Publication:
2013
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729570
Path:
4/2013

KVJS

aktuell
Damit Scheiden nicht so weh tut
Landesprojekt zu Kindeswohl
Seite 22

KVJS

Jubiläum in Flehingen: 30 Jahre Heilpädagogik
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Soziales

Werkstatt Wohnen eröffnet neue Ausstellung
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Integration

Spaß inklusive beim Abenteuergolf: KVJS fördert Projekt
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Inhaltverzeichnis
KVJS 	 3	 KVJS-Meilensteine: Forschung, Innovation, Planung 	 3	 Finanzen: Der KVJS liegt gut im Plan 	 4	 KVJS-Fachschule widmet sich der Frühpädagogik 	 5	 Jubiläum auf Schloss Flehingen 	 6	 Gültstein: immer eine Reise wert 	 8	 Unter der Lupe: Inklusion in Kita und Schule 	 8	 Rechtsgutachten: Wer zahlt die Inklusion an Schulen? Soziales 	 9	 Investitionsförderung: Gelder fließen wieder 	10	 Rechtliche Betreuung: Tandems unterwegs 	12	 Barrierefreie Möbel – Werkstatt Wohnen neu eröffnet

	14	 Neue Bausteine in der Sozialhilfe
Integration 	15	 Schwerbehinderte Arbeitnehmer: Wenig Bewegung im Arbeitsmarkt 	16	 Mitarbeiter mit Handicap: Aufblühen in der Gärtnerei 2 	17	 Aktion 1000 – Perspektive 2020 	18	 Abenteuergolf – Spaß inklusiv(e) 	19	 Integrations-Unternehmer im fachlichen Austausch 	20	 Blinde und sehbehinderte Menschen: Erfolgreich mit der richtigen Technik Jugend 	22	 Landesprogramm: Damit Scheiden nicht so weh tut 	25	 Jugendhilfe: Antworten auf neue Fragen gesucht 	27	 Jugendhilfe: Migration als kommunales Zukunftsthema 	28	 Kita-Ausbau in Baden-Württemberg auf gutem Weg 	29	 Anlauf- und Beratungsstelle Baden-Württemberg (ABH-BW) Neu erschienen 	30	 Publikationen beim KVJS erschienen

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KVJSaktuell

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Forschung, Innovation, Planung
Verband legt Meilensteine fest
Der KVJS will die Forschung, Innovationsförderung und Planung weiter ausbauen. Dabei steht vor allem die konkrete Umsetzung innovativer Ansätze in der Praxis im Mittelpunkt.
Ziel ist es, den KVJS als Kompetenz- und Dienstleistungszentrum weiter zu entwickeln: in der Innen- wie in der Außenbetrachtung. Die Themen Forschung, Innovation und Planung auf Basis der KVJS-Berichterstattung sollen noch besser miteinander verknüpft werden, um daraus neue Module, Produkte und Dienstleistungen entwickeln zu können. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Inklusion sowie der intelligente Umgang mit der demografischen Entwicklung. Auf Fachtagen und in Gesprächen vor Ort will der Verband individuelle Lösungen erarbeiten, wie die wissenschaftlichen und empirischen Erkenntnisse in den Stadtund Landkreisen angewendet werden können. Die Anforderungen an die KVJS-Mitarbeiter haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt: Fachwissen und höhere Beratungskompetenz müssen dauerhaft gewährleistet sein. So gilt es, komplexe Sachverhalte zu politisch schwierigen Themen fachlich aufzubereiten und bedarfsgerecht an die kommunalen Leistungsträger zu vermitteln. Vor allem die Arbeit vor Ort soll gestärkt werden, um aktuelle Tendenzen frühzeitig aufzunehmen. „Der KVJS will als Arbeitgeber und als Dienstleistungszentrum auf aktuelle Erkenntnisse eingehen und die Voraussetzungen schaffen für modernes Arbeiten“, sagt Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. rei

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Der KVJS liegt gut im (Finanz-)Plan
Die Gemeindehaushaltsverordnung sieht vor, dass der KVJS im Laufe des Jahres Rechenschaft über den Stand des Haushalts sowie der Teilhaushalte ablegen muss. So wurde den Mitgliedern des Verbandsausschusses im Juli ein Finanzzwischenbericht vorgestellt. Demnach gab es nach Ablauf der ersten fünf Monate 2013 kaum Abweichungen auf den geplanten Haushaltsverlauf. Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise war die Haushaltssituation bei den Stadt- und Landkreisen in den vergangenen Jahren schwierig. Daher hatte der Verbandsausschuss 2010 beschlossen, bis 2013 Gelder aus der Rücklage zu nehmen. Erfreulicherweise verlief der Haushalt 2012 besser als ursprünglich geplant. So mussten 2,124 Millionen Euro weniger aus der Rücklage genommen werden. rei

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Knirpse gut an den Start bringen
Ausbildungsgang „Jugend- und Heimerziehung“ wurde erweitert
Kitas suchen dringend Erzieherinnen und vor allem Erzieher. Der Fachkräfte-Markt ist leergefegt. Hilfe kommt seit Herbst aus der KVJS-Fachschule für Sozialwesen in Flehingen: Sie erweitert ihre staatlich anerkannte Ausbildung „Jugend- und Heimerziehung“ um den Baustein Frühpädagogik.
Die Ausbildung versteht sich als Breitbandqualifikation. Deshalb vertieft das neue Modul nun ausdrücklich die Bedürfnisse der Jüngsten. „Zum einen nehmen die Heime immer jüngere Kinder auf“, erklärt der Leiter der KVJS-Fachschule in Flehingen Klaus Boch. Zum anderen betreuten die Einrichtungen zunehmend minderjährige Mütter mit Babys. „Und: Unsere Absolventinnen und Absolventen arbeiten vermehrt in KinDie KVJS-Fachschulen bieten ihren Studierenden eine praxisnahe Ausbildung. dertageseinrichtungen und Foto: Grohmann in der Kindertagespflege“, beobachtet der Diplom-Pädagoge. Diese Be- Berufsbegleitend und praxisnah rufsgruppe sei vom KindertagesbetreuDie KVJS-Fachschule für Sozialwesen ungsgesetz für die pädagogische Arbeit blickt auf über 30 Jahre Erfahrung in der mit Kindern und Kleinkindern anerkannt. berufsbegleitenden Ausbildung zurück. „Durch eine konzeptionelle Erweiterung „Unsere Lehrkräfte sind ausgewiesene des Curriculums wollen wir dieser Entwicklung Rechnung tragen und den früh- Fachleute, zum Beispiel Pädagogen, Psypädagogischen Bereich höher gewichten.“ chologen, Ärzte oder Juristen“, sagt Boch. „Sie kennen die aktuellen Entwicklungen Ab Herbst 2013 bietet die Fachschule das aus ihrem eigenen Berufsalltag.“ Im Bereich „Frühpädagogik“ dozieren sie nun neue Curriculum erstmals seinen 60 Stuauch zu psychischen Auffälligkeiten bei dierenden. Die 22- bis 45-Jährigen besuKindern im Vorschulalter. Denn ADHS und chen die Fachschule berufsbegleitend, Co. werden in Kindertageseinrichtungen zwei Drittel sind weiblich. Sie befassen vermehrt zum Problem. Studierende ersich im frühpädagogischen Schwerpunkt werben fundiertes Wissen über die Entmit Sprachentwicklung, Migration, Inklusion, Elternarbeit und Erziehungspartner- wicklungsprozesse von Kindern, um auch die Allerkleinsten zu betreuen und ihre Elschaft. Zudem belegen sie Kurse zu kultern bei der Erziehung zu begleiten und tur- und religionssensibler Bildungs- und zu beraten. syr Elternarbeit.

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Ein Festtag auf Schloss Flehingen
30 Jahre Heilpädagogik
Im Herbst rundet sich auf Schloss Flehingen ein Jubiläum: Seit drei Jahrzehnten bietet die KVJS-Fachschule für Sozialwesen eine duale Ausbildung in Heilpädagogik. „Durch die Qualität unserer berufsbegleitenden Ausbildung haben wir den Markt überzeugt“, sagt Fachschulleiter Klaus Boch. Die Absolventen übernehmen verantwortungsvolle Tätigkeiten.
Rund 600 Heilpädagoginnen und Heilpädagogen haben in den letzten 30 Jahren an der Fachschule ihre staatliche Anerkennungsurkunde entgegengenommen. Die meisten sind Frauen. Oft leiten sie heute Einrichtungen, Werkstätten, Gruppen oder Fachbereiche. Oder sie sind als Selbstständige ihr eigener Chef. „Die berufliche Bandbreite der Heilpädagogik hat sich seit den Anfängen unserer Schule beträchtlich erweitert und ist in der Gesellschaft angekommen“, zieht Klaus Boch Bilanz. Damals traten die meisten Absolventen ihren Dienst in vollstationären Einrichtungen der Behindertenhilfe an oder gingen in Jugendhilfeeinrichtungen, um verhaltensauffälligen Jugendlichen zur Seite zu stehen. Heute sind die beruflichen Einsatzfelder breiter. Viele eröffnen ihre eigene heilpädagogische Praxis. Andere begleiten in Kitas Jungen und Mädchen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Für manche ist die FachschulAusbildung das Sprungbrett zum Bachelor-Studium der Heilpädagogik und zu einer therapeutischen Ausbildung. Abwechselnd Theorie- und Praxisphasen Die KVJS-Fachschule für Heilpädagogik baut auf 30 Jahren Erfahrung in der berufsbegleitenden Ausbildung auf. Zur Praxisnähe tragen die erfahrenen Dozenten sowie das duale Lernsystem aus theoretischem und praktischem Unterricht bei. Die Studierenden sind bei einer sozialpädagogischen Ein- Die Bildungseinrichtung in Oberderdingen. Foto: Grohmann richtung angestellt. Und sie besuchen die Ausbildungsstätte in Flehingen nach einem festen Turnus. Zudem bietet die KVJS-Fachschule eine perfekte Infrastruktur aus moderner Medientechnik, Lernräumen und Übernachtungsmöglichkeiten für Studierende. 5 Neuer Tagungssaal Die jüngste Modernisierung konnten die Gäste des Festakts in Augenschein nehmen: Das Jubiläum wurde Mitte Oktober im neuen Tagungssaal gefeiert. „Wo früher die Jugendlichen an Arbeit herangeführt wurden, profitieren heute Fachschüler und Tagungsgäste von einer modernen Kommunikations- und Präsentationstechnik“, sagte der Verbandsvorsitzende Landrat Karl Röckinger in seiner Begrüßungsrede. syr

Die KVJS-Fachschulen
Der KVJS betreibt auf Schloss Flehingen vier Fachschulen zum berufsbegleitenden Aufstieg in sozialen Berufen. Alle KVJS-Ausbildungen in Oberderdingen-Flehingen (Kreis Karlsruhe) sind staatlich anerkannt. KVJS-Bildungszentrum Schloss Flehingen Gochsheimer Str. 19, 75038 Oberderdingen Telefon 07258 75-62 Mehr: www.kvjs.de/fachschulen/fachschulen.html

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Immer eine Reise wert
Ferienfreizeiten etablieren sich im KVJS-Tagungszentrum Gültstein
Vier Reisebusse und ein LKW: Das ist der beeindruckende Fuhrpark, mit dem 60 Menschen mit und ohne Behinderung im Juli angereist sind. Fünf Stunden hatte die Fahrt der Gruppe aus dem beschaulichen Attendorn im Südsauerland bis nach Gültstein gedauert: dem Ausgangspunkt einer Ferienfreizeit.
Das idyllisch gelegene KVJSTagungszentrum ist nicht nur Veranstaltungsort für Fortbildungen und Tagungen, sondern seit kurzer Zeit auch Herberge für Ferienfreizeiten von Menschen mit Behinderungen. „Nach dem Wegfall der Erholungskuren für Kriegsopfer möchten wir uns auch als Veranstalter von Ferienfreizeiten einen Namen machen und sind dabei auf einem guten Weg“, sagt Robert Berres, Leiter des KVJS-Tagungszen- Die Gäste loben ihren Urlaub in Gültstein. Foto: AG Begegnung Attendorn trums Gültstein. Diese Zuversicht spiegelt sich in den Anfragen für das nächste Jahr und den Langeweile war demnach fehl am Platz. positiven Erfahrungen der 60-köpfigen Die Gäste konnten aus vielen FreizeitaktiGruppe wider. „Wir sind eine große Grupvitäten wählen: Kegeln, Tischtennis, Tischpe, darunter schwerst mehrfach behinfußball oder schwimmen, Städtetouren derte Menschen“, sagt die Leiterin Sabina nach Stuttgart, Tübingen und Herrenberg, Seithe. „Wir haben uns bewusst für GültModeshow, Geisterabend, Open-Air Kino, stein entschieden, weil das am besten ge- Kamelreiten oder Lagerfeuerabend. eignet war, sehr bedürfnisorientiert arbeitet und uns alle unsere Wünsche erfüllt.“ „Durch die unterschiedlichsten Angebote sollen alle auf ihre Kosten kommen, denn Eine Delegation der Arbeitsgemeinschaft nicht jeder kann basteln, schwimmen Begegnung Attendorn hatte mehrere Un- oder größere Ausflüge unternehmen. Das terkünfte miteinander verglichen. Am hängt ganz von der Art der Behinderung Schluss hatte Gültstein die Nase vorn: ab“, gibt Gruppenleiterin Seithe zu beden„Das Tagungszentrum ist rollstuhlgerecht, ken. „Ein Großteil der Teilnehmer ist geisbesitzt große Zimmer und bietet gute Hy- tig behindert, es gibt auch Teilnehmer, die gienebedingungen, ein großes Angebot eine Rund-um-die-Uhr Betreuung brauan Freizeitaktivitäten sowie freundliche, chen.“ Das erfordert von den ehrenamtoffene und flexible Mitarbeiter“, so Sabilichen Betreuern viel Einfühlungsvermöna Seithe. gen und Verantwortungsbewusstsein.

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Seithe: „Mit dieser Ferienfreizeit wollen wir Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung fördern und intensivieren. Das findet auf verschiedenen Beziehungsebenen statt und ermöglicht es, in die verschiedenen Lebenswelten einzutauchen und immer wieder viel voneinander zu lernen. Dadurch entwickeln Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene sehr viel Verständnis für den anderen und respektieren die jeweiligen Besonderheiten des Einzelnen.“ Dass das gut gelungen ist, zeigen die gute Stimmung und das gute Verständnis innerhalb der Gruppe, die sich unternehmenslustig und voller Tatendrang präsentierte. Susanne Eckhardt mit Down-Syndrom berichtete euphorisch von ihren Erfahrungen beim Kamelreiten: „Ich war unsicher, als ich mich auf das Kamel setzen soll-

te und es kostete mich doch einige Überwindung. Am Ende war es ein gutes Gefühl und ich war überglücklich.“ Frank Bröcher konnte sich einen Traum erfüllen und sich beim Flug mit einem Segelflugzeug wie ein Vogel fühlen – sein ständiger Begleiter, der Rollstuhl, blieb so lange am Boden. Auch Maik Schlinkert zeigte sich von der Freizeit angetan: „Wir haben Kaffee getrunken, backen unser eigenes Brot. Das Essen ist gut und die Freizeit super, ich habe viele Freunde gefunden.“ Ein besonderes Highlight war das Schützenfest, mit dem die Gruppe Gültstein zur Schützenfest-Hochburg machte. Beim Schießen bildete sich das Königspaar heraus, das sich von seinen Untertanen feiern ließ. Am Ende freuten sich alle, dass die Monarchie für einen Tag in Gültstein Einzug hielt. jw 7

„Bei uns ist der Kunde König“
Interview mit dem Tagungshaus-Geschäftsführer Robert Berres
Herr Berres, das KVJS-Tagungszentrum Gültstein ist Ziel von Ferienfreizeiten für Menschen mit Behinderung. Wie sind Ihre Erfahrungen damit? Das Angebot gibt es seit zwei Jahren und wir sind sehr zufrieden. Die Nachfrage ist groß und wir werden alles dafür tun, dass das so bleibt. Die Gruppengrößen waren dabei sehr unterschiedlich – wir hatten sowohl zehn als auch 60 Teilnehmer. Wie kommt das Angebot bei der Zielgruppe an? Bei uns ist der Kunde König. Von allen Gruppen haben wir bis heute positive Rückmeldungen erhalten. Wir haben sogar eigens einen Handgriff über dem Bett angebracht, damit sich die Rollstuhlfahrer selbstständig aufrichten können. Auch wenn es um die Verpflegung oder Freizeitaktivitäten geht, gehen wir auf die Wünsche unserer Gäste ein und versuchen, alles möglich zu machen. Jeder soll sich wohl fühlen und mit Wehmut an Gültstein erinnern. Wie und für welchen Zeitraum können sich Gruppen bei Ihnen anmelden? Jeder kann sich direkt bei mir melden. In einem ersten Telefongespräch zeigt sich oft, ob sich ein Termin findet und Gültstein das passende Domizil ist. Interessenten für die nächsten beiden Jahre sollten sich bald melden, da es schon einige Anfragen für unser Ferienfreizeit-Angebot in den Oster-, Pfingst- und Sommerferien gibt.

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Unter der Lupe: Inklusion in Kita und Schule
KVJS-Fachtag präsentiert Forschungsergebnisse
Wie steht es konkret um die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in Kitas und Schulen? Welche Rolle spielt die Eingliederungshilfe bei der Umsetzung inklusiver Bildung? Diesen Fragen ging ein Forschungsprojekt des KVJS mit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg nach. Nun gibt es erste Ergebnisse.
Für die praktische Arbeit ist eine gute Vernetzung vor Ort ein wesentlicher Schritt zum Erfolg: „Es ist sinnvoll, eine zentrale Anlaufstelle beim Kreis zu haben“, fasst Gabriele Hörmle vom KVJS die ersten Forschungsergebnisse zusammen. Das Wissen um die verschiedenen Angebote, die im Kreis zur Inklusion beitragen, kann dort abgefragt und gebündelt werden. Wichtig seien ferner „gute Absprachen zwischen den Beteiligten“, so Hörmle. „Und klare Weitergabe-Regelungen.“ Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden auf dem Fachtag „Inklusion in Kindertagesbetreuung und Schule. Assistenzleistungen der Eingliederungshilfe als integraler Bestandteil von Bildungsprozessen?“ am 28. November 2013 im GENO-Haus Stuttgart vorgestellt. mok/add

Weitere Informationen
Die Forschungsergebnisse werden in einem ausführlichen Bericht (voraussichtlich Ende 2013) sowie in einer Orientierungshilfe für die praktische Arbeit vor Ort nachzulesen sein. Informationen über den Forschungsansatz gibt es im Internet unter www.kvjs.de/forschung.html Mehr zum Thema Inklusion in der Kita erfahren Sie im Herbst in unserem neuen Magazin KVJS-spezial zum Thema Kindertagesbetreuung.

Info

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Rechtsgutachten: Wer zahlt Inklusion an Schulen?
Der KVJS Verbandsausschuss hat beschlossen, ein Rechtsgutachten zur Inklusion an Schulen in Auftrag zu geben. Geprüft werden soll, wer die Kosten der Schulbegleitung übernimmt. Prof. Thorsten Kingreen von der Universität Regensburg soll bis Januar erste Antworten zu Fragen einer künftigen gesetzlichen Regelung geben. Die Fragestellung des Gutachtens lautet: „Kann Landesschulrecht so umfassend gestaltet werden, dass ein Schulbesuch behinderter Kinder und Jugendlicher ohne Rückgriff auf nachrangige Sozial- oder Jugendhilfesysteme gewährleistet ist?“ Die Landesregierung will die UN-Behindertenrechtskonvention in der Schule konsequent umsetzen und versprach die dafür notwendigen Mittel. Ohne ein neues Schulgesetz, das die fachliche Abgrenzung zur Pädagogik und die finanzielle Verantwortung der Schule festsetzt, müssen die Sozialhilfe- und Jugendhilfeträger mit erheblichen Kosten rechnen. rei

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Die Quellen sprudeln wieder
Investitionsförderung von Behinderteneinrichtungen
Seit Ende Juni 2013 bekommen Träger von Behinderteneinrichtungen im Land wieder finanzielle Fördermittel, wenn sie Wohn- und Werkstätten aufbauen, aus- oder umbauen.
Die Bauwilligen hatten lange auf dem Trockenen gesessen. Bis Ende 2012 hat der KVJS ihre Anträge noch nach den alten Vorschriften prüfen und bewilligen können. Diese Richtlinien liefen aus. Seit Ende Juni gibt es in Baden-Württemberg neue Vorschriften. Damit können die Gelder wieder fließen. Rund 23 Millionen Euro sollen nun verstärkt dazu beitragen, eine inklusive und wohnortnahe Infrastruktur für Menschen mit Behinderung zu verwirklichen. Am 20. September hat der Förderausschuss des KVJS die ersten Gelder verteilt. Gemeindeintegrierte Angebote Die neue Förderrichtlinie des Landes orientiert sich im Wesentlichen an den Vorschlägen aus dem „Gültstein-Prozess“ im Jahr 2012. Die Hälfte der jährlichen Fördermittel fließt in neue, gemeindeinte grierte Wohn- und Beschäftigungsangebote. „Erfreulicherweise sind, wie angeregt, mindestens 25 Prozent für innovative und inklusive Vorhaben reserviert“, sagt Michael Heck vom KVJS. Zudem begrüße der KVJS die Förderung von Behinderteneinrichtungen mit eigener Pflegeabteilung. Dennoch bleibt ein Wermutstropfen: Maximal 25 Prozent der Gelder kommen bestehenden Heimen zugute, damit sie umgebaut und modernisiert werden können. Zu wenig, findet der KVJS. „Angesichts des großen Sanierungsstaus vor allem im Hinblick auf die Landesheimbauverordnung hält der KVJS die Deckelung für Sanierungsmaßnahmen im Bestand für zu streng“, sagt Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. 22 Großeinrichtungen im Land müssten neben ihren Aufgaben in Sachen Dezentralisierung von zunächst 2500 Plätzen auch für die dort langjährig verwurzelten Menschen Lösungen bieten. Viele der zentral verbleibenden Plätze müssten saniert werden. Um angemessene Lebensverhältnisse auch in alten, bestehenden Gebäuden sowie das Wunschund Wahlrecht zu gewährleisten, müsse die Erneuerung des Bestands deutlich höher gefördert werden. Denn alle Angebote inklusiv zu organisieren, sei nur mittelbis langfristig umsetzbar. Der KVJS fordert deshalb, die Haushaltsmittel des Landes aufzustocken. syr Mehr zur Investitionsförderung www.kvjs.de/soziales/menschen-mitbehinderung/investive-foerderung.html (auch zur Förderung von ambulanten Angeboten durch das Landeswohnungsbauprogramm)

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Der Gültstein-Prozess
Beim Gültstein-Prozess diskutierten Fachleute und Betroffene über die Zukunft der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg. Der Fachdiskurs begann mit einer Veranstaltung am 24. Mai 2012 im KVJS-Tagungszentrum HerrenbergGültstein und mündete in das „Impulspapier Inklusion“. Die Empfehlungen sind heute Basis für die sozialpolitischen Entscheidungen im Landtag. Der Gültstein-Prozess wurde vom Sozialministerium und von der Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege (LAGÖFW) angestoßen und durchgeführt. Vorsitzender der LAGÖFW war 2012 KVJS-Verbandsdirektor Roland Klinger.

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Mit Tandem-Modellen sollen Ehrenamtliche motiviert werden.

Foto: Kzenon, Fotolia

Tandems unterwegs
Jahrestagung stellte Ideen zur rechtlichen Betreuung vor
Wie können wir mehr Ehrenamtliche für die rechtliche Betreuung von alten, kranken oder behinderten Menschen gewinnen? Rund 100 Fachkräfte aus Betreuungsvereinen und -behörden diskutierten im Sommer 2013 beim achten KVJS-Fachtag „Querschnittsarbeit“ in Stuttgart handfeste Lösungen. Auch ein Tandem wurde präsentiert.
Die diesjährige Veranstaltung fuhr etliche Vehikel auf, um mehr Ehrenamtliche zu gewinnen. Die Tagungsgäste erfuhren von wirksamen Werbe-Strategien, gelungener Netzwerkarbeit und KVJS-Weiterbildungsangeboten – und eben von Tandems. Denn die rechtliche Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen, ursprünglich als Ehrenamt konzipiert, geht immer mehr in die Hände von bezahlten Profis. Das belastet den öffentlichen Haushalt. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des KVJS von 2012. Von rund 110.000 Betreuungen im Land liegen nur noch 65 Prozent in Händen von Ehrenamtlichen. Zwar ist die absolute Zahl der Ehrenamtlichen nicht zurückgegangen. Aber es gibt immer mehr Hilfebedürftige und schwierige Betreuungen. Ein Grund ist der demografische Wandel. Nun gilt es, die Talfahrt zu bremsen. „Die KVJS-Studie hat die strukturellen Probleme klar benannt. Jetzt geht es darum, die Akteure vor Ort bei Veränderungen zu unterstützen“, sagt Carola Dannecker. Sie ist stellvertretende Leiterin der überörtlichen Betreuungsbehörde beim KVJS.

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„Unter Federführung des KVJS erarbeitet eine Arbeitsgruppe der Landesarbeitsgemeinschaft für Betreuungsangelegenheiten Kriterien, welche Betreuungen sich für Ehrenamtliche eignen. Dies hilft Behörden und Gerichten, sich für ehrenamtliche Betreuer zu entscheiden. Daneben unterstützt der KVJS im Rahmen seines Fortbildungsangebotes die Weiterentwicklung der Netzwerkarbeit in den Regionen durch Fortbildungen.“ Sicher durch den Paragrafen-Parcours Die Veranstaltung gewährte weitere Einsichten. Warum sollten nicht zwei Leute einen Hilfebedürftigen begleiten, fragte sich das hessische Sozialministerium – und startete das Projekt „Betreuung im Tandem“ (BiT). Denn etliche Menschen würden durchaus gerne Verantwortung übernehmen. Aber sie fürchten beim Paragrafen-Parcours abzustürzen. In Hessen schlugen zehn Modellregionen, 23 Betreuungsgerichte und 24 Betreuungsvereine neue Wege ein. Bei BiT bildeten Profi-Betreuer rund ein Jahr lang mit ehrenamtlichen Betreuern Tandems. Im Zweierteam besuchten sie den Betreuten, diskutierten miteinander Renten- oder Vermögensfragen oder klärten, ob er oder sie im Heim aufgenommen werden sollte. Ziel des von der Uni Kassel begleiteten Tandem-Projekts war es, die Ehrenamtlichen zu befähigen, nach etwa einem Jahr die Betreuung alleinverantwortlich weiter zu führen. Das gut zweijährige, Ende 2011 abgeschlossene Projekt macht Mut: „Die Betreuungsqualität hat sich verbessert“, sagte BiT-Koordinator Michael Poetsch. Die Ehrenamtlichen würden in der Anfangsphase besser unterstützt und fühlten sich sicherer. Die Justizkasse könne auf Entlastung hoffen. Betreuungsbehörden, -gerichte und -vereine gewännen ein neues, wirksames Instrument. Die ersten

Tandems sind in Hessen unterwegs. „Und es gibt Interesse aus allen Bundesländern, auch aus Baden-Württemberg“, sagt Poetsch. Der Fachtag ermutigte die Besucher zudem, neue Zielgruppen zu gewinnen, etwa Menschen mit ausländischen Wurzeln. „Frauen und Männer mit Migrationshintergrund bringen sich gerne ehrenamtlich ein“, berichtet Ulrike Gremminger aus ihrer langjährigen Erfahrung beim Caritasverband für Stuttgart e.V. Die DiplomSozialpädagogin berät Migranten und leitet erfolgreiche Projekte in der Freiwilligen-Arbeit. Gremminger war sich mit dem hessischen BiT-Koordinator Poetsch einig: Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund sind durch ihre sprachlichen, religiösen und kulturellen Fähigkeiten für die rechtliche Betreuung besonders geeignet. „Sie bringen muttersprachliche Kompetenzen mit, die wir nicht haben“, berichtet Gremminger. Die Mühe lohne, bei Moscheen, Migrantenorganisationen, Kirchen oder der städtischen Integrationsstelle anzufragen. Der KVJS veranstaltete die Tagung zusammen mit den Diözesanvereinen von SKM und SkF in Freiburg, dem Diakonischen Werk Württemberg sowie der Interessengemeinschaft der Betreuungsvereine in Baden-Württemberg. syr

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Rund 110.000 Frauen und Männer können in BadenWürttemberg wegen Krankheit, Behinderung oder Altersdemenz ihren Alltag nicht mehr selbst bewältigen. Ehrenamtliche Betreuer werden in Baden-Württemberg von hauptamtlichen Mitarbeitern der 72 anerkannten Betreuungsvereine unterstützt. Weitere Informationen: www.kvjs.de/soziales/servicebetreuungsrecht.html

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Für die einen ist‘ s Komfort, für die anderen Notwendigkeit
Handwerker haben Markt für barrierefreie Möbel entdeckt
Ein höhenverstellbares Bett, eine moderne Küche mit absenkbaren Regalen, eine elegante Garderobe mit eingebauter Sitzbank – Möbel können sich heute den Menschen anpassen, die sie nutzen. Schreinereien beraten über die neuen Möglichkeiten. Rund 50 zertifizierte Fachbetriebe haben sich in Baden-Württemberg auf barrierefreies oder -armes Wohnen spezialisiert.
als unsere Aufgabe, den Kunden die Vorteile zu zeigen und eventuelle Vorbehalte zu nehmen“, erläutert er. Vor fünf Jahren hat Ehle den Familienbetrieb von seinem Vater übernommen. Die Schreinerei im Kreis Esslingen gibt es in der fünften Generation.

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Barrierearme WohnEinrichtungen gewinnen an Akzeptanz – wenngleich sie selten „barrierearm“ genannt werden. Aus Großvaters Lehnstuhl ist ein Lifestyle-TV-Sessel geworden, der Chic in die Schreiner Michael Ehle (rechts) und sein Mitarbeiter Peter M. bauen in Deizisau moderne Möbel. Apartments von JüngeFoto: Rizvi ren bringt. Die bodengleiche Dusche, die einst Menschen mit Behinderungen kaufSchreinerei Ehle in Deizisau ist eine von ten, wird zur Wellness-Oase für alle. Auch ihnen. „Früher hatte Barrierefreiheit ein beim Schreiner ist bequemer Komfort geschlechtes Image“, sagt Inhaber Michael Ehle. Altengerechte Möbel zum Beispiel fragt. „Elemente des barrierearmen Einrichtens fließen bei uns in fast alle Aufseien meist nur im äußersten Notfall geträge ein“, erklärt Michael Ehle. Es sind kauft worden. „Ich stelle inzwischen eine Möbel, die allen nutzen. Für Jüngere sind Veränderung fest. Heute lassen sich die etwa leichtgängige Schrank-Schubkästen Menschen eher darauf ein, beim Mobiliar ein praktisches Detail. Für Ältere, deren vorausschauend zu denken. Ich sehe es

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Kraft oder Beweglichkeit nachlässt, können sie zu einer Notwendigkeit werden. Ehle befasst sich seit 15 Jahren mit Barrierefreiheit. Auf die Idee gebracht hat ihn ein Seminar des Landesfachverband Schreinerhandwerk Baden-Württemberg und der KVJS-Werkstatt Wohnen. Inzwischen hat seine Schreinerei wie 50 andere in Baden-Württemberg das Zertifikat „Fachbetrieb AktivWohnen – komfortabel und barrierefrei“. Es wurde ihm vom Schreinerfachverband verliehen. Mit laufenden Seminaren hält er sich über neue Trends auf dem Laufenden und schärft seinen Blick für Probleme von Älteren oder Gehandicapten. „Der Markt war und ist da“, hat der 40-jährige Meister erfahren. „Der demografische Wandel unserer Gesellschaft fordert Gestaltungskompetenz“, sagt Rainer Gall vom Landesfachverband Schreinerhandwerk Baden-Württemberg. „Die vorausschauende Planung von Wohnund Arbeitsbereichen und die Realisierung von Anpassungen ermöglichen eine lange persönliche Selbstständigkeit.“ Die zertifizierten Schreiner haben sich kundig gemacht, welche DIN-Normen bei barrierefreien Möbeln zu beachten sind. Oder sie informieren Kunden zum Beispiel über Mobiliar, das sich mit wenigen Eingriffen an spätere Beeinträchtigungen wie etwa Schulter-, Knie- oder Rückenprobleme anpassen lässt. Ehle und andere machen Entwürfe, die Kunden am Computer fotorealistisch anschauen und begutachten können. Hochfahrbar, ausziehbar Ehle fertigt barrierefreie und barrierearme Möbel. Das ist nicht dasselbe. Barrierefreie Küchen oder Schlafzimmer richten sich nach strengen DIN-Normen und berücksichtigen etwa notwendige Rangierflächen für Rollstühle. Sie werden überwiegend von Menschen mit Behinderungen

benötigt. Für einen jungen RolliFahrer etwa baute Ehle eine auf dessen Körpermaße abgestimmte Küche mit unterfahrbarem Kochbereich. Auch zwei Tagespflege-Einrichtungen für Senioren orderten zwei barrierefreie Küchen. Last but not least war die Auch Hängeschränke können mit technischen Zusätzen Firma Ehle beim barrierefrei werden. Foto: Rizvi Planen und Bauen der neuen Ausstellungsküche in der KVJSWerkstatt Wohnen beteiligt. Im Unterschied zu barrierefreiem Mobilar sind barrierearme Möbel nicht genormt. Sie dienen der Bequemlichkeit und dem Komfort. „Für Garderoben empfehle ich gerne eine eingebaute Bank“, gibt Michael Ehle ein Beispiel. Das sei geschickt für die Kinder, bequem für die Eltern und oft notwendig für Senioren. Der KVJS und der Schreinerfachverband wollen möglichst viele Menschen vom Nutzen barrierearmer Möbel überzeugen. Der Fachverband und zertifizierte Schreiner entwickelten etwa bei innovativen Projekten wie RaumWandel mit Hochschulen, Studierenden und Ärzten neue Ideen und Möbel. In der Werkstatt Wohnen des KVJS können Musterlösungen für barrierefreies Bauen und zahlreiche Hilfsmittel unter sachkundiger Führung besichtigt werden. syr Adressen von Handwerksfirmen mit dem Zertifikat „Fachbetrieb AktivWohnen – komfortabel und barrierefrei“: www.schreiner-bw.de, Rubrik „Für Kunden“, „Sonderqualifikationen“, „AktivWohnen – barrierefrei“

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Werkstatt Wohnen: Neue Ausstellung
Heute schon an morgen denken? Zumindest beim Wohnen tun das bislang wenige. Die Werkstatt Wohnen zeigt innovative Ideen für barrierefreies Wohnen. Im Oktober hat die neue Ausstellung mit einem Tag der offenen Tür wiedereröffnet. Dort ist zu sehen, wie Menschen im Alter oder mit Behinderungen moderne Technik sinnvoll einsetzen können. Fachleute, Studierende und Auszubildende sowie Einzelpersonen und Gruppen können praktische Möbel begutachten, Notrufgeräte ausprobieren oder sich bauliche Lösungen wie Treppenlifte oder bodengleiche Duschen erläutern lassen. Die Werkstatt bietet persönliche Wohnberatung vom Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes Stuttgart (DRK) in Sprechstunden, Gruppenführungen oder Einzelberatungen. Führungen durch Fachleute des KVJS und der DRK-Wohnberatungsstelle sind nach Absprache jederzeit möglich. Der Tag der offenen Tür am 11. Oktober lockte zahlreiche Interessierte in die neue Ausstellung: Vertreter aus der Forschung, aus der Architektur, dem Handwerk, der Wohnungswirtschaft, von Wohlfahrtsverbänden, Wohnberatungsstellen, Seniorenvertretungen und politischen Institutionen kamen ebenso wie interessierte junge und ältere Menschen, die aus der Zeitung davon erfuhren. rei Kontakt: Werner Stocker, Telefon 0711 6375-238 Michael Gärtner, Telefon 0711 6375-490 werkstatt-wohnen@kvjs.de

Virtueller Rundgang durch die Werkstatt Wohnen
Mit der neuen Ausstellung entsteht derzeit auch ein virtueller Rundgang durch das originalgetreue Modell der Werkstatt Wohnen. Auch Anforderungen (DIN-Normen) an die Gestaltung und Ausstattung sowie bebilderte und kommentierte Informationen zur Einrichtung und barrierefreien Bauweise werden dort aufbereitet. Zum Rundgang gelangt man über die Startseite des KVJS unter www.kvjs.de

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Neue Bausteine in der Sozialhilfe
550.000 Euro sind zu vergeben. Und elf Stadt- und Landkreise haben sich darum beworben. Der KVJS stellt diese Summe für neue Entwicklungsprojekte bereit. Ziel ist es, Leistungen der Eingliederungshilfe und der Wohnungslosenhilfe weiterzuentwickeln. Noch ist die Entscheidungsphase beim KVJS nicht abgeschlossen. Drei von elf Kreisen haben sich mit Konzepten zur Wohnungslosenhilfe beworben. Sie möchten niederschwellige Zugänge für wohnungslose Frauen und junge Obdachlose schaffen. Dazu sollen die Ressourcen zusätzlicher, zum Beispiel sozialpsychiatrischer Hilfesysteme erschlossen werden. Und die Kreise erproben, wie sie die Zusammenarbeit zwischen Leistungsträgern und Angebotserbringern optimieren können. Eine Mischung aus Kreisen mit städtischem Einzugsgebiet und mit eher ländlichen Strukturen lässt übertragbare Erkenntnisse für alle Stadt- und Landkreise erwarten. Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter www.kvjs.de/soziales/ forschung-und-projekte.html oder im KVJS-Newsletter Soziales. syr/süß

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Immer mehr müssen gehen
Situation schwerbehinderter Berufstätiger weiter schwierig
Der Geschäftsbericht 2012/2013 des KVJS-Integrationsamtes zeigt deutliche Tendenzen bei der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen: Wenige Neueinstellungen und deutlich mehr Kündigungen aus betrieblichen Gründen.
Schwerbehinderte Arbeitssuchende haben im vergangenen Jahr kaum von der guten Konjunktur profitiert. Die Beschäftigungsquote in Baden-Württemberg sank leicht von 4,42 auf 4,41 Prozent. Schwerbehinderte Menschen wurden meist nicht neu eingestellt, sondern mit dem höheren Alter der Belegschaften steigt auch die der anerkannten Schwerbehinderungen bei den Beschäftigten. Zu diesem Resultat kommt der jetzt erschienene Geschäftsbericht 2012/13 des KVJS-Integrationsamtes.
Ordentliche Kündigungen: Entwicklung Kündigungsgründe
1 Betriebsbedingte Gründe

2.000

1.961
2 Personenbedingte Gründe

1.500 1.203 1.000 848 482 844

3 Verhaltensbedingte Gründe

500

412

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0

1

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3

1

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Quelle: Erhebung Die gute Konjunktur führte dazu, dass es in Baden-Württemberg Tabelle und Diagramm: Hans-Peter Karcher, KVJS, Grafik: Christian Mentzel, Wiesbaden 2012 rund 500 beschäftigungspflichtige Arbeitgeber mehr gab – insgesamt sind es knapp 20.000. Da 3.938 Fällen bedeutet dies ein Plus von nicht alle ihre Beschäftigungspflicht ausreichend erfüllten, stieg die Ausgleichsab- mehr als 800 im Vergleich zu 2011. Mit fast 2.000 waren dabei betriebsbedingte gabe um zwei Millionen auf 64,54 Milliomok nen. Mehr als 18 Millionen Euro flossen an Kündigungen am häufigsten. Arbeitgeber, das meiste als Lohnkostenzuschüsse. Mit gut sieben Millionen wurden die 76 baden-württembergischen Integrationsunternehmen unterstützt. Die Finanzierung des landesweiten Netzes von Integrationsfachdiensten schlug 2012 Der ausführliche Geschäftsbericht kann kostenlos mit zwölf Millionen Euro zu Buche. bestellt werden unter Telefon 0721 8107-942; integrationsamt@kvjs.de oder im Internet unter: Deutlich gestiegen sind 2012 die Anträge www.kvjs.de/service/publikationen/ auf Zustimmung zur Kündigung schwerschwerbehinderung.html behinderter Menschen: Bei insgesamt

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Aufblühen in der Gärtnerei
Schwarzwaldort Zell ist offen für Mitarbeiter mit Handicap
Wenn das idyllische Städtchen Zell am Harmersbach buchstäblich erblüht, dann liegt das auch an Mario Himmelsbach. Der 21-Jährige arbeitet in der Stadtgärtnerei. Über die Aktion 1000plus hat er eine Stelle gefunden, an der er selbst aufblühen konnte.
Wenn er morgens der erste ist, schaut er, ob die Pflanzen im Gewächshaus Wasser brauchen. Wässern, pflanzen, Blumenkübel putzen – seit drei Jahren gehört das zum Job von Mario Himmelsbach in der Stadtgärtnerei von Zell am Rand des Schwarzwalds. Mario Himmelsbach fing als schüchterner Praktikant in der Mario Himmelsbach bei seiner Arbeit in der Stadtgärtnerei. Fotos: Kleusch Stadtgärtnerei an. Heute ist er ein selbstProjekt Führerschein bewusster junger Mann, der im eigenen Auto zur Arbeit kommt. „Der Führerschein Tobias Herold, als Leiter der Stadtgärtnewar ganz wichtig“, erklärt Claudia Thiel rei Herr über das städtische Grün, ließ sich von Integrationsfachdienst (IFD) Offenvon der zupackenden Art seines Praktiburg. Sie betreute Mario Himmelsbach kanten überzeugen: „Er ist sich für nichts bereits als Schüler der Carl-Sandhaaszu schade, und er sieht die Arbeit.“ MaSchule für Geistigbehinderte. rio Himmelsbach bekam zunächst einen Teilzeit-Arbeitsvertrag über ein Jahr. GarIn der Berufsschulstufe machte Mario tenbau ist Saisongeschäft. Viel zu tun im Himmelsbach, unterstützt durch Claudia Frühjahr, wenig im Winter. Wäre für einen Thiel, sein erstes Praktikum bei der StadtGartenbau-Helfer genug Arbeit da? Augärtnerei. Damit hatte er auf Anhieb seinen Traumjob gefunden. Nach der erfolg- ßerdem gab es da noch einen wesentlichen Knackpunkt: den Führerschein. reichen ersten Bewährungsprobe folgte ein zweites Praktikum, schließlich im letz- „Wenn einer keinen Führschein hat, muss ihn jemand fahren“, erklärt Herold. „Das ten Schuljahr ein Dauerpraktikum, bei dem er an zwei Tagen in der Woche in der heißt, ich habe zwei Leute draußen, auch wenn ich eigentlich nur einen brauche.“ Stadtgärtnerei mit anpackte.

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Der Führerschein wurde zum nächsten großen Projekt von Mario Himmelsbach. „Seine Mutter hat ihn sehr aktiv unterstützt“, so Integrationsfachberaterin Thiel. „Elterliche Unterstützung ist ein wichtiger Faktor für Erfolg auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.“ Der bestandene Führerschein überzeugte dann auch den Anfangs skeptischen Personalleiter der Stadt Zell. Seit September

2011 hat Mario Himmelsbach eine unbefristete Vollzeitstelle. Sein Arbeitsfeld wird in kleinen Schritten erweitert. „Er will immer was Neues lernen“, lobt ihn Chef Herold. So eignet er sich nach und nach den Umgang mit den verschiedenen Nutzfahrzeugen der Stadtgärtnerei an. In ihrem Team ist er längst fest verwurzelt. mok

Aktion 1000 – Perspektive 2020
KVJS-Erfolgsaktion geht in die zweite Verlängerung

Die Stadtgärtnerei Zell am See.

Mehr als 2.500 wesentlich behinderte Menschen fanden dank der KVJS-Aktion 1000plus seit 2005 einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Nun wird sie zum zweiten Mal verlängert – mit der Perspektive 2020.
„Wir haben jährlich einen Zuwachs von 250 bis 300 neuen Arbeitsverhältnissen“, erklärt Berthold Deusch. Er ist beim KVJS für die Aktion 1000 und 1000plus verantwortlich, die nun als Aktion 1000 – Perspektive 2020 weitergeführt werden soll. Die Aktion verhalf wesentlich behinderten Menschen zu einer nachhaltigen sozialversicherungspflichtigen Arbeit. „Dieses Ergebnis war nur möglich, weil alle konzeptionell und organisatorisch eng zusammenarbeiten“, so Deusch. „Im Mittelpunkt stehen jedoch die Menschen mit Behinderungen sowie ihr persönliches Umfeld. Deshalb spielen die Berufswegekonferenzen und die individuellen Kompetenzinventare eine zentrale Rolle.“ Im Kern hat nun jeder Schüler das Recht, mit Hilfe der Schule, der Berufsberatung und des Integrationsfachdienstes, seine berufliche Perspektive früh zu planen und zu erproben. Sobald ein Arbeitsverhältnis vorbereitet werden soll, kommen Jobcoaches aus den Werkstätten für Menschen mit Behinderung zum Einsatz. Bis 2015 sollen die in der Aktion entwickelten berufsbildenden Angebote flächendeckend vorhanden sein. „Neue Angebote müssen unterstützt werden“, erklärt Berthold Deusch. Die Zielgruppe wird mit der Perspektive 2020 auf weitere Gruppen ausgeweitet. So werden auch junge Menschen mit funktionalen Einschränkungen des Körpers, der Sinnesorgane, mit Autismus oder Epilepsie unterstützt. Für sie werden die Angebote entsprechend angepasst. mok

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Abwechslungsreiches Freizeitvergnügen: Impressionen von der neuen Anlage.

Abenteuergolf – Spaß inklusiv(e)
KVJS-Integrationsamt fördert neues Integrationsprojekt
Am 5. Juli ist mit der Abenteuergolf-Anlage inputt in Mosbach ein neues Integrationsunternehmen an den Start gegangen. Am Rand des großen Elzparks auf dem ehemaligen Landesgartenschau-Gelände können seither Groß und Klein auf der phantasievoll gestalteten Anlage den (echten!) Golfschläger schwingen. Betrieben werden Golfplatz und Restaurant als Integrationsunternehmen von Menschen mit und ohne Handicap.
„Das will ich auch!“ So oder ähnlich muss man sich die spontane Reaktion von Barbara Klein vorstellen, als sie 2009 den – bis dahin – einzigen Abenteuergolfplatz in Pfullendorf besichtigte. Betrieben wird er von dem gemeinnützigen und kirchlichen Verein Werkstättle, der langzeitarbeitslose Menschen betreut und beschäftigt. Barbara Klein ist Geschäftsführerin der ISO (Industrie Service Odenwald gGmbH), einem Integrationsunternehmen mit Sitz in Mosbach. Als Ergänzung zu Dienstleistungen den Bereichen Montage, Verpackung, Konfektionierung und Mailing, dem Kerngeschäft der ISO, konnte ein zweites Standbein nicht schaden. Beim KVJS-Integrationsamt konnte man sich die Förderung dieses neuen Geschäftszweigs durchaus vorstellen. Ein passendes Gelände war bald gefunden: Am Ende des großen Elzparks. 1997 hatte die Landesgartenschau in Mosbach stattgefunden. Der angepeilte Randbereich war seitdem in einen Dornröschenschlaf gesunken. Nun sollte Dornröschen wachgeküsst werden. Konzeption, Planung und Bau der Anlage sollten sich dann jedoch bis zum Juli 2013 hinziehen. Zeitweilig hingen dunkle Wolken über dem Projekt: Befürchtungen wegen der geplanten Gastronomie als Konkurrenz für bestehende Wirtschaften. Parkplatzprobleme. Nachbarschaftsquerelen. Zuschlagen mit echten Golfschlägern Doch zur Eröffnung lag das pfiffig und abwechslungsreich gestaltete Gelände in strahlenden Sonnenschein. Die dunklen Wolken hatten sich verzogen. Auf 18 Bahnen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden können nun Jung und Alt ihr Geschick mit echten Golfschlägern erproben. Wenn die Bahnbeleuchtung installiert ist, können die Besucher bis 22 Uhr an ihrem Handicap arbeiten.

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Fotos: Kleusch

Als Erbe der Gartenschau hat inputt nicht nur einen kleinen Bachlauf, sondern auch einige wertvolle Streuobst-Apfelbäume in seinen Parcours integriert. Die Äpfel werden zu Apfelsaft verarbeitet, den man im inputt-Restaurant bestellen kann. 50 Plätze bietet das Restaurant und 150 der Biergarten. Neben Biergartenklassikern wie Wurstsalat kommt die Speisekarte vor allem spanisch daher: Tapas und mediterran angehauchte Nudelgerichte kommen vor allem durch die Ausgabe des Selbstbedienungsrestaurants. Kooperation zwischen Integrationsfirmen Bei der Errichtung des Restaurants kam eine besondere Holzbau-Technik zum Zuge. Palisadio Massivholzhäuser werden

aus runden getrockneten SchwachholzStämmen oder quadratischen StarkholzBalken hergestellt. Der nachwachsende Rohstoff Holz wird ausschließlich aus der Region bezogen. Ein Architekturbüro entwickelte Palisadio 2002 in Kooperation mit der Universität Stuttgart und dem Fraunhofer-Institut für das Sozialunternehmen Neue Arbeit. Deren Tochter NintegrA gGmbH ist ebenfalls ein Integrationsunternehmen. Auch im Winter wird inputt hungrigen und bewegungshungrigen Besuchern offenstehen. Dann ist Eisstock-Schießen angesagt. Denn schließlich soll für die mehr als 20 Beschäftigten mit und ohne Behinderung auch im Winter keine Langeweile aufkommen. www.inputt-mosbach.de mok

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Integrations-Unternehmer im fachlichen Austausch
Die Führungskräfte der baden-württembergischen Integrationsfirmen trafen sich im Juli auf einem Fachtag des KVJS-Integrationsamtes zum Erfahrungsaustausch. Aus den ursprünglichen Integrationsprojekten haben sich mittlerweile echte Integrationsunternehmen entwickelt, die auch der Finanz- und Wirtschaftskrise vor einigen Jahren getrotzt haben. „Insgesamt ist die Situation stabil“, beschreibt Bernhard Pflaum, zuständiger Referatsleiter beim KVJS-Integrationsamt, die Lage. In den nächsten Jahren soll die Förderung des Integrationsamts vor allem dazu dienen, die bestehenden Unternehmen zu unterstützen und weiter zu stabilisieren. mok

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Pause für den Blindenführhund Gaio.

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Wenn Gaio morgens arbeiten geht ...
Hilfen für blinde und sehbehinderte Menschen am Arbeitsplatz
Für die Arbeitsplätze von blinden und sehbehinderten Menschen gibt es Technik, die ein unbehindertes Arbeiten erlauben. Und es gibt fachliche und finanzielle Unterstützung durch das KVJS-Integrationsamt und den Integrationsfachdienst.
Bei ihrer Arbeit hat Anja Schlisske stets einen treuen Begleiter an ihrer Seite: Gaio. Der neunjährige Labrador ist von Beruf Blindenführhund. Richtig gut sehen konnte die 46-Jährige noch nie. Als Frühchen zur Welt gekommen, lag ihr Sehvermögen bei 15 Prozent. Das heißt: Was ein Normalsehender auf einen Meter Entfernung erkennen kann, sah sie erst in 15 Zentimetern Entfernung. „Aber ich war noch nie ein Mensch, der sich unterkriegen lässt“, erklärt sie. Sie machte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und begann in der Kindertagesstätte des damaligen Kreiskrankenhauses Leonberg. Als das Kindertagheim aufgelöst wurde, wechselte sie an die Krankenhauspforte – Drei-SchichtBetrieb rund um die Uhr. Dann kam eine Virus-Infektion, die die Augen angriff. Sie hinterließ ein Sehvermögen von zwei Prozent. Das ist die Grenze, an der ein Mensch nach amtlicher Definition blind ist. Anja Schlisske musste sich neu orientieren. Zunächst absolvierte sie die Blindentechnische Grundqualifikation bei der Nikolauspflege, Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen, in Stuttgart. Sie lernte Blindenstift, Orientierung mit dem Blindenstock und vieles mehr. Auch beruflich musste sie sich umorientieren. Der Zustand ihrer Augen verbot längeres Arbeiten bei Kunstlicht – wie an der Krankenhauspforte. Jürgen Kempf kennt viele solcher Situationen aus seinem beruflichen Alltag. Er

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ist Fachberater für blinde und sehbehinderte Menschen beim Stuttgarter Integrationsfachdienst (IFD). „Ich sehe mir an, ob man den alten Arbeitsplatz mit Hilfsmitteln so optimieren kann, dass es wieder passt“, beschreibt er. „Wenn das nicht geht, schaue ich, ob die Arbeit intern umverteilt werden kann. Man kann auch innerhalb des Unternehmens eine ganz andere Tätigkeit suchen.“ Darauf lief es auch bei Anja Schlisske hinaus. Während sie eine Zusatzqualifikation als Helferin für Bürokommunikation bei der Nikolauspflege erwarb, wurde ein neues Arbeitsfeld für sie gefunden – nicht zuletzt dank eines engagierten Arbeitgebers. Heute ist sie unter anderem für die handschriftlichen Protokolle von NotarztEinsätzen zuständig. An ihrem Rechner ist eine Kamera angeschlossen, die das Protokoll auf den Bildschirm überträgt. Anja Schlisske kann das Bild so vergrößern, dass sie die Schrift gut lesen kann. Anschließend überträgt sie die Daten in ein Bildschirmformular. Eine Sprachausgabe und eine Tastatur mit Braille-Zeile unterstützen ihre Arbeit. Ihr Know-how kommt auch den blinden und sehbehinderten Patienten der Klinik zugute. Außerdem engagiert sie sich als Vertrauensperson der schwerbehinderten Beschäftigten. „Jedes Programm kann ich in den Griff bekommen, solange irgendwo Text enthalten ist“, beschreibt Manuel Schunk. Der ausgebildete Fachinformatiker ist EDVSpezialist bei der Firma Pro Tak. Sein Unternehmen vertreibt EDV-Lösungen für blinde und sehbehinderte Menschen. Das Angebot reicht von Blindennotizgeräten und Braillezeilen über Software zur Übersetzung von Bildschirminhalten in Sprache und Blindenschrift bis hin zu Vorlesesystemen und kompletten Arbeitsplatzausstattungen. Manuel Schunk berät und betreut Privat- wie Geschäftskunden.

Dabei wird er von einer Arbeitsassistentin unterstützt, zum Beispiel bei Kundenbesuchen. Denn: Manuel Schunk ist blind. Seine Arbeitsassistenz finanziert das KVJS-Integrationsamt.

Zuschüsse gab es auch für den Arbeitsplatz von Anja Schlisske. Das Integrationsamt beim KVJS ist auch mit von der Partie, wenn Hilfsmittel an einem Arbeitsplatz gewartet oder angepasst werden müssen. Oder wenn es um EDV-Updates geht und das neue Programm wieder mit Spezialsoftware blindenkompatibel gemacht werden muss. „Es wird auch der Mehraufwand für EDV-Einzelschulungen übernommen“, erklärt Integrationsfachberater Jürgen Kempf.

Anja Schlisske arbeitet mit Vergrößerungssoftware. Fotos: Kleusch

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Bei der Beschäftigung von blinden und sehbehinderten Menschen ist oft mehr möglich, als viele glauben. Das KVJS-Integrationsamt und der Integrationsfachdienst fördern, beraten und unterstützen. Anruf genügt! mok

Der Integrationsfachdienst vor Ort Die Integrationsfachdienste stehen als Ansprechpartner allen blinden und sehbehinderten Arbeitnehmern und ihren Arbeitgebern zur Verfügung. Sie wissen auch, welche Leistung man wo beantragen kann. Bei Bedarf ziehen die örtlichen IFD spezialisierte Fachberater heran. Ihren Integrationsfachdienst vor Ort finden Sie hier: www.ifd-bw.de

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Scheidungskinder brauchen Schutz.

Foto: Fotolia

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Damit Scheiden nicht so weh tut
Landesprojekt hat Kindeswohl im Blick
In Baden-Württemberg scheitern jährlich fast 22.000 Ehen. Manche Elternpaare sind nach einer Trennung oder Scheidung so zerstritten, dass sie keinen anderen Weg mehr sehen, als vor das Familiengericht zu ziehen. Doch viel Streit bedeutet viel Leid für die Kinder. Hier hilft das Landeskonzept „Kindeswohl bei Trennung und Scheidung“. Der KVJS setzt das zweijährige Förderprojekt mit um.
Studien belegen, dass von elterlichen Konflikten betroffene Mädchen und Jungen verstärkt Verhaltensauffälligkeiten, physische und psychische Erkrankungen, Selbstwertprobleme und schlechtere Schulleistungen zeigen. „Wichtig ist deshalb, Eltern an ihre gemeinsame Verantwortung für die Kinder zu erinnern“, betont Annegret Graul vom KVJS. Das von Justizministerium und Sozialministerium initiierte und bis Ende 2013 befristete Projekt möchte das Kindeswohl bei Trennung und Scheidung stärker in den Fokus rücken und die damit für die Kinder verbundenen Belastungen minimieren. Herzstück des Konzeptes sind getrennte Gesprächs- und Beratungsgruppen für Eltern und Kinder unter Leitung von Fachkräften aus Beratungsstellen. „Die Gruppe bietet die Möglichkeit zu gegenseitigem Austausch, sozialer Unterstützung und zur Erprobung neuer Verhaltensweisen“, so Annegret Graul. Das Angebot existiert bereits modellhaft in einigen Landkreisen und soll flächendeckend umgesetzt wer-

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den. Im Rahmen des Projektes beraten die Mitarbeiter beim KVJS-Landesjugendamt die Stadt- und Landkreise sowie Träger von Erziehungsberatungsstellen. Der Verband unterstützt die Qualifizierung der Fachkräfte von Kitas durch die Kreise und bietet Fortbildungen für die Beschäftigten der Beratungsstellen. Auch können die Stadt- und Landkreise beim KVJS Mittel für Trennungs- und Scheidungsgruppen für Eltern und Kinder abrufen. Zur Nachahmung empfohlen: „Tübinger Weg“ Bis heute haben 41 Stadt- und Landkreise Mittel für insgesamt 31 Elterngruppen und 41 Kindergruppen beantragt. Manche sind aufgrund der Projektförderung zum ersten Mal dabei, einige schon sehr viel länger. So auch der Landkreis Tübingen, der bereits seit 2005 Eltern dabei unterstützt, eine gemeinsame, tragfähige und dauerhafte Lösung für den Umgang mit ihren Kindern zu erarbeiten. Zwischen Familienrichtern, Sachverständigen, Rechtsanwälten, dem Jugendamt und den Erziehungsberatungsstellen wurden nachhaltige Kooperationen geschaffen. Alle Institutionen ziehen an einem Strang, wenn es darum geht, in strittigen Fällen zum Wohle des Kindes einen Elternkonsens herbeizuführen. 80 Prozent der Eltern bewältigen nach Erfahrung von Christine Utecht, Leiterin der Tübinger Jugend- und Familienberatungsstelle, die Trennungssituation gut. Ihnen ist mit vereinzelten Beratungsgesprächen in vielen Fällen schon geholfen. Der Rest jedoch führt nicht selten einen erbitterten Rosenkrieg, der den Blick auf die Bedürfnisse der Kinder verstellt. Diesen Blick gilt es im Eltern-Gruppentraining neu zu fokussieren. Denn: „Kinder wünschen sich nichts mehr, als beide Eltern behalten zu dürfen und sie haben ein Recht auf eine möglichst un-

getrübte Beziehung zu Mutter und Vater“, stellt die Diplom-Sozialpädagogin klar. Über vier Monate kamen im vergangenen Jahr Elternpaare zu den jeweils dreistündigen Gruppensitzungen in die Tübinger Beratungsstelle – vom Christine Utecht leitet die Jugend- und Chefarzt bis zum Hartz IVFamilienberatungsstelle in Tübingen. Empfänger. Damit der Blick Foto: Addow nach vorne besser gelingt, werden hochstrittige Eltern getrennt und auf verschiedene Gruppen verteilt. „Das fördert den Perspektivenwechsel und erhöht die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen“, erläutert Christine Utecht die Vorzüge des Konzepts. „Über Kindeswohl kann ich mich nicht streiten, sondern nur einigen“, lautet dem23 zufolge ihre Maxime, die sie allen elterlichen Streithähnen nahebringen möchte. In den meisten Fällen haben ihre Bemühungen Erfolg: „Wenn Eltern sich danach wieder zusammensetzen und gemeinsam zum Beratungsgespräch kommen, ist das ein tolles Feed-back.“ Erziehungsberatung, so Christine Utecht, solle allerdings auch präventiv wirken und nicht erst dann einsetzen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. „Das bedeutet, in Einzelgesprächen Elternbeziehungen zu festigen, bevor es zur Trennung oder Scheidung kommt. Für diese Aufgaben müssen in den Beratungsstellen genügend Ressourcen vorhanden sein.“ add

Kinderschutz an vielen Stellen
Der KVJS fördert verschiedene Netzwerke zum Schutz von Jungen und Mädchen. Weitere Infos finden Sie im Netz unter www.kvjs.de/jugend/kinderschutz.html

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In professionellen Händen
Bericht zu Entwicklungen erzieherischer Hilfen
Immer mehr junge Menschen und deren Eltern nehmen professionelle Hilfe zur Erziehung in Anspruch. Eine Untersuchung des KVJS-Landesjugendamtes zeigt, dass 2011 in Baden-Württemberg etwa 94.000 junge Menschen und deren Familien Hilfen erhielten.
Die mit Spannung erwartete Fortschreibung des Berichts zur Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen in Baden-Württemberg liegt vor. Demnach nahmen 4,2 Prozent aller jungen Menschen unter 21 Jahren Hilfen in Anspruch. Im Jahr 2006 waren es noch 7.000 Menschen weniger. „Der erste Bericht stieß 2008 landesweit sowohl bei den Stadt- und Landkreisen als auch bei den freien Trägern und in der Fachöffentlichkeit auf ein sehr starkes Interesse“, sagt Dr. Ulrich Bürger, einer der beiden Autoren des Berichts. Nahezu alle Stadt- und Landkreise nutzten seinerzeit die vom KVJS-Landesjugendamt angebotenen Fachgespräche und Aufbereitungen der Ergebnisse. Autorin Kathrin Binder ergänzt: „Die Fortschreibung beinhaltet wesentlich breiter angelegte Analysen zu den Ursachen der Fallzahlentwicklungen. Zudem konnten Veränderungen in den Stadt- und Landkreisen noch genauer mit untersucht werden. Dadurch erhöht sich die Erkenntnis für die einzelnen Kreise erheblich.“ Im bundesweiten Vergleich sticht BadenWürttemberg dadurch heraus, dass der Zuwachs der Inanspruchnahme fast ausschließlich im ambulanten und teilstationären Bereich liegt. Bei den stationären Hilfen in Vollzeitpflege und Heimerziehung hat das Land die niedrigsten Hilfehäufigkeiten aller Bundesländer. Das liegt einerseits daran, dass ambulante Angebote weitaus stärker ausgebaut sind als in den anderen Bundesländern. Andererseits spielen auch die sozialen Lebensverhältnisse eine Rolle, bei denen Baden-Württemberg vergleichsweise geringere Belastungen hat. Nun beginnt mit der Transferphase das eigentliche Herzstück der Berichterstattung: „Das KVJS-Landesjugendamt erstellt auf Wunsch umfassende Kreisanalysen, welche die kreisspezifischen Merkmale herausarbeiten und in einer Gesamtschau interpretieren. Auf Grundlage dieser Analysen entstehen Impulse zur Reflexion aktueller Angebote und Hilfen und gegebenenfalls auch Perspektiven für deren Weiterentwicklung. Das bildet die Basis für den Transfer der Berichtsergebnisse in die Gremien der Kreise“, sagt Bürger. Kathrin Binder und Ulrich Bürger freuen sich über die Resonanz auf die Berichterstattung: Schon jetzt wurden mit nahezu 30 Stadt- und Landkreisen verbindliche Vereinbarungen getroffen. Hinzu kommen Vorträge, etwa bei freien Trägern und Fachverbänden. Den vollständigen Bericht zur Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen finden Sie im Internet unter www.kvjs.de/jugend/ jugendhilfeplanung.html jw

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Antworten auf neue Fragen gesucht
Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe
Sechs Modellprojekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe in Baden-Württemberg werden mit insgesamt 204.000 Euro gefördert. Demnach beginnen jetzt fünf mehrjährige Vorhaben, von denen überregional nutzbare Erkenntnisse erwartet werden.
von Dr. Claudia Daigler Die Herausforderungen, vor denen die Jugendhilfe steht, brauchen neue Antworten oder zumindest Möglichkeiten, Ansätze weiterzuentwickeln und dabei neue Wege zu gehen. Das Förderprogramm des KVJS-Landesjugendamtes will das Erproben neuer Ansätze ermöglichen. Die Vorhaben sollen Impulse für Entwicklungen in anderen Regionen geben, Erkenntnisse sollen anderen zur Verfügung gestellt werden. Entsprechend wird insbesondere Wert auf die Evaluation und den Wissenstransfer gelegt. Beantragt werden können Vorhaben mit einer Laufzeit von bis zu drei Jahren. Damit werden keine isolierten Kurzzeitprojekte, sondern Prozesse der Struktur- und Praxisentwicklung gefördert. Der KVJS übernimmt bis zu 40 Prozent des Gesamtvolumens. Höchstfördersumme pro Jahr sind 20.000 Euro. Eine Antragsstellung ist jährlich bis zum 28. Februar möglich. 2013 gingen 18 Anträge ein. Zum Herbst 2013 begannen fünf Vorhaben: Inklusive sozialraumorientierte Kinderund Jugendarbeit Das Projekt des Kreisjugendamts Breisgau Hochschwarzwald setzt in den Gemeinden Bötzingen, Heitersheim und Mühlheim an. Hier sollen erfolgreiche Faktoren für eine inklusive sozialräumliche Kinderund Jugendarbeit identifiziert werden.

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Die sechs Projekte sollen die Jugendarbeit modellhaft voranbringen. Foto: Fotolia

Ziel ist es, übertragbare Beispiele für inklusive Kinder- und Jugendarbeit zu erproben und darzustellen. Die Gesamtleitung liegt beim Jugendhilfeplaner im Kreisjugendamt. Gemeinsam gegen Kinderarmut in Freiburg Das Jugendamt der Stadt Freiburg will herausfinden, warum zum Beispiel bewährte Präventionsangebote und empfohlene Hilfen nur wenig in Anspruch genommen oder vorzeitig von den Eltern abgebrochen werden. Außerdem sollen über den lokalen und kommunalen Kontext hinaus auf andere Stadtteile und Kommunen

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übertragbare, niederschwellige und nachhaltig fallbezogene Kooperationsformen zwischen Pädiatrie und Jugendhilfe (Frühe Hilfen) entwickelt werden. Wir sind laut – wir sind stark – wir gestalten mit!!! Das Linzgau – Kinder- und Jugendheim e.V. in Überlingen will sein Mitbestimmungskonzept gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen in Arbeitsgruppen und auf einer gemeinsamen Fortbildung auf seine Wirksamkeit hin überprüfen. Das Konzept und die Prüfung werden extern evaluiert, um die Wirkfaktoren für ein Gelingen von Partizipation exakter zu bestimmen und entsprechend zu umzusetzen. Zukunft der Jugendarbeit im ländlichen Raum 26 Die Kreisjugendringe Biberach und Ravensburg wollen in Bürgerforen Ideen zur Gestaltung des örtlichen Lebensrau-

mes insbesondere bezogen auf Zukunftsund Entwicklungsperspektiven für junge Menschen entwickeln. Dabei wird die Rolle der Jugendarbeit, nicht zuletzt auch als Standortfaktor, bestimmt werden. Das Vorhaben wird damit zukunftsorientierte Konzepte der Jugendarbeit im ländlichen Raum zur Verfügung stellen. Ausblick – Netzwerk und Hilfe für Kinder psychisch erkrankter Eltern Die Situation der Kinder psychisch erkrankter Elternteile ist häufig (zu) wenig im Blick. Es fehlen Hilfeleistungen für die Kinder und Jugendlichen, die als präventive Angebote im Vorfeld der Erzieherischen Hilfen angesiedelt sind. Das Vorhaben der Evangelische Jugendhilfe Hochdorf im Kreis Ludwigsburg setzt an der Verbesserung der Netzwerkarbeit, der Entwicklung von Fortbildungsbausteinen sowie an der Verbesserung der Kontaktaufnahme zur Familie und der Entwicklung von Hilfen für betroffene Kinder an. Den Wissenstransfer intensivieren

Ansprechpartnerin im KVJS-Landesjugendamt
Dr. Claudia Daigler Überörtliche Jugendhilfeplanung, Berichterstattung, Forschung Telefon 0711 6375-443 claudia.daigler@kvjs.de

Aktuelle Informationen finden Sie unter www.kvjs.de/jugend/forschung-und-projekte/ foerderprojekte.html

Der Landesjugendhilfeausschuss sprach sich dafür aus, den Wissenstransfer mit dem Förderprogramm weiter auszubauen. Ab dem neuen Förderjahr werden entsprechend Austauschforen und Tagungen stattfinden. Für 2015 ist ein landesweiter Fachtag „Inklusive Jugendhilfe“ geplant, der auf Erkenntnisse der einschlägigen Modellvorhaben basieren wird. Kontaktdaten, Abschlussberichte und erarbeitete Materialien werden ins Internet gestellt.

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Migration als kommunales Zukunftsthema
Dr. Claudia Daigler über Herausforderungen für die Jugendhilfeplanung
Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dies findet in der Jugendhilfeplanung bislang nur wenig Berücksichtigung. Dabei rücken Integrationsfragen zunehmend ins Zentrum kommunalpolitischer Prozesse. Das KVJS-Landjugendamt hat eine Fortbildung zur Jugendhilfeplanung veranstaltet. Ein Gespräch mit Dr. Claudia Daigler.
Frau Dr. Daigler, was war das Ziel der Fortbildung zu Migration und Jugendhilfeplanung? Baden-Württemberg ist das Flächenland mit dem höchsten Migrationsanteil (25 Prozent) in Deutschland. Bei den unter 18-Jährigen ist dieser Anteil bereits deutlich höher. Die neuesten Zensuszahlen zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund in einigen Städten die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Um künftig mehr Chancengleichheit zu gewährleisten und allen Kindern und Jugendlichen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, müssen Bedarfe von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund differenziert ermittelt und in der Jugendhilfeplanung umgesetzt werden. Ziel der Fortbildung war, Ansatzpunkte für eine Planung zu entwickeln, diese zu erheben und strukturelle Benachteiligungen zu mindern. Dazu hatten wir Referenten aus der Wissenschaft wie aus der örtlichen Planungspraxis eingeladen. Was waren zentrale Ergebnisse? Das lässt sich in sechs Punkten zusammenfassen: 1. Der Bedarf macht sich nicht primär am Migrationshintergrund, sondern an erschwerten Lebenslagen und Benachteiligungen fest, von denen Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor überproportional betroffen sind. 2. Es bedarf kommunaler Gesamtstrategien, nicht nur einzelner Sondermaßnahmen, in denen der Jugendhilfe und damit der Jugendhilfeplanung eine Scharnierfunktion zukommt. 3. Planungen, die auf eine bessere Integration von Familien mit Migrationshintergrund abzielen, benötigen empirische Daten. Sie müssen Auskunft über die Lebenssituationen geben, Differenzierungen innerhalb dieser Zielgruppe möglich machen, Aussagen zur Inanspruchnahme von Jugendhilfeleistungen treffen sowie Zugangsbarrieren zu gesellschaftlicher Teilhabe und zur sozialen Infrastruktur offenlegen. 4. Jugendhilfeplanung muss systematisch Zugangsbarrieren zu Hilfen ausfindig machen und untersuchen. 5. Im Rahmen von Jugendhilfeplanung haben öffentliche und freie Träger miteinander zu klären, wie der Zugang zum Angebot stattfindet, wie das Angebot auf Lebenslagen und Lebensweisen ausgerichtet ist oder in welcher Weise Lebensweisen oder Religionen als Selbstverständlichkeit im Blick sind und ihren Niederschlag in der Angebotsbereitstellung finden. Und 6. Partizipation: In der Regel bestimmen überwiegend Fachkräfte ohne Mi-

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grationshintergrund, was Migranten an Unterstützung benötigen. Jugendhilfeplanung muss dafür sorgen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ihren Bedarf selbst benennen und damit sichtbar werden können.

Ist damit das Thema Migration für das Landesjugendamt bearbeitet oder wie geht es weiter? Migration ist als Querschnittsaufgabe fortlaufend zu bearbeiten. Hierfür gibt es noch viele Baustellen. Die Teilnehmenden der Fortbildung haben weitere Fragen für Fortbildungsangebote formuliert, die wir aufgreifen werden. In den überörtlichen Berichterstattungen werden wir zu Migration immer wieder Aussagen treffen und fortlaufend Materialien für die Planungspraxis ins Netz stellen. Des Weiteren stellen Fachkräfte Erfahrungen aus Planungsprozessen vor Ort zur Verfügung.

Ansprechperson im KVJS-Landesjugendamt
Dr. Claudia Daigler Telefon 0711 6375- 443 claudia.daigler@kvjs.de Materialien stehen unter www.kvjs.de/jugend/jugendhilfeplanung/aktuelleinformationen.html zur Verfügung.

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Kita-Ausbau auf gutem Weg
Seit August 2013 haben Eltern das Recht auf einen Krippenplatz für ihre Sprösslinge, wenn diese unter drei Jahre alt sind. Die Kommunen arbeiten gegenwärtig mit Hochdruck am Ausbau der Kleinkindbetreuung: Laut Statistischem Bundesamt wurden zum 1. März 2013 in Kindertageseinrichtungen oder in der Kindertagespflege in Baden-Württemberg rund 68.000 Kinder unter drei Jahren betreut. Das entspricht einer Betreuungsquote von 25 Prozent. Weitere rund 30.000 Plätze sind in Bau oder in Planung. Mittelfristig rechnet das Land mit einer Betreuungsquote von mindestens 37 Prozent. Damit wird die 2007 gesetzte landespolitische Zielquote von durchschnittlich 34 Prozent der unter Dreijährigen in zahlreichen Stadt-und Landkreisen 2013 erreicht oder sogar überschritten. Aber: Während es vielerorts gelingt, den ab 1. August 2013 geltenden Betreuungsanspruch zu erfüllen, übersteigt anderswo die Nachfrage das Angebot. So haben große Städte einen Betreuungsbedarf von 40 bis 60 Prozent, in anderen Regionen liegt dieser oft deutlich darunter. Das Land fordert deshalb sowohl für den ländlichen Raum als auch für Großstädte pragmatische Lösungen. add

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Dem Trauma begegnen
Immer mehr ehemalige Heimkinder suchen Hilfe
Der eine will Depressionen durch Musik bekämpfen, eine andere ihre Erinnerungen in einem Buch verarbeiten oder mithilfe einer Umschulung ein neues Leben anfangen: Die Hilfen, die die Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder bislang vermittelt hat, können unterschiedlicher nicht sein. Die Nachfrage ist ungebrochen groß.
Ein Großteil der Betroffenen leidet bis heute unter den Folgen der Heimerziehung. Viele haben psychische Erkrankungen, eine Schwerbehinderung, können nicht arbeiten oder haben Beziehungsprobleme und führen häufig ein Leben in Armut. Der Anteil Ratsuchender mit sehr hohem Hilfebedarf aufgrund erlebter Traumata nimmt kontinuierlich zu. Bis September 2013 haben sich 782 ehemalige Heimkinder in Stuttgart gemeldet. Insgesamt schloss die Beratungsstelle 834 Vereinbarungen mit Betroffenen ab. Aus dem Fonds Heimerziehung wurden rund 2,5 Millionen Euro ausbezahlt, 1,2 Millionen Euro für Sachleistungen, 1,3 Millionen Euro als Rentenersatzleistungen. Und die Nachfrage reißt nicht ab: Seit Mai meldeten sich erneut mehr als 130 Betroffene. Unter den Sachleistungen waren Mittel für gesundheitliche und therapeutische Maßnahmen oder zur Förderung der Kreativität wie Instrumentalunterricht gegen Depressionen. Es flossen Gelder, um prekäre Lebensumstände beim Wohnen zu lindern oder einen Umzug in ein Altersheim zu vermeiden. Ebenso vermittelte die Beratungsstelle Weiterbildungen zur Aufnahme eines Jobs oder half beim Sprung in die Selbstständigkeit. Rentenersatzleistungen erhalten alle, die nach dem 14. Lebensjahr im Heim gearbeitet haben und für die keine Rentenbeiträge gezahlt wurden. „Viele Betroffene werden von anderen ehemaligen Heimkindern, die ihr Anliegen bereits erfolgreich abgewickelt haben, ermutigt, sich zu melden“, sagt Irmgard Fischer-Orthwein von der Beratungsstelle. „Der überwiegende Teil ist dankbar für die Hilfe und die Anerkennung des Leides. Einige verarbeiten die Erlebnisse mit Aggression. Aber auch mit ihnen gelingt es meist, zufriedenstellende Gespräche zu führen.“ 29 Bund, die westdeutschen Bundesländer sowie die evangelische und katholische Kirche errichteten den Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ im Jahr 2012. Baden-Württemberg beteiligt sich mit 6,1 Millionen Euro, von denen zwei Drittel das Land und ein Drittel die kommunale Seite trägt. Der kommunale Anteil läuft über die Umlage des KVJS. Für 2014 beträgt der Beitrag 411.000 Euro. Betroffene können bis Ende 2014 Vereinbarungen abschließen. rei

Kontakt für ehemalige Heimkinder
Anlauf- und Beratungsstelle Feuerseeplatz 5 70176 Stuttgart Telefax 0711 35144-899 E-Mail: kontakt@abh-bw.de www.kvjs.de/jugend/informationen-fuerehemalige-heimkinder.html

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Neu erschienen

Beim KVJS erschienen
Alle hier aufgeführten Publikationen des KVJS sind kostenlos. Sie können auch im Internet unter www.kvjs.de/service/publikationen.html heruntergeladen werden.

Jugendhilfe
Grundlagen für die Betriebserlaubnis für Jugendwohnheime, Schülerwohnheime und Internate in Baden-Württemberg, 2013 Eine Handreichung für Fachkräfte. Bericht zu Entwicklungen und Rahmenbedingungen der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen in Baden-Württemberg 2013. Fortschreibung zum Berichtszeitraum 2006 bis 2011 Die Untersuchung liefert wichtige Daten für fachplanerische Analysen, die Weiterentwicklung der Arbeit in den Jugendämtern sowie für die kommunale Jugendpolitik. Zielgruppe sind die Stadt- und Landkreise, freie Träger und Fachleute der Kinder- und Jugendhilfe. Ausführliche Fassung, 340 Seiten Kurzfassung, 30 Seiten Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de

Kostenlos zu beziehen beim KVJS Manuela Weimar Telefon: 0721 8107-942 integrationsamt@kvjs.de

Behinderung, Pflege, Betreuungsrecht
KVJS-Schlaglicht „KVJS-Werkstatt Wohnen. Eine Ausstellung zum Anfassen und Ausprobieren“, 2013. Der KVJS hilft in seiner Werkstatt Wohnen, Lebensräume barrierearm zu gestalten. Sie ist offen für Jung und Alt. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Manuela Weißenberger Telefon 0711 6375-307 Manuela.Weissenberger@kvjs.de KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 3, 2013 Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Mandy Schlesinger Telefon 0711 6375-279 Mandy.Schlesinger@kvjs.de ONLINE-Dokumentation: Obdachlos? Erfrierungsgefahr? Eine Handreichung zum Erfrierungsschutz von Obdachlosen, Dez. 2011 Die Online-Veröffentlichung richtet sich an Fachleute von Kommunen und Einrichtungen und informiert über die Grundlagen des Notfallschutzes und gibt Hinweise für die Verbesserung der Vorsorge und Notfallhilfe. NUR zum PDF-Download unter www.kvjs. de/service/publikationen/soziales.html

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Schwerbehinderung und Arbeit
Zeitschrift „Behinderte Menschen im Beruf“, Ausgabe Baden-Württemberg, Heft 3/2013 Die Hefte bieten Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. Geschäftsbericht des KVJS-Integrationsamtes 2012/13 Zahlen, Daten und Fakten zur Arbeit des Integrationsamtes.

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4/2013

KVJSaktuell

KVJS

Impressum
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KVJS aktuell Oktober 2013 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Kristina Reisinger (rei) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Jürgen Wieland (jw) Titelfoto: fotolia Layout: Waltraud Gross Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de Bestellungen und Adressänderungen: Petra Wagner Telefon 0711 6375-208 Petra.Wagner@kvjs.de Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Redaktioneller Hinweis: Wir bitten um Verständnis, dass aus Gründen der Lesbarkeit auf eine durchgängige Nennung der weiblichen und männlichen Bezeichnungen verzichtet wird. Selbstverständlich beziehen sich die Texte in gleicher Weise auf Frauen und Männer.

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