Publication:
2011
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729740
Path:
KVJS

aktuell
Aus dem Inhalt: Pflegeversicherung – Behinderte Menschen noch immer benachteiligt
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Kindertagesstätten: Ansturm auf neue Betriebserlaubnisse
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Entwicklung der vollstationären Hilfe zur Pflege
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Auf eigenen Beinen: Selbstständig mit Behinderung
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2 KVJS aktuell Oktober 2011 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Stefan Wiegandt (wgn) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Jürgen Wieland (jw) Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de

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Adoption – ein Thema für die Schule KVJS entwickelt Unterrichtsmappe
Immer wieder werden Schülerinnen ungewollt schwanger. So manche sieht sich in einer Notsituation und denkt an einen Schwangerschaftsabbruch. Nur wenige erwägen in dieser Lage, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Die Jugendlichen haben oft nur lückenhafte Informationen. Die Zentrale Adoptionsstelle beim KVJS-Landesjugendamt hat jetzt eine Unterrichtsmappe für die Schule entwickelt.
„Wir wollen den Lehrerinnen und Lehrern geeignetes Material für Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie für Gymnasien zur Verfügung zu stellen“, sagt Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger. „Durch die Unterrichtsmappe können sich Schülerinnen und Schüler mit diesem Angebot der Jugendhilfe auseinandersetzen.“ Zielgruppe sind Jugendliche der achten und neunten Klasse. Die kostenlose Unterrichtsmappe enthält eine Einführung für Lehrerinnen und Lehrer, Arbeitsblätter mit Leitfragen (und Antworten) für den Unterricht sowie Kopiervorlagen für Metaplan-Karten. Das KVJS-Landesjugendamt hat die Mappe mit Fachleuten von Schwangerenberatungsstellen, Jugendämtern und aus dem Bereich Schule entwickelt. Mit Erfolg erprobt Die Unterrichtsmaterialien sind an drei Stuttgarter Schulen erfolgreich erprobt worden: an einer Haupt-, einer Realschule und einem Gymnasium. „Das Thema stößt bei Jugendlichen auf großes Interesse“, berichtet der Leiter der Zentralen Adoptionsstelle Reinhold Grüner aus dieser Phase. Viele Mädchen und Jungen seien zum Beispiel überrascht gewesen, dass eine Mutter ihr Kind auch nach einer Adoption noch sehen könne. Sie hätten Ängste vor einer Ächtung als „Rabenmutter“ diskutiert. Und an zwei der drei Schulen sei das Interesse so groß gewesen, dass sie eine Fachfrau der Zentralen AdoptionsIhre Ansprechpartnerin in fachlichen Fragen KVJS, Zentrale Adoptionsstelle Monika Miller-Lika Tel. 0711 6375-479 Monika.Miller-Lika@kvjs.de Die Unterrichtsmappe als Download im Internet www.kvjs.de/jugend/adoption.html Bestellung und Versand KVJS, Diane Geiger, Lindenspürstr. 39, 70176 Stuttgart Tel. 0711 6375-479, Fax 0711 6375-449, Diane.Geiger@kvjs.de stelle in den Unterricht eingeladen hätten. Die Adoptionsvermittlerin berichtete über ihre Erfahrungen mit abgebenden und aufnehmenden Eltern und beantwortete zahlreiche Fragen. Auf dem Stundenplan kann das Thema in verschiedenen Fächern stehen, erläutert Grüner. „Die Hauptschule hat es im Biologie- und Gemeinschaftskunde-Unterricht behandelt, die Realschule im Ethikunterricht und das Gymnasium im Fach Religion.“ syr

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Information:
Unterrichtsmappe Adoption. Ein Thema für den Schulunterricht Herausgeber: KVJS, Stuttgart, August 2011

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Pflegeversicherung – Behinderte Menschen noch immer benachteiligt
Die geplante Reform der Pflegeversicherung muss endlich mit der gesetzlichen Ungleichbehandlung pflegebedürftiger Menschen mit und ohne Behinderung Schluss machen. Schon seit Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung existiert diese fragwürdige Praxis.
Pflegebedürftige Menschen mit und ohne Behinderung erhalten nicht die gleichen Leistungen von ihrer Pflegeversicherung. Behinderte Menschen haben hier immer noch das Nachsehen, denn ihr Anspruch bei Pflegebedürftigkeit ist weitaus geringer. Die Pflegeversicherung macht Unterschiede zwischen den in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe durch Fachpersonal gepflegte Menschen mit Behinderung und pflegebedürftigen Menschen ohne Behinderung, die in Pflegeeinrichtungen betreut werden. Diese Ungleichbehandlung besteht bereits seit Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Jahr 1995 und konnte bis heute nicht beseitigt werden. Wie groß die Ungleichbehandlung ist, wird deutlich, wenn die Ansprüche miteinander verglichen werden. Die Pflegekassen leisten in Behindertenheimen einen Beitrag im Einzelfall von maximal 256 Euro im Monat. Dagegen wird in Pflegeheimen eine Versicherungsleistung von bis zu 1 510 Euro im Monat für die vollstationäre Pflege in der Pflegestufe 3 gewährt. Das bedeutet, dass pflegebedürftige Menschen mit Behinderung bei gleichem Pflegebedarf weniger als 1/5 der Regelleistung erhalten – die Differenz wird von der Sozialhilfe übernommen. In der Sitzung des Verbandsausschusses des KVJS vom 08. Juli 2008 wurde erneut für die Aufhebung der gesetzlichen Ungleichbehandlung von pflegebedürftigen Menschen mit und ohne Behinderung im Sozialgesetzbuch XI plädiert. Der KVJS hat seither verschiedene Maßnahmen ergriffen, um diese Ungleichbehandlung zu beseitigen. So wurde unter Federführung des KVJS in der Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege (LAGÖFW) ein entsprechendes Positionspapier ausgearbeitet und verabschiedet. Positionspapier verabschiedet Das Positionspapier sollte auch die Landes- und Bundesregierung für dieses Thema sensibilisieren. Dazu sollte auch ein parlamentarischer Nachmittag im Behindertenheim Markgröningen im Jahr 2010 mit den neu gewählten Bundestagsabgeordneten aus Baden-Württemberg beitragen. „Bis heute kann von einem Durchbruch keine Rede sein“, resümierte Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger jetzt vor dem KVJS-Verbandsausschuss. Nicht einmal die vom Deutschen Bundestag 2009 als Gesetz verabschiedete UNKonvention über die Rechte behinderter Menschen, die gleichen Zugang zu allen Sozialleistungen auch für behinderte Menschen vorsieht, hat an der Ungleichbehandlung etwas geändert. Dabei wird der demografische Wandel diese Problematik noch weiter verschärfen. Denn bislang sind nur rund 11 Prozent der erwachsenen Leistungsempfänger in der Eingliederungshilfe 60 Jahre und älter, in der Gesamtbevölkerung

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Baden-Württembergs ist der Anteil dieser Altersgruppe dagegen fast dreimal so hoch. Der Unterschied erklärt sich durch die systematische Ermordung behinderter Menschen durch das NS-Regime. Mittlerweile erreichen jedoch die ersten Nachkriegsjahrgänge das Seniorenalter, die Zahl der über 60-jährigen Leistungsempfänger in der Eingliederungshilfe ist 2009 im Vergleich zu 2005 um 33 Prozent gestiegen. Bessere Prognose ab 2012 Noch ist keine genaue Prognose darüber möglich, wie viele Menschen mit Behinderung in den nächsten Jahren mit steigendem Alter voraussichtlich der Pflege

bedürfen oder wie hoch ihre Lebenserwartung ist. Aus diesem Grund hat der KVJS ein Forschungsvorhaben auf den Weg gebracht, das diese Informationslücke schließen soll und voraussichtlich im Frühjahr 2012 erste Ergebnisse präsentieren kann. Bislang dient als Anhaltspunkt zum Pflegebedarf älterer Menschen mit Behinderung eine Umfrage des KVJS bei den Stadt- und Landkreisen aus dem Jahr 2008. Demnach war bei rund 2 000 von knapp 7 100 Leistungsempfängern in der Eingliederungshilfe im Alter ab 55 Jahren (entspricht 28 Prozent) zum Stichtag 31.12.2007 ein Pflegebedarf im Sinne der Pflegeversicherung bekannt. jw 5

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Kindertagesstätten: Ansturm auf neue Betriebserlaubnisse
Die seit November 2010 gültige neue Kindertagesstättenverordnung einerseits und der Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder andererseits hat dem Landesjugendamt beim KVJS eine wahre Flut von Anträgen auf Betriebserlaubnis beschert. Um eine zügige Bearbeitung zu gewährleisten, hat das KVJS-Landesjugendamt im Internet alle wichtigen Unterlagen zum herunterladen eingestellt.
„Im vergangenen Jahr hat das Landesjugendamt rund 2 000 Kindertagesstätten die Betriebserlaubnis erteilt“, erklärt der zuständige Referatsleiter Rudolf Vogt. „In diesem Jahr haben wir das bereits Ende August deutlich übertroffen.“ Der Bereich Kindertagesbetreuung wird in BadenWürttemberg kräftig ausgebaut – besonders bei der Kleinkindbetreuung. Derzeit stehen landesweit für rund 23 Prozent der Unter-Dreijährigen Betreuungsplätze zur Verfügung. Um die Zielvorgabe der Bundesregierung zu erfüllen muss die Zahl der Plätze aber bis August 2013 noch auf 34 Prozent steigen – so ist die vereinbarte Bedarfsdeckung für Baden-Württemberg. Ab dann gilt der einklagbare Rechtsanspruch für Kinder vom vollendeten ersten Lebensjahr bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres, der vermutlich einen noch höheren Bedarf als 34 Prozent mit sich bringen wird. Doch nicht nur der Ausbau der Kleinkindbetreuung sorgt beim Landesjugendamt des KVJS für eine wahre Antragsflut: Die neue Kindertagesstättenverordnung (KiTaVO) des Kultusministeriums BadenWürttemberg trat zum 10.12.2010 in Kraft. Der neuen Verordnung zufolge wird der Personalschlüssel in Kindergärten und Einrichtungen mit altersgemischten Gruppen bis zum Jahr 2012 stufenweise um 0,3 Stellen erhöht, bei Kindergärten mit verlängerter Öffnungszeit um 0,2 Stellen bis 2012. Wer als Träger eine neue Einrichtung eröffnen will, und auch, wer die Angebote einer bestehenden Einrichtung verändern will, bekommt nun eine Betriebserlaubnis nach der neuen KiTaVO. Neue gesetzliche Verpflichtung Eine wichtige Neuerung der KiTaVO ist die gesetzliche Verpflichtung des Landesjugendamtes beim KVJS, dass es bei neuen Anträgen auf die Erteilung einer Betriebserlaubnis für eine Kindertagesstätte die Einhaltung der neuen Vorgaben zum Personalsschlüssel prüfen muss. Die Erfüllung des Mindestpersonalschlüssels wird

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Wichtige Unterlagen
Der Internet-Auftritt des KVJS hält alle wichtigen Unterlagen zur korrekten Antragstellung auf die Betriebserlaubnis einer Kindertagesstätte nach den neuen Regelungen zur Personalausstattung in Kindertageseinrichtungen bereit: • Kindertagesstättenverordnung (KiTaVO) vom 25.11.2010 • Ausführungshinweise zur KiTaVO • Antragsvordrucke • Berechnungshilfe zum Personalbedarf www.kvjs.de/jugend/arbeitshilfenformulare-rundschreiben.html

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anhand der Gruppenart, Gruppenstärken und Öffnungsmindestzeiten geprüft. Je vollständiger die Angaben eines Trägers sind, desto zügiger geht die Bearbeitung. „Bisher wurden alle Anträge genehmigt“, berichtet Referatsleiter Vogt. Allerdings müssen die Fachleute des KVJS-Landesjugendamtes sehr oft nachhaken, bis alle für die Betriebserlaubnis

nötigen Fakten vorliegen – eine Situation, die für keinen der Beteiligten befriedigend ist. Das KVJS-Landesjugendamt hat daher ein umfangreiches Info-Paket für Träger im Internet eingestellt – einschließlich eines aufwendig vom KVJS-Landesjugendamt erstellten Programms zur korrekten Errechnung des für die jeweilige Angebotsform vorgeschriebenen Personalsschlüssels. mok

Reform der Eingliederungshilfe
Seit fast acht Jahren steht die Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe auf der Agenda der Politik. Im Dezember 2003 haben Bund und Länder im Vermittlungsverfahren zum Gesetz zur Einordnung des Sozialhilferechtes in das Zwölfte Buch Sozialgesetzbuch vereinbart, die Probleme der Kostenentwicklung in der Eingliederungshilfe in einer Länderarbeitsgruppe mit Bundesbeteiligung aufzuarbeiten und Lösungen zu entwickeln. Ein erster Meilenstein zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe ist das von der Arbeits- und Sozialministerkonferenz (ASMK) vorgestellte Eckpunktepapier der Bund-Länder-AG (B-L-AG). Es wurde 2009 mit den Verbänden, Organisationen und Leistungsträgern diskutiert. Die ASMK hat 2010 die B-L-AG beauftragt, auf Basis des Eckpunktepapiers konkrete Vorschläge zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe zu entwickeln. Innerhalb der Bund-Länder-AG wird derzeit in folgenden AG´s an der „Reform“ gearbeitet: AG Bedarfsermittlung, AG Teilhabe am Arbeitsleben, AG Zuordnung von Leistungen, AG Vertragsrecht, AG Inklusion von jungen Menschen mit Behinderung und AG Finanzen. Ergebnisse werden für den Spätherbst 2011 erwartet, damit die Bundesregierung das Gesetzgebungsvorhaben noch in dieser Legislaturperiode abschließen kann. Der KVJS verbindet mit dieser Reform die Erwartung, dass über die Einführung eines Bundesteilhabegeldes konkrete Aussagen getroffen werden. Im Rahmen eines im Sommer 2012 geplanten Fachtages wird der KVJS über den aktuellen Sachstand zu den Reformvorhaben im Bereich der Eingliederungshilfe und auch der Pflegeversicherung informieren.

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Wie entwickelt sich die Kindertagespflege?
Beim Ausbau der Kleinkindbetreuung wird auch der Kindertagespflege eine große Bedeutung beigemessen. Neben Krippen und altersgemischten Gruppen geht der Bund von einem Anteil von 20 bis 30 Prozent der benötigten Plätze für Kinder unter drei Jahren in der Kindertagespflege aus.
Das KVJS-Landesjugendamt hat im Auftrag des Landesjugendhilfeausschusses bereits zum zweiten Mal eine umfangreiche Erhebung der Entwicklungen in der Kindertagespflege durchgeführt und dabei eng mit dem Landesverband der Tagesmütter-Vereine Baden-Württemberg e.V. und den Jugendämtern zusammengearbeitet. Das Ergebnis der Erhebung zum Stichtag 01.03.2011 hat gezeigt, dass in Baden-Württemberg 17 369 Kinder und damit 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr durch 7 012 aktive Tagespflegepersonen in öffentlich geförderter Kindertagespflege betreut werden. 7 967 Kinder – dies entspricht einem Anteil von 46 Prozent – waren dabei jünger als drei Jahre. Von den Tagespflegepersonen verfügten im Jahr 2010 bereits 93 Prozent über einen abgeschlossenen Qualifizierungskurs, der 30 Unterrichtseinheiten umfasst. Im Jahr davor waren es noch 91 Prozent. Die Erhebung zum Stichtag 01.03.2011 hat auch gezeigt, dass es in Baden-Württemberg neben den aktiven Tagespflegepersonen 2 481 qualifizierte passive Tagespflegepersonen gibt, die zwar generell zur Betreuung von Kindern zur Verfügung stehen, aber zum Stichtag kein Betreuungsverhältnis nachweisen konnten. Leichter Anstieg Einem landesweiten Zuwachs von 1 560 neu hinzugekommener Tagespflegepersonen im Zeitraum zwischen dem 01.03.2010 und 28.02.2011 stehen 1 277 Tagespflegepersonen gegenüber, die ihre Tätigkeit im selben Zeitraum beendet haben, was zumeist veränderten Lebensumständen geschuldet war. Insgesamt lässt sich bei den tätigen Tagespflegepersonen ein leichter aber insbesondere bei den betreuten Kindern ein kontinuierlicher Anstieg beobachten. Die bei der öffentlich geförderten Kindertagespflege gewährte laufende Geldleistung an die Tagespflegepersonen beruht auf den gemeinsamen Empfehlungen des Landkreistags Baden-Württemberg, des Städtetags Baden-Württemberg und des KVJS, denen der Landesjugendhilfeausschuss zugestimmt hat. Daraus ergibt sich ein landesweiter Mindeststandard bei der Vergütung von Tagespflegepersonen in Höhe von insgesamt 3,90 Euro (2,16 Euro Förderleistung und 1,74 Euro Sachkostenanteil) zuzüglich der Erstattung der hälftigen Sozialversicherungsbeiträge und der kompletten Unfallversicherung. Aus der aktuellen Erhebung des KVJSLandesjugendamtes mit Stand vom 23.05.2011 geht hervor, dass sich 20 Stadt- und Landkreise beziehungsweise kreisangehörige Städte mit einem Jugendamt bei der laufenden Geldleistung an den Empfehlungen orientieren, bei sechs Stadt- und Landkreisen ein höherer Betrag vergütet wird und 21 Stadt- und Landkreise auf unterschiedlichste Art und Weise Zusatzleistungen an Tagespflegepersonen gewähren. Die Höhe der Geldleistung befindet sich im Vergleich zu anderen Bundesländern in allen Stadt- und

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Landkreisen Baden-Württembergs im oberen Bereich. Arbeitsgruppe beschlossen Der Landesjugendhilfeausschuss hat in seiner letzten Sitzung am 19. Juli 2011 entschieden, eine Arbeitsgruppe zur Fortschreibung der Empfehlungen zu den laufenden Geldleistungen für Kinder in der Kindertagespflege einzuberufen, die sich mit der Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen befassen soll. Dabei sollen auch die Rahmenbedingungen der Vollzeitpflege berücksichtigt werden.

Das KVJS-Landesjugendamt wird zudem die weiteren Entwicklungen in der Kindertagespflege verfolgen und in Abstimmung mit den Kommunalen Landesverbänden und dem Landesverband der Tagesmütter-Vereine Baden-Württemberg e.V. im nächsten Jahr wieder eine Befragung der Jugendämter durchführen. Um den Rechtsanspruch der Betreuungsplätze für unter dreijährige Kinder ab dem 01.08.2013 erfüllen zu können, bedarf es insbesondere beim Ausbau der Kindertagespflege noch weiterer Anstrengungen, um das vorgegebene Ziel zu erreichen. jw

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Resilienz und Wirkungsorientierung
Die Schutzfaktoren, die Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen ein gelingendes Leben ermöglichen, stehen zunehmend im Interesse der Forschung. Was lässt sich für die Praxis aus den neuen Erkenntnissen ableiten? Wie wird Resilienzförderung bereits erfolgreich in die Praxis umgesetzt? Eine Tagung des KVJS-Landesjugendamtes ging dieser Frage nach.
Fast 40 Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen wie Landratsamt, Erziehungsberatung, Schulsozialarbeit, Schule, Kinderhaus oder Eltern-Kind-Verein waren zu der Veranstaltung in das KVJS-Tagungszentrum Gültstein gekommen. „Es war eine sehr interessante, vielfältige Gruppe“, erklärt Gabriele Ulrich, die für das KVJSLandesjugendamt für die Tagung verantwortlich zeichnet. Mit Klaus Fröhlich-Gildhoff konnte das KVJS-Landesjugendamt einen hochkarätigen Experten als Referenten für seine Veranstaltung gewinnen: Fröhlich-Gildhoff ist seit 2002 Professor für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Evangelischen Hochschule Freiburg und ist unter anderem Mitautor eines Fachbuchs zum Thema Resilienz sowie eines entsprechenden Trainingsprogramms für Kindertageseinrichtungen. In seinem Vortrag erläuterte Klaus Fröhlich-Gildhoff den aktuellen Paradigmenwechsel von der „Patho- zur Salutogenese“: So stehen nicht mehr nur Risiko- sondern auch Schutzfaktoren im Brennpunkt des Interesses, kurzum, die Resilienzfähigkeit von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Verhältnissen. Kinder und Jugendliche würden gestärkt durch eine stabile emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson, emotional warmes, offenes, aber auch klar strukturierendes Erziehungsverhalten der Bezugspersonen, soziale Unterstützung außerhalb der Familie und frühe Möglichkeiten, „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ machen zu können. Als weitere wesentliche Schutzfaktoren führte Fröhlich-Gildhoff dosierte soziale Verantwortlichkeit an, kognitive Kompetenzen, die angemessen angeregt werden müssen, Selbststeuerungsfähigkeiten, Fantasie und das Gefühl von Kohärenz, also das Erfahren und Erleben eines Sinns und einer Bedeutung der eigenen Existenz. Resilienz-Training wirkt Resilienzfaktoren lassen sich trainieren. Dies ergab nicht zuletzt eine Untersuchung zur Wirkungsorientierung eines entsprechenden Trainingsprogramms für Kindertagesstätten, das Klaus Fröhlich-Gildhoff mitentwickelte. Beteiligt waren vier Kindertageseinrichtungen (zwei auf dem Land, zwei in der Stadt) mit 278 Kindern und 44 Erzieherinnen als Durchführungsgruppe und fünf Einrichtungen (drei Land, zwei Stadt) mit 188 Kindern und 51 Erzieherinnen als Kontrollgruppe. Das Projekt umfasste Trainingseinheiten für die Kinder, Elternkurse und regelmäßige Elternberatungen sowie Fortbildungen

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Stichwort Resilienz
Resilienz (von engl. „resilience“ = Widerstandsfähigkeit, Spannkraft, Elastizität) bezeichnet die psychische Widerstandfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken. Resilienz ermöglicht somit einen erfolgreichen Umgang mit belastenden Lebensumständen und negativen Stressfolgen.

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für die Fachkräfte. Ferner wurden Netzwerke zwischen Erziehungsberatung, sozialen Diensten, Schulen, Einrichtungen und Vereinen im Sozialraum geknüpft oder verstärkt. Die Wirkungsanalyse ergab, dass das Projekt von allen Beteiligten sehr gut angenommen wurde. Die Interviews und Protokolle zeigten, dass Eltern und Erzieherinnen positive Entwicklungen bei den Kindern sehen. Der Selbstwert der Kinder entwickelte sich signifikant positiv im Verlauf des Projektes. Sie konnten vor allem im Bereich der kognitiven Entwicklung deutlich profitierten. Augenmerk auf Netzwerke „Auf den Theorie-Input folgten erfolgreiche Praxisbeispiele“ erläutert Gabriele Ulrich. So präsentierte zum Beispiel der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald mit seinem Projekt „Ein Netz für Kinder“ sein Kooperations- und Unterstützungsangebot für Kindertageseinrichtungen. Der Landkreis begreift Familienfreundlichkeit als Dach für eine Vielfalt an Angeboten, Strukturen und Unterstützung. Dazu zählt ein Unterstützungsangebot für Kindertagesstätten zu den Themen: Resilienzförderung und Aufbau von Erziehungspartnerschaften. Im Rahmen der Resilienzförderung wurden Fortbildungen für Erzieherinnen und Kinderund Elternkurse angeboten. Eine bessere Vernetzung mit den unterschiedlichen Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche gehörte ebenfalls zum Konzept. Eine wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Programms zur Resilienz-

förderung bei elf Kindertagesstätten ergab eine Stärkung des Selbstwerts und des Gruppenbewusstseins bei den Kindern. Sie konnten Gefühle besser ausdrücken und waren offener als zuvor. Eine Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstreflexion ließ sich auch bei den beteiligten Fachkräften nachweisen. Verbesserung der Zielorientierung im Team und Motivation durch Erfolge bei Kindern und Eltern waren weitere Effekte. Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald konnte konstatieren: Das Ziel „Kinder stärken“ wurde in allen KiTas erreicht. Drei Workshops des KVJS-Fachtages vertieften anschließend Themen aus den Bereichen Schule und Kindertagesstätte. „Die Fachkräfte leisten bereits wertvolle Arbeit, um Kinder zu stärken“, so Ulrich. „Besonders wichtig: Die Knüpfung eines Unterstützungsnetzwerks für die Eltern. Dieses Netz muss sehr früh geknüpft werden“, fasst Ulrich die Erkenntnisse aus den Vorträgen und Workshops zusammen. Die verstärkte Elternarbeit und bessere Vernetzung sind auch Teil des Orientierungsplans für frühkindliche Bildung an der Kindertagesstätte. mok

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Zum Weiterlesen
Fröhlich-Gildhoff, K., Rönnau, M. & Dörner, T. (2007). Prävention und Resilienz in Kindertageseinrichtungen (PRiK) – ein Trainingsprogramm. Fröhlich-Gildhoff, K. Rönnau, M. & Dörner, T. (2008). Eltern stärken mit Kursen in Kitas.

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„Auch die Schule sollte die Chance zum Lernen haben“
Rund 23 000 Jungen und Mädchen mit Behinderungen besuchen in Baden-Württemberg allgemeine Schulen. Damit es mehr werden, braucht es gemeinsame Anstrengungen, sagt Willi Rudolf. Der Unternehmensgründer und Sozialpolitiker aus Mössingen (Kreis Tübingen) sitzt selbst im Rollstuhl. Er betont: auch Sonderschulen haben im Bildungssystem ihren Platz.
Herr Rudolf, Sie kamen mit einer schweren körperlichen Behinderung zur Welt. Wie war das, als Sie in den 50er Jahren die Dorfschule in Öschingen besuchten? Ich möchte vorausschicken – ich habe das Gefühl gehabt, ich war akzeptiert als einer wie die anderen. Ich konnte lediglich nicht laufen und hatte auch einige Einschränkungen. Natürlich, es gab keine Aufzüge, man musste mich hochtragen. Beim Runtergehen hatten meine Kameraden und ich aber einen Trick: Sie hielten mich an einem Arm, den anderen legten sie auf den Handlauf. Und dann bin ich in hohem Tempo nach unten gerutscht – was ich heute natürlich nicht mehr für verantwortbar halte. Wegen Ihrer Wirbelsäulenverkrümmung und schmerzhafter Gelenkveränderungen hatten Sie beim Sitzen auf den Holzbänken große Schmerzen. Permanent. Dennoch waren die Schmerzen für mich gar nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war das Diktat. Es hat mein Selbstbewusstsein gedrückt. Durch die

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Der Unternehmer und Sozialpolitiker Willi Rudolf streitet für Inklusion
Willi Rudolf wurde wegen seiner Behinderung nach fünf Jahren aus der Schule entlassen – schlechte Aussichten auf beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Dennoch: Rudolf ist Unternehmer und Sozialpolitiker geworden. Seinen mühevollen Weg zu einem selbstbestimmten Leben möchte der heute 66-Jährige behinderten Jungen und Mädchen ersparen. Deshalb ist es ihm besonders wichtig, dass in der Schule die Weichen für eine Teilnahme am Leben in der Gesellschaft gestellt werden. Willi Rudolf war bald 30 Jahre selbstständiger Unternehmer und vertrieb mit seiner Mössinger Firma Reha-Produkte. Die LeoBa GmbH übergab er vor drei Jahren an seinen älteren Sohn. Der Vater zweier Söhne engagiert sich in sozialpolitischen Verbänden und Gremien. In seinem Heimatdorf Öschingen sitzt er für die Freien Wähler im Ortschaftsrat, und er ist stellvertretender Ortsvorsteher. Rudolf ist Mitglied im Stadtrat Mössingen und im Kreistag Tübingen. Im Landkreis Tübingen ist er Behindertenbeauftragter. Er ist Vorsitzender des Landesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter Baden-Württemberg. Der Verband feierte im September sein 20-jähriges Jubiläum, vgl. www.lsk-bw. de. Der stellvertretende Vorsitzende der LAG Selbsthilfe behinderter Menschen Baden-Württemberg ist Mitglied im Behindertenbeirat beim Sozialministerium, im Expertenrat im Kultusministerium sowie stellvertretendes Mitglied im Beratenden Ausschuss für behinderte Menschen beim Integrationsamt des KVJS.

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Handbehinderung war ich beim Schreiben langsamer als die anderen. Der Lehrer sagte: „Willi, wenn Du fertig bist, hebst Du den Kopf. Dann schreiben wir weiter.“ Das setzte mich unter Druck. Ich hab gehetzt, Fehler gemacht. In der Zwischenzeit hatten die anderen Zeit nachzudenken, abzuspicken und ihre Fehler zu korrigieren. Ich habe meine schlechten Leistungen nicht der Behinderung zugeschrieben, sondern meiner Person. Aber wie auch immer, für die damalige Zeit, war es eine „inklusive“ Beschulung. Welche Verbesserungen würden Sie persönlich heute an einer Regelschule vorfinden? Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass es ein barrierefreies Gebäude wäre mit Aufzug und Rampen. Wie früher ginge ich vielleicht nicht zum Schwimmen, und beim Fußballspielen machte ich auch nicht mit. Aber das würde ich kompensieren. Mir käme eine Idee, was die anderen und ich auch gern machen würden, und wir würden das dann auch durchsetzen. Anders als damals könnte ich im Klassenzimmer in einem Rollstuhl sitzen. Beim Diktat erhielte ich vermutlich weitere Zugeständnisse bei Zeit und Geschwindigkeit. Ich hätte eine Spracherkennungssoftware, um meine Hausaufgaben zu schreiben. Da ich mit Sicherheit eine optimale Technik hätte, bräuchte ich keinen Assistenten. Aber ich kenne sehr viele behinderte Menschen, die Assistenz benötigen. Aus Gesprächen weiß ich, dass dies zur Zufriedenheit von Schülern, Lehrern und Eltern sehr gut umgesetzt werden kann. Sind Sie zufrieden mit den Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler heute vorfinden.

Natürlich nicht. Aber lassen Sie mich betonen: Wir haben seit den 50er Jahren eine gewaltige Entwicklung durchgemacht. Ich selbst wurde wegen meiner Behinderung und langer Krankheit nach fünf Jahren ‚mit den besten Wünschen und dem Kenntnisstand der fünften Klasse’ für immer aus der Schule entlassen. Das wäre heute zum Glück nicht mehr möglich. Heute gibt es die allgemeine Schulpflicht – für alle. Das muss auch unbedingt erhalten bleiben. Das ist mir besonders wichtig! Denn ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die Schulpflicht angesichts knapper Ressourcen eines Tages wieder in die Diskussion gerät. Aber zurück zu Ihrer Frage; vieles, was die UN-Behindertenkonvention zur Inklusion fordert, steht bis heute in Baden-Württemberg erst ganz am Anfang. Können Sie ein Beispiel nennen? Wir benötigen für die Inklusion an Schulen nicht nur technische und bauliche Investitionen, barrierefreie Toiletten und Technik, sondern auch Investitionen im personellen Bereich. Das „Rucksackmodell“ zur Finanzierung inklusiver Hilfen ist keine Patentlösung. Danach nimmt ein Schüler mit Behinderung seine finanziellen Ressourcen aus der Sonderschule quasi wie in einem Rucksack in die Regelschule mit. Das wird nicht reichen. Wenn eine Sonderschule medizinische, psychologische oder pädagogische Dienste hat, dann kann ich die nicht in Teilen nach außen geben. Die Sonderschule entfaltet ihre Wirkung als Gesamtes. Und bekanntlich ist ja das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Zudem verbringen Lehrer aus Sonderschulen, die ihre Dienste an zwei, drei Regelschulen versehen, viel Deputats-Zeit auf der Straße.

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Information
Im letzten Schuljahr besuchten 2.201 Schülerinnen und Schüler mit Behinderung 376 Außenklassen an 282 Schulen. Rund 20.600 Kinder und Jugendliche mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Unterstützungs-, Beratungs- und Bildungsangebot erhielten Unterstützung durch die Sonderpädagogik an allgemeinen Schulen. Quelle: Kultusministerium Baden-Württemberg. Was halten Sie von Außenklassen an Regelschulen? Bei den jungen Menschen mit geistigen Behinderungen gibt es ja große Erfahrungen mit den Außenklassen. Das ist grundsätzlich eine gute Sache. Aber es ist nur eine Teilinklusion. Die Schüler bleiben in der Schule wieder unter sich. Lediglich in bestimmten Fächern oder in der Freizeit werden sie mit nicht behinderten Schülern gemischt. Es hat immerhin den großen Vorteil, dass Schüler mit und ohne Behinderung im sozialen Bereich Lernmöglichkeiten haben im Umgang miteinander. Aber es ist keine vollständige Inklusion. Das ist sicher eine Sache, die im Lauf der nächsten Jahre weiter entwickelt werden wird. Bei Menschen mit Körperbehinderungen sowie Seh- oder Hörbehinderungen sehen Sie ebenfalls einen hohen Handlungsbedarf. Ja. Denn die Zahl der ähnlich behinderten Menschen ist gering. Damit wird der Einzugsbereich einer Sonderschule sehr groß. Hier ist es ebenfalls sehr wichtig, in die Regelschule zu integrieren. Es ist hier sehr, sehr viel möglich, etwa durch Elektronik. Da bin ich durchaus technikgläubig. Und für Kinder mit körperlichen Behinderungen ist die bauliche Barrierefreiheit die Voraussetzung für Inklusion.

Dennoch werden wir in Zukunft noch Sondereinrichtungen benötigen. Denn Eltern müssen wählen können. Wir brauchen also noch Sonderschulen? Auf jeden Fall. Sonst haben Eltern ja kein Wahlrecht. Übrigens wird meiner Meinung nach die Entscheidung Sonderoder Regelschule gar nicht immer durch die Schwere der Behinderung entschieden. Zuweilen kommen Menschen mit leichterer Behinderung schwerer in der Gesellschaft zurecht als jene mit schweren Behinderungen. Der leichter behinderte Mensch vergleicht sich eher mit nicht behinderten Menschen und erlebt mehr Frustration. Zum Beispiel wird nach meiner Erfahrung ein Mädchen mit Hörbehinderung eher gehänselt, weil sie anders spricht, als ein Mann im Rollstuhl, weil er nicht gehen kann. Menschen mit schwerer körperlicher Behinderung können den Wettbewerb leichter auf Felder verlagern, wo sie vielleicht gewinnen, etwa in den intellektuellen Bereich. Deswegen würde ich einem leichter behinderten Schüler nicht die Möglichkeit versagen wollen, eine Sonderschule zu besuchen, wenn er die Herausforderungen an einer Regelschule möglicherweise psychisch nicht bewältigt. Die Beratungen der Eltern wurden bisher in der Regel von den Trägern der Sondereinrichtungen durchgeführt. Die Eltern fordern zu Recht neutrale Beratungsstellen. Die Schulen sind ja ein Feld ständiger Reformen. Auch die grün-rote Landesregierung plant eine Bildungsreform. Ist die Schule als Dauerbaustelle eher eine Chance oder ein Hindernis für die Inklusion?

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Auch die Schule sollte die Chance zum Lernen haben. Denn das Leben und die Gesellschaft ändern sich laufend. Sie sollte nur nicht zu große Sprünge machen. Dabei kann man ordentlich auf die Nase fallen. Es gilt vielmehr, klar auf das in der UN-Konvention formulierte Ziel der Inklusion hinzuarbeiten. Schritt für Schritt, mit einem gewissen Druck. Die grün-rote Landesregierung will laut Koalitionsvertrag die Inklusion an Schulen konsequent umsetzen. Ein gesetzlicher Anspruch auf sonderpädagogische Förderung in der Regelschule, ein Wahlrecht zwischen Regel- und Sonderschule, die notwendige personelle, räumliche und sachliche Ausstattung, ein wohnortnahes Angebot zumindest für die Grundschule, … … und wenn den Worten Taten folgen, bin ich sehr zuversichtlich. Eröffnet zum Beispiel der Plan, das dreigliedrige Schulsystem durchlässiger zu machen, neue Chancen für behinderte Menschen? Mit Blick auf die Inklusion ist das nicht entscheidend. Wichtiger ist es, dass Menschen mit Behinderungen einen Schulabschluss erwerben können, der gleichwertig ist. Ein Zeugnis sollte für Arbeitgeber bei einer späteren Bewerbung bewertbar sein. Das ist bisher nicht immer der Fall.

Die verschiedenen Sonderschultypen stellen verschiedene Zeugnisse aus. Manchmal enthalten die Zeugnisse Zusatzberichte. Ich selbst tat mich als Inhaber meiner Firma LeoBa manchmal schwer, Zeugnisse einzuschätzen. Das heißt, ein Sonderschulabgänger ist mit seiner Bewerbungsmappe im Nachteil, weil sein Zeugnis weniger klar ist? Motto: Welcher Arbeitgeber macht sich den Aufwand, Fördergelder zu beantragen und einen Arbeitsplatz anzupassen, wenn er nicht beurteilen kann, was der Bewerber kann? Ja. Solange ein Arbeitgeber keine solide Information über die Schulleistungen eines jungen Bewerbers mit Behinderungen hat, sind Menschen mit Behinderungen benachteiligt. 15 Die Fragen stellte Sylvia Rizvi

Buchtipp
Willi Rudolf hat seine Erfahrungen in einer Autobiografie niedergeschrieben. Willi Rudolf: Geht nicht, gibt’s nicht. Mein steter Kampf gegen die Barrieren im Kopf 224 Seiten, Reutlingen 2010, ISBN: 978-3-88627-468-0, 16,95 Euro

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KVJS – Service: Bericht zur Entwicklung der vollstationären Hilfe zur Pflege
Mit seiner Berichterstattung zur vollstationären Hilfe zur Pflege informiert der KVJS die Stadtund Landkreise regelmäßig über die neuesten Entwicklungen in Baden-Württemberg. Alle zwei Jahre erscheint eine ausführliche Darstellung mit Hintergrundinformationen. Der neue Bericht liegt jetzt vor.
„Der KVJS möchte mit der Berichterstattung zur vollstationären Hilfe zur Pflege den Stadt- und Landkreisen ein Instrument an die Hand geben, das eine Standortbestimmung und somit die Einordnung und Bewertung der eigenen Leistungen in einem größeren Zusammenhang ermöglicht und die Entwicklungen in Baden-Württemberg aufzeigt“, beschreibt Verbandsdirektor Prof. Roland Klinger die Funktion der Berichterstattung. Die Stadt- und Landkreise stellen dafür die Daten zur Verfügung, die vom KVJS ausgewertet und in Form von Tabellen und Grafiken aufbereitet werden. Alle zwei Jahre erscheint dazu ein ausführlicher Bericht, der auch ergänzende Daten aus der Pflegestatistik Baden-Württemberg sowie sozio-demografische Hintergrunddaten enthält. Der langjährige Berichtszeitraum macht es möglich, spezifische Entwicklungen aufzuzeigen. So ist die Zahl der Pflegeheimbewohner in Baden-Württemberg, die auf Sozialhilfeleistungen der Hilfe zur Pflege angewiesen sind, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: von knapp 21 000 am Stichtag 31.12.2001 auf circa 27 000 im Jahr 2010. Dies bedeutet einen Anstieg um rund 30 Prozent in neun Jahren. Rund 80 Prozent beziehungsweise knapp 22 000 Personen der Leistungsempfänger sind dabei älter als 65 Jahre. Auch beim Netto-Gesamtaufwand für Leistungen an Empfänger von vollstationärer Hilfe zur Pflege spiegelt sich diese Entwicklung wider. Der verausgabte Betrag der baden-württembergischen Stadtund Landkreise belief sich im Jahr 2010 auf 334 Millionen Euro, was 31 Euro pro Einwohner entspricht – 2001 waren es 242 Millionen Euro. Der Bericht eröffnet aber auch die Möglichkeit, eine Aussage über die Sozialhilfequote zu treffen, indem die Zahl der Leistungsempfänger in der vollstationären Hilfe zur Pflege zur Gesamtzahl der Pflegeheimbewohner aus der amtlichen Pflegestatistik in Bezug gesetzt wird (Pflegebedürftige im Sinne der Pflegeversicherung). Ende 2009 lag die Sozialhilfequote bei 28 Prozent und damit zwei Prozentpunkte über dem Wert von 2001. Verweildauer im Durchschnitt 3,4 Jahre Ob Hilfe zur Pflege benötigt wird, hängt nicht nur von der Höhe des Einkommens und Vermögens ab, sondern auch von der Dauer des Pflegeheimaufenthalts. Nach den Ergebnissen einer bundesweiten Erhebung aus dem Jahr 2005 leben pflegebedürftige Menschen im Durchschnitt noch 3,4 Jahre in einer stationären Pflegeeinrichtung. Die Prognosen besagen, dass die durchschnittliche Verweildauer nicht wesentlich abnehmen wird. Zwar ziehen heute Menschen mit einem rein körperlichen Pflegebedarf später in ein Pflegeheim ein, weil sich die ambulante Versorgung für diese Zielgruppe deutlich verbessert hat. Auf der anderen Seite

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ist ein vermehrter Einzug von körperlich noch fitten Demenzkranken zu beobachten, die oft über mehrere Jahre im Heim leben. Reicht das Ersparte am Anfang für die Finanzierung des Heimaufenthalts noch aus, sind viele dieser Menschen später auf Unterstützung durch Sozialhilfe angewiesen. Ausgaben steigen Nach einem Rückgang der Sozialhilfequote und den Ausgaben mit Einführung der Pflegeversicherung in den 1990er Jahren ist seit 2001 wieder ein Anstieg der Ausgaben und der Sozialhilfequote zu beobachten. „Für eine gleichbleibende Entwicklung sprechen die zukünftige demografische Entwicklung und die sich damit abzeichnende Erhöhung der Zahl Demenzkranker, die wachsende Zahl von Senioren, die im Alter sehr wenig Geld zur Verfügung hat sowie weitere Kostensteigerungen im Pflegebereich, die auch durch den Mangel an Pflegekräften und den Wegfall der Investitionskostenförderung für Pflegeheime durch das Land seit 01.01.2011 noch verstärkt werden“, erläutert Verbandsdirektor Prof. Klinger die einzelnen Gründe. Die neueste Erhebung macht auch deutlich, dass am Jahresende 2010 rund 12,5 Prozent der Pflegeheimbewohner keine Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten haben (Pflegestufe 0). Der Anteil der in dieser Pflegestufe klassifizierten Pflegeheimbewohner ist vor allem in der Gruppe der über 65-jährigen Leis-

tungsempfänger in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Dies geht zurück auf die generell gesunkene Inanspruchnahme stationärer Pflege durch Menschen in Pflegestufe 0 infolge des Ausbaus alternativer betreuter Wohnund ambulanter Versorgungsangebote. Gleichzeitig ist eine Zunahme des Anteils der Leistungsempfänger in den Pflegestufen II und III zu beobachten. „Die bisherigen und zukünftig zu erwartenden Entwicklungen verdeutlichen die Notwendigkeit einer fundierten Datengrundlage und Analyse im Bereich der Leistungen der vollstationären Hilfe zur Pflege. Der KVJS wird seine Berichterstattung deshalb fortsetzen und bei Bedarf weiter differenzieren“, so Verbandsdirektor Prof. Klinger. jw Ansprechpartnerinnen beim KVJS Berichterstattung Hilfe zur Pflege in vollstationären Einrichtungen Gabriele Hörmle Alexandra Klein Gabriele.Hoermle@kvjs.de, Alexandra.Klein@kvjs.de Tel.: 0711 6375-235 Tel.: 0711 6375-774 Die Berichte der Hilfe zur Pflege in vollstationären Einrichtungen stehen Ihnen als pdf-Datei auf der KVJS-Homepage zur Verfügung: http://www.kvjs.de/soziales/senioren/ statistik-hilfe-zur-pflege.html

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91 000 Euro für Projekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe
Mit insgesamt 91 000 Euro fördert das KVJS-Landesjugendamt in diesem Jahr Projekte zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe. Das hat der Landesjugendhilfeausschuss beschlossen.
Die Förderung betrifft im wesentlichen Vorhaben aus den zwei thematischen Schwerpunkten „Betreuung – Bildung – Erziehung – Beruf“ und „Interkulturelle Jugendhilfe“. Es handelt sich dabei um wirksame, innovative und kostengünstige Hilfen und Angebotsformen für junge Menschen und ihre Familien, die Eltern, Schule und Gemeinwesen einbeziehen und damit präventiv wirken. Im Einzelnen werden folgende Projekte gefördert: Der Jugendcoolturbus (Träger: Mariaberger Ausbildung & Service gGmbh, Gammertingen): Geplant ist ein Bus, der mit Material für Theateraufführungen, Bandprojekte, Konzerte, Tanzkontests, Medienprojekte, Integrationskurse, Beratung, Veranstaltungen und Partys bestückt wird und sich unter pädagogischer Begleitung auf den Weg zu den Jugendlichen in die ländlichen Gemeinden macht. Denn dort fehlt es an professioneller Jugendarbeit. Dieses neue Angebot der offenen Jugendarbeit erreicht damit junge Menschen, die an ihrem Heimatort kaum Kontakt zu Einrichtungen der Jugendkultur und Jugendhilfe haben. Gemischtes Doppel-Jugendhilfe und Schule (Träger: Der Paritätische BadenWürttemberg): Die Bildung und Entwicklung junger Menschen zu fördern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die vernetzte und innovative Denk- und Handlungsansätze der Systeme Bildung, Betreuung und Erziehung notwendig machen. In Kooperation mit mehreren freien (Heim-)Trägern, Gemeinden als Schulträgern sowie den zuständigen Jugendämtern sollen Strukturen und Intensitäten zur Gestaltung kommunaler Bildungslandschaften erprobt werden. „Unternehmen Bilden den Unterschied = BUNT 2“ (Träger: Kreisjugendring Esslingen e.V.): Das Projekt möchte in Kooperation mit der Stadt Plochingen einen Berufsbildungsplan auf den Weg bringen, der zu einem kommunalen Übergangsmanagement Schule-Beruf hin entwickelt wird. Bürgermeister, Wirtschaftsförderer und die Schulleitungen unterstützen dieses Vorhaben. Da der Übergang ins Berufsleben in bisher üblichen kommunalen Bildungsplänen kaum Berücksichtigung findet, kann der exemplarische Berufsbildungsplan als „Muster“ für andere Kommunen dienen. Erziehungspartnerschaft (Träger: Landratsamt Böblingen, Jugend und Bildung, Heilpädagogischer Fachdienst): Ziel dieses Projekts ist es, Bausteine für eine neue Form der Eltern- und Familienarbeit in der Vorschulpädagogik zu konzipieren. Familien in schwierigen Lebenslagen soll damit ein aufsuchendes, mobiles Beratungsangebot zur Verfügung stehen. Das Besondere: Die Beratung und Unterstützung findet sowohl im Elternhaus als auch im Kindergarten statt und alle Beteiligten – Eltern, Kinder, Erzieher/innen – werden mit einbezogen.

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„Multiplikatorenausbildung“ (Träger: Kreisjugendring Hohenlohe e.V.): Im Hohenlohekreis leben in bestimmten Orts- und Stadtteilen Gruppen junger Menschen mit Migrations- und unterschiedlichem schulischen Hintergrund, die durch kritischen Alkohol- und Drogenkonsum auffallen. Da diese Jugendlichen durch die bestehenden Angebote der Jugendarbeit kaum erreicht werden, sollen von der Gruppe akzeptierte und zum Engagement motivierte Jugendliche angesprochen und in ihrer „Peer-Leader-Funktion“ als verantwortliche Multiplikatoren für eine qualifizierte Jugendarbeit gewonnen werden. „bsj-sports-junior“ (Träger: Badische Sportjugend im Badischen Sportbund Freiburg e.V.): Dahinter steckt die neuartige Idee, das ehrenamtliche Engagement sozial- und bildungsbenachteiligter junger Menschen im Sport nachhaltig zu fördern und ihnen zudem die Möglichkeit zu bieten, ihre persönliche Lebensgestaltung sowie berufliche Perspektive mithilfe einer Zusatzqualifikation „Sportassistent“ zu optimieren. Interkulturelle Elternwerkstätten zu einer migrationssensiblen Präventionsarbeit für Mädchen und Jungen (Träger: Lilith e.V., Pforzheim): In den Kindertages-

einrichtungen, besonders in denen mit zahlreichen Kindern mit Migrationshintergrund, sind die Eltern sehr an Fragen zum Schutz ihrer Kinder vor sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt interessiert. In Elternwerkstätten sollen daher gemeinsam mit Müttern und Vätern deutscher und nichtdeutscher Herkunft Ziele und Inhalte eines übertragbaren Präventionskonzepts entwickelt und in der Kindertageseinrichtung erprobt werden. KeineR geht verloren – Nachhaltige Netzwerke für Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf (Träger: Sozialtherapeutischer Verein e.V., Holzgerlingen): Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund erhalten über interkulturell ausgerichtete Gruppenarbeit Unterstützung in Entwicklung von Rollenund Selbstbildern mit erfolgversprechenden Perspektiven für Schule und Beruf. Durch Einbeziehung von Migrantenorganisationen in Jugendhilfe-Schule-Netzwerke sollen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihren Eltern die Handlungsmöglichkeiten zum Krisenmanagement in wichtigen Entwicklungsphasen erweitert und verbessert werden. add

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Auf eigenen Beinen: Selbstständig mit Behinderung
Rund 150 schwerbehinderte Menschen arbeiten in Baden-Württemberg als Selbstständige. Das KVJS-Integrationsamt unterstützt sie dabei. Voraussetzung für die Existenzgründung ist eine tragfähige Geschäftsidee und eine entsprechende Qualifikation.
Die Bandbreite ist groß: Vom Kioskbetreiber bis zur Rechtsanwältin vom Maler bis zum Psychologen. Etwa zehn schwerbehinderte Menschen machen sich jedes Jahr neu in Baden-Württemberg selbstständig. „Die meisten Gründer sind arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht“, erklärt Sylvia Kaiser, Fachberaterin für Selbstständige beim KVJS-Integrationsamt. Sie wagen den Sprung in die Selbstständigkeit oft notgedrungen. 20 Um für eine Förderung durch das Integrationsamt in Frage zu kommen, müssen gründungswillige schwerbehinderte Menschen eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllen: Ihr Geschäftsmodell muss wirtschaftlich tragfähig sein, sie müssen die entsprechende Qualifikation und einschlägige Berufserfahrung haben und über betriebswirtschaftliche Kenntnisse verfügen. Zudem muss ein positives Gründungsgutachten, etwa von der IHK oder einem Beratungsunternehmen vorliegen. „Ganz wichtig ist, dass die Familie dahinter steht“, weiß Kaiser aus Erfahrung. „Anfangs ist es mit einer 40-Stunden-Wochen nicht getan.“ Freie Wochenenden und Urlaub sind auch nicht mehr selbstverständlich. „Einer meiner Klienten hat mal gesagt: Selbstständig besteht aus selbst und ständig.“ Ohne familiäre Rückendeckung ist das nicht zu machen. Das Integrationsamt beim KVJS fördert nur, wenn die Geschäftsidee erwarten lässt, dass das Unternehmen auf dem Markt überlebensfähig ist. In absehbarer Zeit müssen Einnahmen in einer Höhe erwirtschaftet werden können, die hoch genug sind um sowohl den Lebensunterhalt des Selbstständigen finanzieren können, als auch die laufenden Geschäftskosten. Das Integrationsamt kann Gründern hierfür ein zinsfreies Darlehen oder Zinszuschüsse zu Bankkrediten gewähren. Um behinderungsbedingte Einschränkungen aufzufangen, kann es außerdem Zuschüsse zur behinderungsgerechten Arbeitsplatzausstattung und einem geschäftlich genutzten Auto geben. Außerdem unterstützt das KVJS-Integrationsamt eine barrierefreie Umgestaltung der Zugänge zur Wohnung und zum Arbeitsplatz. Kernaufgaben müssen abgedeckt sein Das Integrationsamt prüft auch genau, ob ein Gründungswilliger tatsächlich in der Lage ist, das absehbare Arbeitspensum zu bewältigen. So muss es trotz Behinderung möglich sein, das „Kerngeschäft“ selbst zu erledigen. So wie Lars Höllerer zum Beispiel. Mit Anfang 20 hatte er einen schweren Motorradunfall. Seither kann er seinen Kopf noch etwas bewegen. Mehr nicht. Höllerer ist Tetraplegiker – gelähmt vom Hals abwärts. In der Reha entdeckte er sein Talent als Mundmaler und damit seinen jetzigen Beruf, in dem er ausgesprochen erfolgreich ist. Sein Arbeitsassistent rückt ihm die Staffelei zurecht und gibt die gewünschte Farbe auf einen Pinsel, den er dem Künstler anschließend in den Mund steckt. Das „Kern-

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geschäft“ des Malens übernimmt Höllerer selbst. Das Integrationsamt des KVJS fördert die notwendige Arbeitsassistenz und hat die Spezialstaffelei bezuschusst. Weitere Zuschüsse gab es für den behinderungsgerechten Umbau des Zugangs zur Wohnung des Malers und für die Anschaffung und den Umbau eines Fahrzeugs, mit dem auch der Elektrorollstuhl transportiert werden kann. Kai „Jimmy“ Reutner ist ebenfalls Maler. Allerdings nicht mit Pinsel auf Leinwände sondern mit größeren Gerätschaften auf Wände. Der junge Familienvater hat sich mit seiner Firma „Reutner Retro-Renovierung“ auf die Gestaltung von Altbauten spezialisiert. Auch er benötigt Arbeitsassistenz, denn Reutner ist sehbehindert. Im Nahbereich können seine Augen nicht scharf stellen. Zum Transport von Material braucht er jemanden, der ihn fährt. Deshalb bekommt auch er Arbeitsassistenz. Das KVJS-Integrationsamt fördert zudem behinderungsbedingt notwendige Geräte, etwa ein Maßband und eine Wasserwaage mit Sprachausgabe. Arbeitsassistenz stark gefragt Förderung der Arbeitsassistenz ist eine Leistung des Integrationsamtes, die von Jahr zu Jahr mehr nachgefragt wird. 2010 bekamen insgesamt 208 schwerbehinderte Menschen eine notwendige Arbeitsassistenz gefördert – 57 von ihnen arbeiteten selbstständig. Seit 2002 besteht ein Rechtsanspruch auf die Übernahme der Kosten einer notwendigen Arbeitsassistenz.

Dank Arbeitsassistenz kann auch Stephan Schemenauer seine berufliche Existenz aufrecht erhalten. Der Mittvierziger führt ein alt eingesessenes Fahrradgeschäft mit Reparaturservice in Heidelberg. Nach einem Schlaganfall stand auf einmal der Fortbestand des kleinen Unternehmens in Frage. Schemenauer war plötzlich schwerbehindert, seinen linken Arm kann er nicht mehr bewegen. Doch dank eines Arbeitsassistenten kann der selbstständige Fahrradmechaniker Laden und Werkstatt weiter betreiben. Der findige Tüftler hat sich zudem einen Spezialständer konstruiert, in dem er Fahrräder so einspannt, dass er einiges nur mit einer Hand erledigen kann. Im vergangenen Jahr hat das KVJS-Integrationsamt neben den Leistungen für eine notwendige Arbeitsassistenz 48 schwerbehinderten Menschen Leistungen zur Gründung und zum Erhalt einer selbstständigen Tätigkeit in Höhe von insgesamt 310 000 Euro gewährt, neun von ihnen gingen neu an den Start. „Wir beobachten, dass das Niveau der Qualifikation in den letzten Jahren gestiegen ist“, erklärt Fachberaterin Sylvia Kaiser. Das und eine strenge Prüfung der Geschäftsidee durch einen der beiden Fachleute beim Integrationsamt halten die Zahl der Insolvenzen äußerst gering. Nur etwa ein Prozent der schwerbehinderten Selbstständigen müssen pro Jahr aufgeben. mok

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Kündigungszahlen rückläufig – Arbeitslosigkeit weiter hoch
Die Anträge auf Zustimmung zur Kündigung eines schwerbehinderten Beschäftigten sind weiter rückläufig, stellt das Integrationsamt des KVJS in seiner jetzt erschienen Leistungsbilanz 2011/11 fest. Trotzdem können arbeitsuchende schwerbehinderte Menschen nicht von der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt profitieren.
Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist die Zahl der Anträge auf Zustimmung zur Kündigung im ersten halben Jahr 2011 um 8,9 Prozent zurück gegangen. Zugleich hat das KVJS-Integrationsamt seine Präventionsarbeit weiter verstärkt: In den 690 Präventionsfällen, die das Integrationsamt 2010 abschließen konnte, gelang es in 593 Fällen, den gefährdeten Arbeitsplatz zu erhalten. Das entspricht einer Erfolgsquote von 70 Prozent. Die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen ist allerdings entgegen dem allgemeinen Trend bei Arbeitslosen nicht nur im Bund sondern auch in Baden-Württemberg weiter gestiegen. Schwerbehinderung tritt in der Regel in fortgeschrittenem Alter auf. So treffen mit Alter und Behinderung zwei Vermittlungshemmnisse zusammen. Viele Arbeitgeber reagieren mit Präventionsverfahren nicht nur auf die demographische Entwicklung einer älter werdenden Belegschaft, sondern auch auf die erhöhte Darlegungslast, die sie bei einem Kündigungsschutzprozess beim Arbeitsgericht sonst trifft, wenn sie keine Prävention betrieben haben. Das KVJS-Integrationsamt wird hier in doppelter Funktion tätig: Zum einen wird es in vielen Einzelfällen bedrohter Arbeitsverhältnisse hinzugezogen, zum anderen berät und schult es viele Betriebe bei der Erstellung innerbetrieblicher Vereinbarungen über die Praxis des Betrieblichen Eingliederungsmanagements. Die Arbeitgeber von schwerbehinderten Menschen wurden 2010 mit fast 16 Millionen Euro unterstützt – 2,5 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Der größte Betrag entfiel mit 13,7 Millionen Euro auf den Ausgleich außergewöhnlicher Belastungen. Aktion 1000plus weiter auf Erfolgskurs Die im Auftrag des KVJS-Integrationsamtes tätigen Integrationsfachdienste (IFD) konnten1 105 schwerbehinderte Klienten auf sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vermitteln. Darunter waren 342 geistig behinderte Menschen, deren berufliche Integration mit der „KVJS-Aktion 1000“ besonders gefördert wurde. Die erfolgreiche Aktion endete 2010 nach fünf Jahren mit insgesamt 1 604 Vermittlungen auf den allgemeinen Arbeitmarkt. Die angepeilte Zielmarke von 1 000 Arbeitsplätzen für Sonderschulabgänger und Beschäftigte der Werkstatt für behinderte Menschen wurde damit weit übertroffen. Zudem sind die so entstandenen Arbeitsplätze von Dauer. Die Nachhaltigkeitsquote liegt bei 84,7 Prozent – was für die passgenaue Vermittlung der IFD-Klienten spricht. Mit der „Aktion 1000plus“ will der KVJS den Erfolg fortschreiben. Das KVJS-Forschungsprojekt „Regionale Arbeitsmarktforschung und –planung zur Integration wesentlich behinderter Men-

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schen“ soll weitere Strategien für die Integration besonders betroffener schwerbehinderter Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt entwickeln. Denn langfristig soll die berufliche Integration dieser Personengruppe zu einer Selbstverständlichkeit werden. mok

Ausführliche Informationen finden Sie in der Leistungsbilanz 2010/11. Zahlen – Daten – Fakten zur Arbeit des Integrationsamts. Kostenlose Bestellung bei Gisela.Luettges@kvjs.de Telefon 0721 8107-983 Oder im Internet unter www.kvjs.de/publikationen/ behinderung-und-arbeit.html

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Kommunen wollen Hilfen für ehemalige Heimkinder auf den Weg bringen
Wird es beim KVJS im nächsten Jahr eine Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder geben? Und zieht der KVJS den kommunalen Anteil für den Entschädigungsfonds über die Verbandsumlage ein? Etliche Weichen sind gestellt. Noch muss der Bundesgesetzgeber Finanzierungs- und Organisationsfragen klären.
Wenn Berlin seine Entscheidungen gefällt hat, können die Kommunen ihre Pläne in die Tat umsetzen. Für zunächst fünf Jahre soll eine baden-württembergische Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige misshandelte Heimkinder eingerichtet werden. Sie soll Betroffene beraten und begleiten sowie Unterstützung bei der Akteneinsicht bieten. Die Beratungsstelle kann helfen Therapien zu vermitteln. Und sie kann behilflich sein, Mittel aus dem Entschädigungsfonds oder mögliche sozial- und zivilrechtliche Ansprüche wie etwa Rente oder Opferentschädigung zu beantragen. Diesen Herbst möchte die Bundesregierung einen Bundestagsbeschluss herbeiführen. Die Abgeordneten sollen abschließend entscheiden, welchen Anteil Bund, Länder und Kommunen Entschädigungsfonds für Heimkinder einzahlen sollen. Der Fonds umfasst 120 Millionen Euro. Abschlussbericht über Missstände Etwa 700 000 bis 800 000 Kinder und Jugendliche lebten in der Zeit von 1949 bis 1975 in Heimen in der Bundesrepublik. Ein Teil von ihnen wurde Opfer von Missbrauch und Misshandlung. Im Februar 2009 konstituierte sich der „Runde Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“. Im Dezember 2010 legte der Runde Tisch seinen Abschlussbericht vor, der zum Teil erschütternde Missstände bestätigte. Der Abschlussbericht wurde am 19. Januar 2011 dem Bundestag übergeben. Aus seiner Bewertung der Missstände und den Forderungen der ehemaligen Heimkinder hat der Runde Tisch zahlreiche Lösungsvorschläge zusammengestellt. Zu den Kernforderungen gehören die Einrichtung eines bundesweiten Entschädigungsfonds mit 120 Millionen Euro und regionale Beratungsstellen für ehemalige Heimkinder. Konkrete Hilfemaßnahmen entwickelt Die Kernforderungen wurden am 10. März 2011 zwischen Sozialministerium, Kommunalen Landesverbänden und dem KVJS erörtert. Baden-Württemberg müsste 6,1 Millionen Euro in den Fonds einzahlen. Die kommunale Seite übernimmt davon ein Drittel. Es ist beabsichtigt, den kommunalen Anteil über die KVJS-Umlage aufzubringen. Zudem ist angedacht, die Anlauf- und Beratungsstelle in BadenWürttemberg beim KVJS-Landesjugendamt anzusiedeln. Sie soll zunächst auf fünf Jahre befristet sein. Am 27. Juni 2011 sind im Deutschen Bundestag bei einer Anhörung neue Opfergruppen in den Blick geraten, nämlich Kinder aus Heimen der ehemaligen DDR, Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

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Wie diese zusätzlichen Gruppen entschädigt werden können, ist aus Sicht des KVJS noch völlig offen. „Der Deutsche Landkreistag weist zu Recht darauf hin, dass für diese drei Gruppen sehr unterschiedliche Voraussetzungen galten und deshalb zunächst die Sach- und Rechtslage aufgearbeitet werden sollte“, sagt Reinhold Grüner, stellvertretender Leiter des KVJS-Landesjugendamtes. Bereits im August 2010 hat der KVJS ein Internetangebot für ehemalige Heimkinder ins Netz gestellt. Es informiert unter anderem über die damalige Rechtslage, damals vorhandene staatliche Heime in Baden-Württemberg und die Möglichkeit

der Akteneinsicht. Rund dreißig ehemalige Heimkinder verschiedener Heime haben sich bisher beim KVJS gemeldet. Sie interessieren sich für die Hintergründe ihrer Heimaufenthalte oder wollen Ansprüche beim Entschädigungsfonds geltend machen. „Eine hinreichend gesicherte Prognose über die Zahl der tatsächlich zu erwartenden Anfragen lässt sich daraus nicht ableiten“, sagt Reinhold Grüner. syr

Informationen für ehemalige Heimkinder im Internet
www.kvjs.de www.rundertisch-heimerziehung.de

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Publikationen – beim KVJS erschienen
Schwerbehinderung und Arbeit
Zeitschrift behinderte Menschen im Beruf, Ausgabe Baden-Württemberg, 3/2011 Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. Leistungsbilanz 2010/2011, Hrsg. KVJS, August 2011 Zahlen, Daten und Fakten zur Arbeit des KVJS-Integrationsamts. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Gisela Lüttges Telefon 0721 8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ schwerbehinderung.html Hilfe zur Pflege in vollstationären Einrichtungen 2010, Oktober 2011 Berichterstattung zur vollstationären Hilfe zur Pflege mit Kennzahlen aus den Stadtund Landkreisen in Baden-Württemberg. Kostenlos zu beziehen im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ soziales.html oder beim KVJS Manuela Weissenberger Telefon 0711 6375-307 Manuela.Weissenberger@kvjs.de

Betreuungsrecht
KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 3, 2011. Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/service/publikationen/ kvjs-btr-info.html

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Behinderung und Pflege
KVJS-Service: Fallmanagement in der Eingliederungshilfe. Gesamtplan nach § 58 SGB XII – Grundlagenpapier, September 2011 Eine Arbeitshilfe für Fachleute, erarbeitet von einer Arbeitsgruppe des KVJS und der Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg. Dokumentation Gemeindepsychiatrischer Verbund Baden-Württemberg. Ergebnisse einer Datenerhebung bei den Stadt- und Landkreisen zum 31.12.2009. Hrsg.: Städtetag Baden-Württemberg, Landkreistag Baden-Württemberg, KVJS, August 2011 Die Publikation ermöglicht Sozialplanern Einblicke in die Angebote und Versorgungssituation der Kreise.

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Jugendhilfe
Unterrichtsmappe Adoption. Ein Thema für den Schulunterricht, Herausgeber: KVJS, Stuttgart, August 2011 Immer wieder werden Schülerinnen ungewollt schwanger. So manche sieht sich in einer Notsituation und denkt an einen Schwangerschaftsabbruch. Nur wenige erwägen in dieser Lage, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Die Jugendlichen haben oft nur lückenhafte Informationen. Die Zentrale Adoptionsstelle beim KVJSLandesjugendamt hat jetzt eine Unterrichtsmappe für die Schule entwickelt. Erfolgreich mit Unternehmen kooperieren. Juli 2011 Hinweise und Empfehlungen zur Akquisition von Praktika, Arbeits- und Ausbildungsstellen. Zielgruppe sind die Fachkräfte in der Jugendberufshilfe, Jugendsozialarbeit und Projektmitarbeiter/innen im Feld der beruflichen Integration sozial benachteiligter junger Menschen. Es werden Erfahrungen und Anregungen aus der Praxis vorgestellt. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/jugend/adoption.html

KVJS spezial, Ausgabe 9:
„Zukunft im Blick“ – Sozialplanung für Senioren und Menschen mit Behinderung Der KVJS unterstützt die Stadt- und Landkreise auf Wunsch bei der Erstellung von Teilhabeplänen für Menschen mit Behinderung und Kreisseniorenplänen. Das Heft informiert darüber, wie diese Unterstützung aussehen kann und zeigt Beispiele auf für die gelingende Zusammenarbeit. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Heide Schaible Telefon 0711 6375-208 Heide.Schaible@kvjs.de Silvia Kiraly Telefon 0711 6375-237 Silvia.Kiraly@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter http://www.kvjs.de/service/ publikationen/kvjs-spezial.html

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