Publication:
2012
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729597
Path:
KVJS

aktuell
Aus dem Inhalt: Ein Dutzend Bausteine zur Inklusion
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Abschlussbericht Kinderschutz in Baden-Württemberg
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Wenn sich die Realität verrückt: Psychische Erkrankung im Arbeitsleben
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VfB-Mannschaftsarzt: „Jungs wollen einen muskelgestählten Traumkörper“
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2 KVJS aktuell April 2012 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Kristina Löpker (lö) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Jürgen Wieland (jw) Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de

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Ein Dutzend Bausteine zur Inklusion
Der KVJS begleitet die Stadt- und Landkreise bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Im März kamen 120 Fachleute ins KVJS-Tagungszentrum Gültstein, um zwölf aktuelle Modell-Projekte kennenzulernen.
Seit 2008 fördert der KVJS innovative Ansätze zur Inklusion in den Stadt- und Landkreisen. Und die Fachwelt verfolgt die Ergebnisse mit Interesse. Zum Fachtag „Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe“ waren Tagungsgäste aus Einrichtungen, Behörden und Wissenschaft gekommen. Sie erfuhren, dass die zwölf neuen Projekte in 13 Stadt- und Landkreisen drei Schwerpunkte umsetzen: • die Inklusion von Kindern und Jugendlichen, • die verbesserte Teilhabe im Bereich Arbeit und Beschäftigung und • die verbesserte Teilhabe von behinderten Menschen mit ausländischen Wurzeln. Die „Baustein“-Projekte sind Fachleuten im Land ein Begriff. Zwölf hatte der KVJS bereits mit sieben Kreisen erprobt und abgeschlossen. An die Erfahrungen können die anderen Kreise in Baden-Württemberg anknüpfen. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig: Die Bausteine geben wichtige Impulse zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe“, fasst KVJS-Projektleiter Michael Heck den Tag zusammen. Bei den Bausteinprojekten sind die Stadt- und Landkreise Projektträger. Sie haben sich mit Kooperationspartnern vor Ort zusammengeschlossen. Die Projekte werden wissenschaftlich begleitet und auf ihre Wirksamkeit und Übertragbarkeit auf andere Stadt- und Landkreise untersucht. Zu allen Baustein-Projekten gab es InfoStände. Frauen und Männer mit und ohne Behinderung beantworteten Fragen und präsentierten erste Teil-Ergebnisse. Das Migrantenprojekt aus dem Kreis Böblingen hatte etwa Projekt-Flyer für italienische, türkische und russische Menschen mit Behinderung übersetzt. Die Leute vom Stand des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald berichteten, dass sie zur Einstellung eines Inklusionsbeauftragten in der Gemeinde Bötzingen beitragen konnten. Am Nachmittag schließlich boten die wissenschaftlichen Leiter der beteiligten Hochschulen Workshops zur vertieften Diskussion. 3 Kreative Lösungen gefragt Der Besucherandrang ist für Michael Heck kein Wunder: Die Eingliederungshilfe stehe vor großen Herausforderungen. Wegen der schwierigen Finanzsituation und der stetig steigenden Sozialleistungsquote sei wenig Spielraum für Leistungserweiterungen. Gleichzeitig sollten Träger und Kreise die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und die Forderung nach Inklusion umsetzen. Neue, kreative Lösungen seien gefragt, sagte Heck. Beim Fachtag verwies KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger auf notwendige Weichenstellungen: „Inklusion ist kein eindimensionales Konzept, das allein die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung bewältigen kann.“ Gefragt sei zum einen die fachübergreifende Zusammenarbeit von Ämtern, Institutionen und Einrichtungen. Beim KVJS hätten die Dezernate bereits den Auftrag, dezernats-

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und referatsübergreifend in allen Fragen und Problemstellungen der Inklusion zusammenzuarbeiten. Gefragt sei zum andern die Zivilgesellschaft. Es gelte, neue Netzwerke zu knüpfen und Barrieren im Kopf abzubauen. Nicht zuletzt ist laut Verbandsdirektor Klinger eine solide Finanzierung notwendig. Bisher trügen die Stadt- und Landkreise die Hauptlast der Mehrkosten für die Inklusion. Auf Dauer sei das nicht zu stemmen. „Das Land ist gefordert, rasch einen angemessenen,

verlässlichen Finanzierungsbeitrag zu gewährleisten.“ Die gemeinsamen Anstrengungen lohnten sich, betonte Roland Klinger. Und die Gesellschaft müsse nicht bei null beginnen: „Wir können vorhandene Strukturen nutzen, die wir im Wege der langjährigen Zusammenarbeit bei der Integration von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen geschaffen haben.“ syr

Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe
Von 2008 bis 2012 fördert der KVJS innovative Projekte. Der KVJS stellt den Stadtund Landkreisen sowie ihren Partnern insgesamt eine Million Euro zur Verfügung. 2010 wurde die erste Förderphase erfolgreich abgeschlossen. Sieben Kreise erprobten zwölf Projekte. Schwerpunkte: Alltagsgestaltung für ältere Menschen mit geistiger Behinderung, Flexibilisierung von ambulanten und stationären Wohnformen, Stärkung der Selbständigkeit im eigenen Wohnraum sowie die Netzwerkbildung im Sozialraum. Lesetipp: Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe. Januar 2012 Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe. KVJS-spezial, Heft 8, 2010 Kostenlos zu beziehen beim KVJS (Adresse siehe letzte Seite)

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Modelle zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen
Familienschule Zielgruppe: Jugendliche und junge Erwachsene Träger: Landkreis Biberach Interdisziplinäres Coaching in Kindertageseinrichtungen zur gemeinsamen Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung Zielgruppe: Kinder und Jugendliche Träger: Landkreis Esslingen Ein Weg von der Integration zur Inklusion Zielgruppe: Kinder Träger: Main-Tauber-Kreis Inklusion von Kindern und Jugendlichen im außerschulischen Bereich Träger: Landkreis Tübingen Mittendrin statt nur dabei! Zielgruppe: Kinder und Jugendliche Träger: Schwarzwald-Baar-Kreis Inklusion von Kindern und Jugendlichen in der Freizeit Träger: Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald Inklusion in Freizeitangebote und Wegweiser Freizeitangebote Zielgruppe: Kinder, Jugendliche, Erwachsene Träger: Alb-Donau-Kreis Inklusion von Kindern und Jugendlichen Träger: Neckar-Odenwald-Kreis

Modelle zur Entwicklung verbesserter Teilhabebedingungen im Bereich Arbeit und Beschäftigung
Sozialraumorientierung in der Behindertenhilfe Zielgruppe: Beschäftigte der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM), Schulabgänger, Erwachsene mit seelischer Behinderung vor Aufnahme in die WfbM Träger: Landkreis Karlsruhe Beschäftigung von Menschen mit hohem Hilfebedarf in der WfbM Zielgruppe: Besucher der Förder- und Betreuungsgruppen Träger: Landkreis Lörrach Berufliche und soziale Teilhabe für Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung Zielgruppe: Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung und durchschnittlichen intellektuellen Fähigkeiten Träger: Enzkreis und Pforzheim

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Modelle zur Entwicklung verbesserter Teilhabebedingungen von Menschen mit Migrationshintergrund in der Behindertenhilfe
Einander sehen – einander verstehen. Interkulturelle kommunale Netzwerke in der Behindertenhilfe Träger: Landkreis Böblingen

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Beratungsstelle Fonds Heimerziehung stark nachgefragt
Im Auftrag des Landes Baden-Württemberg hat der KVJS am 23. Februar 2012 die neue Anlaufund Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder eröffnet. Damit kommt das Land einer Vereinbarung des Bundes, der Länder und der Kirchen über die Verwaltung des Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland“ nach. Bereits in den ersten Wochen gingen hier mehr als 240 Anträge ein.
Der Fonds soll ehemaligen Heimkindern, denen in den Jahren 1949 bis 1975 Leid zugefügt worden war und die noch heute unter den Folgen leiden, finanzielle Hilfen gewähren. Auch Menschen, die aufgrund nicht gezahlter Sozialversicherungsbeiträge geringere Rentenansprüche haben, sollen Ausgleichszahlungen bekommen. Die Beratungsstelle kümmert sich um Betroffene aus allen 44 Stadt- und Landkreisen. In Sprechstunden nehmen Irmgard Fischer-Orthwein und Thomas Mörsberger Anträge von Betroffenen entgegen, klären Ansprüche und leiten diese an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben weiter. Darüber hinaus unterstützen die DiplomSozialpädagogin und der Jurist die Betroffenen bei der Aufarbeitung ihres Leids und vermitteln Therapeuten, rechtlichen Beistand oder andere Gesprächspartner. Die Beratungsstelle nimmt die Rolle eines Vermittlers ein, ersetzt jedoch nicht die rechtliche Beratung. Der Dialog mit den Heimen soll ebenfalls gefördert werden. „Manche Betroffene haben ihr Leben trotz furchtbarer Erlebnisse erstaunlich gemeistert. Aber viele leiden nach wie vor unter den Traumatisierungen“, sagt Irmgard Fischer-Orthwein. „So müssen wir sehr individuell auf die Menschen eingehen. Viele Gespräche gehen unter die Haut.“ „Wir freuen uns, dass das Sozialministerium uns diese Aufgabe anvertraut und werden den betroffenen Menschen schnell und unbürokratisch zur Seite stehen“, sagt Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. „Es gibt mehr Anträge von Betroffenen als erwartet. Nun müssen wir schauen, wie wir die Abläufe weiter optimieren.“ Derzeit beruft das Land einen Beirat, der die Beratungsstelle unterstützt und sich mit Beschwerden befasst. Der Bund, die westdeutschen Länder und die Kirchen hatten sich verpflichtet, 120 Millionen Euro in den Fonds einzuzahlen. Das Land zahlt knapp 6 160 000 Euro und kann Zahlungen an die Betroffenen veranlassen. Mehr zum Fonds Heimerziehung lesen sie im Internet unter www. fonds-heimerziehung.de. lö Anlauf- und Beratungsstelle Baden-Württemberg Irmgard Fischer-Orthwein Thomas Mörsberger Feuerseeplatz 5 70176 Stuttgart Telefon 0711 35144 983 kontakt@abh-bw.de Telefonische Kontaktzeiten: Dienstags 09.30 Uhr – 11.30 Uhr Donnerstags 15.00 Uhr – 18.00 Uhr Weitere Kontaktzeiten nach Vereinbarung

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Kinderschutz in Baden-Württemberg: Hochschule Esslingen legt Abschlussbericht vor
Die Landesregierung hatte beklagt, dass zu viele Kinder im Land Opfer von Vernachlässigung und Gewalt werden. Mit jedem Vorfall fallen die Blicke auch auf die Kommunen und ihre Jugendämter. Im Auftrag des KVJS hat die Hochschule Esslingen einen Forschungsbericht über die Rahmenbedingungen der Jugendämter zur Umsetzung des Schutzauftrags bei Kindeswohlgefährdung vorgelegt (§ 8a SGB VIII).
Bislang lagen in Baden-Württemberg keine gesammelten empirischen Erkenntnisse über das tatsächliche Ausmaß von Kindeswohlgefährdung vor. Wie wurden die seit 2005 verbesserten rechtlichen Grundlagen in der Praxis umgesetzt? Welche Vereinbarungen schlossen Jugendämter und freie Träger? Antworten darauf gibt der Abschlussbericht von Prof. Dr. Christine Köckeritz. Dieser ermöglicht erstmals einen landesweiten Überblick über die Vorgehensweisen der Kinderund Jugendhilfe bei Kindeswohlgefährdung (siehe Interview). „Der Bericht bietet wertvolle fachliche und rechtliche Anregungen sowohl für die Jugendämter und freien Träger als auch für deren Beratung und Fortbildung durch das Landesjugendamt“, sagt Werner Miehle-Fregin, Projektleiter beim KVJS. „Die Forschungsergebnisse geben für die praxisnahe Ausbildung in der sozialen Arbeit wichtige Impulse.“ Die gesetzlich vorgeschriebenen Vereinbarungen der Jugendämter mit den Trägern von Einrichtungen und Diensten sind überwiegend abgeschlossen. Sie basieren weitgehend auf den Musterformulierungen des Landesjugendamts. Köckeritz und ihre Kolleginnen schlagen vor, die Vereinbarungen weiterzuentwickeln und zusätzlich freiwillige Vereinbarungen mit Trägern in den Bereichen Gesundheitswesen, Schule und Hilfen für junge Menschen mit Behinderungen zu schließen. Insbesondere Kindertagesstätten nehmen laut Bericht die Beratung der insoweit erfahrenen Fachkräfte in Anspruch. Hier sieht ein Teil der Jugendämter Bedarf an weiteren Kräften. Die Forscherinnen schlagen vor, sie durch methodenbezogene Fortbildung, Supervision und Austausch über anonymisierte Fallverläufe stärker zu unterstützen. Die fachlichen Handlungsleitlinien für den Umgang mit Gefährdungsmeldungen entwickelten die Jugendämter weithin selbst. Der Forschungsbericht gibt Anregungen zur qualitativen Weiterentwicklung dieser Handlungsstandards, insbesondere im Hinblick auf Gefährdungseinschätzung, die Beteiligung der Kinder am Verfahren und konkrete Handlungsund Ent-scheidungsbeispiele. „Die Anregungen können die Jugendämter für die Umsetzung des neuen Bundeskinderschutzgesetzes heranziehen“, sagt Werner Miehle-Fregin. lö

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Weitere Informationen zu KVJS-Forschungsvorhaben finden Sie unter www.kvjs.de

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Erste Einblicke: Prof. Christine Köckeritz zum Forschungsvorhaben Kinderschutz
Frau Prof. Köckeritz: Wie zufrieden sind Sie mit den Ergebnissen des Forschungsvorhabens? Christine Köckeritz: Ich bin erfreut über die gute Zusammenarbeit mit den Jugendämtern: Deren Mitarbeiter mussten viel Zeit für die Fragebögen aufbringen. Ich bekam positive Rückmeldungen von Projektbeteiligten. Zusätzlich habe ich die insoweit erfahrenen Fachkräfte, die seit einiger Zeit nach Paragraph 8a SGB VIII tätig sind, befragt. Es war zunächst nicht ganz einfach, zu einer Stichprobe zu kommen. Aber die, die ich erreicht habe, hatten großes Interesse. Als sich die Untersuchung herumsprach, meldeten sich sogar weitere Fachkräfte. Wenn man ein Thema zum ersten Mal erforscht, muss man sich seinen Weg erst suchen: Heute sehe ich, was ich noch hätte erfragen können. Aber für einen ersten Einblick sind die Ergebnisse gut. Gibt es Aspekte, die Sie im Nachhinein gerne näher beleuchtet hätten? Ich hätte gerne herausgefunden, wie häufig Gefährdungsmeldungen bei den Jugendämtern auftreten und wie viele davon weiteres Handeln erfordern. Angesichts der Datenlage in den Ämtern, die ich mir zunächst anschaute, wäre eine solche Erhebung aber nur mit einem nicht zu rechtfertigenden Aufwand in den Behörden möglich gewesen. In diesem Jahr wird sich die Lage verbessern, da das Statistische Landesamt erstmals Daten für das laufende Jahr erheben wird. Wir haben im Vorfeld dieser Erfassung Anregungen gegeben, welche Angaben man zusätzlich erheben könnte, um einen differenzierteren Überblick zu gewinnen – zum Beispiel ob Gefährdungsmeldungen wiederholt den selben Fall betreffen. Das wurde positiv aufgenommen, später aber in der bundesweiten Abstimmung der Landesämter leider nicht berücksichtigt. Welche Erkenntnisse haben Sie überrascht? Ich war überrascht, wie weit die Jugendämter die Umsetzung des § 8a vorangebracht haben. Sie haben sich über das Thema Kindeswohlgefährdung Gedanken gemacht. Zwar gibt es noch nicht überall Vereinbarungen mit allen freien Trägern, aber doch überwiegend. Beeindruckend finde ich die fachliche Erfahrung der insoweit erfahrenen Fachkräfte. Einige beraten zusätzlich zum Tagesgeschäft – nicht selten unterstützt, zum Beispiel durch Arbeitszeitausgleich. Was muss nun mit den Ergebnissen passieren, damit sie nachhaltig etwas bewirken? Ich werde die Ergebnisse den Amts- und ASD-Leitungen vorstellen und Empfehlungen aussprechen, etwa zur Datenerfassung. Die Ämter können entscheiden, was sie daraus machen. Auch zu den Handlungsstandards, die in den Jugendämtern die Arbeitsweisen bei einer mutmaßlichen Kindeswohlgefährdung regeln, kann ich weiterführende Empfehlungen geben: Die Fachkräfte wissen oft mehr über Kinderschutz, als in den Papieren steht. Man könnte Leitlinien mit konkreten Beispielen erstellen, um weniger erfahrenen Mitarbeitern zu helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Die Fragen stellte Kristina Löpker

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Nah dran statt fernab: Konversion von Komplexeinrichtungen
Die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention sind hoch gesteckt – und erfordern auch ein Umdenken bei den großen Einrichtungen der Behindertenhilfe. In regionalen Konferenzen wollen die Stadt- und Landkreise gemeinsam mit dem KVJS und Trägern der Einrichtungen Chancen und Wege der so genannten Konversion erarbeiten.
Die UN-Behindertenrechtskonvention gibt Menschen mit Behinderung das Recht auf selbstbestimmte Teilhabe in allen Lebensbereichen. „Das geht von der Wahl des Wohnortes und der Mitbewohner über die Wahl des Arbeitsplatzes und der Schule bis zur Freizeitgestaltung“, sagte Franz Schmeller, Dezernatsleiter beim KVJS. Auf dem Mariaberger Stadtteilforum sprach er jüngst über die Konsequenzen der Konversion von Komplexeinrichtungen. Das Sozialministerium Baden-Württemberg kündigte an, für die geplanten Veranstaltungen federführend die Moderation zu übernehmen. Nach einem personellen Wechsel liegt das Thema Konversion von Komplexeinrichtungen dort zukünftig beim neuen Abteilungsleiter Soziales, dem Ministerialdirigenten Manfred Zach. Die Auftaktveranstaltung in diesem Jahr ist für den 22. Mai 2012 geplant. In dieser Veranstaltung sollen die jeweiligen Positionen geklärt und Probleme benannt werden. In Arbeitsgruppen werden daraus lösungsorientierte Entscheidungsgrundlagen für die Politik abgeleitet. Der KVJS begleitet diesen Prozess in Baden-Württemberg als Bewilligungsbehörde für die Investitionskostenförderung und als Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege. Hier gilt es, für rund 20 große Komplexeinrichtungen mit 7 500 Plätzen sinnvolle Alternativen zu finden und sie so umzugestalten, dass sie den neuen Anforderungen gerecht werden. Teilhabe überall ermöglichen „Um diese Teilhabe überall zu ermöglichen, ist nicht nur die Sozialgesetzgebung gefragt“, sagte Schmeller. Vielmehr müsse ein Wandel in den Köpfen der Bevölkerung und die Bereitschaft zum Miteinander mit Menschen mit Behinderung stattfinden. „Dieser Wandel braucht Zeit und muss von allen politischen Ressorts unterstützt werden.“ Insbesondere sind die veränderten Wohnangebote prägend für den Konversionsprozess. Hier sind in den nächsten Jahren Investitionen in Höhe von rund 200 Millionen Euro in Baden-Württemberg nötig. Dabei sollen die Einrichtungen stationäre Wohnangebote an zentralen Standorten abbauen und stattdessen kleinere Wohneinheiten direkt in den Gemeinden eröffnen. lö 9

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„Die Anforderungen sind komplexer geworden“
Der Medizinisch-Pädagogische Dienst des KVJS (MPD) hat in Baden-Württemberg immer mehr zu tun. Zu den Hintergründen dieser Entwicklung und zur Arbeit des Fachdienstes befragte Gabriele Addow Dr. Birgit Fuchs, seit November 2010 Leiterin des MPD.
Frau Dr. Fuchs, die Anfragen an den MPD sind im vergangenen Jahr rasant in die Höhe gestiegen. Wie kam es zu dieser enormen Mehrarbeit? Diese Entwicklung hatte mehrere Gründe. Zum einen steigen die Fallzahlen in der Eingliederungshilfe sowohl in BadenWürttemberg wie auch bundesweit weiter an. Hinzu kommt, dass die Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg seit 2005 ihr Fallmanagement kontinuierlich ausbauen. Dabei beobachten wir eine deutliche Zunahme der Überprüfungen laufender Leistungen im stationären wie im ambulanten Bereich. Zudem wurde in einigen Kreisen relativ zeitgleich eine Differenzierung der Hilfebedarfsgruppen im ambulant betreuten Wohnen eingeführt. Das hat zur Folge, dass die Fragen, die im Einzelfall zu klären sind, umfangreicher und differenzierter werden. Inzwischen wurden vier neue Mitarbeiter eingestellt, damit ist unsere Kapazität erfreulicherweise um rund 30 Prozent gestiegen. Da gleichzeitig eine Obergrenze für die Inanspruchnahme des MPD eingeführt wurde, sind wir zuversichtlich, unsere Aufträge in Zukunft wieder zeitnah bearbeiten zu können. Welche fachlichen und persönlichen Qualifikationen innerhalb Ihres Teams sind dabei besonders wichtig? Bei der Einführung des MPD im Jahr 1999 stand die Überprüfung von Hilfebedarfsgruppen im Vordergrund, während heute Fragen nach dem Hilfebedarf, geeigneten Maßnahmen und geeigneten Leistungserbringern zum Standard gehören. Darüber hinaus werden wir um fachliche Einschätzung gebeten zur Notwendigkeit der Aufnahme in Gruppen mit einem besonderen Betreuungsangebot. Das sind sogenannte Therapeutische Wohngruppen oder Gruppen für längerfristig intensiv betreutes Wohnen für Menschen mit geistiger Behinderung und schwerwiegend herausforderndem Verhalten. Einige Kreise nutzen den fachlichen Rat unserer Mitarbeiter auch vor Ort bei schwierigen Einzelfällen, einzelnen Hilfeplangesprächen oder in Hilfeplankonferenzen. Wir begutachten Menschen jeden Alters in den verschiedensten Problemlagen und Lebenssituationen. Die Mitarbeiter des MPD müssen hierfür belastbar sein und viel Einfühlungsvermögen aber auch Flexibilität und Geschick in der Gesprächsführung zeigen. Zum Anforderungsprofil für diese Tätigkeit gehören auf jeden Fall eine mehrjährige Berufserfahrung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Vorstellungen von den Entwicklungsmöglichkeiten behinderter Menschen sowie Kenntnisse über geeignete pädagogische Konzepte und deren Umsetzung. Einrichtungen können seit einigen Jahren beim MPD Beratung anfordern, wenn dort Menschen mit Behinderungen schwere Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Wo steht die Konsulentenarbeit heute?

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Wir haben mit diesem Angebot zunächst in einigen Regionen Erfahrungen gesammelt, inzwischen gibt es das grundsätzlich im ganzen Land. Wichtig ist für mich in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass die Beratung für alle Beteiligten freiwillig ist. Wenn die Erwartungen aller Beteiligten und die Möglichkeiten eines Beratungsprozesses geklärt sind, kann die zeitlich begrenzte Beratung Positives bewirken. Ihr Fachdienst begleitet auch Projekte zur Weiterentwicklung der Hilfeangebote und Rehabilitation beispielsweise für Menschen mit autistischen Störungen. Gibt es da neue Konzepte? Der KVJS hat 2011 für seine Mitglieder einen Überblick über Symptomatik, diagnostische Verfahren und therapeutische Ansätze für sogenannte „Autismus-Spektrum-Störungen“ herausgegeben. Diese tiefgreifenden Entwicklungsstörungen wurden in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert. Betroffene fragen daher in der Eingliederungshilfe zunehmend nach geeigneten Maßnahmen. Die in der Arbeitshilfe angesprochenen pädagogischen beziehungsweise therapeutischen Konzepte sind nicht wirklich neu. Wir sehen allerdings in der täglichen

Arbeit immer wieder, dass die wirksamen Methoden oft nicht im erforderlichen Umfang verfügbar sind oder noch nicht immer eingesetzt werden. In anderen Bundesländern werden teilweise Ansätze angeboten, die in Baden-Württemberg bislang noch keinen Eingang gefunden haben. Worin sehen Sie langfristig die Perspektiven für die Arbeit des MPD? Der MPD wird alles daran setzen, sich auf die Anforderungen der Stadt- und Landkreise einzustellen. Aus der täglichen Arbeit ergeben sich immer neue Fragen, für die wir angemessene Antworten suchen werden. Mit der anstehenden Inklusion im Schulbereich als Folge der UN-Behindertenrechtskonvention wird uns auch das Thema Schulbegleitung als Leistung der Eingliederungshilfe beschäftigen. Der Aufbau ausreichender geeigneter Angebote für Menschen mit AutismusSpektrum-Störungen in verschiedenen Lebensabschnitten wird eine interdisziplinäre Aufgabe in den nächsten Jahren sein. Hierbei kann der MPD fachliche Beratung anbieten.

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Wenn sich die Realität verrückt: Psychische Erkrankung im Arbeitsleben
Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann erkrankt einmal im Leben psychisch, so eine EU-weite Studie. Laut Bundes-Psychotherapeuten-Kammer gehen rund zwölf Prozent aller Fehltage auf seelische Erkrankungen zurück. Tendenz steigend. Der KVJS entwickelt derzeit seine Fortbildungen zu diesem Thema weiter.
„Wir haben eine Riesennachfrage“, sagt Ulrike Biesinger vom Integrationsfachdienst (IFD) Karlsruhe. Gemeinsam mit IFD-Kollegen ist sie Referentin der KVJSFortbildung „Psychische Erkrankungen im betrieblichen Umfeld“. Das Seminar wird derzeit weiterentwickelt: Ab dem kommenden Jahr will das KVJS-Integrationsamt dabei mit einem Facharzt zusammen arbeiten. Denn die Fallzahlen steigen – auch beim KVJS-Integrationsamt und seinen Integrationsfachdiensten. Oft ist die Unsicherheit beim Umgang mit den Betroffenen groß. Ulrike Biesinger ist seit mehr als 20 Jahren Integrationsfachberaterin. Davor arbeitete sie mehrere Jahre in psychiatrischen Kliniken und Einrichtungen. Allein der IFD Karlsruhe hatte im vergangenen Jahr etwa 300 Klienten, deren Arbeitsplätze wegen ihrer psychischen Erkrankung gefährdet war. 75 Prozent dieser Arbeitsplätze konnten erhalten werden. Ein Beispiel: Susanne Lenz arbeitet seit fast dreißig Jahren zuverlässig bei einem mittelständischen Unternehmen in der Montage. Doch dann kommt sie immer öfter zu spät. Sie schafft ihr Pensum immer weniger. Die Qualitätskontrolle bemängelt mehr und mehr ihre Arbeit. Sie wirkt desinteressiert und spricht kaum noch mit den Kollegen. Susanne Lenz ist an einer Depression erkrankt. Wenn ein verschlossener Menschen plötzlich geschwätzig und aufdringlich wird – oder umgekehrt. Wenn jemand auf einmal unzuverlässig wird, sich vernachlässigt, dann kann eine psychische Erkrankung dahinter stecken. Ulrike Biesinger rät bei solch deutlichen Verhaltensänderungen zu einem Vier-Augen-Gespräch in ruhiger Atmosphäre. „Man sollte dem betroffenen Mitarbeiter sachlich und ohne zu werten schildern, welche Veränderungen und Auffälligkeiten seines Verhaltens im Betrieb wahrgenommen wurden und Sorgen äußern“, erklärt Biesinger. „Dann sollte man den Mitarbeiter fragen, was er selbst dazu meint und sich erkundigen, welche Hilfe er braucht.“ Unterstützung sichern Zudem sollte man darüber informieren, wer im Betrieb Unterstützung geben kann (Sozialberatung, Medizinischer Dienst, Schwerbehindertenvertrauensleute, Betriebsrat). „Mit etwas zeitlichem Abstand sollte nachgefasst werden“, so die Integrationsfachberaterin. Nach spätestens vier Wochen empfiehlt sie eine gemeinsame Bewertung der Verbesserung oder Verschlechterung der Situation. In rund 20 Prozent solcher Fälle schalten Arbeitgeber den Integrationsfachdienst ein. „Das sollte frühzeitig erfolgen“, so Biesinger. „Die meisten Klienten werden von

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niedergelassenen Nervenärzten oder psychiatrischen Kliniken auf uns aufmerksam gemacht. Einige kommen auch direkt zu uns.“ Nachteilsausgleiche vom Integrationsamt Susanne Lenz war sechs Wochen wegen ihrer Depressionen in einer psychiatrischen Klinik. „Gerade für diese Menschen ist es sehr wichtig, den Arbeitsplatz zu behalten“, sagt Ulrike Biesinger. Der Sozialdienst der Klinik schaltete den Integrationsfachdienst ein, als die Entlassung von Susanne Lenz bevorstand: „Wir sehen uns den Arbeitsplatz des Klienten genau an“, erklärt Ulrike Biesinger. Die Integrationsfachberater prüfen, ob eine Anpassung am Arbeitsplatz nötig ist oder eine Umsetzung sinnvoll wäre. „Wichtig für seelisch erkrankte Menschen sind feste Zeiten und Strukturen, eine klare Kommunikation und regelmäßige Rückmeldung über das Arbeitsergebnis, weil sich Betroffene oft selbst schlecht einschätzen können.“ Die Integrationsfachberater müssen oft viel Einfühlungsvermögen beweisen, um eine verfahrene Situation im Betrieb zu bereinigen. Eine wichtige Aufgabe der IFD ist deshalb die Aufklärung des betriebli-

chen Umfelds über die Auswirkung einer psychischen Erkrankung und die Beratung über den Umgang mit den betroffenen Mitarbeitern. Biesinger hat die Erfahrung gemacht, dass sich im Umgang mit psychisch kranken Menschen, die sie konsequent „seelisch verändert“ nennt, viel zum Besseren geändert hat: „Wir sind heute sensibler für psychische Erkrankungen. Es gibt mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit, bei den behinderten Menschen selbst und den Arbeitgebern.“ Prominente, die sich in der Öffentlichkeit zu einer seelischen Erkrankung bekannten haben zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beitragen: Wenn´s auch die Reichen und Schönen treffen kann – Wen dann nicht? Vor diesem Hintergrund erhofft sich das KVJS-Integrationsamt durch die Einbindung von Praktikern wie zum Beispiel einen Facharzt für Behinderte, neue Impulse in der Ausbildung. Ab dem kommenden Jahr soll das neue Konzept umgesetzt werden, für dieses Jahr sind die Ausbildungen bereits ausgebucht. Das aktuelle Fortbildungsangebot zum Schwerbehindertenrecht gibt es im Internet unter: www.kvjs.de/fortbildung.html mok 13

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Forum b-wohnen: Neue Konzepte für barrierefreies Wohnen
Der KVJS und zuvor der ehemalige Landeswohlfahrtsverband widmen sich seit Anfang der 90er Jahre dem barrierefreien Wohnen, um das selbstständige Wohnen im Alter und bei Behinderung zu unterstützen. Eine virtuell vom heimischen Computer aus begehbare Musterwohnung wird den Menschen die Angebote der Werkstatt Wohnen noch näher bringen. Außerdem kann in der Werkstatt Wohnen eine neue Küche besichtigt werden.
Der KVJS hat mit dem forum b-wohnen ein Konzept entwickelt, das Barrierefreiheit und nutzergerechte Wohnanpassung auf ein neues Fundament stellt. In Form von Fortbildungen und Tagungen, der Präsentation von aktuellen baulichen Lösungen und Kooperationsnetzwerken werden Informationen, Aktivitäten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Musterlösungen gebündelt, aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die virtuelle Musterwohnung fügt sich unmittelbar in dieses Konzept ein. Sie soll sämtliche Informationen und Beispiele in elektronischer Form im Internet darstellen – einschließlich einer virtuellen Begehung. Die Planungen für dieses Projekt laufen bereits. Ein anderes Projekt ist bereits abgeschlossen: die neue Küche der Werkstatt Wohnen mit Produkten und Hilfsmitteln so-

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Entstehung und Geschichte der Werkstatt Wohnen
1991 bis 2003 Zentrale Beratungsstelle für Wohnanpassung (zbw) im Auftrag der Landesregierung beim Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern (LWV W-H) eingerichtet; der damit verbundene Aufbau von dezentralen Wohnberatungsstellen und die Ausbildung von ehrenamtlichen Wohnberatern in ganz Baden-Württemberg. 1998 Eröffnung der Werkstatt Wohnen als barrierefreie Musterwohnung. Konzipiert wurde sie von der zbw in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IAO Stuttgart. 2005 Unter dem Arbeitstitel „Zentrum für barrierefreies Bauen und Wohnen – ZBW“ wurden erste Konzeptionsüberlegungen für eine Neuausrichtung der Werkstatt Wohnen formuliert. 2007 Start der Aktualisierung der Werkstatt Wohnen in Bezug auf Bau und Ausstattung in Kooperation des KVJS mit Fraunhofer IAO Stuttgart und DRK Stuttgart 2009 Vorstellung des neuen Rahmenkonzeptes „forum b-wohnen“ mit allen, die Werkstatt Wohnen betreffenden Aktivitäten des KVJS.

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wie verschiedenen Einrichtungslösungen. Drei ausgewählte Schreinerhandwerksbetriebe haben die Küche in enger Abstimmung mit KVJS-Mitarbeitern geplant und hergestellt – dies wurde möglich durch die Kooperation des KVJS mit dem Landesverband Schreinerhandwerk. Forum als Kooperationsnetzwerk Hier kommt das Kooperationsnetzwerk des forum b-wohnen zum Tragen, das aus mehreren Partnern besteht, die dazu beitragen, dass solche Projekte verwirklicht werden können. Die Küche hat unter anderem eine höhenverstellbare Arbeitsplatte, leicht zu bedienende Küchenschränke mit speziellen Metallwagen, Wandschränke mit Aufzugsmechanismen sowie eine Dunstabzugshaube, die mit einer Fernbedienung reguliert werden kann. Die Werkstatt Wohnen zeigt bisher schon zahlreiche Möglichkeiten, wie man eine

Wohnung alters- und behindertengerecht ausstatten und anpassen kann. Sei es mit einer mobilen Rampe für Rollstuhlfahrer, einem barrierefreien Bad mit speziellen Haltegriffen, mit Treppenliften, speziellen „Paternoster“-Schränken oder einem Sessel mit Motor und Aufstehhilfe. Die neue Küche reiht sich ein, in das ganz spezielle Inventar, das aus einfachen technischen Lösungen besteht und die Werkstatt Wohnen des KVJS zu einer Wohnausstellung zum Anfassen und Ausprobieren macht. Ein Besuch in der Werkstatt Wohnen des KVJS gibt hilfreiche Anregungen für die Einrichtung einer Wohnung sowie bei der Planung von Neu- oder Umbauten. In Zusammenarbeit mit der Wohnberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes, Kreisverband Stuttgart, werden Sprechstunden, Gruppenführungen und themenbezogene Fortbildungen angeboten. jw

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Offene Sprechstunde der Wohnberatungsstelle des DRK in der Werkstatt Wohnen beim KVJS in Stuttgart, Lindenspürstraße 39: Jeden 1. und 3. Montag im Monat von 16 bis 18 Uhr (keine Voranmeldung nötig) Individuelle Führungen in der Werkstatt Wohnen nach telefonischer Absprache:

Kontakt
KVJS Baden-Württemberg Michael Gärtner Telefon 0711 6375-490 Michael.Gaertner@kvjs.de Werner Stocker Telefon 0711 6375-238 Werner.Stocker@kvjs.de

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Projekte in der Jugendhilfe: KVJS setzt auf neue Förderschwerpunkte
Mit zwei neuen thematischen Schwerpunkten unterstützt der KVJS in diesem Jahr Modellprojekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe: Inklusion für behinderte Kinder und Jugendliche Entsprechend der Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention soll inklusives Aufwachsen und lebenslanges gemeinsames Lernen zur Selbstverständlichkeit werden. „Wir fördern deshalb Projekte, die das Ziel haben, Teilhabechancen zu erkennen, Barrieren aus dem Weg zu räumen und neue inklusive Ansätze in allen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zu erproben“, sagt Projektkoordinatorin Ruth Andre vom KVJS-Landesjugendamt. Mehr Partizipation gefordert Trotz vieler Initiativen und Ansätze zur verbesserten Partizipation von Kindern und Jugendlichen bestehen noch immer deutliche Defizite im pädagogischen Alltag. Wie Ruth Andre deutlich macht, „ermöglicht Partizipation Kindern und Jugendlichen ihre sozialen und demokratischen Kompetenzen zu stärken und weiterzuentwickeln. Sie lernen eigene Interessen, aber auch die der Gemeinschaft zu vertreten und sich konstruktiv mit anderen auseinanderzusetzen“. Gefördert werden sollen neue Formen der Beteiligung für alle Altersstufen und Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe, die über die bekannten und bewährten formalen Beteiligungsformen, wie zum Beispiel Jugendgemeinderat oder Heimrat hinausgehen. Chancen auf Förderung haben darüber hinaus auch 2012 wieder Vorhaben zum Thema „Kinderarmut und Gesundheit“. Zum 29.02. (Antragsschluss) gingen insgesamt 34 Projektanträge beim KVJS ein. Eine Arbeitsgemeinschaft aus Mitgliedern des Landesjugendhilfeausschuss und öffentlicher freier Träger wird nun darüber beraten, welche Projekte in die Förderliste aufgenommen werden sollen. Der Landesjugendhilfeausschuss entscheidet darüber auf seiner nächsten Sitzung. Weitere Informationen erhalten Sie von Ruth André (Tel.: 0711/6375-443) oder im Internet unter http://www.kvjs.de/jugend/forschungund-projekte/foerderprojekte.html. add

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Integrations-Schmiede: Der Heggbacher Werkstattverbund
Die gerahmte Urkunde an der Wand ist nicht zu übersehen – ebenso wenig wie der überdimensionale Scheck: Der Heggbacher Werkstattverbund der St. Elisabeth-Stiftung ist der aktuelle Träger der Auszeichnung „Innovationspreis Integration“, verliehen für die besonders erfolgreiche Förderung der Integration schwerbehinderter Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Die Stiftung St. Elisabeth hat mit ihrem in Laupheim angesiedelten Beruflichen Bildungszentrum das Kunststück geschafft, ihr Berufsbildungsangebot gleichzeitig zu konzentrieren und offener zu gestalten – vor allem in Hinblick auf den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Seit dem Jahr 2000 wird in Laupheim das dreimonatige Eingangsverfahren und das bis zu zweijährige Berufsbildungsverfahren für die Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) in Biberach, Heggbach, Ehingen und Laupheim durchgeführt. In diesen Werkstätten arbeiten Menschen mit geistiger Behinderung. Bereits seit 2009 ließ sich das Berufliche Bildungszentrum – kurz BBZ – als eines der ersten als Bildungsträger zertifizieren. Im Eingangsverfahren wird abgeklärt, ob die WfbM das geeignete Angebot für den schwerbehinderten Menschen ist. Der anschließende Berufsbildungsbereich bereitet auf unterschiedliche Tätigkeiten vor. „Der Berufsbildungsbereich ist nicht mehr automatisch auf die WfbM ausgerichtet“, betont Harald Gehring, der Leiter des Beruflichen Bildungszentrums. „Es wird genau geschaut, wo jemand eingesetzt werden kann.“ Personenzentrierter Ansatz Der neue, personenzentrierte Ansatz wird in Laupheim bereits seit Gründung des Beruflichen Bildungszentrums praktiziert. „Der Ausbildungscharakter hat einen höheren Stellenwert bekommen“, beschreibt Harald Gehring. „Früher haben wir meist zwei Bereiche angeboten, zum Beispiel Montage und Landschaftspflege.“ Entsprechend wechselten die Leute in den jeweiligen Arbeitsbereich der Werkstätten. Jetzt ist der Berufsbildungsbereich in Module von vier bis acht Wochen gegliedert. Dabei können mehr Bereiche erprobt werden als früher. „Wir bieten jeweils eine Grundausbildung – wie in der Lehre“, so Gehring. Doch im Gegensatz zur Lehre werden auch soziale Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Selbstständigkeit und Höflichkeit trainiert: „Das kann man nicht ausblenden.“ Der neue modulare Aufbau macht es möglich, dass interessierte Menschen mit Behinderung zu jedem Monatsersten in Laupheim anfangen können. Das Konzept entspricht dem neuen Fachkonzept der Agentur für Arbeit für Eingangsverfahren und Berufsbildungsbereich in Werkstätten für behinderte Menschen, das die WfbM – darunter auch das BBZ Laupheim – mit erarbeitet haben. Das Bildungszentrum hat noch andere Eisen im Feuer: Für geeignete Personen bietet es „Jobcoaching“ im Arbeitsbereich der Werkstätten an, in der 2007 gegründeten Integrationsabteilung der Laupheimer Werkstatt oder in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Die derzeit

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rund ein Dutzend Praktikanten werden direkt am Arbeitsplatz angeleitet. Dabei gelingt immer wieder der Wechsel in die freie Wirtschaft. 2011 waren durchschnittlich 54 Personen im Berufsbildungsbereich. Sechs von ihnen haben externe Praktika durchgeführt, eine Person wurde dabei in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vermittelt, eine weitere aus dem Jobcoaching heraus. Mit dem Integrationsfachdienst (IFD) Biberach werden die Praktika und die Praktikumsbegleitung abgesprochen. Jeden Monat setzt man sich zusammen, um mögliche Kandidaten für die Vermittlung

auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu prüfen. Vielfältiges Angebot Am BBZ ist ebenfalls die „kooperative Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt“ (KoBV) angesiedelt, eine Bildungsmaßnahme der Agentur für Arbeit. Das in der KVJS-Aktion 1000 entwickelte Konzept bündelt Betriebspraktika, speziell konzipierten Berufsschulunterricht und Begleitung durch den Integrationsfachdienst und einen Jobcoach der WfbM. Es richtet sich vor allem an Sonderschulabgänger. Derzeit nehmen vier

Integration auf dem kurzen Weg
18 „Warum eigentlich nicht?“, hatte sich Sabine Braunmiller irgendwann gedacht. Warum nicht Jemanden aus der Werkstatt für behinderte Menschen einstellen? Braunmiller ist Mitinhaberrin der LAKO, einem kleinen Familienunternehmen in Laupheim, das auf die Anfertigung von Türmatten und Matten für die Innenräume von Autos spezialisiert ist. Immer wieder hatte das Unternehmen Aufträge an die Laupheimer Werkstatt für behinderte Menschen des Heggbacher Werkstattverbundes gegeben. „Es war mal ein Schwung Leute von der Werkstatt bei uns, um Matten zu verpacken. Da haben wir gemerkt: Das passt“, erinnert sich Braunmiller. „Wir brauchten jemanden für einfache Tätigkeiten wie Sortieren.“ Also gab sie einem Werkstatt-Mitarbeiter eine Chance. Der nutzte sie und arbeitet sich schnell und gut ein. So gut, dass Sabine Braunmiller, als der Mitarbeiter zu einer anderen Firma wechselte, sich wieder an die WfbM wandte. Mittlerweile hat sie drei ihrer 38 Mitarbeiter von der Laupheimer Werkstatt übernommen. Ein Jobcoach der Werkstatt unterstützte die Einarbeitung. Als WfbM-Beschäftigte gehören sie zur Zielgruppe der KVJS-Aktion 1000. „Alle schwerbehinderten Mitarbeiter kommen sehr gut mit den Kollegen klar“, beschreibt Sabine Braunmiller schlicht konkrete Integration. Auf besondere Bedürfnisse der behinderten Beschäftigten hat man sich eingestellt. Den kurzen Draht zur nahegelegenen Werkstatt weiß Geschäftsführerin Braunmiller weiterhin zu schätzen – gerade wenn sie mal einen personellen Engpass überbrücken muss. Ach ja, und der schwerbehinderte Mitarbeiter der ersten Stunde ist wieder zurückgekehrt. mok

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Schüler daran teil. Ein Teilnehmer schafft letztes Jahr den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Neben der Berufsbildung für Menschen mit geistiger Behinderung hat das BVZ auch Programme für arbeitslose Menschen, die mitunter besondere Probleme haben, wie psychische Erkrankungen, Alkoholabhängigkeit oder mit eingeschränkter Motorik nach einem Schlaganfall.

Das Berufsbildungszentrum des Heggbacher Werkstattverbundes ist in der Region bestens vernetzt – nicht nur mit Sonderschulen, IFD, Agentur für Arbeit und dem Landkreis als Träger der Eingliederungshilfe, sondern auch mit den Unternehmen vor Ort. Harald Gehring dazu: „Bei Firmenbesichtigungen merke ich sehr schnell, ob man jemanden von uns platzieren kann.“ Der Erfolg gibt ihm Recht. mok

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Landkreis Konstanz und KVJS planen die Altenhilfe der Zukunft
Wie wohnen und leben ältere Menschen im Kreis Konstanz? Welche Angebote schätzen sie in ihren Gemeinden? Wo bleiben Wünsche offen? Das sind nur einige Fragen, die der KVJS im Auftrag des Landkreises Konstanz erkunden soll. Der Verband erstellt bis Frühjahr 2013 einen Kreisseniorenplan – es ist die dritte Studie zur Sozialplanung vom KVJS für den Kreis am Schwäbischen Meer.
„Der Landkreis will mit dem Kreisseniorenplan nicht nur die Grundversorgung für Ältere sicherstellen, sondern auch eine gute Lebensqualität gewährleisten. Dazu bieten wir unsere Unterstützung – von der Datenerhebung bis zur Handlungsempfehlung für die Zukunft“, sagt KVJSSozialplaner Werner Stocker. Die Auftaktveranstaltung zur Studie fand im Juli 2011 statt. Nun ist die Phase der Erhebungen gestartet. „Wir erfassen im Kreis Konstanz die Lebensumstände von Menschen über 65 Jahren“, erläutert Stocker. Der KVJS soll deren Wohnsituation oder Gesundheitsversorgung systematisch beleuchten. Auch die Lage von alten Menschen mit ausländischen Wurzeln sowie Angebote für Demenzkranke interessieren die Auftraggeber. Sind alle Angebote und Hilfen erhoben, soll deren Zukunftsfestigkeit bewertet werden. „Danach können wir den Gremien im Kreis Empfehlungen und Maßnahmen vorschlagen, wie die Angebote bis zum Jahr 2020 weiterentwickelt werden können.“ Der Landkreis setzt bei der Sozialplanung nicht zum ersten Mal auf die Fachleute des KVJS. „Nach den überaus positiven Erfahrungen mit dem KVJS bei der Erstellung der beiden Teilhabepläne für Menschen mit Behinderungen lag es für die Sozialverwaltung einfach nahe, den KVJS auch mit der Erstellung eines Seniorenplans zu beauftragen“, sagt Sozialplanerin Susanne Mende vom Kreis Konstanz. „Die Mitarbeiter des KVJS verfügen neben den erforderlichen fachlichen Kenntnissen auch über ein Wissen in Bezug auf überörtliche Strukturen. Zudem besteht durch die Landesgeschäftsstelle des Qualitätssiegels Betreutes Wohnen für Senioren bereits ein großes Know-how im Bereich Altenhilfe.“ Städte und Dörfer profitieren Im Kreis Konstanz leben mehr über Achtzigjährige als anderswo in Baden-Württemberg. Schon jetzt steht fest, dass der Kreis auf eine sehr aktive Bürger- und Seniorenschaft aufbauen kann. „Der Kreis hat sehr tragfähige Ehrenamtsstrukturen“,

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Kreisseniorenplan
Ein Kreisseniorenplan ist eine wissenschaftliche Erhebung. Die Studie gewährt anhand von Daten und Fakten eine aktuelle Bestandsaufnahme sowie einen fundierten Blick in die Zukunft und bietet eine Grundlage für kommunalpolitische Entscheidungen. Auf dieser Basis können zukünftige Entwicklungen geplant und gesteuert werden. Nach denselben Prinzipien funktioniert ein Teilhabeplan. Ein Teilhabeplan ist eine Studie zur Sozialplanung für Menschen mit Behinderungen.

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sagt Werner Stocker. Auch die Grundversorgung an Altenhilfeangeboten sei gut. Wie in vielen Gegenden Deutschlands gäbe es aber ein Stadt-Land-Gefälle. Stocker lässt sich von Bürgermeistern die Lage in ihren Gemeinden schildern. Vertreter von Einrichtungen, Kliniken, Stadtteil-Treffpunkten sowie von Kreis-, Stadtund Ortsseniorenräten bringen Probleme und Wünsche aufs Tapet. Den Älteren sei etwa besonders wichtig, in der eigenen Wohnung leben zu können. Sie benötigen fußläufig erreichbare Einkaufsmöglichkeiten sowie einen Arzt und eine Apotheke am Ort. Nicht überall ist das gegeben. Wenn gewünscht, schlägt Stocker Interessierten auf ihren Ort zugeschnittene Lösungen vor, etwa ein „Landarzt-Taxi“ oder

einen ehrenamtlich betriebenen Dorfladen. Denn mit der Studie möchte der Kreis auch die Gemeinden unterstützen. „Sie erhalten eine Übersicht über die Versorgungsstrukturen im Kreis“, sagt Mende. Durch eine Informations- und Ideensammlung sowie eine Beschreibung von vorbildlichen Projekten könnten die Gemeinden bei der Entwicklung eigener Planungsideen profitieren. Weitere Informationen auf unserer Internetseite: www.kvjs.de, „Soziales“, „Senioren“, „Sozialplanung – Kreisseniorenpläne“ syr

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KVJS-Fachtagung „My smart home is my castle“
Eine Fachtagung des KVJS mit dem Titel „My smart home is my castle“ wird im Internationalen Congresscenter der Messe Stuttgart am 22. Mai 2012 stattfinden. Im Mittelpunkt stehen Fragen zur Wohnqualität durch benutzerfreundliche Technik: Wie sieht eine gelungene Kombination von Technik und innovativen Serviceangeboten aus? Welche Erfahrungen über benutzerfreundliche Technik im Wohnbereich liegen vor? Kann selbstbestimmtes Wohnen durch technische Lösungen unterstützt werden? Eröffnet wird die Fachtagung vom Verbandsdirektor des KVJS, Prof. Roland Klinger. Im Anschluss gibt Dr. Eva Schulze, Geschäftsführerin des Berliner Instituts für Sozialforschung, einen wissenschaftlich fundierten Überblick über die Erfahrungen von Fachleuten und Bewohnern in Modellprojekten. Herr Zahneisen, Geschäftsführer der SOPHIA Consulting & Concept GmbH, stellt das SOPHIA-Konzept vor, das soziale Betreuung, Servicepakete und Technikeinsatz in der Wohnung miteinander verbindet. Am Ende wird dann Frau Kuhlen, Geschäftsführerin der Bauträgergesellschaft TICO, über ein Wohnprojekt berichten, das Betreutes Wohnen durch Quartiersmanagement und vielfältige technische Unterstützungen ergänzt. jw

Anmeldung und Information Emendo Events GbR Möhringer Straße 60/1 70199 Stuttgart Telefon 0711 46053763 pf2012@emendo-events.de Online-Anmeldung www.pflege-reha.de Teilnehmerbeitrag einschließlich Messeeintritt 28 Euro 24 Euro bei Online-Anmeldung

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„Jungs wollen einen muskelgestählten Traumkörper“
Schlank sein. Fit sein. Schön sein. Der Kult um den eigenen Körper ist allgegenwärtig. „Gerade junge Menschen und Jugendliche sehen sich dem Druck ausgesetzt, dem gängigen Schönheitsideal entsprechen zu müssen“, sagt der Mannschaftsarzt des VfB Stuttgart Professor Dr. Dr. Heiko Striegel. Am Rande des Fachtages „Bodycult“ sprach er mit Sylvia Rizvi über Leistungsdruck und Doping im Alltagssport.
Was interessiert den Mannschaftsarzt des VfB am Doping im Alltagssport? Ich beschäftige mich nun schon seit mehr als zehn Jahren mit Doping, sowohl im Leistungs-, als auch im Freizeit- und Fitness-Sport. Der Freizeit- und Fitness-Sport ist für mich vor allem deshalb von besonderem Interesse, da in diesem Bereich weit mehr Sportler unerlaubte Dopingsubstanzen konsumieren als im Leistungssport. Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Gesundheit des einzelnen Sportlers, sondern auch eine immense gesundheitspolitische und volkswirtschaftliche Dimension. Nach meinen gemeinsamen Studien mit Perikles Simon und Rolf Ulrich an der Universitätsklinik Tübingen ist davon auszugehen: In Deutschland haben allein im Fitness-Sport cirka 750 000 Menschen schon einmal zu Dopingsubstanzen gegriffen. Viele tun dies über einen längeren Zeitraum hinweg. Wenn jeder von ihnen wegen des Missbrauchs auch nur einen Tag in einer Klinik verbringt, entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von 250 Millionen Euro. Der Kult um den eigenen Körper verführt Jugendliche zum Doping. Welche Substanzen werden vor allem geschluckt? Bezogen auf den Fitness-Sport werden vor allem anabole Steroide konsumiert. Diese sollen einen schnelleren Muskelaufbau und gleichzeitig eine Reduktion des Körperfetts bewirken. Anfällig für diese Substanzen sind Jungs und junge Männer. Ihr Ziel ist es, einen muskelgestählten Traumkörper zu erreichen, so wie wir ihn von vielen Hochglanzmagazinen her kennen. Welche schädlichen Folgen beobachten Sie? Anabole Steroide können eine ganze Reihe schwerwiegender Nebenwirkungen verursachen, die von Anzahl der konsumierten Wirkstoffe, deren Einnahmedauer und der Dosierung der jeweiligen Substanzen abhängig sind. Hervorzuheben sind vor allem die langfristigen Nebenwirkungen wie Leber- oder Nierenschädigungen, die Auslösung bösartiger Krebserkrankungen sowie Schädigungen am Herz-/Kreislaufsystems mit den Folgen von Herzinfarkt oder Schlaganfall. Problematisch sind darüber hinaus auch die Auswirkungen auf die Psyche. So kommt es beim Konsum von anabolen Steroiden zu einer Steigerung der Aggressivität und, nachdem die Substanzen wieder abge-

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Anabole Steroide
Anabole Steroide sind synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg entwickelt und sollten entkräfteten und unterernährten Kriegsgefangenen bei der Genesung helfen. Außerdem wurden sie aufgrund ihrer Eiweiß aufbauenden Wirkung bei Muskelerkrankungen und als Mittel gegen Blutarmut eingesetzt.

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setzt werden, zu depressiven Zuständen bis hin zu Suiziden. Bei Frauen kommt es zu Vermännlichungserscheinungen wie eine tiefe Stimme oder die Zunahme der Sekundärbehaarung. Wie können Schulen und Sportvereine helfen? Aus meiner Sicht haben die Schulen eine ganz wichtige Funktion in der Prävention. Regelmäßige Aufklärungsmaßnahmen über die potenziellen Nebenwirkungen des Gebrauchs von Dopingsubstanzen und insbesondere anaboler Steroide sind aus meiner Sicht dringend notwendig. Die Aufklärung über Nebenwirkungen ist jedoch nur das eine. Für noch wichtiger halte ich Maßnahmen, um tatsächlich eine Änderung des Verhaltens bei Jugendlichen zu erreichen. Sie sollten in einem Alter begonnen werden, bevor die Jugendlichen erstmals Kontakt mit Dopingsubstanzen haben, das heißt im Alter von 13 bis spätestens 15 Jahren. Und die Jugendlichen stellen ihre Ohren nicht auf Durchzug? Ich habe mit meiner Mitarbeiterin Claudia Driehorst in den letzten beiden Jahren in mehreren Schulen unter wissenschaftlicher Begleitung untersucht, ob Anti-Doping-Präventionsmaßnahmen tatsächlich zu einer verbesserten Kenntnis über die negativen Wirkungen von Doping führen. Weiter untersuchten wir, ob sich eine Veränderung der Einstellung hierzu erreichen lässt. Hinsichtlich beider Fragestellungen

konnten wir sowohl einen kurzfristigen als auch einen nachhaltigen langfristigen positiven Effekt nachweisen. Neben den Schulen sind Sportvereine sicherlich weitere wichtige Multiplikatoren in der Prävention. Letztlich können AntiDoping Maßnahmen in Schulen in wesentlichen Teilen auf die Präventionsarbeit in Sportvereinen übertragen werden. Was können Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendhilfe tun? Sie haben häufig einen wesentlich engeren Kontakt zu den Jugendlichen als Lehrer in der Schule. Das heißt, sie sind einfach näher dran. Umso mehr besteht auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf Jugendliche, gerade bei sensiblen Themen. Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendhilfe sollten daher auch in der Dopingprävention weitergebildet sein. Das Landesjugendamt beim KVJS fördert die Suchtprävention unter anderem durch Fortbildungen. Wie könnte der KVJS Suchtprävention zusätzlich fördern? Die Suchtprävention hat sich in Bezug auf den Konsum legaler und illegaler Drogen seit vielen Jahren etabliert. Anders sieht dies im Bereich des Gebrauchs von Dopingsubstanzen und insbesondere anabolen Steroiden aus. Hier würde ich mir mehr Anti-Doping-Maßnahmen in der Jugendarbeit und Fördergelder für Modellprojekte wünschen.

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Professor Dr. med. Dr. jur. Heiko Striegel ist Mannschaftsarzt des Fußball-Bundeserstligisten VfB Stuttgart. Er ist stellvertretender ärztlicher Direktor der Sportmedizin des Universitätsklinikums Tübingen. Er informierte am 13. März 2012 auf der Fachtagung „BodyCult – das ‚neue‘ Körperbewusstsein von Jugendlichen“ über Doping im Alltagssport. Veranstalter der Tagung war die Arbeitsgruppe Suchtprävention des Sozialministeriums in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Stuttgart und dem KVJS.

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KVJS-Mitglieder für Engagement beim Kinderschutz mit Zertifikat ausgezeichnet
18 Stadt- und Landkreise sind im Februar von der baden-württembergischen Sozialministerin Katrin Altpeter für ihren Einsatz für den Kinderschutz ausgezeichnet worden. Bei einer Abschlussveranstaltung in Böblingen verlieh sie das „Zertifikat für Qualitätsentwicklung im Netzwerk Frühe Hilfen und Kinderschutz“. Der KVJS hat an dem Landes-Projekt zur Qualifizierung der Stadt- und Landkreise aktiv mitgewirkt.
Im Auftrag des Sozialministeriums führten das KVJS-Landesjugendamt und das Universitätsklinikum Ulm seit 2010 das Projekt „Netzwerk Frühe Hilfen und Kinderschutz“ durch. Erfahrene und ausgewiesene Fachleute vom Landesjugendamt begleiteten und berieten sechs der 18 Stadt- und Landkreise, wie sie ihr System im Bereich Frühe Hilfen und Kinderschutz weiter verbessern können. Die Kreise konnten Schwerpunkte wählen, die sie vertiefen wollten. Zudem bot das Projektteam Hilfestellungen in der Planung und Steuerung. Zertifikat verliehen „Das Zertifikat dokumentiert in BadenWürttemberg gegenüber der Öffentlichkeit die besondere Leistung, welche die Stadt- und Landkreise in den Aufbau von Netzwerken der Frühen Hilfen und des Kinderschutzes investiert haben“, sagt Dr. Jürgen Strohmaier vom KVJS. So wurden etwa gemeinsame Standards für Jugendhilfe und Ärzte und deren Vernetzung entwickelt. „Ein wesentlicher Aspekt bei der Kommunikation ist die datenschutzrechtlich abgesicherte Weitergabe von Daten zwischen den beteiligten Diensten, Praxen und Fachkräften“, sagte KVJS-Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger beim Festakt. „Oft erkennen Ärzte die Gefährdungslage als erste.“ Es wurde aber auch eine Online-Datenbank über die jeweiligen Hilfeangebote eingerichtet. „Im Mittelpunkt der Betrachtung müssen die Familien mit ihren Kindern stehen, die auf Augenhöhe angesprochen und mit ihren Anliegen ernst genommen werden wollen“, sagte Klinger. Die Kreise haben ihre Angebote im Bereich der Frühen Hilfen und im Kinderschutz erweitert. Beispielsweise wurden neue „wellcome“Standorte zur Organisation Früher Hilfen, eine 24-Stunden Hotline oder offene Elterncafés in Kooperation mit einer Klinik für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin etabliert. Auch entstanden in Zusammenarbeit mit den Schwangerschaftsberatungsstellen Gruppenangebote wie „Plötzlich ist alles anders … was will, was braucht mein Baby?“ Damit auch die übrigen Kreise Netzwerke zum Schutz von Kindern aufbauen und fortentwickeln, würden in diesem Jahr weitere Gelder bereit gestellt, teilte Sozialministerin Katrin Altpeter mit: „Es ist eine große Herausforderung für uns alle, das Elternrecht auf Erziehung des Kindes zu respektieren und gleichzeitig jedem Kind den Schutz, die Hilfe und die Förderung zu geben, die es braucht.“ syr

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Weitere Informationen
Julian Zwingmann Telefon 0711 6375-404 Julian.Zwingmann@kvjs.de www.kvjs.de/jugend/kinderschutz/ projekt-netzwerk-fruehe-hilfen.html

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Publikationen – beim KVJS erschienen
Fachübergreifende Veröffentlichungen
KVJS-Schlaglicht. Investitionen schaffen Entwicklung, Januar 2012 Das Heft informiert auf vier Seiten über Kriterien und Ziele der Förderung von Bauvorhaben. Zielgruppe sind Fachleute der Behindertenhilfe, aber auch der Wohnungslosen- und Altenhilfe. KVJS-Schlaglicht. Forschung für die Praxis, Januar 2012 Der KVJS entwickelt und begleitet Forschungsvorhaben zur Praxis der Sozialen Arbeit. Die Publikation informiert über den aktuellen Stand. Und es wird erläutert, wie KVJS-Forschung dazu beiträgt, Hilfe-Angebote nachhaltig, wirksam und zukunftsweisend zu gestalten. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Petra Wagner Telefon 071 6375-208 Petra.Wagner@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ kvjs-schlaglicht.html

Schwerbehinderung und Arbeit
Betriebliches Eingliederungsmanagement, 2012. 10 Tipps für Arbeitgeber. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Gisela Lüttges Telefon 072 8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ schwerbehinderung.html

Behinderung und Pflege
Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe. Januar 2012 Erfahrungsberichte aus der ersten Projektphase 2008 bis 2010. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Manuela Weissenberger Telefon 0711 6375-307 Manuela.Weissenberger@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ soziales.html

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KVJS Wirkungsorientierung Info, Heft 4, 2011. Der Sozialraum als Wirkfaktor Das Heft informiert über aktuelle Ansätze, Projekte und Erfahrungen der Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe, Eingliederungshilfe und Integration in Beschäftigung. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Irmgard Fischer-Orthwein Telefon 0721 8107-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter http://www.kvjs.de/service/ publikationen/kvjs-wirk-info.html

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Betreuungsrecht
Ab Mitte Mai erhältlich: KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 1+2, 2012. Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ kvjs-btr-info.html

Grundlagen für die Betriebserlaubnis für Einrichtungen der Hilfe zur Erziehung in familienähnlicher Form in Baden-Württemberg, März 2012. Die Broschüre bietet eine ausführliche Arbeitshilfe zur pädagogischen und aufsichtsrechtlichen Ausgestaltung. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ jugend.html

Jugendhilfe
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