gespräch. „Spricht man Dinge direkt an, gibt es am wenigsten Ärger.“ Als sich in einem der Häuser mal eine Weile lang Altpapierkartons stapelten, redete Reimann mit den Mieter*innen und hängte ein Schild auf: „Kartons bitte zerlegen“. Seitdem funktioniert es. Mit manchen Mieter*innen ist Reimann mittlerweile sogar befreundet. Mit Karlheinz Röhl und seiner Frau Renate etwa. Zu ihnen kommt sie gern auf einen Kaffee vorbei, wenn es ihr Zeitplan erlaubt. Die beiden leben seit 52 Jahren im Märkischen Viertel und haben sich ihre Zweizimmerwohnung gemütlich eingerichtet. Sie schätzen die Vorteile ihres K ­ iezes: „Auch im Alter kann man hier prima einkaufen“, sagt Karlheinz Röhl. Anja Reimann hat ein offenes Ohr: Mit ihren Sorgen und Anliegen können die Mieter*innen in ihre Sprechstunde kommen. Heute ist Winfried Gerstel bei ihr Am Nachmittag ist Anja Reimann wieder in ihrem Büro, Schreibtischarbeit steht an. Alle Aufträge von Mieter*innen gibt sie weiter. Gegen 16 Uhr macht sie Feierabend. Nach Hause muss sie nur ein paar Meter laufen. Auch das mag sie an ihrem Job. 23 GESUNDBRUNNEN KIEZSPAZIERGANG Maike Janssen ist gut vernetzt in ihrem Kiez Gesundbrunnen. Hier trifft sie häufig Bekannte Maike Janssen ist Stadtteil­ koordinatorin in Gesundbrunnen. Sie vernetzt Bewohner*innen. Uns zeigt sie die schönsten Seiten des Kiezes E s ist ein bisschen wie auf dem Dorf, wenn Maike Janssen im Gesundbrunnen-Kiez unterwegs ist. Sie wird oft gegrüßt, bleibt stehen und plaudert ein wenig. Die Leute kennen sie hier seit Jahren. Und Janssen kennt ihren Kiez. Sie weiß, wo es guten Kaffee gibt oder eine Bank im Grünen und natürlich auch, wo welche sozialen Projekte zu finden sind – etwa das Lotsenprojekt „die brücke“. Hier unterstützen selbst Zugewanderte andere Zugewanderte bei Fragen rund um Arbeit, Familie oder Wohnen. DIE BRÜCKENBAUERIN von Regina Köhler Maike Janssen trifft Irene Müller, die in der Bibliothek am Luisenbad arbeitet (oben). Seit 1995 befindet sich diese in dem Gebäude in der Travemünder Straße (unten). Früher war hier eine Badeanstalt Maike Janssen ist Stadtteilkoordinatorin. Es ist ihre Aufgabe, den Kiez genau im Auge zu behalten, herauszufinden, welche Sorgen, Probleme, Wünsche und Bedürfnisse die Bewohner*innen haben. Sie sei eine Vermittlerin zwischen dem zuständigen Bezirksamt Mitte und den Menschen im Quartier, beschreibt die Soziologin ihren Job. „Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich Bewohner*innen auf vielfältige Art und Weise behilflich sein kann“, sagt sie. Gerade gehe es zum Beispiel darum, in der NachbarschaftsEtage in der Osloer Straße 12 eine Sprechstunde für ältere Menschen einzurichten. „Ich erlebe immer wieder, dass jemand von seinen Kindern oder Enkeln ein Smartphone geschenkt bekommt und gar nicht weiß, wie 25 GESUNDBRUNNEN KIEZSPAZIERGANG Köstliche Kreationen gibt es im „Rosa Parks Café“, das nach der amerikanischen Bürgerrechtlerin benannt ist (oben) Ruhige Atmosphäre entlang der Panke: 20 Kilometer des insgesamt 29 Kilometer langen Flusses fließen durch Berlin (unten) man Nachrichten verschickt.“ Solche Probleme lassen sich dann leicht aus der Welt schaffen. Es ist ein sonniger Januartag, an dem wir uns zu unserem Spaziergang treffen. Maike Janssen hatte vorgeschlagen, ein Stück an der Panke ­entlangzugehen. Sie mag die Ruhe hier, das Länd­ liche, den Gegensatz zum trubeligen Kiez. Hier könne man auch einiges über die Geschichte der Gegend erfahren, sagt sie und führt uns zu der Bibliothek, die heute im Luisenbad an der Trave­ münder Straße untergebracht ist. Hier gab es einst eine Heilquelle – deshalb heißt der Ortsteil „Gesundbrunnen“. Vor fast 150 Jahren gründete dort der Unternehmer Ernst Gustav Otto Oscholinski einen prächtigen Amüsierbetrieb mit Schwimmbad, The­ater und Restaurant. Einige Gebäude sind bis heute erhalten. Anfang der 1990er-Jahre wurden sie saniert, 1995 zog die Bibliothek ein. Maike Janssen gefällt, wie die Architekten beim Umbau die alten und modernen Gebäude geschickt miteinander kombiniert haben. An diesem Vormittag hat sie sich mit Bibliothekarin Irene Müller verabredet. Die führt uns durch das Haus. „Wir haben Bücher und andere Medien für die ganze Familie“, sagt Müller. „Rund 800 Besucher*innen kommen täglich hierher und nutzen unsere Angebote.“ Vom Lesesaal aus hat man einen schönen Blick auf eine große Wiese, auf der im Sommer Tische und Stühle für die Besucher*innen stehen. Entlang einer Ziegelmauer, die den Garten begrenzt, wachsen Efeu und Stauden. Kiezbewohnerin Maria Meyer pflegt diese Anlage. Das hat sie Maike Janssen zu verdanken, die die 71-Jährige vor fünf Jahren mit den Mitarbeiter*innen der Bibliothek bekannt gemacht hatte. Seitdem ist Maria Meyer dort ehrenamtlich tätig. Etwas weiter die Panke entlang, in der Soldiner Straße 32, essen wir im „Rosa Parks Café“ zu Mittag. 26 Die Stadtteilkoordinatorin Maike Janssen zeigt uns den Abenteuerspielplatz Panke Auf der Tageskarte stehen Zucchini-Feta-Puffer mit Zaziki und Blattsalat. Dazu trinken wir Tee von frischer Minze. Inhaberin Maxi Weichert erzählt, dass sie ihr Café im August 2017 eröffnete. Gleich um die Ecke, in der Wriezener Straße 19, hatte im Frühjahr 2017 der amerikanischer Künstler Ryan Mendoza das originale Holzhaus der 2005 verstorbenen schwarzen Bürgerrechtlerin Rosa Parks wieder aufgebaut. Die Amerikanerin hatte 1955 den Anfang vom Ende der Rassentrennung in den USA eingeläutet. Ihr Haus stand in Detroit und sollte abgerissen werden. Mendoza kaufte das Haus, baute es ausei­nander und transportierte die Einzelteile per Schiff nach Berlin. Seit 2018 befindet sich das Haus wieder in den USA. „Das Projekt brachte mich auf den Namen für mein Café“, erzählt Maxi Weichert. Sie hat viele Stammkund*innen. Der Name dieser mutigen Frau locke auch Tourist*innen, sagt sie. Alle lieben die fantasievollen Angebote auf der täglich wechselnden Speisekarte, aber auch die süßen Leckereien wie French Toast mit Blaubeer-Mascarponecreme. Nun will uns Maike Janssen noch bei den Mitarbeiter*innen des Quartiersmanagements Soldiner Straße vorbeischauen, mit denen sie seit Jahren zusammenarbeitet. Im Büro an der Koloniestraße begrüßen uns Sarah Manz und Nadin Schmolke. „Wir sind an den Wochentagen zwischen 10 und 16 Uhr für alle und alles ansprechbar“, sagt Manz. Gemeinsam mit den Anwohner*innen organisieren sie Berufsmessen für Schüler*innen oder Diskussionsabende zur Zukunft des Kiezes. „Wir haben auch Geld für nachbarschaftliche Projekte“, erzählt Manz. „Kiezbewohner*innen können bei uns finanzielle Unterstützung für ihre Ideen beantragen.“ Eine ältere Dame möchte zum Beispiel einen Nähkurs anbieten, ein Ehepaar in seinem Garten ein Sommerkino einrichten. Zum Schluss zeigt uns die Stadtteilkoordinatorin den Abenteuerspielplatz Panke nahe des S-Bahn­ hofes Wollankstraße. Hier können Kinder Holzhütten bauen, gärtnern und im Sommer sogar Honig schleudern. Es gibt auch einen kleinen Gemüse­ garten. Den haben die beiden Sozialarbeiter, die den Platz betreuen, mit den Kindern angelegt. Außer freudigen Kindern hört man fast nichts. Die Stadt scheint hier weit weg. „Manche denken, der Gesundbrunnen-Kiez sei ein graues Häusermeer“, sagt Maike Janssen. „Doch das stimmt überhaupt nicht.“ 27 NIEDERSCHÖNHAUSEN WOHNEN IM ALTER Gisela Wille lebt seit zweieinhalb Jahren im Elisabeth Diakoniewerk Das Elisabeth Diakonie­werk in der Pfarrer-­Lenzel-Straße hat Wohn- und Pflegeangebote für verschiedene Lebenssituationen NEUE HEIMAT von Jasmin Hollatz Gisela Wille ist 83 Jahre alt, den Großteil ihres Lebens verbrachte sie im Märkischen Viertel. Heute lebt sie im Elisabeth Diakoniewerk in Niederschönhausen. Sie erzählt, welche Umstellung das für sie und ihren Mann Eberhard war 28 E s ist ein regnerischer Vormittag, als wir in Niederschönhausen ankommen. Die Sekre­ tärin der Wohn- und Pflegeeinrichtung begleitet uns in die vierte Etage. Hier lebt Gisela Wille zusammen mit ihrem Mann Eberhard. Die 83-Jährige wartet bereits auf uns. Sie sitzt im Rollstuhl, hinter ihr bereiten einige Schwestern das Mittagessen für die Bewohner*innen vor. Gemeinsam setzen wir uns in eine ruhige Ecke am Ende des Flurs. Geboren wurde Gisela Wille 1936 in Pankow. Ihr Vater war Straßenbahner und ihre Mutter Hausfrau. Dort, wo sich heute die Wohnsiedlung des Märkischen Viertels befindet, war damals nur Ackerland. Hier baute ihr Vater der Familie ein kleines Haus. Ihre Kindheit hat sie in guter Erinnerung, sie sei mit den Freund*innen aus jener Zeit immer in Kontakt geblieben. „Wir haben häufig telefoniert“, sagt sie. Doch inzwischen falle ihr das Telefonieren schwer. Ihre Sehkraft und ihr Erinnerungsvermögen haben gerade im letzten Jahr nachgelassen. „Hierher zu kommen und hier zu leben ist immer ein großer Schritt, der ein Loslassen von dem Bekannten erfordert“, sagt Peter Molle, der Leiter des Elisabeth Diakoniewerks. „Aber zugleich ist der Umzug in ein neues Zuhause auch eine Erleichterung.“ Das Ziel ist es, den Bewohner*innen eine weitestgehende Selbstbestimmtheit zu ermöglichen. Gisela Wille bereut den Schritt zum Pflegewohnen nicht. Sie genießt es, weniger Verantwortung zu haben, sie sagt: „Ich blicke gern zurück. Aber ich merke auch, dass viel Last von mir gefallen ist.“ 29 NIEDERSCHÖNHAUSEN Nach der Schule machte Gisela Wille eine Ausbildung an der Handelsschule, brach diese aber ab, um eine Stelle als Schreibkraft in einer Holzfirma anzunehmen. Die bot Sicherheit – das war damals wichtiger als eine abgeschlossene Ausbildung. Mit 23 lernte sie ihren Mann Eberhard kennen. Sie verliebten sich und heirateten im Sommer 1960 kurz vor der Geburt ihrer Tochter Silvia. Vier Jahre später kam ihr Sohn Thomas zur Welt. Eberhard Wille arbeitete als Kranführer bei den Borsigwerken in Tegel und später im Vermessungsamt. Sie war mittlerweile als Sekretärin im Bezirksamt angestellt und kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt. Gisela Wille teilt sich ein Zimmer mit ihrem Mann Eberhard. Die beiden sind seit 60 Jahren zusammen Die Familie hatte nie viel Geld, aber sparte für ihren großen Traum: ein eigenes Haus. 1978 wurde er wahr. Gisela Wille erzählt, dass ihr Mann handwerklich begabt war und viel selbst baute. „Verreist sind wir wenig. Unser schönster Urlaubsort war der Garten.“ Ihre Worte verraten, wie besonders dieses Haus für sie war und mit welcher Wehmut sie zurückblickt. Ihr Mann wurde 1990 aus gesundheitlichen Gründen Frührentner. Fünf Jahre später, mit 59 Jahren, musste sie sich einer Hüftoperation unterziehen. Seitdem kann sie nicht mehr allein laufen. Vor sechs Jahren erlitt ihr Mann einen Schlaganfall und kam als Pflegefall aus dem Krankenhaus nach Hause. Sie versprach ihm damals: „Wir halten durch, bis es nicht mehr geht!“ Anfangs half die Tochter, schließlich unterstützte ein Pflegedienst die Willes. Das Mittagessen kochte die Rentnerin weiterhin selbst. Doch die Hüfte bereitete ihr immer wieder Probleme. Wenn sie im Krankenhaus operiert werden musste, war ihr Mann bereits für kürzere Aufenthalte im Elisabeth Diakoniewerk. „Wir wollten unser geliebtes Heim behalten – doch eines Tages wussten wir, dass es nicht mehr geht.“ Seit zweieinhalb Jahren leben die Willes nun dauerhaft hier – zusammen mit rund 120 Mitbewohner*innen. 30 Die Einrichtung liegt in ruhiger Umgebung und bietet verschiedene Pflegeformen an, darunter Tages- und Kurzzeitpflege – oder eben Pflegewohnen. Es gibt verschiedene Bereiche, sie heißen hier „Lebenswelten“. „In welcher dieser Lebenswelten jemand lebt, hängt von den Fähigkeiten, Vorlieben und Bedürf­ nissen jedes Einzelnen ab“, erklärt Peter Molle. Gisela Wille und ihr Mann leben in der „Sonnen­ allee“. Hier wohnen diejenen, die nicht mehr mobil sind oder unter Demenz leiden. „Es dauerte eine Weile, bis wir uns eingewöhnt hatten“, erzählt Gisela Wille. „Bei mir ging es schneller, aber meinem Mann fehlt immer noch unser Haus.“ Die Zimmer sind mit allem Nötigen ausgestattet, etwa mit einem großen Einbauschrank im Flur und zwei Einzelbetten, an denen kleine ausfahrbare Tische befestigt sind. Den großen Flachbildfernseher an der Wand haben sich die Willes selbst mitgebracht. Auf der Kommode und im Regal stehen kleine Figuren und andere persönliche Gegenstände. An der Wand hängen Bilder: ein Foto ihres Enkels, ein von ihr gemaltes Bild mit vielen kleinen bunten Blumen und ein anderes, das sie bei einer Ausstellung hier im Haus gekauft hat. Es zeigt eine Frau auf einer Vespa: „Früher bin ich auch mal Motorroller gefahren“, erzählt sie freudig. Als sie 2017 einzog, konnte sie noch mit ihrem Rollator laufen. „Da habe ich anderen Bewohnern gerne geholfen“, erinnert sie sich. Besonders gern sei sie zum Bingo gegangen, habe die Konzerte im Haus besucht und gemalt. Das Haus bietet den Bewohner*innen viele Aktivitäten an: Es gibt Spiele, die das Gedächtnis trainieren, Kegelgruppen, Singkreise, verschiedene Ausstellungen und vieles mehr. Regelmäßig kommt ein mobiler Verkaufsstand ins Haus, einmal in der Woche gibt es ein Frühstücksbuffet, zu dem alle Bewohner*innen eingeladen sind. Kerstin Schmidt, die Sekretärin der Einrichtung, sagt: „Manche alte Menschen blühen regelrecht auf, wenn sie hier sind. Sie waren vorher oft allein und genießen nun die Gesellschaft.“ Auf den Regalen stehen persönliche Gegenstände des Ehepaars, darunter ein altes Foto der beiden in ihrem Garten Inzwischen fällt Gisela Wille der Besuch beim Bingo schwer – selbst die großen Zahlen kann sie nicht mehr erkennen. Doch gelegentlich geht sie zu den Spielrunden; ihr Mann kann nicht mehr daran teilnehmen, freut sich aber, dass sie dabeibleibt. „Auch wenn ich vieles nicht mehr so kann, finde ich immer jemanden, der mir hilft – auch beim Spielen.“ Doch besonders gern ist die 83-Jährige draußen. Sie freut sich jetzt auf den Frühling, auf die Zeit unter dem schattigen Baum im Garten, wo sie mit ihrer Tochter sitzen und plaudern kann. 31 KOCHEN UND BACKEN REGIONAL, SAISONAL, LECKER von Aida Baghernejad Im Winter auf Tomaten zu verzichten, ist nicht nur g ­ esünder für den Menschen und besser für die U ­ mwelt, sondern schont auch den Geldbeutel. Worauf man beim Einkauf achten sollte, verrät Lea Ligat vom Marktteam der Kreuzberger Markthalle Neun E rdbeeren im Dezember? Zuckermais im Mai? Wer im Supermarkt einkauft, könnte meinen, es gebe keine Jahreszeiten. Doch wer im Winter schon einmal in eine Tomate gebissen hat, weiß: So richtig gut schmeckt das nicht. Nur wenn Obst und Gemüse Saison haben, bekommt man Ware, die nicht im Gewächshaus gezogen oder sogar unreif gepflückt und aus fernen Ländern importiert wurde. „Sich saisonal und regional zu ernähren, bedeutet oft, dass die Lieferwege kürzer sind“, meint Lea Ligat. „Damit unterstützt man die Händler*innen und Produzent*innen der Region, was natürlich viel fairer und umweltfreundlicher ist.“ Die junge Frau arbeitet für das Marktteam der Kreuzberger Markthalle Neun und gibt gerne Tipps für den Einkauf. So empfiehlt sie zum Beispiel, sich am Marktstand bei den Händler*innen oder Landwirt*innen zu informieren, was gerade in großer Menge auf den Feldern wächst oder was sie gerade besonders günstig anbieten. „Manchmal ist es besser, direkt bei der Produzentin oder beim Produzenten einzukaufen, da es dann ja keine Zwischenhändler gibt“, verrät sie. „Das ist dann 32 Frische Ware aus der Region: Wer zum Ende des Markttages kommt, kann oft gute Schnäppchen machen natürlich preiswerter.“ Und am Ende eines Markttages setzen einige Stände sogar die Preise herunter, um die Ware nicht wieder mitnehmen zu müssen. Wer saisonal und regional einkauft, bekommt also nicht nur frischere und schmackhaftere Lebensmit- tel, sondern kann auch Geld sparen: „Der Vorteil von saisonalem Obst und Gemüse ist, dass es die Lebensmittel meistens auch in größeren Mengen gibt“, berichtet die Marktexpertin. Im Hochsommer etwa wachsen Gemüsesorten wie Zucchini und Tomaten am besten – und Landwirt*innen müssen sie wegen der Hitze schnell verkaufen. Das wirkt sich auch auf die Preise aus, die dann ganz ­besonders niedrig sind. Das Gleiche gilt für leicht verderbliche Salate. Manchmal ist es aber auch genau andersherum. Wenn im April zum Beispiel der erste Freilandspinat geerntet wird, ist er aufgrund der hohen Nachfrage noch teurer. Da ist es oft günstiger, Weißkohl oder Wirsing zu kaufen – die lassen sich nämlich recht gut lagern. Es bietet sich außerdem an, das große und preiswerte Angebot während der Saison zu nutzen und den Überschuss selbst haltbar zu machen: Tomaten lassen sich einkochen und gut über das ganze Jahr aufbewahren, Rhabarber und anderes Obst kann man zu Marmeladen verarbeiten oder gleich einfrieren. Manches Gemüse wird dann sogar noch gesünder, erzählt Ligat: „Sauerkraut ist zum Beispiel eine sehr gute Vitaminquelle im Winter. Wenn Kohl fermentiert ist, erhöht sich sein ­Vitamin-C-­Gehalt enorm.“ Noch dazu ist es einfach und günstig, einzumachen oder einzuwecken. Und man kann sich daraus gleich einen Spaß mit der ganzen Familie machen. Was man selbst gemacht hat, schmeckt sowieso immer am besten! WER KLÜGER PLANT, KAUFT BESSER EIN Ein Saisonkalender hilft bei der Einkaufsplanung ungemein. Das Reportagemagazin GEO bietet für jeden Monat des Jahres eine bebilderte Übersicht an – einfach auf dem Smartphone speichern oder ausdrucken und in der Küche aufhängen! www.bit.ly/2wYnrUN RHABARBERKUCHEN MIT HASELNÜSSEN Zutaten 250 g weiche Butter 250 g (feinkörniger) Zucker 4 Eier (Gr. M), raumtemperiert 300 g Mehl 1 Päckchen Backpulver 125 g gemahlene Haselnüsse (oder Mandeln) 125 ml Milch 6 Stangen Rhabarber Für die Garnitur Mandelblättchen und ­Puderzucker oder Sahne Zubereitung 1. Backofen auf 180 Grad Ober- und Unterhitze vorheizen. Rechteckige Backform (ca. 23 x 30 cm) mit Backpapier auslegen oder fetten und mit Mehl auskleiden. Überschüssiges Mehl ausklopfen. 2. Butter und Zucker in einer Rührschüssel mehrere Minuten lang cremig mixen. 3. Die Eier nach und nach zum Teig hinzufügen. Dabei immer erst das nächste Ei dazugeben, wenn das vorherige gut eingemischt wurde. 4. Mehl, Backpulver und Haselnüsse vermengen. Gemeinsam mit der Milch zum Kuchenteig geben und nur so lange vermischen, bis das Mehl sich im Teig verteilt hat. Nicht zu lang rühren. 5. Den Teig in die vorbereitete Backform geben und glattstreichen. 6. Rhabarber putzen, Blätter und Enden abschneiden und schälen. Große Stangen halbieren. Die Stangen mit leichtem ­Abstand zueinander auf dem Kuchen verteilen. Wenn ­gewünscht: Mandelblättchen drüberstreuen. 7. Den Kuchen auf mittlerer Einschubleiste des Backofens etwa 35 bis 40 Minuten lang backen. Mit Stäbchenprobe testen, ob der Kuchen gar ist. 8. Auskühlen lassen und vor dem Verzehr mit Puderzucker oder Sahne garnieren. Das Rezept stammt von Virginia Horstmann. Sie ist Foodbloggerin und Kochbuchautorin. Auf ihrem Blog www.zuckerzimtundliebe.de teilt sie kreative Rezepte für Kuchen, Torten, Tartes und auch Stullen. 33 PREISRÄTSEL IMPRESSUM HERAUSGEBER „Hallo Nachbar“ ist das Magazin­der GESOBAU AG Stiftsweg 1, 13187 Berlin www.gesobau.de Tel.: 030 4073 1567, Fax: 030 4073 1494 E-Mail: hallo.nachbar@gesobau.de www.hallonachbar.berlin PROJEKTLEITUNG Isabel Canet (V. i. S. d. P.), Birte Jessen ­ (Leiterin Unternehmenskommuni­kation) VERLAG TEMPUS CORPORATE GmbH – Ein Unternehmen des ZEIT Verlags, Büro Berlin: Alt-Moabit 94, 10559 Berlin www.tempuscorporate.zeitverlag.de GESCHÄFTSFÜHRUNG Jan Hawerkamp, Kai Wutte PROJEKT- UND REDAKTIONSLEITUNG Jasmin Hollatz GRAFIK Jessica Sturm-Stammberger GEWINNEN SIE EINEN RUCKSACK Ein guter Begleiter: Der Rucksack von pinqponq hat mehrere Fächer, wurde zu 100 Prozent aus recycelten PET-­Flaschen hergestellt und ist vegan. Wenn Sie ihn gewinnen möchten, beantworten Sie einfach folgende Frage: Wie viele Pferde finden Sie auf diesem Foto? Kleiner Tipp: Das Zebra wird mitgezählt. a) 22 b) 26 c) 30 Schicken Sie die richtige Antwort bis zum 30. April 2020 mit dem Betreff „Wimmelbild“ an: hallo.nachbar@gesobau.de Oder als Postkarte an: GESOBAU AG „Hallo Nachbar“-Redaktion Stiftsweg 1 13187 Berlin 34 BILDREDAKTION Kathrin Tschirner BILDNACHWEISE Titel: Valerie Schmidt; S. 2–3: Valerie Schmidt, Patricia Haas (2), Verena Brüning, Reinaldo Coddou H., Katrin Streicher; S. 3: Markus Altmann; S. 4–5, 15, 20–23: Verena Brüning; S. 6: GESOBAU AG/Thomas Bruns; S. 7: Adobe­ Stock/Daniel, GESOBAU AG; S. 8: Alamy/ Phovoi R.; S. 9: pixabay/bernswaelz, GESOBAU AG/Christoph Schieder; S. 10–14: Valerie Schmidt; S. 16: Reinaldo Coddou H.; S. 17, 24–27: Patricia Haas; S. 18–19: Anton Hallmann/Sepia; S. 28, 30–31: Katrin Streicher; S. 29: Vonderlind/Archiv Stephanus-Stiftung; S. 32: iStock/ fotografixx; S. 33: zuckerzimtundliebe.de; S. 34: FOND OF GmbH; S. 34–35: GEOmini-Wimmelheft 2018 LEKTORAT Dr. Katrin Weiden DRUCK Möller Druck & Verlag GmbH, Ahrensfelde AUFLAGE 44 000 35 Natürliche Energie für Ihre Zukunft Mit unserem Natur12 Strom entscheiden Sie sich für 100 % regenerative Energie – und das zum fairen Preis. 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