Publication:
2014
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729456
Path:
2/2014

KVJS
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aktuell

Heimerziehung gestern und heute
Von der Bevormundung zur Beteiligung

Soziales

Eingliederungshilfe und Sozialer Wandel
Seite 8

Jugend

KVJS Bildungstag: Qualität in Kitas gestiegen
Seite 29

Forschung

Neues Werkzeug für Netzwerkkonferenzen
Seite 31

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Inhaltsverzeichnis
KVJS 	 3	 Ehemalige Heimkinder stehen Schlange 	 4	 Fachtag zur Gewalt in der Heimerziehung gestern und heute 	 5	 Forschungsprojekt zur Mitsprache von Kindern in der Heimerziehung 	 6	 Reformprojekte zeitnah verwirklichen Soziales 	 8	 Eingliederungshilfe und sozialer Wandel 	11	 Messe Pflege & Reha diskutiert vernetzte Technik 	12	 KVJS legt Umfrage zum Programm „Neue Bausteine“ vor 	14	 Impulse zum geplanten Gesetz zur inklusiven Beschulung 	15	 Psychisch krank in die Pflege 	17	 Von der Schwierigkeit, Gefangene zu entlassen 	19	 Meldungen Soziales Integration 	20	 Ladenburger Baumschule ist beispielhaft behindertenfreundlich 	22	 Lautstarke Unterstützung für Daimler 2 Jugend 	24	 Im Landratsamt Karlsruhe kocht ein Integrationsunternehmen 	25	 Meldungen Integration 	26	 Wohin will das Land mit der Jugendhilfe? 	28	 Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe 	29	 Qualität in Kitas gestiegen Forschung Fortbildung Neu erschienen 	31	 Neues Werkzeug für Netzwerkkonferenzen 	33	 Meldungen Fortbildung 	34	 Publikationen beim KVJS erschienen

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Ehemalige Heimkinder stehen Schlange
Beratung muss rasch ausgebaut und verlängert werden
Mehr als 1.000 Männer und Frauen haben in Stuttgart einen Antrag auf Leistungen aus dem „Fonds Heimerziehung“ gestellt – deutlich mehr als angenommen. Nun hat sich der Sozialausschuss des Landtages dafür ausgesprochen, die Kapazitäten auszuweiten. Der endgültige Beschluss wird vom Landtag voraussichtlich Ende März gefasst.
Die zentrale Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder liegt in BadenWürttemberg beim KVJS. Die Nachfrage ist ungebrochen groß – und das Geld aus dem Fonds noch nicht ausgeschöpft. Bundesweit sind nach Aussagen des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erst Leistungen für 66 Millionen Euro beantragt worden, weitere 54 Millionen stünden noch bereit. Allerdings endet die Laufzeit am 31. Dezember 2014. Bis dann müssen die Betroffenen Vereinbarungen mit der Anlauf- und Beratungsstelle geschlossen haben. 2011 hatte der Landtag beschlossen, in Baden-Württemberg nur die Hälfte der für die Verwaltung vorgesehenen Mittel einzusetzen. Von Beginn an lag die Personalausstattung damit deutlich hinter der anderer Bundesländer. Das führte zu langen Wartezeiten. Um einen Antragsstau zu vermeiden, soll der Anteil von bisher fünf Prozent nun aufgestockt werden. Bei einem Besuch vor Ort überzeugte sich der Sozialausschuss des Landtages von der Wichtigkeit der Arbeit der Beratungsstelle und fasste nun einstimmig die Beschlussempfehlung, den Landtagsbeschluss von 2011 aufzuheben. Die Vorsitzende des Gremiums, die Grünen-Abgeordnete Bärbl Mielich, teilte mit: „Die Realität hat uns überrollt. Es hat sich gezeigt, wie wichtig die therapeutische Beratung der Betroffenen ist.“ Das bekräftigte Sozialministerin Katrin Altpeter: „Wir beabsichtigen, die Verwaltungsmittel auf zehn Prozent aufzustocken“, sagte sie im Die Anlaufstelle am Feuersee. Landesjugendhilfeausschuss beim KVJS. Außerdem forderte der KVJS, dass sich das Land auf Bundesebene für eine Ausweitung des Bearbeitungszeitraums und der Finanzierung der Beratung über den 31. Dezember 2014 hinaus einsetzt. Denn nur so können alle Anfragen, die in diesem Jahr eingehen, bearbeitet werden. rei

Foto: Reisinger

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Der „Fonds Heimerziehung“
Der Bund, die westdeutschen Bundesländer sowie die evangelische und katholische Kirche errichteten den Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ 2012. Baden-Württemberg beteiligt sich mit 6,1 Millionen Euro, von denen zwei Drittel das Land und ein Drittel die kommunale Seite trägt. Betroffene können Sachleistungen in Höhe von bis zu 10.000 Euro beantragen, etwa für Therapien, sowie Rentenersatzansprüche für die Arbeit, die sie in den Heimen verrichten mussten. Im vergangenen Jahr erhielten mehr als 834 Betroffene aus dem Südwesten 2,6 Millionen Euro.

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Früher steckte System dahinter
Fachtag zur Gewalt in der Heimerziehung gestern und heute
Eine sozialhistorische Aufarbeitung der Heimerziehung zeigt, wie wichtig es ist, die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im pädagogischen Alltag zu verankern. Dies war zentrales Ergebnis auf einem Fachtag der Hochschule Esslingen zum Thema „Gewalt und Unrechtserfahrungen in der Erziehung gestern und heute“.
Ziel der vom Beirat der zentralen Anlaufund Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder initiierten Veranstaltung war es, die Leiderfahrungen von Betroffenen zu Gehör zu bringen und anzuerkennen, pädagogische Konzepte der Heimerziehung von gestern und heute zu analysieren sowie die Auswirkungen auf die Soziale Arbeit zu ermitteln. „Es gibt eine unmittelbare Korrespondenz zwischen Gewalt- und Unrechtserfahrungen der Heimerziehung von gestern und Partizipationserfahrungen und Kinderrechten von heute“, machte Dr. Jürgen Strohmaier vom KVJS deutlich. Der Jugendhilfeexperte zeigte mit seinem Vortrag die Konsequenzen in der gegenwärtigen Heimerziehung aus der Perspektive des KVJS-Landesjugendamtes auf. Mehr Rechte für Kinder Seit der Heimkampagne in den 70er-Jahren veränderte sich sowohl im Verständnis von Erziehungshilfe als auch in der Gesetzgebung vieles zum Positiven. Vor allem das neue Bundeskinderschutzgesetz stellt die Rechte von Kindern und Jugendlichen noch deutlicher in den Vordergrund. „Dass sie mitentscheiden, wie sie ihr Leben führen und nach welchen Regeln sie ihren Alltag gestalten wollen, ist eines der Grundprinzipien der internationalen Kinderrechte und hat bereits eine lange Tradition“, hob Strohmaier hervor. Das Gesetz nimmt aber auch die Träger von Einrichtungen, Jugendämtern und Aufsichtsbehörden beim Kinderschutz stärker in die Pflicht. So müssen zum Beispiel betriebserlaubnispflichtige Einrichtungen Verfahren der Beteiligung und Beschwerde anwenden. Strohmaier: „Diese neue gesetzliche Verpflichtung zu Beschwerdeverfahren ist insbesondere vor dem Hintergrund der Aufarbeitung von Missbrauchs- und Gewaltfällen wichtig“. Heute besteht strukturell ein geringeres Risiko als damals, dass es zu Gewalt und Grenzverletzungen in der Erziehung kommt. Denn: „ Früher erfolgten solche Taten nicht spontan aus der Situation heraus, sondern es steckte System dahinter. Gewalt wurde toleriert und verschwiegen, nichts drang nach außen“, sagte Strohmaier. Mangelnde Transparenz, ungenügend ausgebildetes Personal oder indifferentes pädagogisches Handeln könnten jedoch auch heute noch kindeswohlgefährdend in den Einrichtungen sein. add

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Beteiligung leben!
Forschungsprojekt zur Mitsprache von Kindern in der Heimerziehung
Früher wurden die Rechte der Kinder eher klein gehalten. Heute weiß man: Kinder und Jugendliche haben bessere Entwicklungschancen, wenn sie aktiv beteiligt werden am pädagogischen Alltag. Die Einrichtungen bieten unterschiedliche Formen der Beteiligung an. Ein neues KVJSForschungsvorhaben soll nun die Verfahren untersuchen und Impulse entwickeln.
Betriebserlaubnispflichtige EinrichtunWorum geht’s? gen der Heimerziehung müssen geeigneForscher haben untersucht, was für Kinder und te Formen der Beteiligung umsetzen und Jugendliche in Wohngruppen wichtig ist. Sie haben herausgefunden, dass Eure Mitbestimmung im transparente Verfahren zur Beschwerde Alltag von Wohngruppen und Eure Einbeziehung bei der Hilfeplanung sehr dazu beitragen, anwenin persönlichen Angelegenheitendass es Euch gut geht. den. Gemeinsam mit dem Institut für soziAußerdem wissen wir: Wenn Ihr merkt, dass Euer Handeln etwas bewirkt, alpädagogische -Forschung Mainz gGmbH könnt Ihr Euch gut für Eure eigenen Wünsche und Ideen einsetzen. (ism) und dem Institut für Erziehungswis- Je mehr Eure Rechte ernst genommen werden, senschaft der Universität Tübingenden Erwachsedesto respektvoller werdet Ihr von unternen behandelt. sucht der KVJS bis Ende 2015 die aktuelle Wir wissen aber auch, dass Praxis dieser Beschwerdeverfahren. Dabei - nicht alle Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, dass sie werden Kinder und manche genügend mitbestimmen können, Jugendliche, Träger, - sich Kinder und Jugendliche nicht trauen, ihre eigene Meinung zu sagen. Betreuungskräfte, Erziehungsberechtigte und Fachkräfte der Jugendämter eingebunden. Ziel ist es, einen qualitativen und strukturellen Weiterentwicklungsbedarf zu ermitteln und eine praxisnahe Handreichung zur Implementierung von Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren für betriebserlaubnispflichtige Einrichtungen der Heimerziehung und sonstige betreute Wohnformen zu entwickeln. Kids forschen mit! Ein Markenzeichen des Forschungsvorhabens „Beteiligung leben!“ ist die Beteiligung: Insbesondere Kinder und Jugendliche sind aktive Partner im gesamten Prozess – zum Beispiel im ständigen „Begleitkreis Kids“. An der ersten Sitzung nahmen Mädchen und Jungen im Alter von elf bis 19 Jahren aus dem CJD Jugenddorf Schloss Kaltenstein (Vaihingen), dem Kinderheim Linzgau (Überlingen), der Marienpflege (Ellwangen), dem Wo erhaltet Ihr mehr Sperlingshof (Remchingen) und dem Information? Albert-Schweitzer-KinderProjektleitung KVJS-Landesjugendamt dorf Rüdiger Arendt (Waldenburg) teil. Einen Telefon: 0711 lang halben Tag 6375-436 tauschten sie ruediger.arendt@kvjs.de beim KVJS Sozialpädagogische Forschung IdeErfahrungen und Institut für Mainz gGmbH en aus. Die Forscher der UniverErziehungswissenschaftlerin sität Rebecca Schmolke und des ism erTübingen Telefon: 06131/24041-29 rebecca.schmolke@ism-mainz.de hielten eine Vielzahl wertvoller Universität Tübingen Hinweise zur Gestaltung eines Institut für Erziehungswissenschaft Jan Karolus Forschungsfragebogens für junTelefon: 07071/29-76750 rainer.treptow@uni-tübingen.de ge Menschen sowie zur Gestaltung des begleitenden Info-Materials. Die Mädchen und Jungen waren sehr interessiert und wollen weitermachen im Begleitkreis. Sie zeigten sich gespannt auf die Ergebnisse der Umfragen, die sie mit den Forschern diskutieren und für die Ausgestaltung der Partizipation in ihren Einrichtungen nutzen wollen. rei

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Der KVJS

Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg

Macht mit

Beteiligung leben!
bei der Forschung zum Beteiligungsund Beschwerdeverfahren für Kinder und Jugendliche in Heimerziehung 2014 bis 2015

Der Flyer zum Projekt.

Ihre Ansprechpartner
Rüdiger Arendt Projektleiter des Forschungsvorhabens Telefon 0711 6375-436 Ruediger.Arendt@KVJS.de Heide Trautwein Geschäftsführung KVJS-Forschung Telefon 0711 6375-716 Heide.Trautwein@KVJS.de www.kvjs.de/forschung.html.

Info

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Reformprojekte zeitnah verwirklichen
Sozialdezernententagung 2014
Die kommunale Ebene schaut gespannt Richtung Berlin: auf den Fahrplan der neuen Bundesregierung für die Sozialpolitik der kommenden Jahre. Das taten auch die Sozialdezernenten auf ihrer Jahrestagung, nahmen darüber hinaus aber vor allem Themen vor ihrer Haustür in den Blick.
rektor Klinger. 50 Prozent werden künftig in den Aufbau von neuen gemeindeintegrierten Wohn- und Beschäftigungsangeboten investiert, 25 Prozent für Umbau und Modernisierung und 25 Prozent für innovative und inklusive Vorhaben. „Die Konversion der großen Komplexeinrichtungen ist aber noch lange nicht gelöst“, sagte Klinger. Erst jüngst haben zwölf Einrichtungen die „Initiative – Verband der Komplexeinrichtungen der Behindertenhilfe Baden-Württemberg e. V.“ gegründet und warnen, die bestehenden Strukturen einfach aufzugeben, ohne vorher dezentrale Strukturen aufzubauen. „Bei der Inklusion kommt es auf die richtige Geschwindigkeit an und darauf, dass Erwartungen, die politisch geweckt werden, finanziell erfüllt werden“, so Klinger. Schulbegleitung Das KVJS-Forschungsvorhaben „Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung in allgemeinen Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und Schulen“ weiste Ende 2011 für fast 1.900 Schüler eine Schulbegleitung mit steigender Tendenz aus. Ein vom KVJS in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten (siehe auch Seite 14) zeigt, dass man Entscheidungs- und Finanzierungszuständigkeiten bündeln sollte. Demnach kann das Land Landesschulrecht durchaus so gestalten, dass ein Schulbesuch ohne Sozialoder Jugendhilfeleistungen möglich ist.

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Die goldenen Bausteine gab es 2012 für erfolgreiche Projekte.

Foto: Milsch

„Reformprojekte bis in die Ewigkeit“ – mit diesen Worten führte KVJS-Verbandsdirektor Senator e. h. Prof. Roland Klinger in die aktuellen Themen der Sozialpolitik ein. Das Thema Inklusion fand in mehreren Aspekten Eingang in die Tagung. Die Entwicklung des 2012 dazu angestoßenen Gültstein-Prozesses sowie das weitere Verfahren zum Landesaktionsplan Inklusion werden die Kommunen in den kommenden Wochen weiter begleiten. Die neuen Förderrichtlinien des Sozialministeriums für die investive Förderung von Einrichtungen haben „einen deutlichen Akzent gesetzt“, sagte Verbandsdi-

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Im April werden Formulierungsvorschläge des Gutachters für ein neues Schulgesetz in der Sitzung von Sozial- und Kulturausschuss beim Landkreistag erörtert. Eingliederungshilfe Bestandteile der Inklusion sind auch die „Neuen Bausteine der Eingliederungsund Wohnungslosenhilfe“. 2013 förderte der KVJS erstmals auch Projekte der Wohnungslosenhilfe. Dafür wurden die Fördermittel auf 550.000 Euro aufgestockt. Bis 2015 erproben sieben neue Projekte Ansätze, drei davon im Bereich der Wohnungslosenhilfe. Inklusion und Sozialraumorientierung stehen in einem Zusammenhang mit dem Case Management. Dabei spielt das Fallmanagement eine bedeutende Rolle. Spannungen tun sich aktuell in der Diskussion um ein neues Bundesleistungsgesetz auf: Die freie Wohlfahrtspflege sieht es kritisch, dass das Case Management von den Sozialhilfeträgern gesteuert werden soll und beharrt auf den Vorrang der freien vor der öffentlichen Wohlfahrtspflege. Zu dieser institutionellen Subsidiarität gibt es bereits eine Klage gegen einen Landkreis. „Deshalb werden wir uns inhaltlich damit auseinandersetzen, denn es gibt überzeugende Gegenargumente“, so Klinger. Teilhabe am Arbeitsleben Im Rahmen der Inklusion hat die Teilhabe am Arbeitsleben und die Aktion 1000 – nunmehr mit der Perspektive 2020 – eine hohe Priorität in den Kreisen. 36 der 44 Stadt- und Landkreise stocken bereits die Lohnkostenförderung des KVJS für besonders betroffene Menschen auf. „Wenn wir die Übergangsquote von drei Prozent aus der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt auf zehn Prozent steigern könnten, wäre das ein großer Erfolg“, sagte Klinger.

Das KVJS-Forschungsvorhaben „Regionale Arbeitsmarktforschung und –planung zur Integration von Menschen mit wesentlicher Behinderung“ gibt den Kreisen neue Werkzeuge an die Hand. 2014 trägt der KVJS die Forschungsergebnisse in die Kreise. Mehr dazu auf Seite 31. Bundesteilhabegesetzt, Teilhabegeld und kommunale Entlastung Die Eingliederungshilfe hat bundesweit einen Aufwand von 15 Milliarden Euro und in Baden-Württemberg von 1,3 Milliarden Euro. Deshalb ist die angekündigte Entlastung von fünf Milliarden Euro jährlich rasch und dringend geboten. Die Entlastung soll mit dem Bundesteilhabegeld als persönliches Budget von 650 Euro für Menschen mit Behinderung verknüpft werden, so dass dementsprechend sozialhilferechtlich weniger Aufwand entsteht. Jugendhilfe Die Koalition in Berlin bleibt bei der Jugendhilfe eher vage. Der KVJS will mit seinen Berichten in der Jugendhilfe auf die Politik einwirken und stellt derzeit den zweiten „Bericht zu Entwicklungen und Rahmenbedingungen der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen in BadenWürttemberg“ in den Kreisen vor. Für die Kinder- und Jugendarbeit wird ebenfalls ein Bericht erstellt. Er wird in die Frühjahrssitzung 2015 des Landesjugendhilfeausschusses eingebracht. Geplant ist außerdem, zukünftig die Beratung der Jugendämter in der örtlichen Jugendhilfeplanung zu intensivieren und ein Baukastensystem zur Unterstützung der Jugendämter zu entwickeln. Erste Zwischenergebnisse soll es Ende 2014 geben. Ausführliche Informationen zur diesjährigen Sozialdezernententagung finden sich im KVJS-Mitgliederbereich. rei

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Eingliederungshilfe und sozialer Wandel
Ergebnisse der landesweiten Berichterstattung und Forschung
Immer mehr Menschen in Baden-Württemberg erhalten Leistungen der Eingliederungshilfe: Die Zahl stieg 2007 bis 2012 regelmäßig um durchschnittlich drei Prozent. Was sind die Hintergründe? Der KVJS-Statistikbericht zur Eingliederungshilfe und aktuelle Forschungsvorhaben liefern Hinweise auf mögliche Zusammenhänge mit sozialen und demographischen Entwicklungen.
Von Gabriele Hörmle Unbestritten ist: Die Zahl älterer Menschen mit Behinderung wächst. Inzwischen haben die ersten vollständigen Nachkriegsjahrgänge das Rentenalter erreicht: Die Zahl der Älteren, die eine spezielle Tagesstruktur nutzen, stieg daher in den letzten fünf Jahren um 900 Personen (33 Prozent) an. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren verstärken: Rund 10.500 Beschäftigte in Werkstätten und Fördergruppen hatten Ende 2012 das 50. Lebensjahr bereits überschritten. Diese Menschen haben gute Chancen, genauso alt zu werden wie Ältere ohne Behinderung. Darauf weisen die Ergebnisse des soeben abgeschlossenen KVJS-Forschungsvorhabens „Alter erleben“ hin. Am anderen Ende der Altersskala wächst die Zahl der Leistungsempfänger im Kindes- und Jugendalter: Zwischen 2007 und 2012 stieg die Zahl der Eingliederungshilfen für Kinder mit einer (drohenden) Behinderung in Kitas um rund 1.300 (29 Prozent) an, die Zahl der Schüler mit Eingliederungshilfe um 900 (zwölf Prozent). Parallel nahm auch die Zahl der Eingliederungshilfen für junge Menschen mit einer seelischen Behinderung zu: um mehr als 1.800 (42 Prozent). Woran liegt es, dass immer mehr junge Menschen Eingliederungshilfe erhalten, obwohl die Gesamtpopulation kontinuierlich zurückgeht? Hat sich die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren objektiv verschlechtert? Oder führen der Ausbau präventiver Maßnahmen und gesellschaftliche Veränderungen zu anderen Wahrnehmungen von Behinderungen? Die Datenlage ist schlecht. Vorhandene Zahlen und Studien weisen aber darauf hin, dass beide Faktoren eine Rolle spielen. Es gibt keine Statistiken zur Entwicklung der Zahl angeborener Behinderungen in Deutschland. Fachleute sind sich einig, dass medizinische und gesellschaftliche Entwicklungen teilweise gegenläufige Auswirkungen haben: Dem Ausbau der Vorsorge und pränatalen Diagnostik stehen mehr Spätgebärende und bessere Überlebenschancen von Kindern mit sehr niedrigem Geburtsgewicht gegenüber. Unstrittig ist, dass diese Faktoren zu Änderungen in der Verteilung der Behinderungsarten führen. Konkrete Zahlen liefern die Pflegestatistik und die Statistik der schwerbehinderten Menschen: Die Zahl der unter 20-jährigen mit Leistungen der Pflegeversicherung stieg laut statistischem Landesamt zwischen 2007 und 2011 um sechs Prozent an, die Zahl der unter 18-Jährigen mit einem Schwerbehindertenausweis um zehn Prozent. Die jährlichen Zuwäch-

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Soziales

se fallen geringer aus als in der Eingliederungshilfe. Die Zuwächse betreffen nicht alle Behinderungsarten: Zugenommen hat vor allem die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Schwerbehindertenausweisen aufgrund einer „Beeinträchtigung der Funktion von inneren Organen“, einer Lern- oder geistigen Behinderung sowie einer psychischen Beeinträchtigung. Darüber hinaus spielten auch nicht einzuordnende oder ungenügend bezeichnete Behinderungen eine größere Rolle. Der erste bundesweite Kinder- und Jugendgesundheitssurvey zeigt ebenfalls eine Verschiebung der typischen Krankheitsbilder von Kindern und Jugendlichen: weg von akuten hin zu chronischen Erkrankungen und psychischen Auffälligkeiten. Die gesundheitliche Situation ist eng mit der sozialen Lebenslage verknüpft. Soziale und wirtschaftliche Benachteiligungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte gesundheitliche Probleme bei Kindern und Jugendlichen entstehen und sich zu dauerhaften Behinderungen verfestigen. Benachteiligungen können bereits vor der Geburt wirksam werden, zum Beispiel durch eine schlechtere medizinische Betreuung während der Schwangerschaft. Sie haben aber auch Einfluss auf die Intensität der medizinischen Versorgung und Förderung nach der Geburt. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Der KVJS-Bericht zu „Entwicklungen und Rahmenbedingungen der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen in Baden-Württemberg 2013“ belegt dies sehr eindrücklich. Gleichzeitig haben sich zum Beispiel die Bildungsanforderungen geändert. Dies kann dazu führen, dass immer mehr Heranwachsende als behindert gelten, weil sie den hohen Anforderungen nicht mehr

Ergebnisse der landesweiten Berichterstattung und Forschung.

Foto: Reisinger

gewachsen sind. Eine Verschiebung der Grenze zwischen sogenannten Lernbehinderungen und (leichten) geistigen Behinderungen in den letzten Jahren lässt sich belegen. Die Bildungseinrichtungen selbst stehen unter einem wachsenden Druck: Durch veränderte Lebenslagen und die Ausweitung inklusiver Bildung wird ihr Klientel immer vielfältiger. Kitas und Schulen sind darauf nur teilweise vorbereitet. Ein aktuelles KVJS-Forschungsvorhaben belegt: Immer mehr Kinder benötigen eine individuelle Assistenz der Eingliederungshilfe für den Kita- oder Schulbesuch – auch beim Besuch einer Sonderschule. Verschiedene Studien – zum Beispiel von Theo Klauß in einem Beitrag der Zeitschrift „Teilhabe 4/2012“ sowie von Klaus Klemms bildungsstatistischer Analyse „Inklusion in Deutschland“ – weisen auf das sogenannte „Ressourcen-EtikettierungsDilemma“ hin: Zusätzliche Ressourcen für die oft notwendige Einzelförderung von Kindern erhalten Kitas und Schulen nur, wenn Kinder als behindert oder sonder-

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pädagogisch förderbedürftig etikettiert werden. Dies bedeutet: Immer mehr Kinder bekommen frühzeitig den Stempel, behindert zu sein. Unterschiede in der Personalausstattung einzelner Schultypen tragen mit dazu bei, dass die Grenze zwischen Lern- und geistiger Behinderung noch durchlässiger wird. Denn: Im Förderschwerpunkt „geistige Behinderung“ sind die Klassen kleiner als in den Sonderschulen mit den Förderschwerpunkten „Lernen“ oder „Soziale und emotionale Entwicklung“. Deshalb wurden hier in den vergangenen Jahren vermehrt auch Kinder mit nur leichter intellektueller Beeinträchtigung aufgenommen, wenn sie zusätzlich betreuungsintensive Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen. Die Folgen dieser Entwicklungen für die Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen sind bisher wenig erforscht. Klar ist: Der Ausbau der Eingliederungshilfen in allgemeinen Kitas in Baden-Württemberg hat bisher nicht zu einem Rückgang der Zahl der Kinder in speziellen Schulkindergärten und der Einschulungen in Sonderschulen geführt.

Die Eingliederungshilfe braucht also zum einen gute Konzepte: sowohl für ältere als auch für junge Leistungsempfänger und deren Familien. Zum anderen wird deutlich: Die Möglichkeiten der Eingliederungshilfe allein stoßen an enge Grenzen. Die Auswirkungen der sozialen und demografischen Umbrüche lassen sich nur im engen Zusammenwirken mit anderen Partnern bewältigen. Notwendig sind grundlegende Weichenstellungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene und Bündnisse in Form von Verantwortungsgemeinschaften. Junge Menschen und Familien brauchen ebenso wie Senioren gut ausgestattete und möglichst inklusive Gesundheits-, Bildungs-, Freizeit-, Beratungs- und begleitende Unterstützungsangebote im Sozialraum. Ein Umfeld, das möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ermöglicht, gesund und sozial integriert aufzuwachsen, hilft, unnötige Etikettierungen und vorschnelle Weichenstellungen zu vermeiden - und trägt gleichzeitig zur Entlastung der Eingliederungshilfe bei.

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Quellen und weitere Infos
•	 Fallzahlen und Ausgaben in der Eingliederungshilfe nach dem SGB XII für 2012. Stuttgart 2014. www.kvjs.de/soziales/menschen-mit-behinderung/statistik.html •	 Bericht des KVJS-Landesjugendamtes zu Entwicklungen und Rahmenbedingungen der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen. www.kvjs.de/jugend/jugendhilfeplanung •	 Forschungsvorhaben „Alter erleben“ (Stuttgart 2013) und „Inklusion an Kitas und Schule“, www.kvjs.de/forschung Externe Quelle www.kiggs-studie.de •	 Klauß, Theo: Weshalb gibt es immer mehr Sonderschülerinnen und –schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung? In: Teilhabe 4/2012, S. 161-68. •	 Dworschak, Wolfgang u. a.: Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Oberhausen, 2012. •	 Klemm, Klaus: Inklusion in Deutschland. Eine bildungsstatistische Analyse. Gütersloh 2013.

Info

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Im Blick der Überwacher?
Veranstaltung auf der Messe Pflege & Reha diskutiert vernetzte Technik
Vernetzte Technik birgt Chancen, aber auch Risiken. Am 6. Mai informiert der KVJS auf der Messe Reha & Pflege in Stuttgart über die rasanten technischen Entwicklungen für das schlaue Zuhause. Sie ermöglichen es älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen, den Komfort und die Sicherheit ihres Zuhauses zu steigern und den Energieverbrauch zu reduzieren. Andererseits entstehen neue ethische Fragestellungen: Ist der Schutz persönlicher Daten gewährleistet? Fördert oder hemmt die Technik die Selbständigkeit? Soll die Technik persönliche Zuwendung ersetzen? Experten beleuchten diese Fragen und thematisieren unter anderem die Praxistauglichkeit von technischen Lösungen und den damit verbundenen persönlichen Dienstleistungen. Die neuen vernetzten Techniken werden gemeinhin als AAL – Ambient Assisted Living – bezeichnet, zu Deutsch: alltagsunterstützende Assistenzlösungen. Bewegungssensoren in der Wohnung können zum Beispiel ein Profil erstellen, wie sich ein Mensch im Alltag bewegt. Geht jemand morgens nicht ins Bad oder frühstückt nicht, kann ein Warnsignal an die Sozialstation oder die Notrufzentrale oder eine SMS auf das Smartphone von Angehörigen ausgelöst werden. Mit solchen Angeboten können Menschen auch bei gesundheitlichen Einschränkungen länger in ihrer Wohnung leben. Andererseits bedeutet dies auch, im Alltag überwacht zu werden. Wenn die so gesammelten Daten weitergegeben werden, gefährdet dies die Privatsphäre. syr Programm 6. Mai 2014, 14:00 Uhr bis 16:30 Uhr Messe Pflege & Reha 2014, Messe Stuttgart Technik hilft Wohnen. Wie wirken sich technische Hilfen im Alltag aus? Fachveranstaltung des forum b-wohnen beim KVJS 14:00 Uhr Begrüßung und Einführung Senator e. h. Prof. Roland Klinger Verbandsdirektor, KVJS, Stuttgart 14:15 Uhr Wohnen und Technik – ethische, soziale und rechtliche Aspekte PD Dr. Arne Manzeschke Institut TTN, München 15:00 Uhr Technikunterstützung in der Praxis – Erfahrungen mit AAL-Lösungen Barbara Steiner Bruderhaus Diakonie, Reutlingen 15:30 Uhr Technik nutzen ohne Barrieren – Senioren beraten Senioren Hansjürgen Stiller Kreisseniorenrat Tübingen Online-Anmeldung unter: www. pflegereha.de/kongress Infos unter: pf2014@emendo-events.de

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Vom Lohn der Mühen – Nachhaltigkeit hat viele Gesichter
KVJS legt Umfrage zum Programm „Neue Bausteine“ vor
Wie geht es mit erfolgreichen Projekten nach dem Förderzeitraum weiter? Der KVJS hat nachgefragt – und entdeckte unterschiedliche Strategien zum Erhalt des Erreichten. Befragt hat der Verband Teilnehmende der Projekt-Reihe „Bausteine zur Weiterentwicklung der Sozialhilfe“. Mit dem Programm fördert der KVJS seit 2008 Ideen zur Inklusion von jungen und alten Menschen mit Behinderungen sowie – seit 2013 – von Wohnungslosen.
Der KVJS stellte 20 baden-württembergischen Landkreisen knapp 1,4 Millionen Euro zur Verfügung. 24 Projekte sind abgeschlossen, sieben werden noch bis 2015 gefördert. „Wir haben mit der Förderung Steine ins Wasser geworfen. Sie sollen breite Kreise ziehen“, sagte Franz Schmeller. Der Leiter des KVJS-Dezernats Soziales berichtete am 20. Februar 2014 über die Nachhaltigkeit der eingesetzten Gelder. In einem Workshop diskutierte er mit 25 Fachleuten aus Sozialämtern und Einrichtungen über ihre Erfahrungen aus abgeschlossenen und aktuell geförderten Projekten. Pluspunkte für die Nachhaltigkeit „Von den abgeschlossenen Projekten haben sieben zurückgemeldet, dass sie nach dem Förderzeitraum das Anliegen weiterverfolgen“, berichtete Baustein-Koordinatorin Bettina Süßmilch den Zuhörenden. Das trifft insbesondere auf Projekte aus dem Bereich Wohntraining zu. In zwei Kreisen schufen die Landratsämter feste Stellen. In einem anderen Landkreis erhielt ein Baustein-Projekt zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen eine Folgeförderung vom Landesjugendamt des KVJS. Der Schwerpunkt dieses Projekts liegt nun bei inklusiven Ferien- und Freizeitangeboten sowie inklusiver Kinderund Jugendarbeit vor Ort. In einem anderen Kreis wiederum gründeten ehemalige Projekt-Mitarbeitende einen Verein. Er soll die Arbeit mit neuen Schwerpunkten weiterführen. Der Arbeitsaufwand sei hoch und das Budget gering, erfuhren die Tagungsgäste. Aber es gibt auch Projekte, deren Inhalte nicht oder nur sehr reduziert weiter umgesetzt werden. In Stuttgart wurde zum Beispiel ein Curriculum entwickelt, mit dem sich WfbM-Beschäftigte (Werkstatt für Menschen mit Behinderungen) auf ihren Ruhestand vorbereiten können. Es ist abgeschlossen und wird in der Weiterbildung eingesetzt. Andere Projekte konnten keine Anschlussfinanzierung auftreiben. Wieder andere müssen warten, bis sich Rahmenbedingungen ändern, wie zum Beispiel die baden-württembergischen Rahmenverträge. Hier kann der KVJS einen Erfolg melden: Das Lörracher Baustein-Projekt beispielsweise stieß konkrete leistungsrechtliche Diskussionen an. Menschen mit schweren körperlichen und Mehrfachbehinderungen sollen ab Herbst regulär in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen aufgenommen werden können. Der KVJS hat alle Kreise aufgerufen, bei der Antragstellung der Schulabgänger hierauf besonders zu achten. Bislang werden sie meist noch direkt von der Schule in die Förder- und Betreuungsgruppen (FuB) in den Heimen und Werk-

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stätten geschickt. Zur Umsetzung im Detail führt der KVJS Gespräche mit der Agentur für Arbeit, kommunalen Verbänden und der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten. Etliche erfolgreich abgeschlossene Baustein-Projekte haben auch Ideen erprobt, wie Geld- und Sachleistungen für Menschen mit Behinderung individueller gestaltet werden können. „Die Ansätze können noch nicht umgesetzt werden“, erklärte Schmeller. Zuvor müsse der Bund die Eingliederungshilfe in einem so genannten Bundesleistungsgesetz neu regeln. „Der Ball liegt bei den Ministerien für Arbeit und Finanzen in Berlin.“ Bis Ende 2016 solle ein neues Gesetz auf den Weg gebracht sein. KVJS bleibt am Ball Der KVJS will weiterhin Vorschläge aufgreifen, um die Nachhaltigkeit der Baustein-Projekte weiter zu erhöhen. Workshop-Teilnehmende ermutigten den KVJS etwa, für ihre Projekte bei Tagungen, in KVJS-Gremien oder auf dem politischen Parkett intensive Lobbyarbeit zu machen. Erfolg und Nachhaltigkeit werden im Übrigen besonders befördert, wo ProjektPartner schon vor dem Projektstart gut zusammenarbeiteten, befanden etliche Fachleute. Sie lobten neben der Begleitung durch den KVJS die seit 2013 verstärkte wissenschaftliche Begleitung. Der Verband folgt damit einer Anregung aus der letztjährigen Umfrage. Die laufenden Baustein-Projekte erhalten nun zusätzlich zu einer Evaluation auch eine Beratung im laufenden Prozess. „Wir sind eine lernende Verwaltung“, sagte Dezernatsleiter Franz Schmeller.

Box für Rückmeldungen beim Workshop.

Foto: Milsch

13 Fazit: „Alle Bausteine entfalten Wirkungen, wenn auch nicht immer sofort“, sagt Schmeller. „Manchmal sind es nur wenige Elemente, die nach dem Ende eines Projektes fortgeführt werden, manchmal führen Projekte aber auch zu einer regelrechten Änderung der Paradigmen vor Ort. Ich weiß jedoch von keinem Kreis, der nach Projekt-Ende einfach weitergemacht hat wie vorher“, erklärt auch Koordinatorin Süßmilch. „Selbst in Kreisen, die ein Projekt nicht in den Alltag überführen konnten, wurden neue Perspektiven erörtert und neue Fragen gestellt. Fast überall waren die Projekte ein Gewinn für die Zusammenarbeit zwischen Kreisen und Trägern – und damit auch für die Menschen mit Behinderung.“ Für mehr Inklusion. Und für mehr Teilhabe. Weitere Informationen zum Programm: Bausteine zur Weiterentwicklung der Sozialhilfe www.kvjs.de/?id=58 syr

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Schluss mit der Rechtsunsicherheit
Impulse zum geplanten Gesetz zur inklusiven Beschulung
Die Schule organisiert, das Land bezahlt – diese Empfehlungen gibt jetzt ein KVJS-Gutachten zur Begleitung von Kindern mit Behinderung an allgemeinen Schulen. „Der Verband hat Professor Dr. Thorsten Kingreen mit dem Gutachten beauftragt, um für die Novellierung des Schulgesetzes Impulse zu setzen“, sagt KVJS-Verbandsdirektor Senator e. h. Prof. Roland Klinger.
Die vom Land geplante Gesetzesänderung soll klar regeln, wer über die Schulbegleitung entscheidet und wer sie bezahlt. „Für Eltern und Kinder muss Schluss sein mit der Rechtsunsicherheit“, sagt Roland Klinger. Die wichtigsten Ergebnisse des Gutachtens sind: 1. Im Schulrecht soll für Jungen und Mädchen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ein Anspruch auf inklusive Beschulung an einer wohnortnahen allgemeinen Schule geschaffen werden. Dieser Anspruch soll nicht bestehen, wenn die Schule das Kind aus organisatorischen, personellen und sachlichen Gründen oder aus Gründen des Kindeswohls nicht aufnehmen kann. 2. Die Entscheidung über den Lernort (allgemeine Schule oder Sonderschule) sollen die Erziehungsberechtigten treffen. Die Schulaufsichtsbehörde muss dem Antrag aber nicht entsprechen, wenn die unter Ziffer 1 genannten Gründe gegen eine inklusive Beschulung vorliegen. 3. Im Schulrecht soll für Jungen und Mädchen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ein Anspruch auf die notwendigen Integrationsleistungen in der allgemeinen Schule geschaffen werden, auch auf Maßnahmen der Schulbegleitung. Die notwendigen Maßnahmen sollen in einem Förderausschuss der Schule konzeptionell vorbereitet und durch Bewilligungsbescheid gegenüber den Erziehungsberechtigten festgestellt werden. Die Kosten der Maßnahmen soll das Land tragen. Das Gutachten im Auftrag des KVJS hat der Rechtswissenschaftler Thorsten Kingreen von der Universität Regensburg erstellt. Der erste Teil bejahte die verfassungsrechtliche Frage, ob das Land die Kosten tragen darf und erschien im Januar 2014. Die Vorschläge zum neuen Schulrecht finden sich im zweiten Teil des Gutachtens vom Februar 2014. Auch nach dem bisher gültigen Gesetz haben Kinder mit Handicap einen Anspruch auf Schulbegleitung. Unklar ist aber, ob das Land oder die Kommunen die Kosten tragen müssen und wer über die Schulbegleitung entscheidet. Kinder können Hilfe durch Fachleute beanspruchen, die ihnen beim Schreiben, Lesen, Malen und Essen helfen oder sie auf andere Weise durch den Schulalltag begleiten. syr Ihr Ansprechpartner Ulrich Allmendinger Telefon 0711 6375-323 Ulrich.Allmendinger@kvjs.de

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Thorsten Kingreen, Schulbegleitung behinderter Kinder in allgemeinen Schulen: Notwendige Änderungen im Schul- und Schulfinanzierungsgesetz des Landes Baden-Württemberg, Rechtsgutachten, Teil II, Februar 2014. Im Internet unter www.kvjs.de/soziales/aktuellesservice/rundschreiben.html

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Psychisch krank in die Pflege
KVJS-Bericht schließt Wissenslücke über Menschen in Pflegeheimen
In den Pflegeheimen Baden-Württembergs leben mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen als in den Wohnheimen der Eingliederungshilfe. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des KVJS. Sei es der 50-jährige Alkoholiker mit Halluzinationen und Leberzirrhose, sei es die 61-jährige Frau mit schizophrenen Schüben – 70 Prozent der unter 65-Jährigen im Pflegeheim sind chronisch psychisch krank.
5.187 unter 65-Jährige mit chronisch psychischer Erkrankung leben in Pflegeheimen, 4.688 Frauen und Männer in vollstationären Einrichtungen der Eingliederungshilfe – eine bislang unbekannte Zahl. 70 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen weisen so genannte psychische und Verhaltensstörungen wie Schizophrenien auf oder leiden unter den Folgen massiven Alkoholmissbrauchs, was zu mehrfachen Beeinträchtigungen führt wie etwa Leberzirrhosen, hirnorganischen Veränderungen oder Verwahrlosung. 30 Prozent sind körperlich eingeschränkt und kämpfen mit den Folgen eines Schlaganfalls, ganz- oder halbseitigen Lähmungen oder Krebs. Mehr als die Hälfte sind 55 Jahre oder älter. Fast zwei Drittel sind Männer. „Die Annahme, Frauen seien öfter psychisch krank, stimmt also in diesem Bereich nicht“, sagt die Sozialplanerin und Autorin der Studie Christine Blankenfeld. Die Untersuchung lässt keine Rückschlüsse zu, ob Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung in einem Pflegeheim richtig oder falsch untergebracht sind. Denn die Studie erhebt weder die Schwere der Krankheit noch die individuellen und familiären Ressourcen, die eine Person mitbringt. „Die Ergebnisse legen aber den Schluss nahe, dass manche tatsächlich vorrangig einer pflegerischen Versorgung bedürfen“, sagt Blankenfeld. „Rund ein Drittel hat neben der psychischen Erkrankung noch eine zweite Diagnose wie etwa ganz- oder halbseitige Lähmungen und Krebserkrankungen.“ Gleichzeitig ergab die KVJS-Untersuchung, dass knapp ein Viertel der psychisch kranken Menschen die Pflegestufe 0 besitzt. Bei Menschen mit Schizophrenien waren es sogar 43 Prozent. „Dies legt die Frage nahe, warum diese Menschen in einem Pflegeheim versorgt werden, wenn sie doch nach den Kriterien der Pflegeversicherung in keine der Pflegestufen I bis III eingestuft sind.“ „Aus der Praxis gibt es Hinweise, dass manche Frauen und Männer mit chronisch psychischer Erkrankung in Pflegeheimen leben, weil sich kein fachlich geeignetes Wohnheim der Eingliederungshilfe fand“, berichtet Christine Blankenfeld. „Das gilt besonders bei herausforderndem Verhalten, körperlichem Pflegebedarf oder wenn eine geschützte Unterbringung erforderlich ist.“ Manche Betroffene entschieden sich auch bewusst für ein Pflegeheim. Sie fühlen sich zu schwach für Maßnahmen zur Wiedereingliederung. Interessant für Stadt- und Landkreise Die Kreise können aus der Studie Hinweise für die individuelle Hilfeplanung für Menschen mit psychischer Erkrankung ziehen. „Bisher richten die Sozialämter

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KVJS-Berichterstattung: Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung in Pflegeheimen. Eine empirische Untersuchung zur Hilfe zur Pflege unter 65 Jahren in Baden-Württemberg auf Basis von Daten zum Jahresende 2011, Stuttgart 2014

Ihre Ansprechpartnerin

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struktur etwa für Menschen mit herausforderndem Verhalten ausreicht. Und die Studie legt nahe, Fachleute von Pflegeheimen als Mitglieder in die Gemeindepsychiatrischen Verbünde aufzunehmen. Die Einrichtungsnetzwerke koordinieren die Unterstützung von Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung auf regionaler Ebene. Für die Studie hat der KVJS auf Daten des Statistischen Landesamtes und der KVJSBerichterstattung zurückgegriffen. Zudem hat der Verband mit 17 baden-württembergischen Stadt- und Landkreisen eine vertiefende Untersuchung zur Hilfe zur Pflege in Pflegeheimen durchgeführt, um Diagnosen zu ermitteln. Dafür haben die beteiligten Kreise fast 1.700 Akten gesichtet und ausgewertet. Stichtag war der 31. Dezember 2011. syr

Christine Blankenfeld Telefon 0711 6375-745 Christine.Blankenfeld@kvjs.de

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den Blick vor allem darauf, wie die Eingliederungshilfe helfen kann“, erklärt Blankenfeld. „Nach den neuen Erkenntnissen ist es sinnvoll, in den Hilfeplankonferenzen auch die so genannte Hilfe zur Pflege in den Blick zu nehmen.“ Zudem können die Kreise prüfen, ob ihre Versorgungs-

Empfänger von Hilfe zur Pflege in Pflegeheimen unter 65 Jahren nach Hauptdiagnosen am 31.12.2011 – Art der psychischen Erkrankung in Prozent. Grafik: KVJS.

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Von der Schwierigkeit, Gefangene zu entlassen
Der KVJS unterstützt Haftanstalten beim Übergangsmanagement
Gefängnistore öffnen sich nur schwer für ehemals straffällige Senioren oder psychisch Erkrankte. Der KVJS erstellte mit anderen Organisationen in einer Arbeitsgruppe Vorschläge, wie eine anstehende Entlassung effizient und umsichtig vollzogen werden kann. Die ersten sind umgesetzt.
Gefangene werden immer älter. Hinter Gittern häufen sich Arthrose und Demenz. Oft scheitert der Schritt von Senioren und psychisch Kranken in die Freiheit trotz guter Sozialprognose. 2010 wurde die Arbeitsgruppe „Übergangsmanagement für alte Gefangene“ eingerichtet. Bis 2013 fanden Fachleute aus Justiz, KVJS, Verwaltung, Pflege, Straffälligen- sowie Eingliederungshilfe gemeinsam Lösungen. Die Empfehlungen sind in einer Broschüre des Landes-Justizministeriums dokumentiert. Auch Thomas Müller war Mitglied der AG. Er leitet die Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal. In der Langstrafenanstalt leben 450 Gefangene zwischen 20 und 85 Jahren. „Sie verbüßen Strafen von 15 Monaten bis lebenslänglich“, berichtet Müller. Die Delikte reichten von Mord, Totschlag und schwerem Raub bis hin zu Sexualstraftaten. In Baden-Württemberg sind rund 230 Gefangene über 60 Jahre alt. In Bruchsal sind es knapp zehn Prozent. Manche leiden unter Schlaganfällen, Parkinson und beginnender Demenz. „Erst vor ein paar Tagen mussten wir einen Älteren wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus einliefern“, berichtet Müller. Auch Männer mit schizophrenen, psychotischen und neurotischen Krankheiten lebten hinter Bruchsaler Mauern. Die meisten nehmen Medikamente, um durch den Alltag zu kommen. Solche Inhaftierte zu entlassen, ist schwierig. „Nur wenige haben zum Beispiel Angehörige, die sich um sie kümmern können oder wollen“, sagt Müller. Zudem gelte es, skeptische Wohnungsvermieter zu überzeugen. Entlassene hätten wenig Einkommen, lebten meist von Hartz IV. Die langjährige Arbeit im Gefängnis bringe keine Rentenansprüche. Doch ein fehlendes Dach über dem Kopf ist kein Grund, Menschen in Haft zu halten. „Auch jene, die schwere Straftaten begangen haben, haben nach Verbüßen ihrer Strafe das Recht entlassen zu werden“, betont Müller. Zudem koste ein Hafttag rund 100 Euro pro Gefangenem.

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Solche Schwierigkeiten kennen „Die AG war eine fruchtbare Zualle 19 JVA in Baden-Württemsammenarbeit. Sie hilft uns, die berg. Viele Entlass-Kandidaten beProbleme in den Griff zu bekomnötigen Senioren-Einrichtungen men“, sagt der Leiter der JVA Bruchsal Thomas Müller. mit zusätzlichem BetreuungsbeFoto: Rizvi darf, etwa bei psychischen Problemen. Auch psychisch Kranke brauchen auf ihr Krankheitsbild zugeschnittene Häuser. „Wir haben einige lebenslange Gefangene, die wir nicht entlassen können, weil wir keine Einrichtung finden, die sie aufnimmt“, berichtet Müller. Sie fühlten sich nicht zuständig, wenn Gefängnis-Sozialarbeiter an ihre Tür klopften. „Nimmt etwa ein Heim nur Menschen aus Nordba-

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den auf, hat ein Mann aus dem Schwäbischen keine Chance“, sagt Müller. Auch Sozialämter fühlen sich oft nicht angesprochen. Sie verweisen auf andere Kostenträger. „Antragsteller werden zum Beispiel zur Krankenkasse, zur Pflegeversicherung oder zum Sozialamt eines anderen Kreises geschickt“, erläutert Ulrich Allmendinger vom KVJS. Als Grund werde die fehlende sachliche oder örtliche Zuständigkeit geltend gemacht. Immer wieder müssten Gerichte entscheiden. Der KVJS beriet die AG zu leistungsrechtlichen Voraussetzungen, örtlichen Zuständigkeiten und zur Sozialplanung. Die AG baute erste Pfade durch das Sozial-Dickicht. Die Fachleute der freien Wohlfahrtspflege und des KVJS stellten etwa eine Liste aufnahmebereiter Alten- und Pflegeheime zusammen. Zudem berät das Team um Ulrich Allmendinger die Haftanstalten. „Wir können dem KVJS Fälle vorlegen, bei denen unklar ist, welches Sozialamt zuständig ist“, lobt JVA-Leiter Müller. „Die Eingliederungshilfe-Experten sind uns bei der Suche behilflich.“ Müller und die AG empfehlen, dieses Angebot in einer Clearingstelle beim KVJS zu verstetigen. „Die Clearingstelle könnte bei strittigen Fällen eine nahtlose Betreuung

sicherstellen“, erklärt Allmendinger. Die Idee werde in den Verbänden diskutiert. Als weitere Orientierungshilfe hat die AG ein Verfahren erarbeitet, wie Vollzugsanstalten Schritt für Schritt Eingliederungshilfe für schwierige Fälle beantragen können. „Mit Hilfe des KVJS wurde ein sehr hilfreiches Ablaufdiagramm entwickelt“, berichtet der JVA-Leiter. „Es legt dar, wer welche Fragen wann zu klären sind.“ Zum Beispiel empfiehlt es, die Sozialämter frühzeitig mit an den Tisch zu bringen. Die Kostenträger fühlten sich in der Vergangenheit oft überrumpelt, wenn JVASozialdienste mit fertigen Konzepten an ihre Tür klopften. „Unsere Sozialarbeiter haben früher alles vorbereitet und die Unterlagen fix und fertig beim Sozialamt eingereicht. Wir haben im Gespräch mit Vertretern von Kommunalverbänden gelernt, dass die Sozialämter einbezogen sein möchten, um mitreden zu können“, resümiert Müller. Nicht zuletzt empfahl die AG, in jeder JVA spezialisierte Ansprechpartner bei den Sozialdiensten zu benennen. Sie sollen regelmäßig geschult werden und das Wissen an ihre Kollegen weitergeben. „Wir und andere JVA setzen dies seit bald zwei Jahren um“, sagt Müller. Dass Haftanstalten, Einrichtungen und Behörden ins Gespräch kommen, ist eine wichtige Erkenntnis der AG. „Im Rechtsstaat müssen Probleme gelöst werden. Sie dürfen nicht auf dem Rücken der Gefangenen ausgetragen werden“, sagt JVA-Leiter Müller. Und Ulrich Allmendinger bilanziert: „Wir hätten viel erreicht, wenn wir das gemeinsame Anliegen im guten Gespräch hinkriegen.“ syr

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Ältere Tatverdächtige
2012 zählte das Bundeskriminalamt 152.000 Tatverdächtige über 60 Jahre. Die Zahl hat seit 2002 um etwa acht Prozent zugenommen. Die Polizei ermittelte meist wegen Diebstahl, Tankbetrug, Beleidigung, Nötigung oder Hausfriedensbruch. Eher wenige geraten wegen schwerer Straftaten ins Visier der Polizei.

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Miteinander arbeiten, leben und lernen
KVJS-Verbandsdirektor besucht Caritas-Einrichtungen
Ein Anliegen des KVJS ist es, möglichst vielen Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Ein wichtiger Partner dabei ist der Caritasverband Konstanz. KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger hat sich bei einem Ortsbesuch ein Bild der zahlreichen Arbeits-, Wohn- und Beratungsangebote gemacht.
Der KVJS unterstütze in den letzten Jahren zahlreiche Projekte der Caritas wie das integrative Hotel Seehörnle (GaienhofenHorn), den Neubau des Seewerks (Radolfzell) oder eine Wohngemeinschaft für pflegebedürftige Menschen mit Behinderungen im Haus Don Bosco (Konstanz). Alle drei Einrichtungen besuchte Klinger, sprach mit Mitarbeitenden und Einrichtungsleitern. „Ich freue mich zu sehen, wie die Caritas in drei ganz unterschiedlichen Einrichtungen die Idee der Inklusion vorantreibt. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, leben und lernen hier miteinander“; zieht Klinger eine erste Bilanz. Mit Axel Goßner (Sozialdezernent Landkreis Konstanz) sowie Matthias Ehret und Andreas Hoffmann (Caritasvorstände) warf Klinger den Blick nach vorne. So soll zum Beispiel der Ausbau des Hotel Seehörnle, um 13 neue Zimmer, weitere Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen.

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v.l.n.r.: Martin Bünk (Hotelleiter Seehörnle), Axel Goßner (Sozialdezernent Landkreis Konstanz), Prof. Roland Klinger (KVJS-Verbandsdirektor), Matthias Ehret und Andreas Hoffmann (Caritasvorstände) Foto: Caritas

Gerichtsurteile zum Betreuungsrecht
Wie muss ein Betreuer psychisch kranke Menschen vor Selbstschädigungen schützen? Dürfen Betreute gegen ihren Willen therapiert werden? Wer muss das Reinigen einer Messie-Wohnung bezahlen? Und was müssen Betreuende und Betreute bei der Steuererklärung beachten? Solche Fragen tauchen in der Praxis immer wieder auf. Der KVJS stellt seit kurzem interessante Urteile und Kommentare zu Themen aus dem Betreuungsrecht zusammen. Zielgruppe der Mitteilungen sind haupt- und ehrenamtliche rechtliche Betreuungspersonen sowie alle Interessierten. Zu finden sind die höchstrichterlichen Entscheidungen auf unserer Webseite im Internet. Der Link lautet: www.kvjs.de/soziales/service-betreuungsrecht/rechtsprechung.html syr

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Mitte: Verbandsdirektor Senator e. h. Prof. Roland Klinger mit Firmeninhaber Andreas Huben.				

Fotos: Kleusch

Aufblühen in der Baumschule
Ladenburger Firma ist beispielhaft behindertenfreundliches Unternehmen
Familiär geht es zu in der gläsernen Halle: Mitarbeiter und Gäste haben sich im hinteren Teil der großen Orangerie im Cafébereich versammelt, weil die Baumschule Huben nicht nur zahlreiche Gehölze kultiviert, sondern auch soziales Engagement. Das war dem KVJS eine Auszeichnung wert.
Im 32-köpfigen Team der Baumschule arbeiten fünf schwerbehinderte Menschen mit. Außerdem hat das Unternehmen eine enge Kooperation mit der Eugen-NeterSchule Mannheim. Eine Klasse der Berufsschulstufe kommt einmal in der Woche in den Betrieb, um Praxisluft zu schnuppern. Baumschule ist eine bescheidene Untertreibung für eine großzügige Anlage mit Pflanzen für unterschiedliche Standorte und Ansprüche. Die Bandbreite reicht von der Palme bis zur Primel. In der großen Orangerie bekommt man Schnittblumen in allen Farben des Regenbogens, DekoArtikel und Gartenmöbel. Ein eigenes Gewächshaus ist den Kamelien gewidmet. Vor fünf Jahren war Sonderschullehrer Willi Bernhard auf das Unternehmen zugegangen: „Ich habe einen Praktikumsort für die ganze Klasse gesucht“, erklärt er. Und in der Baumschule gibt es immer was zu tun: In der Pflanzenproduktion, im Verkauf, bei der Pflege des weitläufigen Geländes. Bei Firmeninhaber Andreas Huben stieß er auf offene Ohren. Seither heißt es für die Klasse: jeden Dienstag praktischer Unterricht vor Ort. „Die Schüler arbeiten je nach Eignung mit“, sagt Willi Bernhard. Wenn mal 50 Bäume für eine Allee zusammengestellt werden müssen, hilft ein kräftiger Schüler beim Verladen. Andere räumen im Verkauf Regale ein oder um. „Mit den Schwachen mache ich einfache Reparaturarbeiten in der Werkstatt, wie Einkaufswagen warten.“ Andreas Huben sagt: „Ohne die Mitarbeiter würde das nicht laufen.“ Zwei ehemalige Praktikanten der Eugen-Neter-Schule sind regelrecht aufgeblüht und mittlerweile fest bei der Baumschule Huben angestellt. Verkaufsleiter Maximilian Keller stellt fest: „Wir sind Gärtner, keine Sozialarbeiter“, aber bisher wurde, gesundem Pragmatismus sei Dank, immer eine Lö-

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sung gefunden. „Manchmal braucht einer einen kleinen Schucker, aber dann läuft´s wieder“, sagt Keller. Unterstützung vom IFD Unterstützung kommt vom Integrationsfachdienst (IFD) Mannheim, mit dem die Baumschule eng zusammenarbeitet. Der IFD ist ebenfalls an der Eugen-Neter-Schule von Anfang an mit eingebunden: Der Kontakt zu Schülern und Eltern wird bereits in der ersten Klasse geknüpft. Die Schule ist zudem Teil des Systems der KVJS-Aktion 1000plus, durch das landesweit bereits mehr 2.880 Menschen mit wesentlicher Behinderung einen Arbeitsplatz auf den allgemeinen Arbeitsmarkt fanden.

Die 1905 von Friedrich Huben am Rande Ladenburgs gegründete Baumschule bietet Praktika auch für weitere schwerbehinderte Menschen aus Sonderschulen oder Werkstätten für behinderte Menschen an. Um den Mitarbeitern ohne Behinderung mehr Sicherheit im Umgang mit den behinderten Kollegen zu geben, hat Verkaufsleiter Keller anlässlich der Auszeichnung eine Informationsveranstaltung angeregt. Der Wunsch wird im Juni oder Juli in Erfüllung gehen, wenn es im Gartenbau etwas gemächlicher zugeht. Der IFD wird eine Veranstaltung anbieten „ohne Chefs“, wie Keller sagt. „Das ist auch ein Zeichen der Wertschätzung für die Mitarbeiter.“ Damit das soziale Miteinander nicht nur blüht, sondern auch kräftige Wurzeln bekommt. mok

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Ehrung für drei weitere Arbeitgeber
Mit der Lehner Agrar GmbH in Westerstetten wurde ein weiterer Kleinbetrieb ausgezeichnet. Die vom KVJS einberufene Jury wählte das Agrar-Handelsunternehmen auch deshalb aus, weil das Unternehmen einen der Mitarbeiter mit Handicap von der Arbeit freistellt, um ihm den Hauptschulabschluss zu ermöglichen. Bei der Stadtverwaltung Tuttlingen sind von 690 Arbeitsplätzen 74 mit schwerbehinderten Menschen oder Gleichgestellten besetzt. Das sind 39 Arbeitsplätze mehr als gesetzlich vorgeschrieben. Die Stadtverwaltung findet zudem für die schwerbehinderten Menschen, die ihre ursprüngliche Tätigkeit nicht mehr ausüben können, immer wieder passgenaue Arbeitsmöglichkeiten. Gleich zwei Auszeichnungen gingen an die Kliniken Landkreis Heidenheim gGmbH. Mit einer Beschäftigungsquote von sechs Prozent schwerbehinderter Mitarbeiter konnte sie die Auszeichnung als beispielhaft behindertenfreundlich entgegennehmen. Eine weitere Auszeichnung gab es für das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) der Kliniken. Es soll Mitarbeitern bei Erkrankung ab sechs Wochen im Jahr die Rückkehr an den Arbeitsplatz erleichtern, gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz reduzieren, chronische Krankheiten oder Behinderungen verhindern und den Arbeitsplatz langfristig sichern. 2011 konnten so 16 Arbeitsplätze erhalten werden. 2012 waren es sogar 19. Ausfallzeiten und Krankheitskosten wurden verringert, die Motivation der Mitarbeiter erhöht. mok

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Lautstarke Unterstützung für Daimler
KVJS-Integrationsamt fördert Arbeitsplätze für schwerbehinderte Mitarbeiter
Gut, dass die blauen Ohrenschützer das Kreischen der Säge dämpfen. Das Präzisionswerkzeug schneidet durch die dicke Plastikplatte wie ein heißes Messer durch Butter. Die Platte wird in einer ganz besonderen Werkstatt des Daimlerwerks in Gaggenau verarbeitet: In der Werkstatt arbeiten größtenteils Rückkehrer nach längerer Krankheit.
Was da so kreischt, ist die nagelneue vertikale Plattensäge der KVP-Werkstatt im Werk Gaggenau. Das Kürzel steht für „Werkstatt für kontinuierliche Verbesserung“. Hier werden täglich Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter entgegen genommen und in die Tat umgesetzt. Für sein Wiedereingliederungskonzept war das Werk bereits 2006 vom KVJS als beispielhaft behindertenfreundlicher Arbeitgeber ausgezeichnet worden. Seither hat sich einiges getan. „Wir sind kürzlich auf eine größere, hellere und besser gelegene Fläche umgezogen“, erklärt Meister Frank Wieland. 17 Mitarbeiter der Werke Gaggenau und Rastatt mit Einsatzeinschränkungen sind hier eingesetzt. Fünf von ihnen haben einen Schwerbehindertenausweis.
Fotos: Kleusch

sierte Schaltgetriebe, Außenplanetenachsen, Portalachsen und Blechteile für die PKW und LKW des Konzerns her. Interaktiv optimieren Etwa zehn Verbesserungsvorschläge werden täglich in der KVP-Werkstatt umgesetzt. Jeder Mitarbeiter kann direkt über das Intranet Aufträge schicken. Im kleinen Büro der Werkstatt sichten zwei Mitarbeiter die Eingänge und ordnen sie nach Dringlichkeit. Vorschläge zur Arbeitssicherheit haben Vorrang. Lösungen von der Stange gibt es hier nicht. Meist ist Tüfteln gefragt, denn für die Erledigung der täglichen Arbeitsaufträge gibt es keine vorgegebenen Lösungen. Beliebt sind etwa speziell angepasste Montagewagen, auf denen Teile und Werkzeuge so angeordnet sind, wie es für einen Mitarbeiter optimal ist. Um eine Arbeitsplatte für solch einen Montagewagen passend zu sägen, mussten früher zwei Mann die bis zu 50 Kilo schweren Platten aus einem Regal auf eine Kreissäge hieven. Der neue Standort bietet nun Platz für eine vertikale Plattensäge. Die Platten lagern jetzt in Regalen direkt neben der Säge. Dank passendem Hebezeug können sie nun von einem Mann leicht bewegt werden. Die Präzisionssäge kommt auch beim Zuschnitt von Schildern zum Einsatz. „Wir machen im Werk sämtliche Beschilderun-

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An der neuen Säge.	

Rund 6.400 Menschen arbeiten im Werk Gaggenau und den Werkteilen Rastatt, Kuppenheim und Rotenfels. Sie stellen unter anderem manuelle und automati-

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gen“, so Frank Wieland. Davon gibt es einige: Anlagenbeschriftung, Wegweiser, Hinweisschilder, Warntafeln – zugesägt und beschriftet in der KVP-Werkstatt. Gut beraten vom KVJS Für die Anschaffung von Säge, zwei Plattenregalen und automatischer Hebeklemme schoss das KVJS-Integrationsamt 47.000 Euro als behinderungsgerechte Arbeitsplatzausstattung zu. Die Idee für die Umgestaltung der Arbeitsplätze in Gaggenau stammt von Schwerbehindertenvertrauensperson Gerhard Herr. Der Technische Beratungsdienst des KVJS-Integrationsamtes gab zur endgültigen ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung den letzten Schliff. Gerhard Herr lobt „die sehr gute Zusammenarbeit mit dem KVJS-Integrationsamt, das immer ein offenes Ohr für unsere Belange hat“. Eine Besonderheit der KVP-Werkstatt: Hier gibt es keinen Takt, dafür viel Abwechslung. „Mit der KVP-Werkstatt haben wir auch für Mitarbeiter mit vielen Einsatzeinschränkungen Arbeitsplätze geschaffen“, so Eckhard Wunsch, der Arbeitgeberbeauftragte für die Belange schwerbehinderter Menschen. Zusammen mit dem Schwerbehindertenvertreter Gerhard Herr und dem Werksärztlichen Dienst begleitet er die Wiedereingliederung von Langzeitkranken. Die Suche nach einem Arbeitsplatz innerhalb des Werkes erleichtert dabei ein Fähigkeitsprofil des Mitarbeiters, welches die Werksärzte erstellen. Eckhard Wunsch: „Darin ist zum Beispiel genau erfasst, wie lange jemand zum Beispiel stehen kann oder wie schwer er heben darf.“ Eine Hilfe bei der Suche nach Arbeitsplätzen für Mitarbeiter mit Einsatzeinschränkungen ist das IT-System „Profilvergleichsverfahren“, das passgenaue Gegenstück zum Fähigkeitsprofil. Dazu müssen alle 900 unterSchwereloser Transport mit dem richtigen Hebezeug.

Gehörschutz muss sein.

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schiedlichen Arbeitsplätze aufgenommen und bewertet werden. Es wird bis Ende 2014 in Gaggenau eingeführt. „Das gemeinsame Ziel von Betrieb, Fachbereich und Schwerbehindertenvertretung ist es, allen Schwerbehinderten und mit Einsatzeinschränkungen einen Arbeitsplatz zu bieten. Es ist das soziale, das wir gerne machen“, so Gerhard Herr und Eckhard Wunschs Fazit. mok

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Inklusion schmackhaft gemacht
Im Landratsamt Karlsruhe kocht jetzt ein Integrationsunternehmen
Der Speiseplan listet Klassiker wie Zwiebelrostbraten oder Linsen mit Spätzle ebenso auf wie exotisch angehauchter Spinat-Kartoffel-Strudel mit Currysauce oder ein Asia Day Buffet. Dies ist der kulinarische Hintergrund des Integrationsunternehmens Cantina Catering, das die Kantine des Landratsamts in Karlsruhe übernommen hat.
Resonanz: „einladend und ansprechend“, war die einhellige Meinung der zahlreichen Gäste am Eröffnungstag. Landrat Dr. Christoph Schnaudigel und Norbert von Eickels, Vorsitzender des BzkA-Verwaltungsrates dankten bei der Eröffnung insbesondere auch der Aktion Mensch und dem KVJS für die finanzielle Förderung dieses beispielgebenden Sozialprojektes. „Wir reden nicht nur über Inklusion, wir leben sie“, so der Landrat. 24 Die Küche im Landratsamt kann täglich bis zu 1.000 Essen zubereiten. Das neue Essensangebot enthält in Abstimmung mit dem Ernährungszentrum des Landratsamtes und dem betrieblichen Gesundheitsmanagement Komponenten nach dem Motto „Saisonal – Regional – Frisch“. Schon bei der Lebensmittelauswahl wird Wert auf gesunde Ernährung gelegt. Neben ein oder zwei Fleisch- oder Fischgerichten steht immer auch ein vegetarisches Essen auf dem Speiseplan. Eine üppige Salattheke rundet das Angebot ab. Offen für Besucher Wer jetzt Appetit bekommen hat: Die Kantine des Landratsamtes ist für alle Besucher geöffnet. Küchenchef Joel Stroh und sein Team der Cantina Catering bieten ihre anspruchsvolle Mittagsverpflegung einschließlich Salatbuffet von Montag bis Donnerstag von 11:30 Uhr bis 14:30 Uhr, Freitag bis 13:30 Uhr an. mok

(v.l.n.r.) BzkA-Verwaltungsratsvorsitzender Norbert van Eickel, Serviceleiterin Marika Schuchardt, Personal- und Organisationsamtsleiter Ulrich Max, Cantina Catering-Mitarbeiterin Elena Höger, Landrat Dr. Christoph Schnaudigel, Küchenchef Joel Stroh und BzkA-Geschäftsführer Willi Rast machen den Weg frei für die neue Kantine. Foto: Landratsamt Karlsruhe

Mit dem Beschäftigungszentrum Karlsruhe (BzkA), dem Betreiber von Cantina Catering, hat sich das Karlsruher Landratsamt ein erfahrenes Integrationsunternehmen für seine Kantine ausgesucht. Unter anderem führt das BzkA CAP-Lebensmittelmärkte in und um Karlsruhe. Entsprechend arbeiten auch in der neu gestalteten Kantine zehn Menschen mit Behinderung mit. Das neue Raumkonzept setzt auf freundliche Farben, Trennelemente und kleine Sitzgruppen. Das stieß auf große positive

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KVJS-Integrationsamt auf Messe Personal Süd
In Stuttgart findet vom 20. bis 21. Mai die Messe Personal Süd 2014 statt. Das Messeprogramm weist mehr als 400 Aussteller und rund 200 Vorträge, Diskussionsbeiträge und Best Practices mit circa 90 Präsentationen und interaktiven Kurzvorträgen aus. Die letzte Personal Süd hatte mehr als 7.000 Besucher. Auch das KVJS-Integrationsamt wird auf dieser Fachmesse für Personalmanagement vertreten sein. Sein Messestand hat die Nummer K.30 und ist in Halle 5 der Messe Stuttgart zu finden. Dabei wird zum ersten Mal der neu gestaltete Info-Stand zum Einsatz kommen. Die Messetickets berechtigen auch zum Besuch der Corporate Health Convention 2014 , einer Fachmesse für betriebliche Gesundheitsförderung und Demografie. Diese Messe wird parallel in Halle 7 der Messe Stuttgart ausgerichtet. Informationen über weitere Aussteller und das Messeprogramm im Internet unter: www.personal-sued.de. mok

Ausbildungsmesse mit Schwerpunkt Inklusion
Zum siebten Mal fand im März die Ausbildungsmesse „Fokus Beruf“ in Waiblingen statt. Unter den 108 Ausstellern war auch das KVJS-Integrationsamt mit einem gemeinsamen Stand mit dem Schulamt, der Schwerbehinderten-Vermittlung der Agentur für Arbeit und dem Integrationsfachdienst. Von der Netzwerkkonferenz im Rems-Murr-Kreis war die Anregung gekommen, erstmals die Gruppe der Jugendlichen mit Behinderung am Übergang Schule-Arbeitsmarkt im Rahmen der Messe in den Blick zu nehmen. Im Rahmenprogramm boten das KVJSIntegrationsamt, das Staatliche Schulamt und die Agentur für Arbeit drei unterschiedliche Veranstaltungen zum Thema Inklusion in den Beruf an. Die vom Kreisjugendring organisierte zweitägige Veranstaltung zog rund 7.000 Besucher an. Nach den positiven Erfahrungen mit der diesjährigen Ausbildungsmesse wird das Integrationsamt auch im nächsten Jahr wieder dabei sein. mok 25

KVJS-Aktion 1000 und ihre Folgen
Unter dem Titel „Perspektive 2020“ hat die KVJS-Aktion 1000 gerade ihre zweite Verlängerung erfahren. Angestrebtes Ziel: 5.000 Vermittlungen wesentlich behinderter Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bis zum 31. Dezember 2020. Karl-Friedrich Ernst, Leiter des KVJS-Integrationsamtes, zieht in seinem Aufsatz „Der Übergang von der Schule und der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt – Erfahrungen aus Baden-Württemberg“ eine Bilanz der bisherigen Aktion und zeigt die Perspektiven der Fortsetzung auf. Der Aufsatz erscheint als KVJS-Broschüre und ist kostenlos erhältlich (s. S. 34). mok

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Wohin will das Land mit der Jugendhilfe?
Sozialministerin Altpeter zu Gast beim Landesjugendhilfeausschuss
Minderjährige Flüchtlinge, ehemalige Heimkinder sowie Landes- und Bundesprogramme für die Jugendhilfe standen im Mittelpunkt des Besuches von Sozialministerin Katrin Altpeter beim Landesjugendhilfeausschuss. Die Ministerin sagte dem KVJS und den kommunalen Landesverbänden ihren Schulterschluss zu, nannte jedoch wenig Konkretes.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Immer mehr Flüchtlinge drängen nach Baden-Württemberg: unter ihnen auch Kinder ohne Eltern. Allein im Ortenaukreis hat sich nach eigenen Angaben die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im letzten Jahr mehr als verdreifacht. Sozialministerin Katrin Altpeter sagte dem Landesjugendhilfeausschuss zu, schnell und gemeinsam mit dem federführend zuständigen Integrationsministerium sowie in Absprache mit den kommunalen Landesverbänden und dem KVJS eine Lösung anzugehen. Neben einem finanziellen Ausgleich für belastete Kreise müsse das Land für eine transparente und gerechte Verteilung dieser Kinder unter den 44 Stadt- und Landkreisen sorgen, sagte Senator e. h. Prof. Roland Klinger als beauftragter Vorsitzender des Landesjugendhilfeausschusses. Landesprogramm STÄRKE Neben den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sprach Altpeter auch über das Landesprogramm STÄRKE. Hierfür wird es eine neue Rahmenvereinbarung geben. Koalitionsziel sei es, die bisherigen Angebote weiter zu verstetigen und neue Akzente zu setzen. „Die bisherigen Bildungsgutscheine sollen in Zukunft entfallen“, so Altpeter: Künftig sollen die Ressourcen noch stärker auf Familien, die wirklich Hilfe bräuchten ausgerichtet werden. „Insgesamt haben wir gute Erfahrungen mit dem Landesprogramm gemacht. Wir wollen Ängste abbauen, die niedrigschwelligen Zugänge erleichtern und die Netzwerke ausbauen., Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen Aus der Bundesinitiative „Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen“ stehen für Baden-Württemberg auch in den kommenden Jahren circa fünf Millionen jährlich zur Verfügung. Für die Landeskoordinierung der Bundesinitiative erhält das Land außerdem 300.000 Euro im Jahr für die Finanzierung der entsprechenden KVJS-Stellen. Mit den Bundesmitteln sollen die Netzwerke Frühe Hilfen ausgebaut, der Einsatz von Familienhebammen vorangebracht und Ehrenamtsstrukturen gefördert werden. Gesetzlich ist vorgesehen, die Netzwerke Frühe Hilfen und die psychosoziale Unterstützung für Familien ab 2016 durch einen Bundesfonds dauerhaft sicherzustellen. Landesförderung Schulsozialarbeit Die Landesregierung will die Schulsozialarbeit zum Regelangebot ausbauen. Bislang nicht geklärt ist, inwieweit in Zukunft auch die Schulsozialarbeit an privaten Schulen gefördert werden kann. „Hierfür bräuchten wir zusätzliche Mittel für den Doppelhaushalt 2015/2016“, so Altpeter. Zuvor müsse der Bedarf geklärt werden. Auch für kommunale Schulen gelten die

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finanziellen Zusagen des Landes bislang nur für das jeweilige Schuljahr, was die Planung vor Ort erschwert. Ziel Altpeters sei es, die Landesförderung auch über die Legislaturperiode hinaus sicherzustellen. Eine Lösung sei hier aber noch nicht in Sicht. Zukunftsplan Jugend Für den Zukunftsplan Jugend will die Landesregierung ergänzend zur Lenkungsgruppe und zur wissenschaftlichen Begleitung nun zur Umsetzung eine Geschäftsstelle einrichten. Das Land wolle sich nicht auf die Finanzierung be-

schränken, sondern die inhaltlichen Ziele gemeinsam mit den Vertretern der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit ausgestalten, so Altpeter. Der Zukunftsplan soll vor allem neue Zielgruppen erreichen wie zum Beispiel Migrantenkinder. Die Mitglieder des Landesjugendhilfeausschusses machten darauf aufmerksam, dass Schule und Jugendhilfe – gerade mit Blick auf den Ausbau der Ganztagsschule – enger kooperieren müssten. Im Zusammenspiel mit der Schule stelle sich immer die Frage, inwieweit Sozial- und Kultusministerium zusammenarbeiten. Auch hier sagte Altpeter zu, auf das Kultusministerium zugehen zu wollen. rei

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Schon heute ausreichend flexibel
Es geht auch ohne: Vom 1. August bis 31. Dezember 2013 haben von rund 8.400 Einrichtungen lediglich 196 für 385 Gruppen das Flexibilisierungspaket in der Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige in Anspruch genommen. Evelyn Samara vom KVJS wertet das insgesamt als ein gutes Zeichen: „ Die meisten Einrichtungen haben auch ohne das Flexibilisierungspaket einvernehmliche Lösungen gefunden. Der Rechtsanspruch ist zwar nach Quote vielerorts nicht erfüllt, jedoch sind keine Klagen in Baden-Württemberg bekannt. Die Kommunen und freien Träger arbeiten zielorientiert. Sie schaffen Plätze und sind mit den Eltern in gutem Kontakt.“ Das Kultusministerium hatte gemeinsam mit dem KVJS, den Kommunalen Landesverbänden, den Kirchen sowie den kirchlichen und freien Trägerverbänden verschiedene Maßnahmen zur Flexibilisierung der Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung vereinbart. Dazu zählen etwa die Erweiterung von Gruppenstärken, die Möglichkeit, einzelne Kinder im Alter von zwei Jahren und neun Monaten in altersgemischte Gruppen aufzunehmen sowie Plätze im Rahmen des Platzsharings doppelt zu belegen. Damit sollte der Ausbau der Kleinkindbetreuung weiter vorangebracht und dort, wo notwendig, Übergangslösungen geschaffen werden. Das Flexibilisierungspaket ist auf zwei Jahre befristet. Der KVJS wird in diesem Sommer eine detaillierte Zwischenbilanz zum aktuellen Stand der Inanspruchnahme veröffentlichen. 	 add

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Jugend

Der Jugend eine Zukunft geben
Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe
Die Stadt Plochingen und der Kreisjugendring Esslingen haben ein innovatives Vorhaben zur Fachkräftesicherung in der Region und zur Verbesserung der Ausbildungschancen und -erfolge initiiert. Der KVJS hat das Projekt als ein Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe gefördert.
Mit dem Programm „Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe in Baden-Württemberg“ fördert der KVJS jährlich Modellvorhaben zum Erproben neuer Ansätze in der Jugendhilfe. Von den Erkenntnissen sollen auch Nachahmer profitieren. Ergebnisse werden auf Fachtagen und Fortbildungen oder in Form von Handreichungen oder Leitfäden weitergegeben und im Internet publiziert. Auch das von Mai 2011 bis Dezember 2013 mit 27.000 Euro geförderte Modellvorhaben „Unternehmen bilden den Unterschied“ widmete sich der Weiterentwicklung der Jugendhilfe in Baden-Württemberg. Die Projektteilnehmer entwickelten Eckpfeiler für einen Berufsbildungsplan und widmeten sich dem Aufbau einer kommunalen Verantwortungsgemeinschaft aus Jugendarbeit, Schulen, Stadtverwaltung und Wirtschaft in Plochingen, um den Übergang von der Schule in die Ausbildung zu unterstützen. Die vertiefte Kooperation von Wirtschaft, kommunaler Wirtschaftsförderung und Jugendarbeit spielte dabei eine wichtige Rolle. Sibylle Schober, Projektleiterin vom Kreisjugendring Esslingen, erläuterte: „Durch das Projekt ist die gemeinsame Verantwortung erwachsen, uns frühzeitig und nachhaltig für junge Menschen im Übergang von der Schule in den Beruf einzusetzen. Das Projekt hat zudem gezeigt, dass die Jugendarbeit in der kommunalen Bildungsplanung definitiv eine wichtige Rolle zum Wohle von Kindern und Jugendlichen einzunehmen vermag.“ Aus dem Modellvorhaben ist ein Berufsbildungsplan hervorgegangen, der zusammen mit einem Bildungsplan zur Primär- und Sekundärstufe und zur frühkindlichen Betreuung in einen kommunalen Bildungsplan mündet. Da der Übergang ins Berufsleben in bisher üblichen kommunalen Bildungsplänen kaum Berücksichtigung fand, kann der Berufsbildungsplan als Ausgangspunkt für andere Kommunen dienen. Die Motivation der Stadt Plochingen, sich an dem Modellvorhaben zu beteiligen, beschrieb Martin Gebauer, Wirtschaftsförderer der Stadt Plochingen, mit einem Satz des wissenschaftlichen Begleiters Prof. Dr. Karl Zenke: „Galt bis in die jüngste Vergangenheit das Vorhandensein von weiterführenden Schulen, guten Ganztagesbetreuungsangeboten und einer gesunden Wirtschaftsstruktur als wichtige Standortfaktoren, so kann heute angenommen werden, dass die Attraktivität einer Kommune wesentlich auch von der Qualität einer kommunalen Verantwortungsgemeinschaft in Bildungs- und Ausbildungsfragen abhängen wird.“ Weitere Informationen zum Modellvorhaben „Unternehmen bilden den Unterschied“ finden Sie unter www.plochingen. de über den Suchbegriff „Wirtschaft“ in der Rubrik „Berufsbildungsplan für Plochingen“.				jw

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Die Podiumsdiskussion mit (v.l.n.r.) Nancy Hehl (Verdi), Kariane Höhn (Stadt Reutlingen), Dr. Ursula Wollasch (Landesverband Katholische Kindertagesstätten), Prof. Stephan Ferdinand (Hochschule der Medien, Stuttgart), Christa Engemann (Kultusministerium), Roland Kaiser (KVJS-Landesjugendamt), Dr. Susanne Heynen (Stadt Karlsruhe), Prof. Dr. Ralf Haderlein (Hochschule Koblenz). 	 Foto: Ulrich

Qualität in Kitas gestiegen
KVJS-Bildungstag auf der didacta zu Fachkräften in der Kindertagesbetreuung
Um dem Bildungs- und Betreuungsauftrag in der Kindertagesbetreuung gerecht zu werden, braucht es gute Fachkräfte. Kultusstaatssekretärin Marion von Wartenberg zeigt sich zufrieden mit der Entwicklung in Baden-Württemberg: „Die Qualität der Fachkräfte ist stark gestiegen“, sagte sie anlässlich des Bildungstages des KVKS und dem Didacta Verband der Bildungswirtschaft auf der didacta – Europas größter Bildungsmesse.
Der Fachkräftemangel macht vor Kindertageseinrichtungen nicht Halt. Gute Mitarbeiter zu finden und zu halten wird schwieriger. Um den Ausbau in BadenWürttemberg voranzutreiben, dürfen seit Mai 2013 neben Erzieherinnen auch Personen mit anderen Qualifikationen in Kindertagesstätten arbeiten. Beim Bildungstag diskutierten Träger, Einrichtungsleiter und Fachleute über „Fachkräfte in Kitas – im Spannungsfeld zwischen Qualität und Realität“ – und über den neuen Fachkräftekatalog. KVJS und Kultusministerium sehen darin eine Chance, mehr Fachkräfte zu gewinnen und die Qualität durch gemischte Teams zu verbessern. Multiprofessionelle Teams „Vor allem die Aufnahme von Bachelorabschlüssen im Bereich Bildung und Erziehung in der Kindheit beziehungsweise Kindheitspädagogen war längst überfällig“, sagt Roland Kaiser, Leiter des KVJSLandesjugendamtes. „Ebenso können andere Professionen – eingebunden in ein multiprofessionelles Team – zusätzliche Qualifikationen mit einbringen: zum Beispiel Logopäden im Bereich der Sprachförderung.“ Das zeigt auch eine vom Kultusministerium in Auftrag gegebene Studie, die erste Hinweise zu multiprofessionellen Teams in Kindertageseinrichtun29

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Jugend

Arbeitsbedingungen pädagogischer Fachkräfte Dr. Inge Schreyer und Martin Krause vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München stellten die AQUA Studie Arbeitsplatz und Qualität in KiTas vor. Darin wurde unter anderem deutlich, dass sich Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastung und Unterstützung der Leitung durch den Träger verbessern müssten, um die Verweildauer im Beruf zu verbessern und um Krankheitsraten und frühe Renteneintritte zu reduzieren. Allgemein zeigte sich in der Arbeitsgruppe eine hohe Zufriedenheit mit der Arbeit unter den pädagogischen Fachkräften. Deutlichen Handlungsbedarf sahen die Teilnehmer jedoch bei der Bezahlung, bei der Zeit für pädagogische Arbeit und bei Wertschätzung in der Gesellschaft. Personal- und Qualitätsentwicklung in Kitas Gemeinsam mit den Teilnehmern diskutierte Prof. Dr. Ralf Haderlein über Fort- und Weiterbildung, Einarbeitung, Aufstiegschancen, Ausstieg und Wiedereinstieg von Mitarbeitern. Ein effizientes Fortbildungskonzept stellt demnach eine am Einrichtungskonzept ausgerichtete Teamfortbildung dar. Um Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz zu binden, braucht es unbefristete Arbeitsverträge, flexible Arbeitszeiten, hohe Vergütungen, Qualität der Leitung, Verlässlichkeit und Transparenz. Um den Wiedereinstieg zu erleichtern ist die Mitarbeiterbindung während der Auszeit entscheidend. Träger müssen Grundsätze und Maßstäbe für die Bewertung der Qualität sowie geeignete Maßnahmen zur Qualitätssicherung und Entwicklung ausarbeiten. Deshalb diskutierten die Teilnehmer verschiedene Instrumente. 				rei

Kontakte am Messestand des KVJS.

Foto: Reuter

gen gibt. In einem Workshop setzten sich die Teilnehmer zum Teil kontrovers mit dieser Studie auseinander. Ausbildung „Wir dürfen in der Ausbildung keine Sackgassen produzieren und müssen künftig die Qualität und Inanspruchnahme der Fort- und Weiterbildung gezielter steuern“, so das Fazit eines Workshops zum Thema Ausbildung in der Elementarpädagogik in Baden-Württemberg mit Anette Krause vom Kultusministerium und Frank Jansen vom Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder e. V.. Jansen sprach sich dafür aus, bewusst die Qualität in der Fort- und Weiterbildung zu steuern und Fortbildungen an dem Bedarf der Einrichtungen auszurichten. Berufsbegleitende Fortbildung in der Frühpädagogik Berufsbegleitende Weiterbildung ist wichtig, um die Ausbildung der Fachkräfte stetig weiterzuentwickeln. Wie Weiterbildung gezielt für die eigene Entwicklung genutzt werden kann, war Thema eines Workshops zu den Fort- und Weiterbildungen. Auf Grundlage der WIFF-Expertise diskutierten die Teilnehmer Funktion und Chancen von Weiterbildungen in der Frühpädagogik.

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Forschung

Neues Werkzeug für Netzwerkkonferenzen
KVJS-Forschungsprojekt entwickelt flexibles Checklisten-System
„Regionale Arbeitsmarktforschung und -planung zur Integration von Menschen mit wesentlicher Behinderung“ lautete ein von 2011 bis 2013 durchgeführten KVJS-Forschungsprojekt. Die daraus mit der Technischen Universität Kaiserslautern entwickelte Handreichung wird nun den Netzwerkkonferenzen vor Ort zur Verfügung gestellt.
Bis Ende 2013 verhalfen die KVJS-Aktionen 1000 und 1000plus rund 2.880 wesentlich behinderten Menschen zu einem Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das Forschungsprojekt widmete sich nun der Frage nach den wichtigsten Faktoren für eine geglückte Integration in den Arbeitsmarkt. Was wirkt fördernd? Was hemmend? Und schließlich: Wie kann man das Fördernde fördern und das Hemmende hemmen? 31 Das Institut für Technologie und Arbeit (ITA) der Technischen Universität Kaiserslautern prüfte in einem ersten Schritt mit statistischen Methoden, ob bestimmte strukturelle Eigenschaften signifikant, also nicht zufällig, in Regionen auftreten, in denen ein besonders hoher Vermittlungserfolg erzielt werden konnte. Die Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald, Böblingen, Esslingen und Tübingen, der Bodenseekreis und die Stadt Karlsruhe stellten sich für die Untersuchung zur Verfügung. „Wir wollten bei den Projektteilnehmern den größtmöglichen Kontrast zwischen Stadt und Land, Fläche und Ballungsraum, um die Vielfalt der Lebensbedingungen zu erfassen.“, erklärt Bernhard Pflaum, zuständiger Projektleiter beim KVJS-Integrationsamt. Als besonders förderlich wurde angenommen: •	 Das Angebot von KoBV (Kooperative Berufliche Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt)

Schnittmusterbogen für passgenaue Lösungen.

Foto: Kleusch

•	 Ergänzende Lohnkostenzuschüsse •	 Die allgemeine Beschäftigungsentwicklung. Es zeigte sich, dass diese drei Faktoren wirken: Aber nur bei 37 Prozent waren sie die Erklärung für überdurchschnittlichen Vermittlungserfolg. Welche Faktoren spielen also sonst noch eine Rolle? Was wirkt im Hintergrund? In einem zweiten Schritt wurden jene Akteure befragt, die beim Übergang Schule – Arbeitsmarkt sowie beim Übergang WfbM – Arbeitsmarkt, maßgebliche Aufgaben übernehmen: •	 Schulen als vorbereitende Einrichtungen und abgebende Institution •	 Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sowohl als aufnehmende Insti-

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tution nach der Schule oder für Quereinsteiger; ebenso aber auch als vorbereitende bzw. abgebende Institution Integrationsfirmen – ebenfalls in einer Doppelfunktion als aufnehmende und abgebende Institution Leistungsträger (Agenturen für Arbeit, örtlicher Träger der Sozialhilfe) als Entscheider sowie als Gestalter des Fallmanagements Integrationsfachdienste (IFD) als maßgebliche Begleiter im gesamten Übergangsprozess und Schnittstelle zu den oben benannten Akteuren Unternehmen als maßgeblicher Arbeitsmarktakteur und somit aufnehmende Institution Menschen mit Behinderung als betrachtete Zielgruppe Angehörige/gesetzliche Betreuer von Menschen mit Behinderung in der Funktion als Unterstützer.

modell, das mit seinen Kästchen und Verbindungspfeilen auf den ersten Blick wie ein großer Schnittmusterbogen wirkt. Beim Teilmodell Schule etwa wird sichtbar, dass die Leistungsqualität in der Beratung und Betreuung die Arbeitsmarkthaltung der Angehörigen beeinflusst, die wiederum auf die Motivation und Arbeitsmarkthaltung eines Menschen mit Behinderung einwirkt. „Die Haltung der Angehörigen ist als ein zentraler Punkt sichtbar geworden“, erklärt Bernhard Pflaum. Flexibles System Entstanden ist aber nicht etwa ein starrer Schnittmusterbogen in Einheitsgröße: „Es ist ein sehr flexibles, regional adaptierbares System, dass jeder Kreis an seine Bedürfnisse anpassen kann“, so Pflaum. Das Wirkmodell bietet eine Art graphische Checkliste für die Gegebenheiten vor Ort. Und es macht sichtbar, an welchen Stellen es sich besonders lohnt, einzugreifen. Das macht es zu einem idealen Hilfsmittel für die Netzwerkkonferenzen vor Ort. Derzeit lässt der KVJS zwei externe Moderatoren für die Einführung des Wirkmodells ausbilden. Außerdem erscheint eine detaillierte Handlungsanleitung. „Wir hoffen, dass es viele Anfragen für die Umsetzung in die Praxis gibt“, erklärt Bernhard Pflaum. Im Vorfeld einer Netzwerkkonferenz sollte man sich für eine der drei Teilmodelle Schule, WfbM und Arbeitsmarkt entscheiden. Der KVJS übernimmt die Kosten für die moderierte Einführung. Auf eine halbstündige Einführung folgen anderthalb Stunden Gruppenarbeit mit dem Modell und eine Stunde moderierte Diskussion der Ergebnisse. Dann hält die Netzwerkkonferenz ein wirksames neues Werkzeug in Händen. mok

Die Aussagen wurden mithilfe qualitativer Methoden gebündelt. Es bildeten sich drei große Themen heraus: Schule, WfbM und Arbeitsmarkt – die miteinander in Verbindung stehen und aufeinander einwirken. Das wird anschaulich in dem von der Forschungsgruppe erarbeiteten Wirk-

Ihre Ansprechpartner
Zur Unterstützung bei der Praxis-Einführung des Wirkmodells stehen für Sie bereit: Bernhard Pflaum Telefon 0711 6375-311 Bernhard.Pflaum@kvjs.de Gabriele Forschner Telefon 0711 6375-285 Gabriele.Forschner@kvjs.de

Info

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Fortbildung

Inklusion: Aufgaben gemeinsam lösen
Das inklusive Miteinander von Menschen ohne und mit Behinderungen stellt eine große Herausforderung, nicht nur für die Einrichtungsträger, sondern auch für die Stadt- und Landkreise in ihrer planerischen Verantwortung, dar. 2014 finden deshalb die Jahrestagungen des KVJS für Jugendhilfe- und Sozialplaner vom 15. Mai bis 16. Mai im KVJS-Tagungszentrum Gültstein erstmals zeitgleich statt. Inhaltlich geht es dabei vor allem um die gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung des inklusiven Gemeinwesens. Die beiden Jahrestagungen werden zeitlich parallel veranstaltet und in Zeitfenstern von zwei halbtägigen Arbeitsblöcken zusammengelegt. Anmeldung: www.kvjs-fortbildung.de. Jugendhilfeplaner buchen bitte unter der Veranstaltungsnummer 14-4-JPL1-1j, Sozialplaner unter der Buchungsnummer 14-2-EHA3-1. Ihre Ansprechpartnerin Jugendhilfe Dr. Claudia Daigler Telefon 0711 6375-443 Claudia.Daigler@kvjs.de Ihre Ansprechpartnerin Sozialhilfe Barbara Milsch Telefon 0711 6375-217 Barbara.Milsch@kvjs.de add

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Neu: Fachtag für Träger der Schulsozialarbeit
Was macht eine erfolgreiche Kooperation zwischen Schule und Schulsozialarbeit aus? Wie kann ich mein Fachkräfte-Team in einem komplizierten Spannungsfeld unterstützen und begleiten? Wie lassen sich Standards optimieren? Träger der Schulsozialarbeit sehen sich in ihrem Arbeitsalltag vor Ort mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert. Der KVJS bietet dieser Zielgruppe hier erstmals ein eigenes Forum für Erfahrungsaustausch, Bestandsaufnahme der Arbeit sowie Impulse und Anregungen für die Weiterentwicklung. Der Fachtag findet am 5. Juni 2014 im KVJS-Tagungszentrum Gültstein statt. Anmeldung: www.kvjs-fortbildung.de Buchungsnummer: 14-4-JSA5-1 Ihre Ansprechpartnerin Claudia Stephan-Krumbholz Telefon 0711 6375-382 Claudia.Stephan-Krumbholz@kvjs.de add

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Neu erschienen

Beim KVJS erschienen
Alle hier aufgeführten Publikationen des KVJS sind kostenlos. Sie stehen auch im Internet unter www.kvjs.de/service/publikationen.html zum Herunterladen zur Verfügung.

Reihe KVJS-Schlaglicht
KVJS-Schlaglicht, „KVJS-Forschungsprojekt Ganztagsschule. Jugendhilfe und Schule in gemeinsamer Verantwortung“, Ausgabe 11, 2014. Der KVJS hat in einem Forschungsvorhaben von 2010 bis 2013 untersuchen lassen, welche Auswirkungen der Ausbau der Ganztagsschulen auf die Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote der Jugendhilfe hat. Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de

Jugendhilfe
Handreichung familienfreundliche Kommune, 2014. Mit der neu aufgelegten Broschüre können Kommunen und Organisationen die Familienfreundlichkeit vor Ort analysieren, etwa in Verwaltung, Kultur, Freizeit oder bei Unterstützungsangeboten. Hrsg.: FaFo Familienforschung im Statistischen Landesamt, KVJS, Arbeitsgemeinschaft Netzwerk Familie Baden-Württemberg. Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de KVJS-Berichterstattung „Bestand und Struktur der Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg“, Februar 2014. NUR zum PDF-Download unter http:// www.kvjs.de/jugend/jugendhilfeplanung/berichterstattung-kindertagesbetreuung.html

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Schwerbehinderung und Arbeit
Zeitschrift „Behinderte Menschen im Beruf“, Ausgabe Baden-Württemberg, Heft 1/2014. Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. ZB Spezial „Wahl der Schwerbehindertenvertretung“, 2014. Alles Wissenswerte zur Wahl. Broschüre, 144 Seiten. Mit Wahlkalender und Formularen zum Aushängen. Der Übergang von der Schule und der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, 2014. Erfahrungen aus Baden-Württemberg. Broschüre, 16 Seiten. Manuela Weimar Telefon 0721 8107-942 integrationsamt@kvjs.de
Foto: Fotolia

Behinderung, Pflege
Menschen mit chronisch psychischer Erkrankung in Pflegeheimen, Februar 2014. Eine empirische Untersuchung zur Hilfe zur Pflege unter 65 Jahren in Baden-Württemberg auf Basis von Daten zum Jahresende 2011. KVJS-Berichterstattung „Hilfe zur Pflege 2012“. Kennzahlen aus den Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg, 2014. Manuela Weißenberger Telefon 0711 6375-307 Sekretariat21@kvjs.de

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Neu erschienen

ONLINE-WEGWEISER Auf gute Nachbarschaft. Umsetzung von Wohnprojekten für Menschen mit Behinderungen in der Gemeinde, 2. überarbeitete Auflage 2014, Stuttgart. Die Broschüre zeigt Wege, wie Wohnprojekte für Menschen mit Behinderungen erfolgreich geplant und verwirklicht werden können. Mit Checklisten und Praxisbeispielen.

Betreuungsrecht
KVJS Betreuungsrecht-Info Heft 1, 2014. Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Mandy Schlesinger Telefon 0711 6375-279 Mandy.Schlesinger@kvjs.de

Impressum

KVJS aktuell April 2014 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Kristina Reisinger (rei) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Jürgen Wieland (jw) Layout: Waltraud Gross Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de Bestellungen und Adressänderungen: Petra Wagner Telefon 0711 6375-208 Petra.Wagner@kvjs.de Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Redaktioneller Hinweis: Wir bitten um Verständnis, dass aus Gründen der Lesbarkeit auf eine durchgängige Nennung der weiblichen und männlichen Bezeichnungen verzichtet wird. Selbstverständlich beziehen sich die Texte in gleicher Weise auf Frauen und Männer.

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Postanschrift Postfach 10 60 22 70049 Stuttgart

Hausadresse Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart (West)

Tel. 0711 63 75-0 www.kvjs.de
                            
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