Publication:
2010
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729789
Path:
KVJS

aktuell
Aus dem Inhalt: Pädosexuellen auf die Spur kommen
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Bausteine für das Zukunftsgebäude der Behindertenhilfe
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Unterstützte und Gestützte Kommunikation
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KVJS stärkt Ehrenamtsstruktur in der rechtlichen Betreuung
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KVJS aktuell April 2010 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Stefan Wiegandt (wgn) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de

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Pädosexuellen auf die Spur kommen
Sexueller Missbrauch in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche ist ein brisantes Thema. Eine professionelle Personalauswahl trägt dazu bei, die Einstellung pädosexuelle Bewerber schon im Vorfeld zu verhindern. Der KVJS bietet hierzu eine Fortbildung für Personalverantwortliche für Kindertagesstätten, Jugendhilfeeinrichtungen, Sportvereinen – kurz: alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Ein Gespräch dazu mit der Dozentin Dr. Katharina Maucher.
Frau Dr. Maucher, kann man Pädosexuelle tatsächlich schon während des Vorstellungsgesprächs für eine Tätigkeit in der Jugendhilfe erkennen? Erkennen im Sinne von „beweisen“, dass jemand pädosexuell ist, kann man bei einem Vorstellungsgespräch nicht. Stattdessen soll man sich im Gespräch sicher werden, dass jemand KEIN Pädosexueller ist. Unter welchen Voraussetzungen sollte ein Vorstellungsgespräch deshalb ablaufen? Wichtig ist das Setting: Das Vorstellungsgespräch sollte so organisiert sein, dass mindestens drei Personen daran teilnehmen, die unterschiedliche Perspektiven auf den Bewerber haben und die so gewonnenen Erkenntnisse nach vereinbarten Regeln austauschen und analysieren. Wäre es sinnvoll für solche „BewerbungsTeams“, sich gemeinsam über dieses Thema zu informieren? Ja, das ist unabdingbar. Aber nicht alle Einrichtungen sind groß genug, um solche Teams zu bilden. Bei kleinen Einrichtungen empfiehlt es sich deshalb, sich untereinander auszuhelfen. So können sich etwa Krippe, Kindertagesstätte und Heim zusammentun. Außenstehende können unter Umständen mehr sehen. Was bietet die Fortbildung den Personalverantwortlichen zu diesem heiklen Thema? Sie lernen Methoden und Strukturen kennen, durch die man Pädosexuellen auf die Spur kommt. Vorstellungsgespräche werden entsprechend trainiert. Mit einem „Rollentausch“ kann man auch versuchen, sich in die Situation eines pädosexuellen Bewerbers zu versetzen: Wie fühlt sich das an? Diese Personen fühlen sich oft überlegen, mächtig – und strahlen ein entsprechendes Selbstvertrauen aus. Sie manipulieren ihr Gegenüber perfekt. Dies zu bemerken, sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dem Seminar lernen. 3 Gibt es den „typischen“ Pädosexuellen in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche? Die Strategie ist, sich unentbehrlich zu machen. Täter besitzen oft ein besonders hohes Ansehen – auch bei der Leitung. Sie melden sich freiwillig für unattraktive Dienste und genießen besonderes Vertrauen bei den Kindern und im Team. Vertrauen, dass sie gezielt aufbauen, etwa indem sie Fehler gegenüber Dritten verschweigen oder vertuschen. Man hat plötzlich ein gemeinsames „Geheimnis“. Ein Kind ist damit erpressbar. Wie muss eine Einrichtung aufgestellt sein, damit Pädosexuelle schnell erkannt werden? Hierzu gibt es drei wesentliche Aspekte: Die Organisation, das Team und die pädagogische Konzeption. Von allergrößter Bedeutung sind transparente Strukturen und eine ständige Auseinandersetzung

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mit dem Thema Strategien des Pädosexuellen. Das pädagogische Konzept muss so gestaltet sein, dass die Kinder sichere Beziehungen zu ALLEN Mitarbeitern haben und ihnen alles anvertrauen können. Nimmt sexueller Missbrauch zu oder gibt es heute mehr Sensibilität für das Problem, das in früheren Jahren oft ignoriert wurde? Ich denke, es wird heute einfach mehr aufgedeckt. Trotzdem ist sexueller Missbrauch für die Täter noch viel zu risikolos. Wir müssen deshalb auch hinter die sympathische Stirn eines Menschen schauen wollen! Tatsache ist, dass der Reflex den Täter vor angeblich falschem, weil unbewiesenem Verdacht zu schützen stärker ist, als Kinder vorbehaltlos zu schützen. Das Gespräch führte Monika Kleusch 4

Zur Person Dr. Katharina Maucher, Erziehungswissenschaftlerin und Diplom-Psychologin ist die Dozentin der zweitägigen Fortbildung. Katharina Maucher entwickelte bereits vor knapp zwanzig Jahren als Expertin bei der Stadt Frankfurt interdisziplinäre Verfahren, um den Verdacht auf Gewalt gegen Kinder oder sexuellen Missbrauch abzuklären. Diese Verfahren gelten bundesweit als Vorbild.

Anmeldung
Die Fortbildung „Kriterien für persönliche Eignung unter dem Kinderschutzgedanken. Pädosexuellen auf die Spur kommen“ findet vom 5. bis 6. Mai 2010 im KVJSBildungszentrum Flehingen statt (Veranstaltungsnummer 10-4-SA4-1). Weitere Informationen unter www.kvjs-fortbilung.de

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Bausteine für das Zukunftsgebäude der Behindertenhilfe
Über 100 behinderte Frauen und Männer bauen mit am Zukunftsgebäude der Eingliederungshilfe. Sie entwickeln und erproben mit dem KVJS sowie mit zehn Stadt- und Landkreisen neue Hilfe-Bausteine.
Von 2008 bis Ende 2012 testen alle Beteiligten die Ideen auf ihre Praxistauglichkeit. Der KVJS fördert die Projekte mit zwei Mal 500 000 Euro. Die Zwischenergebnisse sind ermutigend. „Die Bausteine wurden mit sehr viel Engagement aller Beteiligten konzipiert und in die Praxis umgesetzt“, sagt Projektleiter Michael Heck. Einer der behinderten Projekt-Teilnehmer ist Joachim Hecht. Beim Fachtag am 25. Januar 2010 im KVJS-Tagungszentrum Gültstein betreute er mit anderen Frauen und Männern einen Projektstand. Nur anfangs stand der geistig behinderte Mann aus Ispringen etwas scheu inmitten des interessierten Gedränges. Rasch fand er in den Tagungsbetrieb. Mit Einrichtungsmitarbeitern erklärte er den Tagungsgästen Details über den Baustein „Wohntraining zu Hause“ im Enzkreis. Das „Wohntraining zu Hause“ soll wie die anderen Bausteine helfen, die Selbstständigkeit geistig behinderter Menschen zu erhalten und zu erhöhen. Ziel ist es, die stationäre Betreuung soweit wie möglich zu vermeiden. Und es gilt, stationäre und ambulante Leistungen enger zu verzahnen. Die Praxis stellte Joachim Hecht den Tagungsgästen am Projektstand vor. Er lebe mit seiner 87-jährigen Mutter allein, erfuhren die Zuhörer. Die Mutter unterstütze ihn, wo sie könne. Er kauft für sie ein, hilft ihr beim Essen zubereiten. Bisher wagte Hecht nicht daran zu denken, was er machen würde, wenn die Mutter ins Pflegeheim käme. Beim Projekt stellte er sich dieser Frage. Nun gilt es für ihn, eigene Wünsche und Lebensziele zu finden. „Und ich überlege jetzt, wo ich einmal wohnen will“, sagt Joachim Hecht. Er besichtigt mit Betreuern Einrichtungen, übt gezielte Fertigkeiten. Für den geistig behinderten Mann geht das Konzept auf: „Ich fühle mich jetzt sicherer.“ Hohe Aufmerksamkeit in der Fachwelt „Die zwölf wissenschaftlich begleiteten Erprobungsprojekte genießen in der Fachwelt in Baden-Württemberg eine hohe Aufmerksamkeit und finden bundesweit Beachtung“, berichtet denn auch Projektleiter Michael Heck den Tagungsgästen im Januar. Die Ideen und eingebrachten Erfahrungen trügen zu einer wesentlichen Optimierung und höheren Wirtschaftlichkeit der Eingliederungshilfe bei. Beim Fachtag „Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe“ informierten sich die Teilnehmer aus ganz Baden-Württemberg auch über die Zwischenergebnisse im Einzelnen. Sie erfuhren: Rund 20 geistig behinderte Erwachsene aus dem Enzkreis sowie den Landkreisen Reutlingen und Waldshut erproben seit April 2009 wie Joachim Hecht den Baustein „Wohntraining zu Hause“. Damit soll in Zukunft vermieden werden, dass für Menschen mit Behinderung von heute auf morgen ein Heimplatz gefunden werden muss, weil etwa die betagte Mutter eines längst 5

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erwachsenen, behinderten Kindes unerwartet ins Krankenhaus kommt. „Die Wirkung ist bei diesem Ansatz besonders nachhaltig, weil die Angehörigen in besonderem Maße einbezogen sind“, sagt Julia Lindenmaier vom KVJS. Sie ist Koordinatorin der Entwicklungsprojekte. Ein Seminar für ältere Beschäftigte von Werkstätten für behinderte Menschen boten die Kreise Stuttgart und Esslingen in der ersten Jahreshälfte 2009 an. Die zukünftigen Rentnerinnen und Rentner bereiteten sich mit dem Kurs auf ihren Ruhestand vor. Alle Teilnehmer setzten sich mit ihren Ängsten und Wünschen auseinander, steigerten ihre soziale Kompetenz und Kontaktfähigkeit erheblich und entdeckten neue Freizeitinteressen. Mit dem Stuttgarter Treffpunkt Senior und der wissenschaftlichen Begleitung verfasst der KVJS nun ein Curriculum, damit auch andere Kreise die Veranstaltung anbieten können. Im Frühjahr 2011 ist eine Fortbildung für Multiplikatoren geplant. Sportbegeisterung bei Gymnastikkursen Im Kreis Esslingen hat ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung seine Türen für Senioren ohne Behinderung geöffnet. Die beiden Gymnastikkurse und der Handarbeitskurs stoßen auf großes Interesse und sind mit jeweils über 15 Teilnehmern gut gefüllt. Interessante Erfahrungen machten die Kreise Stuttgart, Esslingen und Ulm bei ihrem Versuch, Seniorinnen und Senioren mit geistiger Behinderung für Freizeitangebote für nicht behinderte Menschen zu begeistern und umgekehrt. Offene Angebote wie etwa ein Handarbeitskurs im Generationentreff in Ulm waren ein Erfolg. Start-Schwierigkeiten gab es dagegen in einer Stuttgarter Seniorenbegeg-

nungsstätte. Manche Besucher machten anfänglich aus ihren Vorbehalten gegen ihre geistig behinderten Altersgenossen keinen Hehl – und blieben weg. In anderen Kursen zeigten die Senioren mit Behinderung dem neuen Angebot die kalte Schulter. Sie bevorzugten die parallelen Sport- oder Konzertangebote ihrer eigenen Einrichtung. Nach einer gewissen Zeit des Kennenlernens wurden aber auch dort gemeinsame Interessen gefunden. Beim Baustein „Persönliches ‚Teil-Budget’ in der stationären Versorgung“ erhalten im Bodenseekreis Projektteilnehmer einen Teil der Vergütung für ihre Betreuung bar ausbezahlt. Die ersten Frauen und Männer aus einer Außenwohngruppe einer Einrichtung haben im September 2009 begonnen, sich selbst TeilhabeLeistungen zu kaufen, etwa eine Begleitperson zu einer Sport- oder Konzertveranstaltung. Bald werden die Erfahrungen ausgewertet und weitere Möglichkeiten getestet. In einem weiteren Baustein erkunden behinderte Menschen, welche Ressourcen und möglichen Netzwerke ihnen das integrierte Leben am Wohnort erleichtern. Los ging’ s im September 2009 in Stuttgart-Ost, Stuttgart-Münster und Stuttgart-Feuerbach. Behinderte Menschen, Träger der Behindertenhilfe und Schlüsselpersonen des Sozialraumes beteiligen sich rege. Last but not least erproben im Kreis Esslingen Menschen mit einer seelischen Behinderung differenzierte Betreuungsmodule im ambulant betreuten Wohnen aus. Ziel: die Leistungen und ihre Intensität sollen sich noch stärker als bisher an den Fähigkeiten und Zielen der Einzelnen orientieren. Dies ermöglicht eine individuellere Hilfebedarfsbemes-

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sung. Erste Ergebnisse werden in Kürze erwartet. Entwicklungen entscheidend mitsteuern Der KVJS stellte für die ersten zwölf Projekte 500 000 Euro bereit. Ende letztes Jahr bewilligte der Verband eine weitere halbe Million Euro. Der KVJS fördert damit Projekte zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. Denn immer mehr gehandicapte Jungen und Mädchen besuchen allgemeinbildende Schulen und sollen auch in ihrer Freizeit gemeinsame Angebote wahrnehmen können. Im Fokus stehen auch Konzepte zur Beschäftigung von Menschen mit hohem Hilfebedarf. Denn viele Hilfeangebote erreichen bisher vor allem Frauen

und Männer mit geringem oder mittlerem Hilfebedarf. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sensibilisierung für die Belange von behinderten Menschen mit Migrationshintergrund. Auch die neuen Projekte werden wissenschaftlich begleitet. syr Ihre Ansprechpartner beim KVJS: Michael Heck Projektleiter und Leiter des Referats „Sozialplanung, investive Förderung“ Telefon 0711 6375-230 Michael.Heck@kvjs.de Julia Lindenmaier Projektkoordinatorin Telefon 0711 6375-209 Julia.Lindenmaier@kvjs.de

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Verbandsvorsitzender Karl Röckinger 60 Jahre
Der Verbandsvorsitzende des KVJS, Landrat Karl Röckinger, beging am 06. Januar 2010 seinen 60. Geburtstag in Anwesenheit des Karlsruher Regierungspräsidenten Rudolf Kühner und zahlreicher Gäste. Die Glückwünsche des KVJS überbrachte der stellvertretende Verbandsvorsitzende, Erster Bürgermeister Gunter Czisch. Er hob hervor, dass der KVJS dank des herausragenden Engagements von Karl Röckinger in den fünf zurückliegenden Jahren ein klares anerkanntes Profil als Kompetenz- und Dienstleistungszentrum entwickelt habe, sodass mittlerweile ein ausgezeichnetes Miteinander auf vielen Ebenen zwischen den Stadt- und Landkreisen und dem KVJS bestehe. In einem konstruktiven Prozess habe der Verbandsvorsitzende erreicht, dass sich die Beiträge des KVJS nicht nur auf ein Reagieren beschränken, sondern dass der Verband die Initiative ergreife, indem er für die Stadt- und Landkreise passgenaue Dienstleistungsangebote entwickele. wgn

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Prof. Dr. Gerhard Haas: Entwicklungen in der Praxis

Unterstützte und Gestützte Kommunikation
Bei Menschen mit geistiger Behinderung oder einer autistischen Störung besteht oft auch eine ausgeprägte Beeinträchtigung ihrer verbalen Kommunikationsfähigkeit. Diese wiederum erschwert die Mitteilung von Bedürfnissen und Wünschen und kann somit Grund für Missverständnisse und gegenseitiges Unverständnis sein, woraus nicht selten herausforderndes Verhalten resultiert. Deshalb muss versucht werden, mit Mitteln und Ansätzen der so genannten Unterstützten Kommunikation (auch Ergänzende und Alternative Kommunikation genannt) eine Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit dieser Menschen zu erreichen. Mittel in diesem Sinne sind u.a. Gebärden, Bildkarten und auch elektronische Übersetzer, so genannte Talker. Erstaunlich ist aber, dass diese Ansätze und Möglichkeiten in Einrichtungen für behinderte Menschen in Baden-Württemberg eher selten versucht und angewandt werden. Stattdessen wird in Sonderschulen und Einrichtungen für geistig behinderte Menschen relativ häufig versucht, eine verbesserte Kommunikation mit der Methode der so genannten Gestützten Kommunikation (auch Facilitated Communication / FC genannt) zu erreichen. Dabei bemüht sich eine Person, Stützer genannt, durch physische Unterstützung oder Assistenz der behinderten Person das Zeigen auf Buchstaben, Worte oder Symbole zu ermöglichen und so zu kommunizieren. FC birgt Gefahr der Manipulation Eine große Zahl kontrollierter Studien international hat aber gezeigt, dass mit dieser Methode die Inhalte der Kommunikation durch die Stützer kontrolliert und beeinflusst werden, also letztlich diese Personen Autoren der gestützt entstandenen Botschaften sind, nicht aber die gestützte Person. Damit ist diese Methode grundsätzlich unwirksam und andererseits gefährlich, da damit Botschaften und Aussagen entstehen können, die nicht dem Wollen oder der Absicht der gestützten Person entsprechen und in einzelnen Fällen auch ungerechtfertigte Anschuldigungen gegenüber Dritten enthalten können. Es hat die Anwendung der Gestützten Kommunikation also erheblich ethische Implikationen, die vielen Anwendern offenbar gar nicht klar sind. Deshalb müssen in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung und autistischen Störungen vermehrt und verstärkt mittlerweile bewährte und validierte Ansätze und Wege der Ergänzenden und Alternativen Kommunikation erprobt und angewandt werden, anstatt bei nicht sprechenden behinderten Menschen mittels Gestützter Kommunikation bei Außenstehenden den Anschein einer tatsächlichen Kommunikation zu erwecken. Prof. Dr. Gerhard Haas ist Leiter des Medizinisch-Pädagogischen Dienstes beim KVJS

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3.Welttag „Autismus“
Am 2. April jährte sich der Welttag der Aufklärung über Autismus zum dritten Mal. Von den Vereinten Nationen 2007 proklamiert und 2008 erstmals begangen soll dieser Gedenktag die Öffentlichkeit stärker für Autismus sensibilisieren. Mehr Infos im Internet unter http://www2.autismus.de http://www.un.org

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Hilfeplanung im Familienkreis
Der Familienrat stärkt eigenverantwortliches Handeln, nutzt vorhandene Ressourcen auch im Sozialraum und kann somit Hilfen zur Erziehung ergänzen oder sogar ersetzen. Zu diesem zentralen Ergebnis kommt das vom KVJS vor kurzem organisierte Seminar „Familienrat“.
Eine neue Methode des Hilfeplanverfahrens unterstützt Familien, ihre Probleme aktiv anzugehen und eigenständige Lösungen zu finden: Der Familienrat wird organisiert, um die Entscheidung über die passende Hilfe für Familien unter möglichst großer Beteiligung des familiären Netzwerks zu treffen. Aber: „Obwohl sich bundesweit bereits erwiesen hat, dass die Methode des Familienrates zur Entscheidungsfindung bei vielfältigen Familienproblemen geeignet ist, haben gerade auch in Baden-Württemberg die sozialpädagogischen Fachkräfte der Jugendämter und die freien Träger der Jugendhilfe noch sehr viel Informationsbedarf“, wie Dr. Jürgen Strohmaier vom KVJS feststellt. Ob es um Erziehungsschwierigkeiten, Kinderschutz, Sucht oder psychische Erkrankung geht – „es gibt im Familienratverfahren kein Ausschlusskriterium für einen speziellen Hilfebedarf“, macht Referentin Heike Hör vom Jugendamt Stuttgart deutlich. Die Jugendhilfe-Expertin weiß, wovon sie spricht: Von 2007 bis 2009 wurden in der Landeshauptstadt rund 20 verschiedene Familienräte durchgeführt. „Da gab es eine breite Palette an Problemen, Schulverweigerer oder die Frage nach der Sicherung des Kindeswohls eines Neugeborenen mit psychisch kranken Eltern“. Umso mehr lassen die Ergebnisse aufhorchen: „In allen Fällen kam es zu einer Einigung, selbst bei gravierenden Problemen ist es in Familiennetzwerken gelungen, Lösungen zu finden“. Anhand von praktischen Beispielen erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fortbildung Einblicke in die Praxis des Familienrates. So kämpft etwa Gerlinde K.*) darum, mit ihrem neugeborenen Sohn Jonas zusammenzuleben. Doch dieser Perspektive steht einiges im Weg: Jonas kam drei Wochen zu früh auf die Welt, musste in den ersten Wochen seines Lebens schon eine Gelbsucht und eine Lungenentzündung überstehen. Die 30jährige Gerlinde befindet sich zurzeit auf Entzug und nimmt an einem Substitutionsprogramm teil. Sie leistet viel, um Jonas täglich zu betreuen, pendelt zwischen Kinderklinik, Substitutionspraxis, Drogenberatung, Psychiater, Job Center und Jugendamt. Von Jonas Vater, der weiter in der Drogenszene verkehrt, trennt sie sich. Das Fachpersonal der Kinderklinik erlebt einen Jungen, der sich gut stabilisiert und eine Mutter, die sich bemüht, alles richtig zu machen. Allerdings erleben sie auch, dass Gerlinde Selbstgespräche führt und sich bedroht fühlt. Gerlindes behandelnder Arzt diagnostiziert schließlich eine psychotische Erkrankung, bei der es zu nicht kalkulierbaren Reaktionen kommen kann. Er rät davon ab, die junge Frau alleine mit ihrem Sohn leben zu lassen. Jonas wird daher nach seiner Entlassung aus der Kinderklinik vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht. Doch Gerlinde besteht darauf: Sie möchte die Betreuung von Jonas alleine übernehmen. Eine Mutter-Kind-Einrichtung ist für sie indiskutabel. Eine Auseinandersetzung vor Gericht scheint unausweichlich. In dieser Situation bietet die zuständige Sozialarbeiterin des Jugendamtes Gerlin-

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*) Fallbeispiel veröffentlicht in Fachzeitschrift der Aktion Jugendschutz, Nr.2. Juli 2009

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de einen Familienrat an zu den Fragen: Wo soll Jonas nach der Entlassung aus der Kinderklinik leben? Wie kann sich die Bindung zwischen Mutter und Sohn weiterhin intensiv entwickeln? Gerlinde K. willigt ein, sieht sie doch die Chance, mithilfe ihrer Familie Unterstützung zu bekommen und Jonas zu behalten. Profis und Familie ziehen an einem Strang „Sehr wichtig für eine konstruktive Arbeit ist die sorgfältige Vorbereitung des Familienrates“, betont Heike Hör. Gerlinde wird deshalb gefragt, wen sie dabeihaben will. Sie wünscht sich ihre Mutter, ihre zwei Schwestern und zwei ihrer Brüder – jeweils mit deren Partnern und Partnerinnen –, die Großmütter von Jonas sowie die beteiligten Fachleute von Jugendamt, Gesundheitsamt und Kinderklinik. Außerdem möchte sie gerne den Pfarrer einladen, der sie konfirmiert hat und der auch Jonas taufen soll. Alle Teilnehmer am Familienrat werden vorab über die Fragestellung und die formulierte Sorge informiert. Termin und Ort werden besprochen, auch Lösungsideen und mögliche Beiträge schon im Vorfeld abgefragt. Der Familienrat beginnt mit der Vorstellungs- und Informationsrunde. Das zusammengekommene „Netzwerk“ wird über die rechtliche Situation, die Situation der Familie, die Möglichkeiten professioneller Unterstützung sowie die Ziele der Konferenz in Kenntnis gesetzt. „Dabei geht es vor allem darum“, so Jugendamtsmitarbeiterin Heike Hör, „dass die Fachleute ihren Wissensstand und ihre Sicht der Situation darlegen und die Familie über die nichtverhandelbaren Mindeststandards zum Kinderschutz informieren“. Im Falle von Gerlinde K. bedeutet dies

ganz klar: Mutter und Kind können in der aktuellen Situation nicht alleine zusammenleben. Wenn alle Nachfragen beantwortet sind, verlassen die Profis den Familienrat, halten sich aber bis zur Entscheidung auf Abruf zur Verfügung. In der anschließenden Familienphase wird unter anderem besprochen, welche Probleme die Beteiligten sehen, welche Lösungen sie sich vorstellen können, welchen Teil sie selbst übernehmen und wo sie sich professionelle Hilfe wünschen. Sobald die Familie einen Plan mit Vereinbarungen und Lösungsvorschlägen erarbeitet hat, wird dieser in der Entscheidungsphase den verantwortlichen Fachleuten vorgestellt. Heike Hör: „Die Fachleute müssen einem Plan zustimmen, wenn er die Mindestanforderungen berücksichtigt“. Gerlinde und Jonas bleiben zusammen Auch Familie K. diskutiert intensiv alle Informationen, ihre Einschätzungen sowie Unterstützungs- und Betreuungsmöglichkeiten und kommt zu einem Ergebnis: Gerlinde wird mit Jonas eine stationäre Drogentherapie machen. Bis zu deren Beginn bleibt der kleine Junge in der Pflegefamilie. Die junge Mutter nutzt diese Zeit für eine Entgiftung, außerdem soll ein zweites psychiatrisches Gutachten mit Behandlungsvorschlägen erstellt werden. Gerlinde kann Jonas entgegen der üblichen Besuchsregel mehrmals wöchentlich besuchen, da die Großmütter und eine Tante jeweils einen Besuch begleiten, um die Pflegefamilie zu entlasten und die Sicherheit von Mutter und Sohn zu gewährleisten. Rund drei Monate nach der eigentlichen Konferenz erfolgt unter Beteiligung der Familie eine Überprüfung der getroffenen Entscheidung und ihrer Realisierung. Bei
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Bedarf kann die Vereinbarung modifiziert werden, auch eine „Überführung“ des Verfahrens in das „normale“ Hilfeplanverfahren ist möglich. „Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Familienräte die Effektivität und Nachhaltigkeit von Hilfen steigern und somit auch positiv auf die Ausgabenentwicklung bei

den Hilfen zur Erziehung beitragen“, so das Resümee von Dr. Jürgen Strohmaier. Der KVJS möchte daher die FamilienratIdee in den Stadt- und Landkreisen weiter bekannt machen. Geplant sind unter anderem spezielle Fortbildungen und die Entwicklung von Arbeitsmaterialien. add

Projekt „Familienrat in Stuttgart“
Angelaufen ist im Stuttgarter Jugendamt seit April das zweijährige Modellprojekt „Familienrat“. Ziele am Ende der Projektzeit sind: •	 In allen Bereichen ist den Fachkräften der Beratungszentren das Konzept „Familienrat“ vertraut. •	 Es gibt einen Honorarkräfte-Pool von mindestens 15 geschulten Laien, die als Koordinatoren und Koordinatorinnen ausgebildet sind. •	 Deutlich mehr als 40 Familienräte sind durchgeführt. •	 Die Familienräte sind evaluiert. Es wird ersichtlich, in wie weit sie zur Effizienz der Hilfeprozesse beigetragen haben. •	 Es besteht ein Anschlusskonzept zur Umsetzung im Regelbetrieb.

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Einrichtungsförderung aus einer Hand
Sie bewegen jährlich Millionen für Altenpflegeheime, Wohnheime und Werkstätten für behinderte Menschen und wohnungslose Menschen: Die Fachleute des KVJS-Referates Sozialplanung/investive Förderung. Die Träger bekommen vom KVJS kompetente Beratung und Finanzierung aus einer Hand.
Das Verwaltungsstrukturreform-Gesetz hat die Förderung der Altenpflege-, Behinderten- und Wohnungslosen-Einrichtungen in der Hand des KVJS als landesweiter Förderbehörde gebündelt. „Für die Träger ist es damit wesentlich einfacher geworden“, erklärt Michael Heck, Leiter des Referats Sozialplanung/investive Förderung. „Wir sind ein serviceorientierter Dienstleister. Es gibt ein Verfahren aus einer Hand und am Ende nur einen Bescheid.“ Die wichtigste Voraussetzung für die Förderung einer Einrichtung ist die Zustimmung des Stadt- oder Landkreises, in dem die Einrichtung entstehen soll. „Ohne Zustimmung des Kreises geht gar nichts“, bekräftigt Heck. Liegt die Zustimmung etwa für ein Altenpflegeheim, eine Werkstatt für behinderte Menschen oder eine Tagesstätte für Obdachlose vor, geht es in die genauere Planung. „Wir diskutieren die Konzeption mit dem Träger“, erklärt Heck. Ist sie zeitgemäß? Wurden die Bedürfnisse der Zielgruppe genug berücksichtigt? Ist die Einrichtung in der geplanten Form wirtschaftlich zu führen? Viele Aspekte Für alle Angebotsarten gibt es Richtwerte für Flächen und Kosten, die durch die Fachleute des Referats abgeprüft werden. Es gilt dabei eine Fülle verschiedener Vorschriften im Blick zu haben: Heimaufsicht, Wirtschaftskontrolldienst, Brandschutz, Arbeitsstättenrichtlinie, DIN-Norm barrierefreies Wohnen, und und und. Entsprechend interdisziplinär ist das Team zusammengesetzt: Pädagogen, Soziologen, Betriebswirte und Verwaltungsbeamte sind darunter. „Die Vielfalt ist das Interessante am Planungsprozess“, meint Heck. „Dafür braucht man kompetente und engagierte Mitarbeiter.“ Das Bearbeitungsverfahren des Referats Sozialplanung/investive Förderung ist zweistufig. Sind Planung und Beratung abgeschlossen, wird das Projekt dem zuständigen beratenden Förderausschuss vorgestellt. Dort sind die Kommunalen Landesverbände, die Spitzenverbände der Einrichtungen und das Sozialministerium vertreten. Spricht der Ausschuss eine Förderempfehlung aus, bewilligt der KVJS die Fördermittel. „Erst dann kann der Projektträger mit dem Bau anfangen“, betont Michael Heck. Die Förderung erfolgt in mehreren Raten, die je nach Baufortschritt bewilligt werden. In der Regel ist die Auszahlung über drei Jahre gestreckt. Kostenvorteil für die Kreise Ist das Bauvorhaben abgeschlossen, muss der Träger sämtliche Verwendungsnachweise beim KVJS vorlegen. Die Fördermittel sind für 25 Jahre zweckgebunden. Wird ein Gebäude vor Ablauf dieser Bindungsfrist aufgegeben, etwa weil der Träger weniger Fläche für sein Projekt braucht oder es ganz aufgibt, dann müssen die Fördermittel anteilig an den KVJS zurückgezahlt werden. Die investive Förderung von Altenpflegeheimen, Wohnheimen und Werkstätten für behinderte Menschen und wohnungs-

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lose Personen schlagen sich unmittelbar im jeweiligen Pflegesatz nieder. Als Faustregel gilt: Eine Förderung von zehn Prozent entlastet den Pflegesatz um 2,50 Euro am Tag, die sonst für Investitionskosten fällig würden. Üblich ist eine Förderquote zwischen 40 und 50 Prozent, das bedeutet also eine Pflegesatzersparnis von zehn bis zwölf Euro täglich. „Das kommt den Kreisen direkt zu Gute“, so Referatsleiter Heck. Millionen-Etat Das KVJS-Referat bewegt beeindruckende Summen: 50 Millionen Euro stellt das Land Baden-Württemberg zur Förderung von Pflegeheimen für ältere Menschen zur Verfügung. Dazu kommen weitere 25 Millionen von den Kommunen, die diese jedoch selbst bewilligen. Für Wohnheime und Werkstätten für behinderte Menschen kommen zehn Millionen Euro aus der Ausgleichsabgabe, die alle Arbeitgeber an das KVJS-Integrationsamt abführen müssen, die weniger schwerbehinderte Menschen beschäftigen als gesetzlich vorgeschrieben. Das Land stellt weitere 8,4 Millionen Euro zur Verfügung. 500 000 Euro aus Landesmitteln fließen für die Wohnungslosenhilfe, im

vergangenen Jahr aufgestockt um eine Million Euro aus einem Sonderfonds für wohnungslose Frauen. Ihr Anteil an den Menschen ohne feste Bleibe stieg in den vergangenen zehn Jahren immer weiter – allein 2008 um 23 Prozent auf über 2000. Mit dem Sonderfonds wurde der Ausbau von Angeboten für wohnungslose Frauen finanziert, wie sie mittlerweile in allen größeren Städten des Landes zur Verfügung stehen. Der KVJS steuert aus seinen Haushaltsmitteln noch einmal sechs Millionen Euro zu dem Etat des Referates Sozialplanung/ investive Förderung bei. Davon werden unter anderem Pflegeheime für behinderte Menschen gefördert. Für die Bewilligung der Leistungen gilt die Landeshaushaltsordnung. „Bei den unterschiedlichen Töpfen, aus denen unsere Mittel kommen, haben wir fast immer einen Prüfer im Haus“, so Referatsleiter Heck. Der Landesrechnungshof, die Gemeindeprüfungsanstalt und das Rechungsprüfungsamt des Enzkreises kontrollieren den korrekten Einsatz der Finanzmittel durch den KVJS. Schließlich verwaltet das Referat einen Jahresetat von insgesamt rund 75 Millionen Euro. mok

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KVJS stärkt Ehrenamtsstruktur in der rechtlichen Betreuung
Als zum 1. Januar 1992 das Gesetz zur Reform des Rechts der Vormundschaft und Pflegschaft für Volljährige (Betreuungsgesetz) in Kraft trat, gab es in Baden-Württemberg rund 40 000 Betreuungsfälle. Derzeit sind es etwa 107 000 Fälle. Die Kosten sind gleichzeitig um das 132-fache explodiert. Der KVJS als überörtliche Betreuungsbehörde setzt deshalb auf eine Stärkung der Ehrenamtsstruktur.
Die demographische Entwicklung und die Tendenz zur Verrechtlichung der Lebensverhältnisse werden auch in Zukunft für steigende Fallzahlen bei der rechtlichen Betreuung sorgen. Dabei steht BadenWürttemberg mit nur neun Betreuungsfällen pro 1 000 Einwohner im Vergleich zu 14,5 Fällen im Bundesdurchschnitt noch gut da. 2008 gab das Land 44 Millionen Euro für rechtliche Betreuung aus. 1992 waren es noch 0,3 Millionen Euro. 14 Rund 70 Prozent der Fälle werden hierzulande von Ehrenamtlichen betreut, 30 Prozent von Berufsbetreuern. Doch bei näherer Betrachtung sind diese Zahlenverhältnisse in den verschiedenen Stadtund Landkreisen sehr unterschiedlich und können zwischen 13 und 50 Prozent Berufsbetreuung liegen. Während bei einem ehrenamtlichen Betreuer meist nur eine Fallpauschale von 323 Euro im Jahr anfällt, können „Profi-Betreuer“ einen jährlichen Vergütungsanspruch zwischen 1 056 und 3 630 Euro pro Fall gelten machen, abhängig von der Dauer der Betreuung und ob die betreute Person im eigenen Haushalt oder einem Heim lebt. Die Kosten der rechtlichen Betreuung gehen derzeit zu zwei Dritteln zu Lasten der Steuerzahler. Zwar sieht das Betreuungsgesetz die Eigenfinanzierung durch den Betreuten vor, doch nur in einem Drittel der Fälle haben die Betroffenen die entsprechenden Mittel. Der Rechnungshof Baden-Württemberg hat angesichts der explodierenden Kosten für die rechtliche Betreuung unter Anderem vorgeschlagen, mehr ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen sowie verstärkt Vorsorgevollmachten zu nutzen. Mit der Vorsorgevollmacht kann man einen Bevollmächtigten bestimmen, für den Fall, dass man selbst nicht mehr entscheiden kann. Berufsbetreuer sollten ferner nach Ansicht des Rechnungshofes auch schwierige Fälle nach einem Jahr soweit geregelt haben, dass sie danach von ehrenamtlichen Betreuern übernommen werden können. Finanzielle Zuschüsse Der KVJS als überörtliche Betreuungsbehörde unterstützt die 70 Betreuungsvereine im Land durch finanzielle Zuschüsse. Das Land Baden-Württemberg stellt hierfür jährlich 1,1 Millionen Euro zur Verfügung. Die Betreuungsvereine sollen damit strukturell und personell in die Lage versetzt werden, ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen und zu begleiten. Außerdem bietet der KVJS seit Jahren ein hochwertiges und stark nachgefragtes Fortbildungsprogramm zum Betreuungsrecht an. Dieses Fortbildungsprogramm finanziert das Land mit 24 300 Euro im Jahr. Die Zielgruppe des Fortbildungsprogramm wurde entsprechend durch das Land vorgegeben: Mitarbeiter der Betreuungsvereine und Betreuungsbehörden.

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Selbstständige Berufsbetreuer kamen nur zum Zuge, wenn noch Restplätze zu vergeben waren. Doch gerade diese Gruppe hatte starkes Interesse an den vom KVJS organisierten Fortbildungen. Ausweitung der Fortbildung Um sein Fortbildungsprogramm im Betreuungsrecht nun auch Berufsbetreuern zugänglich zu machen, hat der KVJS den Etat für diese Fortbildungen um 30 000 Euro aus seinen Haushaltsmitteln aufgestockt. Damit will der KVJS vor allem die etwa 700 selbständigen Berufsbetreuer in Baden-Württemberg erreichen. Das erweiterte Fortbildungsangebot wird bisher sehr gut angenommen: Bereits jetzt sind einige Veranstaltungen ausgebucht. Das Fortbildungsangebot soll dem Trend bei Gericht entgegen wirken, berufliche Betreuer auch in einfacheren Betreuungen einzusetzen, für die sie gesetzlich nicht vorgesehen sind. Mit der Höherqualifizierung der beruflichen Betreuer und einer entsprechenden Informationskampagne bei den Amtsgerichten soll die Haltung gestärkt werden,

Berufsbetreuer nur noch in schwierigen Betreuungsfällen zu bestellen. Neue Untersuchungsprojekte Gemeinsam mit allen Beteiligten verfolgt der KVJS das Ziel, kurz- und mittelfristige Lösungsansätze zur Stärkung der Ehrenamtsstruktur in der rechtlichen Betreuung in Baden-Württemberg zu erarbeiten. So will der KVJS den Städten und Kreisen sowie den Betreuungsvereinen künftig Strukturanalysen und speziell Daten zum Betreuungswesen in Baden-Württemberg anbieten. Damit sollen die Planungs- und Steuerungsmöglichkeiten der Stadt- und Landkreise verbessert und eine kostengünstigere Ehrenamtsstruktur erreicht werden. Zwei wissenschaftlich begleitete Untersuchungsprojekte des KVJS werden sich mit Ursachen und Auswirkungen der sehr unterschiedlichen Zahlenverhältnisse zwischen beruflichen und ehrenamtlichen Betreuern befassen sowie mit den unterschiedlichen Vorgehensweisen bei der Gewinnung ehrenamtlicher Betreuer. mok

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„Der fachpolitische Diskurs wird nicht nur den Juristen überlassen“
Das Kinder – und Jugendhilfegesetz für Baden-Württemberg berücksichtigt eine Reihe aktueller Entwicklungen. Roland Kaiser, Leiter des KVJS-Landesjugendamtes kommentierte in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Titus Simon, Dozent für Sozialarbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal, das Gesetzeswerk.
Herr Kaiser, Sie sind kein Jurist, dennoch haben Sie einen Kommentar zum Kinder- und Jugendhilferecht veröffentlicht. Was war die Motivation? Der eigentliche Grund war ganz banal: bisher gab es keinen Kommentar zum Kinder- und Jugendhilfegesetz für BadenWürttemberg (LKJHG). Von daher war es eine interessante Aufgabe, das LKJHG erläuternd zu bewerten. Die Entwicklungen der Kinder- und Jugendhilfe werden ja nicht nur durch die rechtlichen Grundlagen, sondern vor allem auch durch den fachlichen Diskurs und durch gesellschaftspolitische Debatten bestimmt. Dabei stehen diese Einflussgrößen nicht unverbunden nebeneinander, sondern bedingen sich gegenseitig. Können Sie das konkretisieren? Ursprünglich wurde einerseits mit dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz vor hundert Jahren das Fundament für ein differenziertes Fachgebiet Jugendhilfe gelegt. Andererseits waren der politische Stellenwert von Kinder- und Familienpolitik sowie das Bild von Kindheit, Jugend und Familie beziehungsweise das Verständnis von der staatlichen Mitverantwortung für das Aufwachsen von Kindern immer wieder Ausgangspunkt für rechtliche Änderungen. Dieser fachpolitische Diskurs spielt auch heute bei der Weiterentwicklung der Gesetze eine zentrale Rolle und wird nicht nur den Juristen überlassen. Welche Bereiche waren Ihnen besonders wichtig? Da möchte ich an erster Stelle die Regelungen zum Aufbau und zu den Aufgabenfeldern des Landesjugendamtes nennen. Also die Paragrafen, welche das KVJS-Landesjugendamt zum Überörtlichen Träger der Jugendhilfe und den Landesjugendhilfeausschuss zu einem beschließenden Fachausschuss bestimmen. Aber auch die Regelungen der Heimaufsicht als Pflichtaufgabe des Landesjugendamtes. Und darüber hinaus? Darüber hinaus sind vor allem die Bereiche interessant, wo das Bundesgesetz deklaratorisch kenntlich macht, dass den Bundesländern Bereiche zur eigenen Ausgestaltung offen gehalten wurden. So zum Beispiel Detailaspekte über Inhalt und Umfang der Aufgaben der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes. Oder auch zur Wahrnehmung von Aufgaben der Jugendhilfe durch Gemeinden und Gemeindeverbände. Ein hilfreicher Praxis-Ratgeber, der es auch mit dem Thema weniger vertrauten Lesern ermöglicht, sich problemlos in das System der Jugendhilfe in Baden-Württemberg einzufinden?

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Der Kommentar soll die Fachkräfte bei den Gestaltungsspielräumen im Aufgabenfeld der Kinder- und Jugendhilfe sensibilisieren. Da die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland zu allererst kommunale Jugendhilfe ist, hängt ihr Stellenwert zu weiten Teilen von der Mehrheitsmeinung in der Kommunalpolitik ab. Hier soll der Kommentar die Mandatsträger mit einem leicht verständlichen Beitrag bei den Ent-

scheidungen zu den Rahmenbedingungen und der Umsetzung der gesetzlichen Regelungen unterstützen. Nicht zuletzt möchte der Kommentar auch die Besonderheiten der Kooperation zwischen der öffentlichen und der freien Jugendhilfe erläutern. Die Fragen stellte Gabriele Addow

Seehörnle – Hotel und Gasthaus als Integrationsunternehmen
Das Seehörnle liegt auf der Halbinsel Höri, direkt am Bodensee-Radweg. Neun schwerbehinderte und acht nicht behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um das Wohl der Gäste. Das Integrationsunternehmen wird seit dem vergangenen Jahr vom Caritasverband Konstanz betrieben. Das Integrationsamt des KVJS hat das „Seehörnle“ mit einem Investitionskostenzuschuss in Höhe von 85 000 Euro und einem Darlehen in gleicher Höhe gefördert. Übernachten kann man in einem der 18 barrierefrei gestalteten Einzel- und Doppelzimmern und zwei Appartements. Für größere Gruppen steht auch eine geräumige Ferienwohnung mit mehreren Zimmern und bis zu 24 Betten zur Verfügung. Mit drei modern ausgestatteten Seminarräumen für zwölf, 20 und 70 Personen hat das Seehörnle auch jenen etwas zu bieten die nicht (nur) zur Erholung auf die Höri kommen. Ein weiteres „Standbein“ des idyllisch gelegenen Hauses ist die Planung und Ausrichtung von Betriebs- und Familienfeiern für bis zu 100 Personen. Mit attraktiven Angeboten und pfiffigen Aktionen lockt das Seehörnle mittlerweile viele Gäste – auch aus der näheren Umgebung – an. Das Hotel und Gasthaus in Gaienhofen-Horn setzt bei seinem Angebot auf frische regionale Küche. Einmal im Monat wird ein sonntäglicher Brunch angeboten, jeden Samstag kreiert der Koch ein besonderes Drei-Gänge-Menue. Hausgemachte Kuchen der „eigenen“ Konditormeisterin und ein Buffet vom „Mongolen-Grill“ an jedem Freitag runden das kulinarische Angebot ab. Das Seehörnle ist landesweit mittlerweile das fünfte Hotel mit Gastronomie und Tagungsbetrieb, das als Integrationsprojekt geführt wird. 1993 wurde in Hamburg das europaweit erste integrative Hotel gegründet. Heute gibt es deutschlandweit über 30 Integrationsbetriebe der Hotellerie, die behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter und behinderte und nicht behinderte Gäste in Kontakt bringen. mok

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„Ich bleibe in meiner Wohnung“
Die gleichnamige KVJS-Fachtagung auf der Stuttgarter Messe Pflege & Reha Ende Februar lockte fast hundert Interessierte an. Beleuchtet wurde die Verbindung von Wohnen und Service als Zukunftsaufgabe der Alten- und Behindertenhilfe.
„Selbstbestimmt zu wohnen ist der Wunsch der meisten Menschen, selbstbestimmtes Wohnen ist ein zentrales Kriterium für Lebensqualität insbesondere im Alter und bei Behinderung“, erklärte Senator e.h. Roland Klinger, Verbandsdirektor des KVJS. Erklärtes Ziel des KVJS sei die Schaffung und nachhaltige Sicherung der notwendigen Rahmenbedingungen für einen möglichst langen Verbleib in der eigenen Wohnung auch bei Hilfebedarf. „Wohnen und Bauen einerseits und soziale und politische Organisation andererseits rücken näher zusammen“, beschreibt Werner Stocker vom KVJS, der Organisator der Tagung aktuelle Tendenzen. So tun sich zum Beispiel Wohnungsbaugesellschaften mit sozialen Anbietern zusammen. Für die Bewohner wird nicht nur barrierefreier Wohnraum geschaffen, sondern auch Begegnungsmöglichkeiten und feste Ansprechpartner wie ein Concierge. Projekt „JAKOB“ Auch für den ländlichen Raum gilt es Lösungen zu entwickeln. So präsentierten auf der KVJS-Tagung Bürgermeister Alfons Jakl und Martha Neufischer, Hauptamtsleiterin aus der Gemeinde Dischingen im Landkreis Heidenheim, ihr Projekt „JAKOB“ (Jung und Alt kooperieren, organisieren und begeistern in Dischingen). Zentral für das Projekt sind die Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements sowie die Förderung des Zusammenwirkens von Jung und Alt. Weitere Informationen unter www.dischingen.de. „In Zukunft besteht die Notwendigkeit, neue Ideen und informelle Hilfeformen zu entwickeln“, so Werner Stocker. So geht der Trend beim ehrenamtlichen Engagement zu abgeschlossenen, zeitlich überschaubaren Projekten. Um sich rechtzeitig auf den absehbaren Bedarf für seniorengerechtes Wohnen einzustellen hat der KVJS unter der Bezeichnung forum b-wohnen bereits eine entsprechende Konzeption mit vier Elementen erarbeitet, die laufend weiterentwickelt werden: In der „Werkstatt Wohnen“ des KVJS werden barrierefreie Musterlösungen präsentiert. Ein Kooperationsnetzwerk ist geplant zur Festigung der Zusammenarbeit mit dem Landesseniorenrat Baden-Württemberg, der Wohnberatung des DRK-Kreisverbandes Stuttgart, dem VdK, dem Fraunhofer-Institut IAO Stuttgart, dem Landesfachverband Schreinerhandwerk Baden-Württemberg und den Wohnberatungsstellen in den Stadt- und Landkreisen. Weitere Kooperationspartner sollen einbezogen werden. Ein Internetportal auf der Homepage des KVJS mit aktuellen Informationen, Beispielen für Musterlösungen, Links zu den Kooperationspartnern und weiterführenden Internet-Seiten wird ebenfalls derzeit vorangetrieben. Schließlich bietet der KVJS als viertes Element seiner Konzeption Fortbildungen und Tagungen für kommunale Beschäftigte im Bürgerservice und Wohnberaterschulungen in Kooperation mit dem DRK an. Das forum b-wohnen richtet sich auch an Handwerker, Architekten und Vertreter von Wohnbauunternehmen, die angesichts des demografischen Wandels zunehmend an Lösungen und Informationen im Hinblick auf barrierefreies, benutzerfreundliches Bauen interessiert sind. mok
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Tagungsdokumentation
Die Dokumentation zur KVJS-Fachtagung „Ich bleibe in meiner Wohnung“ wird Mitte des Jahres vorliegen und auch im Internet unter www.kvjs.de abrufbar sein.

Wohnberatung
In der Werkstatt Wohnen, dem Informationszentrum für barrierefreie Musterlösungen des KVJS (Lindenspürstraße 39, Stuttgart-West), findet jeden Montag von 14 bis 16 Uhr kostenlose Wohnberatung durch das DRK statt. Anmeldung nicht erforderlich.

KVJS-Tagungszentrum Gültstein jetzt blindengerecht
Der KVJS hat sein Tagungszentrum in Herrenberg-Gültstein für blinde und sehbehinderte Tagungsgäste optimiert. Die Resonanz auf das verbesserte Angebot ist ausgesprochen positiv. Erklärtes Ziel des KVJS ist eine barrierefreie Tagungsstätte, die auch von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen problemlos genutzt werden kann.
„Wir sind sehr bemüht dem Kundenkreis der blinden und sehbehinderten Menschen ein attraktives Angebot in Gültstein zu machen“, erklärt Hans Steinmaier, Leiter des Referates KVJS-Einrichtungen, Zentrale Fortbildung. So wurden vor allem die Orientierungsmöglichkeiten für blinde und sehbehinderte Menschen verbessert. Bereits in der Eingangshalle des Tagungszentrums bietet ein Lageplan-Relief Informationen über die Gesamtanlage. Geriefte weiße „Leitlinien“ im Boden weisen den Weg durch das Gebäude. Sogenannte „Aufmerksamkeitsfelder“ kennzeichnen den Beginn von Treppen und die Eingangsbereiche von Räumen. Gute Orientierungsmöglichkeiten Auf den Handläufen der Treppengeländer kann man sowohl in Braille-Schrift wie anhand ertastbarer Zeichen das Stockwerk ablesen. Auch Zimmertüren sind auf diese Weise beschriftet. „Besonders Späterblindete können oft keine BrailleSchrift lesen“, erklärt Elke Pinno, Referatsmitarbeiterin und selbst blind. Für diese Gruppe sind gut tastbare Zeichen und Ziffern wichtig. Das KVJS-Tagungszentrum bietet zudem einen Abhol-Service für Anreisende mit der Bahn an. Derzeit finden Verhandlungen mit der Bahn und der Stadt Herrenberg statt, um auch den Weg vom Bahnhof Gültstein zur Tagungsstätte blindengerecht zu kennzeichnen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KVJS-Tagungszentrums wurden für die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen sensibilisiert. Elke Pinno dazu: „Das ganze Servicepersonal ist sehr aufmerksam und bemüht. Es kommt nur Lob von allen Seiten.“ mok 19

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Engagement + Kompetenz = Gute Schwerbehindertenvertretung
Im Herbst 2010 werden die Schwerbehindertenvertretungen neu gewählt. Das Engagement für die Belange der schwerbehinderten Kolleginnen und Kollegen müssen Schwerbehinderten-Vertrauenspersonen mitbringen. Fachliche Kompetenz bekommen sie beim KVJS-Integrationsamt.
„Typische“ Schwerbehindertenvertreterinnen und –vertreter? Die gibt es eigentlich nicht. „Das geht Querbeet“ sagt Pia Zinser-Flum. Sie muss es wissen, denn als Mitglied des Schulungsteams im Integrationsamt hat sie die bisher „jüngste“ Generation von Schwerbehindertenvertrauensleuten mit geschult. „Das Spektrum reicht vom angelernten Hilfsarbeiter bis zum Akademiker.“ Wenn es schon keine „typische“ Schwerbehindertenvertretung gibt, dann vielleicht eine „ideale“? „Selbstbewusst, motiviert, sozial engagiert“, beschreibt Zinser-Flum die Annäherung an das Ideal. „Alles andere erhalten sie in unseren Kursen.“ So wird der Schwerpunkt im Fortbildungsangebot des KVJS-Integrationsamtes im Jahr 2011 bei den Grundkursen liegen, die unter anderem vermitteln, wie man sich als Schwerbehindertenvertretung organisiert, etabliert und in Betrieb oder Dienststelle bekannt macht. „Wer sich überlegt, sich in der Schwerbehindertenvertretung zu engagieren, sollte ausdauernd sein und die Bereitschaft mitbringen, sich weiterzubilden“, erklärt Heinz Seitz. Der körperbehinderte Diplom-Informatiker arbeitet seit 25 Jahren bei der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg in Karlsruhe und ist fast ebenso lange als Schwerbehindertenvertreter aktiv. Seit zehn Jahren ist er außerdem Hauptvertrauensperson im baden-württembergischen Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr. Er kandidiert auch in diesem Jahr wieder als Vertrauensperson, denn Seitz schätzt an dem Ehrenamt die interessante Tätigkeit und die Abwechslung zu seinem Hauptberuf. Sein Tipp: „Sich trauen!“ Weitreichendes Anhörungsrecht Gerade am Anfang wird der Umfang dieser ehrenamtlichen Tätigkeit oft unterschätzt. Die Schwerbehindertenvertretung – SBV – hat im Betrieb nämlich laut Gesetz ein weitreichendes Anhörungs- und Informationsrecht. Sie sollte bei Vorstellungsgesprächen dabei sein und zu allen Belangen gehört werden, die schwerbehinderte Menschen berühren. Allerdings hat die SBV kein Stimmrecht im Betriebs- oder Personalrat. „Deshalb empfehlen wir den Schwerbehindertenvertretungen immer einen engen Schulterschluss mit Betriebs- oder Personalrat“, erklärt Pia Zinser-Flum. In den letzten Jahren hat die Schwerbehindertenvertretung an Bedeutung gewonnen. Mit der verpflichtenden Einführung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) wurden mehr Betriebliche Integrationsteams gegründet. Dadurch bekam die SBV einen höheren Stellenwert. Erfahrungen eines Netzwerkers Betriebliches Eingliederungsmanagement durchzuführen, wird immer öfter nötig. Wie die Gesamtbevölkerung altern auch die Belegschaften. Seit Jahren steigt

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zudem die Anzahl psychisch erkrankter Menschen, auch in den Betrieben: „Das macht sich deutlich bemerkbar“, sagt Thilo Matt, Schwerbehindertenvertreter und zugleich Betriebsratsvorsitzender beim Etiketten-Hersteller Herma in Filderstadt. „Auch die Alkohol- und Drogenproblematik nimmt zu. Und die Leute werden immer jünger“, so Matt, der auch eine sechswöchige Ausbildung zum betrieblichen Suchtberater vorweisen kann. Seit 20 Jahren engagiert sich Thilo Matt im Betriebsrat, seit 1998 auch als Schwerbehindertenvertreter. Allerdings mit einer Unterbrechung von vier Jahren. Sein Problem war: „Ich konnte nicht nein sagen.“ Als Kollegen sogar sonntagmorgens bei ihm zu Hause klingelten, war das Maß voll. „Meine Frau hat gesagt, ich muss mich entscheiden“, so Matt. Er entschied sich für die Familie. Als er sich nach einer Wahlperiode Auszeit dazu entschloss, wieder zu kandidieren, war ihm klar, dass er nicht alle Probleme selbst lösen konnte. Viele Partner „Das A und O ist, sich ein persönliches Netzwerk aufzubauen“, sagt der erfahrene SBV-Vertreter. „Anders funktioniert

das heute nicht mehr.“ Das KVJS-Integrationsamt, der Integrationsfachdienst, die deutsche Rentenversicherung, die Arbeitsagentur, die Industrie-Pfarrerin, sie alle zählen zum Netzwerk des Thilo Matt. Er lud sie ein zu Herma, zeigte die verschiedenen Arbeitsplätze und bekam so einen kurzen Draht zu den wichtigsten Partnern, die jetzt den Betrieb aus eigener Anschauung kennen. Bei Herma wird zudem auf gesundheitlich Prävention geachtet: Ergonomische Arbeitsplätze, ein Arbeitskreis Gesundheit, alle zwei Jahre ein Gesundheitstag in den Räumen des Unternehmens, an dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während der Arbeitszeit zu GesundheitsThemen informieren können, Darmkrebsvorsorge, Krankengymnastik einmal die Woche, und schließlich eine mobile Massage am Arbeitsplatz, für die die Beschäftigten einen kleinen Eigenanteil zahlen. „Ich rate dazu, die Berufsgenossenschaften mehr in das Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz mit einzubeziehen“, erklärt der umtriebige SBVler. Derzeit verhandelt Matt mit Fitness-Studios in der Umgebung über einen Firmenrabatt für die Mitarbeiter. Es gibt immer was zu tun. mok

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KVJS-Fachschule Heilerziehungspflege etabliert sich
Im Sommer beendet der erste Jahrgang der KVJS-Fachschule für Heilerziehungspflege seine dreijährige Ausbildung. Die jungen Frauen und Männer sind dann staatlich anerkannte Heilerziehungspfleger/innen. Als gesuchte Fachkräfte werden sie behinderte Menschen in ambulanten und stationären Einrichtungen beraten, begleiten oder pflegen. Die Ausbildung befähigt zur Übernahme von Leitungsaufgaben.
Der erste Kurs in der KVJS-Fachschule für Heilerziehungspflege in OberderdingenFlehingen startete im Jahr 2007 mit 13 Pionieren. Den zweiten Kurs im Folgejahr buchten schon 17 Frauen und Männer. Im dritten Kurs lauschen 21 Fachschüler den Ausführungen der Dozentinnen und Dozenten. „Durch die Qualität unserer berufsbegleitenden Ausbildung haben wir den Markt überzeugt“, zieht der Fachschulleiter Klaus Boch Bilanz. Als die Fachschule im Kreis Karlsruhe vor drei Jahren ihre Pforten geöffnet habe, hätten Einrichtungen zunächst vereinzelt Mitarbeiter zur berufsbegleitenden Ausbildung geschickt. „Heute schicken uns etliche Einrichtungen bis zu fünf pro Ausbildungsjahr“, sagt Boch. Fazit: „Wir etablieren uns.“ Die KVJS-Fachschule für Heilerziehungspflege baut auf 30 Jahren Erfahrung in der berufsbegleitenden Ausbildung auf Schloss Flehingen auf. Wie etwa in der Ausbildung zum staatlich anerkannten Heilpädagogen profitieren die Einrichtungen und Studierenden von der bewährten Praxisnähe der Ausbildung. „Unsere Lehrkräfte sind nicht nur ausgewiesene Fachleute, sondern kennen auch die aktuellen Entwicklungen aus ihrem eigenen Berufsalltag“, sagt Boch. So vermitteln etwa praktizierende Ärzte, Psychologen, Pädagogen oder Juristen fundiertes Hintergrundwissen. „Zudem bietet die KVJSFachschule eine perfekte Infrastruktur aus moderner Medientechnik, Lernräumen und Übernachtungsmöglichkeiten für Studierende aus entfernten Orten.“ Abwechselnd Theorie- und Praxisphasen Zur Praxisnähe trägt auch das duale Lernsystem aus theoretischem und praktischem Unterricht bei. Die Fachschülerinnen und Fachschüler sind zum einen bei einer sozialpädagogischen Einrichtung angestellt. Zum anderen besuchen sie die Ausbildungsstätte in Flehingen nach einem festen Turnus. „Der 14-tägige Unterricht an zwei Tagen ist gut in den Dienstplan zu integrieren“, weiß Boch. Im Juli schreiben die jungen Frauen und Männer im Schloss Flehingen ihre Klausuren und legen einen mündlichen Test für die staatliche Prüfung ab. Das Regierungspräsidium verleiht ihnen die staatliche Anerkennung. syr

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Information
KVJS-Bildungszentrum Schloss Flehingen Fachschule für Heilerziehungspflege Gochsheimer Str. 19 75038 Oberderdingen Telefon 07258 75-62 www.kvjs.de/fachschule-hep.html

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Publikationen – beim KVJS erschienen
Schwerbehinderung und Arbeit Jugendhilfe
Zeitschrift behinderte Menschen im Beruf, Ausgabe Baden-Württemberg, 1/2010 Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Gisela Lüttges Telefon 0721 8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/ behinderung-und-arbeit.html wieder verfügbar: KVJS Jugendhilfe-Service, Schulsozialarbeit, Nachdruck März 2010. Die Broschüre fasst den derzeitigen Entwicklungsstand, die Ergebnisse aus Studien und die Erfahrungen des KVJSLandesjugendamtes zusammen. KVJS-Jugendhilfe-Service. Der Waldkindergarten, März 2010 Über Konzeption, Gründung und Betrieb von Waldkindergärten. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/jugendhilfe. html

Betreuungsrecht
wieder erhältlich: KVJS-Schlaglicht: Ehrenamtliche rechtliche Betreuung Die 4-seitige Broschüre bietet Einblicke in den Alltag von ehrenamtlichen rechtlichen Betreuerinnen und Betreuern. Sie bietet Informationen für interessierte Bürgerinnen und Bürger. Und die Broschüre dient Betreuungsbehörden und -vereinen als Info-Material. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/ schlaglicht.html

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