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Full text: KVJS aktuell Issue 2016,3

3/2016

KVJS

aktuell

Integration

Wasni – Das Esslinger
Sozialunternehmen fertigt
individuelle Shirts und Jacken
Seite 20

KVJS

Soziales

Interview: „Durch
modernes Teilhaberecht
Chancen verbessern“

KVJS-Landesjugendamt:
Viel geplant,
viel erreicht

Seite 6

Seite 10

Seite 23

Was bringt
Grün-Schwarz
im Sozialbereich?

Jugend

KVJS

Inhaltsverzeichnis

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KVJS	

3	 Minderjährige Flüchtlinge in Baden-Württemberg

	

5	 Kommunale Familie erinnert an gemeinsamen Auftrag in der Pflege

	

6	 Was bringt Grün-Schwarz im Sozialbereich?

	

7	 Reform der Pflegeausbildung

	

8	 KVJS-Fortbildung hat sich erfolgreich etabliert

	

9	 KVJS-Fachschulen: Ernährungswissen im Curriculum

Soziales	

10	 „Durch modernes Teilhaberecht Teilhabechancen verbessern“

	

13	 Fallmanagement in der Wohnungslosenhilfe

	

15	 Schlüsselübergabe in der Werkstatt Wohnen

Integration	

16	 Dialyse im Steinbruch

	

18	 Carisma: Zertifizierte Meisterschaft

	

19	 Zwei ziehen an einem Strang

	20	 Wasni – Das Esslinger Sozialunternehmen fertigt individuelle Shirts und Jacken
	

22	 Großer Andrang bei erster Stuttgarter Inklusionsmesse

Jugend	

23	 KVJS-Landesjugendamt: Viel geplant, viel erreicht

	

25	 Kindertagesstätten: Betreuungsbedarf steigt

	

26	 Neue Herausforderungen für die Jugendhilfeplanung

Forschung	

27	 Beteiligung leben!

	

28	 Die Hilfeplanung steht im Fokus

Fortbildung	

29	 Neue Fortbildung in der Flüchtlingsarbeit

Neu erschienen 	 30	 Beim KVJS erschienen

3/2016

KVJSaktuell

KVJS

Unbegleitet, aber nicht unversorgt
Minderjährige Flüchtlinge in Baden-Württemberg
Seit November hat das KVJS-Landesjugendamt mehr als 3 000 unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) im Land verteilt. So hat sich Zahl der im Südwesten lebenden UMA in kurzer Zeit
um rund 75 Prozent erhöht. Dafür haben die Kreise ihre Kapazitäten rasant ausgebaut. Seit Anfang März entspannt sich die Lage – wenngleich nicht überall.
Im Rahmen der bundesweiten Verteilung
bekam Baden-Württemberg zuletzt oft
keine neuen Zuweisungen mehr. Dagegen meldeten vor allem badische Kreise,
dass wieder vermehrt Flüchtlinge über die
Schweiz und Frankreich einreisten. Das
stellt die zuständigen Jugendämter noch
immer vor große Herausforderungen.

ckelten EDV-Programms lief die Verteilung
überwiegend reibungslos und effizient.
Mittlerweile melden bundesweit fast alle
Jugendämter ihre Daten über das neue
Web-Portal. Baden-Württemberg hat bereits komplett umgestellt.
Betriebserlaubnis für UMA-Plätze in
der Jugendhilfe

Viele Stadt- und Landkreise sind bei den
Inobhutnahmen vor allem zur Jahreswende an ihre Grenzen gekommen. Wie kein
anderes Bundesland musste Baden-Württemberg aufholen und neue Kapazitäten
schaffen: Mittlerweile erfüllt der Südwesten seine Quote zu rund 90 Prozent – im
November waren es noch 54 Prozent.

Die Unterbringung, Betreuung und Versorgung von unbegleiteten Minderjährigen ist für die öffentlichen und freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe nicht neu.
Aber die erheblich gestiegene Zahl bringt
das System der Kinder- und Jugendhilfe
an Grenzen.

Im Mai lebten in Baden-Württemberg
rund 7 300 unbegleitete minderjährige
Ausländer. Kaum einzuschätzen bleibt,
wie viele weiter nach Deutschland kommen. Rund zwei Drittel der bisher verteilten UMA kommen über Bayern. 97 Prozent von ihnen sind Jungen und rund 86
Prozent sind zwischen 15 und 18 Jahre alt.
Das Hauptherkunftsland ist mit 50 Prozent Afghanistan, gefolgt von Syrien mit
16 Prozent. Dank eines vom KVJS entwi-

Im vergangenen Jahr hat das KVJS-Landesjugendamt Betriebserlaubnisse für
rund 260 neue Angebote allein für diese
Zielgruppe erteilt. Damit und durch die
Nutzung bisher nicht ausgeschöpfter Kapazitäten konnten seit Anfang 2014 rund
2 000 zusätzliche Plätze geschaffen werden. In den ersten Monaten dieses Jahres sind erneut mehr als 600 neue Plätze
entstanden – weitere Anträge werden
geprüft.

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KVJSaktuell

3/2016

Info

Mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes zur „Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ am 1. November 2015 wurden erstmals die Kreise und Bundesländer entlastet, die – wie zum Beispiel Bayern – besonders betroffen waren von
der hohen Zahl ankommender Flüchtlinge. Baden-Württemberg hat dem KVJS-Landesjugendamt
die Landesverteilung als Weisungsaufgabe durch ein Landesausführungsgesetz anvertraut.

KVJS

Baden-Württemberg will die Jugendlichen nach wie vor im System der Kinderund Jugendhilfe halten. „Das Kindeswohl
ist oberste Priorität und bislang wurden
gemeinschaftlich Wege und Lösungen
gefunden“, sagt KVJS-Verbandsdirektor
Senator e. h. Prof. Roland Klinger. Dazu
hat das Land die Voraussetzungen zur Erteilung einer Betriebserlaubnis für die vorläufige und reguläre Inobhutnahme von
UMA zeitlich begrenzt erweitert. Auch
an den Landeserstaufnahmestandorten
können nach Absprachen zwischen dem
Sozialministerium und dem KVJS nun bedarfsgerechte Angebote für unbegleitete
minderjährige Ausländer eine Betriebserlaubnis erhalten. Ein Eckpunktepapier
beschreibt die Mindestanforderungen,
dem das Landeskabinett Anfang Februar
zugestimmt hatte.

anderen gelten Ausnahmeregelungen.
So können zum Beispiel Wohngruppen in
Heimen oder dezentrale Wohngruppen
mit bis zu 12 Plätzen belegt werden statt
wie bisher mit maximal acht beziehungsweise sechs. Zudem können die Träger
vom Fachkraftgebot vorübergehend abweichen.
Erfolgreiche Integrationsprozesse sind
nicht zuletzt deshalb wichtig, weil
Deutschland seit Jahren mit dem demografischen Wandel zu kämpfen hat. Laut
KVJS-Demographiebericht sind Kinder
und Jugendliche in Deutschland ein zunehmend knappes Gut. „Auch durch die
aufgenommen Flüchtlinge werden sich
die Umbrüche im Altersaufbau nicht wesentlich ändern“, sagt Klinger. „Trotzdem
muss man jetzt in die Zukunft der Jugend
investieren. Dabei bilden auch die minderjährigen Ausländer mittelfristig eine Ressource für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, wenn sie konsequent qualifiziert
werden.“
rei

Dabei geht es darum, unter Wahrung
des Kindeswohls kurzfristig realisierbare
Möglichkeiten aufzuzeigen. Für Mädchen
und für unter 14-jährige Jungen bleibt es
bei den bisherigen Regelungen. Für alle

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Landesverteilstelle
UMA
Aufteilung nach Alter
1.400
38,42%
1.223

1.200

33,05%
1.051

1.000

800
18,06%
575

600

400
6,41%
204

200
0,03%
1

0,28%
9

0,25%
8

0,82%
26

9 Jahre

10 Jahre

11 Jahre

12 Jahre

2,67%
85
13 Jahre

14 Jahre

15 Jahre

16 Jahre

Rund 70 Prozent der UMA in Baden-Württemberg sind 16 Jahre und älter. 	

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KVJSaktuell

17 Jahre

Grafik: KVJS

KVJS

Miteinander statt gegeneinander
Kommunale Familie erinnert an gemeinsamen Auftrag in der Pflege
Öffentliche und freie Wohlfahrtspflege sollen laut Gesetz zum Wohl der Menschen partnerschaftlich zusammen arbeiten. Doch in der Praxis der Altenhilfe und Pflege war davon zuletzt
wenig zu erkennen: Die Schiedsstelle musste vermitteln. Ein Gespräch soll nun zurück an den
Verhandlungstisch führen.
„Bei den kommunalen
Leistungsträgern sind
Zweifel an der kooperativen Zusammenarbeit
aufgekommen“, sagt
KVJS-Verbandsdirektor
Senator e. h. Prof. Roland Klinger. Vor allem
bei den Pflegesatz– und
Rahmenvertragsverhandlungen waren Ergebnisse
zuletzt auf dem Verhandlungsweg nicht möglich.
Immer häufiger führe der
Weg zu den Schiedsstellen und Sozialgerichten
– mit mehr oder weniger
zufriedenstellenden Ergebnissen.

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Pflege sollte gut und bezahlbar sein.	

Vor allem die Leistungserbringerseite
bezieht immer öfter und früher Rechtsanwälte in die Verhandlungen ein – wie
zuletzt bei den Verhandlungen zum Rahmenvertrag SGB XI für die vollstationäre
Pflege in Baden-Württemberg. In Einzelverhandlungen für rund 1 500 stationäre
Pflegeeinrichtungen werden nun Personalverbesserungen des Schiedsspruchs
umgesetzt. Dies führt zu einer erheblichen Steigerung der Vergütungen. Der
Eigenanteil von Pflegebedürftigen und ihren Familien erhöht sich dadurch deutlich.

Foto: Fotolia

„Das gemeinsame Ziel, gute und bezahlbare Pflege zu vereinbaren, darf nicht aus
dem Auge verloren werden“, so Klinger.
Deshalb hat die Mitgliederversammlung
der LAGÖFW zu einem Spitzengespräch
mit den verantwortlichen Führungskräften der Spitzenverbände der LAGÖFW auf
den Weg gebracht. „Es muss möglich sein,
auf dem Verhandlungsweg zu guten Lösungen zu kommen, mit denen beiden
Seiten leben können und bei denen beide
Seiten einen Schritt auf den anderen zumachen müssen“, sagt Klinger. 	
rei

KVJSaktuell

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KVJS

Was bringt Grün-Schwarz im Sozialbereich?
Zahlreiche Aspekte des Koalitionsvertrages betreffen Aufgaben des KVJS
Am 9. Mai hat die neue Landesregierung den Koalitionsvertrag unterschrieben. Auf 140 Seiten
hält die Regierung Ziele der kommenden Legislaturperiode fest. Darunter finden sich zahlreiche Aspekte der Jugend- und Sozialhilfe, die Aufgaben des KVJS betreffen.
In den für die Kinder- und Jugendhilfe
relevanten Passagen finden sich unter
anderem Aspekte zu den Themen Frühe
Hilfen, Kindeschutz, Kinder- und Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Kindertagesbetreuung, Angebote für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung, Inklusive
Beschulung von behinderten Kindern und
Jugendlichen und Häuser des Jugendrechts. Die neue Landesregierung will sich
in diesen Feldern der Jugendhilfe besonders engagieren und bewährte Förderprogramme fortsetzen oder weiterentwickeln. Die für die Jugendhilfe relevanten
Auszüge werden am 6. Juli im Landesjugendhilfeausschuss vorgestellt.

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Darüber hinaus wird die Inklusion nicht
als separates und ressortübergreifendes
Thema aufgegriffen, sondern vielmehr in
verschiedenen Bereichen mitgenannt wie
beim Wohnen, Sport oder bei der Waldpädagogik. Bei der Inklusion in der Schule
strebt die Regierung eine intensive Kooperation mit den Sozial- und Jugendämtern an: Die Sozial- und Jugendhilfe einerseits und die Schule andererseits sollen
also erhalten bleiben.
In der Behindertenhilfe will die Koalition
die leistungsfähige Infrastruktur erhalten.
So soll die Teilhabestrategie anhand des
Landesaktionsplans erarbeitet werden.
Die Konversion von Komplexeinrichtungen soll unterstützt werden, Finanzmittel
sind dafür jedoch nicht vorgesehen. Dafür
will das Land ein Landeskompetenzzen-

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KVJSaktuell

trum einrichten, um die Kommunen bei
der Ausweitung der Barrierefreiheit zu unterstützten. Auch die Förderung inklusiver
Arbeitsplätze und des Budgets für Arbeit
sind vorgesehen. Darüber hinaus will die
Regierung selbständiges Wohnen stärken
und schnelle Hilfe durch Landesrecht unterstützen.
Das Land will sich für eine bezahlbare
Pflege einsetzen, das Investitionsprogramm Pflege ausbauen, Alternativen zur
häuslichen und stationären Pflege entwickeln und stärken. Unter anderem soll
die Beratungsstelle für ambulant betreute
Wohnformen ausgebaut werden, die derzeit beim KVJS angesiedelt ist. Konzepte
für bürgergestützte Wohngruppen sollen
dabei gestärkt, das WTPG, die Landesheimbauverordnung und die die Landespersonalverordnung vereinfacht werden.
In der Wohnungslosenhilfe will das Land
zusammen mit den kommunalen Spitzenverbänden und der Liga der freien Wohlfahrtspflege die GISS-Studie bewerten
und eine amtliche Statistik zur Quantität
und Struktur der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe einführen.
Der KVJS wird mit seinem Erfahrungshintergrund als überörtlicher Sozialund Jugendhilfeträger sowie als Kompetenz- und Dienstleistungszentrum für die
kommunale örtliche Ebene die Umsetzung konstruktiv kritisch begleiten.
rei

KVJS

Reform der Pflegeausbildung
KVJS will Fondsverwaltung übernehmen
Mit einer Ausbildung zur Pflegefachkraft will der Bund die Ausbildungen der Kranken- und
Altenpflege zusammenführen. Noch ist das neue Berufsbild umstritten. Für den Fall, dass es
kommt, hat sich der KVJS beim Land dafür eingesetzt, als fondsverwaltende Stelle gesetzlich
benannt zu werden.
Bereits im Januar hat die Bundesregierung
den Gesetzentwurf beschlossen, der die
Ausbildungen in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der
Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu
einer Ausbildung zusammenführen soll.
Sie will damit den Wechsel zwischen den
Berufen erleichtern und mehr qualifizierte
Pflegekräfte erreichen.
Mit dem Gesetz soll auch die Finanzierung
der Ausbildung auf eine neue Grundlage
gestellt werden. Die bislang getrennten
Finanzierungssysteme nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetz und dem
Altenpflegegesetz sollen durch einen
Ausgleichsfonds auf Landesebene organisiert und verwaltet werden. Sowohl die
Krankenhäuser als auch ambulante und
stationäre Pflegeeinrichtungen, das Land,
die soziale und private Pflegeversicherung
sollen daran teilnehmen.
Der KVJS führt bereits das Ausgleichsverfahren zur Umlage der Ausbildungsvergütung in der Altenpflege für 3 289 Einrichtungen und Dienste durch. Das Volumen
ist seit 2006 von 27,84 Millionen Euro auf
zwischenzeitlich 49,67 Millionen Euro angewachsen. Zwar ist die Zahl der Schüler
beider Bereiche nahezu identisch. Allerdings arbeiten die meisten später in der
Altenpflege.
„Beim KVJS haben wir bereits Daten und
Strukturen, die wir in das neue Umlage-

verfahren übernehmen können“, sagt
KVJS-Referatsleiterin Kristin Schwarz. Der
KVJS darf zudem hoheitliche Maßnahmen
durchführen, Bescheide erlassen sowie
Mahnungen, Betreibung und Vollstreckungen durchführen. Haushalts- und kassenrechtliche Bestimmungen sind bereits
für die Altenpflegeausbildungsumlage
umgesetzt und stehen für die Fondsverwaltung zur Verfügung. Deshalb hat der
Verbandsausschuss beschlossen, dass der
KVJS gegenüber dem Land Interesse bekundet, die Fondsverwaltung zu übernehmen. Ein Schreiben an das Sozialministerium ist bereits rausgegangen.

7

Grundsätzlich steht der KVJS dem Gesetzt
kritisch gegenüber: „Wir glauben nicht,
dass sich mit einer gemeinsamen Ausbildung mehr Qualität erreichen lässt“, sagt
Schwarz. „Die Unterschiede insbesondere zwischen Kinderkranken- und Erwachsenenpflege sind zu groß, als dass hier
Synergieeffekte erzielt werden können. Es
ist zu befürchten, dass gerade die Altenpflegeeinrichtungen zu den Verlierern der
Reform werden. Als Folge könnten zudem
die Löhne in der Altenpflege steigen.“
Zuletzt haben sich auch immer mehr Politiker gegen die Pläne von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe gestellt. Zumindest der Zeitplan, wonach das Gesetz
2018 in Kraft treten soll, ist damit aus den
Fugen geraten. Derzeit plant man frühestens mit Januar 2019.	
rei

KVJSaktuell

3/2016

KVJS

Volles Haus – zufriedene Gäste
KVJS-Fortbildung hat sich erfolgreich etabliert
Lebenslanges Lernen spielt eine wichtige Rolle in der Jugend- und Sozialhilfe. Das zeigt sich
auch bei den KVJS-Tagungshäusern: Immer mehr Teilnehmer nutzen die Angebote. So konnte
das Tagungszentrum Gültstein im letzten Jahr seinen Umsatz um mehr als acht Prozent steigern.
Gesetzesänderungen, gesellschaftliche
Entwicklungen, technischer Fortschritt:
Das Rad der Zeit dreht sich immer schneller. Und die Fachleute in den Stadt- und
Landkreisen dafür gut zu rüsten, bietet
der KVJS laufend aktuelle Fortbildungen
oder Fachtagungen zu neuen Entwicklungen oder aktuellen Forschungsergebnissen an. Die KVJS-Fortbildung wird zu
einem großen Teil im Tagungszentrum
Gültstein durchgeführt, aber auch in der
Fortbildungsstätte in Flehingen und im
Tagungsbereich der Hauptverwaltung des
KVJS.

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KVJS-Tagungszentrum Gültstein bekommt guten Noten von seinen Gästen.
Foto: KJVS

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KVJSaktuell

2015 hat das KVJS-Tagungszentrum Gültstein ein Rekordjahr hingelegt mit einer
Bilanz von rund einer Million Euro und einem positiven Jahresüberschuss. Vor allem die Tagungs- und Fortbildungsveranstaltungen des KVJS haben stark zugelegt
(siehe Seite 29). Auch die Zufriedenheit
mit der KVJS-Fortbildung ist laut einer Befragung der Teilnehmer vom Februar 2016
hoch: Mehr als 95 Prozent der an der Umfrage Teilnehmenden bewerteten die Organisation und technische Ausstattung in
Gültstein als sehr gut und gut, bei der Verpflegung waren es 89 Prozent.
rei

KVJS

Schürze um, los geht’s – drei Fachschüler und eine Fachschülerin in der Flehinger Lehrküche.	

Fotos: Reebmann, KVJS

An die Kochtöpfe!
KVJS-Fachschulen: Ernährungswissen im Curriculum
Viele eilige Berufstätige oder Jugendliche stillen ihren Hunger mit Brötchen, Burgern oder
Schokolade. Solche Essgewohnheiten können dick und auf Dauer krank machen. Seit drei Jahren lernen angehende Fachkräfte der KVJS-Fachschulen, wie sie Jugendliche und gehandicapte
Menschen zu gesundem Kochen anleiten können.
„Die KVJS-Fachschulen in Flehingen gehören zu den wenigen Fachschulen mit
Lehrküche“, sagt Leiter Klaus Boch. „Wir
wollen Ernährungsbewusstsein vermitteln.“ Die angehenden Fachkräfte der
Heilerziehungspflege sowie der Jugendund Heimerziehung trügen eine besondere Verantwortung. „Sie kümmern sich
in ihrem späteren Beruf um Kinder und
Jugendliche sowie um Menschen mit Behinderung.“
Die in Pastelltönen gehaltene Küche in
Flehingen-Oberderdingen ist mit modernster Küchentechnik ausgestattet. Auf
dem Stundenplan stehen etwa die Nutzung moderner Geräte, Ernährungslehre
oder das Zubereiten vegetarischer Speisen. Eine Diplom-Ökotrophologin und Ernährungsberaterin vermittelt den jungen
Frauen und Männern theoretisches und
praktisches Wissen. Sie kocht mit ihnen
und schult sie, einen Tisch formvollendet

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zu decken – und zwar so, dass auch Menschen, die zum Beispiel im Rollstuhl sitzen
und einen eingeschränkten Bewegungsradius haben, nicht zu kurz kommen. Eine
der vier Kücheneinheiten mit Herd und
Spüle ist barrierefrei, das heißt: Sie ist mit
dem Rolli unterfahrbar.
Unterweisung in Sicherheitsvorschriften
Die Fachschüler erhalten zudem eine Sicherheitsunterweisung zu Gefahrenquellen in der Küche. „Epileptiker dürfen zum
Beispiel nicht an einem heißen Topf stehen“, sagt Boch.
Der KVJS unterhält in Oberderdingen-Flehingen im Kreis Karlsruhe drei Fachschulen, die dual ausbilden: die Fachschule für
Heilpädagogik, die Fachschule für Sozialwesen sowie die Fachschule für Heilerziehungspflege. Die staatlich anerkannten
Ausbildungen dauern drei Jahre. 	
syr

KVJSaktuell

3/2016

Soziales

„Durch modernes Teilhaberecht Teilhabechancen
verbessern“
Der Bund muss die Finanzierung gewährleisten
Die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen ist in die Jahre gekommen. Sie soll
durch das Bundesteilhabegesetz erneuert werden. Im Mai erschien der erste Gesetzentwurf.
KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger fordert Nachbesserungen. Die Kommunen können
keine Mehrbelastungen in Millionenhöhe stemmen.
Herr Prof. Klinger,
eine weitreichende
Reform nimmt
Gestalt an. Was
begrüßen Sie am
Referentenentwurf?

10

Der KVJS begrüßt
zum Beispiel,
dass die Bundesregierung im
Gesetzentwurf
den defizitorientierten Begriff der
Behinderung in
Verbandsdirektor Roland Klinger. 	 Foto: KVJS
ein zeitgemäßes,
personenzentriertes Verständnis überführt. Deutschland tut einen großen Schritt in Richtung
Inklusion: das heißt selbstverständliche
Teilhabe. Bisher wurde zu oft gefragt, was
Menschen mit Behinderung nicht können. Ziel ist es nunmehr, Betroffene mit
ihren Stärken in ihrer Selbstständigkeit zu
unterstützen und Teilhabechancen zu verbessern. Damit wird eine Forderung der
UN-Behindertenrechtskonvention erfüllt,
die unser Land vor acht Jahren unterzeichnet hat. Die Verbesserungen sollen
aber nach dem Koalitionsvertrag nicht zu
einer neuen Ausgabendynamik führen,
obwohl das bisherige Fürsorgesystem in
ein modernes Teilhaberecht umgewandelt werden soll.

3/2016

KVJSaktuell

Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf?
In Baden-Württemberg beobachten der
KVJS, der Städtetag und der Landkreistag
mit Sorge, dass hohe Kosten auf die Kommunen zukommen können. Anders als
vom Bundessozialministerium erwartet,
könnten es nach unseren Berechnungen
allein in Baden-Württemberg über 200
Millionen Euro werden.
Können Sie Beispiele anführen?
Künftig sollen Menschen mit Behinderungen Leistungen beziehen, sobald sie
in fünf von neun weit gefassten Lebensbereichen in der Teilhabe erheblich beeinträchtigt sind. Diese Schwelle für den
Zugang ist nicht wissenschaftlich begründet, sondern zu allgemein festgesetzt. Dadurch wird es mehr Anspruchsberechtigte
geben. Momentan stemmen die 44 Stadtund Landkreise für fast 70 000 Leistungsberechtigte rund 1,6 Milliarden Euro netto
im Jahr. Steigt ihre Zahl auch nur um drei
Prozent, fielen jährlich fast 50 Millionen
Euro mehr an.
Ähnlich verhält es sich in folgendem Fall:
Das Bundesteilhabegesetz will die Eingliederungshilfe durch deutlich höhere
Einkommens- und Vermögensschongrenzen attraktiver machen. Dies soll in zwei
Stufen erfolgen. Menschen mit Behinderung sollen zum Beispiel zum bisherigen

Soziales

Im Leben selbst entscheiden.	

Schonbetrag von 2 600 Euro zunächst
einen zusätzlichen Vermögensfreibetrag von 25 000 Euro erhalten, bevor sie
Eingliederungshilfen ganz oder teilweise
selbst bezahlen müssen. Ab 1. Januar 2020
ist ein voraussetzungsloser Freibetrag
von 50 000 Euro vorgesehen. Erst darüber
hinaus sollen Betroffene künftig Eingliederungshilfen ganz oder teilweise selbst
bezahlen. Wird dies umgesetzt, müssen
nach unseren Berechnungen badenwürttembergische Kommunen mit rund
15 Millionen Euro jährlich in die Bresche
springen.
Wird das Minus nicht durch einen geringeren Verwaltungsaufwand aufgefangen?
Leider nein. Der Einspareffekt wird schnell
aufgesogen. Nach unserer Schätzung
würden bei einer verbesserten Einkommens- und Vermögensfreiheit mindestens
1 000 Personen zusätzlich Eingliederungshilfeleistungen in Anspruch nehmen. Vorsichtig geschätzt fallen rund 25 weitere
Millionen Euro jährlich an.

Foto: Fotolia

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Die Kommunen weisen auf steigende Kosten hin. Doch selten gibt es Innovationen
ohne Zusatzausgaben. Und Vertretungen
von Menschen mit Behinderungen fordern
noch viel weitergehende Verbesserungen
und berufen sich auf die UN-Behindertenrechtskonvention. Was sagen Sie den
Menschen?
Die Kommunen wehren sich nicht gegen
Verbesserungen. Aber sie wehren sich,
die Zusatzkosten mit dem Land alleine
stemmen zu müssen. Der Bund ist auch
gefordert. Die Kommunen und damit die
Kostenträger haben es ohnehin mit einer
doppelten Ausgabendynamik zu tun. Die
Kosten der Eingliederungshilfe steigen
aufgrund des demografischen Wandels
und des medizinischen Fortschritts schon
bisher jährlich um mehr als sechs Prozent.
Und das neue Gesetz bringt zusätzliche
Ausgaben.
Wie soll es nun weitergehen?
Wir – der Städtetag, der Landkreistag

KVJSaktuell

3/2016

Soziales

und der KVJS – haben Landessozialminister Manfred Lucha gebeten, dem Bund
die erheblichen Folgen des Entwurfs zu
verdeutlichen. Für die Kommunen wäre
es existenziell wichtig, dass das Land
sozialpolitisch gewollte Leistungserweiterungen nur mitträgt, wenn der Bund
die Mehrkosten ausgleicht. Wegen der
unzureichenden Finanzierung muss die
kommunale Familie den Gesetzentwurf

ablehnen. Immerhin gibt es inzwischen
eine Bund-Länder-Einigung vom 17. Juni
2016, die Kommunen unabhängig von der
Eingliederungshilfe ab 2018 in Höhe von
fünf Milliarden Euro zu entlasten. Bei der
Dynamik der Ausgabenentwicklung ist
das aber nur ein Tropfen auf den heißen
Stein.
Das Interview führte Sylvia Rizvi

Info

Zeitplan Bundesteilhabegesetz
Am 28. Juni 2016 wurde der Gesetzentwurf vom Bundeskabinett verabschiedet.
Im September 2016 beginnt das parlamentarische Gesetzesverfahren in Bundestag und
Bundesrat. Die erste Stufe des Gesetzes, vor allem die Verbesserung der Vermögens- und
Einkommensanrechnung, soll im Januar 2017 in Kraft treten. Bis 2020 sollen die weiteren
Regelungen stufenweise eingeführt werden, etwa zum Vertragsrecht, zum berechtigten
Personenkreis und zum Hilfeplanverfahren..

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Leichte Sprache im Fallmanagement

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Was ist Leichte Sprache? Welche Regeln
sind zu beachten? Im Frühjahr 2016 hat
der KVJS eine Broschüre für Fachleute aus
dem Fallmanagement in den Stadt- und
Landkreisen herausgegeben. Die Arbeitshilfe soll ihnen die tägliche Kommunikation erleichtern.

hinaus beinhaltet sie ein Wörterbuch zum
Fallmanagement in Leichter Sprache. Es
erläutert Begriffe, die häufig in Beratung,
Gesprächen oder Behördenschreiben vorkommen. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt es das Wörterbuch als Ausgabe ohne einführenden Teil.

Leichte Sprache ist eine Ausdrucksweise,
die auf besonders hohe Verständlichkeit
zielt. Sie folgt bestimmten Regeln und
drückt sich zum Beispiel in kurzen Hauptsätzen aus. Sie verzichtet weitgehend auf
Nebensätze, verwendet bekannte Wörter
und erklärt schwierige Begriffe. Die Broschüre bietet eine Einführung. Darüber

„Leichte Sprache im Fallmanagement.
Hinweise und Wörterbuch für die Praxis“, 2016.

KVJSaktuell

„Wörter•buch zum Fall•management
in Leichter Sprache“ (gedruckt im Jahr
2016).
syr

Soziales

Von der Kunst, unangepasste Lebensläufe zu
managen
KVJS-Workshop beleuchtet Fallmanagement in der Wohnungslosenhilfe
Mehr Erfolgskontrolle für die Sozialämter, mehr Mitsprache für Wohnungslose – vom so genannten Fallmanagement versprechen sich Stadt- und Landkreise Fortschritte für Menschen in
besonderen sozialen Schwierigkeiten. In Baden-Württemberg wird es nach und nach umgesetzt. Allen voran Stuttgart. Ein KVJS-Workshop zeigte im Mai Vorteile und Probleme.
Das Fallmanagement ist ein kommunales
Steuerungsverfahren. Seit Inkrafttreten
des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch
(SGB XII) dürfen Behörden es in der Sozialhilfe nutzen. Wo Sozialämter vorher die
Rolle des passiven Geldgebers innehatten,
versuchen sie seit 2005 aktiv zu steuern.
Was möchten Betroffene erreichen? Was
brauchen sie, um der Wohnungslosigkeit
zu entkommen? Welche Unterstützung
gibt es vor Ort? „Kern des Fallmanagements ist es, mit Obdachlosen und Leistungserbringern die Ziele und Stärken der
Hilfesuchenden herauszuarbeiten“, weiß
Workshop-Leiter Josef Usleber vom
KVJS. Das geschieht in so genannten
Hilfeplangesprächen. Ein Gesamtplan
hält fest, wie, wo und wie lange geholfen wird – quer über die Grenzen von
Einrichtungen, Ämtern oder Zuständigkeiten hinweg. Das Sozialamt evaluiert
die Entwicklung regelmäßig. Falls es
hakt, werden die Hilfen nachjustiert.
Läuft es rund, werden sie weiter bewilligt.
Wie etwa bei Steve A. (Name geändert).
Der 29-Jährige lebte lange auf der Straße, nächtigte in Notquartieren, flog
zwei Mal aus dem ambulant betreuten
Wohnen. Vor gut einem Jahr fand er im
Stuttgarter Carlo-Steeb-Haus Unterschlupf. Er hat sich eingelebt und versucht gerade, seinen exzessiven Alko-

hol- und Cannabiskonsum zu reduzieren,
unterstützt von der dortigen Suchtberatungsstelle. Dies erfuhr das Sozialamt bei
der regelmäßigen Zwischenbilanz.
In Stuttgart gibt es das Fallmanagement
seit 15 Jahren. „Geeignet ist grundsätzlich jede und jeder Wohnungslose. Es gibt
nur wenige Ausnahmen“, berichtete Klaus
Weidner den 16 Fachleuten aus Verwaltung und Sozialarbeit beim Workshop in
Herrenberg-Gültstein. Steves anonymisierter Gesamtplan war eines von drei Beispielen, das der Leiter der Stuttgarter
Sonderdienststelle für Menschen in

Anders als Steve A. müssen viele Obdachlose betteln. 	

KVJSaktuell

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Foto: pixelio, IESM

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Soziales

Wohnungsnot mitbrachte. Er veranschaulichte das Vorgehen, zeigte von der Stadt
entwickelte Formulare und beantwortete
Fragen.
Niemand weiß, wie viele Stadt- und Landkreise das Fallmanagement eingeführt
haben. Nach Paragraf 68 SGB XII ist es eine
Soll-, keine Muss-Vorschrift. Laut Usleber
machen etliche Kommunen erste Schritte.
Allerdings gäbe es Unsicherheiten bei der
Auslegung der Bestimmungen, der Dauer der Maßnahmen oder der Gestaltung
von Formularen. Der Gesetzgeber räumt
den Kommunen etliche Freiheiten ein, das
Verfahren zu gestalten. „Der KVJS berät
die Stadt- und Landkreise seit langem und
unterstützt sie mit Fortbildungen.“
Steve A. würde gerne in eine eigene Wohnung ziehen. Doch es fehlt an vielem. Wie
ein Viertel aller Wohnungslosen in Stuttgart hat der Hauptschulabsolvent psychische Probleme, ihn überwältigen immer
wieder Depressionen. Wie die Hälfte seiner Leidensgenossen ist er ohne Job. Wie
40 Prozent lebt er von Arbeitslosengeld II.
Zudem stottert er in kleinen Raten Schulden ab – ein Erfolg des bisherigen Fallmanagements.

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Es gab auch Rückschläge. Steve A. brach
eine Therapie ab, weil er mit dem Psychiater nicht klarkam. Vorerst hat er die Nase
voll. Allerdings ließ er sich darauf ein, wenigstens eine psychologische Beratungsstelle zu besuchen. Er möchte Klarheit
erlangen, wie er mit seiner Erkrankung
weiter umgehen will.
Aufwendiges Verfahren
Stuttgart bewertet nicht nur jedes Hilfeplanverfahren. Die Stadt verschafft ihrem

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KVJSaktuell

Gemeinderat auch Gesamtüberblicke. Die
83 Hilfeplankonferenzen im ersten Quartal 2016 dauerten etwa im Schnitt 1,5
Stunden. Oft wurden die angepeilten Ziele erreicht, die meisten Betroffenen und
Fachleute waren zufrieden. Höchst selten
verweigerten Wohnungslose die Mitarbeit, weiß Klaus Weidner. Im Gegenteil.
„Sie fühlen sich ernst genommen.“ Zudem
verändere sich die Hilfelandschaft positiv.
Einrichtungen erhielten etwa eine permanente Rückmeldung, ob ihre Angebote
greifen oder nachjustiert werden sollten.
Allerdings ist Fallmanagement ein aufwendiges Verfahren. Behörden und Einrichtungen müssen sich mit Betroffenen
zusammensetzen und sich eventuell mit
weiteren Partnern wie Jobcentern abstimmen. Bei Personalnot eine Herausforderung. Im ersten Quartal 2016 entfielen in
Stuttgart von 223 geplanten Hilfeplankonferenzen 140. „Die Entscheidung erfolgt
dann im schriftlichen Verfahren, also ohne
Hilfekonferenz“, sagt Weidner.
Steve braucht Jobs
Steve A. wird weiter Hilfe bekommen.
„Ziel ist, dass er sein Leben und seine Situation in Griff bekommt“, sagt Weidner.
Noch habe er Probleme mit regelmäßiger
Arbeit. „Vermutlich hatte er nie ein Vorbild
in der Familie.“ Mittelfristig soll Steve A.
ambulant betreut eine eigene Bleibe bewohnen. Es wird ein langer Weg.
Immerhin: In Stuttgart führen rund 46 Prozent der Hilfen für Wohnungslose nach
§§ 67 ff. SGB XII zum eigenen Wohnraum.
„Angesichts der desolaten Wohnungssituation ist das ein gutes Ergebnis“, sagt
Klaus Weidner. Steve kann hoffen.
syr

Soziales

Serie Werkstatt Wohnen

Schlüsselübergabe in der Werkstatt Wohnen
Die KVJS-Ausstellung hat eine neue Leiterin
Seit 1. Mai 2016 managt die Diplom-Sozialpädagogin Barbara Steiner-Karatas die barrierefreie
Musterwohnung des KVJS in Stuttgart. Der langjährige Leiter Werner Stocker verabschiedete
sich Ende April in den Ruhestand.
Barbara Steiner-Karatas ist seit
zwei Monaten verantwortlich für
das Konzept und den laufenden
Betrieb der Werkstatt Wohnen.
Der KVJS bietet dort in Zusammenarbeit mit dem DRK Kreisverband Stuttgart und weiteren
Partnern regelmäßig Beratungen
und Führungen.
Die 37-Jährige arbeitet seit gut
zweieinhalb beim Kommunalverband für Jugend und Soziales
Baden-Württemberg. „Im Bereich
der Seniorenarbeit gibt es zur
Zeit viele spannende Entwicklungen“, sagt sie. „Es reizt mich, hier
mitzuarbeiten und mitzugestalten.“

15

Der Ruheständler Werner Stocker übergibt Barbara Steiner-Karatas die Schlüssel zur Werkstatt
Wohnen. 	
Foto: Gärtner

Die Sozialpädagogin führt ihre bisherigen
Aufgaben im Referat 22 „Sozialplanung,
investive Förderung“ weiter. Sie arbeitet
als Einrichtungsplanerin, prüft und bearbeitet Förderprojekte für Investitionen in
Einrichtungen der Behinderten-, Altenund Wohnungslosenhilfe.
Kein endgültiger Abschied
Barbara Steiner-Karatas übernimmt die
Leitung der Werkstatt Wohnen vom langjährigen Leiter Werner Stocker. Mit ihm

hat sich ein erfahrener Sozialplaner in den
Ruhestand verabschiedet – wenngleich
er seine Fachkenntnisse weiterhin beratend einbringen wird. Der Diplom-Sozialpädagoge begann seine Laufbahn bei der
freien Wohlfahrtspflege, ehe er 1993 als
Sozialplaner für Einrichtungen und Dienste der Altenhilfe zum damaligen Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern kam. Er brachte die Teilhabepläne
und Kreisseniorenpläne sowie die Einrichtungsplanung und Planungsberatung
maßgeblich voran.	
syr/rei

KVJSaktuell

3/2016

Integration

Die Bauchfelldialyse findet über eine Kanüle statt. 	

Vom Büro aus alles im Blick. 	

Dialyse im Steinbruch
Sanitätsraum für nierenkranken Mitarbeiter
16

Nahe des Mummelsees liegt der Steinbruch Seebach. Seit 1886 wird hier Granit abgebaut. Der
Wiegemeister des Steinbruchs muss mehrmals täglich eine Bauchfell-Dialyse durchführen. Dafür wurde in einem Bürocontainer ein eigener Raum eingerichtet.
Bernd Bassler ist ein Mann wie ein Bär.
Seine Schwerbehinderung ist ihm nicht
anzusehen. Als Wiegemeister hat er einen
wichtigen Job: Er sorgt dafür, dass keine
überladenen Laster den Steinbruch Seebach der VSG-Natursteine verlassen. „Die
LKW dürfen 40 Tonnen laden“, erklärt er.
Zehn Prozent Übergewicht sind zulässig.
Was drüber ist, muss runter. Die LKWWaage liegt direkt vor Basslers Bürofenster. Die LKW transportieren den abgebauten Granit mal in Form von Schotter oder
Split, mal als tonnenschwere Wasserbausteine. Bei Übergewicht lässt der Wiegemeister einen Bagger anrollen und so lange abladen, bis die Zahl auf seiner Wage
stimmt.
Nierenprobleme plagten Bassler schon
länger. Vor einem Jahr machte ihm dann
sein Arzt unmissverständlich klar, dass

3/2016

KVJSaktuell

er um eine Dialyse nicht mehr herumkommen würde. Bei der Bauchfelldialyse, wie er sie seither vier- bis fünfmal am
Tag durchführen muss, erfolgt die Entwässerung und Entgiftung über dem
Bauchraum. Durch eine Kanüle wird erst
Flüssigkeit abgeleitet und dann sterile
Dialyseflüssigkeit eingeleitet.
Dialyse selbst machen
Eine Bauchfelldialyse kann von den Patienten selbstständig zu Hause oder am
Arbeitsplatz durchgeführt werden. Sie
dauert etwa 45 Minuten. Doch Bernd
Bassler fährt etwa eine halbe Stunde nach
Hause. Bei zwei Dialysen, die während der
Arbeitszeit nötig sind, keine gute Option.
Also musste am Arbeitsplatz eine Möglichkeit geschaffen werden. Personalleiter
Wolfgang Krech von der Kies-Beton-AG,

Integration

Manche Granitbrocken wiegen mehr als eine Tonne.	

welche die Verwaltungstätigkeiten für
Basslers Arbeitgeber erledigt, wandte sich
an das KVJS-Integrationsamt. Den erfahrenen Mitarbeiter zu verlieren, war für das
Unternehmen die schlechteste aller Möglichkeiten.
Lösung vom TBD des KVJS
Der Technische Beratungsdienst (TBD) des
Integrationsamtes fand eine Lösung: In
dem Bürocontainer, den sich der Wiegemeister mit einer Kollegin teilte, wurde ein
hygienischer Raum für die Dialyse eingerichtet. Der Container bekam eine neue
Klimaanlage, denn die Dialyseflüssigkeit
darf auf keinen Fall wärmer als Körpertemperatur sein. In einem heißen Sommer
problematisch. Dafür, dass die Flüssigkeit
auch nicht zu kalt ist, sorgt eine kleine
Wärmeplatte im Dialyseraum.
Das aus mehreren Containern aufgebaute Verwaltungsgebäude des Steinbruchs wurde um einen weiteren kleinen Container ergänzt. Dort arbeitet nun
die Kollegin. Die vom TBD empfohlenen
notwendigen Umbauarbeiten und nötig
gewordenen neuen Bürocontainer finanzierte die Deutsche Rentenversicherung.

Bei 44 Tonnen LKW-Ladegewicht ist Schluss.

Bernd Bassler arbeitet mit einem Stellenumfang von 80 Prozent wieder auf seinem
angestammten Platz. Nun kann er weiter dafür sorgen, dass die mit Steinen beladenen LKW nie mehr als das zulässige
Gesamtgewicht haben, wenn sie auf der
Waage vor seinem Fenster vorfahren. Sein
Fazit: „Ich bin sehr zufrieden.“ Dem können Personalleiter Wolfgang Krech und
Betriebsleiter Jürgen Schnurr nur zustimmen: „Wir wollen Herrn Bassler als Mitarbeiter unbedingt behalten!“
mok

17

Für Personaler Wolfgang Krech (li.) und Betriebsleiter Jürgen Schnurr ist Bernd
Bassler ein wichtiger Mitarbeiter.	
Fotos: Kleusch

KVJSaktuell

3/2016

Integration

Carisma: Zertifizierte Meisterschaft
Integrationsunternehmen darf jetzt auch Gebäudereiniger ausbilden
Das Stuttgarter Integrationsunternehmen Carisma putzt und reinigt seit März mit Gütesiegel.
Auch Qualitätsmanagement und Umweltmanagement wurden nun zertifiziert. Für den Betriebsleiter gab es den Meisterbrief.
Betriebsleiter Niyazi Iseri qualifizierte sich fachlich weiter und
konnte nun den Meisterbrief der
Gebäudereinigerinnung entgegen
nehmen. Geschäftsführer Röder:
„Die Entwicklung zum Meisterbetrieb bedeutet für uns eine unverzichtbare Grundlage Ausbildungsbetrieb sein zu wollen und
zu können.“ Das Integrationsunternehmen der Caritas beschäftigt
rund 80 Mitarbeiter. Ein Viertel davon mit Behinderung.

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Als zertifizierter Meisterbetrieb
konnte Carisma jetzt auch dem
Fachverband Gebäudedienste
Baden-Württemberg e. V. der Landesinnung des GebäudereinigerHandwerks Baden-Württemberg beitreten. Für Mitglieder des Fachverbandes ist
die Einhaltung eindeutig definierter Qualitätsmerkmale zwingend. Und so gab es
noch das Zertifikat des Qualitätsverbundes der Gebäudedienste. Dieses Zertifikat
wird ausschließlich über den Fachverband
vergeben.

v.l.: Wolfgang Röder (GF carisma GmbH), Victoria Elwing (stellv. GF Landesinnung des Gebäudereinigerhandwerks BW), Michael Keck (Bereichsleiter BWHM), Ralf Schmid (KVJS, Integrationsamt), Raphael Graf von Deym /Caritasdirektor, Gesellschafter), Niyazi Iseri (ppa., Betriebsleiter carisma GmbH).						Foto: Carisma

„Im Gebäudereinigerhandwerk besteht
kein Meisterzwang mehr. Zwar findet man
heute auf dem Markt der Gebäudereinigung viele Mitbewerber, die mit Fachlichkeit werben, diese aber bei genauerer
Betrachtung nicht vorweisen können“,
erklärt Carisma-Geschäftsführer Wolfgang
Röder. Für Carisma ein Grund, sich durch
geprüfte Qualität von Mitbewerbern abzuheben.
Den Nachweis für Kompetenz erbrachte
Carisma mit der Einführung und Zertifizierung eines Qualitätsmanagement-Systems nach DIN EN ISO 9001:2008. Auch ein
Umweltmanagement-System nach DIN EN
ISO 14001:2009 wurde erfolgreich etabliert und nun ebenfalls zertifiziert.

3/2016

KVJSaktuell

Drei Zertifikate und ein Meisterbrief gab
es somit für Carisma während einer kleinen Feierstunde. Ralf Schmid, beim KVJSIntegrationsamt für das Integrationsunternehmen zuständig, gratulierte: „Carisma
zeigt eindrucksvoll, dass Integrationsunternehmen, nicht nur so leistungsfähig
sind wie andere Unternehmen, sondern
können noch viel mehr können.“	
mok

Integration

Serie Ausgezeichnet!

Zwei ziehen an einem Strang
Bei einem beispielhaft behindertenfreundlichen Arbeitgeber
Hier stimmen nicht nur die Quoten: In der Maschinenfabrik Gebr. Heller in Nürtingen sorgen
Personalabteilung und Schwerbehindertenvertretung gemeinsam für ein gutes soziales Klima.
Dafür wurde das Unternehmen vom KVJS ausgezeichnet.
Jürgen Merkle ist ein alter Hase: Betriebsrat von 1984 bis 2014, seit 1990 Schwerbehindertenvertreter. Alexander Groebe ist ein junger Personalreferent. Einer
von dreien bei Heller. 2012 wurde er zum
Beauftragten des Arbeitgebers für die
Belange schwerbehinderter Menschen ernannt. Seither ziehen die beiden an einem
Strang, wenn es um kranke und behinderte Kollegen geht. Auch, wenn sie gelegentlich über die Zugrichtung diskutieren:
„Wir können immer vertrauensvoll zusammenarbeiten“, sagen beide.
Am Standort Nürtingen gibt es knapp
sechs Prozent schwerbehinderte Mitarbeiter. Bei einer anderen Quote liegt es unter
dem Durchschnitt: Mit drei Prozent Krankenquote wird der Bundesdurchschnitt
um ein Prozent unterboten. Bei längeren
Erkrankungen wird alles daran gesetzt,
den Mitarbeiter zu halten. Hierbei zahlt
sich der gute Kontakt zwischen Groebe
und Merkle aus. Bei dem Schwerbehindertenvertreter ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) gebündelt.
Er genießt großes Vertrauen in der Belegschaft. Seine Krankenbesuche und Arztgespräche werden als wirkungsvolle Unterstützung von den Betroffenen wie das
gesamte BEM-Verfahren akzeptiert.
Merkle erklärt: „Wir fragen: Was müssen
wir tun, wenn Du wieder zurückkommst?“
Passgenaue Lösungen für langzeitkranke

oder behinderte Mitarbeiter gehören bei
Heller dazu. „Wir haben praktisch keine
Ausfälle damit. Zur Not justieren wir eben
nach“, sagt Personalreferent Groebe. Etwa
wie bei einen nierenkranken Kollegen, der
nicht mehr als Dreher arbeiten konnte.
Jetzt bringt er sein Fachwissen in der Arbeitsvorbereitung ein.
„Wir haben etwa 50 Prozent Facharbeiter
und gut 40 Prozent Techniker und Ingenieure“, so Groebe. Fachwissen zu erhalten
ist wichtig. Oder neues Fachwissen zu bekommen. Ein lebertransplantierter Mitarbeiter hat sich mit Unterstützung des
Reha-Trägers zum Betriebswirt weiterqualifiziert. Nach fünf Jahren Pause arbeitet er
nun wieder im Unternehmen.

19

Überhaupt Unterstützung: Beide halten
große Stücke auf den Integrationsfachdienst, der im Auftrag des KVJS-Integrationsamtes arbeitet. „Der IFD bringt eine
neutrale Sicht von außen ein“, loben sie.
Groebes Tipp: „Jeder Arbeitgeber sollte seinen örtlichen IFD mal in den Betrieb
einladen – einfach zum kennen lernen.“
Merkle ergänzt: „Viele Betriebe wissen einfach nicht, wo sie Hilfe bekommen: Agentur für Arbeit, IFD, KVJS. Schwerbehinderte Mitarbeiter zu beschäftigen kostet eine
Firma nichts oder nicht viel. Es gibt so viel
Unterstützung.“ Eine Unterstützung, die
auch von der Unternehmensleitung kommen muss – wie bei Heller. 	
mok

KVJSaktuell

3/2016

Integration

(v.l.) Yaprak Cukurova, Nadine Feist und Daniel Kowalewski tragen natürlich Jacken des Wasni-Labels.
Foto: Wasni

Auf den Leib geschneidert
Esslinger Sozialunternehmen fertigt individuelle Shirts und Jacken

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Wenn anders sein normal ist, dann ist man wahrscheinlich bei Wasni gelandet. Der Firmenname ist aus den Initialen des Firmenmottos zusammengestellt. Hier sind nicht nur die Kleidungsstücke Maßarbeit.
„Jeder der hier reinkommt, kauft auch
was“, stellt Wasni-Geschäftsinhaber Daniel
Kowalewski sachlich fest. Sein Laden liegt
in der Küferstraße, am Ende der Esslinger
Fußgängerzone und damit schon leicht
abgelegen. Wer hier zur Tür hereinkommt,
trägt sich mit Kaufabsichten. Dabei können die Produkte zwar bewundert und
ausgesucht, aber nicht gleich eingepackt
werden. Die modischen Jacken mit und
ohne Kapuze und die Sweatshirts werden
aus einem Baukastensystem individuell
zusammengestellt und bei Bedarf auch
auf den Leib geschneidert.
Der Laden brummt nicht, er surrt. Das
Surren kommt von den Nähmaschinen
im hinteren Teil des Ladens, wo unter den
Händen zweier Mitarbeiterinnen die Kun-

3/2016

KVJSaktuell

denwünsche Gestalt annehmen. Im Juni
konnte ein Kunde den tausendsten individuell gestalteten Sweater überstreifen.
Doch bis dahin war es ein weiter Weg.
Alles begann damit, dass Daniel Kowalewski, studierter Betriebswirt, 2014 seine eigene Firma gründen wollte. Nicht
irgendeine Firma, sondern ein Integrationsunternehmen, in dem er Menschen
mit Behinderungen beschäftigen wollte.
Damit wurde das KVJS-Integrationsamt
seine Anlaufstelle. Gemeinsam mit Referatsleiter Bernhard Pflaum spielte er über
anderthalb Jahre hinweg verschiedene
Ideen durch.
„Es sollte auf jeden Fall etwas im produzierenden Bereich sein“, so Kowalewski.

Integration

Bernhard Pflaum dazu: „Ich habe davon
abgeraten, gleich ein Integrationsunternehmen aufzuziehen, das braucht eine
gewisse Größe. Lieber erstmal klein anfangen.“ Ein beiläufiges Gespräch mit seiner
Nachbarin, einer Modedesignerin, lieferte
Daniel Kowalewski schließlich den roten
Faden für seine Unternehmensidee: Bekleidung aus Bio-Baumwolle sollte es sein,
modisch und sportlich.

weitere Bestellungen gespeichert. „Rund
ein Drittel der Kunden nutzt diesen Service“, so Kowalewski. Weitere 20 Prozent
lassen kleinere Anpassungen, wie längere
oder kürzere Ärmel vornehmen. „Bisher
konnten wir für alle Kunden das Passende
anfertigen“, freut sich der Geschäftsführer,
„vom 4XL-Mann bis zum Kind.“

Nun, da die Idee feststand, ging es
schnell. Der Jungunternehmer fand ein
großzügiges Ladenlokal und vor allem
zwei passende Mitarbeiterinnen: Nadine
Feist, ausgebildete Modedesignerin und
Maßschneiderin, kleinwüchsig, und Yaprak Cukurova, gelernte Modeteilnäherin,
gehörlos. Aber die Behinderungen tun eigentlich nichts zu Sache, denn beide sind
vor allem eines: kompetent.

Seit kurzem tragen auch einfarbige TShirts das Wasni-Label. Sie werden von
einem Kooperationspartner, dem Berufsbildungswerk Waiblingen, zugeschnitten
und in Esslingen zusammengenäht. Das
Berufsbildungswerk gehört zur Diakonie
Stetten. Es bildet unter anderem Modellnäherinnen aus. „Dort haben sie Maschinen, die 25 Lagen Stoff zuschneiden
können – die Investition wäre für uns zu
hoch“, erklärt Daniel Kowalewski. Außerdem beginnt im Herbst eine junge Frau
aus dem Berufsbildungswerk den praktischen Teil ihrer Ausbildung bei Wasni. Zur
Zeit ist sie dort noch Praktikantin.

Kapuzenjacken und Pullis aus Baumwolle
wurden zu den ersten Produkten im Programm. Der Clou: Die Kunden können bei
jedem Modell aus einem „Baukasten“ ihr
persönliches Teil zusammenstellen. Stoffe, Bündchen, Innenfutter, Reißverschluss
und Kordeln stehen in acht bis zehn verschiedenen Farben zur Verfügung und
sind frei kombinierbar. Damit sind der
Phantasie der Kundschaft nur wenige
Grenzen gesetzt.
Maßschneiderin Feist entwirft die Schnitte der mittlerweile auf fünf Modelle angewachsenen Kollektion. Bei der Vorbereitung des Zuschnitts schlägt sie sogar
das Computerprogramm, das die – vermeintlich – beste Ausnutzung des Stoffes
beim vorschlägt. Feist holt mehr raus. „Ich
bin unter ihr Chef“, sagt Kowalewski und
grinst.
Nadine Feists Expertise ist auch gefragt,
wenn ein Kunde ein maßgeschneidertes
Teil haben möchte. Die Maße werden für

BBW als Kooperationspartner

21

Wasni verwendet ausschließlich BioBaumwolle mit GOTS-Zertifikat nach dem
Global Organic Textile Standard. Dabei
werden auch die sozialen Bedingungen
überprüft, unter denen der Stoff hergestellt wird. Allerdings: „Am Anfang hatten
wir ein paar Probleme mit der Stoffqualität“, muss Kowalewski zugeben. „Von jeder Lieferung schneiden wir einen Meter
Stoff ab und waschen ihn, um zu sehen,
wie stark er einläuft und ob sich die Oberfläche verändert. Von einem Lieferanten
lief der Stoff so stark ein, dass wir eine Zeit
lang nicht alle Farben anbieten konnten.“
Doch die Probleme sind mittlerweile Vergangenheit. Wer heute bestellt, ob im Laden oder unter www.wasni.de, kann sich
nach zwei Wochen in ein Stück nachhaltige Mode von einem engagierten Sozialunternehmen kleiden.	
mok

KVJSaktuell

3/2016

Integration

Großer Andrang bei erster Stuttgarter
Inklusionsmesse
Breites Spektrum von Beschäftigungsmöglichkeiten vorgestellt
Für die Messe im Stuttgarter Hospitalhof haben sich eine viele Träger aus den Bereichen Schule,
Bildung, Soziales und Arbeit zusammengeschlossen. Mit mehr als 800 Besuchern war die Veranstaltung ein voller Erfolg.
Angebot von Fachwissen, und Praxiserfahrungen an Informationsständen und in Vorträgen präsentiert. Unter anderem beteiligten
sich die Agentur für Arbeit, Kammern, Bildungsträger, Werkstätten
für behinderte Menschen (WfbM)
und Schulen an der Fachmesse.
Verschiedene WfbM hatten Musterarbeitsplätze eingerichtet. Für
den nötigen Schwung zwischen
den Fachvorträgen sorgte die Band
der Stuttgarter Bodelschwinghschule „School of Rock“.

22

School of Rock in Aktion.	

Foto: Kleusch

Der Vormittag gehörte den Schülern:
Für zahlreiche Sonderpädagogische Beratungs- und Bildungsszentren (SBBZ,
früher: Sonderschule) aus Stuttgart und
Umgebung war der Besuch der Inklusionsmesse ein gut vorbereiteter Pflichttermin. Die jungen Leute wollten es genau
wissen: Wieviel verdient man in einer
Werkstatt für behinderte Menschen? Welche Beschäftigung gibt es in einem Integrationsunternehmen? Die Gesprächsrunde mit verschiedenen Unternehmen bot
Einblicke in den beruflichen Alltag und
kam gut an.
Unter dem Veranstaltungsmotto „Orientierung-Qualifizierung-Arbeit für Menschen mit Behinderung“ wurde ein breites

3/2016

KVJSaktuell

KVJS informierte über Aktion
1000

Im Vortragsprogramm vertreten war auch
das KVJS-Integrationsamt. Gemeinsam
mit dem Stuttgarter Integrationsfachdienst stellte es die Aktion 1000 – Perspektive 2020 vor. Die 2005 angelaufene, landesweite Aktion hat bereits 3 700
Menschen mit wesentlicher Behinderung
zu einem sozialversicherungspflichtigen
Arbeitsplatz verholfen. Auch nach Jahren
waren 84 Prozent der Teilnehmer noch in
einem Betrieb beschäftigt.
Die Inklusionsmesse soll nach dem großen Interesse an der ersten Veranstaltung
fortgesetzt werden. Ob schon im kommenden Jahr oder erst 2018 steht bislang
noch nicht fest.	
mok

Jugend

Immer mit vollem Einsatz für die Jugend.	

Foto: Fotolia

23

Viel geplant, viel erreicht
Das KVJS-Landesjugendamt hat seine Ziele 2015 zeitnah umgesetzt
Die vielfältigen, komplexen Aufgaben dienstleistungsorientiert, praxisgerecht und effizient
erfüllen – ein hoher Anspruch, dem sich das KVJS-Landesjugendamt immer wieder aufs Neue
stellt. Mit Erfolg, wie die Bilanz vom letzten Jahr zeigt.
„Das Jahr 2015 war sehr produktiv“, sagt
Roland Kaiser, Leiter des Dezernats Jugend beim KVJS. So veröffentlichte das
Landesjugendamt zum Beispiel allein im
Arbeitsbereich der landesweiten Berichterstattungen zur Kinder- und Jugendhilfe
vier umfassende Untersuchungen. Neu
mit dabei: eine Expertise zur Kinder- und
Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit auf
kommunaler Ebene. „Unsere Mitarbeiter
haben zahlreiche Kreisanalysen erstellt
und landesweit viele Fachgespräche und
Gremienvorträge gehalten“, so Roland
Kaiser. „Das ist ein sicheres Zeichen für das
große Interesse der Stadt- und Landkrei-

se und der Fachöffentlichkeit an unseren
Berichten.“
Mit Erfolg abgeschlossen hat das KVJSJugenddezernat auch das Forschungsprojekt „Beteiligung leben“. Die mit
Spannung erwarteten zentralen Befunde
wurden bei der Abschlussveranstaltung
im Frühjahr 2016 präsentiert. Der ausführliche Abschlussbericht liegt inzwischen
vor, eine Kurzfassung und ein „Praxishandbuch Beteiligung“ sind in Arbeit.
Die Projektergebnisse der „KiWo-Skala
Schulkind“ hat der KVJS wie geplant in

KVJSaktuell

3/2016

Jugend

der Herbstsitzung dem Landesjugendhilfeausschuss vorgestellt. Im Frühjahr
2016 fand dann die landesweite Auftaktveranstaltung zur Umsetzung in BadenWürttemberg statt. Der Abschlussbericht
beinhaltet die Skala, das Manual und das
Ablaufschema. Die KiWo-Skala Schulkind
sowie die Kopiervorlagen sind auf der
Homepage des KVJS unter www.kvjs.de/
jugend/kinderschutz/kiwo-skala-kinderschutz-in-tageseinrichtungen.html abrufbar. Die Materialien KiWo-Skala Schulkind
können auch in gedruckter Form bestellt
werden.
Vom Land durch öffentlich-rechtliche Vereinbarung als Weisungsaufgabe übertragen bekommen hat der KVJS zum
01.11.2015 die Verteilung unbegleiteter
minderjähriger Ausländer (UMA) auf die
Stadt- und Landkreise in Baden- Württemberg. Seither hat das KVJS-Landesjugendamt mehr als 3 000 UMA verteilt (siehe
Beitrag auf Seite 3). Roland Kaiser: „Allein
in den Monaten November und Dezember 2015 hat die Landesverteilstelle rund

24

1 500 Zuweisungsentscheidungen getroffen.
Außerdem haben wir die Jugendämter
und Träger bei der Umsetzung vor Ort
fachlich unterstützt, in zahlreichen Einzelfallfragen beraten sowie Informationsveranstaltungen und Fachtage durchgeführt“.
Verschiedene Landesprogramme
Das KVJS-Landesjugendamt wickelt verschiedene Landesprogramme ab. Arbeitsintensive Abstimmungsprozesse und Veränderungen waren erforderlich beim
Förderprogramm „Frühe Hilfen und Familienhebammen“, beim Kinderschutzprojekt „STÄRKE“ und bei der Beratungsstelle „Heimkinder 50er – 70er Jahre“. Diese
konnte im Jahr 2015 personell verstärkt
werden, nachdem es zuvor aufgrund der
hohen Nachfrage nach einem persönlichen Beratungstermin und der geringen
Personalausstattung eine lange Warteliste
gab.	
add

Einige Schwerpunkte der Arbeit für 2016
Transfer der Berichte zur Kinder-und Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit und zur Kinder- und
Jugendhilfe im demografischen Wandel
Umsetzung Forschungsprojekt „Integrierte und beteiligungsorientierte Planung der Kindertagesbetreuung in Baden-Württemberg“

Info

Fragen der konzeptionellen Ausrichtung der Angebote für unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA)
Überarbeitung und landesweite Einführung des Projekts zur elektronischen Abgabe der
unverzüglichen Personalmeldung gemäß §47 SGB VIII über das EDV-Programm KDW in der
Kindertagesbetreuung

3/2016

KVJSaktuell

Jugend

Immer mehr Kitas im Land
KVJS-Landesjugendamt: Betreuungsbedarf steigt
Der Ausbau der Kindertagesbetreuung in Baden-Württemberg schreitet weiter voran. Wie ein
aktueller Bericht des KVJS belegt, gab es zum 1. März 2015 im Land 8 692 Einrichtungen. Das
sind 84 Einrichtungen mehr als noch im Vorjahr. Der Trend geht vor allem in Richtung Ganztagsbetreuung.
Die Tageseinrichtungen für Kinder in Baden-Württemberg haben
2015 insgesamt 405 476 Mädchen
und Jungen betreut. Im Vorjahr
waren es noch 403 095. Ein Trend
zeigt sich in der Betreuungsart:
Gruppen mit Ganztagsbetreuung
sind von ehemals fünf Prozent
im Jahr 2005 auf gut 14 Prozent
gestiegen. Dabei ist ein Boom vor
allem bei den Kleinkindgruppen
und Krippen zu verzeichnen, die
von knapp zwei auf fast 24 Prozent angewachsen sind. Außerdem gibt es immer mehr altersgemischte Gruppen.

25

Ganztagsbetreuung in der Kita nimmt zu.	
Ganz anders die Entwicklung bei
den Regelgruppen mit klassischer
Vor- und Nachmittagsbetreuung und
liegt Baden-Württemberg nur knapp unRückkehr der Kinder in die Familien zur
ter dem Durchschnitt der westdeutschen
Mittagspause. Hier machten diese 2005
Bundesländer (28,2 Prozent), dafür aber
noch gut die Hälfte aller Betreuungsange- etwas deutlicher unter dem Gesamtdeutbote aus. 2015 waren es nicht mehr ganz
schen Durchschnitt (32,9 Prozent).
zehn Prozent.
Gegenläufig hingegen die Entwicklung
Seit 2005 hat sich die Betreuungsquote für der Belegung bei der KleinkindbetreuKinder unter drei Jahren in Baden-Würtung: Waren diese Gruppen in den ersten
temberg um gut das Siebenfache von 3,9
Jahren des Untersuchungszeitraums ab
Prozent auf 27,8 Prozent erhöht. Damit
2005 in der Regel voll, wenn nicht sogar

Foto: Reuter

KVJSaktuell

3/2016

Info

Seit 2005 erhebt das KVJS-Landesjugendamt jährlich Daten zur Betreuung in Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg. Den ausführlichen Bericht gibt es als Download im Internet unter www.kvjs.de/jugend/jugendhilfeplanung mit Klick auf „Berichterstattung Kindertagesbetreuung“.

Jugend

überbelegt, so sind ab 2009 teilweise sogar Plätze freigeblieben. 2015 waren sogar
mehr als zehn Prozent der Plätze nicht
besetzt.
43,9 Prozent der Plätze lagen in kommunaler Trägerschaft, 17,8 Prozent in evangelischer und 25,9 Prozent in katholischer

Trägerschaft. Während der Anteil in kommunaler Trägerschaft seit 2005 nahezu gleich geblieben ist, ging der Anteil in
kirchlicher Trägerschaft leicht zurück. Der
Anteil der übrigen Träger hingegen (z. B.
private Anbieter) ist im Vergleich dazu von
gut sechs auf 12,4 Prozent gestiegen
add

Neue Herausforderungen für die Jugendhilfeplanung
Die Kitalandschaft verändert sich – quantitativ und qualitativ.
Die Stadt- und Landkreise stehen vor großen Herausforderungen. Dazu Jugendhilfeplaner
Dr. Joachim Fiebig vom KVJS.
Der Bericht bietet den Kommunen, Jugendämtern und den Einrichtungsträgern eine empirisch fundierte Grundlage,
sich auf veränderte Nachfrage- und Bedarfsentwicklungen vor Ort einzustellen.
Er soll weiterhin die Kitaplanung unterstützen und zu einem fachlichen Diskurs
über die Ausgestaltung und Entwicklung
der Betreuungsangebotsformen in BadenWürttemberg anregen. Zudem präsentiert
er exemplarisch Analysemöglichkeiten, die
mittels KDW auch auf örtlicher Ebene eingesetzt werden können.

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Als bedeutsame Trends des Berichts lassen
sich drei Entwicklungen hervorheben. Der
erste Trend ist die Umkehr der Nachfrage nach Kindertagesbetreuungsplätzen.
Nachdem seit 2005 die Zahl der in Kindertagesbetreuung befindlichen Kindergartenkinder jährlich gefallen ist, steigt
sie zum Stichtag 01.03.2015, wie bereits
2014, wieder an. Diese Entwicklung hängt
in Teilen auch mit dem mittlerweile schon
etwas länger zu beobachtenden Trend zusammen, dass die Zahl der unter dreijährigen Kindern in der Wohnbevölkerung seit
2007 kontinuierlich zunimmt. Laut Prognose des Statistischen Landesamtes wird sich
3/2016

KVJSaktuell

diese Entwicklung auch in den kommenden 15 Jahren nicht abschwächen.
In Kombination mit dem dritten, ebenfalls längerfristigen Trend der veränderten
Inanspruchnahme von Betreuungsangeboten, ergeben sich spezifische Herausforderungen für die Jugendhilfeplanung.
Angebotsformen, die lange Betreuungszeiten gewähren (vor allem die Ganztagsbetreuung), gewinnen seit der ersten
Berichterstattung zum Stichtag 15.01.2005
deutlich an Bedeutung hinzu. Gleichzeitig
verringert sich die Zahl von Kindern in Angebotsformen mit kürzeren Betreuungszeiten beziehungsweise Unterbrechung
am Mittag zum Teil dramatisch. Zusammen stellen diese beiden „konstanten“
Veränderungsgrößen, die von den aktuellen Einwanderungsbewegungen eher
unabhängig zu sehen sind, durch diese
aber nochmals verschärft werden könnten, eine große Herausforderung für die
Gemeinden und die Stadt- und Landkreise dar. Und dies nicht nur was die Planung
der Betreuungsangebote in quantitativer
Hinsicht betrifft, sondern auch mit Blick
auf die qualitative Ausgestaltung und Veränderung der Angebotsformen.

Forschung

Beteiligung leben!
Volles Haus bei der Abschlussveranstaltung des KVJS-Forschungsvorhaben
Wie steht es in Baden-Württemberg um Beteiligung und Beschwerde von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung? Dies hat der KVJS zwei Jahre intensiv beforscht. Im April gab es
zum Abschluss eine Veranstaltung im Hospitalhof in Stuttgart, bei der die zentralen Ergebnisse
des Projekts vorgestellt und diskutiert wurden.
Über 130 Fachkräfte der öffentlichen und
freien Jugendhilfe folgten mit Spannung
der gemeinsamen Präsentation der beiden Forschungsinstitute aus Tübingen
und Mainz. Die Ergebnisse des KVJS-Forschungsvorhabens unterstreichen, wie
wichtig unter anderem eine beteiligungsorientierte Hilfeplanung sowohl für das
Wohlergehen der jungen Menschen als
auch für das Gelingen einer Maßnahme
insgesamt ist. Und: Rund 90 Prozent der
Jungen und Mädchen schätzen die Vorbereitung auf Hilfeplangespräche positiv ein.
Immerhin ein Drittel wünscht sich aber
eine ausgiebigere Nachbereitung von Hilfeplangesprächen.

Einrichtungen der Erziehungshilfe stehen
vor der Herausforderung, Beteiligungskonzepte und Beschwerdeverfahren weiter zu entwickeln. Um die Rechte der Kinder und Jugendlichen zu stärken, reicht es
allerdings nicht aus, entsprechende For-

27

men und Instrumente der Beteiligung zu
institutionalisieren. Partizipation will vor
allem gelebt sein, wie auch Prof. Dr. Dr.
h.c. mult. Hans Thiersch in seinem Vortrag
kommentierte. So sei es möglich, durch
eine entsprechende Haltung und Kultur in
einer Einrichtung auch Vorbehalten, die

Den ausführlichen Abschlussbericht gibt es kostenlos
beim KVJS:
Ulrike Cserny
Telefon 0711 6375-469
Ulrike.Cserny@kvjs.de
oder zum Downloaden im Internet unter www.kvjs.de/
de/forschung/aktuelle-forschungsvorhaben/beteiligungleben.html.
Hier finden Sie demnächst auch eine Praxishandreichung.

KVJSaktuell

3/2016

Info

Ernüchternd ist die Bilanz, was den Part
der Eltern betrifft: Das Projekt erreichte
insgesamt nur 106 Elternteile, von denen
fast alle mit der Hilfe besonders zufrieden
sind. Diese Rückmeldungen repräsentieren also nicht die Breite der Elternschaft.
Dennoch sind die Ergebnisse aufschlussreich – so das Fazit des Forscherteams
– nämlich dann, wenn man fragt: Was
macht diese Eltern besonders zufrieden?
Auf diese Weise konnten wichtige Hinweise zur Verbesserung der Elternarbeit gewonnen werden.

Angeregte Diskussion auf dem Podium: v.l.n.r.: Larissa Neumann und
Adrian Manling, Albert-Schweitzer-Kinderdorf e. V., Roland Kaiser, KVJSLandesjugendamt, Prof. Dr. Rainer Treptow, Institut für Erziehungswissenschaften (IFE), Universität Tübingen, Josef Koch, Geschäftsführer Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen (IGfH), Sabine Triska,
Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg e. V.; Ralf Klein-Jung, Leiter der
Marienpflege Ellwangen, Wolfgang Schwaab, Leiter des Jugendamts
Enzkreis. 						Foto: Addow

Forschung

Fachkräfte oftmals gegenüber Beschwerdeverfahren haben, entgegen zu wirken.
Eine noch ausbaufähige zentrale Schnittstelle ist die Kooperation zwischen öffentlichen und freien Trägern. Ein Drittel der
Jugendämter hat bereits gemeinsame
Vereinbarungen mit freien Trägern der Jugendhilfe getroffen. Hierzu zählt auch das
Jugendamt im Landkreis Emmendingen,

das zusammen mit dem LBZ (Lösungsorientiertes Bildungs-, Beratungs- und Betreuungszentrum) St. Anton in Riegel ein
gut funktionierendes Tandem bildet. Ihren gemeinsam konzipierten Entwicklungszielkreis als Instrument der beteiligungsorientierten Hilfeplanung stellten
die Fachkräfte als ein Beispiel gelingender
Praxis den Interessierten vor.
add

Die Hilfeplanung steht im Fokus
Dr. Jürgen Strohmaier vom KVJS-Landesjugendamt zum Thema Partizipation
Herr Dr. Strohmaier, was ist Ihr wichtigstes
Anliegen bei der Beteiligung von Jugendlichen in der Heimerziehung?

28

Erziehungs- und Bildungsprozesse in der
Jugendhilfe.
Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Dr. Jürgen Strohmaier leitet
beim KVJS das Referat Hilfe
zur Erziehung und Wohnheime, Betriebserlaubnis,
Beratung und Aufsicht, Jugendberufshilfe:
Foto: privat

3/2016

Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung müssen wahrgenommen und in
alle Entscheidungen, die ihre Entwicklung
und Individuation betreffen, altersgemäß
einbezogen werden. Die Hilfeplanung als
pädagogischen Prozess halte ich dabei
für ein zentrales Instrument. Denn die
Bedeutung von Hilfeplänen und Hilfeplangesprächen – das hat das KVJS-Forschungsprojekt „Beteiligung leben“ als
ein wesentliches Ergebnis hervorgebracht
– ist den Kindern und Jugendlichen sehr
wohl bekannt. Die Verantwortung für
Beteiligungsmechanismen liegt deshalb
insbesondere bei den Fachkräften aus
Jugendämtern und Einrichtungen der Erziehungshilfe. Zur professionellen Ausführung des sozialpädagogischen Handwerks
gehört die Partizipation. Diese muss natürlich auch Eltern und weitere Familienmitglieder beziehungsweise Akteure aus
dem familiären Umfeld mit einbinden.
Dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe für

KVJSaktuell

Verbesserungsbedarf sehe ich zum Beispiel bei der Elternbeteiligung, die ein
Balanceakt in der Elternarbeit darstellt.
Beteiligung lässt sich nicht erzwingen und
muss teilweise mühevoll mit den Erziehungsberechtigten erarbeitet werden. Wir
sehen, dass dies eine Herausforderung für
die Fachkräfte bei öffentlichen und freien
Trägern darstellt. Was ist zu tun, wenn sich
Eltern dafür schämen, dass ihr Kind Hilfe
zur Erziehung bekommt? Wie kriege ich
das hin, dass sich Eltern trotzdem an der
Hilfe beteiligen? Das kann zum Beispiel
über die genannte Hilfeplanung erfolgen. Ich weiß aber aus eigener Berufserfahrung, dass das nicht leicht ist. Deshalb
werden wir als Landesjugendamt bei unseren Beratungen, Tagungen und Fortbildungen weiter für Beteiligung werben.
Das Interview führte Gabriele Addow

Fortbildung

Neue Fortbildung in der Flüchtlingsarbeit
2015 hat Deutschland über
eine Million Flüchtlinge aufgenommen, weit über 50 000
sind seit Jahresbeginn neu
hinzugekommen (Stand Juni
2016). Angesichts der damit
verbundenen Aufgaben bei
der Integration dieser Menschen hat der KVJS eine neue
Fortbildungsveranstaltung
mit Referenten aus der praktischen Flüchtlingsarbeit konzipiert:
Einführung in die Flüchtlingshilfe – Aufbau und
Unterstützung ehrenamtlicher Arbeit am 15.09.2016,
KVJS-Bildungszentrum Schloss
Flehingen
Die verstärkte Aufnahme von Flüchtlingen erfordert differenzierte Qualifikationen. Der KVJS
Foto: Fotolia

bietet passgenaue Fortbildungen. 	
Details zu dieser Veranstaltung finden Sie im Internet
unter www.kvjs.de/fortbildung. BuWir bitten Sie, auf die Veranstaltung auch
chungsnummer:
die in Ihrem Zuständigkeitsbereich in Fra16-2-EHS29-1
ge kommenden Stellen hinzuweisen. 	
add

Ungebremstes Interesse am Fortbildungsangebot des KVJS: 13.690 bildungswillige Bürger
nahmen im vergangenen Jahr an den verschiedenen Seminaren, Fachtagungen, Workshops
und berufsbegleitenden Fortbildungsreihen teil. Das sind 968 mehr als im Jahr zuvor.
Die Weiterbildungspalette des KVJS war auch im Jahr 2015 breit. Nachgefragt wurden insbesondere Veranstaltungen in den Bereichen Allgemeine Soziale Dienste und Schulsozialarbeit.
Bei den Inhouse-Veranstaltungen hat sich die Teilnehmerzahl um 269 erhöht. Hier buchten die
Interessierten verstärkt Veranstaltungen des Landesjugendamtes zu den Themen Inklusion sowie alltagsintegrierte Sprachbildung.

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Info

KVJS-Fortbildung boomt

Neu erschienen

Beim KVJS erschienen
Alle hier aufgeführten Publikationen des KVJS sind kostenlos. Sie stehen auch im Internet unter
www.kvjs.de/service/publikationen.html zum Herunterladen zur Verfügung.

Behinderung und Arbeit

Forschung

Zeitschrift „Behinderte Menschen im
Beruf“, Ausgabe Baden-Württemberg,
Heft 2/2016.
Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des
Integrationsamtes.

Beteiligung leben!
Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren für Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Heimerziehung und
sonstigen betreuten Wohnformen in
Baden-Württemberg. Abschlussbericht
zum KVJS-Forschungsvorhaben.

Kostenlos zu beziehen beim KVJS
Manuela Weimar
Telefon: 0721 8107-942
integrationsamt@kvjs.de

Soziales, Behinderung, Pflege
Leichte Sprache im Fallmanagement.
Hinweise und Wörterbuch für die Praxis, 2016.
Die Broschüre bietet Fachleuten eine Einführung in die Leichte Sprache und ein
Wörterbuch für Begriffe, die häufig in Beratung, Gesprächen oder Behördenschreiben vorkommen.

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Wörter•buch zum Fall•management in
Leichter Sprache, gedruckt im Jahr 2016.
Für Menschen mit Lernschwierigkeiten
gibt es das Wörterbuch auch als Ausgabe
ohne einführenden Teil.
Kostenlos zu beziehen beim KVJS
Manuela Weißenberger oder
Maria Cumplido
Telefon 0711 6375-307 oder -769
Sekretariat21@kvjs.de

Foto: Fotolia

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KVJSaktuell

Kostenlos zu beziehen beim KVJS
Ulrike Cserny
Telefon: 0711 6375-469
Ulrike.Cserny@kvjs.de

KVJS

Verantwortlich:
Kristina Reisinger (rei)
Mit Beiträgen von:
Gabriele Addow (add)
Monika Kleusch (mok)
Sylvia Rizvi (syr)
Titelfoto: Wasni
Layout:
Waltraud Gross
Bestellungen und Adressänderungen:
Petra Wagner
Telefon 0711 6375-208
Petra.Wagner@kvjs.de
Lindenspürstraße 39
70176 Stuttgart
www.kvjs.de
Redaktioneller Hinweis:
Wir bitten um Verständnis, dass aus
Gründen der Lesbarkeit auf eine durchgängige Nennung der weiblichen und
männlichen Bezeichnungen verzichtet
wird. Selbstverständlich beziehen sich
die Texte in gleicher Weise auf Frauen
und Männer.

KVJSaktuell

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Impressum

KVJS aktuell
Juni 2016
Herausgeber:
Kommunalverband für Jugend
und Soziales Baden-Württemberg
Öffentlichkeitsarbeit

31

Postanschrift
Postfach 10 60 22
70049 Stuttgart

Hausadresse
Lindenspürstraße 39
70176 Stuttgart (West)

Tel. 0711 63 75-0
www.kvjs.de
        
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