Path:

Full text: Why Berlin (Wozu Berlin)? / Hassemer, Volker

Why Berlin (Wozu Berlin)? 1. Die großen Städte ziehen nicht nur die Menschen aus dem „flachen Land“ an. Schon heute und auch in Zukunft werden sie zunehmend zu Magnete von internationalen Heimatsuchenden. Die Weltkarte wird immer mehr buchstabiert durch Städte und Regionen, nicht durch Nationen und Länder. Berlin beispielsweise wird zukünftig seine Attraktivität weniger aus seiner Zugehörigkeit zu Deutschland als seiner Stellung gegenüber internationalen Partnern gewinnen. 2. „Wozu Berlin?“ Berlin muss sich deshalb darüber im klaren sein, warum die Stadt wichtig ist; international wichtig sein will. Welchen Platz, welche Leistungsfähigkeit sie gegenüber anderen für sich in Anspruch nimmt. wie sie darauf Zukunftsplanungen baut, die ihre Leistungsversprechen gegenüber der Welt begründen.

Dies ist der Gegenstand von Stadtentwicklungspolitik. Diese Politik klärt und legt fest, auf welche besonderen Potentiale hin die Stadt sich entwickeln will. Was sie auf der Grundlage ihrer besonderen Möglichkeiten zu erreichen beabsichtigt und in der Lage ist, auf welchem Weg sie das erreichen will. 3. Es gilt, zwei Schwerpunkte für die Entwicklung der Städte zu beachten: Für die Zukunft der Städte mittel- und langfristig Entwicklungsstrategien zu erarbeiten, die sich von oben ebenso wie von unten speisen: Von unten insoweit, als sie die Potenziale der Stadt analysieren und ernst nehmen. Auch insoweit sie erkennen, wo die Stadt zu besonderen Leistungen andererseits auch nicht in der Lage ist. Und von oben: Daraus eine spezifische Botschaft für die Stadt zu entwickeln, die man ihren inhaltlichen, ihren perspektivischen Spirit nennen und „neben ihren Namen schreiben“ kann. Dieser Spirit muss jedenfalls in Hinblick auf die europäische Stadt zunehmend kulturell geprägt sein - nicht nur funktional, nicht nur von der Ausstattung der Stadt her sondern von ihren Gemeinschaftszielen, von ihrem Ethos her abgeleitet werden. 4. Die Städte Europas entwickeln sich auf der Grundlage ihres kulturellen Gedächtnisses. Dies betrifft nicht nur die städtebauliche Gestalt und die stadträumliche Logik. Wesentlicher noch ist die Entwicklung der Stadtgesellschaften, von der heute und in Zukunft die europäischen Städte profitieren.

5. In Berlin stand Stadtentwicklungspolitik nach 1989, als endlich die Zeiten der Diktaturen und Weltkriege, die Zeiten der geteilten Stadt zu Ende waren, in ungewöhnlicher Weise am Anfang. Alte Fesseln waren abgeworfen, nie gekannte Möglichkeiten offen. Die Situation des radikalen Neuanfangs 1989 führte dazu, dass Berlin in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel mehr Modernisierung erfahren hat als andere europäische Großstädte. So ist Berlin zu einem Pilotprojekt geworden für das, was die Zukunft der europäischen Städte im 21. Jahrhundert sein könnte: 6.a. Berlin: Stadt der Jungen. Die offene, mit anziehenden, ihren besonderen Wert behauptenden und entwickelnden öffentlichen Räumen ausgestattete Stadt. Die in der Infrastruktur reiche und attraktiv und nachhaltig gewollte Stadt. Sie erweist sich als ein gesuchter Erlebnisort für Junge; gesucht aus Gründen deren persönlichen und professionellen Entwicklung. b. Berlin: Stadt durch Kultur. Berlin erlebt in diesen Jahren den Übergang von lediglich „kulturellen Orten im Stadtgebiet“ zu einer die Gesamtstadt beeinflussenden kulturellen Energie. Eine Energie, die das persönliche Leben, die berufliche Arbeit, das städtische Zusammenleben anfacht. c. Berlin: Stadt des Wissens. Berlin ist traditionell und neu in der Entwicklung dieser Jahre die Stadt der Wissenschaft. Die Stadt der Universitäten, die Stadt großer Forschungsinstitutionen. Die Stadt, die sich auf die inhaltliche Kompetenz ihrer Bewohner und ihrer Institutionen stützen kann. d. Berlin: Die internationale Stadt. Städte wie Berlin haben Anteil an der internationalen Wahrnehmung. Sie werden in ihrer Gesamtheit registriert, nicht nur durch die in ihren Mauern ansässigen Unternehmen und Organisationen, stattfindenden Ereignisse und von Einzelnen erbrachten Leistungen. 7. All diese Charakteristika stellen sich nicht von alleine ein. Sie sind zunächst einmal nur Möglichkeiten, die sich der Stadtentwicklungspolitik eröffnen. Aufgabe der Stadtentwicklungspolitik ist, ihnen „Raum zu geben“. Solche Stadtentwicklungspolitik geht Stadtplanung und Städtebau voran. Sie definiert deren Aufgaben. Wenn die Städte ihr „Wozu“ nicht für sich spezifisch beantworten, werden alle weiteren Antworten beliebig und austauschbar. Warum auch sollte man sich dann ausgerechnet für diese jeweilige Stadt interessieren? 8. So wird beispielsweise mit erheblichen Mitteln der Bundesregierung seit einiger Jahren das „Humboldt-Forum“ in der „Mitte der Mitte der Stadt“ vorbereitet – dort, wo früher einmal das Schloss und zu Zeiten der DDR der „Palast der Republik“ stand. Welch eine Herausforderung, welch eine begeisterungswürdige Chance, die Mitte einer europäischen Metropole (wo früher Kathedralen, Schlösser und Nationale Politische zu stehen pflegten) nun und für die Zukunft nach den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu definieren.

9.a. Für mich besteht kein Zweifel: Eine solche Definition, abgeleitet von Alexander und Wilhelm von Humboldt, kann eine ideale Antwort sein. Deutschland sollte sich vornehmen und ist angesichts der Namen von Alexander und Wilhelm von Humboldt in der Lage, der Welt einen Ort der Verständigung und der Verabredung zwischen den unterschiedlichen Kulturen dieses Erdballs anzubieten; mit der Sprache und der Erfahrung des Kulturellen die Zusammenarbeit für eine gemeinsame Zukunft in eine immer enger werdende Welt voranzutreiben. b. Dies wiederum würde die gesamte Ausstrahlung der Stadt Berlin verändern und prägen. Mit Wirkung nicht nur für das Kulturelle und die Kultur der Stadt, sondern mit identitätsstiftende Konsequenzen für die ganze Stadtgesellschaft, für Wirtschaft, Soziales, Finanzen usw. Ich bin überzeugt: Berlin hat dazu die Voraussetzungen. Schon heute haben wir eine Vielzahl von Einrichtungen und eine städtische Atmosphäre, die uns zu sagen erlaubt: „ganz Berlin ist ein Humboldt-Forum“. 10. Ich führe dieses Beispiel an, um zu zeigen, dass Entwicklungspolitik für große Städte, für Städte mit internationalem Gewicht und Bekanntheit zukünftig immer auch die Korrespondenz der Stadt mit der Welt einschließen muss. Es geht nicht mehr nur um die Ordnung innerhalb des Stadtgebiets. Es geht um die Rolle der Stadtgesellschaft gegenüber ihren internationalen Partnern. 11. Ich füge dieses Beispiel ehrlicherweise auch an, um einzuräumen, dass die Stadt selbst, dass Berlin und auch die das Projekt ganz überwiegend finanzierende Bundesregierung, diesen Bogen noch nicht spannen. Ganz offensichtlich ist der sogenannte „Wiederaufbau des Schlosses“, das Nachempfinden der Schlosskonstruktion, in der das Humboldt Forum dann seinen Platz finden soll, das eigentliche Ereignis. 12. Ich füge es also an, um deutlich zu machen: Stadtentwicklungspolitik ist nicht zuletzt eine aufklärerische, die anfängliche Erwartungshaltung der Stadtgesellschaft herausfordernde Politik. Diese ist grundsätzlich konservativ. Das führt dazu, dass gerade schöne, angenehme, „liebgewonnene“ Städte zum Museum ihrer selbst zu werden drohen. Wenn sie nicht den Spirit und die Kraft haben, sich immer wieder neu zu einem Ort der Zukunft zu wandeln. Nur dann werden sie zu einem Platz, wo die sich wohlfühlen, die alltäglich solche Zukunft für Gesellschaft und Wirtschaft und nicht zuletzt Wissenschaft gestalten. Eine hohe politische Aufgabe, die nicht nur den zukünftigen Weg der Stadt bestimmt, sondern auch das Selbstverständnis der Stadt zunehmend stärkt. Volker Hassemer 12 10 25
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.