Publication:
2010
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729849
Path:
KVJS

aktuell
Aus dem Inhalt: Flagge zeigen für Familie: Zukunftswerkstätten auf Erfolgskurs
Seite 6

Entspannung auf dem Arbeitsmarkt für schwerbehinderte Menschen
Seite 11

KVJS-Service: „Werkzeugkoffer“ zur Wirkungsorientierung
Seite 14

Demografie: Das „kritische Jahrzehnt“ der Kinder- und Jugendhilfe hat begonnen
Seite 19

4/10

2

KVJS aktuell Dezember 2010 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Stefan Wiegandt (wgn) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de

KVJSaktuell

4/2010

Dauerhafte Entlastung der Eingliederungshilfe gefordert
„Um eine dauerhafte Entlastung der Eingliederungshilfe zu erreichen, ist die Mitfinanzierung des Bundes in Form eines Bundesteilhabegeldes zu fordern“, erklärte der Vorsitzende des KVJS, Landrat Karl Röckinger am 15.Dezember 2010 vor der Verbandsversammlung anlässlich der Verabschiedung des KVJS-Etats 2011. Dieser hat ein Gesamtvolumen von 152,2 Millionen Euro. Die Verbandsumlage verringert sich gegenüber dem Vorjahr um 12,53 Prozent.
Nach wie vor, so der Verbandsvorsitzende, zeige die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen eine „geradezu vehemente Dynamik“. So sei die Zahl der behinderten Menschen, die in BadenWürttemberg Leistungen der Eingliederungshilfe erhalten, allein von 2008 auf Ende des Jahres 2009 von 55 000 auf 58 000 Personen angestiegen. Insgesamt haben die Stadt- und Landkreise im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Euro für die Eingliederungshilfe aufgewendet. Diese Entwicklung, führte Karl Röckinger aus, werde sich weiter fortsetzen: Zum einen, weil durch den medizinischen Fortschritt auch schwerstbehinderte Menschen eine immer höhere Lebenserwartung haben. Zum anderen hat der Deutsche Bundestag vor zwei Jahren die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert. Daraus ergibt sich die Verpflichtung zur Inklusion. Das bedeutet, es müssen gemeinsame Lebensräume für Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen werden, im Kindergarten, in der Schule, in der Arbeitswelt und beim Wohnen. Welche Kosten dabei das Land, die Landkreise, die Städte und Gemeinden zu tragen haben, sei, so Röckinger, noch völlig ungeklärt. Aber: „Fakt ist: Die Kosten steigen weiter.“ In dieser Situation, die dadurch verschärft wird, „dass die Finanz- und Wirtschaftskrise die baden-württembergischen Kreise mit voller Wucht erfasst hat“, wie der Verbandsvorsitzende deutlich machte, könne es nicht hingenommen werden, „dass die seit Jahren geführte Diskussion über eine zu verändernde Finanzierungsgrundlage der Eingliederungshilfe keinen Millimeter vorankommt.“ Die Eingliederungshilfe sei nicht Aufgabe eines nachrangigen Hilfesystems wie der Sozialhilfe, sondern es handle sich vielmehr um eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung. Deshalb müsse der Bund in Form eines Bundesteilhabegeldes seinen Beitrag leisten. Beim KVJS gehe es darum, erläuterte Karl Röckinger, die Belastung der Verbandsmitglieder so gering wie möglich zu halten. Für den KVJS gelte als oberstes Gebot, dass die Verbandsumlage in den nächsten Jahren weitgehend stabil bleibe. Dies werde durch die Vorgabe strikter Sparsamkeit und durch die Heranziehung der Rücklage erreicht. Aus der Rücklage, die 22,6 Millionen Euro zu Beginn des Jahres 2009 enthielt, sind bereits 5,1 Millionen Euro für die Finanzierung des Verwaltungshaushaltes 2010 entnommen worden. Für die besonders harten Krisenjahre 2011 und 2012 werden jeweils acht Millionen Euro der Rücklage entnommen und für das Jahr 2013 sind die restlichen drei Millionen Euro eingeplant.
„

3

4/2010

KVJSaktuell

„Das entscheidenden Signal, das vom KVJS-Haushalt 2011ausgeht, ist die Tatsache, dass sich die Verbandsumlage um 12,53 Prozent gegenüber dem Vorjahr verringert“, hob der KVJS-Vorsitzende hervor. Dies sei möglich durch Einsparungen bei den Personal- und Sachkosten, durch die Rücklagenentnahme sowie durch Wenigerausgaben bei den dem KVJS gesetzlich vorgegebenen Kostenerstattungen in der Sozialhilfe. Überdurchschnittliche Effizienzrendite Erneut sei es dem KVJS seit seinem Bestehen, so Röckinger, also seit 2005 gelungen, „permanent eine überdurchschnittliche Effizienzrendite zu erzielen.“ Sie beträgt für diesen Zeitraum bei den Personalausgaben 24,3 Prozent und bei den Sachausgaben 28,5 Prozent. „Zusammengenommen bedeutet dies, dass der KVJS von 2005 bis 2009 bei den Personalund Sachkosten einen Einsparungseffekt in Höhe von 25,2 Prozent erreicht hat“, resümierte der Vorsitzende. Das Gesamtvolumen des von der Verbandsversammlung beschlossenen KVJSHaushaltes 2011 beträgt 152,2 Millionen Euro. Davon entfallen 122,3 Millionen Euro auf den Verwaltungshaushalt und 30,1 Millionen Euro auf den Vermögenshaushalt. Die Personalausgaben mit 26,4 Millionen Euro erhöhen sich gegenüber dem Jahr 2010 nicht, sondern sie sinken sogar geringfügig. Das Volumen des nicht umlagefinanzierten Sondervermögens Ausgleichsabgabe, mit dem die Leistungen des KVJS-Integrationsamtes für schwerbehinderte Menschen finanziert werden, reduziert sich im Vergleich zum Vorjahr um vier Millionen Euro auf 87,9 Millionen Euro aufgrund der Wirtschaftskrise. „Zum Glück ist die Situation nicht in der Weise dramatisch, dass Förderbereiche reduziert werden müssen“, erläuterte der Verbandsvorsitzende. Deshalb könne

beispielsweise die Förderung von Integrationsprojekten nicht nur im bisherigen Umfang fortgesetzt, sondern weiter ausgebaut werden. Forschungsvorhaben des KVJS Im vergangenen Jahr beschloss die Verbandsversammlung, für Forschungsvorhaben des KVJS 450 000 Euro in den Haushalt 2010 aufzunehmen, wodurch der effiziente Einsatz von Finanzmitteln gesichert und wodurch verhindert wird, dass Ressourcen eingesetzt werden, die keinen Erfolg versprechen. Der Zeitplan zur Umsetzung dieser Initiative, unterrichtete Karl Röckinger die Verbandsversammlung, sei exakt eingehalten worden. Inzwischen sind diese Forschungsprojekte in Auftrag gegeben worden: •	 Lebensqualität und Lebenserwartung von Menschen mit wesentlicher geistiger Behinderung im Alter – eine Untersuchung zur zukünftigen Entwicklung der spezifischen demografischen Situation in Deutschland und in Baden-Württemberg, •	 Wirkungsanalyse des Fallmanagements in der Eingliederungshilfe, •	 Auswirkungen des Ausbaus der Ganztagsschulen auf die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in BadenWürttemberg, •	 Umsetzung des Schutzauftrags der Kinder- und Jugendhilfe in BadenWürttemberg, •	 Strukturen der rechtlichen Betreuung in Baden-Württemberg und Chancen der Weiterentwicklung. Ebenfalls Positives berichtete der KVJSVorsitzende über die Projekte zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe. Leitgedanke dieser „Bausteine zur Eingliederungshilfe“ sei die Notwendigkeit, das Prinzip ambulant vor stationär durch die

4

„

KVJSaktuell

4/2010

Einbindung der Gesellschaft wirkungsvoll voranzubringen. Erprobt wurden die Themenschwerpunkte „Alltagsgestaltung für Seniorinnen und Senioren beim Eintritt in den Ruhestand“, „Flexibilisierung von ambulanten und stationären Wohnformen“, sowie das „Selbstständigkeitstraining im häuslichen Umfeld“. Die Erprobung der Entwicklungsprojekte begann 2008 und wird mit Ende des Jahres 2010 abgeschlossen sein. „Das Fazit“, so Vorsitzender Röckinger, „lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die praxisorientierten, gemeinsam mit den Stadt- und Landkreisen entwickelten Projekte führten zu teilhabeorientierten und wirtschaftlich effizienten Ergebnissen. Diese sind auf andere Stadt- und Landkreise übertragbar und sie beschleunigen eindeutig den angestrebten Paradigmenwechsel in der Hilfe für behinderte Menschen.“

Neue „Bausteine“ Da klar sei, dass die Träger der Eingliederungshilfe auch in den nächsten Jahren vor großen Herausforderungen stünden, seien weiterhin, so der Verbandsvorsitzende, „Lösungen gefragt, die den Paradigmenwechsel im vorgegebenen Kostenrahmen ermöglichen.“ Im KVJS-Haushalt 2011 sind für neue „Bausteine in der Eingliederungshilfe“ 100 000 Euro veranschlagt. Schwerpunkte dieser Entwicklungsprojekte sind die „Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung“, „Arbeit und Beschäftigung für Menschen mit hohem Hilfebedarf“ sowie „Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund“. Diese Projekte erstrecken sich über den Zeitraum 2010 bis 2012. wgn 5

Anfangen, wenn das Dach noch über dem Kopf ist!
„Mit neuem Mut gegen Wohnungslosigkeit und soziale Ausgrenzung“ – so lautete der Titel einer Konferenz im Rahmen des Europäischen Jahrs zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung, die am 17. November in Stuttgart stattfand. Veranstaltet wurde die Fachtagung vom baden-württembergischen Sozialministerium, der Liga der freien Wohlfahrtspflege, dem KVJS sowie von Städte-, Landkreisund Gemeindetag. In vier moderierten Fachforen wurden anhand von Praxisbeispielen die Themen Prävention, Sozialraumorientierung, Junge Wohnungslose/U25 und Teilhabe am Arbeitsleben diskutiert. Das Gesamtprogramm sowie die Referate der Tagung und die Ergebnisse der Fachforen sind im Internet unter www.wolotagung2010.de zu finden. mok

4/2010

KVJSaktuell

Flagge zeigen für Familie: Zukunftswerkstätten auf Erfolgskurs
Eine Gemeinde muss heute konsequent auf Familienfreundlichkeit setzen, wenn sie morgen im Wettbewerb der Regionen um Fach- und Führungskräfte die Nase vorne haben möchte. Der KVJS unterstützt die kommunale Infrastrukturentwicklung für Familien bereits seit 2005 durch die „Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune“– mit durchschlagendem Erfolg: In den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der gemeinsam mit der Familienforschung BadenWürttemberg veranstalteten Werkstätten nahezu verdreifacht.
In der Gemeinde X soll eine Tauschbörse für familienunterstützende Dienstleistungen aller Art aufgebaut werden, Stadt Y liegt der Ausbau des Betreuungsangebots für Kinder im Vorschulalter am Herzen, Gemeinde Z favorisiert eine zentrale Anlaufstelle für Familien, Jung und Alt bei den Gemeinden. So unterschiedlich die Ideen und Vorhaben auch sind, haben sie dennoch einen gemeinsamen Ursprung: Sie alle sind entstanden in den Zukunftswerkstätten. 40 Städte und Gemeinden – vom „Dörfle“ bis zur Großstadt – profitieren bislang von diesem Angebot vor Ort. Für 2011 sind schon acht Werkstätten im Terminkalender der zuständigen KVJSMitarbeiter fest verbucht, acht weitere Interessenten stehen auf der Anmeldeliste. Warum die Kommunen im Land ihr kinder- und familienfreundliches Profil schärfen wollen, liegt für Andreas Reuter vom Landesjugendamt des KVJS klar auf der Hand: „Nur attraktive Gemeinden können auf den Zuzug von jungen Familien hoffen“. Zukunftswerkstätten bündeln die Kräfte und das Know-How in der Kommune: Alle interessierten Bürger, Familien, Vertreter der Kommune und örtlichen Einrichtungen, Geschäfte und Betriebe, Kirchen, Verbände und Vereine kommen in der Auftaktveranstaltung an einem Tag zusammen, um Stärken und Schwächen der Familienfreundlichkeit vor Ort zu diskutieren und gemeinsame Handlungsansätze für eine zukunftsweisende familienfreundliche Kommunalentwicklung zu erarbeiten. Der KVJS bietet hier für jede Gemeinde ein maßgeschneidertes Konzept an, das den Erfolg der Projektarbeit garantiert. Neben der Vorbereitung, Werbung und Pressearbeit werden auch Möglichkeiten der Verstetigung eines familienfreundlichen Klimas durch die Einbeziehung von bürgerschaftlichem Engagement aufgezeigt. Und: Die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt werden im Gemeinderat der jeweiligen Kommune präsentiert – „eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz des gemeinsam erarbeiteten Maßnahmekatalogs“, wie Andreas Reuter deutlich macht. Hat der Gemeinderat „grünes Licht“ gegeben, geht es mit vereinten Kräften an die Umsetzung der verschiedenen Projekte. Was kann getan werden? Was ist vordringlich? Wer kann dabei helfen? sind hier die zentralen Fragen. Alle Vorhaben werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des KVJS-Landesjugendamtes begleitet. Sie fertigen unter anderem Ausarbeitungen zu spezifischen Themen an oder stellen Initiativen aus anderen Regionen vor, die der jeweiligen Gemeinde helfen sollen, ihr Projekt auf den Weg zu bringen.

6

„

KVJSaktuell

4/2010

Beispiel: Zukunftswerkstatt Plochingen 2008 fand beispielsweise die Zukunftswerkstatt in Plochingen (Landkreis Esslingen) statt. Mit von der Partie: 120 Plochinger Bürgerinnen und Bürger als Experten in eigener Sache. Gemeinsam wurden Ideen und konkrete Vorschläge erarbeitet, wie sich die Kinder-, Jugendund Familienfreundlichkeit in ihrer Stadt weiter entwickeln lässt. Die Anliegen der Jugendlichen fanden dabei ebenso besondere Berücksichtigung wie das Thema „Zusammenleben mit Mitbürger/innen aus anderen Ländern und Kulturen“. „Das Projekt hat einen Mehrwert geschaffen, der sich sehen lassen kann“, hob Bürgermeister Frank Buß am 20. Oktober dieses Jahr auf einer Veranstaltung des Gemeinderats hervor, auf der Bilanz gezogen wurde. Zahlreiche Vorhaben sind demnach schon in die Tat umgesetzt worden, andere werden zurzeit noch optimiert. Deutlich verbessert hat sich bis heute zum Beispiel die Informations- und Beratungssituation für Familien, indem inzwischen verschiedene Anlaufstellen eingerichtet sind, Sprach- und Integra-

tionskurse angeboten werden und das JugendZentrum Plochingen als Mehrgenerationenhaus neu konzipiert worden ist. Weitere Handlungsschwerpunkte, zu denen eine Fülle von Ergebnissen zu verzeichnen ist, sind der bedarfsgerechte Ausbau der Kinderbetreuungsangebote, die Entwicklung einer „lokalen Bildungslandschaft“, die Verbesserung der Lebensqualität, die Erweiterung der Angebote für Jugendliche, Aktivitäten zur Erleichterung des Übergangs Schule/Beruf, Erarbeitung einer Konzeption zum Thema Familienermäßigungen, die Verbesserung des Zusammenlebens von Jung und Alt sowie von Bürger/innen aus verschiedenen Ländern und Kulturen und die Einrichtung einer Arbeitsgruppe „Familienfreundliches Plochingen“. 7 „Die Bürger bleiben mit im Boot“, erklärte Bürgermeister Buß. So sei im Herbst 2011 mit Unterstützung des KVJS eine zweite Veranstaltung geplant, bei der mit den Bürgerinnen und Bürgern an den Projekten gemeinsam weitergearbeitet wird. add

Handreichung neu aufgelegt
Der KVJS hat zusammen mit dem Netzwerk Familie und der Familienforschung sowie Vertretern von Städten, Gemeinden und Landkreisen eine Handreichung „Familienfreundliche Kommune“ erstellt, die mit Hilfe von neun Handlungsfeldern die wichtigsten relevanten kommunalen Fragestellungen erfasst. Praxisorientiert können somit Kommunen, Institutionen und Organisationen mit Hilfe von über 200 einzelnen Aspekten ihre jeweils lokale Familienfreundlichkeit analysieren. Die aktualisierte Auflage 2010 als Download im Internet unter http://www.kvjs.de/880.0.html

4/2010

KVJSaktuell

Von Kleinbetrieb bis Großkonzern: KVJS zeichnet Arbeitgeber aus
Auch 2010 konnte der KVJS wieder fünf behindertenfreundliche Arbeitgeber auszeichnen. Zudem wurde erstmals eine Auszeichnung für das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) vergeben.
Die Polizeidirektion Böblingen wurde mit ihrem ausgefeilten Konzept des Betrieblichen Eingliederungsmanagements, das bereits im KVJS-aktuell 2/2010 vorgestellt wurde, zum ersten baden-württembergischen Preisträger in dieser Kategorie. „Seit der Einführung im Jahr 2008 konnten nahezu unglaubliche 93 Prozent der insgesamt 60 BEM-Verfahren erfolgreich abgeschlossen werden“, hob Verbandsdirektor Senator e.h. Prof. Roland Klinger in seiner Laudatio die Erfolgsquote bei der Böblinger Polizeidirektion hervor. „Das heißt, Kündigungen oder vorzeitige Zurruhesetzungen konnten vermieden werden.“ Familiäre Integration Bei der Auszeichnung als behindertenfreundlicher Arbeitgeber konnte der Biomarkt Roland Geist in Öhringen punkten. Drei Mitarbeiterinnen des dreizehnköpfigen Teams sind schwerbehindert. Mit 5 000 verschiedenen Naturkostprodukten ist der Biomarkt Roland Geist der größte seiner Art im Hohenlohischen. Begonnen hat der Markt als Selbstvermarktung des eigenen Bio-Apfelsafts, aus dem 1993 ein ökologischer Hofladen wurde. Und der wuchs dann buchstäblich über sich hinaus: 2005 wurde der 500 Quadratmeter große BioMARKT in Öhringen eröffnet. Von Anfang an war die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung bei der Konzeption berücksichtigt worden. Anfang 2007 begannen dann drei mehrfach behinderte Mitarbeiterinnen – unter ihnen auch die Tochter der Inhaber – zunächst als Praktikantinnen mit ihrer Tätigkeit im Biomarkt. Alle drei sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Aufgrund ihrer Mehrfachbehinderungen war den jungen Frauen keine reguläre Berufsausbildung möglich. Sie wurden über drei Jahre hinweg durch Arbeitsassistenz gezielt für ihre Tätigkeit trainiert. Diese Aufgabe hat mittlerweile eine Mitarbeiterin des Biomarkts übernommen. Die schwerbehinderten Mitarbeiterinnen sind voll integriert und heute fest angestellt. Sie arbeiten im Backwarenverkauf, richten Snacks und belegte Brötchen her, backen Kuchen, und machen die Kassenabrechnung sowie Büro-Arbeiten. Das Trio macht auch privat gemeinsame Sache: Sie leben gemeinsam in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Soziale Verantwortung bei E.G.O. Ein weiterer Preisträger des Jahres 2010 ist die Firma E.G.O. Elektro-Gerätebau GmbH in Oberderdingen (Landkreis Karlsruhe). E.G.O. ist in vielen Produktbereichen Weltmarktführer. Das Fertigungsprogramm umfasst Kochplatten für Haushaltsherde und Großküchen, Backofenbeheizungen, Regulierschalter und freistrahlende Grillheizkörper. Bereits 1931 wurde der Grundstein für den Aufbau des Unternehmens in Oberderdingen gelegt. Hier ist auch heute

8

„

KVJSaktuell

4/2010

noch der Stammsitz der Firmengruppe. Die E.G.O Elektro-Gerätebau GmbH ist Teil der weltweit agierenden E.G.O Unternehmensgruppe mit über 6 000 Mitarbeitern. Rund 1 600 Menschen arbeiten am Stammsitz in Oberderdingen und im nahe gelegenen Werk Sulzfeld. Bei der gesetzlich vorgeschriebenen Beschäftigungsquote von fünf Prozent schwerbehinderter Menschen müsste E.G.O. 80 schwerbehinderte Mitarbeiter beschäftigen, tatsächlich sind es aber 100. Verbandsdirektor Roland Klinger bescheinigte dem Unternehmen in seiner Laudatio: „Die E.G.O. Elektro-Gerätebau GmbH hat erkannt, dass schwerbehinderte Menschen wertvolle Mitarbeiter sind. Denn schwerbehinderte Menschen können auf dem richtigen Arbeitsplatz eine gute und wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung erbringen!“ Doch E.G.O. wurde nicht nur für die Übererfüllung der Beschäftigungsquote ausgezeichnet. Zur Quantität kommt die Qualität: „So werden Arbeitsplätze behindertengerecht ausgestattet – alleine zwölf in den letzten drei Jahren – und bei längeren krankheitsbedingten Fehlzeiten von Mitarbeitern führt E.G.O. seit dem Jahr 2008 ein Betriebliches Eingliederungsmanagement durch“, lobte Klinger. Das Angebot von Praktikumsplätzen für schwerbehinderte Menschen und die Vergabe von Aufträgen an Werkstätten für behinderte Menschen sind weitere Bestandteile des sozialen Engagements bei E.G.O. .

Weitere Preisträger Diese drei weiteren Unternehmen konnten in diesem Jahr eine Auszeichnungsurkunde entgegen nehmen: Das AWO-Seniorenzentrum in VillingenSchwenningen stach hervor durch die Beschäftigung besonders betroffener schwerbehinderter Menschen: Zur Mitarbeiterschaft zählen ein hauswirtschaftlicher Helfer mit Down-Syndrom und eine gehörlose Alltagsbegleiterin. Das Seniorenzentrum hat diese beiden Mitarbeiter optimal eingearbeitet und den Betriebsablauf so organisiert, dass sie trotz ihrer Behinderung gute Arbeit leisten können. Die Schock Metallwerk GmbH in Urbach (Rems-Murr-Kreis) wurde ausgezeichnet, weil sie nicht nur über der Quote für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen liegt, sondern auch mehrfach Praktikantenplätze für Klienten des Integrationsfachdienstes anbot, aus denen sich dann unbefristete Arbeitsverhältnisse ergaben. Besonders gut gefiel der Jury auch die Rücksicht des Unternehmens gegenüber älteren und psychisch belasteten behinderten Mitarbeitern. Das Mercedes-Benz-Werk Mannheim der Daimler AG schließlich empfahl sich für eine Ehrung durch eine Beschäftigungsquote von 8,3 Prozent und durch ein zertifiziertes Betriebliches Eingliederungsmanagement. Außerdem wurde das Werk ausgewählt, weil bereits bei der Planung neuer Fertigungen geeignete Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen vorgesehen werden. mok

9

Hintergrund
Der KVJS zeichnet jedes Jahr beispielhafte behindertenfreundliche Arbeitgeber aus, um deren herausragendes soziales Engagement zu würdigen und publik zu machen. Die Jury ist mit Vertretern von Gewerkschaft, Arbeitgebern, VdK und KVJS besetzt.

4/2010

KVJSaktuell

Das interne Audit: KVJS checkt Qualitätsentwicklung vor Ort
Das Qualitätsmanagement einer Einrichtung muss laufend auf den Prüfstand. Der KVJS unterstützt öffentliche und freie Träger der Jugendhilfe bei ihrer Qualitätsentwicklung mit der Durchführung eines internen Audits.
Bewährt sich das Qualitätshandbuch in der Praxis? Werden die Schlüsselprozesse wie geplant umgesetzt? Das interne Audit gibt neue Impulse und Verbesserungsvorschläge für das Qualitätsmanagement von Einrichtungen und Diensten. Das Landesjugendamt des KVJS kann hier auf jahrelange Erfahrung zurückblicken, denn Qualitätsmanagerin Irmgard FischerOrthwein auditiert bereits seit 2001 verschiedene Einrichtungen der Jugendhilfe wie Wohngruppen, Tagesgruppen, lebensfeldorientierte ambulante Angebote sowie Kindertageseinrichtungen. Sogar Jugendhäuser waren 2009 mit von der Partie. Und der KVJS-Check kommt an in der Praxis: Das Audit habe wieder Schwung ins Qualitätsmanagement gebracht und die Sichtweise auf bestimmte Themen positiv verändert, so die einhellige Meinung der bisher „Geprüften“. Am Anfang eines jeden Audits steht zunächst die Absprache mit dem Auftraggeber darüber, welchen konkreten Nutzen die betreffende Einrichtung mit dem Audit verbindet und welche Bereiche hauptsächlich auditiert werden sollen. Anschließend sichtet JugendhilfeExpertin Fischer-Orthwein alle erforderlichen Unterlagen im Qualitätsmanagementhandbuch – vom Leitbild bis zu den Regelungen für die Schlüsselprozesse, zum Beispiel der Hilfeplanung und den vorgegebenen Checklisten. Dabei wird überprüft, ob die Unterlagen im Qualitätsmanagementhandbuch mit den Forderungen des Qualitätsmanagementsystems der ISO überein stimmen. Danach beginnt die systematische und unabhängige Auditierung vor Ort: Ist das Qualitätsmanagement wirksam umgesetzt, werden die Vorgaben in der Praxis mit Leben gefüllt? Die auditierte Organisation erhält anschließend einen Auditbericht mit Hinweisen und Verbesserungsvorschlägen. Die internen KVJS-Audits sind kostenfrei und können auch als Entscheidungsgrundlage für eine geplante Zertifizierung genutzt werden. add Ansprechpartnerin: KVJS, Irmgard Fischer-Orthwein Lindenspürstr. 39 70176 Stuttgart Telefon: 0711 6375-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de

10

KVJSaktuell

4/2010

Entspannung auf dem Arbeitsmarkt für schwerbehinderte Menschen
Nachdem die Finanz- und Wirtschaftskrise den Arbeitsmarkt auch für schwerbehinderte Menschen belastet hat, gingen die Neuanträge auf Zustimmung zur Kündigung schwerbehinderter Mitarbeiter bis zum 30. September 2010 wieder deutlich zurück.
Baden-Württemberg mit seiner starken Automobilbranche hatte unter der Finanz- und Wirtschaftskrise besonders zu leiden: 2008 stiegen die Anträge auf Zustimmung zur Kündigung schwerbehinderter Beschäftigter um 20,8 Prozent, 2009 noch einmal um 35,2 Prozent auf zuletzt 4 518. Immerhin gelang es den Fachberaterinnen und Fachberatern des Integrationsamtes in 934 von 4.435 abgeschlossenen Fällen den bedrohten Arbeitsplatz zu erhalten. Für 2010 macht sich nun eine deutliche Entspannung bemerkbar: bis zum 30. September wurden 2.782 Neuanträge gestellt – ein Rückgang von knapp 20 Prozent gegenüber dem Vorjahresstand. Wie aus der Leistungsbilanz 2009/10 des KVJS-Integrationsamtes weiter hervorgeht, schlägt mit einjähriger Verspätung die Krise jedoch auf das Ausgleichsabgabe-Aufkommen durch. Wurden 2009 noch 71 Millionen Euro für das Veranlagungsjahr 2008 an das KVJS-Integrationsamt abgeführt, sind es bis zum Oktober 2010 für 2009 infolge zahlreicher Entlassungen und Kurzarbeitern nur knapp 62 Millionen Euro. Bis Jahresende dürfte sich diese Summe nicht wesentlich erhöhen. 883 schwerbehinderte Menschen fanden mit Hilfe der Integrationsfachdienste 2009 eine neue Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt – davon 257 geistig behinderte Menschen. Zudem konnten 24 seelisch behinderte Menschen aus der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt überwechseln. Durch die KVJS-Aktion 1000 wurden vom 01.01.2005 bis 31.12.2009 insgesamt 1 273 Vermittlungen für geistig behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erreicht. mok

11

Dr. Birgit Fuchs neue Leiterin des MPD
Dr. Birgit Fuchs ist vom Verbandsvorsitzenden, Landrat Karl Röckinger, die Leitung des Medizinisch-Pädagogischen Dienstes (MPD) des KVJS mit Wirkung vom 01. November 2010 übertragen worden. Damit ist sie die Nachfolgerin von Prof. Dr. Gerhard Haas, der zum 30. Oktober 2010 in den Ruhestand getreten ist. Dr. Fuchs war bislang stellvertretende Leiterin des MPD. Sie hatte diese Position auch schon bis 2005 beim damaligen Landeswohlfahrtsverband inne. wgn

4/2010

KVJSaktuell

Elternkompetenzen stärken: „STÄRKE“ startet durch
Eltern Neugeborener bekommen über das Landesprogramm STÄRKE seit September 2008 Bildungsgutscheine im Wert von 40 Euro für den Besuch von Elternbildungskursen. Familien in besonderen Lebenssituationen werden mit jeweils bis zu 500 Euro für spezielle Bildungsangebote und begleitende Hausbesuche unterstützt. Das noch bis 2013 laufende Programm mit einem Fördervolumen von jährlich vier Millionen Euro nimmt rasch Fahrt auf, wie eine vom KVJS jetzt vorgelegte Zwischenbilanz deutlich macht.
Von Dezember 2008 bis November 2009 wurden über 17.500 Familien erreicht und insgesamt 14.624 Gutscheine eingelöst. Wie der Bericht aufzeigt, ist die Palette der Angebote umfangreich und variabel: von Grundkursen zur Kindesentwicklung über Themenkurse für Väter in Elternzeit, zur Kinderpflege, Ernährung und Bewegung bis hin zu Kursen, die sich auch auf Geschwisterkinder erstrecken können. Rund 3500 Familien konnten mit 500 Kursen in besonderen Lebenslagen unterstützt werden. Sie waren überwiegend auf Alleinerziehende, Eltern mit Migrationshintergrund, von Krankheit oder Behinderung betroffene Familien sowie Eltern in prekären finanziellen Verhältnissen ausgerichtet. 291 Familien wurden durch Hausbesuche zusätzlich begleitet. Vertragspartner von STÄRKE sind die Kommunalen Landesverbände, der KVJS, die Evangelischen Landeskirchen, die Katholischen (Erz-)Diözesen, die Verbände der freien Träger von Familien- und Elternbildung und die Liga der freien Wohlfahrtspflege. Der KVJS berät die örtlichen Jugendämter und Bildungsträger, koordiniert die Programmdurchführung und übernimmt die Weitergabe, Verteilung und Abrechnung der Projektgelder. Der Nachweis- und Berichtszeitraum endet für die Bildungsträger jeweils zum 30. November. Die örtlichen Jugendämter erstatten die Kosten und rechnen ihrerseits bis zum 1. März mit dem KVJS ab. Beim KVJS werden die Verwendungsnachweise zusammengefasst. So wird deutlich, welche Angebote besonders gut ankommen und wo das Programm möglicherweise nachgebessert werden muss. Regelmäßige Regionaltreffen Eine wichtige Quelle für Weiterentwicklungen sind auch die regelmäßigen Regionaltreffen zum fachlichen Erfahrungsaustausch, die der KVJS zwölfmal im Jahr durchführt. Ein dickes Lob bekam der Kommunalverband dafür vom Land zugesprochen: Hier und auch bei der Beratung der Jugendämter habe der KVJS gute Arbeit geleistet. Um die Umsetzung des Programms weiter voranzutreiben, dürfen die Jugendämter künftig drei Prozent der zur Verfügung stehenden STÄRKE-Mittel für Werbezwecke einsetzen. Die Freigabe dieser Gelder ist allerdings an die Bedingung geknüpft, wie der KVJS-Bericht hervorhebt, dass im Jugendamtsbezirk eine ansprechende und stets aktuelle Angebotsliste der örtlichen Kursangebote vorhanden ist, inklusive Beschreibung der Kursinhalte und entsprechende Werbung im Internet. Ebenso soll es möglich sein, Familien in nachgewiesen finanziell schwieriger Lage zu entlasten, indem ihnen die Veranstalter die Zuzahlung für Gutscheinkurse

12

„

KVJSaktuell

4/2010

erlassen und stattdessen auf den STÄRKETopf zurückzugreifen. Damit können auch Eltern mit geringem Einkommen an

beliebten Kursen wie etwa dem Prager Eltern-Kind-Programm (PeKip) oder der Babymassage teilhaben. add

Verbandsdirektor Klinger Honorarprofessor
2008 zeichnete ihn das baden-württembergische Wissenschaftsministerium mit der Ehrensenatorenwürde der Dualen Hochschule Baden-Württemberg aus, jetzt ist Verbandsdirektor Roland Klinger die Bezeichnung Honorarprofessor von der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg verliehen worden. Rektor Walter Maier machte dabei in einer Akademischen Feier am 19. Oktober 2010 deutlich, es handle sich um eine Ehrung mit „Seltenheitswert“ – bislang habe die Hochschule lediglich 16 Persönlichkeiten ausgezeichnet. Der Geehrte sei seit langem – nämlich seit 1981 – sehr erfolgreich und mit großem Engagement als Lehrbeauftragter für Sozialrecht an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen tätig. Besonders hervorzuheben sei der unmittelbare Bezug seiner Vorlesungen zur Praxis. Hinzu kämen wesentliche Beiträge von Verbandsdirektor Klinger zur Studienreform. Laudator Prof. Dr. Christian O. Steeger, Hauptgeschäftführer a. D. des Gemeindetags Baden-Württemberg, wies auf die Bedeutung der zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Fachartikel und Kommentierungen von Roland Klinger hin. Besonderes Merkmal dieser Arbeiten sei, dass der Verfasser damit „politisch heiße Themen wissenschaftlich durchdrungen“ habe. wgn

13

Literaturhinweis
KVJS-Schlaglicht: „Kommunen benötigen ein Bundesteilhabegeld für Menschen mit Behinderungen“, Ausgabe 5, Dezember 2010. Senator e. h. Prof. Roland Klinger befasste sich in seinem Festvortrag zur Verleihung der Honorarprofessur eingehend mit einer alarmierenden Entwicklung: Die Sozialhilfe entwickelt sich zunehmend zur Reparaturwerkstatt für unterlassene oder unzureichende Strukturen und Leistungen im vorrangigen Leistungssystem. Im neuen KVJS-Schlaglicht nimmt der KVJS-Verbandsdirektor in einem Interview Stellung und bietet Literaturhinweise zum Weiterlesen. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Heide Schaible Telefon: 0711 6375-208 Heide.Schaible@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/schlaglicht.html

4/2010

KVJSaktuell

KVJS-Service: „Werkzeugkoffer“ zur Wirkungsorientierung
Wissen was wirkt – ein zentrales Anliegen in der Jugend- und Behindertenhilfe. Zur Unterstützung der wirkungsorientierten Praxis der Sozialen Arbeit hat der KVJS einen „Werkzeugkoffer“ entwickelt, der jetzt im Internet geöffnet werden kann.
Bei der Ausgestaltung der Sozialen Arbeit hat die angestrebte Wirkung schon immer eine Bedeutung gehabt. Doch wer sich bisher einen raschen Überblick über diese Thematik verschaffen wollte oder gezielt nach hilfreicher Lektüre suchte, verfing sich oft im Dickicht unstrukturierter Beiträge und kämpfte sich mühsam durch einen Dschungel an Praxisbeispielen. Mit dem KVJS- Werkzeugkoffer stehen hingegen gebündelte Informationen jederzeit griffbereit zur Verfügung. Er ist gut gefüllt und enthält sowohl Handreichungen und Checklisten, die der KVJS selbst konzipiert hat als auch ausgewählte Beispiele und Materialien aus der Praxis der sozialen Arbeit. „Sie sind als Anregung gedacht und können an die spezifischen Zielsetzungen und Rahmenbedingungen eines Stadt- oder Landkreises angepasst werden“, macht KVJS-Expertin Irmgard Fischer-Orthwein deutlich. Anregungen aus der Praxis Suchen Fachkräfte der Jugendhilfe etwa nach Möglichkeiten, ihre Hilfeplanung effizienter zu gestalten, lohnt es, sich über den „Stuttgarter Weg“, zu informieren oder die Beiträge zur wirkungsorientierten Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung im Landkreis Böblingen zu lesen. Seit Oktober 2009 gibt der KVJS schließlich eine neue Publikation für Fachleute heraus: Die Information „KVJS Wirkungsorientierung“ erscheint zwei bis drei Mal im Jahr und vermittelt aktuelle Erfahrungen aus der Praxis, neue Fachliteratur und Veranstaltungen. Die Ausgaben 1/09 sowie 2/10 und 3/10 sind im Werkzeugkoffer abgelegt. add Von 2008 bis 2012 fördert der KVJS innovative Projekte zur Weiterentwicklung der Behindertenhilfe. Eine Dokumentation über alle 12 erprobten Leistungsbausteine erfolgt in Kürze. Derzeit konzipieren die Stadt- und Landkreise weitere Bausteine für den „2. Bauabschnitt“. Zudem unterstützt der Kommunalverband die Kreise unter anderem durch die Bereitstellung eines EDV-gestützten Erhebungsrasters zum Kostenvergleich bei einem Wechsel von stationären zu ambulanten Wohnformen. Bei der Integration in den Arbeitsmarkt stellt der KVJS thematisch anknüpfend zum Beispiel handliche Checklisten für die Durchführung von wirkungsorientierten Netzwerkkonferenzen vor. In regionalen Netzwerkkonferenzen sind alle Beteiligten vertreten, die bei der Förderung des Übergangs schwerbehinderter Menschen zum allgemeinen Arbeitsmarkt zusammenarbeiten.

14

KVJSaktuell

4/2010

Der KVJS-Werkzeugkoffer wird regelmäßig aktualisiert. Beispiele und Erfahrungen aus Ihrer Praxis sind willkommen! Ansprechpartnerin: KVJS, Irmgard Fischer-Orthwein Leiterin der Arbeitsgruppe „Wirkungsorientierung“ Lindenspürstr. 39 70176 Stuttgart Telefon: 0711 6375-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de Download im Internet: www.kvjs.de/1668.0.html

Integrationsfachdienst Heilbronn-Franken ist „Integrationsfachdienst des Jahres“
Die Auszeichnung des KVJS als „Integrationsfachdienst des Jahres“ ging in diesem Jahr an den IFD Heilbronn-Franken. Seine Integrationsfachberaterinnen und –berater vermitteln und begleiten Arbeitskräfte, die trotz Behinderung leistungsfähig sind. Die Integrationsfachdienste haben im Jahr 2009 landesweit 883 schwerbehinderte Menschen in Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse des allgemeinen Arbeitsmarktes vermittelt, darunter 257 Menschen mit geistiger Behinderung. „Dabei erzielt im Landesdurchschnitt ein Integrationsfachberater rund 11 Vermittlungen, der ausgezeichnete IFD schaffte dagegen rund 16 Vermittlungen“, machte KVJS-Verbandsdirektor Roland Klinger deutlich. Besonders würdigte Klinger den Einsatz des ausgezeichneten IFD beim „Projekt Integrationscoach“ im Main-Tauber-Kreis: „Von 2001 bis 2009 wurden 32 Schülerinnen und Schüler aus Sonderschulen für Geistigbehinderte und aus Förderschulen im Rahmen dieses Projekts betreut. Davon konnten 15 Teilnehmer einen Arbeitsvertrag unterschreiben – neun wurden sogar durch die Kammern – IHK oder Handwerkskammer – qualifiziert – ein Erfolg, der nicht zuletzt durch die tatkräftige Unterstützung des Main-Tauber-Kreises und der Agentur für Arbeit ermöglicht wurde. Der Integrationsfachdienst HeilbronnFranken betreut die Landkreise Hohenlohe, Schwäbisch Hall, Main-Tauber sowie Stadt- und Landkreis Heilbronn. Seine Standorte befinden sich in Künzelsau, Heilbronn, Tauberbischofsheim und Schwäbisch Hall. Träger des Integrationsfachdienstes ist der Weinsberger Hilfsverein. mok 15

4/2010

KVJSaktuell

Neue Förderrichtlinien für Integrationsprojekte
Zum 1. Januar 2011 treten neue Richtlinien des KVJS-Integrationsamtes zur Förderung von Integrationsprojekten in Kraft. Das Integrationsamt des KVJS reagiert damit auf die Entwicklungen in der Landschaft der baden-württembergischen Integrationsprojekte.
Integrationsprojekte (IP) sind Integrationsunternehmen oder unselbstständige Integrationsabteilungen innerhalb von Unternehmen, die zwischen 25 und 50 Prozent schwerbehinderter Menschen beschäftigen. Sie zählen zu den Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes, haben aber durch ihren hohen Anteil schwerbehinderter Mitarbeiter auch eine soziale Ausrichtung. So sollen sie vor allem auch besonders betroffene, zum Beispiel geistig behinderte Menschen beschäftigen. 16 Modernisierung im Fokus „Die Integrationsprojekte haben sich weiterentwickelt“, erklärt Bernhard Pflaum, zuständiger Referatsleiter beim KVJS-Integrationsamt. Seit im Jahr 2001 die Integrationsprojekte neu in Sozialgesetzbuch IX – Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen – aufgenommen wurden, ging es vor allen darum, den Aufbau von Integrationsprojekten zu unterstützen und zu begleiten. Mittlerweile sind die Rahmenbedingungen andere: „Die IP sind älter geworden. Früher ging es um Aufbau, nun geht es um Modernisierung“, so Pflaum. Eine Anpassung an die Entwicklung der Integrationsprojekte in den letzten Jahren ist etwa, dass die IP nach den neuen Förderrichtlinien in bestimmtem Umfang die Überlassung von Arbeitnehmern eines IP an ein Unternehmen gestattet. Zudem wurde der von den Integrationsunternehmen aufzubringende Eigenfinanzierungsanteil neu festgelegt, der sich nach dem prozentualen Anteil der schwerbehinderten Beschäftigten richtet. Derzeit gibt es in Baden-Württemberg 62 Integrationsprojekte mit 1 767 Beschäftigten, davon 935 mit Behinderungen. Neuschaffungen fördert das Integrationsamt, wenn es nachweislich Bedarf für diese Beschäftigungsform vor Ort gib. Oberstes Ziel bleibt die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt außerhalb von Integrationsprojekten. mok Die neuen Förderrichtlinien stehen ab 1. Januar 2011 unter www.kvjs. de/50.0.html zur Verfügung.

KVJSaktuell

4/2010

Kinderbetreuungsangebote sind für Unternehmen ein Standortfaktor
Früher behandelten Politik und Arbeitgeber das Thema Kinderbetreuung schon mal als „Gedöns“. Diese Einschätzung hat sich gründlich geändert. „In Zeiten des Fachkräftemangels ist es vor Ort angekommen, dass die betrieblich unterstützte Kinderbetreuung ein wichtiger Standortfaktor ist“, weiß Manfred Schwarz. Er ist Leiter der KVJS-Service-Stelle „Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung“.
„Früher war es ein Alleinstellungsmerkmal, wenn ein Arbeitgeber ein Angebot zur Betreuung von Kindern vorhielt“, sagt Manfred Schwarz. Künftig werde es als Manko wahrgenommen werden, wenn der Brötchengeber für die Kinder seiner Beschäftigten keine Betreuung anbiete. „Kliniken“, weiß Manfred Schwarz, „haben heute schon einen Wettbewerbsnachteil, wenn sie keine Kindertagesstätte haben.“ Die Arbeitswelt werde nicht nur durch den Kampf der Unternehmen um die raren Fachkräfte familienfreundlicher, erläutert Schwarz. Auch geänderte FörderRegelungen für Kita-Plätze erleichterten Städten und Gemeinden die Förderung betrieblich unterstützter Kinderbetreuung. Zuschüsse anders geregelt Früher bezahlte das Land den Kommunen einen Zuschuss für jedes Kind am Wohnort der Eltern. In der Folge ging jener Nachwuchs leer aus, der am Arbeitsort der Eltern betreut wurde. Heute bezuschusst das Land Kommunen für jedes Kind, das auf ihrem Gebiet in den Kindergarten oder in den Hort geht. „Seither sind die Kommunen offener“, hat Manfred Schwarz erfahren. Ein weiterer Grund für eine zunehmend familienfreundliche Personalpolitik der Arbeitgeber: Die Investition bringt nicht nur Vorteile im Wettbewerb um die gesuchten Fachkräfte, sondern rechnet sich auch. Die Motivation der Beschäftigten steigt, wenn sie ihre Kinder gut versorgt wissen. Und die vorteilhaften Arbeitsbedingungen binden Beschäftigte langfristig an ein Unternehmen. Personaler im Bilde Auch Informationsinitiativen von Land, Kommunen oder dem KVJS bringt die betrieblich unterstützte Kinderbetreuung voran. Der KVJS zum Beispiel berät Arbeitgeber in Einzelgesprächen. Und der Verband gibt mit dem baden-württembergischen Wirtschaftsministerium den Leitfaden für Unternehmen „Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung“ heraus. In die regelmäßig publizierten Neuauflagen gehen die aktuellsten Gesetze und neuesten Erfahrungen aus der Beratung ein. Die Folge: Immer öfter unterhält sich der KVJS-Experte Schwarz mit Personalern, die über die Grundlagen der betrieblichen Kinderbetreuung im Bilde sind. Arbeitgeber suchen beim KVJS inzwischen zunehmend Rat in spezialisierten Detailfragen. Die Firmen schätzen die neutralen Informationen der vom umkämpften Betreuungsmarkt unabhängigen Behörde. Vom KVJS fit gemacht sehen sich die Betriebe vom KVJS in den Stand versetzt, ihre Pläne eigenständig zu realisieren. Dabei beobachtet Schwarz den Trend, dass heute Behörden und Unternehmen nicht mehr selbst die Trä-

17

„

4/2010

KVJSaktuell

gerschaft für einen Kindergarten oder Kita übernehmen. Sie suchen einen externen Dienstleister, zum Beispiel einen erfahrenen Wohlfahrtsverband oder einen privatgewerblichen Träger. Seit die KVJS-Servicestelle für betrieblich unterstützte Kinderbetreuung ihre Türen öffnete, haben sich fast 100 Firmen, Einrichtungsträger, Kommunen und Landkreise schriftlich und mündlich beraten lassen. „Die Bandbreite reicht von einem Gespräch bis hin zu sieben oder acht Kontakten“, sagt Manfred Schwarz. Interesse zeigten etwa Kliniken, Versicherungen, Justizvollzugsanstalten, Hochschulen, die Industrie oder Behörden. Zwar klingelten in der Wirtschaftskrise seltener die Telefone bei der KVJS-Servicestelle. Inzwischen suchen Unternehmen aber wieder deutlich öfter Rat. 18 Fundierte Beratung Der KVJS berät beim Einrichten eigener Betriebskindertagesstätten sowie zum gesamten Spektrum der betrieblich unterstützten Kinderbetreuung. So können Unternehmen den Beschäftigten Zuschüsse für eine Kinderbetreuung gewähren. Betriebe können Tagesmütter und Tagesväter finanzieren. Oder sie können für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Belegplätze in bestehenden Kindertageseinrichtungen buchen. Beim KVJS erhal-

ten Interessierte auf Wunsch alle rechtlichen und fachlichen Informationen. Und der KVJS berät zur öffentlichen Förderung sowie zu allen Realisierungsschritten. Darüber hinaus hält der KVJS sieben kostenpflichtige Beratungsbausteine bereit. Gerne gebucht wird etwa der Baustein „Bedarfsanalyse“. Dabei ermittelt der KVJS den Betreuungsbedarf nach den Vorstellungen des Unternehmens. Der Verband berücksichtigt bei der Planung vorhandene Angebote am Ort und führt Gespräche mit der Kommune. Auch der Beratungsbaustein zum Betreuungskonzept wird von den Firmen gern bestellt. Neben der Einzelberatung informiert der KVJS auf Tagungen und Veranstaltungen, per Internet sowie mit Info-Material über das Thema. syr Ansprechpartner: KVJS-Servicestelle betrieblich unterstützte Kinderbetreuung Manfred Schwarz Telefon 0711 6375-423 Manfred.Schwarz@kvjs.de Informationen und Tipps zum Weiterlesen: www.kvjs.de/betrieblichekinderbetreuung.html

KVJSaktuell

4/2010

Demografie: Das „kritische Jahrzehnt“ der Kinder- und Jugendhilfe hat begonnen
Die Bevölkerungszahl Baden-Württembergs wird sich voraussichtlich um rund 15 Prozent von 10,75 Millionen Menschen 2008 auf 9,11 im Jahr 2060 reduzieren. Das entspricht etwa dem Stand von 1970 – nur mit deutlich weniger Jungen und deutlich mehr Alten als damals. Wie wirkt sich dieser demografische Wandel künftig auf die Kinder- und Jugendhilfe aus? Monika Kleusch befragte dazu Dr. Ulrich Bürger vom Landesjugendamt des KVJS.
Kann man sich künftig Kinder- und Jugendhilfe überhaupt noch leisten, wenn es gleichzeitig immer mehr Alte mit Mini-Renten und pflegebedürftige Hochbetagte gibt, die der Sozialstaat unterstützen muss? Man muss sie sich künftig sogar mehr leisten als bisher. Die Analysen in unserem gerade veröffentlichten Bericht zur Kinder- und Jugendhilfe im demografischen Wandel zeigen, dass unter Berücksichtigung volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Aspekte das eben begonnene Jahrzehnt das „kritische Jahrzehnt“ der Kinder- und Jugendhilfe wird. Bis zum Jahr 2020 haben wir noch die einmalige Chance, durch eine gezielte Förderung von jungen Menschen und Familien entscheidende Beiträge zur Zukunftssicherung des Landes zu leisten. Was wir hier in diesem Jahrzehnt unterlassen, lässt sich in den Folgejahrzehnten nicht wieder gut machen. Brauchen wir noch den Ausbau von Angeboten für unter 3-Jährige, wenn es künftig immer weniger von ihnen gibt? Zunächst muss man wissen, dass die Altersgruppe der unter 3-Jährigen, wie auch die der unter 6-Jährigen insgesamt, ihre wesentlichen demografischen Rückgänge bereits hinter sich hat. Zudem ist klar, dass die Rechtslage einen weiteren Ausbau der Angebote für die unter 3-Jährigen gebietet. Genau das ist aber auch aus dem Blickwinkel des demografischen Wandels richtig und notwendig, und zwar sowohl im Blick auf frühzeitige und umfassende Förderungsmöglichkeiten für die Kinder, die ja zu einem immer „knapperen Gut“ für unsere Gesellschaft werden, als auch im Blick auf die dringend gebotenen Verbesserungen in der Vereinbarkeit von Familie, Erziehung und Beruf. Gilt diese Einschätzung nur für die Kindertagesbetreuung der unter 3-Jährigen? Nein, keineswegs. Es ist genauso wichtig, die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder im Kindergartenalter weiter zu verbessern, wobei wir in Baden-Württemberg einen großen Nachholbedarf etwa im Bereich der Ganztagesplätze in Kindergärten haben. Was brauchen Jugendliche dringender: Ganztagesschulen oder Angebote der Jugendhilfe? Im Grunde weist die Fragestellung in die falsche Richtung. Es ist heute unter Fachleuten unbestritten, dass die Bildung der nachwachsenden Generation weder vom System Schule noch von der Kinder- und Jugendhilfe je allein gelingend gestaltet werden kann. Mehr denn je geht es angesichts der Herausforderungen im demografischen Wandel um eine von beiden Systemen gemeinsam getragene Bildungsverantwortung, die sich in 19

„

4/2010

KVJSaktuell

entsprechenden Kooperationen niederschlagen muss. Das bedeutet allerdings nicht, dass beispielsweise die Angebote der Kinder- Jugendarbeit quasi im System Schule aufgehen sollten. Neben den notwendigen Kooperationen muss die Kinder- und Jugendhilfe unbedingt auch ihren originären sozialpädagogischen Bildungsauftrag weiterhin gewährleisten, der jungen Menschen Orte eigenständiger und selbstbestimmter Erfahrungsund Lernfelder sichert. Die Kinder aus einkommensschwachen, bildungsfernen Elternhäusern wie oft heute noch schulterzuckend ins schulische Abseits laufen zu lassen, wird sich die Gesellschaft angesichts des „knappen Gutes“ Nachwuchs nicht mehr lange leisten können. Welche Stellschrauben müsste die Jugendhilfe hier drehen? 20 Zum einen ist es gerade für Kinder aus sozial benachteiligten Familien, aber auch für viele Kinder mit einem Migrationshintergrund von entscheidender Bedeutung, dass Unterstützung und Förderung bereits frühzeitig ansetzt. Zum anderen ist es aber gleichermaßen wichtig, die weiteren Phasen des Aufwachsens durch zielgerichtete Angebote der Kinder- und Jugendhilfe kontinuierlich mit zu begleiten. Es wäre deshalb falsch, die Kräfte der Kinder- und Jugendhilfe nur auf die frühen Hilfen und die Kindertagesbetreuung zu konzentrieren. Erst in der Kontinuität der Unterstützung und Förderung liegt die zentrale Stellschraube, um benachteiligten jungen Menschen reelle Chancen auf soziale Teilhabe zu erschließen. Und nach der Schule? Lässt sich der Übergang auf den Arbeitsmarkt für Schüler von Förder- und Hauptschulen oder für schwache Realschüler künftig überhaupt noch ohne sozialpädagogische Unterstützung bewerkstelligen?

Wenn es gelingt, die Förderung der jungen Menschen durch die Kinder- und Jugendhilfe im eben beschriebenen Sinne zu gestalten, und wenn es darüber hinaus im schulischen Sektor gelingt, über einen Ausbau der gebundenen Ganztagesschulen die Bildungschancen gerade der bislang leistungsschwächeren Schüler strukturell zu verbessern, werden sich die von Ihnen genannten Übergangsprobleme mit Sicherheit reduzieren. Gleichwohl wird es ebenso sicher immer einen gewissen Anteil von jungen Menschen geben, die im Übergang von der Schule in den Beruf auf zielgerichtete Unterstützung durch die Jugendberufshilfe angewiesen sein werden. Die klassischen Vater-Mutter-Kind-Familien bestimmen längst nicht mehr allein das Bild. Patchwork-Familien und Familien mit nur einem Elternteil nehmen zu. Müssen sich die Angebotsformen der Jugendhilfe daran stärker orientieren? Ja, mit Sicherheit. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich auch in BadenWürttemberg die Rahmenbedingungen des Aufwachsens in vielen Familien verändern. Zudem verlieren die traditionellen familiären Unterstützungssysteme in Gestalt von Großeltern, Onkel, Tanten und Geschwistern, auch infolge der heute als selbstverständlich erwarteten beruflichen Mobilität, tendenziell an Bedeutung. Insofern dürfte der im 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung geprägte Begriff vom „Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“ im Sinne gut strukturierter Begleitung und Unterstützung von Eltern und jungen Menschen zukünftig noch bedeutsamer werden. Wird sich das Stadt-Land-Gefälle bei den Angeboten für Familien verstärken?

„

KVJSaktuell

4/2010

Wenn man die Entwicklung bei den Wanderungsbewegungen der letzten Jahre verfolgt, so lässt sich, anders als noch in den 1980er und 1990er Jahren, beobachten, dass es bei älteren Menschen, aber auch bei Familien mit Kindern eine gewisse Prioritätenverschiebungen hin zu den urbaneren, städtischen Lebensräumen gibt. Das hat unter anderem auch mit der sozialen Infrastruktur, also beispielsweise den Angeboten in der Kinder-

tagesbetreuung zu tun. Insofern sind also gerade auch die Gemeinwesen in den ländlicheren Regionen gut beraten, in diesen Strukturentwicklungen aufzuholen, um darüber, so gut es geht, gegenüber den verdichteteren städtischen Räumen nicht weiter zu verlieren. Angesichts der absehbaren Umbrüche im demografischen Wandel geht es hier letztlich für jede Gemeinde und Stadt um zentrale Zukunftsfragen.

Bericht zum demografischen Wandel
Von Dr. Ulrich Bürger sind beim KVJS ein ausführlicher Bericht sowie eine Kurzbroschüre zum Thema erschienen: Kinder- und Jugendhilfe im demografischen Wandel. Herausforderungen und Perspektiven der Förderung und Unterstützung von jungen Menschen und deren Familien in Baden-Württemberg – Berichterstattung 2010. Kinder- und Jugendhilfe im demografischen Wandel. Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Berichterstattung 2010 Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/jugendhilfe.html

21

4/2010

KVJSaktuell

Innovationspreis Integration für CAP-Campingplatz
Der KVJS zeichnete am 20. Oktober 2010 die gemeinnützige Integrations-GmbH „CAP Chancen-Arbeit-Perspektiven“ in Friedrichshafen mit dem „Innovationspreis Integration“ für ihren barrierefreien Campingplatz aus. Die Auszeichnung ist seitens des Beauftragten der Landesregierung für die Belange behinderter Menschen, Staatssekretär Dieter Hillebrand MdL, mit einem Preisgeld in Höhe von 3 000 Euro verbunden. Mit dem „Innovationspreis Integration“ würdigt der KVJS besonders erfolgreiche Integrationskonzepte für den Übergang von besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Träger von „CAP Chancen-Arbeit-Perspektiven“, die Körperbehindertenförderung Neckar-Alb e. V. und der Verein für sozialpädagogisches Segeln e. V. haben 2003 den mittlerweile mehrfach ausgezeichneten Campingplatz am Ufer des Bodensees eröffnet. Mehr als vierzig Prozent der Mitarbeiter der barrierefreien Ferienanlage mit Campingplatz, Pension und Restaurant sind schwerbehindert. Überwiegend sind es ehemalige Sonderschüler oder Beschäftigte einer Werkstatt für behinderte Menschen. Das KVJS-Integrationsamt fördert den CAP-Campingplatz mit Zuschüssen zu den Investitionskosten sowie Lohnkostenzuschüssen. Verbandsdirektor Senator e.h. Prof. Roland Klinger betonte in seinem Grußwort: „Das Angebot von Ausbildungsplätzen und Praktika, der wirtschaftliche Erfolg, die vorbildliche Zusammenarbeit mit dem Integrationsfachdienst BodenseeOberschwaben – den wir im vergangenen Jahr als IFD des Jahres auszeichnen durften – und unserem Integrationsamt verschmelzen zu einer beeindruckenden Gesamtperformance.“ mok

22

KVJSaktuell

4/2010

Publikationen – beim KVJS erschienen
Schwerbehinderung und Arbeit
Zeitschrift behinderte Menschen im Beruf, Ausgabe Baden-Württemberg, 4/2010 Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Gisela Lüttges Telefon 0721 8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/ behinderung-und-arbeit.html Kostenlos zu beziehen beim KVJS Heide Schaible Telefon 0711 6375-208 Heide.Schaible@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/schlaglicht. html

Betreuungsrecht
Erscheinungsdatum: Ende Dezember. KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 4, 2010. Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/btr-info. html 23

Behinderung und Pflege
KVJS-Schlaglicht: „Kommunen benötigen ein Bundesteilhabegeld für Menschen mit Behinderungen“, Ausgabe 5, Dezember 2010. Ein Interview mit KVJS-Verbandsdirektor Senator e. h. Prof. Roland Klinger zur hohen Belastung der kommunalen Kassen bei der Sozial- und Eingliederungshilfe für alte und behinderte Menschen. Zudem hält die vierseitige Broschüre Literaturhinweise bereit. KVJS-Schlaglicht: Vergütungen und Entgelte. Jedes Jahr wird beim Pflegesatz um vier Milliarden Euro verhandelt, Ausgabe 4, Dezember 2010. Die Broschüre berichtet über die Aushandlung von Pflegesätzen – ein Dienstleistungsangebot des KVJS an die Stadtund Landkreise.

Jugendhilfe
Kinder- und Jugendhilfe im demographischen Wandel. Herausforderungen und Perspektiven der Förderung und Unterstützung von jungen Menschen und deren Familien in BadenWürttemberg – Berichterstattung 2010. November 2010

„

4/2010

KVJSaktuell

Kinder- und Jugendhilfe im demographischen Wandel. Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Berichterstattung. November 2010. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/ jugendhilfe.html

Fachübergreifende Publikationen
KVJS-info Wirkungsorientierung, Heft 3, November 2010. Beiträge zur Fachdiskussion für Fachleute aus der Jugend- und Sozialhilfe. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Irmgard Fischer-Orthwein Telefon 0711 6375-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de

24
                            
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.