Publication:
2010
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729805
Path:
KVJS

aktuell
Aus dem Inhalt: Aktuelle Fragen mit zukunftsträchtigen Trends verknüpfen
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Wenn Kitas zu Familienzentren werden
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Auslandsadoptionen auf eigene Faust landen oft vor dem Richter
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Polizeidirektion Böblingen: Vorbildliches BEM-Konzept
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KVJS aktuell Juli 2010 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Stefan Wiegandt (wgn) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de

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Ungebremste Nachfrage nach KVJS-Fortbildung
Das Interesse am Fortbildungs- und Tagungsangebot des KVJS wird immer größer: Nahmen 2008 noch 8.220 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den verschiedenen Seminaren, Fachtagungen, Workshops und berufsbegleitenden Fortbildungsreihen teil, so waren es im vergangenen Jahr bereits 270 Bildungswillige mehr. 2.600 Interessenten mussten sogar abgewiesen werden, weil die Veranstaltungen schon ausgebucht waren.
Die Weiterbildungspalette des KVJS war auch im Jahr 2009 breit. 64 Prozent der insgesamt 361 ein- bis fünftägigen Veranstaltungen boten Wissenswertes zur Jugendhilfe, 21 Prozent zu Sozialhilfe und Betreuungsrecht und 14 Prozent zum Thema Schwerbehinderung und Arbeitsleben. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: 34 zusätzliche Veranstaltungen wurden aufgrund der Nachfrage kurzfristig durchgeführt. Die Fortbildungen fanden überwiegend in verbandseigenen Räumen statt, also in den KVJS-Tagungszentren in Flehingen (Landkreis Karlsruhe) und Gültstein bei Herrenberg (Landkreis Böblingen). Das Bildungszentrum „Schloss Flehingen“ bietet neun Seminarräume unterschiedlicher Größe für 15 bis 30 Personen. Zudem stehen zehn weitere Gruppenräume für maximal je 15 Personen und ein Lichthof im Schlossgebäude für rund 100 Personen zur Verfügung. Im Tagungszentrum Gültstein gibt es vier Veranstaltungsräume für je 30 bis 40 Personen sowie fünf Tagungs- und Gruppenräume für je 15 bis 20 Personen und auch einen großen Konferenzsaal für bis zu 150 Personen. Die Referenten der KVJS-Fortbildungsveranstaltungen sind Praktiker und kommen aus der öffentlichen Verwaltung, dem Hochschulbereich, der freien Wirtschaft und aus der Mitarbeiterschaft des KVJS. Aufgrund dieser multiprofessionellen Zusammensetzung können die fachlichen Inhalte zielgruppengerecht aufbereitet und vermittelt werden. Die Fortbildung ist eine gesetzliche Aufgabe des KVJS nach dem Jugend- und Sozialverbandsgesetz. Sie fördert zudem den fachlichen Austausch innerhalb der kommunalen Familie, mit Expertinnen und Experten der freien Träger und der Wirtschaft und schafft Netzwerke. add

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Info Service-Center beim KVJS für Anfragen, Anmeldungen oder Stornierungen: Telefon: 0711 6375-610 Fax: 0711 6375-125 9 Uhr bis 16.30 Uhr Im Internet: www.kvjs.de/fortbildung.html

„Run“ auf Veranstaltungen zum betrieblichen Eingliederungsmanagement
Zum absoluten Spitzenreiter haben sich die vom KVJS-Integrationsamt angeboten Kurse zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) entwickelt. Bereits Ende Januar 2008 waren die Veranstaltungen hierzu ausgebucht. Der KVJS führte deshalb kurzfristig Zusatzkurse durch. Als Konsequenz auf das weiter steil nach oben kletternde Nachfragebarometer wurden für 2009 über die bisher dreitägigen BEM-Kurse hinaus praxisorientierte Workshops speziell für Mitglieder des betrieblichen Integrationsteams und Ein-Tageskurse „BEM kompakt“ angeboten.

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Aktuelle Fragen mit zukunftsträchtigen Trends verknüpfen
Der KVJS ist als qualifizierter Anbieter fundierter Fortbildungen und Fachveranstaltungen in der Praxis erfolgreich. Gabriele Addow befragte hierzu Verbandsdirektor Senator e.h. Roland Klinger.
Herr Klinger, das Interesse an den Fortbildungsangeboten des KVJS wird immer größer. Können Sie sich also zurücklehnen? Die Nachfrage nach den KVJS Angeboten steigt seit Jahren tatsächlich kontinuierlich an. Die Anzahl der Anmeldungen hatte bereits im Mai dieses Jahres die Gesamtteilnehmerzahlen von 2009 erreicht. Letztes Jahr hatten wir 6.753 Teilnehmer/ innen in unseren beiden Tagungsstätten und 1.750 Teilnehmer/innen bei „Internen Veranstaltungen“. Zurücklehnen werden wir uns aber keineswegs, denn: Stillstand bedeutet Rückschritt. Nur wenn wir aktuelle Herausforderungen und Fragen mit zukunftsträchtigen Themenstellungen und Trends verknüpfen, bleibt unser Angebot interessant und auf hohem fachlichem Niveau. Wir berücksichtigen auch, dass die öffentlichen und freien Träger in den nächsten Jahren vor schwierigen Herausforderungen stehen: Bei knappen Ressourcen ist Mut zur Veränderung und zu kreativen Lösungen gefragt und die Bereitschaft, trotz begrenzter Finanzmittel angemessene Lösungen zu finden. Das wollen und müssen wir mit unseren Angeboten unterstützen. Auf Dauer erfolgreich sind Unternehmen ja nur dann, wenn sie einerseits Kunden haben, die Angebote kontinuierlich nutzen und andererseits neue Kunden hinzugewinnen. Wie gelingt dies bei der KVJS-Fortbildung? Kundenbindung erzielen wir durch fachlich überzeugende Angebote, die aktuelle Entwicklungen rasch aufgreifen sowie durch guten Service und faire Preise. Wir achten also auf hohe fachliche Qualität der Veranstaltungen, aber auch im Service-Bereich verbessern wir uns stetig. Wir sind zum Beispiel dabei, die räumlichen Voraussetzungen in den Tagungshäusern zu optimieren und werden auch eine Umfrage zur nutzerfreundlichen Gestaltung des Internets starten (OnlineAnmeldung, Interneträume). Zudem sind wir auf vielfältige Weise in laufendem Kontakt mit den Anstellungsträgern und den Fortbildungsteilnehmern, um deren Bedarfe zu erkunden – und wir ziehen Konsequenzen daraus. Schließlich arbeiten wir wirtschaftlich, aber wir sind kein Wirtschaftsunternehmen, das Gewinne anstrebt. Wir haben ein waches Auge darauf, wie sich die soziale Landschaft verändert und welche neuen Bedarfe entstehen. Zwei aktuelle Beispiele dazu: Die Zahl der rechtlichen Betreuungen ist in den vergangen Jahren ständig gestiegen und wird aufgrund der demografischen Entwicklung auch künftig steigen, ebenso die Zahl der Berufsbetreuer. Wir haben in

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diesem Jahr deshalb unser Angebot im Bereich Betreuungsrecht auch für Berufsbetreuer geöffnet und werden das Angebot auch entsprechend weiterentwickeln. Oder ein anderer Bereich: Mit geringfügigen baulichen Veränderungen konnten wir unser KVJS-Tagungszentrum Gültstein blindengerecht gestalten. Es freut uns, dass blinde und sehbehinderte Menschen nun in hohem Maße zu uns kommen. Der KVJS bietet ein breites Spektrum an Dienstleistungen an. Welchen Stellenwert hat dabei die KVJS-Fortbildung? Die Fortbildung gehört zu den gesetzlichen Aufgaben des KVJS. Sie soll die Qualität der sozialen Aufgabenerfüllung und den fachlichen Austausch innerhalb der kommunalen Familie in Baden-Württemberg sowie mit freien Trägern und der Wirtschaft sichern. 62 Prozent der Teilnehmer/innen kommen aus den Landkreisen und Städten oder Gemeinden. Der KVJS ist dafür prädestiniert, die passenden Angebote zu entwickeln, denn er kennt die kommunalen Verhältnisse gut und hat vielfältige Kontakte zum Management und zur fachlichen Ebene in den Kommunen, aber auch zum Hochschulbereich und damit zu aktuellen Forschungsergebnissen. Wir nutzen diese Kontakte gerade im Fortbildungsbereich und organisieren zum Beispiel in den Fortbildungsbeiräten einen Austausch zwischen erfahrenen Fach- und Führungskräften der Kreise und des KVJS mit WissenschaftlerInnen aus dem Hochschulbereich. Übrigens: Der KVJS formuliert und vergibt auch selbst praxisrelevante Forschungsaufträge an Hochschulen und wissenschaftliche Institute. Die Ergebnisse dieser

Forschungen werden auch im Rahmen unseres Tagungs- und Seminarangebotes zeitnah einer breiten Fachöffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Unsere Stärke besteht also darin, Kompetenzzentrum im sozialen Bereich und zugleich Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Praxis zu sein. Hier ist die KVJSFortbildung als „Transmissionsriemen“ unerlässlich. Stichwort „Teamwork“: Der KVJS veranstaltet zum Beispiel eine neue Fortbildungsreihe für Führungskräfte gemeinsam mit dem Deutschen Verein. Welche Bedeutung messen Sie solchen Kooperationen bei? Zum bundesweit agierenden Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge in Berlin gibt es seit vielen Jahren sehr gute fachliche Beziehungen. Daraus ist die Idee entstanden, das Know-How zu bündeln und eine Fortbildungsreihe für Leitungskräfte gemeinsam anzubieten. Der Erfolg gibt uns recht: Die Veranstaltungen erfreuen sich guter Nachfrage und ist deshalb ein gutes Beispiel für gelingende Kooperation – aber nicht das einzige. Zusammen mit der Universität Tübingen, der Hochschule Esslingen, der Hochschule München und weiteren Fortbildungsträgern bieten wir zum Beispiel eine arbeitsfeldübergreifende längerfristige Fortbildung an zum Thema Konflikthilfe. Das hat viele Vorteile und gewährleistet einen optimalen Zugang zu unterschiedlichen Zielgruppen. Gerade im Tagungsbereich sind die kommunalen Landesverbände, die Landesverbände der freien Wohlfahrtspflege aber auch Ministerien, Landesbehörden sowie Polizei und Justiz wichtige Kooperationspartner für uns. Wir führen regelmäßig

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gemeinsam landesweite Tagungen und Kongresse durch und nutzen die fachliche Kompetenzen und Ressourcen unserer Partner, zum Beispiel beim Referenteneinsatz. Es gibt für den KVJS also vielfältige Gründe gerade im Fortbildungsbereich zu kooperieren. Wir tun dies regelmäßig mit mindestens 30 Institutionen. Die Stadt- und Landkreise erwarten einen Einbruch ihrer Finanzen. Sehen Sie in der Wirtschaftskrise eine Chance oder eher eine Gefahr für die KVJS-Fortbildung? Die KVJS-Fortbildung ist vor allem eine Chance - gerade in der Wirtschaftskrise weil unsere Fortbildung weit mehr ist als die bloße Aneignung von Kompetenzen zur Bewältigung beruflicher Alltagssituationen und Herausforderungen. Die KVJSFortbildung bietet vielmehr immer auch eine Plattform für aktuellen fachlichen Austausch, um voneinander zu lernen, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren und ganz neue Handlungsansätze zu entwickeln, die auch das konstruktive Sparen in der Krise einschließen.

Natürlich werden wir mit unserem Angebot auch möglichst flexibel agieren, das heißt, neue Themen oder Themenstellungen, die an uns herangetragen werden, ad hoc aufgreifen und zusätzlich zum Jahresprogramm anbieten. Unsere speziellen Service- Angebote für die Kreise werden wir noch attraktiver gestalten, insbesondere die Inhouse-Veranstaltungen. Das sind Veranstaltungen, die von uns bei den Kunden vor Ort, mit deren Mitarbeitern, mit den von ihnen gewünschten Themen und einem mit ihnen gemeinsam entwickelten Konzept durchgeführt werden. Was sind die Voraussetzungen dafür, dass der KVJS seine starke Position auf dem Fortbildungsmarkt auch künftig nicht nur behält, sondern weiter ausbauen kann? Wir orientieren uns an dem „geflügelten Wort“ von Peter Ustinov: „Es ist von grundlegender Bedeutung, jedes Jahr mehr zu lernen als im Jahr davor.“ Das gilt für den KVJS genauso wie für seine Kunden.

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Wie Leitungskräfte effektiv steuern können – auch in Krisenzeiten
Leitungskräfte der Sozialen Arbeit müssen vielfältige Aufgaben bewältigen. In Krisenzeiten sind sie besonders herausgefordert: Bei knappen Finanzen soll für die Bürger möglichst viel bewirkt werden. Auch die internen Anforderungen sind hoch. Leitungskräfte sollen für ihr Team produktive Rahmenbedingungen schaffen und Konflikte in konstruktive Bahnen lenken. Eine seit März 2010 laufende Fortbildungsreihe des KVJS und des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge unterstützt bei der Bewältigung solcher Aufgaben – und stößt auf große Resonanz.
„Die Nachfrage ist sehr gut“, berichtet die Koordinatorin der KVJS-Fortbildung Heide Trautwein. Die ersten drei Veranstaltungen waren komplett ausgebucht. In den kommenden Seminaren sind nur noch wenige Plätze frei. Die Fortbildungsreihe für Leitungskräfte der öffentlichen und freien Träger bietet ein umfassendes Qualifizierungskonzept in zentralen Anforderungsbereichen wie etwa Organisationsentwicklung, Konfliktsteuerung, Controlling oder Mitarbeiterförderung. In den Seminaren treffen sich Leitungskräfte mit vielfältigem professionellem Hintergrund und profitieren vom Austausch ihrer Erfahrungen. Referats-, Bereichs- und Sachgebietsleiter/innen der Sozial- und Jugendhilfeadministration sind ebenso vertreten wie Leiter/innen von Einrichtungen. Themenentwicklung gefragt Kooperationen fördern „Am meisten bewegt die Leitungskräfte das Thema Teamentwicklung – und zwar quer durch alle Arbeitsfelder“, berichtet Heide Trautwein. Das Interesse sei so groß, dass die Veranstalter nun zwei Zusatztermine anbieten. Denn in Krisenzeiten wird die Soziale Arbeit gleich von zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen nimmt der Druck auf die Klienten zu. Familien, Kinder und Jugendlichen leiden verstärkt unter den Folgen Zu den Aufgaben von Leitungskräften gehört es aber auch, Kooperationen aufzubauen und zu verhandeln – innerhalb der eigenen Organisation und mit externen Partnern. Die Fortbildungsreihe greift auch dieses Thema auf. In Gremien und Sitzungen sind Leitungskräfte gefordert, Schnittstellen optimal zu managen und Ideen auf den Weg zu bringen. Sie sind angehalten gemeinsame Interessen von Arbeitslosigkeit oder Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand. Zum anderen wächst der Druck auf die Soziale Arbeit. Häufig müssen die Aufgaben mit weniger Geld und womöglich weniger Personal gestemmt werden. „Die gute Zusammenarbeit im Team ist gerade in solchen Zeiten wichtig“, erklärt Heide Trautwein. Die Leitung müsse gut informieren, zielorientiert und kompetent motivieren, anleiten, strukturieren und ein Klima schaffen, das gutes Arbeiten möglich mache. Kenntnisse über gruppendynamische Prozesse und Teamentwicklungsphasen seien hierfür ebenso von Bedeutung wie die Kompetenz, lösungsorientiert mit schwierigen Situationen und Herausforderungen umzugehen. Sonst leidet die Arbeit. Unterschwellige Spannungen können die Beteiligten krank machen.

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herauszuarbeiten und dennoch die Interessen der eigenen Institution im Blick zu behalten. „Deshalb“, so Heide Trautwein, „bietet die Fortbildungsreihe auch Gelegenheit, den eigenen Auftrag und die eigene Rolle zu reflektieren, die vorhandenen Strukturen und Kommunikationswege zu analysieren und sich der persönlichen Art zu kommunizieren bewusst zu werden.“ Eine Teilnehmerbefragung bestätigt das Konzept: Die Themen der Fortbildungsreihe sind aus Sicht der Praxis stimmig. Das Angebot als „Baukastensystem“ mit frei wählbaren Seminaren und Teilnahmezertifikat entspricht dem Bedarf nach Planbarkeit und Flexibilität. Den Seminaren wird eine gelungene Mischung aus Praxisbezug und fachlichen Inputs bescheinigt. 8 „Kooperationen werden in der Fortbildung zunehmend wichtig, um Know

how zu bündeln, Angebote effizient zu gestalten und bestimmte Zielgruppen anzusprechen“, weiß Heide Trautwein. So gehen zum Beispiel die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung, die im Auftrag des Deutschen Vereins durchgeführt worden ist, in die Fortbildungsreihe ein (Thema: Veränderte Qualifikationsanforderungen an Leitungskräfte in der Sozialen Arbeit). Der Kommunalverband ist im Gegenzug ein ausgewiesener Kenner der Sozialen Arbeit in Baden-Württemberg. Und der KVJS ist dicht an der praktischen Sozialarbeit vor Ort, kennt ihre Praxis und Nöte. „In unserer gemeinsamen Fortbildung nutzen wir diesen Erkenntnis- und Erfahrungshintergrund und verknüpfen ihn mit den langjährigen Erfahrungen des KVJS in der Fortbildung von Leitungskräften“, sagt Heide Trautwein. syr

Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verein
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer profitieren bei der Fortbildung von der Zusammenarbeit zweier sehr erfahrener Partner in der Sozialen Arbeit: dem KVJS und dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (DV). Der vor 120 Jahren gegründete Verein mit Sitz in Berlin fördert die Soziale Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Zu seinen 2.500 Mitgliedern zählen unter anderem Landkreise, Städte, Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, Bundesministerien, Hochschulen und soziale Einrichtungen. Der DV gibt zum Beispiel wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag, erarbeitet Empfehlungen für die Praxis oder fördert Seminare und den (internationalen) Erfahrungsaustausch von Fachkräften.

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Fortbildungsreihe „Leitungskompetenz in der Sozialen Arbeit“
in Kooperation mit dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. Knappe finanzielle und personelle Ressourcen sowie Veränderungsprozesse in der sozialen Landschaft stellen Führungskräfte heute vor zahlreiche Herausforderungen. Unsere Fortbildungsreihe unterstützt Leitungskräfte öffentlicher und freier Träger der Sozial- und Jugendhilfe beim Bewältigen dieser anspruchsvollen Aufgaben. Die Fortbildungsreihe bietet ein umfassendes Qualifizierungskonzept in den zentralen Anforderungsbereichen der Sozialen Arbeit. Alle Seminare sind einzeln und unabhängig voneinander wählbar. Bei unseren Veranstaltungen im zweiten Halbjahr 2010 sind noch wenige Plätze frei: Leitung und Teamentwicklung 13. – 14.0.2010 (10-2-LSA2-2) 18. – 19.01.2011 (10-2-LSA2-3) Moderation und Leitungsrolle 28. – 29.09.2010 (10-2-LSA4-1) Leitung und Organisation 30.09. – 01.10. (10-4-LSA5-1) Förderung von Mitarbeiter/innen 11. – 12.11. (10-4-LSA6-1) Eigene Ressourcen entdecken und nutzen 07. – 08.12. (10-4-LSA7-1) Alle Veranstaltungen finden im Tagungszentrum Herrenberg-Gültstein statt. www.kvjs.de/gueltstein.htm Anmeldung und weitere Informationen finden Sie unter Angabe der Kursnummer im Internet unter www.kvjs.de/fortbildung.html

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Resilienz: Vom Stärken der Stärken
Warum gelingt manchen Kindern, die unter widrigen Umständen aufwachsen, ein glückliches Erwachsenenleben und anderen nicht? Welche Stärken stehen dahinter? Damit beschäftigt sich die Resilienzforschung. Eine Fortbildung des KVJS-Landesjugendamtes zur Resilienz brachte interessante Impulse für die Praxis.
Die Wissenschaft definiert Resilienz als Widerstandsfähigkeit eines Menschen gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsaufgaben. Gemeint ist damit ein erfolgreicher Umgang mit belastenden Lebensumständen und negativen Stressfolgen. Trotz Aufwachsen unter erschwerten Bedingungen wie Armut, Platzmangel, bildungsferne, suchtkranke und/oder arbeitslose Eltern, viele Geschwister - es gibt es immer wieder Kinder, die ihren Weg machen. 10 Das Phänomen der Resilienz bei Kindern wird seit rund 50 Jahren soziologisch untersucht. Dabei wurde erkannt, dass immer wieder bestimmte Merkmale bei resilienten Kindern auftreten: mindestens durchschnittliche Intelligenz, Selbstvertrauen, Optimismus, hohes Antriebsniveau, Geselligkeit und Freundlichkeit je nach Alter und Geschlecht zählen dazu. Als schützende Faktoren wirkt sich eine stabile Beziehung zu einer Person, die ein Kind auch außerhalb der Familie finden kann, wie eine Lehrerin, ein Sport-Trainer, ein ehrenamtlicher „Pate“ sowie auch eine aktive Mitgliedschaft in einer Glaubensgemeinschaft aus, denn dadurch werden nicht zuletzt auch schützende Netzwerke geknüpft. Wie Resilienz-Faktoren stärken? Was kann man nun tun, um hilfreichen Faktoren bei Kindern in problematischen Lebenslagen zu stärken? Dieser Frage ging die Tagung „Das Konzept der Resilienz – Gezielte Analyse und Förderung von Ressourcen, die wesentlich zur Ausbildung und Erhaltung seelischer Gesundheit beitragen“ des KVJS - Landesjugendamtes nach. „Wir konnten auf Grund der großen Nachfrage die Platz-Zahl auf 25 aufstocken“, erklärt Gabriele Ulrich vom Landesjugendamt des KVJS, trotzdem konnten nicht alle Teilnahmewünsche befriedigt werden. „Wir hatten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Allgemeinen Sozialdienst, Schulsozialarbeit, Tagespflege, Kindertagesstätte – diese Mischung war neu und hat sich als sehr fruchtbar erwiesen“, so Ulrich. In vier großen Themenblöcken beschäftigten sich die Tagungsteilnehmer unter der fachlichen Leitung von Gerda Holz vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit unterschiedlichen Aspekten des Themas: Eigene Erfahrungen von Armut, die Förderpraxis im eigenen Arbeitsumfeld, der Blick auf die Eltern und schließlich die vorhandenen Strukturen vor Ort. Der letzte Themenblock sorgte für einige Aha-Erlebnisse, erklärt Tagungsleiterin Ulrich: „In den verschiedenen Landkreisen gibt es zum Teil schon sehr gute Angebote, die aber im Sinne eines strukturellen Präventionsansatzes noch optimaler miteinander vernetzt werden sollten.“

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Bessere Vernetzung nötig „Kinder sind von Natur aus neugierig, begeisterungsfähig und vertrauensvoll“, beschreibt Gabriele Ulrich. Dieses „Startguthaben“ gilt es von Beginn an zu stärken. So profitieren gerade Kinder aus schwierigen Lebensverhältnissen von einer frühen Förderung in der Kinderkrippe. Dort erfahren sie Förderung durch eine konstante Bezugsperson, eine feste Kindergruppe sowie einer vertrauten Umgebung. Verlässliche Strukturen, Vertrauenspersonen und Anreize zur Entwicklung sind starke resilienzfördernde Faktoren. Diese Förderung sollte von der Schwangerschaftsbegleitung der Eltern über Kinderkrippen und Kindertagesstätten, Grundschulen, weiterführende Schulen, Horte und Jugendarbeit bis zum Beginn einer Berufsausbildung verstetigt werden, um die Widerstandskraft nachhaltig zu festigen, so eine Erkenntnis aus dem zweitägigen KVJS-Fachtag. „Grundlage ist die gezielte Beobachtung der Kinder durch die Fachkräfte und die Förderung ihrer Stärken“, so Ulrich. Die Fachkräfte leisten dann weitere Hilfen

zur Selbsthilfe. Sie sind gut ausgebildete Begleiter für die Kinder. In Zukunft wird es immer wichtiger, die Übergänge zwischen den einzelnen Betreuungsformen so nahtlos wie möglich zu gestalten. Das macht eine enge Vernetzung unumgänglich. Nahtlose Übergänge gefordert Dies haben insbesondere bereits einige finanzschwache Kommunen erkannt und umgesetzt, denn mit einer optimalen Verzahnung der Strukturen in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen lassen sich Reibungsverluste und spätere Kosten verringern, wie sie entstehen, wenn eine nachfolgende Einrichtung keine oder nur wenig Informationen über ein Kind, seine Stärken, Schwächen, Interessen hat. Zudem ist ein guter Kontakt zu den Eltern unerlässlich. 11 Am Ende könnte unter anderem die Entwicklung der Kindertagesstätte zum Familienzentrum stehen, in der ein Konzept eines kindbezogener Präventionsansatzes umgesetzt wird und Kinder und deren Eltern dort abholt und langfristig begleitet werden, wo sie stehen und Hilfen brauchen. mok

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Wenn Kitas zu Familienzentren werden
Seit Anfang 2009 werden in baden-württembergischen Kindertagesstätten die ersten Familienzentren eingerichtet. Sie wollen mehr bieten als Betreuung und Bildung. Ziel ist es, den Kinderschutz sowie die frühe Begleitung und Unterstützung von Familien zu stärken. Der KVJS berät Landkreise, Träger und Kommunen über die neuen Möglichkeiten.
Zu den Pionieren gehört der Landkreis Karlsruhe. Dort haben sich drei Kindergärten zu Familienzentren weiterentwickelt. Sie sind in Karlsbad, Bruchsal-Untergrombach und Sulzfeld. Ein Familienzentrum ist ein Dienstleistungszentrum für die ganze Familie. Für die Kleinen gibt es Mädchen- oder Jungentreffs. Väter und Mütter können sich in Fragen der Erziehung an kompetente Fachstellen vermitteln lassen. Migrantenfamilien werden bei der Integration unterstützt. Und es gibt zum Beispiel Sprachkurse oder Seminare zur gesunden Ernährung. Der KVJS war an der Evaluation, Dokumentation und Konzeption beteiligt. „Das Familienzentrum dockt an die Kindertagesstätte an“, erklärt Dorothea Rieber vom Landesjugendamt beim KVJS. „Dort kommen die Familien täglich hin. Angebote werden eher bemerkt und lieber angenommen als von einer bisher unbekannten Institution, wo Referenten lehren, die man nicht kennt. Gleichzeitig kann die Kita Angebote passgenau gestalten. Im Familienzentrum kennen die Fachkräfte Eltern, Kinder sowie das soziale Umfeld.“ Beitrag zum Kinderschutz Die badischen Familienzentren leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Kinderschutz. „Durch Familienzentren werden Kinder und Familien so gestärkt und gestützt, dass sie mit Problemlagen zurechtkommen“, erklärt Dorothea Rieber. Die Zentren könnten Eltern bei Erziehungsaufgaben ermutigen und teure Jugendhilfemaßnahmen vermeiden helfen. Insbesondere können bildungsferne Familien, die mit den üblichen Angeboten oft nicht erreicht werden, gezielt angesprochen und ermutigt werden. Migrantinnen sind zum Beispiel nach den Erfahrungen von Rieber leichter für einen Sprachkurs zu gewinnen, wenn er in der Nähe der Wohnung stattfindet. Die Anfahrt scheitert nicht am schlechten Busfahrplan. Die Chance, dass die Nachbarin ebenfalls zum Seminar kommt, ist höher. Die Kurse finden während der KitaÖffnungszeiten statt, Söhne und Töchter sind wohlversorgt. Das alles hilft, Hemmschwellen zu überwinden. Nicht nach Schema F Kein Familienzentrum ist nach Schema F gemacht. „Die Angebote vor Ort werden passgenau entwickelt“, erklärt Rieber. Kochkurse, Action-Painting und Elterncafés – alles ist möglich. Im Kreis Karlsruhe sind besonders die so genannten KESSElternkurse beliebt mit Modulen wie „Das Kind sehen – soziale Grundbedürfnisse achten“ oder „Konflikte entschärfen – Probleme lösen“. Die Familienzentren können auch Elternbildungskurse aus dem Landesprogramm „Stärke“ anbieten. Möglich ist zudem eine Tagespflegebörse mit Kontaktadressen von Tageseltern.

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Und es gibt Einzelberatungen. Im Familienzentrum Karlsbad gibt es etwa regelmäßige Sprechstunden der Erziehungsberatungsstelle. Eine Psychologin kommt in die Einrichtung. Eltern können mit ihr ein Gespräch vereinbaren. KVJS-Fortbildung und Beratung Die KVJS-Expertin Dorothea Rieber berät Landkreise, Kommunen und Träger, die mehr über Familienzentren wissen möchten. Die Diplompädagogin informiert über die Chancen von Familienzentren sowie über deren Konzeption und Einrichtung. Sie führt Einzelgespräche oder bietet Inhouse-Seminare zur Prozessbegleitung. Zudem bietet der KVJS in diesem und im nächsten Jahr Fortbildungen für Fachkräfte (vgl. Kasten). Eine Kindertagesstätte kann ein Familienzentrum nicht alleine stemmen. Part-

ner sind Volkshochschulen und andere Bildungsträger, Frühförderstellen, das Jugend- und Gesundheitsamt und weitere therapeutische Dienste. Im Kreis Karlsruhe wurden auch schon Sprechstunden einer Erziehungsberatungsstelle in den Räumen der Tageseinrichtung eingerichtet. Als attraktiv kann sich zudem eine Zusammenarbeit mit Familienbildungsstätten, Selbsthilfeorganisationen oder Tageselternvereinen erweisen. Nicht zuletzt sind engagierte Bürgerinnen und Bürger gefragt. In Karlsbad bietet zum Beispiel ein pensionierter Lehrer ehrenamtlich Sprachbildungsangebote für Kinder. syr Ihre Ansprechpartnerin: KVJS, Dorothea Rieber Telefon 0711 6375-783 E-Mail Dorothea.Rieber@kvjs.de 13

Weiterbildungsangebot des KVJS zum Thema Familienzentren
Arbeitstagung Familienzentren – Netzwerke für Kinder und Familien knüpfen 26.10.10 – 27.10.10 KVJS-Bildungszentrum Schloss Flehingen Kursnummer 10-4-KTF4-1w Zielgruppe: Fachberater/innen von Kommunen, Jugendämtern und Verbänden Kindertageseinrichtungen unterstützen und stärken Eltern im Rahmen der Erziehungspartnerschaft. Um diese Aufgabe weiter zu entwickeln, können Tageseinrichtungen zu einem Knotenpunkt – zu einem Zentrum – in einem Netz von Angeboten zur Begegnung, Unterstützung, Bildung und Beratung werden. Informationen und Anmeldung: www.kvjs.de/fortbildung/jugendhilfe.html

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Fachtag Werkstatt 21: Inklusion für alle
Der KVJS-Fachtag „Werkstatt 21 – Arbeit und Förderung für Menschen mit schwerer Beeinträchtigung“ befasste sich mit Möglichkeiten der Inklusion der schwächeren Werkstattbeschäftigten, und der Personen, die in Baden-Württemberg derzeit die Förder- und Betreuungsgruppen der Werkstätten für behinderte Menschen oder Tagesstätten besuchen. Beispiele aus der Praxis boten dabei interessante Impulse.
Die Kernfrage des KVJS-Fachtages stellte gleich am Vormittag der Sozialdezernent des Landkreises Karlsruhe Peter Kappes: „Inwieweit werden die derzeitigen Strukturen den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention („Inklusion“) gerecht?“ In Baden-Württemberg wurden mit der KVJS-Aktion 1000 mehr als 1000 Beschäftigte von Werkstätten für Behinderte (WfbM) oder Abgänger von Sonderschulen, die früher in die WfbM gegangen wären, auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Für die Starken unter den Schwachen ist hierzulande gesorgt. Doch was ist mit den über 7000 Menschen, die in Baden-Württemberg Förder- und Betreuungsgruppen besuchen? Zudem gibt es weitere knapp 3000 Personen, die Angebote der Tagesbetreuung wahrnehmen und somit überwiegend kein Beschäftigungsangebot erhalten , also insgesamt 10.000 Mitbürgerinnen und Mitbürger mit schweren Beeinträchtigungen und ohne Leistungen zur Sozialversicherung. „Der prozentuale Anstieg von 2005 bis 2008 in diesem Bereich beträgt 22 Prozent“, erklärte Referatsleiter Michael Heck vom KVJS in seinem Einführungsvortrag. „Zum Vergleich: im Werkstattbereich betrug er etwa acht Prozent. Dies bestätigt die vielfach geäußerte Beobachtung, dass der Anteil schwer und mehrfach beeinträchtigter Menschen unter anderem aufgrund des medizinischen Fortschritts erheblich ansteigt.“ Auch führten die demografischen Veränderungen zu einer Zunahme des Anteils Älterer. Gleichzeitig ist in den Förder- und Betreuungsgruppen zudem der Anteil junger Menschen unter 30 Jahren mit fast einem Viertel deutlich höher als bei den Werkstattbeschäftigten, wo er rund 17 Prozent beträgt. Landesweit 10.000 Betroffene „Natürlich ist es in Zeiten der knappen kommunalen Ressourcen von besonderer Brisanz, den Focus gerade auf jene Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und den vielleicht schwierigsten Voraussetzungen zu beruflicher Förderung und Integration zu richten“, so Michael Heck. „Gerade in solchen Zeiten aber ist es auch notwendig, die Wirkung und Effizienz eingesetzter öffentlicher Mittel sorgfältig zu prüfen. Wenn unser Ziel die Inklusion ist, dann müssen wir auch den Mitteleinsatz in Hinblick auf die Zielerreichung betrachten. Es geht um effizienten und zielgerichteten Mitteleinsatz – und das Ziel ist ein höherer Inklusionsgrad.“ Unter den Gesichtspunkten der Effizienz und Sozialraumorientierung ist zum Beispiel das weithin übliche Abholen der dezentral wohnenden Werkstattbeschäftigten durch beispielsweise Zivildienstleistende mit Kleinbussen kritisch zu betrachten. Warum nicht Arbeitsmöglichkeiten im Lebensumfeld der Menschen suchen, statt die Menschen durch den gesamten Landkreis zur Arbeit zu fahren? Peter Hafner, Geschäftsführer der Lebenshilfe Bruchsal-Bretten und Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft WfbM plädierte vor diesem Hintergrund für den

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Ausbau dezentraler Angebote. In Zukunft könnten Werkstätten für behinderte Menschen auch Teil von Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes sein. Sozialraumorientierung und Dezentralisierung Für die Inklusion von Personen mit schweren Beeinträchtigungen in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung zeichnen sich mittlerweile neue Konzepte ab, die wesentlich stärker auf Sozialraumorientierung und Netzwerkbildung setzen. Etwa durch Modelle, wie sie Sozialdezernent Peter Kappes in seinem Vortrag „Weiterentwicklung der WfbM im Kontext neuer Ansätze zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung“ vorstellte: So erprobte der Landkreis Karlsruhe ein „Budget für Arbeit“, das 32 Menschen mit Behinderung wahrnahmen. Sie konnten dauerhaft bei verschiedenen Arbeitgebern integriert werden. Dabei wurde der Sozialraumorientierung ein hoher Stellenwert eingeräumt, was nicht zuletzt auch hier heißt: Dezentralisierung von Arbeitsplätzen. Diese Modelle und Konzepte müssen nicht mit Mehrkosten verbunden sein. Auch Menschen mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen sollten von Sozialraumorientierung und Dezentralisierung profitieren. Dass zentrale Förder- und Betreuungsgruppen nicht unbedingt notwendig sind, zeigte das Beispiel Nordrhein-Westfalen. Dort sind auch Menschen mit schwererer Behinderung Werkstattmitarbeiter. Für ihre berufliche Inklusion sorgt ein entsprechend des Mehrbedarfs ausgehandelter Tagessatz. Für bessere gesamtgesellschaftliche Inklusion der Zielgruppe sorgen auch Projekte wie das Bamberger Modell. Ein Kompetenzteam klärt hierbei die Ressourcen der Betroffenen, Patenschaften durch

die Gemeinde, Betriebe und Personen aus dem sozialen Umfeld wirken stabilisierend und eine fallunabhängige Netzwerkarbeit bringt alle notwendigen Akteure zusammen. Damit werden vergleichbare Ansätze wie von der KVJS-Aktion 1000 /1000plus verfolgt. Auch beim Bamberger Modell gibt es eine überzeugende Erfolgsquote: innerhalb von fünf Jahren wurden 83 überwiegend geistig behinderte Menschen dauerhaft auf ausgelagerte WfbM-Arbeitsplätze wohnortnah vermittelt. Überzeugende Modelle präsentierte auch Friedrich Haselberger, Leiter der Werkstatt der LWV.Eingliederungshilfe Rappertshofen. Gemeinsam mit zwei Beschäftigten stellte er die dortigen Außenarbeitsplätze in der Mensa des regionalen Gymnasiums und im örtlichen Buchhandel vor. Alle Arbeitsplätze beeindruckten durch die individuelle Anpassung an den Unterstützungsbedarf der Beschäftigten und deren Einbindung in die Gesellschaft Und die Zukunft? Im Sinne der Inklusion – gerade auch von Menschen mit schwerer Beeinträchtigung – könnte die WfbM des 21. Jahrhunderts so aussehen: Keine Förderung und Betreuung mehr in separaten Gruppen, sondern Förderung am WfbM-Arbeitsplatz. Dezentrale, wohnortnahe Angebote, die die Menschern nicht aus ihrem Umfeld reißen und aufwändige und belastende Fahrtzeiten überflüssig machen. Möglichst viele WfbM-Außenarbeitsplätze direkt in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Starke Netzwerke und Patenschaften unter Einbeziehung der in der Familie vorhandenen Kompetenzen und Möglichkeiten. Der KVJS-Fachtag bot für all dies Beispiele. Beispiele, die Mut machen. mok

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Auslandsadoptionen auf eigene Faust landen oft vor dem Richter
Auf jedes zur Adoption vorgemerkte Kind kommen in Baden-Württemberg zwölf Bewerberpaare. Da heißt es warten und hoffen. Manche Paare verlieren die Zuversicht. Sie begeben sich in rechtliche Grauzonen, um im Ausland einen Sohn oder eine Tochter zu adoptieren. Leidtragende sind die Adoptivkinder.
„Auslandsadoptionen im Grenzbereich der Legalität bergen ein großes Risiko, dass das Kind nicht zeitnah einreisen kann“, weiß Reinhold Grüner, Leiter der Zentralen Adoptionsstelle (ZAS) beim KVJS. Der KVJS fordert mit den Zentralen Adoptionsstellen in anderen Bundesländern Gegenmaßnahmen. „Bußgelder für Kinderkäufe im Ausland und ein grundsätzliches gesetzliches Einreiseverbot für Kinder, die außerhalb des gesetzlich vorgesehenen Verfahrens adoptiert wurden, könnten einen Beitrag zu mehr Rechtsstaatlichkeit leisten“, sagt Grüner. Reinhold Grüner stellt solche Forderungen nicht von ungefähr. Er kennt etliche tragische Fälle. Schwierigkeiten treten etwa bei Staaten auf, die keine Adoption kennen. Beispiel: In Staaten mit muslimisch geprägter Rechtsordnung wie Marokko oder Algerien wird kinderlosen Paaren das Sorgerecht nach der „Kafala“ übertragen. Die Kafala (arab. = Bürgschaft) ist grob mit der Pflegschaft eines Kindes vergleichbar. Die Eltern können mit dem Segen der ausländischen Behörden zum Vormund werden, das Kind bleibt aber Mitglied seiner ursprünglichen Familie. Keine Adoption aus Mahgreb-Staaten Damit das Kind in Deutschland den gemeinsamen Familiennamen führen kann und die rechtliche Stellung eines leiblichen Kindes erhält, müssen die Eltern ein Adoptionsverfahren hinterherschieben. Doch etliche deutsche Behörden legen sich quer. Wenn das Herkunftsland keine Adoption kenne, dürfe ein Kind nicht einreisen, um in Deutschland adoptiert zu werden, argumentieren die Beamten. Zudem würden adoptierte „Kafala-Kinder“ in paradoxe Rechtsverhältnisse geraten. Das Kind besäße in Deutschland den Rechtstatus eines leiblichen Kindes von Adoptiveltern, der im Herkunftsland nicht anerkannt würde. Die Folge: etliche „Kafala-Söhne“ und „-Töchter“ warten seit Jahren auf ihre Einreise nach Deutschland. Auch für verhinderte Adoptiveltern sind die Folgen fatal, wie Grüner erklärt: „Die Leute müssen nach der Kafala im Ausland für ein Pflegekind sorgen, leben aber selbst in Deutschland.“ Die ersehnte Aufnahme in die eigene Familie bleibe ungewiss. Auch beim Verdacht auf Kinderhandel dürfen „adoptierte“ Jungen und Mädchen nicht einreisen. So hatte vor zwei Jahren eine gut situierte deutsche Familie im staatlichen Adoptionsverfahren die Geduld verloren. Sie ließ ihre Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten spielen, die bis nach Afrika reichten. Auf dem schwarzen Kontinent geriet bald ein elternloses Baby in den Blickpunkt der Suchenden. Es lebte bei Verwandten. Nach einigen Gesprächen war die bettelarme Familie bereit, das Kind herauszugeben. Die Deutschen wollten einem Familienmitglied eine Berufsausbildung

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finanzieren. Zudem flossen größere Geldbeträge in humanitäre Projekte vor Ort. Die afrikanischen Behörden genehmigten die Adoption. Doch die Beamten der deutschen Botschaft verweigerten die Einreisepapiere nach Deutschland. Der Fall beschäftigt inzwischen die Richter. Das Verfahren läuft über mehrere Instanzen. Der Ausgang ist ungewiss. Adoption im Schlepptau von Leihmutterschaft Zu rechtlichen Komplikationen führen auch Adoptionsanfragen im Schlepptau einer Leihmutterschaft. Zuweilen engagieren verzweifelte Paare eine Leihmutter, um ein Kind in ihre Arme schließen zu können. In Deutschland ist dies verboten. Doch Geschäftemacher aus dem Ausland bieten längst „Economy“-Pakete für 3.000 Euro oder „Komplex“-Pakete für 15.000 Euro. Wahlweise kann der „Tragemutter“ die befruchtete Eizelle der bestellenden Eltern eingepflanzt werden, oder sie wird mit dem Sperma des Auftrag gebenden Vaters künstlich befruchtet. Will im letzten Fall die Ehefrau des leiblichen Vaters das Neugeborene als Kind annehmen, kann sie eine Adoption beantragen. Problem: trotz der leiblichen Vaterschaft genehmigen die deutschen Auslandsvertretungen oft nicht die Einreise des Kindes nach Deutschland. Denn unter Juristen ist umstritten, ob der Mann auch im rechtlichen Sinn als Vater anerkannt werden sollte. Es sind Fälle bekannt, wo die Adoptiveltern ein, zwei Jahre im Ausland festsaßen, weil sie keine Einreisegenehmigung für den Adoptivsohn oder die -tochter erhielten.

Reinhold Grüner appelliert eindringlich an alle Frauen und Männer mit Kinderwunsch, Grauzonen-Adoptionen zu vermeiden: „Je weniger Kinder über problematische oder gar kriminelle Kanäle vermittelt werden, desto mehr kann das Wohl von Adoptivkindern und ihren aufnehmenden Familien gewahrt werden.“ Denn deutsche Behörden arbeiten nach den Bestimmungen des Haager Übereinkommens gegen Kinderhandel. Ein geregeltes Verfahren soll kriminelle Machenschaften verhindern und die Menschenrechte des Kindes schützen. Jeder Mensch hat das Recht, in seinem Geburtsland aufzuwachsen, sind sich die 81 Unterzeichnerstaaten einig. Nur wenn im Herkunftsland weder Betreuung noch Adoptivfamilien gefunden werden, darf ein Kind außer Landes gegeben werden. 17 Legal zur Adoption freigegebene Kinder werden nach dem Haager Übereinkommen von offiziell ermächtigten Behörden vermittelt. In Deutschland ist diese Stelle die ZAS. Sie oder von ihr anerkannte freie Adoptionsstellen suchen passende Eltern für die Kinder. Dazu sehen das Übereinkommen und das deutsche Gesetz eine Beratung und Eignungsüberprüfung von Adoptionswilligen vor. ZAS berät Auch die Eltern in spe profitieren von der behördlichen Begleitung einer Adoption. Bei der Beratung werden sie zum Beispiel über mögliche Traumatisierungen informiert, die Adoptivkinder mit hoher Wahrscheinlichkeit mitbringen. „Ein elternloses Kind leidet stets unter seelischen Verlet-

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zungen, viele müssen Kriegserlebnisse oder andere Katastrophen bewältigen“, weiß die Beraterin Monika Miller-Lika von der ZAS. „Nach unserer Erfahrung können Adoptiveltern damit überfordert sein.“ Zudem bieten die deutschen Behörden Adoptiv-Familien Nachbegleitung, Berich-

te zur Gesundheit des Kindes und bestmöglichen Auskünfte über die Abstammung. Denn die meisten Adoptivkinder suchen irgendwann nach ihren leiblichen Eltern. Gut, wenn sie dann auf Akten zurückgreifen können, die in Deutschland 60 Jahre aufbewahrt werden. syr

Auslandsadoptionen beim KVJS
Bei der ZAS lagen 2008 die Bewerbungen von 110 Paaren vor. Die Mitarbeiterinnen erbaten für sie einen Kindervorschlag aus dem anvisierten Staat. Sie holten sämtliche verfügbaren Informationen über die leiblichen Eltern ein und begleiteten das Verfahren von Deutschland aus. 18 glückliche Paare konnten 2008 ein Kind in die Arme schließen. Andere Anträge auf Vermittlung laufen noch oder wurden zurückgezogen. Die potenziellen Adoptiveltern hatten es sich anders überlegt oder erwarteten eigenen Nachwuchs. Oft gab es auch kein Kind aus dem Wunschland. Von den 658 Kindern, die im Jahr 2008 in Baden-Württemberg adoptiert wurden, besaßen laut dem Statistischen Landesamt 278 eine ausländische Staatsangehörigkeit.

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Mobile Jugendarbeit als Lobby für junge Menschen
Welche Möglichkeiten der politische Einflussnahme und Lobbyarbeit zugunsten benachteiligter junger Menschen haben die Streetworker der Mobilen Jugendarbeit? Antworten auf diese Frage suchten die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Jahrestagung 2010, die das KVJS-Landesjugenamt gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg veranstaltet hat.
„Die Mobile Jugendarbeit ist in BadenWürttemberg gut aufgestellt“, erklärt Irma Wijnvoord vom KVJS-Landesjugendamt. Landesweit ist die Arbeit der Streetworker anerkannt. Das baden-württembergische Sozialministerium unterstützt daher den Ausbau auf landesweit 220 Personalstellen. Die Streetworker sind Ansprechpartner für junge Menschen mit vielfältigen Problemen, die von der „normalen“ Jugendhilfe nicht mehr erreicht werden: Schulprobleme, fehlende Berufsausbildung, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Gewalt, familiäre Probleme, Sucht, psychische Probleme, Schulden, Obdachlosigkeit. Die meisten der jungen Leute haben mehr als nur ein „Päckchen“ zu tragen. An ihren Treffpunkten fallen sie häufig auf - nicht immer positiv. „Die Mobile Jugendarbeit kümmert sich um die Probleme, die die Jugendlichen haben, nicht um die, die sie machen“, beschreibt Irma Wijnvoord das Selbstverständnis der Streetworker. Dabei gilt: Je besser die Jugendlichen ihre Probleme im Griff haben, desto weniger machen sie. Entsprechende Studien zeigen den Erfolg des aufsuchenden, niederschwelligen Angebots der Mobilen Jugendarbeit. Eine empirische Studie der Universität Tübingen zu Wirkungseffekten Mobiler Jugendarbeit in Stuttgart ergab, dass 68,5 Prozent der Befragten angaben, ihr Leben sei nach der Betreuung durch die Mobile Jugendarbeit eher besser oder wesentlich besser geworden. 76,2 Prozent sahen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt für sich, 62,3 Prozent, gaben an, besser auf ihre Gesundheit zu achten und 59,5 Prozent hatten eine Ausbildung oder einen Beruf gefunden. Die befragen Eltern betrachteten die Mobile Jugendarbeit mehrheitlich als wichtige Unterstützung. Befähigung zur eigenen Interessenvertretung Mobile Jugendarbeit sieht ihre Aufgabe darin, Einfluss auf die Lebensbedingungen ihrer Zielgruppen zu nehmen und diese nachhaltig zu verbessern. „Dies bedeutet politische Einflussnahme und Lobbyarbeit zugunsten benachteiligter junger Menschen, aber auch Befähigung dieser jungen Menschen zur eigenen Interessenvertretung und zur Ausübung ihrer Rolle als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens“, so Irma Wijnvoord zur Konzeption der Jahrestagung. „Dazu gilt es neue Arbeitsformen und Projekte zu entwickeln und zu erproben, gerade auch im Hinblick auf die Tatsache, dass sich im Zuge der weltweiten Wirtschaftsund Finanzkrise die Bedingungen für die Zielgruppen der Mobilen Jugendarbeit dramatisch verschlechtert haben.“

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Professor Günter Rieger von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg wies auf der Jahrestagung in seinem Vortrag darauf hin, dass soziale Arbeit politisch konstituiert sei. „Immer dann, wenn wir auch nur unseren sozialarbeiterischen Auftrag erfüllen, handeln wir politisch – wir wirken im Sinne von Systemerhaltung oder Systemgestaltung“, so Rieger. Soziallobbying als Tauschgeschäft hieße, die Politik bietet Information, Entscheidung, Resourcen, die soziale Arbeit biete Legitimation, Umsetzung/Ausführung, Expertise. In der Vermittlerrolle „Die Mobile Jugendarbeit hat oft die Vermittlerrolle“, so Irma Wijnvoord. Sie vermittelt zwischen Jugendlichen, Bürgern, Politik. Wie diese Vermittlerrolle ausgefüllt werden kann, zeigte nicht zuletzt der „Markt der Möglichkeiten“ mit der Präsentation verschiedener Projekte.

Unterschiedliche Workshops vertieften das Tagungsthema. Berichtet wurde zum Beispiel von einem Video-Projekt der Mobilen Jugendarbeit in Pforzheim, bei dem junge Leute ihre „Orte“ in der Gemeinde zeigten, verbunden mit konkreten Vorschlägen an die Politik. Bei einem anderen Videoprojekt in Villingen-Schwenningen stellten Jugendliche Fragen an den Bürgermeister, die dieser ebenfalls per Video beantwortete. Die Beteiligten waren sich einig, dass alle vom Videoprojekt – durch buchstäblich neue Einsichten – profitiert hätten. Politische Lobbyarbeit heißt aber auch das Angebot vorstellen, sich vernetzen. Die Streetworker profitieren dabei von dem guten Ruf ihrer Arbeit bei der Politik. „Das Angebot ist vor Ort anerkannt“, so Irma Wijnvoord. Nun kommt es darauf an, es noch besser ins politische Bewusstsein zu rücken. mok

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Mobile Jugendarbeit in Zahlen
In der Mobilen Jugendarbeit gab es im Jahr 2009 in Baden-Württemberg • 182 Personalstellen • 112 Einrichtungen in 73 Prozent der Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg. Mehr als 19.000 benachteiligte und gefährdete Jugendliche und junge Erwachsene wurden erreicht, davon 64 Prozent männliche Jugendliche. Kontakt vor allem zu Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren (46 %), sowie junge Erwachsene (38 %) und Jugendliche unter 14 Jahren (16 %) 69 Prozent der jungen Menschen hatten einen Migrationshintergrund (113 verschiedene Herkunftsländer)

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Polizeidirektion Böblingen: Vorbildliches BEM-Konzept
In den letzten drei Jahren hat die Schwerbehindertenvertretung der Polizeidirektion Böblingen das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. Kaum Einer, dem nicht geholfen werden kann.
„Am Anfang hatten wir kräftigen Gegenwind“, erinnert sich Dieter Geißel, Schwerbehindertenvertreter der Polizeidirektion Böblingen. Aber er und seine Kollegin Maria Pulia ließen sich nicht entmutigen. Die beiden waren 2006 frisch ins Amt gewählt worden und hatten im Grundkurs für Schwerbehindertenvertretungen (SBV) des KVJS-Integrationsamtes vom Betrieblichen Eingliederungsmanagement – kurz BEM – gehört. „Wir haben festgestellt, dass das BEM bei uns noch nicht etabliert war und haben das angeregt“, so Geißel, der bei der Kriminalpolizei arbeitet. Das Zweier-Team verschafft sich erst einmal einen Überblick: Welches der größeren Unternehmen im Raum Böblingen hat bereits eine Vereinbarung zum BEM? Was hat sich als besonders sinnvoll erwiesen? Was braucht die Polizeidirektion? Auf dieser Grundlage erarbeitet die Schwerbehindertenvertretung ein Konzept für die Böblinger Polizeidirektion. Mit einer Personalstärke von 652 Polizeibeamten und 91 Tarifbeschäftigten ist die Polizeidirektion selbst ein „größeres Unternehmen“ mit verschiedenen Standorten – den Polizeirevieren in Böblingen, Sindelfingen, Leonberg und Herrenberg, dem Autobahnpolizeirevier Stuttgart, der Kriminal- und der Verkehrspolizei und weiteren kleineren Polizeiposten. 30 schwerbehinderte Menschen arbeiten in der Polizeidirektion. Nach rund einem Jahr stand die Vereinbarung zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement – und wollte mit Leben erfüllt werden. „Als wir anfingen, hatten wir vielleicht zwei BEM-Fälle im Jahr“, meint SBV-Mann Geißel. „Heute sind es 25 bis 35.“ Die Akzeptanz ist hoch: 95 Prozent der von der Personalabteilung verschickten Einladung zur Teilnahme am Betrieblichen Eingliederungsmanagement werden angenommen. „Puzzleteile“ zusammensetzen 21 Die Schwerbehindertenvertretung profitierte bei der Entwicklung des BEM davon, das die Polizeidirektion über einen spezialisierten ärztlichen Dienst bei der Landespolizeidirektion, Konfliktberater, Suchtkrankenhelfer, Beauftragte für Chancengleichheit und eine Fachkraft für Arbeitssicherheit verfügt. Die Kunst bestand darin, diese vorhandenen „Puzzleteile“, die zudem über verschiedene Standorte verteilt sind, zu einem Integrationsteam zusammen zu setzen, in dem ferner die SBV, der Personalrat und die Verwaltung vertreten sind. Alle vier Wochen trifft man sich. Ansonsten ist das Team über Telefon und E-Mail in Kontakt. „Wir haben auch mit dem externen Bereich wie dem Integrationsfachdienst Kontakte geknüpft“, so Dieter Geißel, „Mit dem Technischen Beratungsdienst des Integrationsamtes wurde eine Begehung

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der Dienstgebäude zum Thema Barrierefreiheit gemacht.“ Breites Informationsangebot über BEM Geißel und Pulia informierten über das Angebot des Betrieblichen Eingliederungsmanagements in allen Dienststellen und trafen dabei auch auf anfängliche Skepsis: „Wie mussten einige Ängste beruhigen“, erklärt Maria Pulia. Zu oft wird das BEM noch als Vorstufe zur Kündigung oder Pensionierung missverstanden. Bis zu 50 Prozent ihrer Zeit, schätzen die beiden Schwerbehinderten-Vertrauensleute, sind sie mittlerweile mit ihrem Ehrenamt beschäftigt: Persönliche Erstgespräche führen, Umsetzungsmöglichkeiten recherchieren, den Eingliederungsprozess begleiten, über das BEM informieren und als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Außerdem erstellt das SBV-Team Informationsmaterial zum BEM, pflegt eine Intranetseite mit einer Vielzahl von Informationen und verschickt regelmäßige BEM-Newsletter. Auch andere

Polizeidirektionen nutzen mittlerweile gern das umfangreiche gedruckte und elektronische Informationsmaterial der Böblinger zum Thema BEM und der beiden BEM-Experten. „BEM bringt was“, sind sich Geißel und Pulia einig. Etwa für die 32jährige Polizeibeamtin, die wegen eines Burn-outSyndroms ihren Dienst nicht mehr ausüben konnte. Nach erfolgreichem BEM konnte sie ihren Dienst an einem anderen Arbeitsplatz wieder aufnehmen. Oder der 48jähriger Polizeibeamte, der nahezu ein Jahr wegen einer schweren Bandscheibenproblematik und weiterer Erkrankungen arbeitsunfähig war. Dank BEM war er nach drei Monten wieder einsatzfähig. Die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die als dienstunfähig pensioniert werden mussten, ist jedenfalls nicht zuletzt durch das Betriebliche Eingliederungsmanagement spürbar zurückgegangen. mok

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Auf gute Nachbarschaft – Neuer Online-Wegweiser informiert
Der Weg ist klar vorgezeichnet: Weg von großen Komplexeinrichtungen und hin zu Wohnformen, die es Menschen mit Behinderungen ermöglichen, in ihrem gewohnten Umfeld leben zu können – die künftigen Angebotsstrukturen in der Behindertenhilfe. Doch die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Realisierung von solchen Wohnprojekten in der Gemeinde oft nur dann gelingt, wenn die Nachbarschaft der geplanten Einrichtung frühzeitig in das Vorhaben mit eingebunden und damit das Projekt gemeinsam zum Wohl aller gestaltet wird. Wie das geht, zeigt der KVJS-Online-Wegweiser „Auf gute Nachbarschaft“. Stadt- und Landkreise finden darin zahlreiche Anregungen und praktische Hilfestellung. Checklisten zu zentralen Themen wie Baugenehmigung oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machen deutlich, welche Aspekte bei der Planung und Umsetzung von ambulanten Wohnprojekten zu beachten sind und welche Vorgehensweise erfolgversprechend ist.

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Veranschaulicht wird dies durch drei ausgewählte Beispiele aus Baden-Württemberg. Die Projekte aus Schwäbisch Gmünd, Willstätt und Aalen belegen auf eindrucksvolle Weise, wie Menschen in ihrer Individualität akzeptiert und gleichberechtigt in einer Gesellschaft zusammenleben. Den KVJS-Wegweiser gibt es bewusst nur in digitaler Form, denn er soll jederzeit aktualisiert werden können. So bilden die genannten Beispiele zwar ein breites Spektrum ab, lassen sich aber zeitnah durch weitere Projekte aus der Praxis der Stadt- und Landkreise ergänzen.

Informieren Sie uns über Ihr/e Wohnprojekt/e für Menschen mit Behinderungen! Ihre Ansprechpartner beim KVJS: Michael Heck Tel. 0711 6375-230 Michael.Heck@kvjs.de Ulrich Allmendinger Tel.0711 6375-236 Ulrich.Allmendinger@kvjs.de Barbara Milsch Tel. 0711 6375-217 Barbara.Milsch@kvjs.de Der KVJS-Online-Wegweiser als pdf-Datei zum Download unter http://www.kvjs.de/ indes.php?id=227 23

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Behindert, alt, pflegebedürftig: Kernforderungen an die Bundespolitik
Im Namen der Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg (LAGÖFW) hatte der KVJS Bundespolitiker zu einem „parlamentarischen Nachmittag“ in das Behindertenheim Markgrönigen eingeladen. Die LAGÖFW stellte dort ihre Kernforderungen an die Bundespolitik vor.
Senator e.h. Roland Klinger, Verbandsdirektor des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales und Vorsitzender der LAGÖFW, konnte in dem stilvollen Café des Behindertenheimes Markgröningen unter anderem den Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales Hans-Joachim Fuchtel und den neuen Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe begrüßen. Zahlreiche Mitglieder der LAGÖFW waren ebenfalls zu dem parlamentarischen Nachmittag unter dem Titel „Behindert, alt, pflegebedürftig – zwischen allen Stühlen?“ erschienen. Ziel war es, den Vertretern der Bundespolitik die Kernforderungen der LAGÖFW zu diesem Thema vorzustellen. „Die Versorgung von älter werdenden und pflegebedürftigen Menschen mit Behinderung stellt nicht nur die Leistungsträger und Leistungserbringer vor neue Herausforderungen, sondern auch die Politik und die Gesellschaft. Der Altersaufbau und die Lebenserwartung von Menschen mit Behinderung sind zwar noch nicht identisch mit der Gesamtbevölkerung, eine Angleichung findet jedoch mit einer Zeitverzögerung von zehn Jahren statt“, beschrieb Verbandsdirektor und LAGÖFW-Vorsitzender Roland Klinger die Situation in seinem Einführungsvortrag. „Deshalb ist es erforderlich, rechtzeitig Weichen zu stellen, damit eine adäquate Versorgung auch in Zukunft fachlich und finanziell sichergestellt werden kann.“ Gleichbehandlung durch die Pflegeversicherung angemahnt Klinger mahnte die Aufhebung der gesetzlichen Ungleichbehandlung von pflegebedürftigen Menschen mit und ohne Behinderung im Rahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung an. Während pflegebedürftige behinderte Menschen in der eigenen Wohnung problemlos ambulante Leistungen der Eingliederungshilfe sowie parallel die vollen Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung in Anspruch nehmen könnten, übernähmen die Pflegekassen in Behindertenheimen im Einzelfall ein Zehntel der Heimkosten, maximal aber 256 Euro im Monat. In Pflegeheimen sei dagegen eine Versicherungsleistung bis zu 1510 Euro vorgesehen. Pflegebedürftige Bewohner von Behindertenheimen bekommen so bei gleichem Pflegebedarf weniger als ein Fünftel der Regelleistung. Klinger wörtlich: „Obwohl die Pflegekassen hier der vorrangige Leistungsträger sind, gleicht die Sozialhilfe die Differenz zu den vollen Leistungsbeträgen der Pflegeversicherung derzeit in Baden-Württemberg mit cirka 100 Millionen Euro für etwa 8.000

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behinderte Menschen jährlich aus.“ Diese Ausgrenzung und Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderung und pflegerischem Bedarf bei der genannten Heimpflege stehe mit der vom Deutschen Bundestag ratifizierten UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen sowie mit dem im Grundgesetzt verankerten Benachteiligungsverbot nicht im

Einklang. Die LAGÖFW fordert deshalb gleiche Leistungen der Pflegeversicherung für alle pflegebedürftigen Menschen in vollstationären Einrichtungen und die Anerkennung des Wohnorts der Menschen mit Behinderung als Häuslichkeit. mok

Kommt die „Großtagespflege“?
Bis zum 01. August 2013 soll für 35 Prozent aller Ein- bis Dreijährigen ein Betreuungsplatz zur Verfügung stehen. Das bedeutet für Baden-Württemberg die Schaffung von rund 60.000 weiteren Betreuungsplätzen in Kindertageseinrichtungen und in Kindertagespflege, denn derzeit sind nur rund 40.000 Plätze vorhanden. Dies entspricht einem aktuellen Versorgungsgrad von 15,8 Prozent. Wird die „Großtagespflege“ zum Rettungsanker? „Der Ausbau der Kleinkindbetreuung stützt sich wesentlich auf Ressourcen der Kindertagespflege“, erläutert Karin Steinhilber vom KVJS-Landesjugendamt. 20 Prozent der Gesamtbetreuungsplätze für Kinder unter drei Jahre sollen in BadenWürttemberg bei der Kindertagespflege bereit gestellt werden, was etwa 12.000 neu geschaffenen Betreuungsplätzen in diesem Angebot entspricht. „Hierzu müssten etwa 5000 neuen Tagespflegepersonen gewonnen werden“, so Steinhilber. Großtagespflege bedeutet, dass bis zu zwölf Kinder von mehreren Tagesmüttern – oder auch „Tagesvätern“ - betreut werden, wobei nur neun Kinder gleichzeitig anwesend sein dürfen. Ab dem achten anwesenden Kind muss eine Tagespflegeperson eine Fachkraft sein. Da die eigene Wohnung der Tagespflegepersonen meist nicht die ausreichende Größe für insgesamt bis zu neun Kinder haben dürfte, hieße das auch Anmietung von geeigneten Räumlichkeiten. Ist das tatsächlich noch familiäre Tagespflege oder schon „Kindertagesstätte light“? Mit diesem kontroversen Thema wird sich eine Fortbildung des KVJSLandesjugendamtes Anfang November beschäftigen: Kindertagespflege in anderen geeigneten Räumen – Großtagespflege. Wege zur Professionalisierung oder verschwimmen die Grenzen zur Kindertageseinrichtung? (Veranstaltungsnummer 10-4-KTP3-1) KVJS-Tagungszentrum Gültstein, 04.11.2011 Weitere Informationen und Anmeldung unter www.kvjs.de/fortbildung.html mok

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Publikationen – beim KVJS erschienen
KVJS-info Wirkungsorientierung, Heft 2, Mai 2010. Die Handreichung bietet Fachleuten einen Überblick über die derzeitige Fachdiskussion sowie über den Stand von Praxis-Projekten. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Irmgard Fischer-Orthwein Telefon: 0711 6375-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www. kvjs.de/wirk-info.html

Behinderung und Pflege
Reihe KVJS-Service forum b-wohnen: „Ich bleibe in meiner Wohnung!“ – Die Verbindung von Wohnen und Service: Zukunftsaufgabe für die Alten- und Behindertenhilfe. Dokumentation der KVJS-Fachtagung auf der Messe Pflege und Reha in Stuttgart am 24.2.2010. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Manuela Weissenberger Telefon 0711 6375-307 Manuela.Weissenberger@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/behinderung-und-pflege.html KVJS-ONLINE-Wegweiser: Auf gute Nachbarschaft. Umsetzung von Wohnprojekten für Menschen mit Behinderungen in der Gemeinde, 1. Auflage Juni 2010
Der Online-Wegweiser möchte die Stadt- und Landkreise bei ihrer Sozialplanung und der Umsetzung von Projekten der Eingliederung unterstützen. Zudem zeigt er allen Interessierten Wege auf, wie sie Wohnprojekte für Menschen mit Behinderung planen und umsetzen können.

Schwerbehinderung und Arbeit
26 Zeitschrift behinderte Menschen im Beruf, Ausgabe Baden-Württemberg, 2/2010 Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. KVJS-Schlaglicht: Integrationsfachdienst – von Türöffnern und Wegbegleitern, Juni 2010. Die Integrationsfachdienste beraten und unterstützen schwerbehinderte Menschen und ihre Arbeitgeber. Die vierseitige Broschüre zeigt, wie. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Gisela Lüttges Telefon 0721 8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/behinderung-und-arbeit.html

NUR im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/behinderungund-pflege.html oder www.kvjs.de/fachoeffentlich/sozialhilfe/ download.html

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Betreuungsrecht
KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 1+2, 2010. Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/btr-info. html

Jugendhilfe
KVJS-spezial Heimerziehung. Aufsicht und Beratung. Juli 2010. Die Broschüre bietet Einblicke in die Arbeit des KVJS. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/jugendhilfe.html

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