Publication:
2012
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729633
Path:
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aktuell

Runter von der grünen Wiese
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Konversion von Großeinrichtungen der Behindertenhilfe

Soziales

Medizinisch-Pädagogischer Dienst wird extern zertifiziert
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Jugend

Neue Ausbildung Frühpädagogik startet in einem Jahr
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Forschung

Wie wirkt das Fallmanagement in der Eingliederungshilfe?
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Inhaltsverzeichnis
KVJS 3		 Runter von der grünen Wiese 		 Konversion von Großeinrichtungen der Behindertenhilfe 4		 Angekommen in der Mitte 		 Zwei junge Männer mit Behinderungen suchen und finden die Selbständigkeit 6		 Ehemalige Heimkinder suchen Hilfe 		 Andrang bei der Beratungsstelle hält an 8		 Auch Ehrenamtliche können viele Schwierigkeiten stemmen 		 Rechtliche Betreuung in Baden-Württemberg Soziales 10		 Versprochen: spürbare Entlastung vom Bund 		 Der Fiskalpakt und die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung 11		 Mehr als ein Dach über dem Kopf 		 Neue Ansätze in der Wohnungslosenhilfe 13		 ISO 9001: Qualität ist messbar 		 Medizinisch-Pädagogischer Dienst wird extern zertifiziert Integration 2 14		 Film ab für KVJS-Aktion 1000plus 		 Integrationsamt präsentiert neuen Informationsfilm 15		 Eigene Tarife für Menschen mit Behinderung? 		 KVJS regt an, Vertrag an Leistungsfähigkeit anzupassen 16		 Neue Schwerbehinderten-Arbeitsplätze bei Audi in Neckarsulm 18		 Erfolg hoch zu Ross 		 Selbstständig mit Schwerbehinderung Jugend 20		 Nachwuchs für die Allerkleinsten 		 KVJS-Lehrgang Frühpädagogik startet in einem Jahr 21		 Streetwork für Kids 		 Dreijähriges Modellprojekt in der Jugendhilfe 22		 Sieben Projekte löffeln aus dem KVJS-Fördertopf 		 Im Fokus: Weiterentwicklung der Jugendhilfe 24		 Junge Menschen und ihr Start in das Berufsleben 		 Positive Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt 25		 Resilienz: Wenn Schule stark macht 		 Jahrestagung Schulsozialarbeit widmete sich Themen der Zukunft 26		 Kein Freiwild auf der Schwäbischen Alb 		 Vernetzung für Menschenrechte und gegen Extremismus Forschung Fortbildung Neu erschienen 28		 Wie wirkt das Fallmanagement in der Eingliederungshilfe? 		 Forschungsvorhaben geht in die Praxis: Fachtag am 20. November 29		 Fortbildung beim KVJS: Das Angebot 2013 30		 Publikationen – beim KVJS erschienen

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Runter von der grünen Wiese
Konversion von Großeinrichtungen der Behindertenhilfe
In kleinen Wohneinheiten und nicht mehr auf der grünen Wiese: Menschen mit Behinderungen sollen mitten in der Gesellschaft wohnen und arbeiten können, so das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention. Bis zum Jahresende wollen der KVJS, das Sozialministerium, die Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege und Menschen mit Behinderungen sowie ihre Angehörigen einen Fahrplan erarbeiten zur Gestaltung inklusiver Wohn- und Beschäftigungsangebote in Baden-Württemberg.
Der KVJS-Verbandsausschuss hatte Anfang Juli die Verwaltung beauftragt, den sogenannten Konversionsprozess in Abstimmung mit den kommunalen Landesverbänden zu begleiten. Einigkeit herrschte auch in der Forderung, das Land müsse Farbe bekennen: „Ziel muss es sein, dass auch das Land spätestens ab Januar 2013 politisch festlegt, welchen konzeptionellen und finanziellen Beitrag es bei einer dezentralen und wohnortnahen Hilfe und der Sanierung der verbleibenden stationären Kapazitäten leistet“, sagt KVJSVerbandsdirektor Prof. Roland Klinger. Der KVJS als Landesbewilligungsbehörde für die Investitionskostenförderung in der Behindertenhilfe gab dafür insgesamt 2011 rund 22 Millionen Euro frei. Fünf Arbeitsgruppen formulieren derzeit Eckpunkte zu den Themen „Inklusion als Leitidee“, „Wirtschaftliche Aspekte“, „Sozialraumorientierte örtliche Teilhabeplanung“, „Förderimpulse“ und „Berufe in der Behindertenhilfe“. Diese sollen anschließend in einem politischen Spitzengespräch diskutiert werden. Dabei muss der Blick sowohl auf langfristig angelegte Perspektiven liegen, für die klare politische Positionen und Impulse notwendig sind, als auch auf pragmatische erste Schritte in diese Richtung, die es nun rasch umzusetzen gilt. Die Arbeitsgruppen setzen sich aus jeweils maximal zwei Vertretern aller beteiligten Gruppen zusammen. Das Ziel der UN-Konvention ist, Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen und umzusetzen. In BadenWürttemberg gibt es etwa 20 große Komplexeinrichtungen an zentralen Standorten mit etwa 7.500 stationären Plätzen. Die Einrichtungen sind in hohem Umfang überregional belegt. Eine aus fachlicher und wirtschaftlicher Sicht besondere Herausforderung sieht der KVJS bei der Versorgung von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen oder mit stark herausfordernden Verhaltensweisen. Auch für diesen Personenkreis gilt es, die Bereitschaft der Stadt- und Landkreise und Gemeinden zur wohnortnahen Versorgung zu stärken. Ein zentrales Thema in der Debatte um die Konversion der Komplexeinrichtungen ist, wie der große, zum Teil öffentlich geförderte Immobilienbestand zukünftig genutzt werden kann. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was dies für die große Zahl an Bewohnern bedeutet, die dort oft seit Jahrzehnten leben und sich auch beheimatet fühlen.				lö

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Peter Steger und Daniel Sebek beim Kaffee in ihrem Wohnzimmer. Foto: Löpker

Angekommen in der Mitte
Zwei junge Männer mit Behinderungen suchen und finden die Selbständigkeit
Peter Steger und Daniel Sebek können unterschiedlicher nicht sein. Und doch verbindet sie eine Erfolgsgeschichte: Das Leben des einen geriet durch einen Unfall aus den Fugen, der andere musste von Geburt an gegen das Anderssein kämpfen. Die jungen Männer leben mit Behinderungen. Vor ein paar Jahren haben sie sich ein Stück Selbständigkeit (zurück-)geholt und sind in eine eigene Wohnung gezogen.
„Trinken Sie Kaffee?“, fragt Peter Steger, nachdem sein Besuch am Wohnzimmertisch Platz genommen hat. Kurze Zeit später rollt er mit frisch aufgebrühtem Kaffee, Milch und Zucker aus der Küche. Er ist angelernter Maler. Doch seit einem Unfall sitzt er im Rollstuhl, motorisch eingeschränkt. „Nach der Reha durfte ich mir ein Heim aussuchen“, sagt er. Etwas anderes war damals kein Thema. So wählte er ein Zwei-Bett-Zimmer in Rappertshofen Reutlingen, einem Heim für körper- und mehrfach behinderte Menschen der LWV. Eingliederungshilfe GmbH. Ein paar Jahre später wechselte er in ein eigenes Zimmer einer stationären Wohngruppe. „Das war klasse: mitten in der Stadt, weg vom Heim und halbstationär“, erzählt er.

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Daniel Sebek dagegen lebt seit der Kindheit in Sondereinrichtungen: „Vielleicht wäre es ein Wunsch gewesen, eine normale Schule zu besuchen“, sagt er. „Aber die Realität sah anders aus.“ Er leidet seit seiner Geburt an infantiler Zerebralparese, an Störungen des Nerven- und Muskelsystems. Als Kind kam er in ein Internat für Menschen mit Behinderungen. „Ich habe mich rundum wohl gefühlt“, sagt er. „Ich bin in dieses Leben hineingewachsen und habe mir nie Gedanken gemacht, ob ich auch hätte anders leben können.“ Heute tut er es: Gemeinsam mit Peter Steger bilden sie eine WG. Einmal die Woche kommt eine Sozialarbeiterin vom Ambulant Betreuten Wohnen und hilft Daniel Sebek mit Anträgen oder in finanziellen Fragen. Peter Steger hat eine Putz- und Einkaufshilfe, die er von seinem eigenen Budget selber zahlt: „Das ist ein großes Stück Selbständigkeit“, sagen die beiden. Im Haus Brandenburg, einem Hochhaus in einer Reutlinger Wohnsiedlung, sind sie angekommen: „Wir sind voll integriert“, sagt Peter Steger. „Viel Small-Talk mit den

Nachbarn, Geschäfte und öffentlichen Nahverkehr um die Ecke und doch ruhig im Grünen. “ Beide wollen als normale Menschen akzeptiert werden. Das ist nicht immer der Fall. „Oft wird man angeschaut oder doof angesprochen“, sagt Peter Steger. „Kindern versuche ich zu erklären, dass ich nicht krank bin.“ Doch gebe es auch Erwachsene, die Probleme machen. „Mit denen zu diskutieren, lohnt nicht. Sie sind noch eingeschränkter als wir.“ Auch übertriebene Hilfsbereitschaft ist den beiden ein Graus: „Eine ältere Frau hat mir Geld angeboten, dabei habe ich ihr gesagt, dass ich eigenes Geld verdiene“, sagt Sebek. „Solche Begegnungen tun mir weh.“ Aber zum Glück werde das seltener. „Nur die Bürokratie macht uns das Leben schwer“, sagt Sebek. Jedes Jahr müsse er Gelder neu beantragen, sich jedes Jahr neu erklären: „Dabei kennen die meine Geschichte.“ In ihrem Alltag aber fühlen sich die beiden ausreichend unterstützt. lö

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Schuhmacherwerkstatt in den 50er Jahren im Jugendheim Schönbühl des Württembergischen Landesfürsorgeverbandes.	 Foto: Ehem. Landesfürsorgeverband

Ehemalige Heimkinder suchen Hilfe
Andrang bei der Beratungsstelle hält an
Die baden-württembergische Anlauf- und Beratungsstelle „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ wurde im Februar 2012 in Stuttgart eröffnet. Bis August haben sich über 300 Personen gemeldet. „Das Bedürfnis der Betroffenen, über die Geschehnisse zu sprechen, ist unvermindert hoch“, weiß die Beraterin Irmgard Fischer-Orthwein.
Meist sind die 300 Ratsuchenden zwischen 50 und über 70 Jahre alt. Sie haben ihre Kindheit in staatlichen, kirchlichen oder privaten Heimen verbracht. Viele besitzen ein geringes Einkommen oder müssen von Hartz IV leben. „Die meisten Betroffenen wollen wissen, welche Hilfen der Fonds Heimerziehung bereithält und wie sie einen Antrag stellen können“, sagt die Sozialpädagogin Fischer-Orthwein. Zudem benötigen sie Unterstützung bei der Suche nach ihren Heim- und Jugendamtsakten. Die Beratungsstelle hilft bei der Recherche und arbeitet mit Verwaltungsfachleuten aus Heimen, Jugendämtern und dem Landesarchiv zusammen. 30 Betroffene wollten zudem eine vom Heim oder Jugendamt zur Verfügung gestellte Akte ausführlich besprechen. Thema war etwa die Rechtmäßigkeit von Maßnahmen. Oder sie wollen verstehen, warum das Jugendamt ihre Heimeinweisung verfügte. 20 Betroffene benötigten

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Beratung über Leistungen von anderen Stellen oder über Therapieangebote. 17 konnten unterstützt werden, Hilfen aus der Grundsicherung oder nach dem Opferentschädigungsgesetz besser auszuschöpfen. In der Wäscherei für Gotteslohn Viele Geschädigte wollen Ersatz für entgangene Rente. Sie haben Arbeit geleistet, die Heime nicht der Sozialversicherung gemeldet haben. Manche wurden von der Einrichtung in der Wäscherei oder Landwirtschaft eingesetzt oder zur Produktion von Autosicherungen – „im Extremfall von ihrem 14. bis 21. Lebensjahr“, sagt Fischer-Orthwein. Für jeden Monat, für den die Heime keine Sozialversicherung bezahlt hatten, erhalten Anspruchsberechtigte einmalig 300 Euro. Hinter den nüchternen Zahlen und Anträgen verbergen sich Schicksale: Frauen und Männer erzählen, dass ihre schulische und berufliche Bildung vernachlässigt wurde. Zuweilen durften sie keine Lehre machen, obwohl sie einen Lehrvertrag in Aussicht hatten. Der Vormund bestand darauf, sie auf ein Leben als Hilfsarbeiter und Ungelernte vorzubereiten. So mancher musste seinen Traum von einer Ausbildung, einer weiterführenden Schule oder gar einem Studium begraben. Die staatliche Bundesausbildungsförderung „BaföG“ gab es erst ab den 70er Jahren. Viele Rat Suchende leiden noch heute unter den Folgen der Heimerziehung. „Sie berichten von mangelndem Selbstbewusstsein, Angststörungen oder Depressionen bis hin zur Erwerbsunfähigkeit“, sagt Fischer-Orthwein. Oft stünden die Betroffenen vor der Situation, dass solche Folgen selbst durch Therapien nicht mehr beseitigt werden könnten. „Es ist wichtig, dass die Dinge angesprochen werden, ohne dass es zu Retraumatisierungen

kommt.“ Dafür braucht es Zeit. Ein Kollege steht der Sozialpädagogin bei ungewöhnlichen oder schwierigen Rechtsfragen zur Seite. Im November hoffen die beiden auf personelle Verstärkung. Schon jetzt arbeitet die Anlaufstelle mit Heimträgern, Verbänden und Jugendämtern zusammen und steht im Dialog mit den Beauftragten der Kirchen zum sexuellen Missbrauch. Sie hilft den Betroffenen, den Dialog mit heutigen Heimleiterinnen und Heimleitern zu suchen und stellt auf Wunsch den Kontakt her. In Kürze will das Sozialministerium einen Beirat für die Beratungsstelle ins Leben rufen. Als Vorsitzende wurde die Professorin für Soziale Arbeit Ulrike Zöller von der Hochschule Esslingen benannt. Das Gremium tritt voraussichtlich im November zum ersten Mal zusammen und soll in Zukunft die Vernetzung und Arbeit der Beratungsstelle unterstützen. Dem Beirat sollen vier Betroffene sowie Vertreterinnen und Vertreter des Landes, der Kommunen und Kirchen angehören. 		 syr

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In den Heimen der frühen Bundesrepublik kam es zu zahlreichen Rechtsverstößen. Schläge, Demütigungen, sexueller Missbrauch – die Übergriffe waren auch nach damaliger Rechtslage nicht mit dem Gesetz und pädagogischen Überzeugungen vereinbar. Mit dem Fonds kann Betroffenen Hilfe gewährt werden, soweit durch die Heimerziehung heute noch Traumatisierungen, andere Beeinträchtigungen und Folgeschäden bestehen und dieser besondere Hilfebedarf nicht über die bestehenden Hilfe- und Versicherungssysteme abgedeckt wird. Der Fonds ist bundesweit mit 100 Millionen Euro Sachleistungen und 20 Millionen für Rentenersatzleistungen ausgestattet. Das Land und die Kommunen erbringen in Baden-Württemberg 6,16 Millionen Euro. Die Kommunen bezahlen ihren Anteil von einem Drittel über die Verbandsumlage des KVJS.

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Auch Ehrenamtliche können viele Schwierigkeiten stemmen
Rechtliche Betreuung in Baden-Württemberg
Die rechtliche Betreuung – ursprünglich als Ehrenamt konzipiert – geht immer mehr in die Hände von Profis. Das belastet den öffentlichen Haushalt. Ein jüngst abgeschlossenes KVJS-Forschungsvorhaben sieht einen Grund in der Zunahme schwieriger Betreuungen. Sind Ehrenamtliche überfordert? Nicht unbedingt, sagt die Praxis. Entscheidend sei der Einzelfall.
Von rund 108.000 Betreuungen im Land liegen bereits knapp 35 Prozent in Händen beruflicher Fachleute. „Die Bereitschaft Ehrenamtlicher, rechtliche Betreuungen zu übernehmen, ist gleich geblieben. Zugenommen hat aber die absolute Zahl an Betreuungen“, sagt Carola Dannecker, die stellvertretende Leiterin der überörtlichen Betreuungsbehörde beim KVJS. „Grund sind der soziale und demografische Wandel, der Abbau sozialer Dienste und die Zunahme schwieriger Betreuungen.“ Gleichzeitig steige die Verrechtlichung des Alltags. In dieser Lage sind die 44 örtlichen Betreuungsbehörden der Stadt- und Landkreise dafür zuständig, einen Betreuer vorzuschlagen. „Wir geben uns viel Mühe, ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer zu finden“, sagt Klaus Gölz, Leiter der Stuttgarter Betreuungsbehörde. Allerdings gäbe es Ausschlusskriterien. Profis für Problemfälle Wenn eine Betreuung gegen den Willen eines Betroffenen angeordnet werden soll, schlägt die Behörde nur Profis vor. Sie seien eher in der Lage mit Menschen umzugehen, die zum Beispiel nicht einsehen wollten, dass sie psychisch erkrankt seien. Auf bezahlte Fachkräfte setzen die Stuttgarter auch bei Betreuten mit mehreren Problemlagen, zum Beispiel bei „Messies“ mit einer Psychose. Erfahrene Cracks sind gefragt, wenn Betreute und ihre nahen Angehörigen in einem aufreibenden Familienstreit verstrickt sind. Auch gewaltbereite Klienten sind kein Fall für Ehrenamtliche. „Aber ich möchte nicht generalisieren“, betont Gölz. „Es gibt im Einzelfall durchaus geeignete Personen, die eine schwierige Betreuung übernehmen können.“ Ihnen biete die örtliche Betreuungsbehörde Begleitung und Schulung. Beratung unterstützt Ehrenamtliche Susanne Baer vom SKM Betreuungsverein des Landkreises Karlsruhe hat unter ihren Ehrenamtlichen etliche Personen, die gerne größere Verantwortung übernehmen. „Entscheidend ist für mich als Querschnittsmitarbeiterin unter anderem, dass ich genug Zeit habe, die Ehrenamtlichen zu begleiten und zu beraten.“ Schwierige Betreuungen liegen für Baer vor allem vor, wenn Betreute keine Kooperationsbereitschaft zeigen. Dies belaste das Verhältnis zwischen Betreuer und Klient. Im Übrigen könne sich auch eine einfache Betreuung in eine komplizierte verwandeln. Bei einem älteren Heimbewohner sei etwa plötzlich ein Rentenanspruch in Tschechien aufgetaucht, berichtet Baer. Der Ehrenamtliche musste mit der tschechischen Rentenversicherung korrespondieren und sich mit dem Sozialamt wegen

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gekürzter Leistungen auseinander setzen, die dazu geführt hatten, dass die Heimrechnungen nicht mehr beglichen werden konnten. Zusätzlich erkrankte der alte Herr. Dieser Ehrenamtliche habe die Lage mit Unterstützung des Betreuungsvereins hervorragend bewältigt. Ganz ähnlich sieht dies der Betreuungsverein SKM Rhein-Neckar. „Ob Ehrenamtliche schwierige Betreuungen übernehmen können, hängt von ihren Ressourcen ab“, sagt Dienststellenleiterin Stefanie Kurz. Pensionierte Banker etwa kümmerten sich gerne und kompetent um Klienten mit komplexen Vermögensangelegenheiten. Der SKM erfragt Kenntnisse, Wünsche, Abneigungen oder bevorzugte Einsatzorte von Ehrenamtlichen in Bewerbungsgesprächen und Fragebögen. Als schwierig empfunden würden von den Ehrenamtlichen oft Betreuungsbedürftige mit Suchterkrankungen, etwa Alkoholiker. Die Ehrenamtlichen hätten Angst, dass sich einer unter ihren Fittichen zu Tode trinkt. KVJS-Forschung zur Weiterentwicklung Wie in Baden-Württemberg noch mehr Ehrenamtliche für eine rechtliche Betreuung gewonnen werden können, darauf gibt das abgeschlossene KVJS-Forschungsvorhaben Antwort. Sinnvoll wäre demnach eine engere Zusammenarbeit von Betreuungsbehörden, -vereinen und -gerichten, etwa bei der Entscheidung, ob geeignete Ehrenamtliche bereit stehen. „Die Kompetenzen von Ehrenamtlichen müssen zudem noch besser vermarktet werden“, sagt Carola Dannecker. „Das abgeschlossene KVJS-Forschungsvorhaben liefert solche und andere Ansatzpunkte zur Diskussion und damit zu Weiterentwicklungen.“

Fachtag fördert Dialog Der KVJS will den von allen Beteiligten gewünschten Austausch noch mehr unterstützen. Den Anfang machte der KVJSFachtag „Querschnittsarbeit“ im Juli. Dort wurden die Ergebnisse der Untersuchung erörtert. Weitere Fachtage und Fortbilsyr dungen sind geplant. 			

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Nach den rechtlichen Fragen ist Zeit für das Gespräch bei einer Tasse Kaffee. 						Quelle: Maszlen, Fotolia

Rechtliche Betreuung
Berufliche oder ehrenamtliche Betreuer vertreten Volljährige, die wegen Krankheit, Behinderung oder altersbedingten Leiden ihre Angelegenheiten nicht selbst regeln können. Sie verwalten Geld, stellen Anträge auf Sozialhilfe oder Rente, kümmern sich um Wohnungsangelegenheiten oder haben ein Auge auf die Gesundheit des Klienten. Wie weit die Befugnisse eines Betreuers gegenüber einem betreuten Menschen reichen, entscheidet ein Betreuungsgericht. Weitere Informationen finden Sie unter www.kvjs.de/soziales/service-betreuungsrecht.html

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Versprochen: spürbare Entlastung vom Bund
Der Fiskalpakt und die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung
Das Bundesverfassungsgericht hat den Fiskalpakt genehmigt. Damit bleibt es bei den Abmachungen, die Bund und Länder im Zusammenhang mit dem Fiskalpakt trafen. Berlin hat versprochen, die Länder bei der Eingliederungshilfe zu entlasten. Wie die Hilfen aussehen, steht aber in den Sternen.
In Deutschland schlug die Eingliederungshilfe bei den Kommunen zuletzt mit rund 12,5 Milliarden Euro zu Buche. Eine Finanzspritze vom Bund könnte die Lage erleichtern. Offen ist die Höhe der Hilfe. Erste Stimmen sprachen von vier Milliarden Euro. Andere dementierten umgehend. Fest steht: In der nächsten Legislaturperiode wollen Bundestag und Bundesrat ein neues Bundesleistungsgesetz auf den Weg bringen. Es soll die bisherigen rechtlichen Vorschriften zur Eingliederungshilfe ablösen. „Wir benötigen ein Bundesteilhabegeld“ Nicht mit am Tisch sitzen die Kommunen. Sie sehen aus der Ferne zu, wie die Geldspritze aufgezogen wird. „Wir benötigen ein Bundesteilhabegeld“, sagt KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. Entsprechende Regelungen könnten im zukünftigen Bundesleistungsgesetz stehen. So sieht das auch der Deutsche Landkreistag. Der monatliche Festbetrag für Menschen mit Behinderung könnte Einzelleistungen wie die Blindenhilfe oder ambulante Leistungen beim Wohnen zusammenfassen. Die Betroffenen bekämen das Geld direkt auf die Hand und könnten es für ihre Bedürfnisse einsetzen. Der kommunale Verwaltungsaufwand würde sich verringern. Als Alternative könnte der Bund einen spürbaren Prozentsatz der laufenden Kosten übernehmen, welche bei den Sozialämtern anfallen, zum Beispiel für die Betreuung von Betroffenen zu Hause oder für deren Wohnheimplatz. Die jährlich steigenden Ausgaben der Stadt- und Landkreise wären abgedeckt. Auch eine Kombination aus Bundesteilhabegeld und Prozent-Beteiligung kann sich der KVJS vorstellen. Fest steht für Klinger: „Wir benötigen eine spürbare Entlastung, sonst geht den Stadt- und Landkreisen die Luft aus.“ Im Jahr 2010 erhielten in Deutschland rund 770.000 Personen Eingliederungshilfe für behinderte Menschen. Das waren laut Statistischem Bundesamt 6,2 Prozent mehr Hilfeberechtigte als im Vorjahr. Sie werden älter – wie die Bevölkerung insgesamt – und benötigen länger Unterstützung. Zudem verlangt eine Konvention der Vereinten Nationen, die Kindergärten, Schulen, Wohnungen und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen stärker zu öffnen. 				 syr

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Die Eingliederungshilfe soll Menschen mit Behinderungen die Teilhabe an der Gesellschaft erleichtern. Im Jahr 2010 wurden 12,5 Milliarden Euro netto aufgewendet. Das war über die Hälfte (57 %) der gesamten Sozialhilfeausgaben (Quelle: Statistisches Bundesamt). Mit dem europäischen Fiskalpakt wollen EU-Staaten die Kontrolle über die nationalen Finanzpolitiken teilweise auf Europa übertragen. Dazu ist in Deutschland ein Bundesgesetz notwendig. Bundestag und Bundesrat haben es auf den Weg gebracht. Gegen das Gesetz wurde vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt.

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Baden-Württemberg hat ein breites Angebot für Wohnungslose.

Foto: Mat Hayward, Fotolia

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Mehr als ein Dach über dem Kopf
Neue Ansätze in der Wohnungslosenhilfe
Eine Reihe von Maßnahmen spiegeln die Aktivitäten im Bereich der Wohnungslosenhilfe wider. Mit der Ausweitung des KVJS-Programms „Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe“ auf Projekte zur Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe wurde zudem ein neuer und innovativer Weg beschritten.
Wer sich einen Überblick über die Angebote der Wohnungslosenhilfe in BadenWürttemberg verschaffen möchte, der erhält seit Beginn des Jahres beim KVJS eine aktualisierte Angebotslandkarte. Zum zweiten Mal seit Bestehen des KVJS liegt eine entsprechende Bestandsaufnahme über die Plätze in allen Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg vor. Sie zeigt ein breites Angebot der Wohnungslosenhilfe in Baden-Württemberg. Momentan wird darüber hinaus eine landesweite Statistik über die Leistungsempfänger der jeweiligen Stadt- und Landkreise unter Moderation des KVJS erarbeitet. Förderprogramm Wohnungslosenhilfe Baden-Württemberg fördert in diesem Jahr investive Vorhaben in der Wohnungslosenhilfe mit zwei Millionen Euro – bislang waren es 500.000 Euro im Jahr (ohne Sonderinvestitionsprogramme). Der Förderausschuss Wohnungslosenhilfe verabschiedete im Mai dieses Jahres die Leitlinien und Grundsätze für ein Aktions-

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programm 2012 zur Regionalisierung und Modernisierung. Ziel ist ein bedarfsgerechter Ausbau von Beratungs-, Betreuungs-, Wohn- und Beschäftigungsangeboten. 75 Prozent der Mittel aus dem Landeshaushalt 2012 sind für dezentrale, in der Gemeinde verortete Angebotsformen vorgesehen, 25 Prozent dienen der Modernisierung von größeren Einrichtungen. Der KVJS steuert Haushaltsmittel bei und ist Förderbehörde sowohl für die Landes- als auch für die kommunalen Mittel. Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe Die landesweite Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege mündete 2010 in eine zusammen mit dem Sozialministerium veranstaltete und gut besuchte Tagung zum Europäischen Jahr. Dabei wurden die Themen Armut und soziale Ausgrenzung als gesellschaftliche Hintergründe für prekäre Wohnverhältnisse und Obdachlosigkeit aufgegriffen, gute Beispiele der Zusammenarbeit von Wohnungslosenhilfe mit anderen Stellen präsentiert und der Blick auf ein europäisches Nachbarland gelenkt. Das jüngste gelungene Beispiel der Zusammenarbeit ist die gemeinsame Initiative Erfrierungsschutz, die eine Handreichung für Kommunen und Einrichtungen erarbeitet hat. Sie zeigt die rechtliche Si-

tuation, Zuständigkeiten und beispielhafte Lösungsmöglichkeiten aus Kommunen in Baden-Württemberg. Gleichzeitig bietet die Handreichung Arbeitshilfen für die Praxis. Eine Infokarte für Betroffene und ein Plakat zur Information der Öffentlichkeit weisen auf Ansprechpartner, Unterkünfte und die Notrufnummer hin. Als weitere Arbeitshilfe dient ein Mustertext für Pressemitteilungen zur Information und Sensibilisierung der Bürger zum Thema Erfrierungsschutz. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat die Initiative aus Baden-Württemberg zur Nachahmung empfohlen. Neue Bausteine Dauerhafte soziale Schwierigkeiten bedürfen der Vorbeugung. Herausforderungen stellen sich auch in der Zusammenarbeit mit anderen vorrangigen Hilfesystemen und Schnittstellen. Erfahrungen mit sozialräumlichen Konzepten zum Beispiel aus der Jugendhilfe könnten Impulse setzen. „Die Entwicklung und Umsetzung von Konzepten und Methoden im Sinne der betroffenen Menschen kann nur in gemeinsamer Verantwortung der Leistungsträger und -erbringer vor Ort gelingen“, sagt Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. „Die Entwicklung, Erprobung und wissenschaftliche Begleitung von neuen Bausteinen in der Wohnungslosenhilfe könnte ein guter Schritt in diese Richtung sein.“ Der Verbandsdirektor des KVJS begrüßte in diesem Zusammenhang die Entscheidung des Verbandsausschusses, das KVJS-Programm „Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe“ auf Projekte zur Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe auszuweiten und dafür Haushaltsmittel für 2013 in Höhe von 50.000 Euro vorzusehen.			 jw

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Info

Die Angebotslandkarte, Materialien zum Erfrierungsschutz und weitere Informationen zum Thema Wohnungslosenhilfe finden Sie auf unserer Homepage: http://www.kvjs.de/soziales/wohnungslose.html

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ISO 9001: Qualität ist messbar
Medizinisch-Pädagogischer Dienst wird extern zertifiziert
Wie viel Hilfe brauchen Menschen mit Behinderungen und welche Leistungen stehen ihnen zu? Diese und weitere Fragen klärt der Medizinisch-Pädagogische Dienst (MPD) für mehr als 23.000 Menschen in Baden-Württemberg, die mit wesentlichen Behinderungen in Einrichtungen leben. Jetzt ist der Dienst des KVJS um ein Qualitätssiegel reicher: Er hat sein über Jahre aufgebautes Qualitätsmanagement extern zertifizieren lassen.
Die ISO 9001 ist eine international anerkannte Qualitätsmanagementrichtlinie, die zunehmend auch im Dienstleistungsbereich Anwendung findet. Mit der Zertifizierung durch Dr. Claus Offermann (Diplom Verwaltungswissenschaftler) von der Firma Zertsozial in Stuttgart verpflichtet sich der MPD zur Überprüfung und Festlegung von Zuständigkeiten und Abläufen sowie zur kontinuierlichen Verbesserung seiner Arbeit. Er stellt damit einen gleichbleibend hohen Standard bei der Begutachtung von bis zu 5.000 Einzelfällen im Jahr sicher. Entwicklung des Qualitätsmanagements beim MPD Seit Gründung des MPD kommt dem Qualitätsmanagement eine zentrale Bedeutung zu, da der Dienst für die einheitliche Handhabung und Umsetzung der Hilfebedarfsfeststellung nach dem HMBW-Verfahren behinderter Menschen verantwortlich ist. Die Mitarbeiter wurden fortlaufend geschult. Im Laufe der Jahre kamen neue Mitarbeiter und Fragestellungen hinzu, so dass die Abläufe 2010 erstmals in einem Handbuch zusammen-

(von links) Dr. Claus Offermann von der Firma Zertsozial überreicht Dr. Birgit Fuchs und KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger das Zertifikat. 						 Foto: Löpker

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gestellt wurden. „Mit der Zertifizierung schließen wir eine kontinuierliche Entwicklung ab und demonstrieren damit nach außen, dass sich die Arbeit des MPD an modernen Maßstäben eines Qualitätsmanagements orientiert“, sagt Dr. Birgit Fuchs, Leiterin des MPD. Das Zertifikat beinhaltet die Festlegung von Verantwortlichkeiten, Befugnissen, Transparenz, Kundenorientierung sowie die Verpflichtung zur jährlichen externen Überprüfung und Weiterentwicklung des Qualitätsmanagementsystems. Für Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger ist es wichtig, dass der KVJS im Rahmen seines gesetzlichen Unterstützungsauftrags für den eigenen Fachdienst MPD den gleichen hohen Standard gewährleistet wie der Medizinische Dienst der Krankenkassen. 				 lö

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Integration

Film ab für KVJS-Aktion 1000plus
Integrationsamt präsentiert neuen Informationsfilm
Rund elf Minuten dauert der neue Informationsfilm des KVJS-Integrationsamtes. Er präsentiert gelungene Beispiele der Integration schwerbehinderter junger Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt durch die Aktion 1000plus.
Im Fohrenhof, einem integrativ geführten Restaurant im Schwarzwaldort Unterkirnach, war die Aufregung groß: Ein Filmteam hatte sich angekündigt, um im Auftrag des KVJS das dortige Team als Beispiel gelungener beruflicher Integration aufzunehmen. Vier Mitarbeiter aus der Mannschaft des Fohrenhofs haben einen Schwerbehindertenausweis. Sie sind als Klienten der KVJS-Aktion 1000plus zu ihrem Arbeitsplatz bei dem Integrationsunternehmen gekommen. 14 Praktizierte Integration Vor allem stellt der Film jedoch Arbeitsplätze in Unternehmen vor, die „Integration“ zwar nicht im Namen führen, sie aber ganz selbstverständlich praktizieren: Unter anderem eine Malerfirma, ein BauUnternehmen und ein Zweirad-Geschäft mit eigener Werkstatt. „Häufig sind es kleiDas Filmteam im Einsatz. Foto: AV Medien ne Unternehmen, die einem Klienten der KVJS-Aktion 1000plus eine Chance geben“, erklärt Karl-Friedrich Ernst, Leiter des fachdienste suchen ständig Arbeitgeber, Integrationsamtes beim KVJS. Die meist die bereit sind Praktikumsplätze anzufamiliäre Atmosphäre der Kleinbetriebe bieten“, so Ernst. Oft werden daraus dann erleichtert die Integration junger Leute später Arbeitsplätze. „Der Film soll hier als mit Behinderung. „Unsere IntegrationsTüröffner wirken.“ Außerdem bietet der Film einen kleinen Einblick in die schulische Vorbereitung der 1000plus-Teilnehmer und die Unterstützung durch Integrationsfachdienst und Jobcoach. Die Aufregung auf dem Fohrenhof hat sich übrigens ziemlich schnell gelegt. Die Bilder des Films sprechen für sich. mok

Info

Den elfminütigen Informationsfilm „KVJS-Aktion 1000plus. Eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“ können Sie im Internet finden: www.kvjs.de/schwerbehinderung/aktion-1000plus.html DVD-Bestellung unter: Gisela.Luettges@kvjs.de, Telefon 0721 8107-983

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Integration

Eigene Tarife für Menschen mit Behinderung?
KVJS regt an, Vertrag an Leistungsfähigkeit anzupassen
Gelungene Beispiele der Integration schwerbehinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt gibt es viele. Das zeigt der neue Film des KVJS-Integrationsamtes. Die Aktion 1000plus finanziert sich aus der Ausgleichsabgabe. Doch die Einnahmen sinken, während sich Deutschland mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat, mehr Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren. Deshalb schlägt der KVJS eine Überprüfung der Tarifverträge vor.
Der KVJS erhebt für Baden-Württemberg die Ausgleichsabgabe, die alle Unternehmen ab 20 Mitarbeiter zahlen, die weniger ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung vergeben haben als gesetzlich vorgeschrieben. Von diesen Geldern werden Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung gefördert. Zum Beispiel durch Lohnkostenzuschüsse bei Minderleistungen der Beschäftigten. In BadenWürttemberg lagen die Einnahmen 2011 jedoch nur noch bei 62,44 Millionen Euro, 2009 waren es noch 71,05 Millionen Euro. „Das ist der niedrigste Stand der letzten 15 Jahre und der langfristige Trend“, sagt KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. Grund ist unter anderem eine tendenziell höhere Pflichterfüllung der Unternehmen durch die eigene, älter werdende Belegschaft, bei denen häufiger Behinderungen auftreten. „Bei einer immer größeren Zahl von Beschäftigungen von Menschen mit schweren Behinderungen als Folge der UN-Behindertenrechtskonvention reichen die Einnahmen bald nicht mehr aus“, sagt Roland Klinger. Lösungsansätze sind, die Pflichtquote zur Beschäftigung auf sechs Prozent und die Ausgleichsabgabe für nicht besetzte Plätze von derzeit maximal 290 auf weit über 300 Euro zu erhöhen. Das würde aber zu einer aus wettbewerbsgründen nicht gewollten Erhöhung der Lohnnebenkosten führen. „Deshalb bitten wir die Tarifpartner, für die Beschäftigung von Mitarbeitern, die weniger leisten, entsprechend gestaltete Tarifleistungen zu prüfen“, sagt Roland Klinger. „Das würde verhindern, dass Lohnnebenkosten weiter steigen, und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stärken.“ Bislang müssen Unternehmen schwerbehinderte Mitarbeiter genauso bezahlen wie Kollegen, die sie bei der Arbeit anleiten. Das mindert die Bereitschaft, Menschen einzustellen, und treibt die Subventionen in die Höhe. Die neu zu findenden Tarifgruppen sollten der geleisteten Arbeit und dem jeweiligen Qualifikations- und Anforderungsniveau entsprechen. Dabei könnten nach Ansicht des KVJS Tarife vereinbart werden, die weit über dem heutigen Durchschnittsverdienst eines Werkstattbeschäftigten von rund 200 Euro liegen. „Deshalb ist es eigentlich unverständlich, dass die Tarifpartner bisher das Thema nicht aufgegriffen haben, um Menschen mit Behinderung unabhängiger von Sozialleistungen zu machen“, so Klinger. „Außerdem wird dadurch der Übergang vom beschützten Arbeitsmarkt der Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt attraktiver. lö

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Alles in Griffweite: Ein Mitarbeiter bei Audi.

Foto: Audi

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Neue Schwerbehinderten-Arbeitsplätze bei Audi in Neckarsulm
Für 62 schwerbehinderte Beschäftigte hat Audi 49 neue Arbeitsplätze eingerichtet. Entstanden sind sie in der Fertigung des neuen A6 bei Audi in Neckarsulm. Vorausgegangen war ein detaillierter Planungsprozess, an dem auch das KVJS-Integrationsamt beteiligt war.
Im Jahr 2008 begann man bei Audi, sich die ersten Gedanken über die Elektrokomponenten-Fertigung für die neue Fahrzeuggeneration des Audi A6 zu machen. „Wir waren einer der letzten Fahrzeug-Hersteller in Deutschland, der noch Kabelstränge und Elektrokomponenten in Eigenregie fertigte“, erinnert sich Fred Uhland von der Audi-Personalabteilung. Er ist zudem Beauftragter des Arbeitgebers für die Belange schwerbehinderter Menschen. Klar war: die Zeiten der Fertigung von Elektrokomponenten in Handarbeit würden auch bei Audi mit der nächsten Fahrzeuggeneration zu Ende gehen. „Das ist wirtschaftlich nicht zu verantworten. Dafür gibt es spezialisierte Lieferanten, die ein Vielfaches unserer Kapazität haben und entsprechend günstiger die Kabelsätze anbieten können“, so Uhland nüchtern. „Dort waren 215 Kolleginnen und Kollegen beschäftigt“, so der Schwerbehindertenvertreter Michael Blenk. Es gab Sitzarbeitsplätze für Personen mit Beeinträchtigungen – was sonst in der Fertigung eine große Ausnahme ist. Blenk schätzt: „Wir hatten rund 40 weitere Sitzarbeitsplätze in der gesamten Produktion.“ Nun ging es darum, die betroffenen Mit-

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arbeiter umzusetzen oder neue Arbeitsplätze für sie zu schaffen. „Durch unsere regelmäßige ArbeitsplatzStrukturanalyse wissen wir, wie viele Kollegen mit Leistungseinschränkungen hier arbeiten“, so Michael Blenk. Aufgrund dieser Analyse wird eine Prognose der Personalentwicklung für die nächsten fünf bis sechs Jahre erstellt, was der durchschnittlichen „Lebensdauer“ eines Auto-Modells entspricht. Also konnte man bei Audi recht genau sagen, wie die Werks-Welt zum Produktionsstart des neuen Modells aussehen würde. Akribische Planung Bei der Planung für das neue A6-Modell wurde beschlossen: „Die Kleinst- und Kleinmontageumfänge ziehen wir raus“, erklärt Fred Uhland. Ein Fachplaner wurde beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, das den Bedürfnissen der schwerbehinderten Mitarbeiter Rechnung trägt. Während des Planungsprozesses setzte sich das betriebliche Integrationsteam von Audi ein Mal in der Woche zusammen, um die nächsten Schritte zu besprechen. Die Anforderungen waren klar: Es sollte ohne Takt-Bindung und im Sitzen gearbeitet werden können und in enger zeitlicher und räumlicher Nähe zur Fahrzeugmontage. Gemeinsam mit dem KVJS-Integrationsamt wurde in den nächsten Monaten die weitere Vorgehensweise abgesprochen. Auch der Technische Beratungsdienst des Integrationsamtes wurde mit eingebunden. „Da kamen noch wertvolle Hinweise zum Thema Ergonomie“, lobt Fred Uhland. „Das schätze ich sehr.“ So musste etwa auch ein Einzelarbeitsplatz für einen Rollstuhlfahrer eingerichtet werden. Das stellt Anforderungen an barrierefreie Zugänge und die Erreichbarkeit von Material und Werkzeug.

Pünktlich zum Produktionsstart des neuen A6-Modells waren die 49 neuen Arbeitsplätze in der Vormontage eingerichtet und besetzt. Im Dreischicht-Betrieb arbeiten dort derzeit 62 Kollegen mit und zwei ohne Behinderung. Die Plätze sind ergonomisch günstig eingerichtet. Die dort eingesetzten Mitarbeiter können ihre Aufgaben zeitlich flexibel erledigen, da kleine Zeitpuffer eingebaut sind, die Leistungsschwankungen auffangen. Die Mitarbeiter in der Vormontage müssen eine gewisse Flexibilität mitbringen. Mal wird an dem einen Platz drei Stunden Teil A montiert, dann einige Stunden an einem anderem Platz Teil B – je nach Bedarf. Nur wenige Mitarbeiter sind auf eine einzige Aufgabe spezialisiert. „Ich brauche in jeder Schicht auch ein bis zwei Leute, die alle Arbeiten beherrschen.“ 17 Förderung vom KVJS-Integrationsamt Das KVJS-Integrationsamt hat nicht nur bei der Einrichtung der neuen Arbeitsplätze beraten, sondern die Investitionskosten auch mit einem Zuschuss von 20 Prozent pro Arbeitsplatz unterstützt. Darin enthalten ist auch ein Bonus für Unternehmen, die ihre Beschäftigungspflicht von fünf Prozent schwerbehinderter Beschäftigter erfüllen. Audi liegt seit Jahren bei etwa sechs Prozent schwerbehinderter Mitarbeiter. Manchmal sind es gerade die Arbeitsplätze für schwerbehinderte Kollegen, die die Gestaltung der normalen Arbeitsplätze beeinflussen. So sind Hebehilfen für schwere Teile und höhenverstellbare Arbeitstische mittlerweile Audi-Standard. Wenn Laufwege verkürzt und Griffweiten reduziert werden, bleibt logischerweise mehr Zeit für das Kerngeschäft. So profitieren Arbeitnehmer wie Arbeitgeber. mok

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Eine Reitstunde mit logopädischem Konzept entwickelte Julia Neuhann. Foto: Bewegte Logopädie

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Erfolg hoch zu Ross
Selbstständig mit Schwerbehinderung
Jetzt hat es der Knirps geschafft: Er thront ganz oben auf dem Rücken eines gutmütigen Islandpferdes. Die Reitstunde ist Teil eines logopädischen Konzepts. Entwickelt wurde es von der Logopädin und Reittherapeutin Julia Neuhann. Als schwerbehinderte Selbstständige erhält Neuhann Unterstützung vom KVJS-Integrationsamt.
„Bewegte Logopädie“ nennt Julia Neuhann ihr Konzept, mit dem Sie sich vor gut einem Jahr mit der Kombination von Logopädie und Reittherapie selbstständig machte. „In meiner eigenen Biographie habe ich die unglaublich hilfreiche Wirkung von Reittherapie und selbständigem Reiten kennen und schätzen gelernt“, erklärt die junge Frau mit dem Lockenkopf. Sie ist gehbehindert und musste sich bereits mehreren Hüftoperationen unterziehen. Ihre persönlichen guten Erfahrungen mit dem Reiten brachten Julia Neuhann dazu, nach ihrem Examen als staatlich anerkannte Logopädin auch noch eine Zusatzausbildung zur Reittherapeutin draufzusatteln. Währenddessen arbeitete sie bereits in einem Therapiezentrum mit Kindern: „In einem großen, interdisziplinären Team aus Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten war ich zuständig für die logopädische Therapie von schwerstmehrfachbehinderten Kindern, Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten oder mit unterschiedlichen Syndromen sowie von neurologisch erkrankten Patienten“, so Neuhann. „Bei der täglichen Arbeit mit diesen Patienten konnte ich feststellen: Oft reicht die klassische Logopädie, die sich allein auf die Sprachentwicklung konzentriert, nicht aus. Gerade bei Kindern

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mit unterschiedlichen Syndromen und Langzeitpatienten könnte eine zusätzliche, individuelle Förderung durch therapeutisches Reiten sinnvoll sein.“ Selbstständig werden Mit der von ihr entwickelten Kombination von Logopädie und Reittherapie wagte sich Julia Neuhann Anfang 2011 in die Selbstständigkeit. Schwerbehinderte Existenzgründer können vom Integrationsamt des KVJS ein zinsloses Darlehen für nötige Investitionsgüter erhalten. „In welcher Höhe das Darlehen gewährt wird, hängt davon ab, ob ein entsprechender Investitionsbedarf besteht, der durch vorrangige Finanzierung, etwa durch das KfW-Mittelstandsprogramm oder Landesprogramme zur Existenzgründung, nicht gedeckt ist“, erklärt Sylvia Kaiser, die beim Integrationsamt Selbstständige mit Schwerbehinderung betreut. Ohnehin fördert das Integrationsamt nur, wenn es einen ausführlichen BusinessPlan mit einer tragfähigen Geschäftsidee gibt, ein positives Gründungsgutachten der zuständigen Kammer und eine geeignete Absicherung des Darlehens. Der Existenzgründer selbst muss die nötigen persönlichen und fachlichen Voraussetzungen besitzen. „Wir prüfen sehr genau, denn der selbstständige Unternehmer soll auf Dauer von seiner Tätigkeit leben können – und nicht irgendwann mit einem Berg Schulden in Insolvenz gehen“, so Fachberaterin Kaiser. Selbstständig bleiben Nach einer erneuten Hüftoperation konnte Julia Neuhann einige Aufgaben nicht mehr selbst erledigen: Die Therapiepferde satteln und führen oder ihre kleinen Patienten auf den Pferderücken hieven ging nicht mehr. Sie wandte sich an das KVJS-Integrationsamt und beantrag-

te Arbeitsassistenz. „Arbeitsassistenz ist eine unserer wichtigsten Leistungen für Selbstständige“, weiß Sylvia Kaiser. Dabei übernimmt die Assistenzkraft auf Anweisung Aufgaben, die ein schwerbehinderter Selbstständiger wegen seiner Behinderung nicht selbst erledigen kann. Allein 2011 erhielten 54 Unternehmer mit Handicap Arbeitsassistenz. Das KVJS-Integrationsamt gab für diese Unterstützung zur Existenzerhaltung knapp 420 000 Euro aus. Auch für Julia Neuhann bedeutete die vom Integrationsamt bezahlte Arbeitsassistenz die Sicherung ihrer beruflichen Existenz. Jetzt führt eine Assistentin die Kinder hoch zu Ross über den Übungsparcours. Dort hat die Logopädin verschiedene Stationen eingerichtet, an denen sie mit den Kleinen wie nebenbei kleine therapeutische Einheiten absolviert. „Viele der Kinder haben schon reichlich Therapie-Erfahrung“, erklärt sie. „Bei der Behandlung auf dem Pferd bekommen sie ein völlig anderes Umfeld bei der logopädischen Arbeit. Das wirkt sich positiv auf Motivation und Kooperation aus.“ Hoch zu Ross entwickeln die Kinder mehr Körperspannung und verbessern ihr Gleichgewicht. Die neue Haltung verbessert aber auch ihre Fähigkeit zu sprechen. Und nicht nur das: „Das Getragenwerden und die Tatsache, dass das Pferd selbst keine Ansprüche an den Patienten stellt, fördern das Selbstvertrauen“, erklärt die Therapeutin. „Die Patienten wachsen – nicht nur sprachlich – über sich hinaus.“ Julia Neuhanns Patienten kommen mittlerweile aus dem ganzen Bundesgebiet und der Schweiz zu ihr nach Leutkirch. Sie bietet auch einwöchige Intensivwochen mit ihrem ungewöhnlichen Therapiekonzept an. Jetzt will sie ihre erfolgreiche Praxis weiter ausbauen. Dabei kann sie weiter auf das KVJS-Integrationsamt zählen. mok

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Nachwuchs für die Allerkleinsten
KVJS-Lehrgang Frühpädagogik startet in einem Jahr
Ab September 2013 ist es soweit: Der KVJS bildet staatlich anerkannte Jugend- und Heimerzieherinnen und -erzieher für die Allerjüngsten aus. Dazu erweitert die Fachschule in Flehingen die Inhalte ihrer Erzieherausbildung deutlich um den Bereich „Frühpädagogik“. Denn bei Kitas wächst der Bedarf an qualifizierter Betreuung für die unter Dreijährigen.
Der Ausbau der Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren ist in vollem Gange. Gesucht werden nicht nur Räume, sondern auch Fachkräfte. Doch die allgemein übliche Erzieherausbildung als Breitbandqualifikation geht zu wenig auf die Bedürfnisse der Jüngsten ein. Der neue Ausbildungsgang an der KVJS-Fachschule für Sozialwesen qualifiziert gezielt für deren Bildung und Erziehung. 20 Zur Zeit werden am KVJS-Bildungszentrum Schloss Flehingen die Weichen gestellt. „Das Curriculum ist erarbeitet. Für die meisten Fächer haben wir bereits Lehrkräfte verpflichtet“, sagt der Diplompädadoge Klaus Boch. Er leitet die vier Fachschulen. Der Lehrplan orientiert sich an den Herausforderungen der frühpädagogischen Praxis. Dazu gehören Sprachentwicklung, Migration, Inklusion, Elternarbeit und Erziehungspartnerschaft. Die zukünftige Erzieherinnen und Erzieher werden zum Beispiel auch Kurse zu kultur- und religionssensibler Bildungs- und Elternarbeit belegen. Das Bildungszentrum sucht Kooperationspartner für den praktischen Ausbildungsteil. Gefragt sind Kindertagesstätten aus dem näheren Umkreis. Dort sollen Fachschul-Interessierte das notwendig einjährige Vorpraktikum absolvieren können. Gleichzeitig bietet die Fachschule den Vorpraktikanten Vorbereitungskurse. Die ersten Partner sind bereits gewonnen. Erwerben der Fachhochschulreife möglich Die zwanzig ersten Studierenden werden in einem Jahr im Schloss erwartet. Sie profitieren vom dualen Lernsystem aus theoretischem und praktischem Unterricht. Zum einen sind sie weiter bei ihrer sozialpädagogischen Einrichtung angestellt. Zum anderen besuchen sie die Ausbildungsstätte in Flehingen nach einem festen Turnus. „Der 14-tägige Unterricht an zwei Tagen ist gut in den Dienstplan zu integrieren, genauso wie die fünf Blockwochen“, weiß Boch. Wer möchte, kann in Flehingen die Fachhochschulreife machen. Die KVJS-Fachschule für Sozialwesen blickt auf 30 Jahre Erfahrung in der berufsbegleitenden Ausbildung zurück. „Unsere Lehrkräfte sind ausgewiesene Fachleute und kennen die aktuellen Entwicklungen aus ihrem eigenen Berufsalltag“, sagt Boch. So vermitteln etwa praktizierende Ärzte, Psychologen, Pädagogen oder Juristen fundiertes Hintergrundwissen. syr

Die vier KVJS-Fachschulen auf Schloss Flehingen gehören zu den begehrten Adressen im Land. Sie ermöglichen Erwachsenen den berufsbegleitenden Aufstieg in sozialen Berufen. Alle Ausbildungen im KVJS-Bildungszentrum in Oberderdingen-Flehingen (Kreis Karlsruhe) sind staatlich anerkannt.

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Streetwork für Kids
Dreijähriges Modellprojekt in der Jugendhilfe
Streetwork kann viele Erfolge vorweisen. Allerdings ist ihr Konzept auf ältere Jugendliche zugeschnitten. Aggressive Kindercliquen bereiten ihr Kopfzerbrechen. Ob das in Zukunft anders werden kann, soll ein dreijähriges Modellprojekt an den Standorten Stuttgart, Heilbronn und Pforzheim erproben. Am 17. Juli 2012 hat der Landesjugendhilfeausschuss des KVJS beschlossen, das Projekt von 2012 bis 2014 mit insgesamt 47.000 Euro zu unterstützen. Im Sommer ging die „Mobile Kindersozialarbeit“ an den Start.
Drei Standorte erhielten den Zuschlag für die Durchführung: Heilbronn-Südstadt (Diakonie Heilbronn), Pforzheim (SJR Betriebs GmbH) sowie die Stadtteile Freiberg und Mönchfeld in Stuttgart (Caritas Stuttgart). Sie erproben und entwickeln ein Konzept für die Mobile Arbeit mit Kindern im Alter von acht bis 13 Jahren, die durch selbst- und fremdgefährdendes Verhalten in der Öffentlichkeit auffällig geworden sind. Dazu soll das erfolgreiche Konzept der Mobilen Jugendarbeit – auch Streetwork genannt – auf Kinder dieser Altersgruppe zugeschnitten werden. Das Projekt wird von der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Mobile Jugendarbeit/ Streetwork Baden-Württemberg und der LAG Jugendsozialarbeit durchgeführt. Hintergrund des Projektes ist eine Tendenz vor allen in mittelgroßen und großen Städten: Dort fallen immer wieder Gruppen von Kindern durch Verhaltensweisen auf, die eher für die Jugendphase typisch ist. Sie treffen sich auf öffentlichen Plätzen, um ihren Eltern aus dem Weg zu gehen, rauchen, trinken Alkohol und provozieren andere Kinder und Erwachsene. Neue Angebote nötig? Wie kann die Jugendhilfe helfen? Bisher werden die Jungen und Mädchen durch die bestehenden Angebote der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Hilfen zur Erziehung nicht angemessen erreicht. Die renitenten Kids überfordern zum Beispiel oft Jugendhäuser oder Spielmobile und bekommen Hausverbot. Das Projekt soll Erkenntnisse erbringen, wie das Konzept Mobile Jugendarbeit für die Zielgruppe Kinder geändert werden muss. Die Modellteilnehmer erwarten etwa eine intensivere Zusammenarbeit mit den Eltern. Gleichzeitig sollen tobende Kids die älteren Jugendlichen nicht abschrecken, etwa bei Sportangeboten oder auf Aktivspielplätzen.		 add

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Streetwork
In den letzten 30 Jahren hat sich in Baden-Württemberg die Mobile Jugendarbeit („Streetwork“) als ein professionelles Handlungskonzept entwickelt und bewährt. Im Jahr 2010 haben nach der neuesten Statistik 280 Fachkräfte dieses Angebot in 26 Einrichtungen in 37 Stadtund Landkreisen umgesetzt. Streetworker kümmern sich um Jugendliche und junge Erwachsene in besonders schwierigen Lebenslagen, die von herkömmlichen Maßnahmen der Jugendhilfe nicht mehr erreicht werden. Der KVJS unterstützt die Mobile Jugendarbeit durch Fachtagungen und Seminare, Arbeitshilfen und Broschüren sowie Modellprojekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe.

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Jugendfarm Elsental, Stuttgart: Hier verbringen Kinder mit und ohne Behinderung die Freizeit gemeinsam. Foto: Jugendfarm Elsental

Sieben Projekte löffeln aus dem KVJS-Fördertopf
Im Fokus: Weiterentwicklung der Jugendhilfe
Das Landesjugendamt des KVJS fördert in diesem Jahr sieben Projekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe. Insgesamt 66.000 Euro werden dafür bereitgestellt. Das hat der Landesjugendhilfeausschuss beschlossen.
Im Einzelnen werden folgende Projekte unterstützt: Vernetzte und strukturübergreifende Jugendhilfe im Hohenlohekreis – Kind im Focus des gemeinsamen Handelns (Träger: Hohenlohekreis) Unter wissenschaftlicher Begleitung die Inklusion im Sozialraum weiterentwickeln – ein Projekt, bei dem die Fallund Finanzverantwortung gebündelt und Verantwortlichkeiten neu aufgeteilt werden. Mit eingebunden sind die freien Träger der Jugendhilfe sowie Gemeinden, Städte und Schulen. Ziel ist, alle – auch behinderte Kinder – zu fördern und damit eine zukunftsorientierte Jugendhilfe im ländlichen Raum aufzubauen. Inklusion im offenen Jugendfarmbetrieb (Träger: Jugendfarm Elsental e.V., Stuttgart) Kinder mit und ohne Behinderung sollen ohne Leistungsdruck und Erfolgszwang die Freizeit gemeinsam auf der Jugendfarm verbringen. Ob beim Spielen, Tiere

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versorgen oder Reiten: Durch die vorgelebte und erfahrbare gegenseitige Wertschätzung verändert sich das soziale Klima im Miteinander. Von diesem innovativen Modell können auch andere Einrichtungen profitieren, die sich mit der Umgestaltung und Einführung einer inklusiven Betreuung beschäftigen. „Auf Augenhöhe“ – Multimedialer Zugang zu Familien (Träger: Stadt Pforzheim) Familien haben nach dem neuen Bundeskinderschutzgesetz einen Anspruch auf umfassende Information und Beratung. Manche Eltern sind aber Analphabeten oder haben einen Migrationshintergrund. Es ist daher geplant, hier die üblichen Printmedien wie Flyer und Broschüren durch das Medium Film/DVD zu ersetzen. Sowohl Betroffene als auch Multiplikatoren werden aktiv an der Entstehung und Entwicklung beteiligt. „Hauptsache es rockt!“ (Träger: Kulturwerkstatt Reutlingen e.V.) Für die meisten jungen Menschen ist ein Leben ohne Musik unvorstellbar. Die Kulturwerkstatt möchte deshalb inklusive Bands etablieren und erproben, inwieweit die unterschiedlichen Fähigkeiten von Jugendlichen mit und ohne Behinderung beim Musikmachen gleichberechtigt zum Tragen kommen können. Partizipation – vielfältig, praktisch, gut (Träger: Stadtjugendring Sindelfingen e.V.) Um neue Formen der Mitwirkung und Mitbestimmung in Praxisfeldern der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule sowie auf kommunaler Ebene geht es bei diesem Projekt. Als Einstieg plant der Stadtjugendring, bereits bestehen-

de Möglichkeiten der Partizipation zu erheben sowie die Projektpartner zu ihren Wünschen zu befragen. Elternkurs für Väter (Träger: Sozialdienst katholischer Frauen e.V., Ortsverein Freiburg-Familienzentrum St. Augustinus) Väter von Kindern in stationärer Erziehungshilfe sollen durch ein Konzept mit verschiedenen Bausteinen, etwa erlebnispädagogischen Angeboten und Einzelarbeit in ihrer Erziehungskompetenz, gestärkt werden. Da es bisher nur wenige spezifische Konzeptionen in dieser Richtung gibt, profitieren von einer solchen Arbeitshilfe alle Heimträger. Mobile Kindersozialarbeit (Träger: LAG Mobile Jugendarbeit BW e.V.) Ein innovativer Ansatz: An drei Standorten wird ein Konzept für die mobile Arbeit mit Kindern im Alter von acht bis 13 Jahren entwickelt, die durch selbst- und fremdgefährdendes Verhalten in der Öffentlichkeit auffällig sind. Diese Altersstufe stand bisher nicht im Fokus der „Streetworker“ und ist mit den üblichen Arbeitsmethoden nicht zu erreichen.		 add 23

Innovative Jugendhilfe
Auf den ständigen Wandel der Lebenslagen junger Menschen und ihrer Familien muss die Jugendhilfe mit neuen Angeboten und Methoden reagieren. Gefragt sind innovative und kostengünstige Angebotsformen und Hilfen, die Eltern, Schule und das Gemeinwesen einbeziehen. Das KVJS-Landesjugendamt unterstützt deshalb Modellprojekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe. Die Förderung ist auf größere Vorhaben mit überregionaler Bedeutung beschränkt. Weitere Infos unter www.kvjs.de/ jugend/forschung-und-projekte/foerderprojekte.html

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Junge Menschen und ihr Start in das Berufsleben
Positive Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt
Der Ausbildungsmarkt bietet jungen Menschen gute Chancen auf dem Weg in das Berufsleben. Bei der Sitzung des Landesjugendhilfeausschusses im Juli 2012 haben Elmar Ströbele von der Bundesagentur für Arbeit und Reinhard Hoferer, ehemaliger Sozialdezernent, über die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg und im Landkreis Waldshut berichtet.
Elmar Ströbele von der Regionaldirektion Baden-Württemberg bezeichnete die Situation in Baden-Württemberg als sehr positiv: „Es gibt mehr Stellen als Bewerber“. Im Juni 2012 standen 57.308 Bewerber 67.404 Ausbildungsstellen. Die Arbeitgeber seien im Nachteil, da sie nicht mehr genügend Auszubildende fänden. Die Veränderung der Schulpolitik habe dazu geführt, dass es nur noch wenige Hauptschulabgänger gebe, die direkt einen Beruf erlernen wollten. Die meisten würden einen anderen Weg einschlagen und auf weiterführende Schulen gehen. Ungefähr die Hälfte der Hauptschüler entscheide sich dafür, die Werkrealschule zu besuchen. Das führe auch dazu, dass viele Ausbildungsplätze nicht besetzt werden könnten. „Es ist zum Beispiel schwierig, jemanden zu finden, der sich für eine Erzieher-Ausbildung entscheidet, und dieses Jahr wird sich diese Tendenz wohl auch nicht mehr ändern“, so Elmar Ströbele. In Baden-Württemberg werden ca. 30.000 Hauptschulabgänger in diesem Jahr eine Werkrealschule besuchen. „Ob sie einen Ausbildungsplatz im nächsten Jahr finden, wird vor allem davon abhängen, wie sich die Konjunktur entwickelt“, analysierte Elmar Ströbele die Situation für den Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg. Reinhard Hoferer berichtete als ehemaliger Sozialdezernent des Landkreises Waldshut über die Arbeitsmarktsituation vor Ort. „Im letzten Jahr konnten 300 Personen unter 25 Jahre in Arbeit vermittelt werden, 200 in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse und ca. 100 Personen in eine duale Ausbildung“. Damit untermauerte er die gute Arbeitsmarktsituation im Landkreis Waldshut, die sich in einer Arbeitslosenquote von 1,6 Prozent bei den unter 25-Jährigen widerspiegelt. Mit jungen arbeitslosen Menschen, die den Sprung in das Berufsleben noch nicht geschafft haben, werde im Landkreis eine realistische Berufswegeplanung erarbeitet, wozu auch der Abbau von Vermittlungshemmnissen wie Schulden, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit gehöre. Die einzelnen Schritte der Berufswegeplanung würden mit dem Jugendlichen in einer Vereinbarung verbindlich festgehalten, die in regelmäßig stattfindenden Kontakten zwischen dem Fallmanager und dem Jugendlichen immer wieder den veränderten Bedingungen angepasst werde. „Zielvereinbarungen mit Schulen und auch das Einbringen der Erfahrungen aus der Jugendberufshilfe in die Schulsozialarbeit sowie in die Vorbereitung auf den Beruf können bereits vorzeitig den Weg in die Arbeitslosigkeit verhindern“, so Reinhard Hoferer.		 jw

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Resilienz: Wenn Schule stark macht
Jahrestagung Schulsozialarbeit widmete sich Themen der Zukunft
Wie Kinder und Jugendliche lernen, Krisen und Entwicklungen erfolgreich zu bewältigen, weiß Maike Rönnau-Böse von der Evangelischen Hochschule Freiburg. Mit ihrem Vortrag „Schule macht stark: Resilienzförderung in der Schule“ hat sie die Jahrestagung Schulsozialarbeit eröffnet. In Gültstein sprachen Wissenschaftler, Pädagogen und Schulsozialarbeiter über neue Medien, Soziale Netzwerke, Mobbing oder Vermeidung von Kindeswohlgefährdung.
Resilienz bedeutet Widerstandsfähigkeit, Spannkraft, Elastizität: In der Wissenschaft geht man davon aus, dass Menschen ihr Leben aktiv gestalten und durch soziale Unterstützung mit Krisen erfolgreich umgehen können. Wie das im Schulalltag aussehen kann, verdeutlichte die wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Zentrum für Kinder- und Jugendforschung den Gästen des Fachtags. „Resilienz ist nicht angeboren, sondern ein dynamischer Entwicklungsprozess“, sagt Maike Rönnau-Böse. „Dabei muss man alle biopsychosozialen Faktoren beachten, die auf ein Kind einwirken.“ Das Bewältigen von Risikosituationen kann helfen sich Resilienz – also Widerstandsfähigkeit – anzueignen. Die Resilienzforschung entwickelte sich aus der Psychopathologie der 70er Jahre, als man begann, sich von den Defiziten hin zu den Ressourcen zu orientieren. In Kindergärten und Schulen wird die Resilienzförderung deshalb interessant, weil sich die Anforderungen gewandelt haben: Ungleichheit von Bildungschancen, Arbeitslosigkeit oder Überforderung von Eltern, eine multikulturelle Gesellschaft aber auch neue Erkenntnisse über die frühe Bildungsfähigkeit von Kindern spielen dabei eine Rolle. Zudem wird die Schule immer mehr zu einem Lern- und Lebensort für Kinder und Eltern. Die Förderung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbststeuerung, sozialer Kompetenz, allgemeine Bewältigungskompetenzen, Selbstwirksamkeit, oder allgemeine Strategien zur Analyse und Bearbeiten von Problemen. All das sind Schritte zur Resilienz. In den Schulalltag integrieren ließe sich ein solcher Ansatz zum Beispiel durch verbindliche Beschlüsse in Konferenzen, durch Transparenz und Verlässlichkeit im Schulalltag, durch Partizipation, Fortbildungen für das LehrerTeam oder systematische Kooperation mit Institutionen wie Erziehungsberatungsstellen. Freiräume im Unterricht, die zur Entwicklung der Klassenkultur genutzt werden, Feedbackrunden oder Kontakte zu Eltern, fördern das Klassenklima. Ein weiterer Ansatz ist Einzelberatung bei der Gesundheitsförderung, der Entwicklung von Selbstwertgefühl oder der Aneignung sozialer Kompetenzen. „Pädagogen und Schulsozialarbeiter sollten als Vorbild fungieren, Interesse an Schülern zeigen und ihren Eigensinn ergründen“, sagt Maike Rönnau-Böse. „Sie müssen Beziehungen sichern.“ Genau da liegt die Stärke von Schulsozialarbeitern, die nicht als Lehrer im Unterricht stehen. lö

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Gewalt, nein Danke!

					

Quelle: Atkins, Fotolia

Kein Freiwild auf der Schwäbischen Alb
Vernetzung für Menschenrechte und gegen Extremismus
Hakenkreuz-Schmierereien, behindertenfeindliche Sprüche und Schlägereien zwischen verfeindeten Cliquen – solche Attacken richten sich gegen Menschen allein deshalb, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Auf der Schwäbischen Alb will man dem entgegentreten. Die Schulsozialarbeit vernetzt sich im Albbündnis über die Kreis- und Institutionsgrenzen hinweg gegen „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.
Die Schwäbische Alb ist nicht menschenfeindlicher als andere Regionen. Aber mit dem Albbündnis gibt es ein wichtiges Netzwerk, um hinzuschauen und wichtige Präventionsarbeit zu leisten. Die offene Jugendarbeit kennt verschiedene Konfliktfelder. Zum Beispiel gibt es zuweilen Ärger zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Ortschaften oder es gibt Stress zwischen Minderjährigen mit einheimischen und ausländischen Wurzeln. Eine Eskalation droht immer dann, wenn gewaltbereite Rechtsradikale oder Migranten-Gangs wie die „Black Jackets“ solche Streitereien für ihre Zwecke instrumentalisieren.

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Fachleute der Jugend- und Schulsozialarbeit aus Gammertingen (Kreis Sigmaringen) haben das „Albbündnis für Menschenrechte, gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ angestoßen. Denn solche Konflikte machen an Kreisgrenzen nicht halt. Das Ende 2009 gegründete Albbündnis versucht Wissen und Interventionsmöglichkeiten zu bündeln. So steigen die Chancen, Vorfälle wahrzunehmen, aufzuklären und einzugreifen. Mit am Tisch sitzen die Schulsozialarbeit, freie und öffentliche Träger, Polizei, Einrichtungen und Stiftungen. Dabei sind die Kreise Reutlingen, Sigmaringen und Tübingen sowie der Zollernalbkreis. Andere Kreise aus dem Süden BadenWürttembergs sind regelmäßig zu Gast. Auch der KVJS ist Mitglied. Das Bündnis möchte vor allem Ansprechpartner für Gemeinden, Vereine oder Institutionen sein, die menschenfeindliches Verhalten beobachten und bekämpfen wollen. Ein mobiles Einsatzteam kann vor Ort Beratung bieten. Das Netzwerk plant, Seminare für Lehrkräfte und Entscheidungsträger anzubieten und eine Broschüre „Codes and Styles“ herausbringen. Denn die Schulsozialarbeit kennt die Zeichen, mit denen Jugendliche ihre Gruppenzugehörigkeit signalisieren. Durch den Input der Schulsozialarbeit hat das Bündnis beschlossen, Kinder verstärkt aufzuklären. Die rechte Szene im Land ist klein im Vergleich zu Ostdeutschland. Im Jahr 2011 zählte der Landesverfassungsschutz 1.002 Straftaten, meistens Propaganda-Delikte wie Hakenkreuz-Schmierereien. In man-

chen Gegenden cruisen schwarze Autos mit verdunkelten Scheiben und Nummernschildern, die mit der Zahl 88 auf das Geburtsdatum Hitlers anspielen. Bekannt sind Verbindungen der rechten Szene zu den Ultras des Fußballclubs SSV Reutlingen oder SSV Ulm. Und Rechtsextreme suchten Jugendliche in Bauwagen auf, wo diese ihre Freizeit verbringen. Dort machen sie Werbung für ihr Weltbild. Das Bündnis will solche Einflüsse zurückdrängen. Doch rechte Tendenzen sind nicht das einzige Problem. Auch die scheinbar coolen Typen aus der Reggae-Szene grenzen sich zuweilen gegen manche Menschen ab, etwa gegen Homosexuelle. Und wie Diskriminierung im Kleinen anfangen kann, zeigt Gedankenlosigkeit, wenn etwa Sport-Trainer ihre Spieler anraunzen, ‚Jetzt stell’ dich nicht so behindert an’. Genau hier beginnt Menschenfeindlichkeit. Der KVJS unterstützt Träger und Fachkräfte in der Schulsozialarbeit durch Beratung, Fortbildung und begleitende Aktivitäten. syr

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Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Der Begriff wurde von dem Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer geprägt. Er versteht darunter Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamophobie, Etabliertenvorrechte, Sexismus, Homophobie sowie die Abwertung von Obdachlosen und Menschen mit Behinderungen. Gemeinsamer Kern ist eine Ideologie der Ungleichwertigkeit.

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Forschung

Wie wirkt das Fallmanagement in der Eingliederungshilfe?
Forschungsvorhaben geht in die Praxis: Fachtag am 20. November
Das KVJS-Forschungsvorhaben „Wirkungsanalyse des Fallmanagements in der Eingliederungshilfe“ ist abgeschlossen und wird am Dienstag, 20. November, erstmals auf einem KVJS-Fachtag in Stuttgart vorgestellt.
Sechs Modellkreise in Baden-Württemberg beteiligten sich an dem KVJS-Forschungsvorhaben, das die Katholische Hochschule Mainz wissenschaftlich begleitete. Das Forschungsvorhaben soll das Wissen um Wirkfaktoren und Wirkmechanismen des Fallmanagements in der Eingliederungshilfe erweitern. Im Vordergrund stehen deshalb Fragen nach der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität des Fallmanagements. Insgesamt erhoben die Fallmanager der Modellkreise im Laufe eines Jahres zweimal Daten von insgesamt 581 Einzelfällen. Darüber hinaus führten die Forscher in den sechs Kreisen ergänzend umfangreiche Interviews. Für die Analyse der Strukturen, Organisationen und Netzwerke haben alle 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg Daten geliefert. Um auch die Perspektiven der Beteiligten einzubeziehen, wurden sowohl die Leistungsberechtigten als auch die Leistungserbringer und Dienstleiter per Fragebogen befragt. „Hervorzuheben ist die sehr konstruktive Zusammenarbeit sowohl mit der Hochschule Mainz als auch mit den Modellkreisen“, sagen die beiden KVJS-Projektleiterinnen Heiderose Trautwein und Dr. Annette Holuscha-Uhlenbrock. „Das große Engagement der Modellkreise hat entscheidend zum Erfolg beigetragen“. Die eigentliche Arbeit beginnt jedoch erst. Nun gilt es, auf der Basis der Ergebnisse die Praxis des Fallmanagements zu optimieren. Von den Ergebnissen profitieren alle Stadt- und Landkreise. Sie alle sind eingeladen am Fachtag teilzunehmen. Dort werden die Ergebnisse vorgestellt sowie deren Übertragbarkeit auf die Praxis diskutiert. Für eine umfassende Darstellung von kreisbezogenen Ergebnissen sind Präsentationen in den jeweiligen Modellkreisen vorgesehen. Den Abschlussbericht wird es demnächst auf den Internetseiten des KVJS geben. Im Rahmen einer weiteren Veranstaltung werden die Forschungsergebnisse zu einem späteren Zeitpunkt auch einer breiten Fachöffentlichkeit präsentiert. lö

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KVJS-Fachtag

Datum: 20. November 2012, ab 9 Uhr Ort: CVJM-Haus in Stuttgart Büchsenstraße 37, 70174 Stuttgart, Telefon 0711 6258-0 Tagungsbeitrag: 84 Euro inklusive Verpflegung Anmeldung: bis spätestens 23. Oktober 2012 online unter www.kvjs-fortbildung.de (Veranstaltungsnummer: 12-2-EHA7-1). Service-Telefon: 0711 6375-610 Fachliche Auskünfte: Dr. Annette Holuscha-Uhlenbrock, Telefon 0711 6375-350, Annette.Holuscha-Uhlenbrock@kvjs.de.

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Fortbildung

Fortbildung beim KVJS: Das Angebot 2013
Seminare, Fachtagungen, Workshops, Fortbildungen: Die neuen Programme des KVJS bieten auch im kommenden Jahr wieder ein breites Spektrum an Bildungsangeboten. Behinderung und Beruf Im Jahr 2012 hat das KVJS-Integrationsamt die ersten Betrieblichen Eingliederungsberater zertifiziert. Aufgrund hoher Nachfrage geht dieses Angebot 2013 weiter. Verschiedene Inhouse-Angebote, Kurse zu Grundlagen und Fachwissen, behinderungsspezifische Veranstaltungen sowie Kurse zur Kommunikation und Konfliktbewältigung runden das Programm ab. Sozialhilfe Die Eingliederungshilfe ist das Schwergewicht der öffentlichen Sozialhaushalte. Neu im Programm ist eine Fortbildungsreihe für Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes zu behinderungsrelevanten Themen. Zudem gibt es Fortbildungen zur Pflege nach dem Elften und Zwölften Sozialgesetzbuch für Fachkräfte in den Pflegestützpunkten und der Sachbearbeitung der Hilfe zur Pflege. Ergebnisse des KVJS-Forschungsprojekts „Inklusion in der Kindertagesbetreuung und in Schulen“ werden im Herbst 2013 auf einem Fachtag präsentiert. Jugendhilfe und Kindertagesbetreuung Änderungen im Bundeskinderschutzgesetz bringen neue Fortbildungsangebote mich sich, etwa zum kommunalen Gesamtauftrag einer frühen Förderung, zur Netzwerkarbeit oder zur Partizipation. Besondere Bedeutung haben Veranstaltungen zum Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Neu sind Veranstaltungen zu den KVJS-Forschungsvorhaben „Auswirkungen des Ausbaus der Ganztagsschulen auf die Strukturen und Arbeitsweisen der Kinder- und Jugendhilfe in Baden-Württemberg“ sowie „Inklusion von jungen Menschen mit einer Behinderung in allgemeinen Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und Schulen“. Rechtliche Betreuung Rechtliche Betreuer erhalten Einführungen in das Betreuungsrecht, das Mietrecht, die Sozialhilfe, in die Grundsicherung für Arbeitssuchende sowie in das Thema Schuldrecht. Insbesondere Berufserfahrene können zum Steuerrecht und zu neuen Entwicklungen in der Rechtsprechung Wissen erwerben. Zudem gibt es Veranstaltungen zu Entwicklungen wie psychische Erkrankungen, desorganisierte Wohnverhältnisse oder Patientenverfügungen.				lö Anmeldung: Online: www.kvjs.de/fortbildung.html Fax 0711 6375-125 E-Mail fortbildung@kvjs.de Telefon 0711 6375-610 Anmeldeschluss: 28 Tage vor Veranstaltungsbeginn Bestellung/Versand der Fortbildungsprogramme: Telefon 0711 6375-610 Mo-Fr 9.00 – 12.00 Uhr und Mo-Do 13.00 – 16.30 Uhr Das gesamte KVJS-Fortbildungsangebot gibt es im Internet unter www.kvjs.de/fortbildung.html.

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Neu erschienen

Publikationen – beim KVJS erschienen
Alle hier aufgeführten Publikationen des KVJS sind kostenlos. Sie stehen auch im Internet unter www.kvjs.de/service/publikationen/ zum Herunterladen zur Verfügung.

Schwerbehinderung und Arbeit
Zeitschrift behinderte Menschen im Beruf, Ausgabe Baden-Württemberg, Heft 3/2012 Die Hefte bieten Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. Geschäftsbericht 2011/12. Zahlen – Daten – Fakten zur Arbeit des Integrationsamtes. Informationen zur Ausgleichsabgabe, zu Integrationsunternehmen, Integrationsfachdiensten (IFD) oder zu vorbildlichen Unternehmen. 30 Informationsfilm „KVJS-Aktion 1000plus. Eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, 2012 Der elfminütige Informationsfilm „KVJSAktion 1000plus“ zeigt gelungene Beispiele der Integration schwerbehinderter junger Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie finden den Film unter www.kvjs.de/schwerbehinderung/aktion1000plus.html Bestellung bei: Gisela Lüttges Telefon 0721  8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de

22. Mai 2012. Der Fachtag stellte Konzepte des Ambient Assisted Living vor, mit denen der drohende Pflegenotstand entschärft werden könnte. Bestellung bei: Manuela Weissenberger Telefon 0711 6375-307 Manuela.Weissenberger@kvjs.de KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 3, 2012. Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Bestellung bei: Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de

Jugendhilfe
Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen nach § 20 SGB VIII, August 2012 Die 26-seitige Orientierungshilfe bietet wertvolle Anregungen für die rechtliche und praktische Ausgestaltung der Hilfe und enthält fundierte Praxisbeispiele. Schulsozialarbeit in Baden-Württemberg, 3. aktualisierte Auflage 2012 Informationen über neue Entwicklungen und die Praxis der Schulsozialarbeit. Die Broschüre wendet sich an Fachkräfte von Trägern, Schulleitungen und Politik sowie an Lehrerinnen und Lehrer. Bestellung bei: Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de

Behinderung, Pflege, Betreuungsrecht
My Smart Home is my Castle! Wohnqualität durch benutzerfreundliche Technik, 2012 Dokumentation des KVJS-Fachtags auf der Messe Pflege & Reha in Stuttgart am

3/4 2012

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KVJS aktuell Oktober 2012 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Kristina Löpker (lö) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Jürgen Wieland (jw) Layout: Waltraud Gross Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de Bestellungen und Adressänderungen: Petra Wagner Telefon 0711 6375-208 Petra.Wagner@kvjs.de Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart

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